Die Stones – in einer Offenbacher Seniorenresidenz?

Horsche: Aus gegegebenem Anlass: The Rolling Stones – Let it bleed (1969).
Lesen: Liedtexte zu der genannten Platte von den Rolling Stones.
Essen & Trinken: Immer weniger Fleisch. Frisches aus dem Garten und Käse. Herzhaftes dunkles Brot. Von der kleinen, privaten Kelterei den hervorragenden Speierling. Bei diesen Temperaturen natürlich gespritzt.
Schaffe: Bis zum Wochenende soll La Perle fahrbereit sein.
Gugge: „Die Wiese – ein Paradies nebenan“. Eine Dokumentation über einen Lebensraum. Zur Zeit in der Mediathek bei arte.tv zu sehen…

Als wir um die Ecke biegen, sehen wir die Fassade des alten Fabrikgebäudes. Gelber Backstein. Neben dem überdachten Portal der angedeutete Turm mit der grossen Uhr im Giebel. Zeit ist Geld. Im Osten Offenbachs erstreckte sich bis vor wenigen Jahren eine chemische Fabrik. Das Portal, durch welches wir gehen und nach unseren Tickets greifen war das ehemalige Badehaus der Firma. Auch andere Menschen kommen. Offensichtlich vertreten wir die Jugend hier. Vorwiegend ältere und alte Semester. Herr Knie und Frau Hüfte gehen nach der lockeren Eintrittskartenkontrolle zum obligatorischen Desinfektionssprüher. Keine Sicherheitsleute greifen uns ab. Entspannt wie anno dunnemals. So etwas gibt es noch. Brauchen Sie hundertausend Konzertbesucher um sich herum, um in Stimmung zu kommen?

Was Frank Laufenberg für den SWF und Peter Kreglinger für den SDR, das war Volker Rebell für den HR. Diese Namen wurden zu unseren musikalischen Wegweisern. Damals in den 1970er Jahren. Diese Männer haben Grundsteine gelegt und uns mit Musiken bekanntgemacht, die wir Dorfbuben sonst vielleicht nie gehört hätten.
Volker Rebell arbeitet nicht mehr für den HR. Er verbreitet seine Radiosendungen über byte.fm. Die alte Werkzeugfabrik seiner Familie in Offenbach hat er vor einigen Jahren zu einem Veranstaltungsort umfunktioniert. Da läuft derzeit aus bekannten Gründen nichts. Denn vor der kleinen Bühne finden nur knapp hundert Zuschauer Platz.

Stattdessen hat man aus der Not eine feine Tugend gemacht und veranstaltet kleine Konzerte auf dem Gelände der vormaligen chemischen Fabrik. Zweihundert Plätze sind bestuhlt. Im behördlich angeordneten Abstand.
Immer mehr alte Menschen kommen auf das Gelände. Manche schein sich verirrt zu haben; sie sehen längst nicht mehr nach Musik aus. Sorgfältig wird das Kisschen auf dem Stuhl ausgebreitet. Die Windbluse wird ausgezogen und ordentlich gefaltet. Das T-Shirt will dem Mann nicht mehr recht passen. Rolling Stones – Steel Wheels – Berlin 1990. Staunen. Einige andere Gäste tragen ähnliche Memorabilien. T-Shirts. Mützen. Eine ergraute Dame mit Zungenhandtasche.
Auf der Bühne machen sich ältere Herren an elektrisch verstärkten Instrumenten zu schaffen.

Einige Alben der Beatles interessierten uns weniger. Für Beggar`s Banquet waren wir zu spät. Für Let it bleed haben wir Karten bekommen. Das Programm des Abends sieht so aus. Volker Rebell moderiert den Abend. Fünfzig Jahre Let it bleed. (Das Konzert war eine Wiederholung der Uraufführung im vergangenen Jahr). Er erzählt zu jedem einzelnen Lied des Albums wissenswertes und interessantes. Die Glitter Twins, eine fantastische Stones Coverband. Seit vierzig Jahren covert die Kerntruppe Lieder der Stones. Sie spielen nach Rebells Moderation Stück nach Stück in der Reihenfolge des Albums. Dieser Wechsel zwischen Informationen und Musik steigt den Zuschauern rasch ins Blut. Zu manchen Senioren sehen wir besorgt hin. Rocking Chair bekommt eine neue Bedeutung. Das ist ein Zappeln auf manchen Stühlen. Niemand hält sich an das Mitsingverbot. Die Stimmung brodelt.

Nach You can´t always get what you want gibt es eine Pause. Vor der Bar warten die Gäste mit ihrem Mundschutz. Manche hatten einen mit der sattsam bekannten Zunge.
Danach bringen die famosen Glitter Twins noch etliche Stücke der Stones auf Zuruf. Die Musiker bedanken sich dafür, dass sie endlich wieder vor Publikum spielen dürfen. Volker Rebell erklärt die vielen leer gebliebenen Stühle in den hinteren Reihen. Die Stadt Offenbach hatte inzwischen die Zuschauerzahl noch weiter eingeschränkt. Und weitere Konzerte dürfe es in diesem Jahr garnicht mehr geben aufgrund der neuerlich steigenden Infektionszahlen.

Viel zu schnell verging dieser einmalige Abend. Klasse Kapelle. Prima Moderation. Der Klang war perfekt. Wie im Wohnzimmer vor einer gediegenen Stereoanlage. Kein Rettungswagen wurde benötigt. Das Publikum verliess beseelt den Platz.

Im kommenden Jahr wird Sticky Fingers sein fünfzigjähriges Jubiläum feiern. Wir werden dabei sein. Ob auf der rebellischen Bühne in Offenbach oder an einem anderen Ort. Ganz herzlichen Dank an alle Beteiligten, die uns diesen grossartigen Abend bereitet haben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Zeit und viel Freude an den Begebenheiten, die wir alle manchmal viel zu wenig wertschätzen.

(Bilder in einer Gemeinschaftsaktion aus der Hand gemacht – am besten in Ruhe anschauen und Let it bleed dabei hören)

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15 Gedanken zu „Die Stones – in einer Offenbacher Seniorenresidenz?

  1. Sehr schön, auch die Foto-Doku. Ich finde durchaus, dass auch Coverbands ihre Berechtigung haben können.
    Vor Jahren sah ich Manfred Manns EB, eigentlich nicht ganz meine Kragenweite, aber sehr schön die erste Reihe zu sehen, die sich nochmals in die Original Band Shirts zwängten. Ich dachte seinerzeit auch darüber nach, ob man nicht Sitzplätze hätte anbieten sollen. Aber wenn man wieder den Geist der Jugend atmen darf….
    (Jarv is – Beyond the Pale / 2020)

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    • Es gibt supergute Coverbands. Mir fehlt Backdoor aus Aschaffenburg. Besser als die Doors. Auf deren Webseite tut sich seit Jahren nichts mehr…
      Ob auf Stühlen sitzen oder den eigenen Beinen stehen: bewegen muss ich mich bei guter Musik zwangsläufig.

      (Udo Lindenberg – Der Detektiv, Rock Revue 2 / 1979)

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  2. Großartiger Bericht, Herr Ärmel – ein Vergnügen zu lesen und so (fast) mittendrin dabei zu sein. Respekt auch an/für Volker Rebell, den ich seit Jahren beim sehr empfehlenswerten (!) bytefm-Sender schätze. Danke & Bestes, TC

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  3. Das hast du sehr einfühlsam beschrieben, ohne die betagten Besucher mit ihrer aus der Zeit gefallenen Leidenschaft bloß zu stellen. Aber einen Gedanken kann ich nicht unterdrücken: Das war doch Blauer Bock reloaded. Gab’s auch Äppelwoi?

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    • „Gab’s auch Äppelwoi?“

      Da wir das Stöffsche von unserer kleinen Privatkelterei beziehen, frage ich an solchen Orten nicht nach jährlich gleichschmeckendem industriell hergestelltem Apfelwein.
      Und die Wirte, die noch selbst keltern werden auch immer weniger. Es ist fast zum weinen.

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  4. Also, da kann ich ja nur schreiben … Wenn einem soviel Gutes widerfährt, dann ist das schon einen Asbach Ural wert … Vielen Dank für diesen Beitrag und ja … auch ich meine, wir sollten all diese Coverbands nicht einfach nur belächeln … die Rolling Stones so zu interpretieren, dass es einem vom Hocker haut, das muss man auch erstmal können.

    Und: da gehe ich doch lieber auf so ein Konzert, als zur Original-Band … deren Preise finde ich einfach nur noch als Frechheit … da können Thomas Gottschalk & Co. gerne hingehen … mich bringen keine 10 Pferde dazu ….

    Und Volker Rebell ist ja eine Legende …

    Und das „Sticky Fingers“ Konzert würde mich ja auch brennend interessieren, denn dieses Album ist natürlich eines der besten der Stones … vielleicht fahre ich da mal hoch … bin dann ja in Rente .

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