Septemberfülle und irgendwas ist ja immer

Im Oxfam Buchladen fiel mir ein Karton mit drei Schallplatten in die Hände. Zuhause den alten Plattenspieler aus dem Keller geholt und reaktiviert. Erstaunlich, wie das Leben so spielt. Meine Schallplattenversammlung hatte ich vor Jahrzehnten verkauft. Und jetzt dieses bekannte Gefühl: schwarze Scheiben aus ihren Hüllen ziehen. George Harrison und Kollegen: The Concert for Bangla Desh (1971)…

Im September 1986 wurde mir eines Morgens bewusst, dass ich diesen Monat sehr lieb habe. Seitdem habe ich mich des öfteren gefragt, woher diese Liebe kommen mag. Entscheidende Lebensveränderungen fielen in diesen Monat. Neue Wege öffneten sich. Manche frei gewählt, andere notgedrungen. Menschen kennengelernt, die zu Freunden wurden. Andere Freunde starben lange vor der Blüte ihres Lebens.
Ich glaube, es ist die Atmosphäre. Es beginnt schon beim Wetter. Morgenfrische und blauer Himmel lassen einen guten Tag erwarten. Eine Stunde später ist der Himmel grau und mahnt vor Übermut. Er verweist auf den vor der Tür stehenden Herbst. Ein Weilchen später hat die Sonne den Hochnebel aufgelöst. So durchwehen frohe Gedanken die Seele.
Eine schlüssige Antwort jedoch scheint nicht in Sicht.

Hin und wieder durften wir vor dem Abendessen fernsehen. Donnerstags lief von 17 bis 18 Uhr die Sendung Sport-Spiel-Spannung. Einmal monatlich. Und ohne Wiederholung. Im Werbefernsehen bewunderte ich Armin Dahl. Und Karoline, die karierte dänische Kuh gefiel mir viel besser als Frau Antje, die holländische Käsefee.
Werbebilder im Fernsehen erhalten sich lebenslang. Und wer meint, frei von der Macht der Bilder zu sein, der sollte sich bald kennenlernen.

Auf arte.tv läuft derzeit die Serie Slow Life. Zehn Filmchen zeigen, jeweils fünf bis sechs Minuten lang, wie man das Publikum weichkocht für die neue Weltordnung. Schöne Sätze werden da von Fachleuten gesprochen. Nachdenken darüber lohnt sich.
„Der Verbraucher ist das Produkt, aber das verstehen die meisten Menschen nicht“, so James Williams, der sich mit Aufmerksamkeitsökonomie und der Manipulationskraft von Apps beschäftigt. Ganz so neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht. Bereits in seinem Werk Walden schrieb Henry David Thoreau: „Siehe da! Die Menschen sind die Werkzeuge ihrer Werkzeuge geworden.“
Die Menschen im Silicon Valley schicken ihre Kinder angeblich überwiegend auf Steiner-Schulen, weil es im Unterricht keine Computer und TVs gibt. Das ändert nichts an den Arbeiten ihrer Eltern. Denn auch die sind längst Gefangene der von ihnen entwickelten Apps.

Aufenthalte in Städte strengen mich zunehmend an. Allein, wie sich viele Menschen im urbanen Getriebe bewegen, wie sie aussehen und handeln und was dabei gesprochen wird. Deshalb zitiere ich derzeit gerne meinen Lieblingssatz.
„Wer schön sein muss, der will auch leiden.“ Der stammt von Till Lindemann. Und ein aktuelles Musikvideo seiner Band gefällt mir gut.

In der Stadt unterhält Oxfam einen eigenen Buchladen. Die Damen waren ob meiner Einlieferung erfreut. Ihre Freude wurde zu meiner Freude. Der öffentliche Bücherschrank hier in der Gemeinde verkommt langsam zu einer Papiertonne. Ich komme mit dem Aufräumen und sortieren nicht mehr nach. Nicht wenige Menschen scheinen Bücher zu hassen.
Auf einer Anzeigenseite biete ich ein Plakat aus den siebziger Jahren an. Interessenten haben sich bereits gemeldet. Eine Anfrage kam von einer Frau, die für eine dieser Scheinschauen für Antiquitäten und angebliche Raritäten arbeitet und fragte, ob ich mir vorstellen könne, dieses Bild in ihrer Nachmittagsschau anzubieten. Die Verblendungsgindustrie macht offenbar vor nichts und Niemandem mehr halt.

Der September. Von einem mir persönlich bekannten und geschätzten Blogger hörte und las ich seit Längerem nichts mehr. Vor einigen Tagen schwirrte eine Nachricht in den elektronischen Postkasten. Der Mann erfreut sich eines grossen Glückes. Was zählen jetzt noch die Zeiten, die möglichen Irrtümer und gelegentlichen Zweifel auf dem Weg zu diesem Gipfel?

Der Hochnebel wehrt sich mit einem sanften Sprühregen. Dennoch löst die Sonne die grauen Wolkenschleier auf. Für heute jedenfalls. Es ist nicht wichtig, ob es auch Morgen so sein wird. Von Bedeutung sind die Menschen, denen wir in unseren Herzen Wohnung geben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen wunderschönen Spätsommertag.

 

(Photografische Impressionen aus Hessen vom vergangenen Wochenende)

 

 

31 Gedanken zu „Septemberfülle und irgendwas ist ja immer

  1. Jaa, Arnim Dahl, also nicht Armin, sondern…! Sport, Spiel, Spannung (meist mit einer „Lassie“ Episode) war eine der ersten Fernsehsendungen, die ich als Kind mit erhöhtem Puls verfolgte. Bis heute habe ich noch die Szenen vor Augen, wie Arnim Dahl durch eine Glasscheibe sprang, oder sich aus einem Hubschrauber auf einen fahrenden Zug abseilte… Das war mit seinem Nachfolger Klaus Havenstein natürlich nicht mehr möglich! Und Stan und Ollie (In der BRD dooferweise „Dick und Doof“ genannt) waren ein weiteres Highlight, dazu noch von Hanns Dieter Hüsch kommentiert. Hach waren das schöne, unbeschwerte Zeiten!

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    • Dann erinnern Sie sich sicherlich auch noch an Werner Schwier („Ich gebe nun das Zeichen, vorausgesetzt, daß der Operateur es sieht“), an Pat & Patachon. An Hyram Holliday (der Mann mit dem Regenschirm) und natürlich, als wir grösser waren, an Stanley Beamish und Maxwell Smart, den Agenten 86….
      Ich könnt´ glatt ins Schwärmen kommen

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      • ich bin schon ins schwärmen gekommen: Im Vorabendprogramm des WDR, „Intermezzo“ genannt, „Gestatten mein Name ist Cox“ mit dem unvergessenen Günter Pfitzmann im weißen Anzug! Oder „Kobra, übernehmen Sie!“ mit dem berühmten Satz „Dieses Band wird sich innerhalb von fünf Sekunden selbst zerstören“.
        Ja, richtig, unvergessen:

        …genug geschwärmt!

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        • Genau – Arnim… diese Schreibweise hat mich bereits als leselernendes Kind irritiert.

          Aber, wie Sie schrieben – genug davon… sonst ~~~ geht das immer so weiter…

          Maxwell Smart im Sunbeam Alpine, Emma Peel im Lotus Elan, Simon Templar im Volvo P1800, Daktari im Land Rover, John Steed im Bentley 4.3ltr., Danny Wilde im Ferrari 265 GT, Graf Yoster im RR, Lord Brett Sinclair im Aston Martin DB7 ~~~~~

          gagagagagaga

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  2. Offensichtlich geht es Ihnen gut und Sie genießen auch die Details des Lebens wie schwarze Scheiben aus ihren Hüllen ziehen und diverse herbstliche Wettervarianten.
    Die Überfülle an verschiedenen Apfelsorten gefällt mir auch sehr. Leider kann man die Sorten nur an den fokussierten Stellen lesen. Aber ich habe mir ohnehin einen Kalender mit alten Apfelsorten bestellt, 365 verschiedene und das soll schon das 3. Jahr sein, dass es diesen Kalender gibt, also über 1000 alte Apfelsorten. Eindrucksvoll !

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  3. Sehr geehrter Herr Ärmel, der Septemberliebe fröne ich nun schon über 50 Jahren und tatsächlich habe ich mich fortwährend gefragt, was diesen Monat besonders machen könnte. Nun bin ich zu dem Schluß gekommen, dass es daran liegt, einen all-in-one (Neudeutsch) Monat zu haben. Der Sommer ist noch da, die Früchte leuchten, die Nächte sind angenehm kühl, die Blätter färben sich, doch nichts ist karg und zuweilen ist sogar der nahende Winter zu spüren. Mehr geht nicht, finde ich. Fernsehen war meinen Eltern zuspekt, obwohl wir immer Farbgeräte hatten. Die Tagesschau war pflicht und Sonntags durften wir am frühen Abend Kinderserien gucken, ansonsten war Lesen unser Abenteuer. Es hat mir nicht geschadet, hilft es doch, ab und an, einen eigenen Gedanken zu haben und diesen ebenfalls zu formulieren. Mit angenehm septemberlichen Grüßen aus Marburg!

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    • Das ist natürlich eine treffliche Idee. Die Bandbreite des Monats September.

      Unser Fernsehgerät kam 1960 anlässlich der Olympischen Spiele in Rom ins Haus. Fernsehen durfte ich lediglich bei meinem Kinderfreund. Dessen Eltern waren liberale als meine. Aber sie gaben gut acht. Sport-Spiel-Spannung.
      Vorabendserien gabs dann zuhause. Aber nicht während des Abendessen. Später dann die Samstagsnachmittagsdiskussionen um den Beat-Club.
      Ganz klar, dass auch ich bei weitem mehr las als guggte.

      Ich sende Ihnen herzliche Grüsse aus dem südlichen Bembelland

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  4. Sie grummeln septembermild lieber Herr Ärmel und Ihre gute Laune steckt an🤗 meine schönen Platten ruhen leider weil es kein Verbindungskabel zu keinem meiner Radiogeräte zu geben scheint.
    Ihnen für das angesagte Supersonnenscheinwochenendwetter viel Vergnügen und Spass mit gefülltem Bembel wünscht Karin

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    • Septembermild grummeln? Ich rätsele und werde darob meinen Meditationslehrer befragen. 🙂
      Dass meine gute Laune ansteckt, das will ich gerne hoffen.

      Ich will nicht naseweis erscheinen, aber Verbindungskabel von Schallplatten zu Radiogeräten gibt es garnicht. An Ihrem Plattenspieler sind normalerweise kabel dran. Die muss man lediglich in der richtigen Weise an Klangverstärkungsgeräte anschliessen. Dann wird alles wohl erklingen.

      Ich sende Ihnen schöne Grüsse und proste mit einem wohlgefüllten Gerippten, Herr Ärmel

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      • Grummel, grummel -:))) natürlich meinte ich vom Plattenspieler, einem älteren Pioneer zum Klangverstärker. Bei meinem fehlt eine wichtige Buchse für die Kabel am Empfangsgerät sagte man mir. Lediglich am Bose hat es geklappt, vielleicht muss ich einfach mal umräumen und den dort installieren, wo sich der Plattenspieler befindet.
        Ihnen einen fröhlichen Gutenmorgengruß, Karin

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        • Da drücke ich Ihnen die Daumen. Vielleicht mögen Sie auch in „Die Röhre“ in Sachsenhausen schauen. Dort kann man Ihnen bestimmt rasch weiterhelfen.

          Ich sende einen ebensolchen Gutenmorgengruss, Herr Ärmel

          Ich werde mir wohl wieder einen Plattenspieler kaufen müssen (wollen ? 🙂 ). Überall findet sich feines Vinyl…

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  5. Sag ich schon immer: Der September – schon das Wort, langsam gesprochen, zergeht auf der Herbstzunge – ist ein besonderer Monat! Leider vergeht er so schnell wie die anderen. Immerhin, wir befinden uns mittendrin.
    Meine Schallplattensammlung besteht aus sehr vielen, wobei mir die schrägsten Stücke bei einem Überfall durch drogenkaputte Leute geklaut wurden, damals tief im Pfälzer Wald.
    Walnüsschengrüße von der zerzausten Wildgans

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  6. Wo ich das Foto mit den Äpfeln sehe – im September bekommt man auf dem Wochenmarkt endlich wieder ein reichhaltiges Angebot an Obst und Gemüse. Gerade heute nachmittag haben wir eine Stiege mit knapp 3 kg Nektarinen für 3€ gekauft, ein Sonderpreis, da sie dem Händler herunter gefallen war. Dazu noch eine Tüte Reineclauden und einheimische Äpfel. Sogar die Goldreinette in unserem Garten, die ich erst im Frühjahr geplanzt habe, trägt einen einzigen – zugegebenermaßen prachtvollen – Apfel!

    Beste Grüße aus dem Ruhrgebiet,
    Thomas Rink

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    • Guten Morgen Herr Rink, Sie treffen ins Schwarze. Es gibt jetzt jede Menge frisches Obst und Gemüse.
      Wir haben unseren Garten umgearbeitet. Aus knapp 20m² ernähr(t)en wir in diesem Jahr vier Personen. Kohlrabi, Zucchini, Erbsen, Bohnen, Gurken, Karotten, Schalotten, Kräuter. Jetzt erwarten wir Lauch und Rettiche.
      Mit einem vernünftigen Plan kann man vieles selbst und erfolgreich anbauen.

      Schöne Grüsse aus dem südlichen Bembelland, Herr Ärmel

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