Sommergarten Schaubudensommer Sommernächte

Zur Zeit auf Abschiedstournee ist Eric Burdon. Er war und ist einer meiner musikalischen Hausgötter. Als ich aus meiner Kleinstadt nach Berlin gekommen bin zur Ausbildung fotografischer Fertigkeiten erschien gerade dieses Album mit einer genialen Neueinspielung eines meiner ewigen Lieblingslieder: „When I was young“. The Eric Burdon Band – Sun Secrets (1974)….

Im Garten blüht und wächst es. Kräuter, Salate und Gemüse. Schokoladencosmeen, Rosen und Clematis. Mädchenaugen in betörend leuchtendem Gelb. Violette Sonnenhüte, Farbige Vielfalt bei Löwenmäulchen und Kornblumen. Im Steinbecken der Schachtelhalm und dazwischen Rohrkolben. Libellen und Girlitze. Die kleinen Kröten bemerkt man erst, wenn sie aufgeregt davonhüpfen. Erdbienen laben sich am Borretsch, Holzbienen bohren fleissig Gänge für ihre Nester ins Altholz.
An den Tränken netzen sich die Wespen und die Libellen tanzen dazu. Und im täglich früher einsetzenden Nachtdunkel zickzacken Fledermäuse auf der Jagd nach Insekten. Der Amselmann besingt sein Revier vom höchsten First. Ich liebe den Sommer.

Dass derzeit einige heissere Tage den Schweiss treiben, besorgt mich weniger als die weltweit zunehmende Rodung von Wäldern. Die Bäume sind für die Erde, was die Haare auf dem Kopf eines Menschen sind. So sprach eine alte Frau vor Jahren. Denn Bäume beziehungsweise Wälder sind bewährte Windstopper. Wenn sie weniger werden, werden Brisen zu Winden und Winde zu Stürmen. Aus Waldbränden werden dann rasch Feuerstürme.

Es ist mir immer wieder erstaunlich, dass manche Bücher ihre Zeit brauchen. Nach über zwanzig Jahren las ich erneut „Der leidenschaftliche Gärtner“ von Rudolf Borchardt. Im Vorwort schreibt er, „man erwarte […] kein Buch, das, die Pfeife im Mund, die Gießkanne in der Hand und den Strohhut auf dem Kopf, entstanden ist, das nur eine stille, sanfte und freundliche Liebhaberei spiegelt.“
Es handelt sich um keine Anleitung zum säen, pflanzen oder anbauen. Borchardt trägt seine Kenntnisse und Erfahrungen in Form von essayistisch formulierten feinen Gedankengebäuden vor.

Borchardt verliess als Jude sicherheitshalber Deutschland bereits im 1933er Jahr. Er liess sich in Italien nieder und bewohnte alsdann vorwiegend Landhäuser mit entsprechenden Gärten, in denen er praktische Erfahrungen sammelte.
Aufschlussreich und für mich ungemein anregend finde ich seine folgende Überlegung. Die Geschichte der Menschheit beginnt in einem Garten. Gärten haben in verschiedenen Mythologien eine starke metaphorische Bedeutung. Die Menschheit ist jedoch durchweg nicht in der Lage, diese Gärten in angemessener Weise zu bewohnen. Daraufhin erfolgt ihre Vertreibung.
Nun versucht der Mensch, die Ordnung des verlorenen Gartens wieder herzustellen. Was natürlich nicht gelingen kann. Denn die Natur ist nicht ordentlich im menschlichen Sinne. Die Natur ist üppig und verbreitet sich chaotisch. Immer auf der Suche nach bestmöglicher Anpassung zur Erhaltung der eigenen Art. Davon zeugt auch die Vielfalt der Formen und Farben nur einer einzigen Art.
Wenn ich diese Gedanken weiterdenke und praktisch darauf anwende, wie wir heute mit der Natur – oder dem, was wir dafür halten, umgehen, dann schwindelt mir. Noch nie ist mir die Menschheit in diesem Treiben so überflüssig vorgekommen.

In der Hitze der Nacht. Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt. Wir warten lediglich noch auf die Mitternacht und die tägliche Überraschung. Gestern zogen wir einige Strassen weit hinter einer Musikkapelle her. An einer kleinen Kreuzung verharren die Musiker und zeigen auf die schräg gegenüber liegende Hausecke. Auf dem Geländer des Balkons im ersten Obergeschoss sitzen das Schwein Steffi und daneben das Wildschwein Torsten. Figuren des genialen Michael Hatzius. Es dauert keine Minute und das Pflaster dröhnt vom Gelächter der Zuschauer.

Aber heute geht kurz vor Mitternacht ein böses Wetter nieder. Viele Besucher verlassen schlagartig das originell dekorierte kleine Festivalgelände, das rund um die Kulturscheune aufgebaut ist.
Lass uns warten, bis das Unwetter aufhört, dann gehen wir bettwärts.
Geht noch ein Bier?
Ein Bier geht sicher noch!
Die Preise sind gemessen an anderen Festivals dieser Art durchweg günstig. Wir stehen und warten. Auf den Bierbringer. Und auf das Ende des Regengusses. In einer Ecke steht ein Akkordeon auf einem Stuhl. Die Bühne misst keine fünfzehn Quadratmeter. Eine Frau quietscht klarinett. Das Schlagwerk ist niedlich. Beeindruckend wie immer, der Kontrabass.
Wir trinken unser Bier und unterhalten uns. Kleine Gruppen und gute Gespräche brauche ich wie Wasser und Brot. Und wenn es dann noch so herzliebe Menschen sind. Ein kleine Frau ergreift die Violine. Ihre ersten Töne lassen aufhorchen. Das klingt irgendwo zwischen Jean-Luc Ponty und Jerry Goodman. Und schon legt das Quintett los. Die Beine wippen sofort mit.
Wer holt uns noch ein Bier?
Unsere Entdeckung in dieser musikalischen Nacht: Herje Mine.
Wir werden noch einige Biere zu uns nehmen in dieser Nacht.

W.G. Sebald schreibt in einem Essay, er habe in einer Studie Sigmund Freuds gelesen, „dass das innerste Geheimnis der Musik eine Geste sei zur Abwehr der Paranoia; dass wir Musik machen, um uns zur Wehr zu setzen gegen die Überflutung durch die Schrecken der Wirklichkeit.“ Wenn ich denke, wie mein Umgang mit Musik seit jeher ist. Und tanzen? Mähneschütteln vor Jahrzehnten und die unvermeidliche Luftgitarre. Aber geh mir weg mit einer Tanzstunde. Revanchistische bourgeoise Ablenkungen von den politischen Notwendigkeiten unseres Alltags. So sprachen wir Besserwisser und wusstens doch nicht besser.
Fernando, ein Exilkubaner, verdiente sich in Ecuador als Tanzlehrer sein Auskommen. Wir waren dort eine kleine international zusammengewürfelte Gruppe. Er wurde unser Salsalehrer. Europäer und Salsa. Eine merkwürdige Mischung. Ich sehe seine steilen Stirnfalten sofort vor mir. Und ich bin tanzunbegabt. Zumindest, was vorgeschriebene Schrittfolgen betrifft. Anarchie in Sachen Rhythmus.
Bei den Deutschen beispielsweise, meinte Fernando, kannst du an ihrer Art zu tanzen, erkennen, wie sie vögeln. Ich bin bei ihm beileibe kein Salsero geworden. Kapiert habe ich jedoch, dass beim Tanzen die Bewegungen zwischen dem Herz und Becken entstehen. Selbst bei stark normierten Tänzen. Daran dachte ich, als ich all die aufgeklärten Bühnenumsteher bei der vorwärts treibenden Musik von Herje Mine gesehen habe. Aber nur kurz. Denn wir tanzen zu der mitreissenden Musik und schwelgen in praller Lebensfreude. In unserem Nachtasyl können wir auch später noch einlaufen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein fantastisches Wochenende.

(Aufgenommen in der Dresdner Neustadt)

 

Lektüre:
Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner.
W.G. Sebald : Campo Santo.

Musik:
Herje Mine: Balkalagan (2018). Das ist ihre erste Scheibe. Und hoffentlich nicht ihre Letzte.

 

 

22 Gedanken zu „Sommergarten Schaubudensommer Sommernächte

  1. Olle Eric lebt noch? Er war der Star meiner Zivi-Zeit. Wir spielten „Sky Pilot“ oft auf unseren Friedensbewegungs-Veranstaltungen. Wir dachten es geht um einen Jet Piloten, der Zweifel an seiner Mission bekommt. Dabei, das fand ich erst heraus, als es YouTube gab, geht es um einen Pfarrer, der Soldaten segnet. Gottseidank hat das in unsererm evangelischen Friedenskreis keiner gemerkt 😉

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    • Da haben wir was gemeinsam. Ich habe mit meinem damaligen Schulenglisch an den Piloten als Protagonist geglaubt und aus diesem Grund den Text nicht richtig zusammengekriegt 😉

      Tja, unsere Helden. Viele haben sich bereits verabschiedet. John Mayall wird in diesem 86 Jahre alt werden. Der Vorverkauf für seine diesjährige Tour in Deutschland, Frankreich, Spanien, Holland, Irland, England und die USofA läuft bereits…
      Da ziehe ich den Hut

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    • Vielen Dank für das feine Kompliment.

      Meine Bestände reduzieren sich langsamer als angestrebt. Aber so ist das im Leben manchmal. Seit ich jedoch gesehen habe, welche Preise für signierte Bände von Sebald derzeit aufgerufen werden, habe ich sie mal enger zusammengestellt. Er hat anfangs bei Lesungen ja nur sehr widerwillig überhaupt signiert…

      Ein später Gutenabendgruss nach stromaufwärts, Herr Ärmel

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  2. Mein herznaher Herr Ärmel, ich kann den bisherigen Sommerwohlkommentaren eigentlich nur zustimmen, jedoch hätte ich noch sonnengelben Eigensenf dazuzugeben: Mein persönliches Dankefein für diese Gartenbudentanzlokalfensterblicke.

    Ihr Text rührt an und befeuert eigene Blickbefindlichkeit, die zugegeben unter uns Schlauschauguggern tatsächlich befindlich herkommen mag; aber mögen Sie uns bitte noch diverse Örtlichkeiten mit-teilen? In welcher Herberge betteten Sie Ihr Haupt, wo wohnen Steffi und Thorsten, in welchen Lokalitäten speisten Sie am wohlsten und ist wo zum Deibel thront Optic Ninja über den deutschen Dreckspanzern, die einen noch schlimmeren Dreckskonzern überrollen mögen???

    Natürlich würde ich noch gerne über Ihre Herzbeckenbewegung lesen, allerdings drosselt diese Sommernachtshitze selbst derley Wünsche.
    Apropos Wünsche: Ihnen sei ein ruhiges und mildsamtiges Wochenende gewünscht, fernab vom Stadtgetümmel oder Kneipengetöse und das von ganzem Herzen.

    Ihre Frau Knobloch, hattekuchenblickig zugeneigt und überhaupt.

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    • Eine irrlichtilierende Luftspiegelung? Eine Fata Morgana gleichermassen. Oder Ariels Heer der Luftgeister.

      Zwei grosse Gerippte später. Sauergespritzt versteht sich. Mist, die Haddekuchen sind alle.
      Alles klar jetzt!

      Ich schrieb es den hochsommerlichen Temperaturen zu. Meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch, ich habe Ihren goldwerten Kommentar nun im kühlen Bewisstsein.
      Meine hochnoble Kommentatorin, erweisen Sie mir Ihre Huld und sehen Sie mir bitte die an sich unentschuldbare Nachlässigleit nach, Ihre Schönworte nicht umgehend und gebührend beantwortet zu haben.

      So schicke ich mich nun an, die dräuende Last Ihrer Fragen rasch von Ihnen zu nehmen.
      Auch wenn es Ihnen befremdlich scheinen mag, doch glauben Sie mir bitte, wir fanden Unterschlupf und geborgene Nachtruhe bei den Mezcaleros in der Nähe der Neustädter Eisenbahnstation.
      Ihren Wissendurst wohl stillen wollend, empfehle ich Ihnen folgender Frage zu entsagen. Es handelt sich um einen Laden, mit derem Schaffen Sie sicherlich zu tun haben wöllen.
      Vom Durst zum HUnger nun. In der Dresdner Neustadt reihen sich die Essgelegenheiten wie Perlen an den Bordsteinen der Neustadt. Ich weiss garnicht mehr alle Örtlichkeiten zu benennen, an denen wir eingekehrt sind. Erinnerlich sind mir Vietcong äähh Vietnamesen und Libanesen. Arsch hoch hiess wohl eine Lokalität, deren ich mich entsinne, der soliden sächsischen Tafelfreuden wegen.

      Eine abschliessende Anmerkung noch betreffs der von Ihnen trefflich sogenannten Herzbeckenbewegung. Herzbeckenbewegungen lassen hervorragend von zwei Menschen ausführen. Und sollte es sich denn in diesem Leben noch fügen wollen, dass Sie, meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch und ich und hier ist ja auch bald Kerb und überhaupt ~~~~ aachh welch´ schweisstreibende Temperaturen wieder…..

      Ich sende Ihnen oberallerherzlichste Wochenendgrüsse und beglückwünsche Sie zu Ihrem Haddekuchen, Ihr Herr Ärmel (auch trotz Temperaturen jenseits der dreissig Grad netto abersowasvon zugeneigt)

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  3. Ich hielt mich immer an die Aussage einer alten Freundin, die durch Polio in der Kindheit körperlich beeinträchtigt war: es ist scheißegal wie man tanzt, wichtig ist nur dass es Spaß macht.

    Jean-Luc Ponty und Jerry Goodman machen neugierig,da gucke ich doch gleich mal rein, danke.

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    • Es geht um die Bewegung beim Tanzen. Fusswipper oder Fingerschnipper bei feuriger Musik passt nicht.
      In meiner Berliner Zeit kam ein Junge im Rollstuhl auf die Tanzfläche. Der hatte es drauf Wheelies mit Pirouetten zu kombinieren. Atemberaubend. Insofern verstehe ich die Aussage deiner alten Freundin gut.

      Ich weiss garnicht, ob Herje Mine auf ihre HP Nummern haben, bei denen sie improvisieren… Macht auf jeden Fall Spass und dürfte dir gefallen.

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  4. Wie hast’n das fotografiert so auf Augenhöhe? Hattest du’n Kran oder das gegenüberliegende Haus okkupiert?

    Bei Menschen und Gartensymbolik fallen mir die späten Eagles ein – long road out of Eden. Nachlesenswerte texte auf CD Nr.2; fast alles von Don Henley, dem Denker.

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    • Verschiedene Schmuckelemente des Gebäudes weisen auf den von mir in meinem Text beschriebenen Standort hin. Quer gegenüber auf dem Strassenpflaster. Nicht ganz exakt in einer Linie.
      Es ist eher eine Frage des Objektivs. Und tilt-shift verhilft zu senkrechten Linien.

      Die Eagles waren nie auf meinem musikalischen Schirm. Insofern kann ich zur Denkfähigkeit von Don Henley nichts sagen.

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  5. Heute Mittag schau ich mir deinen Tip „Herje Mine“ auf YouTube an, und gerade eben erfahre ich, dass sie ihr Konzert soeben beendet haben. Hier in Leipzig Plagwitz, einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt. Mysteriös, wie wir bei solchen Ereignissen hier zu sagen pflegen. Ciao, aus Leipzig, Menachem

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    • Da hamSe was verpasst. Aber es ist ja eine Band aus Leipzig. Einige Musikerinnen sind zwar vielbeschäftigte KonzerTanten 😉 – dennoch spielen sie da wohl öfter… Also Augen auf. Und bis dahin: Onkel Juhtjuhp.

      Herzliche Grüsse & solong, Herr Ärmel

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  6. Der vierte Abschnitt Ihres gelungenen Artikels hört sich wahr und brutal und finster an. Wir sollten hoffen!
    Eric Burdon, er hat auch mal glanzvoll echte Bluesmusik mit Brian Auger zusammen gemacht und ich weiß nicht, mit noch wem. Jedenfalls habe ich seinen „spirit“ noch dolle im Ohr…Auf mich wirkte er immer ein wenig underdogmäßig, was meine Musikschwärmerei nicht minderte. Solche Kerle in ihren schwitzigen Unterhemden, die haben`s einfach drauf gehabt.
    In den finsteren Clubs von MA und HD, stöhn, da fallen mir jetzt Sachen ein.
    Sonntagsgruß von Sonja

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    • Access all areas so hiess das Album, das Burdon und Brian Auger gemeinsam einspielten. Auch wieder mindestens zwanzig Jahre her…
      Oh ja, die Kellerclubs, verraucht und unklimatisiert verschwitzt. Solche Lokale gibt es heute sicherlich kaum noch.
      Zu Monnem fällt dazu prompt Charly Graf ein. Zu Highdelberg allenfalls Mani Neumeier..

      Nachmittagsgruss von der Mittagspausenfähre

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      • In besagten Jahren kümmerte ich mich nicht um Boxmänner oder Schlagzeuger, da „häutete“ ich mich gerade, las die „Courage“ und nuckelte an merkwürdigen Rauchstängelchen…
        Nachmittagsgruß abseitig der Hafenriesenräder

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