Wochenende, Sonnenschein, Demonstration online

Horsche:  Hannes Wader – 7 Lieder [1972]
Lesen: Die Titelleisten der regionalen Zeitung – es ist unglaublich, was da verbreitet wird.
Essen & Trinken: Ein leichter Nudelsalat, Calamaris in Safran und Anis angebraten. Apfelwein (sauergespritzt) aus der Kleinkelterei unserer Vertrauens.
Schaffe: Schutt (ja ja von der Bar) abfahren. Trittsteine im Garten verlegen.
Gugge: Seit 12:00 Uhr: Stream statt Straße 24.04.2020 #FightEveryCrisis | Fridays For Future

Ich bin sehr beeindruckt von der online Demonstration. Die jungen Leute machen „alles anders“ – auf ihre ganz eigene Art. Und mit nicht weniger Herzblut als wir damals. Klasse. Ich frage mich, wie viele meiner Blogverfolger online „mitdemonstriert“ haben.

Aufgrund eines Hinweises in einem Kommentar habe ich die neue Nummer der Rolling Stones angehört. Living in a ghost town. Alles, was dem Gockel Jagger zu einer Geisterstadt einfällt, ist, „So much time to lose / Just staring at my phone / Every night I am dreaming / That you’ll come and creep in my bed / Please let this be over…“

Tausende Nähmschinen surren emsig. Gesichtsmasken werden geschneidert. In den Medien Hinweise, dass die selbstgenähten Teile zwar bei 60° gewaschen werden können, aber an sich nichts taugen. Es taugen jedoch die 9,00€ teuren aus der Apotheke.
Ich erinnere mich an meine ersten Informationen zum Virus. Eine davon, dass Masken ohnehin untauglich seien. Das ist angewandter Kapitalismus. Gibt es Nachfrage, gibt es auch die Produkte dafür.
Die Röllchen mit dem Gummiband für Schlüpper kosteten bis vor wenigen Tagen im Schnitt 1,20€ die Rolle. Derzeit schnellt der Preis auf bis zu 10€ pro Rolle. So erzählte es mir meine Nahbarin. Die näht auch fleissig.

Und die Autoindustriebosse lamentieren für staatliche Zuschüsse für Abwrackprämien. Gehts noch, Ihr Flaschen in den Chefetagen? Seid Ihr Kapitalisten oder nicht. Dann müsst Ihr auch verlieren können, wenn Ihrs nicht drauf habt mit Krisen umzugehen. Weg mit Euch und Euren SUVs und den immer lauteren Brüllauspüffen.
Wir brauchen Geld für die Menschen, die im Sinne der Menschlchkeit arbeiten: Sozialarbeiter, Kindergärtner, Pfleger in Kliniken und Alteneinrichtungen. Und auch für die *Innen versteht sich.
Jagt die Manager in die Wüste, dass sie sich mal eine Woche lang von ihrer eigenen Hände Leistungen ernähren. Die Mehrzahl wäre wahrscheinlich nach wenigen Tagen verdurstet.

Unterstützt werden müssen jetzt dringend Kleinunternehmer, die vielleicht gerade im letzten Jahr ihr Unternehmen aufgebaut haben. Die kleinen Klubs für Musikanten. Die sogenannten Kleinkünstler. Kinos, die statt Hollywood richtige Filme zeigen. Kneipen, in denen Menschen sitzen und miteiander sprechen.

Vielleicht dämmert es langsam immer mehr Menschen, wie arm wir geworden sind auf unserer Reise zu immer billigeren Preisen. Die einmalige Chance in dieser Krise besteht darin, zu erkennen, was wir wirklich brauchen in unserem Alltag.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein vergnügliches Wochenende


 

 

 

 

 

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25 Gedanken zu „Wochenende, Sonnenschein, Demonstration online

  1. „Wie arm wir geworden sind auf unserer Reise zu immer billigeren Preisen“… Ein sehr schöner, nachdenklich machender Satz. Ja, wir sind arm geworden. Danke für diesen Beitrag. Er trifft es.
    PS: Zu den „7 Liedern“ von Hannes Wader empfehle ich seine Biographie. Ich habe sie mit großer Spannung und Vergnügen gelesen.

    Herzliche Grüße,
    Werner

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    • Herzlich Willkommen und schönen Dank für Ihren Kommentar.
      Einen Tag entspannt in einem kleinen Garten und lediglich wahrnehmen, was um einen herum geschieht. Danach kann man wissen, wie wenig wir wissen.
      Das meiste, was wir wissen, nutzt uns fast nichts, wenns wirklich ans Eingemachte geht.

      Ich wünsche Ihnen ein erfreuliches Wochenende,
      Herr Ärmel

      PS: danke auch für den Hinweis auf „Trotz alledem – mein Leben“ – ich werde Ausschau danach halten

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  2. Ich war dabei. aber nicht durchgängig.
    Bei mir ist auch schon die Frage aufgetaucht, ob alle Manager von Großunternehmen von der Hand in den Mund leben. Während meiner kaufm. Ausbildung habe ich mal was von Rücklagenbildung gehört. Das ist aber wahrscheinlich schon zu lange her…..

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    • Nach einem langen Berufsleben und den persönlichen Beziehungen zu einigen Männern aus Chefetagen, kann ich sagen, dass deren Kreativität in erster Linie ihren ganz persönlichen Interessen dient. Und in zweiter Linie dem shareholder value.
      Es sind durchgehend unsoziale Alphamännchen. Deshalb geht der Irrsinn, den diese Typen anrichten, am Ende tatsächlich durch. Und sie kassieren noch Extraboni für den Schaden, den sie zuvor verursacht haben….

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  3. Ich muss zugeben, daß ich Anfang der 70er Jahre Hannes Wader langweilig fand. Da gefielen mir halt Dylan, die Stones und Zappa besser. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass der Wader doch noch ein paar gute Lieder drauf hat. „Kokain“, „Rohr im Wind“ und der „Tankerkönig“ gefallen mir sehr. Sehr gutes Fingerpicking auf der Gitarre hier auch von Werner Lämmerhirt.

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    • Ich war seit meinem sechsten Lebensjahr bei den Pfadfindern. Singen zur Klampfe gehörte zum Programm. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre kamen langsam Dylan – oder die deutsche Version „Christopher & Michael“ – in das Liedgut. Und gegen Ende der 60er Jahre dann Wader, Degenhardt, Witthüser & Westrupp und andere hinzu. Diese Bandbreite zu Beatles, Stones, Cream etc. wurde dann in den WGs noch erweitert…

      Wie Werner Lämmerhirt konnte bei uns niemand spielen 😉
      So erklärt sich

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  4. Mein hochlieber Herr Ärmel,

    Ich teile Ihre Beeindruckungen durch den Online-Streik. Zwar war ich tagwerkbedingt auch nicht durch durchgängig dabei, aber was ich sah, hat mir Hoffnung gemacht. Punkt Zwölf beäugte ich einen hoppeligen Start, möpperte zunächst ein wenig, aber genau diesen Mut zu neuen Ideen und damit verbundenen Fehlern brauchen wir. Und es sind die jumgen Leute, die die Veränderung bewirken. Ich sah mich rückblickend im verrauchten Dorfgasthaus Plakate für das Neue Forum krakeln…

    Die Neuruppiner Idee zur Legalisierung der Freitagsdemos hat mir sehr imponiert. Projekttage zum Streik. So einfach, so gut. Und selbst der eine oder andere Musikbeitrag traf meine alte Notenseele. Und dann meine ureigene Erkenntnis: Dieser Stream war keine gesponsorte brotundspielige Großveranstaltung, nein, da haben sich junge Menschen bemüht und etwas ganz Neues gewagt. Ich schäme mich meiner anfänglichen Möpperigkeit. Und wandele sie dann in Freude und Stolz um. Weil wir gute Gefühle viel mehr brauchen als Möpperigkeit.

    Ihnen sende ich immens zugeneigte Grüße als die Ihre Frau Knobloch, hier singt der Amselhahn sein abendgiebeliges Lied und ich enteile nochmals in den Garten um durchzuathmen. Zugeneigt, versteht sich~~~ Hoppla, die Treppenstufen sind ja viel näher als normal….

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    • Uiuiui – nicht so hurtig, meine liebe Frau Knobloch! Bei Treppen gilt: immer gut uffbasse!

      Als hätten Sie neben mir gesessen. Auch ich wollte anfangs wegen der technischen Anlaufschwierigkeiten murrig werden. (ich möppere nie)
      Dann aber sagte ich mir – offenbar ganz ähnlich wie Sie – dass die Improvisationen zum Prozess gehören. Das scheinbar Unvollkommene macht die Onlinedemo erst so richtig lebendig.
      Weg mit den erstarrten Strukturen des Vorhersehbaren!
      Und ja, keine hintertürigen Sponsoren sondern enschen, die aus ihren Überzeugungen heraus handeln.

      Also weg mit Ihrem Schamtüchlein und her mit der solidarischen Freude. Wir haben teilnehmen dürfen an einer neuen Form der Gegenbewegung.
      Und wer zu den Quellen will, muss gegen den Strom schwimmen.

      Mein liebe Frau Knobloch, ich sende Ihnen herzliche Grüsse und wünsche Ihnen ein formidables Wochenende, Ihr Herr Ärmel (jedentagtäglich zugeneigt)

      PS: An Treppen immer uffbasse!

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  5. „Unterstützt werden müssen jetzt dringend Kleinunternehmer…Die kleinen Klubs für Musikanten. Die sogenannten Kleinkünstler.“

    Das passiert hier in HH gerade sehr solidarisch mit Festivals in die keiner geht, weil keiner kommt und anderen Aktionen. Ich fürchte für den einen oder anderen Club wird das dennoch nicht reichen. Kunst und Kultur halte ich zwar für deutlich förderungswürdiger als Dieselbetrüger und geldsaugende Bankzecken, aber ich habe mir das System ja nicht ausgedacht.

    Apropos Kultur:
    Wenn Ghost Town, dann von den Specials. Hätte man nur ein aktuelles Video zu drehen müssen.
    Und Hollywood hat, man glaubt es kaum, ebenfalls ganz viele richtig tolle Filme produziert (neben den Tonnen an Müll natürlich, aber den findet man auch anderswo)

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    • Das Original Video Ghost Town von den Specials geht noch gut durch.

      Genau: Dieselbetrüger, Bankzecken – – – ich bin für die sofortige Abschaffung von Aktiengesellschaften, um dem Geschmeiss, dass sich mit deren Papieren masslos bereichert ein Ende zu bereiten.

      Und ich befürchte auch, dass einige kleinere Betriebe auf der Strecke bleiben werden. Ich tröste mich damit, dass eine gewisse Bereinigung bei Nagelbemalerinnen, Haarschnipplern und Tätowierern durchaus der Masse nicht schaden würde,,,

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