Von toten Hamstern und rostigen Bauern

Horsche: Dies und das von allem was – zwischendurch und im Vorübergehn.
Lesen: Schon etwas betagter; trotzdem sehr empfehlenswert: Ulrich Herzog – Fahrradheilkunde. Ein Reparaturhandbuch für Velocipedfahrer. Moby Dick Verlag, 1988.
Essen & Trinken: Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Frisches aus dem Garten. Es ist ein Wunder, was aus einem Samen entsteht und wie aromatisch das schmeckt. Wenn es überdies liebvoll zubereitet wird, entstehen Köstlichkeiten.
Schaffe: In der Werkstatt La Perle zerlegen. Gespräche darüber, wie es weitergehen soll mit den Teilen. Inzwischen ist bekannt, dass diese Schönheit siebzig Jahre alt ist. Teile gibt es, wenn überhaupt, allenfalls noch bei Verkäufern in La France.
Gugge: „Grenzenlos“ (2017) von Wim Wenders. Für einen Liebhaber seiner Filme ist dieses Werk ein schmerzlicher Fehlschlag. Bestimmt wird die ausstehende Dokumentation über seinen Werdegang „Desperado“ lohnender. Sendetermin 14.8. ARD…

 

Wenn man am Flurgraben entlang fährt, also an dem, was von dem ehemaligen Entwässerungsgraben noch erkennbar übrig geblieben ist, gelangt man an einen Rheindamm. Zuvor streift man noch den Grenzrand eines Industriegebietes. Dies gehört zur westlich gelegenen Nachbargemeinde.

Diesen Weg nimmt man als Wanderer oder Radfahrer, wenn man die nahegelegenen Rheinauen besuchen oder die alte Schiffsmühle besichtigen möchte. In der Nähe bietet zudem eine Gartenwirtschaft Speisen und Getränke an. Eine ebenso interessante wie abwechslungsreiche Flusslandschaft.

Seit Jahren ist mir dieser Weg bekannt. Immer wieder einmal schwappen mir Erinnerungen auf. Damals, als wir Jugendlichen mit unseren Mopeds noch über Feldwege hier unterwegs gewesen sind. Damals, als es die A671 noch nicht gab. Im Flurgraben und an seinen Ufern konnte man Frösche und Kröten finden.
Heini A. muss hier auf den Feldern seine Schlingen ausgelegt haben. Er war auf Hamster aus. Ich erinnere mich noch. Als ich Kind war, kam er wochenends auf seiner Kreidler Florett mit einem kleinen Sack aus grober Jute von seiner Jagd zurück. Ich weiss nicht, wo er den Hamstern ihre Felle abgezogen hat. Zum Trocknen aufgespannt hat er sie jedenfalls unter der Decke der überbauten Toreinfahrt unseres Hauses. Durch den Verkauf der Felle verdiente er sich ein Zubrot.

In jenen Zeiten gab es das wuchernde Industriegebiet noch nicht. An seinem Rand liegt ein Grundstück. Der Weg trennt es vom Flurgraben. Seit fast zehn Jahren fahre ich daran vorbei. Aufgefallen ist es mir, weil es auf dem etwa tausend Quadratmeter grossen Gelände mit der Halle aus Wellblech darauf offensichtlich keine Veränderungen gibt. Eine kleine Holzhütte, vielleicht als Büro genutzt und zwischen zehn und zwanzig Wohnwagen. Vermutlich vermietete Stellplätze. In einer Ecke eine kleinen Ansammlung von Metallschrott. Vor zwei Jahren fielen mir eher beiläufig in dem Schrotthaufen Fahrradfragmente auf. Im Unkraut verwachsen und vor sich hinrostend.

Im Zuge der neu erwachten Schrauberei an Fahrrädern wurde ich neugierig. Eines Abends hielten wir am Zaun, um genauer hinzuschauen. Drei Fahrräder. Rixe, Bauer und eine unbekannte Marke. Auf dem Grundstück nebenan war ein Autoschrauber zugange. Ich grüsste und fragte ihn nach seinem Nachbarn. Der sei selten da und ziemlich schwierig. Er gab mir immerhin seine Telefonnummer.

Erkläre mal einem „schwierigen Mann“, warum und wofür du seine drei verrosteten Radfragmente haben möchtest.

Ich schob den Anruf hinaus. Ich hatte keinen guten Text in petto. Kurze Zeit danach hatte ich in der Nähe zu tun. Der vereinbarte Termin musste jedoch verschoben werden. So entschied ich spontan, an dem Grundstück vorbeizufahren. Ein alter Mann schaffte auf dem Platz, das Gittertor stand offen. Als er mich sah, kam er mir mit misstrauischem Blick entgegen.
Ich stellte mich vor und fragte ihn nach den drei alten Fahrrädern, die ich seit Jahr und Tag da liegen sähe. Es entstand ein kurzes, nicht unfreundliches Gespräch. Am Ende durfte ich die drei Vehikel einladen und mitnehmen.

Als das Bauer Modell Sport, die Rahmennummer verweist auf das Produktionsjahr 1960, im Reparaturständer hing bot es einen traurigen Anblick. Was könnte man sinnvoll daraus machen? Ausschlachten? Bei den beiden anderen Rädern war die Antwort einfacher.
Wir entschieden uns dafür, das Bauerrad technisch einwandfrei wieder zum Laufen zu bringen. Die Optik sollte dabei die Leidensspuren der geschundenen Fahrmaschine nicht verleugnen. Unsichere, weil zu stark verrostete Teile wurden ausgetauscht. Noch Brauchbares wurde so konserviert, dass es dem Zahn der Zeit noch eine ganze lange Weile standhalten kann. So entstand eine sehr eigenwillige Ästhetik.
Das Rad wurde komplett zerlegt, alle Lager überholt, bzw. erneuert. Im Hinterrad dreht sich jetzt eine betagte Dreigangnabe für kühne Beschleunigungen und am Vorderrad sorgt die komplett aufgearbeitete Bremse des Schweizer Rades für kurze Bremswege. Die roten Lenkergriffe wurden falsch geliefert. Dennoch, der Fahrspass ist enorm und die ersten Ausfahrten bereiteten viel Freude.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern freudvolle Tage.

 

 

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16 Gedanken zu „Von toten Hamstern und rostigen Bauern

  1. Herzlichen Glückwunsch zur „Halb“-Restaurierung des Bauer Rads! Sehr geschmackvoll und besser geht nicht! Ich liebe die, der Alterung geschuldete Patina. Als ich meine bis 55 Jahre alte Schallplattensammlung digitalisierte, sagten viele, ich solle die vielen Gebrauchsspuren mit verschiedensten digitalen Mitteln beseitigen, war mir klar, das sind die „Kratzer“ aus meinem bewegten Leben. Die kann man nicht so einfach mal wegmachen! Das ist diese schöne Patina, die es gilt zu konservieren…

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    • „..das sind die „Kratzer“ aus meinem bewegten Leben….“ Genau darin liegt der Unterschied zu dem, was heute gerne Patina genannt wird.
      Wenn ich mir die Verkaufsangebote für alte Räder ansehe, wie oft lese ich da von der „schönen Patina“. Aber die ist nichts anderes als Gammel und Dreck, die in klingende Münze verwandelt werden soll.

      Aber was echte Patina (die dünne Schicht des Alterns) ausmacht, ist gelebtes Leben und nicht achtlos (voller Verachtung) dahingealtertes Material…

      Schönen Dank für Ihren anregenden Kommentar und einen schönen Abend noch

      Gefällt 2 Personen

  2. Sehr geehrter Herr Ärmel,
    eine tolle Restaurierungsarbeit am Bauer Rad ! Gefällt mir richtig gut ! Und ein Rixe Jungs Rad bin ich früher auch mal gefahren, die waren eigentlich unverwüstlich aber irgendwann nicht mehr cool genug…da habe ich dann vom Ersparten ein Peugeot Rennrad gekauft. Wenn ich das nicht in den Ruhrgebietsstrassenbahnrillen zu Schrott gefahren hätte könnte ich es heute teuer verkaufen…nein, ich würde es heute stolz ins Wohnzimmer an die Wand hängen 🙂 Ich wünsche ihnen eine entspannte Woche, es soll ja noch wenigstens 6 Tage heiss bleiben … Herzliche Grüsse aus Hamburg von Jürgen

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    • Danke für Ihr Kompliment.
      Alte Rennradklassiker haben derzeit eine gute Börse. Warum auch immer.
      Vielleicht auch deswegen sind mir die Durchschnittlichen und (zur Zeit noch) wenig Beachteten so lieb.

      Wir haben hier bereits ein unrenoviertes Zimmer als Aufnahmeatelier improvisiert 😉

      Herzliche Grüsse aus der brandheissen Mainspitze,
      Herr Ärmel

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    • Lieber Hans-Peter, ich danke Ihnen für Ihre Hinweise.
      Mit Hilfe von mediathekview konnte ich mein WW Archiv aktualisieren.

      Ich sende viele Grüsse vom nicht minder heissen Ort flussabwärts

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