Rückblicke beim Vanilleeis

Musik: Aphrodite´s Child – 666 (1971). Nach sanften Popsongs überraschten Demis Roussos und Vangelis mit diesem Album. Die Apokalypse des Johannes als progressives Rockkonzept.
Lektüre: Auf der Spur nach Kindheitsprägungen. Josephine Siebe : Kasperles Abenteuer in der Stadt.
Essen & Trinken: Eine Pfanne feinster Bratkartoffeln. Dazu Rohkostsalat. Apulischer Primitivo, Leitungswasser.
Arbeit: Historische Recherchen. Daneben eine quellenkritische Untersuchung eines Briefes von 1854.
Film: 1492, Die Eroberung des Paradieses. Wegen der Zurschaustellung von Gewalt nach füfnzehn Minuten beendet.

Wir sitzen im Garten. Jeder löffelt einen Tiegel mit Vanilleeis. Mit Schuss. Ich nehme heute Cointreau.
„Wie viele Urgrossmütter kann man auf natürlichem Wege eigentlich haben?“
„Ich hatte zwei. Eine mütterlicherseits und eine vom Vater her.“
„Ja, aber man müsste doch von beiden Seite je zwei haben. Das machte dann vier.“
„Stimmt, die Generationenfolge erweitert sich rückwärts betrachtet.“
„Wenn ich drüber nachdenke: die mir fehlenden Frauen und Männer sind auf Photographien abgelichtet.“

Der Schuss Cointreau nimmt dem Eis ein wenig von seiner Süsse, er verleiht eine fruchtige Note.
Ich kann mich bei meinen Urgrossmüttern bloss noch an wenige Begebenheiten erinnern. Sie starben als ich noch Kind war. Und sie tauchen heutzutage meist in Assoziationsketten aus dem Brunnen der Erinnerung wieder auf. Berta Brust (väterlicherseits) hatte einen schlanken schwarzen Gehstock. Die Zierde war der zierlich versilberte Griff mit einem prächtigen Jugendstilornament. Mit diesem Stock konnte sie behende umgehen; mindestens so schnell wie Zorro mit seinem Degen. Einmal, es war beim Geburtstagsfest meines Opas (ihres Sohnes), war ihr beim Toilettengang das Gebiss aus Mund gefallen. Als sie zurückkam blieb sie neben meinem Opa stehen. Der reagierte nicht gleich auf sie. Zzzwttt schnellte der Gehstock auf die Tischplatte. Zwischen Teller und Tassen, Sahnetopf und Kuchenplatte knallte der Stock auf das Tischtuch, ohne die geringste Beschädigung. Die Geburtstagsgesellschaft war verstummt.
„Robert, hol´ mir mal meine Zähne.“
Ich sehe die Szene noch heute lebhaft vor mir. Sie hatte den Tick, jedem zu erklären, dass man Eis nie pur essen solle. Die Kälte schade dem Magen. Sie war aber leidenschaftliche Eisesserin. Und hatte demzufolge immer eine Flasche Arrak, um, wie sie sagte, das Eis anzuwärmen, bevor es den Magen erreiche. Und nur dehalb habe sie einen so widerstandfähigen Magen. Immerhin wurde sie achtzig Jahre alt.

Meine zweite Urgrossmutter, Katharina Höhle, genannt Oma Kättsche, war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ich sehe sie in den ewig schwarzen Kleidern, dicken schwarzen Strümpfen und Männerschuhen. Darüber trug sie eine blaue Schürze mit einem Blumenmuster. Sie lebte in unserem Haushalt.
Ich sehe sie vor mir mit dem kleinen Knoten im Haar. Wie sie ihre wackelige Brille mit den randlosen Gläsern aufsetzte. Zum Abendessen trank sie meist Pfefferminztee und strich sich Schiebekäschen auf ihr Brot. Das waren die kleinen Käsedreiecke in Stanniol verpackt mit einem bunten Bildchen obendrauf.
Sie war die Auslöserin für meine erste schlimme Kinderqual. Andererseits sass ich als kleiner Junge auf ihrem Schoss. Während sie Gemüse putzte oder Kartoffeln schälte erzählte sie mir Grimms Märchen. Bei ihr habe ich gesehen, wie man einen Hefeteig ansetzt. Und Brombeergelee kocht. Fertigkeiten, die ich bis heute fast genauso mache. Weil sie einer vernünftigen Logik folgen. Sie hatte kein schönes Ende. Deshalb habe ich ihr schon lange ihre Ränke verziehen, die mir viel Leid eingebracht haben. Alleine durch die Märchen hat sie mir einen Kosmos eröffnet. Später, nach einer entsprechenden berufsbegleitenden Ausbildung, habe ich mit Märchen im professionellen Zusammenhang gearbeitet. Dafür werde ich ihr dankbar bleiben.

So leben die Vorfahren auf ihre Art in uns weiter. Ich weiss bis heute nicht, ob wir dabei wirklich die freie Wahl haben zu entscheiden, was von ihnen in uns weiterwirkt. Aus dem, was sie uns vorlebten, können wir jedenfalls unsere eigene Welt grösser machen. Wir alle haben viel mehr Möglichkeiten unser Leben schöner zu machen, als es uns oft auf den ersten Blick erscheinen mag.

 Ich wünschen allen Besuchern und Lesern beschauliche Ostertage

 

 

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9 Gedanken zu „Rückblicke beim Vanilleeis

  1. Heute nur kurz – das Schreiben auf einer Datsch-Scheibe ist unerquicklich, und die Tastatur hat die Batterie leer.
    Ich las gerade gestern, daß der norwegische König Harald V. nur fünf statt acht Ururgroßväter hat.
    Und ich denke an meinen Großvater, der vor meiner Geburt schon verstorben war, dem ich mich aber verbunden fühle. Er sprach aus, was ich lebe: „wohne nah am Meer und fern von aller Verwandtschaft.“

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    • Es ist in der Tat oft verwunderlich, wie da die unsichtbaren Fäden gesponnen sind.

      So einen Verwandtschaftsspruch kenne ich auch. Allerdings in anderem Kontext und gänzlich unösterlich.

      Ich wünsche Ihnen ein erfreuliches Osterfest und bleiben Sie weiterhin gesund,
      Herr Ärmel

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  2. Nee, Erinnerungen lassen sich nicht auswählen. Sie sind die persönlichen Historismen, die sich von selber einstellen und keiner Logik folgen. Honecker hätte gewollt, dass von der DDR der Palazzo und der Fernsehturm als Wahrzeichen/Historismen bleiben. Nu sind es aber Stasi und Bautzen geworden. Von manchem Vorfahr, der viel auf sich hielt, weiß man hinterher eher die Pleiten und Peinlichkeiten – und vom komischen Vogel aus der Sippe, dessen einzige Heldentat. Das machts ja so spannend, wenn man dann mal von oben runterguckt … wenn’s soweit ist.

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    • Klasse Beispiele, die man als realistische Belege so anerkennen kann.

      Zum Glück muss aber nicht warten bis man „runtergucken“ kann. Vieles lässt sich ja glücklicherweise schon bei Lebzeiten eruieren. Wenn auch vielleicht ein wenig „unscharf an den Rändern“ (Farin Urlaub)

      Ich wünsche beste Feiertage, eine lustige Eiersuche und einen progrockenden Osterhasen. Und überhaupt . . .

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  3. Au ja ! Aphrodites Child 666…da habe ich allein 2 LP geschrotet auf diversen Partys bis das Teil endlich zerstörungsfrei auf CD erschien 🙂
    Was bleibt zurück..(Bludgeon hat eigentlich schon den Punkt getroffen) ….ich habe die Tage meinen Vater beerdigt und regel gerade die letzten Dinge…und merke wieviel ich von ihm habe wenn ich mir die alten Briefe und Fotos anschaue. Sehr zwiespältige Gefühle und das Ziel es eigentlich besser machen zu wollen…aber ob das klappt das muss irgendwann mein Sohn beantworten . Aussuchen aber kann ich mir die Erinnerungen nicht , sie sind einfach da und verblassen auch nicht…leider ! Bleiben Sie gesund, herzliche Grüsse von Jürgen

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    • Die Erinnerungen müssen ja auch nicht unbedingt verblassen. Ins eigene Leben integrieren geht ja auch. Man lebt damit und sagt: so isses. Iss nich schön, aber so isses mal…

      Und was unsere Kinder mal von uns sagen werden?
      „Ich habe mir Mühe und mein Bestes für euch gegeben“, das ist meine Antwort, und die steht fest. Wenns den Kindern nicht genehm ist, dann ist das ihr Problem.

      Herzliche Grüsse,
      Herr Ärmel

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  4. Gerade diese Tage ging mir durch den Kopf, daß unter meinen verstorbenen Verwandten die Frauen die Erinnerung sehr viel eindrücklicher prägen, als deren Ehemänner. Die letzteren waren irgendwie einfach da, wenn Erinnerungen ausgetauscht werden, dann meist über die Frauen. Frauen scheinen auch die Lebewelt viel stärker zu formen – meine Frau und ich haben in den letzten beiden Jahren unsere Mütter verloren; unsere Väter bewohnen jetzt allein die ehemals gemeinsame Wohnung, und in beiden Fällen erscheint diese jetzt leer. Ich muß da mal intensiver darüber nachdenken.

    Viele Grüße,
    Thomas Rink

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