Und die Jahre ziehn ins Land

Horsche:  Jefferson Airplane – Volunteers [1969]
Lesen: Gerhard Zwerenz – Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder
Essen & Trinken: Eine Pfanne mit Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, viel Knoblauch und frischen Kräutern aus dem Garten, Mozarella, Oliven und Weissbrot. Apfelwein (sauergespritzt) aus der Kleinkelterei unserer Vertrauens.
Schaffe: Einen Gang runterschalten. Dennoch die Handwerker im Blick behalten.
Gugge: Photographien von heute und vor Jahren

 

Sechs Jahre meldet mir WordPress. Vor sechs Jahren sass ich in Triest in einer alten, mässig erhaltenen Villa. Im Garten dahinter ein Meer von Schwertlilien in allen Farben. Damals musste ich zwangsläufig mit meinem Blog zu WP wechseln.
Ich bin dankbar, so viele Menschen durch die Bloggerei kennengelernt zu haben. Freundschaften sind entstanden, die ich nicht mehr missen möchte.
Inzwischen vermute ich, dass man beim Bloggen Persönlichkeiten viel rascher und unverblümt kennenlernen kann. Man kann sich geben, verstellen und nennen wie man will; aufmerksame Beobachter nehmen die Substanz hinter den Vorspiegelungen schnell wahr.

 

Eiscafés dürfen unter Auflagen und Vorgaben ihre Waren wieder verkaufen. Gartenlokale nicht. Wer legt da eigentlich welche Messlatten an? Sicherheitsabstände sind herstellbar. In den Einkaufszentren begegnen sich Menschen gedankenlos unter Missachtung der empfohlenen Sicherheitsabstände. Und alle warten nun auf die Rückkehr der alten Zustände. Konsumieren, Party machen, in Urlaube fahren. Gedankenlosigkeit was das Übermorgen betrifft.
Keine Generation vor meiner und der meiner Eltern konsumierte dermassen hemmungslos. Alleine die Vorstellung, welchen Sammelsurien ich selbst in meinem Leben bereits nachgejagt bin. Und jedesmal, wenn mir die inneren Strukturen des jeweiligen Sammelgebietes klar geworden waren, habe ich die Artefakte wieder verkauft. Oder eingetauscht und damit eine neue Sammelei begonnen. Bis vor wenigen Jahren.

Um die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen nicht weiter voranzutreiben müssen wir danach fragen, was wir tatsächlich brauchen. Dadurch wird die jetzige Krise zu einer grossen Chance.

Stattdessen solls möglich schnell so weitergehen wie bisher. Wie das gesteuert und forciert wird, kann man an dem Beispiel eines Fernsehberichtknechts erleben.
Auf Ihrem feinen Blog hat die geschätzte Frau Knobloch dazu einen Link publiziert. Ab Minute 2:20 gehts zur Sache. Da versuchte der Berichtknecht der „Tagesschau“ die junge Frau Reemtsma vorführen. Sie hat sich nichts aufs Glatteis führen lassen. Vor solchen gradlinigen Menschen ziehe ich meine Hüte. Diese jungen Männer und Frauen brauchen jedwede Unterstützung. David gegen Goliath.

 

Auch vor allen Besuchern, Lesern und Guggern ziehe ich meine Hüte für ihr teilweise jahrelanges Interesse an meinen Berichten und Photographien. Ich wünsche Ihnen allen eine erfreuliche Woche.

 

27 Gedanken zu „Und die Jahre ziehn ins Land

  1. Zehn Jahre nach dem Krieg hatten meine Großeltern ein Eigenheim, 60m² für vier Personen (und eine Einliegerwohnung gleicher Maße, um das Haus bezahlen zu können), einen Garten und ein Radio, zu Weihnachten die Märklin-Eisenbahn. Zwei Jahre später kam ein PKW dazu. Damit galten sie damals als wohlhabend. Die Wohnung hatte zwei Stromkreise zu je 10A, die für die Beleuchtung und das Radio (und die Märklin-Eisenbahn) voll und ganz ausreichten. Ob schon ein Kühlschrank im Haus war, kann ich nicht mehr erfragen. Relativ früh war auch ein eigener Telefonanschluß im Haus, der aber noch in den Siebzigern mit meinen Eltern geteilt wurde, als sie in die Einliegerwohnung eingezogen waren.
    Heute würde das als furchtbar arm angesehen werden, ohne Fernseher, ohne Küchenmaschine, ohne Kaffeemaschine, ohne Computer, Tablet, Handy.

    Wenn man es genau überlegt, ist auch Bloggen Luxus. Aber es geht ja nicht darum, alles abzutun, was seit 1955 an Angenehmem in unser Leben gekommen ist. Trotzdem ist die Frage wichtig, was wir wirklich brauchen. Zwei Autos in der Garage? Kinder, die bis vor die Schultür gefahren werden? Internet zu jeder Zeit an jedem Ort? Unsere Kinder wachsen damit auf; wir haben es irgendwann angefangen. Früher hatte ich immer ein Buch in der Tasche, heute das Mini-Tablet mit Telefonfunktion. Nötig?
    Ja, die jungen Leute haben Recht. Aber wie wir leben sie mit so vielem, was weder notwendig ist noch umweltschonend hergestellt und verwendet wird. Ich weiß nicht, für wen der Verzicht härter ist…

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    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sehr erhellend ist daran zu erkennen, wie wir – und ich schreibe bewusst wir – wie wir aufgrund der uns angebotenen Möglichkeiten die Verhältnismässigkeiten im materiellen Bereich verschoben haben.

      Wenn ich bedenke, wie ich, in Bezug auf meine Wohnsituation, vor dreissig Jahren gelebt habe und wie ich heute lebe. Vor einigen Jahren haben wir in einem Ladengeschäft auf 50m² gelebt. Und die Toilette mit Handwaschbecken (fliessend kalt Wasser) war unser Bad. Tagsüber Ladengeschäft und nach Ladenschluss der Schnellumbau zu Küche, Wohn- und Schlafzimmer.
      Derzeit haben wir eine Wohnung mit improvisiertem Bad – aber mit fliessend Warmwasser und einer Dusche. Das, was für uns heute Luxus ist, würden andere Menschen höchstens naserümpfend nutzen wollen, obwohl alles sauber ist.
      So viel zu Verhältnissmässigkeiten.

      Jede Generation lädt der nächsten einiges auf. Wir haben unseren Kindern Annehmlichkeiten (nicht alle sind schlecht!) aufgeladen, an denen sie noch schwer zu tragen haben werden.
      Dahingehend unterschreibe ich Ihren letzten Satz

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  2. Sehr geehrter Herr Ärmel, mich bewegen derzeit die gleichen Gedanken der willkürlichen Maßnahmen. Die Auswahl der Geschäfte, welche überleben dürfen und welche eher nicht, beschäftigt mich, da ich keinerlei Logik dahinter erkenne, aber vielleicht suche ich auch vergebens, weil es keine Logik gibt, sondern nur eine Lobby. Bleiben sie gesund und weiter so schön reduziert!

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    • Vielleicht, lieber Herr von Rosen, vielleicht geht es um Lobbylogik. Die entzieht sich dem fühlenden und herzdenkenden Menschen, da es nur ums Geld geht. Frei von Moral und Gewissen.

      Vielleicht erleben wir da gerade die Avantgarde einer völlig neuen Entwicklung. Die Corona-App macht entgegen aller Verwischungen die totale Überwachung ganzer Bevölkerungskreise möglich. Und wenn sich zu wenige Menschen zum Mitmachen bereit erklären; wer weiss, vielleicht werden wir es erleben, dass Mobiltelefone in naher Zukunft schon zur Pflicht gemacht werden.

      Aber ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Die grossen Verführer wandeln ohnehin seit Zeiten unter uns.

      Bleiben Sie wohlauf und wach gegenüber den Blendern und Blenderinnen!

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  3. „Hi, Friends! You have seen the heavy groups, now you will see morning-maniac-music! Believe me! It’s a new dawn… Good Morning People!“ Diese Ansage von Grace Slick zum Auftritt der Band zum Woodstock-Festival wurde damals von vielen als direkten Aufruf zum Umsturz aller politischen Lebensverhältnisse gedeutet, heute wissen wir, dass sich die Zeile “It’s a new dawn“ der Tatsache verdankt, dass Jefferson Airplane bei diesem Festival um sieben Uhr morgens dran waren. Und dass der darauffolgende Revolutionssong „Volunteers“, ursprünglich von einem Müllbeseitigungsunternehmen namens „Volunteers of America“ handelt, bis Paul Kantner, der selbsternannte Anarchistenführer, die Zeilen „Gotta revolution, gotta revolution“ hineinkorrigierte.

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    • Klasse klasse – da muss hier jetzt sofort The other of this Life laufen…
      Und danach von Mountain „For Yasgur’s Farm“
      Die frühmorgendliche Ansprache erinnert mich an das 2nd British Rock Meeting 1972 in Germersheim. Da spielten Osibisa morgens um 5:00 (!!!) und eröffneten mit dem Opener ihrer ersten LP „The Dawn“ – unvergesslich….

      Interessant ist Paul Kantners Wendung vom Revolutionär zum Sci-Fi Texter…

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  4. Nach der nicht mehr aufzuhaltenden Zerstörung unserer Lebensgrundlagen werden wir (bzw. unsere Nachkommen) wissen, was wir tatsächlich brauchen. Ich tippe mal auf Pferde & dazugehörige Wagen, sauberes Trinkwasser, Nahrung etc. also das, was wirklich zum überleben notwendig ist. Vielleicht auch Klopapier, aber da bin ich mir nicht so sicher.. 😀

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    • Fahrräder, verehrter Zaphod, Fahrräder werden wieder immens wichtig werden.

      Aber keine E-Bikes sonders solche mit unkompliziertem Antrieb und Anhängerkupplung für die guten alten Fahrradanhänger.
      Klopapier wird masslos überschätzt. Und Trinkwasser wird wichtig werden.

      Ich habe längst mit meinem Sohn über die den bewaffneten Schutz unserer hauseigenen Wasserquelle gesprochen. Für dann. Mehr schreibe ich dazu jetzt mal nicht…

      Halt dich munter!!!

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  5. Sechs Jahre ist das her?! Lieber Herr Ärmel, mich deucht als hätte ich erst gestern von Schwertlilienmeeren geträumt. In Triest. Und heute werden welche aufblühen im sagenhaften Zwostromland. Sanfter Regen wird sie wachküssen~~~

    Ich entsinne mich auch noch der Freude, noch leichter mit Ihnen kommunizieren zu können, Im alten Ärmelblog war es doch etwas mühsam. Aber allemal jede Mühe wert. So kann ich Ihnen den Dank nur wohlbepuschelt zurück geben. Für Ihren wachen Blick und Ihre Gradlinigkeit. Für Ihre Charmanz und die viele gute Musik. Und natürlich für die bonfortionösen Photographien. Dieser Bläuling auf Menschenhand, er ist bezaubernd.

    Bleiben Sie weiterhin so einzigartig herrärmelig, das wünscht Ihre Frau Knobloch, auch verlinkungsdankend unvermindert zugeneigt.

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    • Sechs Jahre bei WP, in der Tat, meine liebe Nahundfernfreundin. Das Zeitchen vorher nicht zu vergessen.
      Sie sind ziemlich rasch zu der höchstwertgeschätzten Blogbekanntschaft geworden, für die ich mittlerweile keine weitere Zuschreibung gefunden hätte, die Ihrer würdig wäre.

      So belassen wir es bei der Höchstwertgeschätzten als dem Ausdruck meiner grossen Achtung für Sie,
      Ihr Herr Ärmel (in jeglicher Tiefe oder Höhe unverwandt zugewandt)

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      • Höchstwertschätzung ist etwas wundervolles. Wie ein seidenes Tuch, das über bebende Haut gleitet. Eine sichernde Handreichung bei unebenem Boden oder ein wärmendes Lächeln als Antwort auf eine bange Augenfrage.

        Ich schätze Sie ebenfalls allerhöchst, mein lieber Herr Ärmel, dessen seien Sie versichert.
        Fernnahfreundlich zugewandt, Ihre Frau Knobloch, windzerzaust zeitchenabwägend.

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        • Zu Ihrem 1. Abs.: Feinstpoetische Silbenwortsatzbilder

          Zu Ihrem 2. Abs.: Wohlmeinende Schätzungen schätze ich höchstwertig.

          Ihr Herr Ärmel (auch mit einem Geripptem mit goldgelbem Sauergespritztem in der Hand und einhändig tippend sehr zugeneigt)

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            • Eieiei, meine liebe, heute besonders Fernfreundin. Ein Geripptes aist aus durchsichtigem Glas hergestellt. Und Spundekäs duftet nicht, höchstens der Atem des Essers hinterher. Ja Feinstbrezelchen gibts auch dazu.
              Nun alla auf und hopp hopp kommSe hierher. Sie wissen doch, dass Sie jederzeit höchstwillkommen sind,
              Ihr Herr Ärmel (egal mit welcher Power – immer zugewandt)

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              • Klar doch, mein Verripptester! Doch wenn goldgelber Gespritzter im Glas schwappt, dann hat man ein Goldgelbgeripptes inner Hand. Beziehungsweise hatte. Jetzt ist es wieder nur ein Geripptes. Zeppelinreisen, zumal in Überschallgeschwindigkeit, machen urst durstig~~~~~~ Ist im Bembelchen noch was drin?

                Leichthicksende Grüße, Ihre Frau Knobloch, feinstatmend zugeneigt.

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                • KommenSe rüber, die Arme sind offen . . ? — ähhh parrtonk . . ich meinte natürlich, der Landemast für Ihren Zeppelin ist bereit,
                  Ihr Herr Ärmel (auch bei Start und Landung gleichermassen zugeneigt)

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                  • Ärmelarmoffenheit? Ärmelarmoffenheit? Ärmelarmoffenheit? Jetzt mußte ich mich glatt am Landemast verbeißen, um nicht mitsamt Zeppelinchen zu verplumpsen~~~~

                    Sanftanschwebeküß..ähem..grüßchen, die Ihre, unvermindert und keineswegs verbissen zugeneigt.

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                    • Nix da verplumpsen, meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch. Es ist Pflanzzeit, da werden alle Hände gebraucht für spätere wunderbare Wurzeln, Früchte, Blätter und Blüten.
                      Ihre fachlich und sachliche Kompetenz ist unverzichtbar, nicht wahr…

                      Es grüsst Sie nachmittäglich,
                      Ihr Herr Ärmel (zu jeglicher Zeit immens zugeneigt)

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                • Jetzt erst gesehen und gelesen – im Bembel (Bembelchen gibts allenfalls im Tourishop) ist mein Nachtberuhigungsschlückchen drin. Anonsten Ebbe wie an der Mordsee äähh Nordsee…
                  Ich sendde überschallschnelle Grüsse und verbleibe als,
                  Ihr Herr Ärmel (bei jeder Geschwindigkeit zugewandt)

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                  • Moooooooment! (Imaginieren Sie sich mich bitte spitzmündig und zeigerfingerobig)
                    Die Besitzerin der rheininselige Apfelweinwirtschaft, in der ich letztjährig mein Tagewerk verrichten durfte, vermachte mir als Dank zwo orschinale Bembelchen. Hübschige 0,5 l passen da rein. Genau richtig als Beruhigungsschlückchen bei Tag und bei Nacht.

                    Von Herzen die Ihre, flutend zugeneigt nun.

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                    • Halblidderbembelscher – – ich lach misch schlapp, Frau Knobloch – da helfen auch keine Moooooooment!e selbst wenn sie spitzmündig und zeigerfingerobig präsentiert werden…

                      Es grüsst Sie vorfeiertäglich,
                      Ihr Herr Ärmel (Ihnen sogar zugneigt, selbst wenn Sie Minztee aus dem Gerippten zu sich nehmen würden)

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                    • Ähem, Minztee aus’m Gerippten~~~? Also, äh, ja, oh…! Ein Stürmchen zerrt an der Zeppelinchenleine, ich muß mal kurz nachsehen~~~~~~

                      Vollmundige Präsentationsgrüße, immer die Ihre Frau Knobloch, auch windsbrautig zugeneigt.

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                    • In the white room with black curtains near the station ???

                      KommenSe rein, die Tür ist offen….

                      Black roof country, no gold pavements, tired starlings Silver horses ran down moonbeams in your dark eyes – – –

                      Aber Sie haben ja leuchtendgrüne Augen?
                      Sind Sie das wirklich meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch…. ?

                      NehmenSe doch Platz bitte sehr – – – Wie bitte? Geripptes mit Minztee? Ich könnte Ihnen einige Pfeffis…

                      Wie, Sie wollen schon wieder Ihre Zeppeline besteigen? : Dawn light smiles on you leaving, my contentment

                      Na gut, dann solls so sein, aber I’ll wait in this place where the sun never shines
                      Wait in this place where the shadows run from themselves….
                      Vielleicht ein anderes Mal wieder,
                      Ihr Herr Ärmel (mit oder ohne Cream stets zu Ihrer Verfügung)

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