Sprichwörter im Lauf des Lebens

Horsche: Kettcar – …und das geht so (2019).
Lesen: Johannes Roth : Gartenlust. Fünfzig Bumenstücke und Anleitungen zur gärtnerischen Kurzweil. München, Keysersche Verlagsbuchhandlung. 1989.
Essen & Trinken: Heute werden die letzten neben der Heizung erröteten Tomaten zu einer köstlichen Tomatensauce gekocht.
Schaffe: Fertigstellung der kompletten Zerlegung und Überarbeitung eines fast siebzig Jahre alten Damenrades.
Gugge: Beeindruckende Dokumentationen über das Oder-Delta und den letzten Rheinfischer. „Altes Land“ – ein Zweiteiler mit schlapper Handlung, dafür aber grossartige Schauspieler und imposante Bilder.

 

Auf auf jetzt! Alle LemmKonsumlinge in die Startlöcher. Und kräftig hecheln und sabbern nicht vergessen. Der schwarze Freitag naht. Im Autoradio schreit es immer lauter und auf/eindringlicher. Kaufen kaufen kaufen. Weh denen, die jetzt nicht zuschlagen und dafür zahlen. Die werden ihre Unzufriedenheiten und Aggressionen (wo)anders oder an anderen loswerden müssen. Zum Beispiel hier.

„Not macht erfinderisch.“ Ein altbekannte Spruchweisheit. Ihren Ursprung konnte ich noch nicht herausfinden. Was mir ergänzend dazu jedoch immer deutlicher vor Augen tritt ist dies: Wohlstand macht träge und verblödet.
Seit Jahren hören ich in unterschiedlichen Zusammenhängen und von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Bildung den fast immer gleichlautenden Satz: Das kann ja so nicht weitergehen. Gemeint ist die kommerzielle und gesellschaftliche Entwicklung unserer Gesellschaft und der Welt ganz allgemein.
Und jetzt bietet eine globale Ausnahmesituation eine Menge Gelegenheiten, manches zu ändern. Und zwar grundlegend. Stattdessen formieren sich Leute, die sich Querdenker nennen. Ein Sammelsurium von Interessen und Überzeugungen, die man niemandem zum Nachbarn wünscht. Faschisten von rechts und links, unbedarfte aber dennoch gefährliche Träumer, die sich in einer  Diktatur wähnen und angeblich seit Monaten im Widerstand leben. Wirrköpfe auf dem Partymarathon. Und diese krude Mischung geht Hand in Hand demonstrieren.
Mir sind Menschen, die aufgrund kritisch hinterfragter Informationen logisch und gradlinig denken lieber. Quer geht der Krebs. Und seine Scheren zwicken unerbärmlich schmerzhaft.

 

„Zusammengezählt wird am Schluss.“ Diese Lebensweisheit begleitet mich seit Jahrzehnten. Deren Herkunft ist mir bekannt. Damals fuhr ich noch Motorrad. Anfänglich alte zentnerschwere Eisenhaufen, die man sich auch als Schüler für kleines Geld aus Schuppen oder Scheunen ziehen konnte. Die Eigentümer hatten längst einen Kraftwagen in der Garage stehen. (Und ihre Frauen freuten sich, dass die stinkenden Knatterdinger endlich aus dem Haus kamen. Da fallen mir gleich einige famose Erlebnisse ein).
Aber es gab auch die älteren Männer, die unbeirrt weiterhin ihr Krad bewegten. Sei es, weil sie keine Fahrerlaubnis für Kraftwagen besassen, oder weil sie eben „schon immer“ Motorrad gefahren sind. Das bedeutete nicht selten, sie waren Kradmelder im letzten Krieg.
Einer ist mir noch gut erinnerlich. Der trieb ein Wehrmachtsgespann von BMW hinter der Front. Aufgepflanztes MG auf dem Seitenwagen. In meiner Jugendzeit fuhr der Mann eine BMW R69. Wenn er die angetreten hatte und auf dem Sattel sass, verwandelten sich für ihn die Strassen zwischen unseren Dörfern in schlammige russische Wege und die Felder ringsum in die Taiga. Ich bewunderte ihn für seine Gleichmässigkeit. Die immer gleiche vorsichtige Fahrweise, die gleichen Kleidungen im Sommer und im Winter, die immer gleiche Sitzhaltung auf dem Bock. Er kannte den Spruch auch. Wenn auch in einem anderen Kontext.

Wir fuhren mit unseren Motorrädern gelegentlich zu Veteranentreffen. Manche fanden auf bekannten Rennstrecken statt. Da konnte man ehedem bekannten Rennfahrern begegnen, die auf alten Rennmaschinen ihre Runden drehten. Und dann die „Benzingespräche“ zwischendurch. Wer weiss, wo man diesen Vergaser oder jene Zündspule für meine Zündapp noch finden kann? Wie löst man dieses oder jenes Problem mit der Schwinge einer 350er DKW? Es gab viel zu lernen.
Einmal sprach mich einer dieser alten Helden wegen meiner kleinen 450er Ducati Desmo an. Technik. Fragen und Antworten. Ob ich wohl einige Runden drehen würde. Ich verneinte. Ich wolle die Maschine (und mich) nicht schrotten. Es ging noch ein wenig hin und her. Im Verlauf unseres Gespräches – und ich erinnere den Zusammenhang nicht mehr – sagte er: „Zusammengezählt wird immer am Schluss“.

In scheinbar tiefster Vergangenheit, also vor etwa siebzig Jahren, waren selbst hubraumgewaltige Rennmotorräder behäbig und langsam im Vergleich zu einer durchschnittlichen Maschine heutzutage. Stürzte ein Fahrer im Rennen und verletzte sich dabei nicht folgenschwer, so konnte er häufig das Rennen fortsetzen. Und mit Können und etwas Glück sogar noch gewinnen. Deshalb wussten es die Rennfahrer damals. Zusammengezählt wird am Schluss.

Im Lauf meines Lebens hat sich dieser Satz so oft bewahrheitet, dass er für mich fast schon zu einem Lebensmotto geworden ist. Er scheint auch treffender als ein anderer Satz, der nur scheinbar das gleiche meint. „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“. In jungen Jahren zitierte ich diesen Satz bei manchen Gelegenheiten. Heute erkenne ich einen fundamentalen Unterschied. Im Zusammenzählen steckt Arbeit und abwarten können; geduldig sein und dranbleiben. Er bezieht sich auf mich.
Im Satz vom zuletzt Lachen steckt zwar auch das Abwarten. Aber wo immer man diesen Satz hört, schwingt doch etwas von Rache oder zumindest Häme mit. Es geht nicht nur um den eigenen Sieg sondern auch um die Niederlage des Gegners.

 

Die französische Fahrradindustrie experimentierte seit den 1930er Jahren mit verschiedenen Rahmenformen. Eine davon hatte ein doppeltes Oberrohr. Die nahe Hanau am Main ansässige Fahrradfabrik Bauer bewarb diese Form als „französisches Modell“. Zusätzlich wurden andere Attribute übernommen, die als französische Eigenschaften wahrgenommen wurden. Diese Fahrräder hatten ein sportliches Design, tief heruntergezogene Schutzbleche aus Aluminium, rutschsichere Pedale aus Metall, serienmässig keinen Ständer und andere Details. Sie waren als Tourensporträder ausgelegt. Seit den 1970er Jahren prägte man den Begriff Mixte für diese spezielle Rahmenform.
Die Fotografien zeigen ein Damenrad. Ein guter Freund war im vergangenen Sommer so freundlich, es beim Verkäufer abzuholen und bei sich zwischenzulagern bis zur Abholung. Nach der kompletten Zerlegung und Überarbeitung ist es wieder fahrbereit. Und es geht auch ohne Gangschaltung ab wie die Luzi. Die optischen Blessuren verschweigen ein langes Leben nicht. Und sie sollen es auch nicht. Anhand der Rahmennummer wurde das Fahrrad 1952 oder 53 produziert.
Sollte einer meiner geschätzten Besucher, Leser oder Gugger ein entsprechendes Herrenfahrrad sichten, so bitte ich um eine umgehende Benachrichtigung.

 

 

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern Gesundheit und eine erfreuliche Zeit. Mit klarem Blick versteht sich. Denn zusammengezählt wird am Schluss.

 

 

9 Gedanken zu „Sprichwörter im Lauf des Lebens

  1. Mein hochlieber Herr Ärmel,

    was für ein furioser Text, mich deucht, da stünden Feinststeilfältchen der Extraklasse im Antlitz des Schreibers! Und das zu Recht. Man kommt aus dem Kopfschütteln ja kaum mehr heraus. Da werden von quer denkenden Menschen Vergleiche bemüht, vielmehr Unvergleichbares herangezogen; echte Widerstandskämpfer und Opfer der nationalsozialistischen Verblendungstäter müßten auferstehen, um diesen Treiben Einhalt zu gebieten! Ich schreibe bewußt keine Namen, mag den Unsinn nicht verbreiten, auch nicht durch Anprangern.

    Unbotmäßiger Konsum macht uns blind und noch gieriger. Weil materieller Besitz zwar durchaus befriedigend sein kann, aber scheinbar nicht wirklich Glück vermittelt, geschweige denn Zufriedenheit. Und in Zeiten, in denen ‚Brot und Spiele‘ nicht mehr als in sich greifendes System funtioniert, polarisieren sich die Wahrnehmungen und daraus entstehen dann absurdeste Handlungen.

    Ein kleines Beispiel aus meiner Blumenwerkstatt: Eine potenzielle Kundin ruft an und fragt nach meinem diesjährigen Advents-Event. Wann das stattfände und ob es wieder lecker heißen Apfelwein und Suppe gäbe. Ich verneine leich irritiert ob des Ansinnens und weise auf die aktuelle Situation hin. Biete ihr freie Termine zum Besuch meiner Adventspräsentation an. Frage nach ihren Floralwünschen. Fehlanzeige. Die Dame wollte nur einen tollen Abend kostenlos verbringen.
    Nun, in meiner Werkstatt bullert zwar ein Ofen vor sich hin, aber zum Hotspot möchte ich sie nicht werden lassen~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Aber ich verplauder mich ja gerade, mein Verärmeltster. Muß flugs noch einen Scheit einwerfen. Sonst erlischt das Feuer. Dazu passend hinterlege ich Ihnen eine Aussage des Herrn Tolstoi, denn auch das Feuer in unseren Herzen darf nie ganz ausgehen: ‚Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge.‘

    In diesem Sinne die herzlichsten Grüße mit Nadelduft und Ofenwärme, ihre Frau Knobloch, ganzherzig zugetan und in sich ruhend herzlichst verbunden.

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    • Meine höchstwertgeschätzte Nahundfernfreundin, Sie beschreiben einen Teil der zunehmenden Abirrungen. Wenn die krankhaften Verhaltensformen zur Normalität werden, dann wird wahr, was ein erfahrener Freund seit Jahren schon ausspricht: „Wir behandeln die Falschen“ – –

      Verplaudern? Sie sich verplaudern? Aber doch nicht in meine Richtung. Ihren famosen Gedanken und Beobachtungen kann ich ohne Unterlass lauschen. Allerdings haben Sie sich mit einem einzigen Worte etwas verplaudert. Das lässt mich umgehend und sofort mit dem uns beiden bekannten Hausmeister in Kontakt treten. Ich wähne und vermute, der Muffelmann weiss was, was ich gerne wissen möchte. Wissen MUSS! (Auch auf jegliche Verplumpsungsgefahr hin).

      Ich werde mich zu gegebener Zeit mit gutem Mute (wieder) bei Ihnen melden und verbleibe als,
      Ihr Ärmel (selbstverständlich bei jeder Wetterlage unvermindert zugeneigt)

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  2. Wunderbare Zeitreise. Vieles was mir bekannt vorkommt: Die alten schwarzen Schlachtrösser, die sich in den 70ern in Schuppen und Scheunen finden ließen. Die Versuche, sie wieder ans Laufen zu kriegen. Die Bewunderung für die alten Recken auf ihren bullerigen Maschinen. Die Elefantentreffen. Ja, und der verlorene Krieg, der allgegenwärtige. Ein Mixte-Fahrrad kaufte im mir als erstes eigenes Rad, als Schüler, bei Kaufhof für 300 Mark, weil ich es so elegant fand und fuhr damit nach Frankreich.
    Die alten Bauer-Herren-Fahrräder, 26″ fahren hier in Berlin viel, denn sie wurden in den 60ern als „Senatsreserve“ eingelagert und ungebraucht in den 90ern verscherbelt. Aber deins ist besonders schön. 🙂

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    • Ach ja, das Elefantentreffen auch noch… Die Knie mit Zetungsblättern umwickelt, weil die untauglichen BlueJeans sein mussten und nicht warmhielten.
      Die Auflösung der Berliner Senatsreserve habe ich zwar mitbekommen. Nicht aber die Fahrräder marke Bauer. Dafür NSU. Wollte ich aber nicht. Damals war ich ausserdem auf MTBs von Koga Miyata und Kuwahara unterwegs. Die Kuwaharas laufen noch immer, ohne dass ausser Pflege und Luftdruckkontrolle da irgendetwas dran gemacht werden musste in all den Jahren.

      Mit dem Rad nach La France stelle ich mir abenteuerlich vor. Damals. Ich bin mal am Rhein Seitenkanal von Neuf-Brisach bis Strassburg und dann am Rhein bis hierher hochgeradelt.

      Danke schön fürs Kompliment; ich gebs der alten Bäurin gerne weiter 😉

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  3. Was mir bei diesen Demonstrationen, auf denen ja immer die Freiheit und die Bürgerrechte hochgehalten werden, zu denken gibt: Was hört man von diesen Leuten zur Vorratsdatenspeicherung? Oder zu den immer schärferen Polizeigesetzen? Rechte Umtriebe im Sicherheitsapparat? Oder dazu, daß dessen Angehörige unsere gewählten Abgeordneten vorführen, wie gestern vor dem Untersuchungsausschuß zum Breitscheidplatz? – Aber eine Maske tragen ist echt schlimm, nee is klar.

    „Freiheit“ meint hier vermutlich „Freie Fahrt für freie Bürger“, also Carte Blanche für Rücksichtslosigkeit.

    Ich verstehe unter „Freiheit“ etwas anderes.

    Beste Grüße,
    Thomas Rink

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    • Lieber Herr Rink, Ihre Worte gehen mir runter wie Honig. Ich verstehe unter Freiheit immer auch eine gewisse Verantwortlichkeit, die mit ihr zusammengeht. Bei dem was derzeit geschieht, verstehe ich die Freiheit der Kinder. Spielen und tun und lassen können, wie es enem gerade so einfällt…

      Schöne Grüsse nach Nordwesten,
      Herr Ärmel

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  4. Ihren Text las ich mit Interesse. Meinen Führerschein machte ich nämlich seinerzeit ebenfalls auf solch einer BMW R69* mit Fahrradsattel, welche der Mann in Ihrer Jugendzeit fuhr. Und “Zusammengezählt wird am Schluss“, stimmt genau! Mittlerweile bin ich selber Veteran, genauso wie meine antiquierte 1995er K1100RS die zwar inzwischen 112.000 Kilometer am Tacho hat aber noch immer artig läuft, denn: zusammengezählt wird erst am Schluss, und der ist noch nicht in Sicht. “Alt“ heißt bekanntlich noch lang nicht “schlecht“ ; )
    Gruß, aus Wien

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