Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)

Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

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Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

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Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

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Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

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Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

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Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

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Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

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Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Mrs. Turner piep´ einmal…

Frische, luftige Melodien und zum Fliegen schön: Rich Hopkins & Lisa Novak – Loveland (2008)…

Das zarte Stimmengewirr schien aus etwa drei Metern über uns zu kommen. Es gehört nicht zu meinen Angewohnheiten andere Gespräche zu belauschen. Bald wurde es auch wieder ruhiger. Kommunikationswogen. Stimmen wurden lauter, dann ebbten sie wieder ab. Mrs. Turner sollten wir erst später persönlich kennenlernen.

Ich habe mich von einem weiteren Blogmenschen verabschiedet. Über die Kommentare hinaus entspann sich ein privater, lockerer Mailwechsel. Ich kann den Zeitpunkt nicht genau benennen, aber irgendwann wurde es richtig unangenehm. Höflichkeit und Respekt sind auf das menschliche Gegenüber bezogen. Wenn die Selbstbezogenheit und Geschwätzigkeit überhand nimmt, beginnen Anzüglichkeiten und Übergriffe. Geben und Nehmen bilden Harmonien, Einseitigkeiten stören die Balance in den menschlichen Beziehungen.

Schon vor dem Frühstück war der lebhafte Austausch bereits wieder zu vernehmen. Wir schauten nach oben. Ja, von dort scheinen die Laute zu kommen. Waren sie verhaltener als gestern? Da sahen wir vor unseren Füssen die kleine Amsel liegen. Das Köpfchen unmässig nach hinten verdreht. Genickbruch als Folge des Sturzes aus dem Nest.

Aber da war noch ein Fiepen aus einer anderen Richtung zu hören.
Und richtig, es ertönte aus dem Korbgestell unten am Boden. Da sass zwischen Pflanzbehältern und der Keramikschnecke eine andere kleine Amsel. Ein kleine Flaumkugel. Wir nahmen uns gegenseitig wahr. Es war eher Offenheit und Verwunderung als Vertrauen. Jetzt nur vorsichtig sein. Annäherung lediglich aus sicherer Entfernung mit einem Teleobjektiv. Mrs. Turner soll sich keinesfalls erschrecken. Und die alten Amseln müssen hier im Hof in der Lage bleiben, ihren Nachwuchs zu füttern.

Es ist der Respekt und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Nur das zu nehmen, was der andere zu geben bereit ist. Es fällt natürlich schwer, auf einen anderen Standpunkt zu verzichten, der eine schönere Bildkomposition erlauben würde. Aber dadurch würde das kleine Lebewesen unnötig erschreckt werden. Im Verlauf von drei, vier Tagen wächst die Achtsamkeit für das junge Vögelchen. Wenn jemand mit einem Hund den Hof betritt, ist ein Hinweis notwendig; ebenso bei Menschen, die scheinbar blind und taub für ihre nächste Umgebung sind.

Den Geschwistervogel von Mrs. Turner sehen wir nicht. Da Amseln immer mehrere Nester bauen, haben ihn seine Eltern in ein anderes Nest im Hof des Nachbarn gelockt. Von dort sind seine Rufe nach Futter zu hören. Mrs. Turner wird schnell beweglicher. Hüpft auf dem Boden herum. Sitzt manchmal vor der Tür zum Ladenlokal. Dann heisst es aufpassen auf Menschen, die nichts sehen als das Konsumziel.

Die weitgehend reduzierte Wahrnehmung, in diesem Fall auf ein schützenswertes Lebewesen, öffnet andererseits die Sinne ungemein. Eine Woche mit einem kleinen Vogel ersetzt ein teures Meditationsseminar in romantischer Umgebung und mit allerlei Tamtam drumrum. Selbst das Geraffel beschränkt sich bloss auf die Kamera mit dem leichten Teleobjektiv. Da die Amselmutter sehr zutraulich ist, überträgt sich das offensichtlich auf Mrs. Turner.
Die ersten Flugversuche erscheinen den Menschen belustigend. Da die Schwanzfedern noch nicht ausgebildet sind, sind nur kurze Geradausflüge möglich. Aber dennoch gelingen schon erste, wacklige Landungen im raschelnden Efeu.

Iiiiieeeersch. Ein langer, durchdringend schriller Schrei. Im Hof stehen zwei Frauen. Könnten dem Aussehen nach Mutter und Tochter sein. Iiiiieeeersch. Noch länger und gellender diesmal. Die beiden Frauen schauen zu der Bank, auf deren Lehne Mrs. Turner gerne schläft. Ich fahre auf und sehe den kleinen Irrwisch, wie er im Schreien nun nach Mrs. Turner tritt und sie nur knapp verfehlt. Mutter und Grossmutter schauen stumm zu und erschrecken genauso wie der kleine Bankert als ich die Ladentür aufreisse und ihn anschreie, dass man nicht nach einm Tier tritt. Nun erwacht die Mutter endlich und sagt dem Sohn, dass der kleine Vogel vielleicht krank ist. In all den Wundern, die wir in den wenigen Tagen erleben dürfen, wohnen auch immer die schattigen Anteile des richtigen Lebens. Wo es hell leuchtet und Erkenntnis möglich ist, lebt um die Ecke der dumpfe Mief der Gleichgültigkeit.

Mrs. Turner beginnt ihren Flaum zu verlieren, indem sie sich putzt. Flügel oder Beine nach hinten zu strecken erfordert Gleichgewichtsgefühl, sonst fällt man um. Diese Entwicklungsschritte erledigen sich ungemein rasch. Reinlichkeit und Beweglichkeit greifen Hand in Hand. Uns fallen dazu die klaren Gedanken ein, die Voraussetzung sind für ein seelisches Gleichgewicht. Im blossen Wahrnehmen und Beobachten von Mrs. Turner fallen uns alle mögliche Metaphern zum menschlichen Verhalten ein. Mrs. Turners Verhalten und Entwicklung zu beobachten wird für uns zu einem bereichernden Lehrstück.

Bleiben am Morgen die gewohnten zarten Rufe aus, stellt sich ein sanftes Vermissen ein. Am Abend zuvor stellte Mrs. Turner ihre ersten Höhenflugversuche an. Die Schwanzfedern sind jetzt etwa zwei bis drei Zentimeter lang. Einem Menschen im Hof konnte sie nachmittags bereits in einem eleganten Bogen ausweichen.
Amseln sind Nestflüchter. Wenn der Amselvater aufhört mit dem Füttern, wird er beginnen, sein Revier zu markieren. Er zwitscherschimpft ohnehin zunehmend.

Zurück im Ärmelhaus rufe ich an, um mich nach Mrs. Turner zu erkundigen. Die Amselmutter lockte Mrs. Turner im höher. Auf eine Stromleitung. Von dort zu einer Dachrinne. Auf das zugehörige Vordach. Und höher auf den Giebel des Nachbarhauses. Es sei wieder ruhig geworden im Hof. Einzig die vielen kleinen Hinterlassenschaften erinnerten noch an Mrs. Turner.
Amseln brüten bis zu drei Mal im Jahr. Sollte es sich also fügen zu einem weiteren Besuch.
Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns dann nochmals den wunderbaren Film Mr. Turner ansehen. Der Gesichtsausdruck und Blick des Schauspielers Timothy Spall und seine häufig lediglich tonalen Äusserungen regten uns zur Amselbenamung an.

(Fotografie anklicken und grösser sehen. Die Fotografien sind alle freihand bei teilweise trüben Lichtverhältnissen aufgenommen. Insofern zählt hier nur der dokumentarische Charakter. Olympus OM-D E-5 Mk II, Zuiko 40-150, 1:4 – 5,6)

Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Radikalrengdeng-iiiiiihhhh-wemmdeng ~~~ dengdeng!

Beim heutigen Thema wäre ein ruhiger, getragener Trauermarsch angemessen. Stattdessen doch lieber frühlingslebhafter:
Beatsteaks – Muffensausen (2013)…

Es ist nicht mehr zu übersehen. Beim Anblick dieser eigenartigen Reduktion will sich bei mir keine bereichernde Fülle einstellen. Doch, halt – meine Fragen mehren sich. Man kann diese Form der Reduktion sehen als Minderung. Auf hundert Kilometer entlang der Autobahn. An anderen Strassenrändern auch. In Wäldern und an deren Säumen. Neben Gehwegen, öffentlichen Grünanlagen und in Parks. Selbst an Garagenauffahrten. Es geht ein Kahlschlag sondergleichen um im Land.

Einige werden sich an der Stirn kratzen. Kettensägenaktien. Das wärs gewesen. Denn Deutschland probt den Kahlschlag. Da wird gesägt, gehackt und gefällt auf Deibel komm raus.
Dass Kulturlandschaften der Pflege bedürfen ist nur natürlich. Die Frage stellt sich allerdings, wie die Pflegemassnahmen gestaltet werden. Hat man einen Spreissel im Finger, muss nicht gleich der Unterarm amputiert werden.
Genau diesen Eindruck aber vermitteln viele Bäume beim näheren Hinsehen. Denn die meisten Bäume, die ich selbst in Augenschein genommen habe, waren kerngesund. Im ursprünglichen Sinn des Wortes. Zudem fällt unangenehm auf, dass manche Bäume als meterhohe Stammleichen enden. Wer denkt sich diesen Irrsinn aus?
Merkwürdig finde ich überdies, dass man in verschiedenen Bundesländern die gleichen traurigen Resultate dieser Kettensägenmassaker sehen kann. Hinter dem infernalischen Radau könnte man eine konzertierte Aktion vermuten.

In den Momenten weichenden Entsetzens frage ich mich inzwischen, ob es irgendeinen Zusammenhang geben mag zwischen den Wahnsinnsrodungen und den Instandsetzungen beschädigter Brücken. Es scheint, in Deutschland sei derzeit jede zweite Brücke vom Einsturz bedroht. Die Kettensägenarmeen dienen dabei vielleicht zur Kompensation in Bau- und Grünämtern. Wenn schon alle Brücken beschädigt sind und folglich instandgesetzt werden müssen, da wollen wir doch mal der Natur und besonders den Bäumen zeigen, wer die Herren der Sägen sind. Nur der Erfolg wird bewundert. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.
Es mag metapyhsisch klingen, aber vielleicht handelt es sich auch um eine Geräterevolution der Kettensägen gegen die überhandnehmende Herrschaft von Laubbläsern und -saugern. Dabei werden die Sägenbediener durch das schrille Kreischen der Sägen zu nervösem Aktionismus verführt. Wer weiss schon gemau, was in den Seelen einer Motorsäge vor sich geht.

Am Rand eines Kurparks wurde eine ganze Reihe kerngesunder Eiben ohne Hirn und Verstand wirr zusammengesägt. Am tiefsten beeindruckt hat mich dort eine amputierte Eibe. Ein fühlender Mensch hat einen schlichten Blumenstrauss auf dem noch lebenden Stumpf abgelegt. Und die Eibe begann zu weinen.

Beim letzten Waldspaziergang in Begleitung eines Liebmenschen war es immerhin ein kleiner Trost,  recht merkwürdigen Gestalten zu begegnen. Knolliger Erdrauch, Zottelhose und Donnerfluch, so die Namen der Gesellen. Und die Schönheit des Frauenschüchleins konnte bei allem Liebreiz ihr giftiges Wesen nicht verbergen. So eine falsche Osterluzei aber auch.

(Die Trauergalerie öffnet sich beim Anklicken einer Fotografie)

 

Saugtulpen über Singvögeln seitwärts

Nun ist schon wieder ein Gutteil des Jahres vergangen und endlich hat mich eine aktuelle Scheibe ergriffen. Warum, das wird sich bestimmt noch herausstellen. Bis dahin dreht sich dauerrotierend: Me and That Man – Songs Of Love and Death (2017)…

Vor einigen Wochen erhielt ich den kleinen Zettel. Du könntest mal deinen Petter anrufen. Das letzte Mal begegneten wir uns bei der Beerdigung meiner Got. Auf dem Zettel stand seine Telefonnummer. Ich habe das geplante Telefonat mehrfach hinausgeschoben. Nun ist es zu spät. Der letzte Engel meiner Kindheit hat sich die Flügel umgeschnallt. Mögen sie ihn damit erkennen und gut aufnehmen im Anderland.

Blogs verfolgen, Beiträge zur Kenntnis nehmen, über Kommentare auf dem Laufenden sein – der elektronische Rechenknecht hatte zunehmend zu tun. Und mir wurde die Kontrolle immer lästiger. Dass es auch anders geht, und vor allem, wie man sich wieder Ruhe und feine Freizeit verschafft, dafür danke ich Ihnen weiterhin herzlichst, aber das wissen Sie ja ohnehin.
Der dadurch gewonnene Abstand zur Bloggerei sorgt für schönste Erhellungen. Und andere Lektüren. Jörg Schröder beispielsweise schrieb: „Schreiben Sie wie die Leute reden. Die Leser wollen etwas aus dem Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife bestanden haben“ (Schröder, Kriemhilds Lache).
Und genau dort liegt nach meiner Kenntnis in vielen Blogs der Hund begraben. Da auch ich mich mit meinem Blog in der Öffentlichkeit präsentiere, weiss ich schliesslich, wovon ich rede wenn es um Eitelkeiten geht. Ich bin kein Bewohner von Bloggerhausen. Und die Mentalität der Hingabe für Hergabe ödet mich an. Weniger schreiben und wieder mehr lesen. In Büchern. Und in den Kladden eigener Aufzeichnungen spazierengehen. Tintenhandschriftlich mit Menschen aus Fleisch und Blut verkehren. Der Bildschirm als Gegenüber ist kein Ersatz für das wirkliche Leben.

Im Zug sass mir gegenüber einer dieser typischen Nerds. Notenbuch auf dem Schoss und zwei Handfesseln vor sich. Ein mit beiden Händen dauerbeschäftigter Mensch über Stunden. Normalerweise fällt mir zu solchen Anblicken sofort eine bissige Bemerkung ein. Aber ich habe mich letzthin wieder an das schöne Beispiel von Jesus und dem toten Schäferhund erinnert.
Ich nehme den Mann wahr und siehe, auf dem Deckel seines Kleinrechenknechts pappen einige Aufkleber. Auf einem steht ein Satz, ein Mantra geradezu, das zu den interessantesten Gedankenausflügen anregt: „Es gibt Leute, die glauben, es gäbe eine Cloud. Aber es gibt bloss die Computer anderer Leute.“

Ostern steht vor der Tür. Ich habe viele Gründe froh zu sein. Ich bringe es bloss noch nicht mit dem anstehenden Fest zusammen. Vielleichts wirds noch. Bis dahin meditiere ich den Spruch des Graffitis, den ich letzthin sah: „Leute in meinem Alter sollten sich überlegen, in welchem Zustand die Welt sein soll, die sie Keith Richards hinterlassen wollen.“

(Foto anklicken – die Galerie ist rund um die Uhr geöffnet)