Rock’n’Roll : Bundeskanzler und Bundesstrassen

Es war das erste Konzert, bei dem ich im Publikum echte Rock’n’Roller erlebte. Irgendwie aus der Zeit gefallen und scheinbar stehengeblieben, die alten Herren mit den pomadisierten Entenschwänzen und völlig unförmigen Lederklamotten aus den 50er Jahren. Am Ende des Konzerts lag das Sitzmobiliar auf einem grossen Haufen als Kleinholz mitten in der Halle. Wir Kleinstadtbuben waren mächtig beeindruckt. Es geschah bei einem Auftritt von Chuck Berry. Die Veröffentlichung seiner letzten Scheibe erlebte er leider nicht mehr. Nichts wirklich Neues, aber die Stimmung kommt bei den meisten Stücken noch immer rüber: Chuck Berry – Chuck (2017)…

Die Aufregung um seinen Tod ebbt offensichtlich schnell ab. Gut so. Was ich von ihm gelernt habe und ihm verdanke, ist das Recht auf Vergessen. Mehrere Prüfbegegnungen mit deutschen Behörden liefen für mich dadurch positiv, weil ich mich auf das Recht des Vergessens berief. In meinen Fällen ging es allerdings weder um Parteispenden noch um andere moralisch zweifelhafte Handlungen.
Es geschah zufällig während seiner Amtszeit als Bundeskanzler, dass den Besatzungsmächten die Bewachung und Bevormundung der beiden Deutschlands zu teuer geworden war. So ist der Lauf der Geschichte. Er war ebenso wenig der Macher der deutschen Wiedervereinigung wie Ludwig Erhard der Vater der DM gewesen ist oder irgendetwas zum sogenannten deutschen Wirtschaftswunder beigetragen hat. Aber das schlichte Gemüt des Alltagsmenschen in uns liebt eben historische Verklärungen statt der echten alten Volksmärchen. Die Historiker dagegen sprechen eine andere, eindeutige Sprache.
Was ich ihm noch immer verüble, ist das uneingelöste Versprechen blühender Landschaften im Osten Deutschlands. Denn auch ich im Westen verband Hoffnungen mit der Wiedervereinigung. Nämlich mindestens das Ende des politischen und kulturellen Tiefschlafs in Deutschland und damit das ersehnte Ende der Herrschaft Kohls.
Welch ein böses Erwachen, als die Menschen im Osten Deutschlands ausgerechnet seine Partei erneut zur stärksten Kraft machten und damit seinen Freunden, den windigen Wendegeschäftemachern und absahnenden Kahlschlägern Tür und Tor öffneten.
Aber das ist lange her. Jetzt beginnen die Legendenschmiede mit ihrem Gedengel. Das interessiert mich nicht. Mir ist wichtiger, dass ich endlich den Osten meines Landes bereisen und Menschen kennenlernen kann. In den Gesprächen dabei kann ich viel von den Menschen lernen und meinen indoktrinierten Blick auf die ehemalige DDR endlich korrigieren.

Zu Beginn der 1930er Jahre nummerierte man die Fernverkehrsstrassen in Deutschland. Diese folgten häufig alten, manchmal sogar jahrhundertealten Handelswegen. Vereinfacht kann man sagen, umso kleiner die Ziffer, desto länger die Strasse. Die Reichsstrasse 1 (R1) beispielsweise führte über fast 1400 Kilometer von Aachen bis nach Eydtkuhnen an der damaligen deutsch-lettischen Grenze. Daraus wurde im Lauf der Geschichte die heutige B 1, die jetzt von Aachen nach Küstrin-Kietz an der deutsch-polnischen Grenze verläuft.

Der Fernreisende ist gewohnt, das weithin gut ausgebaute deutsche Autobahnnetz zu nutzen. Hohe Geschwindigkeiten versprechen Zeitersparnis. An diese versprochene Wirklichkeit kann ich mich noch gut erinnern. In knapp vier Stunden Fahrzeit von Frankfurt nach Hamburg oder nach München waren fast immer möglich. Das ist lange her. Kilometerlange Baustellen und Karawanen von Lastkraftwagen bedingen erhebliche Geschwindigkeitsreduktionen bei enorm erhöhtem Zeitaufwand. Warum also nicht zur Überwindung einer längeren räumlichen Distanz wieder einmal eine der vielen Fernverkehrsstrassen benutzen. Beispielsweise die B 6, die alte R 6. Sie führte ursprünglich von Bremerhaven nach Görlitz. Und nach der Besetzung Polens ab 1939 gar bis Breslau. Nach dem zweiten Weltkrieg endete die B 6 an der deutsch-deutschen Grenze bei Goslar und wurde in der DDR als F 6 (Fernstrasse 6) vom Harz bis nach Görlitz weitergeführt. Derzeit verläuft die B 6 von Bremen nach Görlitz. Oder umgekehrt.
Wir entschieden uns gegen die übervolle, verstopfte Autobahn A4 und nahmen dafür die B 6 westwärts. So viele Attraktionen warten entlang der Strecke. In Löbau das von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke, das entsprechend der Vorgaben des Nudelfabrikanten Schminke an seine Vorliebe für Schiffe erinnern sollte. Orts- und Stadrdurchfahrten, bei denen es mehr zu sehen gibt, als man aufnehmen kann. In Dresden beispielsweise das ehemalige Fabrikgebäude der Zigarettenfabrik Yenidze.
Seinerzeit im alten Morgan fuhr ich viel öfter auf Fernstrassen. Eine Fahrt von zwei- bis dreihundert Kilometern auf den grossen Bundesstrassen dauert kaum länger als die gleiche Strecke auf der Autobahn. Obendrein fährt man entspannter und hat einen breiteren Raum, den man sehend erfassen kann. Einzig die Verführungen (nicht nur für Fotografen) entlang der Strecke, die Baudenkmale, verlockende Gasthäuser an alten Strassenkreuzungen und malerische Landschaften können die Reisezeit verzögern. Aber selbst dies wird man am Ende als Gewinn für sich verbuchen können.

(Bild anklicken und die Galerie öffnen)

 

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Reduktionsverfahren

Er fuhr einen TR4A und ich einen +8. Wir trafen uns an einer Tankstelle und kamen gleich ins Gespräch. Über unsere Liebe zu alten Engländern. Ein Auto nur so zum Spass würde ich heute nicht mehr fahren. Ich gäbe aber was drum, könnte ich ihn nochmals auf der Bühne sehen. Vor Jahren zu früh verstorben: Volker Kriegel – Houseboat (1979)…

Im Zug meiner Reduktionsversuche ergeben sich zunehmend aufschlussreiche Gespräche. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich darüber Gedanken machen, sich auf die oder andere Weise zu beschränken. Dem angeblich ewigen Wachstum zu widerstehen.
Beispielsweise auf Fernreisen zu verzichten und das eigene Land kennenlernen. Was mich dennoch überrascht, dass doch relativ wenig gebraucht gekauft wird. Dafür braucht es allerdings Geduld. Wer alles gleich und sofort haben will, der wird mit den Gebrauchtangeboten schnell enttäuscht sein. Wer hingegen mittelfristig plant und entsprechend Zeit mitbringt, der kann die schönsten Erfolge verbuchen. Und es gibt fast alles als gebrauchte Gegenstände.

Das digitale Altgeraffel findet nach und nach neue Besitzer. Dadurch werden hier die eigenen Bestände aktualisiert. Es gibt Dinge, die kauft man am besten gebraucht. Technik sowieso. Da gibt es auf beiden Seiten Gewinner.
Die Mail mit der Lieferungsankündigung enthält eine merkwürdige Frage: „Sind Sie auch Kunde bei x***x? Damit ist eines der sogenannten sozialen Netzwerke gemeint, auf die offensichtlich kein Unternehmen mehr verzichten kann. Das Wort Kunde finde ich aber beeindruckend. Sofort trabt meine Fantasie Richtung Strassburg zum Europäischen Gerichtshof. Die einzige Instanz, die uns noch einigermassen gegen die uns aussaugenden Datenvampire schützt. Gelegentlich jedenfalls.
Es wäre wünschenswert, denke ich mir, wenn man den üblichen Netzwerken ab sofort untersagen würde, ihre Registrierten als Mitglieder zu bezeichnen. Denn Mitglieder sind sie mitnichten. Stattdessen müssten alle dort Mitmachenden Kunden genannt werden. Dann würde manchen vielleicht ein Licht im Kopf aufgehen, was er oder sie für die Hergabe privater Daten eigentlich geliefert bekommt ausser Illusionen.

Nein, ich habe keine Angst vor dem, was manche Menschen weltweit anrichten. Im Prinzip sind wir doch alle Zeitbomben. Die meisten von uns entschärft der Tod. Aber eine einzige querschiessende Zuckerverbindung im Hirn und schon dreht ein Mensch durch oder ein anderer läuft Amok. Insofern bin vorsichtig und zeige nur zaghaft mit dem Finger auf andere Menschen.

Hinweisen möchte ich noch auf eine kleine, aber feine Ausstellung. Werke verschiedener Künstler in ganz unterschiedlichen Techniken. Darunter befinden sich auch einige meiner Fotografien.

 

(Was die Fotografien mit all dem zu tun haben? Eins anklicken, die Galerie betreten und für jede der Fotografien statt der statistischen vorbeihuschenden elf Sekunden ruhig zwanzig Sekunden aufwenden und genau hinschauen. Der Gewinn wird sich einstellen.)

 

Ehrenreduktion zur Scheuklappenerweiterung

Was den Mittelalterfans in England Cornwall ist, ist den Progrockfreunden die sogenannte Canterbury Szene. Softmachine, Egg, Matching Mole, Khan, Wilde Flowers, Gilgamesh, Soporifics, Delivery, Gong, National Health, Centipede, Hatfield & The North und wie die Bands alle hiessen. Im Zug des Reduktionsprozesses wird sich zeigen, von welcher Musik ich mich weiterhin begleiten lassen möchte. In den letzten Tagen wurde bereits viel Egotripspreu vom Klangweizen getrennt. Bleiben wird auf jeden Fall schon wegen der illustren Besetzung mit Mick Taylor, Steve Winwood und Mike Oldfield: Gong – Downwind (1979)…

Unter meinem Bürofenster treibts einen Efeu sonnenwärts. Eben bleibt die Ilse aus der Nachbarschaft daneben stehen. Eines ihrer vierbeinigen Lebendspielzeuge kackt in den Efeu. Der edle Kot bleibt natürlich liegen. Als nachbarschaftliches Geschenk vermutlich. Die Frau ist heftig tätowiert. Nicht unbedingt ästhetisch, dafür aber von Kopf bis Fuss gestochen und genagelt. Auf ihrem ebenso breiten wie freizügigen Dekolleté lese ich „Ehre im Herzen – Hass in den Fäusten.“

Wie oft ich wohl schon über den Begriff Ehre nachgedacht habe in meinem Leben. Als Kriegsdienstverweigerer begann es in einer Verhandlung. Da kam der Begriff auf und ich verstand ihn nicht. Verstehe ihn heute noch nicht richtig, zumindest in den Kontexten, in denen er zumeist gebraucht wird. Mir fehlt wahrscheinlich ein bestimmtes Gen in religiöser, nationalistischer oder rassistischer Scheuklapprigkeit.

Ich bin früh wach. Pfingstwochenende. Die Ausschüttung des Heiligen Geistes. In tausend Zungen reden. Harry Haller wünschte sich im Steppenwolf „O, dass ich tausend Zungen hätte“. Diese allerdings zu anderen Zwecken.
Ich freue mich auf den Besuch und bin schon sehr früh auf dem Weg zum Mainzer Markt. Die besten Kräuter für die Grie´ Soss´ gibts bei der Marktfrau meines Vertrauens. Ich bin noch zu früh. Alles irgendwo in Kisten.
Ich fahre runter zum Rheinufer. Enten dösen auf den Steinstufen. Jogger erschrecken gurrende Tauben. Das Marinedenkmal. Hundertmal wahrgenommen jedoch nie genauer in Augenschein genommen. Ich lese die eingemeisselten Texte auf den vier Seiten des Sockels. Und ich habe die Kamera nicht dabei. Also später nochmals in die Stadt radeln.

Auch bei den Inschriften gehts um Ehre und ehrenvoll. Wie kann ein Schiff ehrenvoll sinken und was soll ich mir unter der Ehre deutschen Kreuzergeistes vorstellen? Die S.M.S. Mainz war ein leichter Kreuzer. In die Schlacht mit englischen Schiffen geriet er wegen strategischer Fehler auf deutscher Seite.
Betrauert werden 163 Seeleute, die den Heldentod starben. Nicht erwähnt auf den Inschriften werden die 348 Seeleute der Besatzung, die von den Engländern gerettet werden können, obwohl die Deutschen ihr Schiff in letzter Minute noch versenken, um es den Engländern nicht in die Hände fallen zu lassen. Unter den Geretteten befand sich auch Wolfgang von Tirpitz. Der Sohn jenes Grossadmirals, dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. den Floh ins Hirn setzte, dass man sich nur mit einer starken Flotte zur Weltmacht aufspielen könne. Und der glaubte das nur zu gerne. Hatte er doch seinem Volke schon bei seiner Thronbesteigung 1892 versprochen: „Ich werde Euch herrlichen Tagen entgegenführen.“
Entsetzt hat mich allerdings die vierte, die zum Rhein hin sich befindende Inschrift. Darauf wird den nachfolgenden Geschlechtern ein „Nacheifern“ empfohlen. Kriegsverherrlichung. Wieso wird derlei nicht entfernt?
Vorbilder gibt es ja. Das deutsche Weintor beispielsweise. Wenn man heim ins Reich kam – damals – erblickte man den Adler recht über dem Portal. In seiner rechten Klaue hält er einen Lorbeerkranz. Und darin war das unselige verhakte Kreuz gemeisselt. Das Kreuz hat man wieder herausgehauen nach dem Untergang. Es ist zwar so gemacht, dass man es wieder zum Vorschein bringen könnte, aber wer schaut schon so genau hin.
Und die rheinwärts angebrachte Inschrift liest wahrscheinlich auch niemand, der eines der Ausflugsschiffe ins Mittelrheintal besteigt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass sie an diesem langen Wochenende von Pfingstochsen verschont bleiben möchten.

(Fotografien lassen sich durch Anklicken vergrössern)

Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)

 

Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)

Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

i
Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

ii
Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

iii
Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

iv
Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

v
Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

vi
Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

vii
Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)