Märchenhafte Zeiten

Musik: Der Blasinstrumentalist von Roxy Music. Andy Mackay – Resolving Contradictions (1978).
Lektüre: Josephine Siebe, Kasperle auf Burg Himmelhoch. Herold Verlag, 1965.
Essen & Trinken: Italienische Bratwurst, hausgemachte Bärlauchbutter, Bautzner Senf, Radicciosalat mit geraspeltem Apfel, Weissbrot, Spätburgunder aus Baden.
Arbeit: Ruhetag. Kleine Wanderung in verlassener Gegend. Kurze Radtour am späten Nachmittag.
Film: … .

Eine neue Woche beginnt. Und alle warten. Sowohl die Inhaber der geschlossenen Geschäfte als auch die Konsumenten. Die Konsumenten.
Alle warten auf das Ende der Beschränkungen.
Warten auf die Öffnung der Gastwirtschaften.
Warten auf die Öffnung der Friseurläden.
Warten auf die Öffnung der Sportarenen.
Warten auf die Öffnung der Kleidergeschäfte.
Warten auf die Öffnung der Spielhöllen.
Warten auf die Öffnung der Schwimmbäder.
Warten auf die Öffnung der Museen, Theater, Kinos und Konzerthallen.

Warten wir alle nicht ein wenig auf das Jetzt und Sofort?

Heute habe ich aussschliesslich uns Konsumenten im Blick. Warten können ist eine aussterbende Lebenskunst. Zumindest in unserem Kulturkreis. Wir sind Teil des elaborierten Zeitmanagements. Just-in-Time. Zeit ist Geld.
Dabei gibt es keine Zeit. Es gibt ein Werden und Vergehen. Die Zeit ist eine Hilfskonstruktion; eine Erfindung. Nichts weiter. Diese Erfindung macht es möglich, die Zeit zu zerstückeln und einzuteilen. Und damit unter anderem in Geldwerte umzurechnen. Andererseits kann man Zeiten nach Bedarf auch abschaffen.

Fast jeder Mensch hat im Deutschunterricht in der Schule von den Zeiten gehört. Gegenwart (Präsens), Vergangenheit (Imperfekt / Präteritum), abgeschlossene Vergangenheit (Perfekt), vorvollendete Vergangenheit (Plusquamperfekt). Zukunft (Futur I) und vollendete Zukunft (Futur II). Die deutschen Begriffe für diese Zeitformen variieren inzwischen, wenn sie nicht schon ganz im Verschwinden begriffen sind.

Welche dieser Zeitformen verwenden Sie denn heutzutage noch in Ihrer alltäglichen gesprochenen Kommunikation?

An einem bestimmten Punkt in meinem Leben bemerkte ich, dass ich fast nur noch im Präsens und im Perfekt sprach (wie übrigens die meisten meiner Zeitgenossen). Ich sprach im Jetzt und von dem, was vorbei und abgeschlossen war. Als mir nach längeren Recherchen klar geworden ist, dass ich Teil einer Strömung geworden war, habe ich durch bewusstes Training angefangen, mich gegen die „Räuber der grammatischen Zeiten“ zu wehren.

Um es an dem Beispiel der Vergangenheit (Imperfekt / Präteritum) und der Zukunft (Futur) zu erläutern. Wenn ich sprachlich statt der Zukunft nur die Gegenwart benutze, geschieht alles im Jetzt. Ich brauche auf nichts zu warten. Ich verlerne das Warten. Für die Heerscharen der Verkäufer tun sich dadurch Paradiese auf. Besonders dann, wenn ein ausgefeiltes Kreditwesen mit Plastikkarten zur Verfügung steht. Keine Wartezeiten mehr durch lästiges ansparen. Allerdings auch keine Vorfreude mehr. Verarmung an Lebenserfahrungen geht damit einher.
Hol´Dir jetzt !!! …. Sei der Erste !!! … Komm´gleich zu !!! … Wie oft werden die Köder für uns ausgeworfen?

Mit der einfachen Vergangenheit funktioniert es ähnlich. Aber mit dem gleichen Ziel. Gerade eben rutschte der letzte Bissen durch die Gurgel und schon sagen wir: ich habe gegessen. Perfekt. Abgeschlossen, fertig, aus und vorbei.
Die einfache Vergangenheit ist die zeitliche Verbindung zwischen der Gegenwart (Präsens) und der vollendeten Vergangenheit (Perfekt). Insofern wird durch das Imperfekt (lat.: noch nicht perfekt) ein Prozess ausgedrückt, der noch wirkend lebt.
Ich ass einen Apfel. Der Apfel ist zwar weg und verschluckt, aber ich schmecke das tolle Aroma noch immer. Eine grammatische Zeit der Entschleunigung. Die Verlängerung des Genusses. Zusammen mit der Überlegung zur wegfallenden Zukunft ergibt sich die Folgerung, dass man schneller wieder konsumbereit ist. Konsum von Waren, Attraktionen und „Zeitvertreibern“.

Es ist kein Zufall, dass die Prozesse (Entwicklungswege der Protagonisten) in europäischen Volksmärchen sowohl in ihren Originalsprachen wie auch in ihren Übersetzungen im Imperfekt geschrieben worden sind. Lebendige Prozesse sind von Anfang bis zum Ende erlebbar. Sie sind wandelbar. Und sie führen zu Reflektionen und Erkenntnissen. Sie sind, um es modern auszudrücken, ganzheitlich erfahrbar.

Der ruhige Fluss, in dem viele von uns derzeit dahinleben, schafft plötzlich Freiräume. Natürlich kann man diese Zeiten totschlagen. Man kann jedoch auch versuchen, Altgewohntes neu zu sehen. Oder etwas zu probieren, wofür man bisher „keine Zeit“ hatte. Vielleicht mögen Sie es mit den grammatischen Zeiten in Ihrem eigenen Sprachgebrauch einmal versuchen. Ich verspreche Ihnen, Sie werden staunen.

 

Ich hoffe, Sie meine Besucher, schliefen ruhig und träumten angenehm in der vergangenen Nacht. Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen erfreulichen Tag erleben werden.

 

 

 

 

31 Gedanken zu „Märchenhafte Zeiten

  1. Meine Hitliste für’s Warten auf Öffnung:
    1. Parks, z.B. Gruga in Essen
    2. Sportarenen, natürlich Fussball
    3. Gastwirtschaften und Restaurants
    4. Museen, Theater, Kinos und Konzerthallen
    5. auf Friseurläden, Kleidergeschäfte, Spielhöllen bin ich bereit auf immer zu warten

    Diese Zeiten sind geradezu dafür geschaffen, das Bewusstsein für Sprache, also für exakte Zeichen die der reibungslosen Verständigung dienen, zu trainieren! Vielen Dank, Herr Ärmel, für diese 20min Nachdenklichkeit!

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  2. Mit Ihrem philosophischen Ansatz zur Entschleunigung bin ich sehr einverstanden. Mit den Unterscheidungen der Vergangenheiten gar nicht. Der Gebrauch dieser Zeiten ist regional sehr verschieden und damit auch das „Gefühl“, das man dafür hat.

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    • Ich denke mit den grammatischen Vergangenheiten sollte jeder umgehen, wie ihm danach ist und vor allem, wie er oder sie es kann. Sprachgebrauch hat schliesslich immer auch etwas mit einer Kunst der Vermittlung zu tun.
      Nichts desto Trotz lebe ich gut mit dem ordnenden Element der Zeitenfolge.

      In der Tat lassen sich unterschiedliche Handhabungen der Zeiten leicht denken, da die deutsche Sprache über einen weiten geographischen Raum gesprochen wird,

      Zudem ist eine Sprache lebendig, die gewissen Entwicklungen unterliegt.

      Bleiben Sie gesund.

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  3. Die uns gegenwärtig regierende Vorzugszeit ist das Futur II. „Wir werden diesen Alptraum hinter uns gebracht haben“. Da vernichtet man kurzerhand die Gegenwart, anstatt zu warten, dass sie vergeht. 🙂
    Liebe Grüße!

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  4. Dankeschön. Ich habe eben einen vortrefflichen Film von Wim Wenders über Ozou gesehenen, den ich seit meinen Berliner Studentenzeiten liebe. Unser Staatsfernsehen sorgt für uns. Was willl man mehr.
    Auch Ihnen einen angenehmen Tagesausklang!

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    • Lustige Rätsel am Morgen mag ich sehr 😉
      Wim Wenders und Ouzo?
      Frau Gerda in Griechenland, klar, da wird Ouzo getrunken… aber was mag der Wenders mit Ouzo zu tun haben? Und vor allem mit einem Film und das seit Jahren…

      Ich meine, Sie haben Tokyo-Ga gesehen, den Film über den Regisseur Yasujirō Ozu… 🙂 🙂 🙂

      Mich hat sein langjähriger Kameramann Yuharu Atsuta beeindruckt, der nach dem Tod des Regisseurs keine Kamera mehr in die Hand genommen hatte.

      Ihnen einen schönen Tag!

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      • Genau, ja ja, die Ähnlichkeit der Wörter fiel mir auch auf, doch den Ouzo lernte ich erst später schätzen. ich schrieb Ozou, das ist die griechische Schreibweise. Mich hat der weinende Kameramann auch sehr angerührt, doch auch der ganze Film mit seiner besonderen Art der Bildsuche. herzliche Grüße aus dem nasskalten Athen.

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    • Ich danke für den Link. Und zwar…. ich finde es interessant, dass man im Schwäbischen Verben der Bewegung und der Ruhe im Perfekt mit sein und nicht wie im Deutschen mit haben gebildet werden..
      Beispiele: I be gschdanda/ich habe gestanden, i be gsässa/ich habe gesessen. Das gibts hier im südhessischen auch. Hier allerdings vorwiegend von Sprechern, denen der Gebrauch des Hochdeutschen eher fremd ist.
      Beispiele: Isch hab gestanne / isch hab gesesse . . .

      Eine sonnige Woche wünsche ich Ihnen auch. Aber nachts bitte Regen, die Erde brauchts dringend…

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          • Zitat ….. „ich finde es interessant, dass man im Schwäbischen Verben der Bewegung und der Ruhe im Perfekt mit sein und nicht wie im Deutschen mit haben gebildet werden..
            Beispiele: I be gschdanda/ich habe gestanden, i be gsässa/ich habe gesessen“
            Das war der Satz, dem ich widerspreche. „Innerer Zwang“ naja …….

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            • 🙂
              Ich habe Ihrem äähh bin Ihrem Zitat in den Duden gefolgt. Da stand gegen etwas von der grammatischen Veränderung vom Norden in den Süden…

              Ich kenne das aus der Schule: zwei Deutschpauker plus ein grammatisches Problem ergeben fünf mögliche Diskussionen. 🙂 🙂

              Aber – und auch das wurde bereits geschrieben – Hauptsache wir verstehen uns.

              Ihnen einen schönen Abend!

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              • Sagen Sie wirklich „ich habe gefolgt“ ? Ein Teil des Problems ist ja auch, dass man wenig voneinander weiß .
                Aber, dass zwei Germanisten und ein Problem fünf Lösungen ergeben können, da stimme ich Ihnen vollinhaltlich zu 🙂
                In jedem Fall wünsche ich ebenfalls einen schönen Abend ohne sprachliche Problemfälle 😉

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  5. Total ja und danke. Ich schreibe gerade viel und verwurstel an manchen Tagen die Zeiten wie eine Drittklässerin. Beim Korrekturlesen merk ich`s dann und amüsiere mich königlich während der Analyse der „Wieso“. Sehr lustig ist übrigens der neuartige „Klum-Plusquamperfekt“, sie nutzt ihn auffallend oft (Ich muss das mit der Mitbewohnerin gucken, damit wir uns lästerlich darüber erheben können, denn es tut der Teenagerin sehr wohl, das nicht allzuernst zu nehmen und wir machen ermutigende Fortschritte). Jede Woche überlege ich, was das über Heidi Klum aussagt. Ist es ein betonen der eigenen stets betonten taufrischen Gegenwart (gestern ist ja sowas von irre lang her)? Oder hat sie niemals einen Perfekt erlebt?
    Danke für Ihre Gedanken. Wieder ist es Ihnen gelungen schlau zu machen ohne belehrend zu wirken, das bewundere ich.
    Herzliche Grüße
    Frau Blumentorte

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    • Frau Blumentorte, Sie hier – Sie sehen mich erfreut. Und Ihr letzter Absatz – er beschämt mich geradezu. Andererseits wünsche ich mir natürlich, dass es gelingt etwas zu vermitteln, ohne als Oberlehrer empfunden zu werden.

      Zu Heidi Klum und Ihrer offensichtlichen Überdosis im Gebrauch des Plusquamperfekts kann ich nichts sagen, einmal weil ich die Frau nicht kenne und ausserdem sind wir nicht Besitz eines Fernseh. Den Namen habe ich beriets gehört. Das hat jedoch kein Interesse an der Person geweckt.

      Liebe Frau Blumentorte, ich danke Ihnen für Ihren Kommentar. Mit Freude nehme ich wahr, dass auch in Ihrem Blog erneut Aktivitäten zu bemerken sind.
      Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und bleiben Sie gesund!

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  6. Als ich ein kleiner Schüler war, gab es erbitterte Diskussionen zwischen meiner Mutter und dem Lehrer, weil meine Mutter auf Imperfekt bestand und er auf Präteritum: das sei nicht dasselbe.
    Tatsächlich stimmt im Deutschen nicht die Unterscheidung zwischen Perfektum – der vollendeten Vergangenheit, auf französisch „Passé“ genannt und in der Variante des Passé Simple sowie auch des Passé Composé vorhanden, wobei ersterer immer mehr verschwindet – und Imperfektum, der nicht vollendeten Vergangenheit. Die Übertragung der graeco-romanischen Grammatik auf germanische Sprachen funktioniert an dieser Stelle nicht. Eher noch könnte man die zusammengesetzte Vergangenheitsform für die nahe Vergangenheit einsetzen und die Präter-itum-Form für die „epische Vergangenheit“, also im großen Erzählzusammenhang oder eben für das, was schon lang lang her ist. Aber das alles konnte ich vergessen, während – nein: wohingegen ich mit der graeco-romanischen Grammatik und Zeitenfolge täglich jonglieren muß und mich auch gelegentlich mächtig in der Zeitform vergreife.
    Nebenbei gesagt: die deutsche Sprache kennt gar kein Futur, sondern nur eine Hilfsverbialkonstruktion, um die Zukunft zu umschreiben.
    Und besonders schön wird es in semitischen Sprachen, die gar keine fest gefügten Zeitenverhältnisse kennen, sondern nur vollendete und unvollendete Formen. Aber das ist unserem kategorischen Denken sehr fremd.

    Einen lieben Gruß vom großen Wasser an den mittelgroßen Fluß, und: passen Sie auf sich auf!

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    • Ich staune schon länger nicht mehr über grammatische (früher hiess das grammatikalische) Auswüchse in den jeweiligen Sprachen.
      Ich habe an einer deutschen Schule in Südamerika Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Ich habe dabei im Lehrerzimmer Diskussionen um Ausdrucksweisen und Konstruktionen in Schüleraufsätzen wahrnehmen können; das glaubt kein normal tickender Mensch…

      Was mich viel mehr beeindruckt beim Lesen: Eine Mutter, die mit dem Lehrer diskutiert… In meiner Herkunftsfamilie absolut undenkbar.

      Schönen Dank für Ihren lieben Gruss und passen auch Sie auf sich und Ihre Lieben gut auf !

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      • Ich hatte das Vergnügen, in einem Lehrerhaushalt aufzuwachsen. Das heißt, meine Mutter hatte genügend „Stallgeruch“, um solche Debatten zu führen. Es bedeutet aber auch Vorurteile seitens der Lehrerschaft: wenn der Schüler gut ist, heißt es: „klar, die Mutter ist Lehrerin!“ (Der Vater OStR ist da wohl kein Faktor.) Wohlgemerkt, das ist ein Vorwurf, die eitle Lehrermama solle ihren Zögling mal nicht so boosten.
        Ist er nicht konform zu den Erwartungen, wird es der Mutter zum Vorwurf gemacht. Wieder nicht dem Vater.
        Der Philologe in der Familie war mein Vater, aber als Romanist hielt er sich da heraus.

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    • Also für mich ist sinngemäß das passé simple bzw passé composé das, was im Deutschen seltsamerweise Imperfekt heißt. zB eine einmalige, abgeschlossene Handlung : ich kam herein, je suis entrée …

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