Gedanken Winter Wochenende

Am 26.1.2019 starb der legendäre Tastenspieler Ingo Bischof. Langjähriger Mitspieler bei Karthago und Kraan. Ingo Bischof hörte und sah ich erstmals mit Karthago live bei der Eröffnung des Roxy in Berlin. Das war im Januar 1976. Aus diesem Grund laut im Ärmelhaus: Karthago – Live at the Roxy. (endlich die komplette Aufnahme, 2011 )…

Langsam aber sicher sammeln sich die Entwürfe im Archiv. Anfänge oder Mittelteile oder Enden von noch zu vollendenden Beiträgen für meinen Blog. Für manche Erinnerungen ist es noch zu früh.
Das grosse Thema über jene, mich seit Jahren beschäftigende, Generation, der einmal der fatale Scheinfreispruch von der „Gnade der späten Geburt“ attestiert worden ist muss warten, so sehr er sich auch vordrängeln mag. Zu viele dieser Menschen mit ihren verkorksten Biografien und den daraus folgenden merkwürdigen Abirrungen leben noch in meinem Umfeld. Zudem sind nach dem Mauerfall noch einige Biografien aus dem Osten des Landes hinzugekommen.

Eine weitere auffälige Gruppe, über die in einem Beitrag zu berichten ist, sind Menschen meines Alters, die sich vor dem Mauerfall auf ehrerbietige Weise mit Institutionen der untergegangenen Deutschen Republik im Osten eingelassen haben. Dadurch haben sie sich ein Anrecht erworben auf bestimmte staatsnahe Berufe. Manche von denen, die sich zu dienstfertig erwiesen haben, müssen sich seit dreissig Jahren eingestehen, dass jene Institutionen sie sitzengelassen haben wie man schal gewordene Partner sitzen lässt. Die Lenker jener Institutionen hingegen weiden ihre Schäfchen auf den fruchtbaren Wiesen inmitten blühender Landschaften. Auch dafür gibt es Gründe, halbfertige Beiträge weiter zu fund(ament)ieren.

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher aus dem Bereich der Belletristik gelesen. Ich kann Texte jenseits der Fachliteratur  wieder leidlich geniessen. Nach Jahren der Stagnation. Die intensivere literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Erzähltheorien hat mich dem reinen Lesegenuss entfremdet. Potz Lotman und Kristeva. Und Genette als Fundament. Fokalisierungen, Diegesen, Metalepsen und auktoriale Erzähler – geh mir weg damit. Das hat mir die beim Lesen aufsteigenden Bilder vernebelt. Trotz aller Kritik aus der poststrukturalistischen Ecke haben diese Theorien jedoch einen gewissen Reiz. Man muss halt ein gerüttelt Mass an kritischer Distanz wahren.
Andererseits entlarvt das erworbene Wissen natürlich die Texte. Auch meine eigenen, versteht sich. In vielen Blogs lese ich aufgrund dieser Einsichten immer weniger. Und wenn dann beim Leser noch einige psychologische Grundweisheiten vorhanden sind, entblättern sich die Erzähler in ihren Beiträgen vor dem Leser. Und am Ende kann es sogar peinlich sein, die eigenen Texte unter bestimmten Aspekten zu beleuchten.
Auch dies ist für mich also ein Grund vorsichtiger oder eben in längeren Abständen zu posten. Und nebenbei diejenigen zu beneiden, die ihre Beiträge von woanders her kopieren. Keine eigene kreative Leistung zwar, aber auch diese Menschen vermitteln helle Selbstbilder – wenn man genauer hinschaut.

Gelesen habe ich in den letzten Tagen mit Genuss:
Eine Menge Reportagen von Gabriele Goettle (Davon sind fünf Bände in der Anderen Bibliothek erschienen).
Ben Witter – Müssiggang ist allen Glückes Anfang.
Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone.
Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind. Da freue ich mich von gleichen Autor auf das Nachfolgewerk „Alle sieben Wellen“, mit dem ich jetzt gleich beginnen werde.

An meinen begonnenen Texten werde ich dennoch weiterschreiben. Manchmal träume ich davon, ein Buch daraus zu machen. Machen zu lassen. Aber wie Mr. Wakeup beim träumenden Little Nemo ruft mir sofort eine Stimme zu: wieso?…und noch deutlicher in Versalien: WIESO.
Wieso sollte die Welt ausgerechnet solche Geschichten wie die Deinen brauchen? Mach´ besser was nützliches.
Was nützliches?
Koche ein unspektakuläres Gericht und lade liebe Menschen zu einem Mahl ein.
Lege Dir einen Nutzgarten an.
Geh´ hinaus an die Randgebiete und sammle Holz. Mit ein wenig Tapferkeit widerstehst Du Waldbesitzern und Feldschützen.
Restauriere einen alten gusseisernen Kanonenofen. Dazu brauchst Du nämlich viel Geduld.
Und bei allem: Sei eigensinnig und bleibe dennoch menschlich.
???

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe“ (Hermann Hesse).

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Winterwochenende.

(Das Bild des Ofens wird wahrscheinlich schon bald folgen)

 

 

 

 

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22 Gedanken zu „Gedanken Winter Wochenende

    • Lieber Herr von Rosen, wer alles Geschichten mag, das erahne ich schon seit ich mich mit der literarischen Gattung der Volksmärchen sehr intensiv beschäftigt habe.
      Ach ja, den Drang habe ich schon, aber wie bereits angerissen, es leben noch zu viele Menschen, von denen zwangsläufig zu berichten wäre…
      Schöne Grüsse aus dem abendlich stillen südlichen Bembelland

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  1. Was zuerst im Gedächtnis verbleibt, nach dem ersten Lesen: „leidlich geniessen“ und „entblättern sich die Erzähler“.
    Subjektiv, klar.
    Bedächtige Grüße aus windigen Ohneschneegärten

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  2. Sehr geehrter Herr Ärmel,
    ich sehe angesichts der Beweisfotos das sie über eine gehörige Portion Tapferkeit verfügen…den Wald haben sie überlebt, jetzt ist der Ofen dran…der von ihnen (und mir) geschätzte Dieter Moor hat ja vorbildlich gleich einen ganzen Bauernhof im Brandenburg Land in die ökologische Neuzeit überführt…und muss jetzt ebenfalls sehr tapfer sein …den lieben Nachbarn gefällt das alles nicht so besonders…hilft nur Punkt 3 des ollen Hesse..die Sache mit der Geduld/Ruhe…nur zuviel davon könnte träge machen, das Feuer ausgehen…dagegen hilft dann nur : das Buch schreiben und sich dann nach Erscheinen wundern wieviele es lesen wollen …ich wunder mich auch immer wer alles meine Fotos gut findet 🙂 Sonnige Grüsse zum Wochenende von der stürmischen Waterkant sendet Jürgen

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    • Der Ofen ist fast einsatzbereit. Der stand mehrere Jahre eingelagert. Ordentlich oxidiert war er bereits zuvor. Aber wir haben ihn wieder hingekriegt. Und seine Schrammen trägt er in Ehren. Leider dürfen solche Jugenstilöfen nicht mehr betrieben werden. (Wir leben schliesslich im Land der mittelalterlich starken Interessenverbände).
      Wir werde also wieder tapfer sein müssen beim Heizen mit der veilchenpastillenvioletten Schönheit.

      Von Dieter Moor habe ich keine aktuellen Kenntnisse. Das Buch las sich sehr angenehm. Mir kam das gleich etwas zu „gemächlich und vertraulich“, was er da vomOrtsleben beschrieben hat.

      Ach ja, die eigene Einschätzung eigener Werke und die Beurteilung durch Betrachter. Mir sagte mal eine Dame beim Anblick meiner Blauhimmelweissewolkenaufnahme als Wasserspiegelung:“ Schön gemalt.“
      Ich entgegnete: das ist nicht gemalt, das habe ich so fotografiert.“
      Sie daraufhin:“ Ich kenne mich aus. Das ist gemalt. Vielleicht haben Sie das ja hinterher abfotografiert.“
      Naja…

      Ich sende Ihnen sternenklare Grüsse aus dem südlichen Bembelland, Herr Ärmel

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  3. Sie lesen „Gut gegen Nordwind“???? Das muß ich jetzt erstmal verdauen -:))) So leichte Kost hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Ich habe die beiden Bände damals verschlungen: 2006 + 2009 war das mailige Treiben noch nicht so selbstverständlich. Er war mit diesen beiden Bänden ein gemachter Mann.
    Zum hellen Selbstbild sage ich mal nichts….man(n) kann sich auch täuschen -:))
    Ihnen ein lesevergnügliches Wochenende wünschend, Karin vom windigen Dach in Hanau

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    • Das Wochenende war lesevergnügt. Zugfahrpläne. 😉

      Was nun „so leichte Kost“ betrifft, da treffen Sie einen Nerv bei mir. Dabei verbergen sich gerade in der sogenannten leichten Kost feine Nüsschen zum knacken.
      Die beiden genannten Werke beispielsweise kann man der literarischen Gattung des Briefromans zuordnen. Aber welch ein stimmungsmässiger Unterschied; hervorgerufen durch die gleichzeitige Narration im Wechsel der Emails.
      Beim „jungen Werther“ war das dem Herrn Goethe schon rein technisch noch garnicht möglich…
      Ich bin da eher vorsichtig mit der etwas anrüchig wirkenden Bezeichnung der literarisch leichten Kost.

      Ich wünsche Ihnen ein windstilles Dach zur Nacht,
      Herr Ärmel

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      • Leicht sollte nicht despektierlich klingen.keine Abwertung dieser Bücher sein; ich meine damit eher leicht zu lesen. Für mich ist eine Email inzwischen, nein war sie schon immer, mit einem normalen Brief gleichzusetzen und der Knecht von früher, der zu Goethes Zeiten von Haus zu Haus unterwegs war, ist heute der PC-Knecht, schnell und effektiv. Für manche besteht dann aber auch Suchtgefahr -:))

        Beim Studium der Fahrpläne wünsche ich gutes Finden der bequemsten Verbindungen und bei Fahrtantritt eine pünktliche Bahn.

        Gute Nacht Gruß vom Dach, Karin

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        • Nein, nein, Ihr Kommentar kam keineswegs despektierlich bei mir. Im Gegenteil. Ich fand anregend, das Thema Briefroman wieder einmal aufzufrischen.

          Die von Ihnen beschriebene Gleichsetzung von Brief und Email teile ich lediglich teilweise: ein handgeschriebener Brief auf einem Trägermedium transportiert meiner Meinung nach eine (mir persönlich mehr zusagende) Ästhetik, die ich mit der des elektronischen Mediums nicht vergleichen mag.

          Auch Ihnen eine gute Nacht mainaufwärts, Herr Ärmel

          Das Schöne am Studium der Fahrpläne der Deutschen Bahn ist doch, dass die Umsteigereien immer funktionieren. Auf den fahrplänen gibt es keine Verspätungen oder Züge, die noch vor einem im Gleis stehen 😉

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          • ..so man(n)/frau über eine leserliche Handschrift verfügen…..meine ist leider hinüber und ein handgeschriebener Brief wäre eine Zumutung für den Leser. Da der PC aber gedruckte Handschriften anbietet, kann ich diese Depeschen an einen mir lieben Menschen auch individuell gestalten.
            Zum Briefroman: für mich immer noch unübertroffen Die gefährlichen Liebschaften von Choderlos de Laclos und als lustigste Variante von Herbert Rosendorfer: Briefe in die chinesische Vergangenheit.
            Wäre auch einen Post wert, was es da so alles auf dem Markt gibt….ist aber schneller auch über wiki zu erfahren -:))

            Petrus hat uns lieb -:)) er schenkt uns einen sonnigen Valentinstag . Mit lieben Grüßen an Sie, Karin vom Dach.

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  4. Gratuliere zum „Hintersichlassen der (kaputt)Seziererei von Belletristik“. da steht einem ja dann ein Meer von Möglichkeiten offen. Wer den Dieter Moor mag, der kann ja auch mal einen Blick in Horst Lichters „Keine Zeit für Arschlöcher“ werfen. Keine Weltliteratur zwar, aber gut erzählte Härten im Plauderton. Warum sollten uns die Memoiren eines TV-Kochs interessieren? Nun – mich interessierte zuerst sein Erzählstil, der mir aus unterhaltsamen Talkshows geläufig war – und siehe: Es handelte sich bei weitem nicht nur um ein Witzbuch.

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    • Ich habe den Hinweis und die damit verbundene Frage ernstgenommen.
      Der mit dem gezwirbelten Schenkelbesen also.
      Ich habe mir auf die Schnelle beim Nachbarn das genannte Werk als Hörbuch entliehen. Sechsundsiebzig Tracks sindne Menge Holz. (Ob es sich dabei um das komplette gedruckte Werk handelt, weiss ich nicht).

      Mein persönliches Fazit:
      + ich finde gut, dass er von sich in der ersten Person Singular spricht, das verschwindet nämlich langsam auch.
      + Dass er stellenweise aufzeigt, wies bei Künstlers zugeht finde ich gut. Da kanns dann jeder wissen, der noch an solche Schauen glaubt. Egal ob Maler, Musikant oder Koch – wer erstmal im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert ist, dem brechen die Dämme des Egomanen weg. Und so auch bei ihm.
      + In diesem Zusammenhang finde ich gut, dass er den Lug und Trug solcher Fernsehveranstaltungen mal aufzeigt. (wenn auch seine persönlichen Motive offensichtlich durchschimmern).
      + Gut finde ich die herzoffene Aussage, dass er Menschen nach deren harter Tagesarbeit „unterhalten und ablenken möchte“ (Vielleicht schaue ich mir dergleichen nicht an. Ich bestimme selbst, wie ich mich ablenke).
      + Ich bewundere an Lichter, wie man mit derlei Gerede so viel Geld verdienen kann. Dass es mit dem Stehen an seinem „Kohleofen“ ungleich härter, wie er mehrfach betont, glaube ich ihm aufs Wort.
      + Dass der Mann einen harten Weg gegangen ist, bis er solche Produktionen bezahlt bekommt oder in Fakeantiquitätenschauen auftritt, erkenne ich als Leistung an.
      (Ich frage mich allerdings, warum der Mann nicht kocht – was treibt ihn wirklich an?)
      + Am sympathischsten ist er mir mit seiner Vorliebe für handfestes Essen.

      Es kostete mich ehrlich Mühe, aber ich wollte es ausprobieren. Ich gebe gerne zu, dass ich von den sechsundsiebzig Tracks nach 35 Tracks die Notbremse gezogen habe.

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      • Nun ja, die unterschiedlichen geschmäcklerischen Weiden eben. Watt willste machen. Ich kenne die Hörfassung nicht. Habs altmodisch papiern gelesen und fands gut. Die Faketrödelshow übrigens auch. Die Kochshowas hab ich nie geguckt; auußer 2 oder 3 vom Biolek damals. Lange her.

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        • Genau Biolek. Damals habe ich solche Produktionen ebenfalls manchmal gesehen. Die für mich spassigste: da spielten die Toten Hosen auf mit Kurt Raab als Sänger des Kriminaltangos. Damals traten die Band noch live auf.

          Und natürlich; ist alles Geschmacksache…

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