Mit der Zeit . . .

Horsche: Eine Überraschung ist: Peter Kraus – Zeitensprung (2013). Eine eher matte Sache ist dagegen:  Die Ärzte – Hell (2020). Peter Kraus coverte Lieder, die durch seine Interpretation an Emotion gewonnen haben. Zwei, drei Ausnahmen ausgenommen. Musikalisch sind die Ärzte mitreissend, textlich hingegen hätte ich nach so vielen Jahren mehr erwartet.
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Eine köstliche Gemüsesuppe mit Karotten, Rettich, Rote Beete und Schnittsellerie aus dem Garten. Dazu schmeckte uns ein 2018er Château Cap L´Ousteau Haut-Medoc.
Schaffe: Planen, planen, planen. Renovierungs- und Umbaumassnahmen stehen an.
Gugge: „Tadellöser & Wolff“ (Mit einem schönen Dank an Herrn RYP für die Erinnerung).

 

Der Uhrmachermeister setzt alte Uhren instand. Er war mir schon öfter zu Diensten. Seine Art mag ich nicht, seine Arbeiten schätze ich. Und nur darauf kommt es ja an. Die silberne Taschenuhr Saxonia (System Glashütte) meines Urgrossvaters tat keinen Mucks mehr und war auch nicht aufzuziehen. Allein schon diese altehrwürdigen Bezeichungen. Saxonia (System Glashütte) verzücken mich.

Das wird länger dauern. Ich komme mit den Aufträgen nicht mehr nach.
Kein Problem. Ich habe Zeit. Sie können mich ja anrufen wenn die Uhr fertig ist.
Er kneift sich seine Uhrmacherlupe ins linke Auge. Öfnnet mit dem kleinen Taschenmesserchen die beiden Deckel auf der Rückseite der Uhr. Auf seiner Stirn wird eine senkrechte Steilfalte sichtbar.
Hundertfünfzig Euro müssen Sie rechnen.
(Mmh? das ist doppelt so viel wie vor sechs Jahren).
Gut, hier haben Sie meine Karte. Rufen Sie mich an wenn sie wieder richtig tickt.

Der Anruf kam nach fünf Wochen. Ich nahm die Uhr in Empfang und legte die Geldscheine auf die Theke. Auf der Fahrt nach Hause blieb die Uhr stehen. Ich schüttelte sachte und sie lief wieder. Und blieb wieder stehen. Am nächsten Tag stand ich wieder im Uhrenfachgeschäft.

Das kann nicht sein.
Ist aber so, wie ich Ihnen sage.
Ich kann jetzt nicht nachsehen. Sie müssen sie hierlassen. Nehmen Sie Ihren Zettel nochmals mit. Ich melde mich bei Ihnen.

Drei Wochen später kam der Anruf.
Ich habe nochmals alles kontrolliert. Ihre Uhr läuft einwandfrei.

Auf der Heimfahrt blieb sie wieder stehen.

Das gleiche Procedere wie soeben beschrieben fand noch zweimal statt.

Ich kann Ihnen jetzt auch nicht mehr weiterhelfen. Die Uhr ist ja auch schon über hundert Jahre alt. Ich habe jetzt sogar noch zwei neue Lagersteine kaufen und einbauen müssen. (Warum eigentlich erst jetzt und nicht gleich?) Ein mords Akt. Die gibts auch nicht mehr an jeder Ecke. Die haben mich fünfzig Euro gekostet. Nur Arbeit und ich habe nichts dran verdient.

Was voll ist und überlaufen will, das soll man erstmal laufen lassen.

Ja, aber ich habe hundertfünfzig Euro bezahlt für eine Reparatur. Und die Uhr läuft jetzt nicht.

Hier, ich gebe Ihnen hundert Euro zurück. Mehr geht nicht. Ich habe bei dieser Uhr ohnehin schon ordentlich draufgelegt.
Da kann man wohl nichts mehr machen.

Zuhause hängte ich die Uhr an den schönen Uhrenständer. Reiner Jugendstil. Mit dem Häkchen überm runden Samtkisschen. Damit die Uhr sich nachts nicht erkältet. Da hing sie dann weitere drei Wochen. Manchmal nahm ich sie in die Hand und schüttelte sanft. Dann lief sie. Zwei, drei Minuten. Und blieb wieder stehen.

Pech gehabt. Mit Zitronen gehandelt. Die Arschkarte gezogen. „Wir Zocker sagen immer: zahlen und fröhlich sein“ (Die toten Hosen). Vergiss es.

Die alte Taschenuhr hängt an ihrem Uhrenständer neben meinem Schreibplatz. Mir fehlte das morgendliche Ritual. Aufziehen. Ticken hören.

Monate später nahm ich sie eines Tages in die Hand. Das silberne Gehäuse war inzwischen wieder etwas angelaufen. Matt und stumpf sah sie aus. Ich nahm das Poliertuch zur Hand. Unterm Reiben leuchtete der noble kalte Glanz des reinen Silbers auf. Was sind schon hundert Jahre. Wahre Schönheit mag sich im Lauf der Zeit ändern. Aber sie vergeht nicht. Ich öffnete die beiden hinteren Deckel. Auf der Innenseite des oberen Deckels ist der Name meines Urgrossvaters eingraviert. Auf dem inneren Deckel hinterliessen Uhrmacher ihre Kritzelzeichen.
Ein Uhrwerk ist ein Wunder. Ein Instrument, das etwas anzeigt, was es eigentlich garnicht gibt. Zeit. Die kleine Nadel, mit der man die Ganggenauigkeit einstellen kann stand ziemlich weit nach links – retard. Vorsichtig schob ich mit dem Daumennagel das Zeigerchen nach rechts in Richtung avance.
Weisst Du, wenn Du schon hier herumhängst, nicht läufst und von mir nicht aufgezogen werden willst, dann lass Dich wenigstens in die Nullstellung bringen. Alles gut.
Ich verschloss die beiden hinteren Deckel und hängte dir Uhr zurück an den Ständer.

Ich wendete mich wieder einer Schreibarbeit zu. Kurze Zeit später in einer Pause sah ich zur Seite und zur Uhr hin. Ich traute meinen Augen nicht. Der Sekundenzeiger drehte sich ruhig. Die Uhr lief. Sie lief wieder wie ehedem. Und sie läuft seitdem. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen ziehe ich die Uhr auf. Alle zwei Wochen korrigiere ich die angezeigte Zeit. In diesem Zeitraum eilt die Uhr um eine Minute voraus. In zwei Wochen. Mir macht das nichts aus. Zeit gibt es ja garnicht. Ich glaube, dass die alte Uhr nur deshalb um eine Minute vorgeht, weil sie in die Hand genommen und ein bisschen beschmeichelt werden möchte.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein wundervolles Wochenende.

 


 

 

 

 

 

 

22 Gedanken zu „Mit der Zeit . . .

    • Fein ist es Freude zu bereiten – – 🙂
      Ich würde die Uhr gerne mit der Kette an meinen Westen tragen. Sie fällt aus allen Westentaschen leider raus wenn ich mich bücke.
      Haben sich die Männer früher nie gebückt? Die Handwerker beispielsweise?

      Bleiben Sie gesund!

      Gefällt 1 Person

  1. Eine geradezu parabelhafte Geschiche, Herr Ärmel, und wirklich nur Zufall, dass sie passend zur wieder einmal absurd-unnötigen Zeitverdrehung „im Großen“ erscheint? Bestes zum Rest vom güld’nen Oktober vom Neckarstrand, TC

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  2. Ich hab da noch eine Wanduhr mit Westminsterschlag, die pünktlich zur Unterzeichnung des Umzugsauftrages den Dienst eingestellt hat: sie läuft ein paar Minuten, und dann muß sie verschnaufen, bis ich sie wieder wecke. Den Uhrmacher suche ich noch, der sie wieder ans Laufen bringt…

    Dafür läuft die Eterna Vision vom Großvater immer noch zuverlässig. Früher verlor sie jede Nacht drei Minuten, dann während acht Jahren mußte ich sie jeden Morgen um drei Minuten zurückstellen, und jetzt sind es, seit dem Umzug, drei Minuten pro Woche, die sie vorläuft.

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    • Der Uhrmacherberuf mutiert hinüber zu Betteriewechslern in Supermärkten.

      Die Eterna Vivion mit Handaufzug und mit dem klassisch schnörkellosen Chic der 1950er Jahre. Nicht weit entfernt von der Uhr, die Max Bill für Junghans entworfen hat…

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  3. Peter Kraus? Interessant. Ich ächze derzeit in den 80en und ein wenig in den 90en herum. Tears for Fears, späte Queen (Innuendo), Ultravox (Midge Ure), Suede. Mit etwas Abstand manches sehr beatlesk. Naja.
    Von den verloren gegangenen Dingen – Vinyl, mechanische Uhren, analoge Fotografie – beschäftige ich mich derzeit mit letzterem, der erste Film war nix, der zweite ist derzeit in der realen Dunkelkammer, ich bin gespannt und werde berichten.
    Uhren finde ich großartig, allerdings werde ich ohne Erbstück den Weg nicht zurückgehen. Eine eher günstige Automatik (ich weiß: China) verrichtet seit Jahren ihre Dienste, auch wenn 2 der 3 kleinen Zeiger sich mittlerweile frei im Feld bewegen. Mit dem Tausch des Armbandes wird auch das gerichtet. Ich bin seit ich denken kann Armbanduhrträger mit Lederband, ich mag das Metall nicht – und das werd ich auch nicht mehr los. Wenn ich mal an einem Schaufenster kleben bleibe, dann sind es neben gebrauchten Fotoobjektiven die Uhren.
    A propos, die Stunde schon umgestellt?
    Grüße aus derselben Zeitzone, von Apfelland zu Apfelland (und zwischen Quitten) und vor dem Kartoffelsalat (aus der eigenen Küche).

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    • Musikalische Kosmen „ächzend“ zu durchqueren – naja!

      Auf eine Rückmeldung zum zweiten Film bin ich gespannt.

      Ein vormaliger Mitbewohner (Uhrenverkäufer) schenkte mir vor 25 Jahren eine batteriebetriebene Armbanduhr (Lorus). Schwarzes Zifferblatt, ohne Schnickschnack dafür mit einem Kautschukarmband. Lief 25 Jahre ohne Batteriewechsel. War Begleiterin auf drei Erdteilen. In extremen Temperaturen. Klaglos und zuverlässig. Im Frühjahr dieses Jahres gab die Batterie ihren Geist auf. Nach dem Batteriewechsel (8,5 Euronen) lief sie noch zwei Wochen wie gehabt und starb dann wech… So viel zu diesem Thema.
      Meine IWC Kompassuhr trage ich noch immer gerne. Die sieht allerdings schlimm aus inzwischen.

      Ich sende beste Wochenendgrüsse.

      (Blues Traveler – Live from the Fall / 1996)

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  4. Was für ein schöner Beitrag. Und weißt Du was? Wenn sie nicht laufen würde, wäre es auch egal. Sie ist schön und von Deinem Urgroßvater. Das ist die Hauptsache. Und wenn sie sich ausruhen möchte, bitte sehr.

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