Völlegefühl und Leere – gesunde Reduktion hilft dagegen

Musik? Ach was, es geht mir um dringlichere Anliegen. Obwohl, Musik spielt auch eine Rolle. Darüber dann später…

Zehnmal habe ich diesen Bericht angefangen. Schriftlich. In Gedanken schätzungsweise hundertmal.

Einzig zuverlässig scheinen mir noch meine Herzensbindungen. Der Rest ist vielfach Asche. Oder er zerfällt nach und nach dahin. Nachrichten machen mich regelrecht krank. Ich will über positive Entwicklungen lesen. Stattdessen titeln Zeitungen und Webseiten zunehmend mit dem Wetterbericht. Das vorhergesagte Wetter entwickelt sich jedoch zuverlässig nach anderen Kriterien.
Bewege ich mich im öffentlichen Raum befällt mich ein misslicher Zustand. Ich schwanke zwischen Entgeisterung und Hoffnungslosigkeit. In der Nachbarstadt stehen die Oberbürgermeisterwahlen an. Einer der Kandidaten wirbt für sich auf den Wahlplakaten, er sei „leidenschaftlich sachlich“. Ach so. Soweit ist es schon, dass Sachlichkeit ein Alleinstellungsmerkmal darstellt.
In den Radionachrichten spielt in jedem dritten Beitrag die Sicherheit eine Rolle. Dabei hat der Staat sein Gewaltmonopol längst weitgehend aufgegeben. „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“. So so. Man bemerkt zur Zeit parteiübergreifend, dass vom rechten Rand eine Gefahr ausgeht. Wieso erst jetzt?
Am Rhein wollte die Wasserschutzpolizei die gültigen Angelerlaubnisse kontrollieren. An einem Angelplatz wurde seitens der der waidgerechten Petrijünger sofort das Feuer auf die Polizisten eröffnet. Mit Schusswaffen versteht sich.
Zunehmender Nationalismus bedeutet immer auch zunehmende Kriegsbereitschaft. Bei manchen vielleicht auch Kriegslust. Die einen suchen das Abenteuer und die heldenhafte Bewährung, die anderen schlicht Macht und den möglichen Profit.

„Die Schonung, die man sich gewährt, gewährt man in Wahrheit den gesellschaftlichen Verhältnissen.“ (Bernward Vesper).

Also wie Candide den eigenen Garten bestellen?
Die eigenen Ernten lagen fast ausnahmlos über den Erwartungen. Verschiedene Gemüse sind eingelagert. Marmeladen, Gelees und Kompotte stehen in schönen Reihen im Kellerregal. Die eingelegten Kirschen werden hoffentlich bis ins neue Jahr halten. Der Staudengarten wurde erweitert. Neue Pflanzen entwickeln sich prächtig. Die Ergebnisse der Aussaaten werden mit Freude erwartet. Erkannte Fehler werden im kommenden Jahr nicht wiederholt. Dahingehend alles in Butter.

Nun beginnt eine ruhigere Zeit. Kleinere Reisen und Besuche stehen an. Gemeinsam Essen und Trinken. Und Gespräche. Meine Beobachtungen im Blogleben leisten dem kräftigen Vorschub. Wenn ich die Blogs der Neuverfolger meines Blogs ansehe, frage ich mich… und denke an Wilhelm Busch:
„Oft ist das Denken schwer, indes
das Schreiben geht auch ohne es.“
Anderseits nimmt die Gruppe der Missionare und Weltbeglücker bedenklich zu. Die mir einreden wollen, wie ich sofort glücklich leben könne. Die mir einschreiben wollen, was mir unbedingt fehlt. Welcher Autor gut ist und welcher nicht. Welche Stadt ich unbedingt besuchen muss. Und welche Musik ich erst garnicht anzuhören brauche. Scheinbar allwissende Scheuklappenhirnis. Das lockere Band, das diese Menschen verknüpft, ist ihre offebsichtliche Unfähigkeit von sich selbst zu schreiben. Von ihren Befindlichkeiten. Dem Warum und Wohin. Ihren Ängsten oder wenigstens ihren Träumen.

Ich verbringe in der virtuellen Welt immer weniger Zeit. Manchmal habe ich den Eindruck, eine Stunde Verzicht darauf bedeutet zwei Stunden Gewinn an Lebenszeit.
Weil es noch viel zu viele Dinge hier im Haus gibt, habe ich wieder angefangen zu inserieren. Ich weiss, im Internet. Aber dabei besteht die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, wenn sie ihre neu gekauften Schätze hier abholen. Lieber weniger Geld durch Abholung statt Versand ein bisschen mehr Reibach. Dafür aber menschliche Begegnungen. Manche sind einfach unbezahlbar. Wie die Menschen aussehen, wie sie sprechen. Was sie vorhaben mit ihrem neuen Fund.
Im Prinzip hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert. Ich habe früher viel gesammelt und auch verkauft. Alles lief über Zeitungsinserate. Ich erinnere mich noch heute an Wohnungen und Häuser, die betreten durfte. Menschen und ihre persönlichen Geschichten habe ich erfahren, die ich nicht missen möchte auf meinem Lebensweg. Und wenn sie auch nur eine halbe Stunde dauerten. Sie haben sich eingebrannt. In jeder Schattierung.

Eine sonderbare Begegnung fand vor fast vierzig Jahren bei einem Verkäufer statt, der eine Legosammlung verkaufen wollte. Der Preis war klar, ich sah mir alles an und stellte fest, dass etliches fehlte. Sprach den Mann darauf an. Der fuhr sich an die Stirn. Wir gingen in sein Wohnzimmer. Dort stand ein beeindruckendes Aquarium. Die fehlenden Teile waren fein in die Unterwasserlandschaft integriert. Bunte Fischlein schwammen durch Legoskulpturen. Wir haben uns angesehen beide herzhaft gelacht.
Natürlich kann Merkwürdiges auch im Internet geschehen. Ich inserierte kürzlich ein Geländefahrrad der ersten Generation. Natürlich kamen Anfragen zur Sache. Und auch ein Angebot. Da schrieb eine Anke wörtlich:
Grüezi! Eine super reizende exotische Schönheit, eine erfahrene Dame mit Klasse, die mit Ihrer sympathischen Art zu überzeugen weiß, verwöhnt Dich mit Ihrem Traumbody mit den perfekten Maßen.! Diese vollbusige Nymphomanin weckt die Abenteuerlust in Dir! Interessiert? Komm zu mir . . .“
Das Rad kaufte ein Vater im Auftrag seines weit entfernt wohnenden Sohnes. Der Sohn war glücklich, endlich gerade dieses Modell gefunden zu haben. Und der Vater war Fotograf. Da gabs sofort einiges zu besprechen. Und als wir herausfanden, dass wir beide in vergangenen Zeiten die gleichen Motorräder und überdies die gleichen Modelle gefahren sind, wurde daraus ein schönes Erlebnis.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Herbstzeit

Nun zur Musik: Gestern abend fand die Liveübertragung eines Konzertes zur Vorstellung des neuesten Werkes von Iggy Pop statt. Aufgenommen in der Gaîté Lyrique in Paris. Eigentlich wollten wir nur mal kurz reinschauen. Nicht in Paris. Der Sender arte übertrug das Konzert. Kurz mal Iggy Pop sehen und hören. Wegschalten kam dann nicht mehr in Frage. Texte aus dem poetischen Werk von Lou Reed und Dylan Thomas. Gesungen von Herrn Pop. Umrahmt von einer unerwarteten Musik. Wir waren begeistert. Und wären gerne in Paris dabeigewesen.

22 Gedanken zu „Völlegefühl und Leere – gesunde Reduktion hilft dagegen

  1. Was nach dem ersten Lesen hängenblieb: die Legoskulpturen im Fischwässerchen, die Anglerbewaffnung, das Gernelesen in Blogs mit persönlichen Befindlichkeiten, und ja, und die aufgereihten Einmachsachen. Gut gerüstet für die ruhigeren Zeiten!
    Gruß von der Formationsfliegegans

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    • Ui, da bin ich froh, dass Sie aus diesem Bericht etwas nitnehmen konnten. Ich habe mich gebremst, dass ich nicht noch deutlicher mit eindeutigen Beispielen schreibe. Vielleicht ein andermal. Jetzt erstmal Handkäs mit Mussigg und einen Gespritzten aus dem Gerippten dazu.
      Abendgruss von der relaxten Fähre

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  2. Sehr geehrter Herr Ärmel ,
    schöne vertikale Spiegelungsbearbeitung ! Und Herr Pop hat mich auch erstaunt, war immer so ein mittelmässiger Fan von ihm aber das was er jetzt zustande bringt ist wirklich toll ! Wünsche einen entspannten Sonntag, mit besten Grüssen aus der Hansestadt von Jürgen

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    • Lieber Jürgen, ein Komplment aus Ihrem berufenen Munde… Ich danke feinst!
      Welch ein Unterschied. Hier Herr Pop, der für sich völlig neue Wege beschreitet. Und dort Herr Dylan, der Lieder von Frank Sinatra nachträllert… Die Welt ist gross.
      Morgengruss aus der Mainspitze, Herr Ärmel

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  3. Ich hatte einn zeitlang keine Lust auf Internet und Blog. Gerade versuche ich mich zu bessern. Für eine gewisse Zeit. Denn im Prinzip fehlt mir nichts, wenn ich das Netz meide. Außer Blogs wie diesen hier

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  4. „Dabei hat der Staat sein Gewaltmonopol längst weitgehend aufgegeben“

    Ehrlich? :))
    Geh mal wieder auf ’ne Demo oder auf ein Auswärtsspiel Deiner Eintracht, Du wirst Dich wundern *gg*

    Den Zustand zwischen Entgeisterung und Hoffnungslosigkeit kann ich sehr gut nachvollziehen, das geht inzwischen glaube ich vielen Menschen so. Den krank machenden Nachrichten kann man leider nicht völlig entgehen, das hieße ja auch die Augen vor dem Elend zu verschließen. Hilft ja nix.

    Bliebe noch die Frage, in was denn die Kirschen eingelegt wurden. Rum? Cognac? Kirschwasser?

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  5. Lieber Herr Ärmel, ich lese nach bei Ihnen. Vieles ist so schnelllebig, doch zum Glück bleiben ihre Gedanken hier und sind nicht flüchtig.
    So viele gute Gedanken, zu denen ich innerlich nicke.
    Zu später Stunde einen herzlichen Gruß

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