Heute und vor fünfundsiebzig Jahren.

Musik?  …

Sonntag, 22. März 2020

Das Blau des Himmels leuchtet unverschämt. Die Luft ist klar. Der Wind weht böig und ist fast unangenehm kalt. Dennoch spürt man die wärmende Kraft der Sonne. Still ist es draussen. Ich erinnere mich an diese Stille. Damals als Kinder spielten wir draussen auf der Strasse. Ein Auto kam nur selten hier durch. Die Bürgersteige waren nicht vollgeparkt und bestanden aus gestampftem Lehm. Ideal für Murmelspiele. Später als Jugendlicher stand ich häufig am Fenster und schaute raus auf die Strasse. Ich hatte oft Hausarrest. Schulnoten und Verhalten waren hinreichende Gründe für die Erziehungsberechtigten. Hausarreste boten hervorragende Gelegenheiten für kreatives Handeln. Beim Schulsparen erhielt man Bilderserien vom Herba Verlag Emil Driess aus Plochingen am Neckar. Daraus erstellte ich mir eigene Alben. Die Hefte („Deutsche Geschichte“ und „Weltkriege – warum?“) mit den selbstgeschriebenen kurzen Texten zu den Bildern sind lange verloren. Die beiden gekauften Alben „Deutsche Heimat“ besitze ich noch immer. Drei opulente Bilderalben der Homann Margarine-Werke in Dissen („Technik und Verkehr“, „1000 Jahre deutscher Geschichte“ und „Das schöne Deutschland“) stammten aus dem Besitz der Grosseltern. Ich las viel und blätterte in der Bildbänden der bescheidenen elterlichen Bibliothek. Ich träumte mich dabei in die Bilder hinein und weg aus der Tristesse eines Schülerlebens in andere Welten.

„Betty Dear!
I´m quite in a hurry (but always thinking of You and the kids, of course). – The town is fearfully smashed, rather like a bad dream; well: They asked for it and they got it…
Hope to see You again quite soon.
Johnny

The watches and bracelets – well, stow them away; I had to throw them into the box absolutely at random, hope they´ll not be badly damaged. 1000 kisses.
J.“                                                                                                   (Arno Schmidt, Leviathan oder Die Beste der Welten)

 

Donnerstag, 22. März 1945

Herrliches Frühlingswetter liegt über der Rheinebene. Der Wind weht mässig. Die Temperatur beträgt 8° um die Mittagszeit. Das Erwachen und Erblühen der Natur nach dem kalten 1944er Winter wirkte seltsam unpassend in diesen Kriegstagen. Die Unruhe nahm zu in der Eisenbahnergemeinde. Der Güterbahnhof war einer der grössten in Süddeutschland. Auf den nördlichen Gleisen standen manchmal lange Güterzüge. Aus den geschlossenen Wagen drangen Geräusche, die klangen wie wimmern oder stöhnen. Auffällig war die Bewachung entlang dieser Züge. Entlang der südlich gelegenen Schienenstränge befand sich das Fremdarbeiterlager. .
Aufgrund seiner strategischen Bedeutung wurde der Verschiebebahnhof am 13. Januar 1945 zum Ziel eines Luftangriffs. Die Mehrzahl der schätzungsweise dreihundert Tonnen schweren Bombenlast verfehlte jedoch ihr Ziel und schlug im Wohngebiet ein. Eine Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung kaufte noch rasch ein Brot. Wegen des Luftalarms wollte sie schnell nach Hause und sich in Sicherheit bringen. Der Bäckerfrau teilte sie mit, dass sie ihr den aktualisierten Ahnenpass am Nachmittag vorbeibringen wolle. Sie schlug das Angebot aus, im Luftschutzkeller unter der Bäckerei den Angriff abzuwarten. Sie lief zwei Strassen weit und erreichte ihr Zuhause als die ersten Bomben fielen. Das Haus erhielt einen Volltreffer, den die junge Frau nicht überlebte. Der Angriff dauerte fünfzehn Minuten. 129 Menschen verloren ihr Leben. Das Anwesen des Bäckermeisters blieb unbeschädigt. Vor wenigen Jahren hatte er mit seinen vier Geschwistern die Gebäude ausgebaut und modernisiert. Aus diesem Grund wurde dabei auch der seit 1938 vorgeschriebene Luftschutzkeller eingebaut.
Der Bäckermeister war durch die sehr moderne und geräumige Bäckerei entsprechend des § 5 Abs. 2 WehrGuk als unabkömmlich (uk) eingestuft. Die meisten seiner Kollegen am Ort waren längst als Soldaten verpflichtet worden. Auch die beiden Bäckergesellen und die beiden Dienstmädchen mussten Kriegsdienste leisten. Dafür wurden jeden Morgen aus dem Fremdarbeiterlager an der Bahnstrecke unter Bewachung die Zwangsarbeiter zu ihren Arbeitsstellen im Dorf gebracht. Der Bäckerei waren zwei holländische Bäcker und zwei aus Russland entführte Mädchen  in Bäckerei gebracht. Vielleicht wiegte sich der Bäcker in Sicherheit. Als jungem Mann hatte ihm auf der Kerb eine durchreisende Zigeunerin aus der Glaskugel vorhergesagt, er würde einen kommenden Krieg nicht überleben. Die Geschäfte liefen gut.  Es wurde an sieben Tagen in der Woche gearbeitet. Aber es wurde auch gefeiert. Das dörfliche Leben ging äusserlich seinen normalen alltäglichen Gang. Die Bäckerin wurde einmal denunziert weil sie sich dem Verbot widersetzte, Fremdarbeiter gut zu behandeln oder zu verpflegen. In ihrem Haushalt wurden die vier Menschen nicht nur gut verpflegt sondern sie sassen bei den Mahlzeiten mit am Tisch der Familie. Ihr Verhalten blieb jedoch ohne schlimmere Folgen, denn in den Zeiten von Bezugsscheinen und Lebensmittelmarken konnte man mit zwei Laiben Brot extra oder einem Kuchen manches erreichen.

Am 27. Februar griffen 458 Bomber der britischen Royal Air Force Mainz an und legten dabei fast die gesamte Neustadt in Schutt und Asche. Wie mögen die dem Inferno entkommenen Menschen in dem Dorf auf der anderen Rheinseite angekommen sein? Traumatisiert und verwahrlost. Mancher wird ausser seinen Kleidern auf dem Körper nichts gerettet haben. In seinem „Tagebuch eines Verzweifelten“ berichtet Friedrich Reck von einer scheinbar irrsinnigen Frau, die nach einem Bombardement auf München aus der Stadt geflüchtet sei mit nichts als ihrem kleinen Köfferchen. Sie stand an einem Bahnsteig der Vorstadt als ihr der Koffer auf den Perron fiel und der Deckel aufsprang. Dabei fiel aus dem Koffer der verbrannte und zusammengeschrumpfte Körper ihres Kleinkindes.

In den Nachrichten aus dem Radio ist nichts zu hören von dem Vormarsch der 3. US-Armee unter dem Befehl  von General George S. Patton. Die Einheiten dieser Armee kommen rasch voran auf ihrem Weg ostwärts. Am 5. März wurde die männliche Bevölkerung des Jahrgangs 1929 im Deutschen Reich zur Wehrmacht einberufen. Die Jugendlichen werden nach kurzer Ausbildung an die verschiedenen Fronten entsandt. Der „Führerbefehl“ vom 8. März drohte allen deutschen Familien die Sippenhaft für den Fall an, dass sich Angehörige, die als Soldaten eingezogen wurden, freiwillig in Gefangenschaft begeben würden. Ein Radio hatten sie in der Familie.
Am 10. März hat Generalfeldmarschall Albert Kesselring den Oberbefehl über die deutsche Westfront übernommen. Der hatte sich zuvor in Italien einen Namen gemacht unter anderem wegen der Erschiessungen von Geiseln. Frauen, Kinder und Greise. Sein untergebener wurde Hans-Gustav Felber. Der hatte als ehemaliger Stabschef der 8. Armee die Deportation von polnischen Juden aus dem Ghetto von Lodz angeordnet. Vom 22. Februar bis zum 25. März 1945 kommandierte Felber die 7. Armee. Zu ihrem Einsatzgebiet gehörte auch der Rheinabschnitt südlich von Mainz.

Vom 15. bis zum 24. März lief die „Operation Undertone“. Das Ziel dieser Operation war die Erlangung der Kontrolle der alliierten Streitkräfte über die deutschen Gebiete westlich des Rheins. Am 20. März durchquerten die ersten Divisonen Rheinhessen und erreichten am 21. März das linksrheinische Ufer bei Nierstein. In Alzey übernahmen die Amerikaner ein Krankenhaus als Militärlazarett. Das ursprünglich psychiatrische Krankenhaus der Stadt wurde wahrscheinlich im Zuge der Aktion T4 geräumt und seitdem von der Wehrmacht als Lazarett genutzt.

In den Nachrichten wurde auch nichts berichtet von dem schändlichen Verbechen, das sich an jenem 21. März am rechtsrheinischen Ufer auf dem Kornsand gegenüber Nierstein ereignet hat. Einige Tage zuvor bereits hatte der Ortsgruppenleiter Bittel dem Bürgermeister eine Liste übergeben mit den Namen von seiner Meinung nach „politisch unzuverlässigen Menschen“. Er wollte sie im Fall der Einnahme der Stadt durch feindliche Truppen ausser Reichweite wissen.
Fünf Niersteiner und ein Oppenheimer Bürger wurden daraufhin in ihren Wohnungen verhaftet und über Gross-Gerau nach Darmstadt zum Verhör durch die Gestapo verbracht. Der dortige Gestapobeamte lässt die Inhaftierten jedoch frei, da er einen Fall von privatem Streit vermutet. Der Gestapomann informiert den Leutnant Funk über die Rückkehr der sechs Menschen. Dies widerum erfährt der Bittel. Eine Gruppe Volkssturmmänner übernimmt gezwungenermassen die Bewachung der gerade Freigekommenen.
Alfred Schniering teilt ihnen nun standrechtlich ihre Verurteilung zum Tod mit. Weil man sich aber gegenseitig kennt, will nun niemand die Ermordung der Unschuldigen vornehmen. Die erneut Gefangenen müssen nun ihre Gräber ausheben. Da sich noch immer niemand zum Morden bereitfindet, erklärt sich um 14 Uhr Leutnant Hans Kaiser bereit, die sechs Menschen durch Genickschuss zu töten. Anschliessend müssen sowjetische Kriegsgefangene die Gräber der Ermordeten zuschaufeln. Zur gleichen Zeit erreichen die amerikanischen Verbände Nierstein und Oppenheim. Aus den Fenstern hingen die ersten weissen Fahnen. Um 16:00 Uhr des 21. März waren die beiden Orte kampflos eingenommen.

Noch heute verbindet die Fähre Nierstein mit dem Kornsand. Schon die römischen Legionäre nutzen diese Stelle zur Rheinüberquerung. Im Dreissigjährigen Krieg versuchte es Gustav Adolf vergeblich seine Truppen hier übersetzen und dann Mainz einnehmen zu lassen.
Nach einer entsprechenden Lagebesprechung war die Rheinüberquerung für den Donnerstag, 22. März geplant. Dafür standen fünfhundert Boote und ein Pionierbatallion zur Verfügung. Vom Kornsand aus sollte Darmstadt und dann nördlich Frankfurt eingenommen werden. Eine Division ging direkt vom Kornsand nördlich in Richtung Mainspitze.
Am 25. März erreichten die amerikanischen Soldaten das Dorf. Da die Bäckerei zentral in der Dorfmitte lag, wurde das Anwesen sofort requiriert. Die Bäckerfamilie durfte in ihrer Wohnung bleiben und musste weiterhin für Brot sorgen. Die anderen Wohnungen wurden von amerikanischen Soldaten belegt. Die Spuren der beiden Holländer und der beiden russischen Mädchen haben sich in den Tagen der Besetzung verloren. Über ihre weiteren Lebenswege geben keine Quellen Aufschluss.

Am Mittwoch, dem 28. März begann der Abzug eines Teils der amerikanischen Soldaten. Die marschierten nun auf die Mainmündung zu. Auf den Hügeln rundum waren noch immer Flakstellungen. Die meisten waren noch immer mit Jugendlichen besetzt.
Am Nachmittag, der Kaffeetisch war eben abgeräumt, beschliesst die Bäckerfamilie von Neugier getrieben, nachzusehen, in welchem Zustand die Amerikaner die Wohnungen wohl zurückgelassen hätten. Dabei sah der Bäcker eine Dose. Bei dem Versuch, sie zu öffnen, explodierte die Sprengfalle. Der Bäcker und seine Frau waren auf der Stelle tot. Die jüngere der beiden Töchter war im Februar acht Jahre alt geworden. Das Mädchen blutete an der Schulter und lief schreiend auf die Strasse. Dort waren Amerikaner bereits durch die Explosion aufmerksam geworden.
Man kümmerte sich um das Mädchen und verbrachte sie sofort in das Militärlazarett in Alzey. Laut der Eintragung auf dem Totenschein verstarb das Mädchen „durch Feindeinwirkung“ zwischen 17 und 22 Uhr. Auf einer späteren Abschrift des Totenscheins fehlte der Zusatz „durch Feindeinwirkung“. Der Stempel auf dem Schein wurde ebenfalls verändert. Die waagrecht gestreckten Flügel des Adlers waren noch die gleichen, in den Krallen hingegen hielt er jetzt einen kleinen schmierigen Fleck.
Die ältere Schwester, die zwei Wochen zuvor noch ihren elften Geburtstag gefeiert hatte, kam bei dieser Tragödie mit dem Schrecken davon. Was aber bedeutet für diese Generation, mit dem Schrecken davongekommen zu sein?
Die Beerdigung wurde auf Samstag, den 28. März festgelegt. Zur Beerdigung waren sechs Trauernde erlaubt. Bewacht wurde die Zeremonie von amerikanischen Soldaten mit der Maschinenpistole im Anschlag. Blumenschmuck war verboten.

Albert Kesselring wurde am 6. Mai 1947 von einem britischen Militärgericht wegen Kenntnis und Duldung von Geisel-Erschießungen sowie seiner Befehle zur „Bandenbekämpfung“ nach 57 Verhandlungstagen zum Tod durch Erschießen verurteil. Im Juli 1947 wurde er zu lebenslanger Haft begnadigt. 1948 wurde die Haftstrafe auf 21 Jahre verkürzt und am 23. Oktober 1952 wurde er begnadigt und wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung vorzeitig entlassen.

Hans-Gustav Felber war ab 8. Mai in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft; aus dieser wurde er am 8. Mai 1948 entlassen.

Die Täter vom Kornsand gegenüber Nierstein werden erst dreieinhalb beziehungsweise fünf Jahre nach ihren Verbrechen gefasst und vor Gericht gestellt. Alfred Schniering wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus und Aberkennenung der bürgerlchen Ehrenrechte verurteilt. Der mehrfache Mörder Hans Kaiser bekam zehn Jahre. Georg Ludwig Bittel wurde trotz erheblicher Zweifel mangels Beweisen freigesprochen. Leutnant Heinrich Funk kam wegen unterlassener Hilfeleistung mit elf Monaten davon. Der sagte noch in den 1980er Jahren jedem, der es hören wollte, dass er sich nichts vorzuwerfen habe und jederzeit wieder so handeln würde.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Zeit, einen klaren Kopf und ein fühlendes Herz.

 

29 Gedanken zu „Heute und vor fünfundsiebzig Jahren.

    • Guten Tag und herzlich willkommen. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieses Stück Zeitgeschichte ist ein Nebenprodukt meiner Beschäftigung mit der Generation, die zwischen etwa 1925 und 1940 geboren ist.
      Wir wissen in der Tat zu wenig. Das Problem sind die vielen geschichtsverfälschenden Dokumentationen im TV. Da halten nur die wenigsten Nachprüfungen der Wirklichkeit stand. Da muss man sich selbst auf die Suche begeben und recherchieren. Wobei immer weniger Menschen dieser Generation übrig sind.

      Schöne Grüsse, Herr Ärmel

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      • Danke für ihre freundliche Antwort, die Generation auch meiner Eltern, ich habe noch eine Kiste Feldpostbriefe meines Vaters an meine Mutter, leider bislang noch nicht entziffert, da Sütterlin und sehr unlesbare Handschrift, wacklig und winzig…

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          • hab schon mal das Alphabet rausgesucht, die Anreden kann ich ja auch entziffern, und Zeit wär ja jetzt, um mich da reinzufummeln. Oder sollt ich nicht zuvor die Relikte meines eigenen Leben sortieren?

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            • Ich habe mal mit einem Freund so eine Arbeit erledigt. Der hatte Schriftstück seines Urgrossvaters. Konnte nur manches entziffern. Wir haben dann via Mail das ganze Schriftstück entziffert.
              Es handelte sich um einen Lebenslauf mit gleichzeitiger Bewerbung für eine Stelle. Auch war eine Photographie beigelgt, die in keinem Zusammenhang zu stehen schien.
              Nach und nach enthüllte sich das Leben eines Menschen. Seine Lehr- und Wanderjahre.
              Meine Meinung: es lohnt auf jeden Fall, sich die Mühe zu geben.
              Sein eigenes Leben hat man ja ohnehin ständig bei sich 😉

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  1. Tja, wieder einmal interessante Geschichten „im Kleinen“, und da sind Sie mir 2 Wochen zuvor gekommen, ich hatte für den 7.4. etwas Ähnliches im Sinn (allerdings als Light-Version) – die Fotos fehlen eben noch und das ist zur Zeit auch nicht nachholbar, deshalb vielleicht auch nicht… mal sehen, nach dem 7.4. ist eben auch vor dem 7.4. und 76 ist auch keine andere Zahl als 75.
    Viele Grüße!

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    • Ui, ich wollte mich nicht vordrängeln. Und bin insofern auf Ihre Geschichte gespannt. Fotografien sind zweitranigig. Die Bilder können ja beim Lesen entstehen.

      Ihnen einen schönen Tag!

      (Schicke Führs Fröhling – Live 1975 / 2002)

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  2. Ein interessanter Rückblick in die Vergangenheit, Herr Ärmel. Wer jetzt sein Haus nicht mehr verlässt und auf Kulturveranstaltungen verzichtet, könnte vielleicht stattdessen ein paar Bücher lesen. Ich würde die „Die Verlobten“ von Manzoni empfehlen, mit der grandiosen Schilderung der Pest in Mailand, ja, in Mailand 1630, oder „Die Pest“ von Camus, die mit dem Tod einer Ratte beginnt.

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  3. Meine Theorie: Die überlebenden dieser Generation haben ihr Kriegstrauma in den 50ern und 60ern einfach weggefeiert, worunter unsere Generation später schwer zu leiden hatte…

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    • Ich werde einerseits dünnhäutiger was die Fakten in den Quellen betrifft. Andererseits ruhiger, was die sogenannte Zeitzeugenberichte betrifft.
      Man kann in diesem Land kaum einen Blick zurück in das zwanzigste Jahrhundert werfen, ohne mit dieser braunen Zeit konfrontiert zu sein.
      Andererseits sind die (verständlichen?) Verdrängungen und Lebenslügen der Generation der heute zwischen 80 und 95-jährigen allenfalls psychologisch interessant. Dahingehend verändert sich bei mir etwas. Und auch dadurch, dass ich mir das damals herrschende wahre Grauen garnicht vorstellen kann.

      Was ist ein ererbtes Kriegstrauma?

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      • Die Verdrängungen, die auf allen Seiten stattgefunden haben, finde ich verständlich aber letzendlich selbstbeschädigend. Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Handlungsweisen und Erlebnissen wäre für die Betroffenen selbst langfristig viel gesünder gewesen und auch für deren Nachkommen.
        Ein (Kollektiv)trauma kann laut Psychologie über bis zu drei Generationen weiterwirken und wird dadurch zum ererbten Trauma. Ich sehe es an mir selbst. Womöglich wäre aber auch da eine Desensibilisierungsstrategie angebracht. Es ist ja auch so, dass ich Berichte aus diesen Zeiten sehr schlecht aushalte, sie mich aber andererseits magisch anziehen …

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        • Ich kann Ihnen nur zustimmen; natürlich können diese Verdrängungen Selbstschhädigungen nach sich ziehen.
          Was mich mehr beschäftigt sind Entwicklungsfragen. Was passiert mit Menschen, die
          – schlagartig vom Kindesalter Erwachsene sein müssen?
          – traumatisiert lebenslänglich in ihrer Jugend oder gar Kindheit stecken bleiben?
          – biografische Diskontinuitäten nicht verarbeiten?
          – ihre Bilder nicht mehr loswerden (Bombardementopfer, Frontsoldaten etc.)?

          Ihre magisches Angezogensein schreit ja förmlich nach treffenden Fragen und (er)klärenden Antworten…

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          • Mein Zugang zum Thema ist ein ziemlich emotionaler. Zu den objektiv beantwortbaren Fragen habe ich Antworten. Ansonsten … Die Antworten muss man dann auch ertragen und bei manchen dauert es doch eine Weile sie zu verarbeiten.
            Die Fragen der Entwicklung, die Sie stellen, kann man wahrscheinlich an anderen, jüngeren und lebenden Kriegstraumatisierten studieren. Der Balkan steht da quasi als Freiluftlabor zur Verfügung.
            Ich wünsche Ihnen trotz solch hochemotionaler Studienthemen einen entspannten Abend

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            • Klar, das Beispiel Südosteuropa. Der Abend war in der Tat ruhig.
              Ich träume nachts schon lange keine kriegerischen Szenen mehr. Das aufgehört als so um die vierzig war.
              Was mich mehr beeindruckt, sind die Tatsachen, die man allenfalls in der historischen Fachliteratur lesen kann. Beispiel: Miriam Gebhardt – Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs.
              Darin gehts um die Soldaten, die aus dem Westen kamen. Und Frau Gebhardt gehts nicht um eine Relativierung der Gewalt aus dem Osten.

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  4. Ein Klasse-Post. Unsere Vorfahren plagen uns im Geiste je näher wir selber der Gruft kommen.
    Und das Bäckerehepaar fehlte dann einem Zwerg so in den späten 50ern und darüber hinaus.
    Irgendwas soll bleiben…
    Buch oder Blogpost ist die ewige Frage.
    Filmreif sind die Biografien der Generation Großdeutschland alle eh.
    Aber die Bücher-Outlet-Zentren mit ihren Wegschmeißpreisen sind ernüchternd.
    Seufz.
    Sehr inspirierender Beitrag jedenfalls.

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    • Danke.
      Ein interessanter Gedanke, dass wir mit zunehmendem Alter von den eigenen Vorfahren geplagt werden könnten. Ich kenne da noch einige andere Geschichten von Kriegsbeschädigungen. Allesamt schwierig zu recherchieren. Aufschlussreich für mich, was ich dabei über die Aussagen von Zeitzeugen gelernt habe. Immerhin bin ich so zur Oral History gekommen. Da erledigen sich dann fast 80% der sogenannten historischen Dokumentarfilme.

      Buch oder Blogpost in diesen Zeiten? Ich blogge fast täglich. Weniger wegen der vermehrten Zeit als wegen der medialen geistigen Panikmache, die langsam im Publikum ankommt und dort Wirkung zeigt und seltsame Blüten treibt…

      Bleib gesund!

      Gefällt 1 Person

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