Rekurs auf den Laden. (Von wegen Reduktion)

Schallplatten, die ich in der Mittagshitze nach der Schule gekauft habe, und deren Klänge mir bei ähnlichen Temperaturen noch heutzutage ähnlich angenehme Gefühle wachrufen wie damals: Pink Floyd – Umma Gumma (1. LP, 1969). Und wenn jetzt gleich die Fenster für einen Hauch Frischluft geöffnet werden: Roxy Music – For your Pleasure (1973). Und danach noch Cockney Rebel – The Psychomodo (1974)…

Ich habe heute den letzten Band von Erwin Strittmatters Trilogie „Der Laden“ beendet. Wer sich für das dörfliche Leben zwischen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, ist mit den vielfältigen und detailreichen Schilderungen gut bedient.
Die Trilogie wurde auch verfilmt. Die ersten beiden Teile sind nahe an den beiden Büchern. Sie lassen erahnen, dass die Lektüre dennoch lohnt. Die Verfilmung des dritten Bandes ging meiner Meinung nach in die Hose. Da wurden Inhalte derart umgearbeitet, dass manche Szenen wie aus dem Zusammenhang gerissen scheinen.

Mir hat die Fabel der poetisierten Selbstlebensbeschreibung von Erwin Strittmatter (1912 – 1994) insgesamt sehr gut gefallen. Ich werde weitere Werke von Strittmatter lesen. Seinerzeit war er einer der auflagenstärksten Autoren in der DDR. Ebenso hoch dekoriert wie umstritten. Allein das stärkt den Wunsch nach mehr Material.
Beim Lesen wurden die eigenen Schleusen der Erinnerung zunehmend geöffnet. Kindheits- und Jugenderlebnisse leuchteten plastisch vor dem inneren Auge auf. Freuden, Ängste. Erste Verliebtheiten und die Auffahrt zur Landstrasse der Erwachsenen.

Es mag durch die bereits hochsommerlichen Temoeraturen hervorgerufen worden sein. Die frühen Urlaubsfahrten nach Italien. Genauer nach Fano, seinerzeit das bevorzugte Seebad des Imperators Augustus (63 v.Chr. – 14 n.Chr.).
Schon die Autofahrten dorthin. Heute schafft man mit einigen grünen Ampeln die 1000 Kilometer lange Strecke in einem halben Tag. Damals. Morgens um drei Uhr aufstehen. Cholerik und Aufregungen. Endlich war die Karawane aus mehreren Familien am Treffpunkt versammelt. Routenbesprechungen und Zigarettenqualm.
Der Innendruck in unserem Wagen nahm während der Fahrt regelmässig zu. Meine erste Magenentleerung füllte mein Strohhütchen vom letzten Jahr. Anhalten unmöglich, das hätte auf den Reisegeschwindigkeitsdurchschnitt gedrückt und die Karawane bedenklich auseinandergebracht. Jährlich verschiedene Routen wählten die jungen Familien der Abwechslung zuliebe. Die Fahrer wahrscheinlich auch, um an den Hochalpenpassstrassenüberquerungen ihre Fahrkünste unter Beweis zu stellen. Einige Strassen waren vor Mitte der 1960er noch nicht asphaltiert. Staubwolken. Kraftwagen mit Bremsausfällen oder kochenden Kühlern waren häufig am Strassenrand zu sehen. Grenzkontrollen. Benzingutscheine. Obstverkäufer am heissen Asphaltrand.

Auf den Fahrten lernte ich Orte und Namen kennen, an die ich mich noch heute gut erinnern kann. In Salurn (Salorno) gibts den Schwarzen Adler (Aquila nera) noch immer. In der Bar habe ich in den 1980er Jahren mit meiner Ducati eine längere Rast eingelegt. Como Milano Bologna Pescara Rimini Ancona. Nummerschilder merken. Automarken. Fiat Alfa Romeo Lancia. Einen Maserati oder Ferrari habe ich nie gesehen. Vom Kauf eines Maserati Ghibli GT habe ich später aus Vernunftgründen Abstand genommen. Das ehemalige Ställchen mit meinen Ducatis beschert mir noch heute schöne Erinnerungen. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?.

Und dann Fano. Der Albergo Giardinetto. Der erste Besitzer, mit dem wir in Kontakt kamen, fuhr einen Fiat Topolino. Er bediente die Gäste bei den Mahlzeiten. Pasta Asciutta. Lasagne. Minestrone. Gelati Motta.
Pizza lernte ich erst einige Jahre später in Deutschland kennen. Meine Patentante war italienverzückt. Abends waren Gäste eingeladen. Zur Musik von Rocco Granada (buona notte) oder Robertino (Tintarella di Luna) gabs selbstgebackene Pizza. Die italienischen Gastarbeiter schufteten da noch auf dem Bau oder bei Opel. Die erste Pizzeria hier am Ort öffnete ungefähr 1966.
Agip Supercortemaggiore – alleine dieses Wort fehlerfrei auszusprechen verlieh die Kraft des fuerspeienden sechsbeinigen Hundes auf dem Logo. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?

Das Strandleben. Dauernde Einölereien gegen Sonnenverbrennungen waren lästig. Das Spiel mit anderen, vorwiegend einheimischen Kindern. Man machte einfach mit. Es gab diese Plastikugeln. Im Durchmesser etwas kleiner als Tischtennisbälle. Die untere Hälfte war farbig. Rot, grün, gelb oder blau. Die obere Hälfte war transparent. In der Mitte war ein Bildchen mit dem Portrait eines Radrennfahrers eingelegt. Ich wusste nichts davon. Anquetil? Als ich im Jahr darauf im Wuschellädchen eine Kugel mit dem Portrait von Rudi Altig erwischte, da dämmerte es mir. Jacques Anquetil.

Eine kleine Horde von fünf bis zehn Buben traf sich morgens am Strand. Dann wurde eine Rennbahn im Sand gebaut. Mit Ausdauer, Geschick und viel Gerede. Die zwei, drei Touristenbuben wurden als Mitspieler stillschweigend akzeptiert. Weniger als Bahnbauer. Aber beim Spielen gabs keine Querelen. Die Sandbahn mit Brücken und kleinen Tunneln ähnelte einer Bobbahn mit erhöhten Rändern. Wer an der Reihe war, legte schnippte seine Kugel vom erhöhten Rand in den Rundkurs. Eine immer wiederkehrende Freude in Jahren meiner Kindheit. Gewonnen habe ich niemals ein Rennen. Was löst sie aus, die Liebe zu einem Land?

Der Hotelier organisierte für die Gäste seines kleinen Albergo jedes Jahr einen Ausflug ins Landesinnere. Da ging es mit einem Bus im Tal des Metauro hoch in Richtung Urbino. Auf einem halbverlassenen Bauernhof (fattoria oder masseria?) wurde angehalten. Zwei lange Tischreihen im Freien. An Spiessen überm offen Feuer schmurgelten Hühner und Fleischstücke. Karaffen mit Rotwein. Wasserkrüge. Essen, Trinken, Lachen und mit einbrechender Dunkelheit spielten ein paar Musikanten zum Tanz auf. Aranciata für die Kinder. Die kleinen Kugelflaschen gibt es seit Ewigkeiten nicht mehr. Eltern konnten von ihrem Kind enorme Leistungen für ein Fläschchen fordern. Welche Bilder befördern die Liebe zu einem Land?

Die sehr vornehme römische Familie trafen wir auch mehrere Urlaube lang jedes Jahr. Die Tochter war sicherlich einige Jahre älter als ich. Das wurde mir aber erst anfang der 1970er Jahre bewusst, als ich eher durch Zufall noch einmal meine Ferien im Albergo Giardinetto verbrachte. Die Tochter war jedenfalls wunderschön. Noch heute denke ich unwillkürlich an diese feine Jugendliche wenn ich die „Iphigenie“ von Anselm Feuerbach sehe. Was befeuert die Zuneigung zu einem Land?

Eines morgens muss das Sandbahnspiel am Strand besonders spannend gewesen sein. Die Rufe meiner Mutter hatte ich nicht gehört. Wohl aber die beiden schallenden Ohrfeigen.
Die hatte ich wohl gespürt. Aber einige ältere Frauen hatten gesehen, was da einem kleinen Jungen geschieht. In schwarzen Kleidern mit nackten Füssen sprangen sie aus ihren Liegenstühlen und keiften meine Mutter an. Lautstark. So laustark, dass sich Publikum ansammelte. Mein Vater und seine Freunde nahmen vielleicht einen Campari am Morgen. Von denen war keiner da. Die älteren Frauen waren klasse.
In den folgenden Jahren hatte ich in der italienischen Öffentlichkeit keine weiteren Schwierigkeiten mit meinen Eltern. Selbst dann nicht, als ich zwei Jahre später beim Muschelsammeln versehentlich auch eine noch halblebende für die Rückfahrt mit einpackte. Es stank schon einige Zeit. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis man in Koffern und Taschen räumte und die Quelle des Übelgeruchs fand. Das Strohhütchen von der Herfahrt war nicht mehr zu retten. Im nächsten sollte es ein neues geben. Oder ein paar Schuhe. Echt italienische Herstellung.

Es gibt eine Liebe, die macht weder hungrig noch durstig. Mit der geht man auch ohne Schuhe durchs Leben.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Tage.

 

(So wenig wie in diesem Jahr habe ich schon lange nicht mehr fotografiert.)

 

 

 

 

27 Gedanken zu „Rekurs auf den Laden. (Von wegen Reduktion)

  1. Ach ja, die Sommerreisen, riesige Mengen an Gepäck, Abfahrt mitten in der Nacht, trotzdem Staus, Grenzkontrollen, Kotzpausen, Hitze, Kurven, überfüllte Strände …… Zwar habe ich nie eine besondere Liebe zu Italien entwickelt, aber ich erinnere mich an die große Begeisterung als ich zum ersten Mal das Meer sah und mich sofort verliebte, obwohl es doch nur die Adria war. „Echnatol“ hieß das Wundermittel mit dem ich mit meinem gesamten Mageninhalt fröhlich durch die Gegend fahren konnte. Dieses „Pharaonenpulver“ genannte Reisemittel hat meine Lebensqualität auf Reisen beträchtlich gesteigert. Nehme ich heute noch bei Gelegenheit ….. herzliche Grüße ins Bembelland

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    • Echnatol hätten Sie mir mal vor Jahrzehnten empfehlen können. 😉
      Ich vermute aber, dass meine Eltern in derlei „Firlefanz“ keinen Pfennig investiert hätten. „Nun stell´ dich mal nicht so an…“

      Schöne Grüsse nach Südosten

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  2. Als ich 11 Jahre alt war, hat mein Vater ein italienisches Auto gekauft, einen Alfa Romeo Giulia. Mit dem sind wir diverse Male nach Griechenland in die Ferien gefahren, durch Jugoslawien über den Autoput. Ein Wahnsinn, wenn ich es im Nachhinein bedenke. Jedenfalls hatte das Auto schwarze Kunstledersitze – nachdem es in der Mittelmeersonne geparkt war, waren die so heiß, daß man mit kurzen Hosen nicht darauf sitzen konnte!

    Viele Grüße, Thomas Rink

    PS: Reduktionismus hin oder her, aber so ein Papierschrank wie auf dem Foto, der ist schon praktisch, da überlege ich schon einige Zeit. Gebraucht sind sie zwar erschwinglich, aber wo stell ich den wieder hin?

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    • Bei der schönen Julia fällt mir sofort die Rostgeschwindigkeit ein. Ganz gleich, ob zweitüriges Coupé oder die viertürige Limousine.
      Irgenwo las ich mal, wieviele Julias der Herr Matula in der Serie Die Zwei verbraucht hat im Lauf der Jahre…
      Jedenfalls der Autoput, die alte E3, war ein Abenteuer für sich.
      Ich bin lediglich einmal von Frankfurt nach Athen mit dem Zug gefahren. In den Sommerferien. Dann von Piräus aus auf eine der Cycladeninseln.. Die Bahnfahrt war auch ein Abenteuer. Besonders die Rückfahrt. Auf den Bahnhöfen die Gastarbeiter, die sich für mindestens ein Jahr von ihren Familien verabschiedeten. Viel selbst gebrannter Schnaps wurde da im Zug herumgereicht…

      Schöne Abendgrüsse, Herr Ärmel

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  3. The bogus man is on his way
    as fast as he can run..

    Musikalisch sind wir wohl gerade zufällig auf den gleichen alten Spuren unterwegs, Steve Harleys Ritz musste ebenfalls gerade in den Oldie-Ordner für’s Autoradio.
    Die andere Liebe kann ich leider nicht teilen, außer einem Tagesausflug nach Venedig ist Italien für mich unbekanntes Terrain und bei der momentanen Politik in diesem Land wird es wohl auch dabei bleiben, obwohl die Toskana z.B. mich sehr reizen würde.

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    • Naja, die heutige italienische Politik ist eine andere Sache als die vielen positiven Erfahrungen, die ich persönlich erlebt habe.
      Überdies steht derzeit eher wieder Frankreich im Fokus der reisewünsche und -träume. Vielleicht auch mal in dortige Gegenden, die mir noch unbekannt sind.

      PS: die Toskana wird imho ziemlich überbewertet. Man merkts auch an den Preisen.
      Marche oder Umbrien im Norden würde ich empfehlen. Und Apulien oder Sizilien im Süden…

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  4. Der Laden ist als Trilogie schon Klasse bis auf den doch deutlichen Schönheitsfehler, dass zwischen Band 2 und 3 diese nicht erzählte zeitliche Lücke klafft., Spekulationsspielraum.
    Bei der Verfilmung bin ich anderer Meinung. Ich halte Teil 2 für relativ daneben gegangen. Teil 3 find ich kolossal gut!

    Interessantes Detail am Rande: Es gab ein Drehbuch von einem Duo von Westautoren) für alle 3 Teile, dass der Witwe vorgelegt wurde und ihr weiser Spruch war: Entweder das wird neu geschrieben von jemandem, der unsere Verhältnisse im Osten kennt oder die Verfilmung entfällt. Plentzdorf rettete das Verfilmungsprojekt. Der Autor von „Paul und Paula“; der Buchvorlage zum DEFA-Kultfilm von 1973. Von ihm sind die Drehbücher.

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  5. Papierschränke, wie den gezeigten, unteren, gab es in den Vorbereitungsräumen für den Kunstunterricht. Bei Ihnen lese ich „Drucke“ und „Inspirationen“, das lässt Weitreichendes vermuten. Besonders die Inspirationen interessieren mich. Ist die Schublade noch gefüllt, ist sie noch aktuell, oder nisten dort feine Erinnerungen, die schlafen sollen oder eben nicht?
    Gruß am Vormittag, links vom Fährenhotel

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  6. Da höre ich doch gleich in meinem Ohr:
    „When I Was Young“ ….von Eric Burdon & The Animals.
    Hach….
    ..wobei sich meine kindlichen Urlaubserinnerungen dann doch nur auf das Weserbergland, das Sauerland und Schleswig-Holstein beschränken.
    Aber jedenfalls war es auch weit weg.
    So schien es mir.
    Man war nämlich Irgendwo anders.
    Und das zählte.

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    • Tja, der Eric Burdon. Ist momentan auf seiner Abschiedstournee unterwegs.
      „…the rooms were so much colder then…“ könnte man sich derzeit fast wünschen.

      Und ganz genau, es waren die Ortswechsel in der Kindheit. Andere Weltteile erleben und wahrnehmen.
      Dabei war es ganz unwichtig, ob die in Italien, Wanne-Eickel oder im Garten von Opas Häuschen auf dem Lande lagen.

      Schöne Sommergrüsse aus dem Bembelland

      PS: Ihr Portrait von Johnny Winter gefällt mir gut.

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      • Danke für das schöne Lob, Herr Ärmel. Das Portrait von Johnny Winter R.I.P. ist auf einem seiner letzten Konzerte entstanden. Er ist nach wie vor einer meiner liebsten Lieblingsmusiker und „Ain`t Nothing To Me“ ist mein Lieblingslied von ihm.
        Sonnige Sommergrüße von Rosie

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        • Ich habe den Johnny Winter erstmals gesehen und gehört als er richtig gut beisammen war. Auch später nochmals. Sein letztes Konzert hier in der Gegend habe ich mir erspart. Und die Bilder in der Zeitung hinterher haben meine Entscheidung bestätigt.
          Ich behalte ihn so besser in Erinnerung.

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