Gelegentlich Feste feiern – das Leben immer feiern

Für die Strassen unter einem sonnigblauen Himmel : der unglaubliche Ärmelmix. Musik aus vier klingend erlebten Jahrzehnten…

Ein grosses Fest steht vor der Toreinfahrt. Die Vorbereitungen dafür laufen, wie jedes Jahr, bereits seit längerer Zeit. Spätestens wenn nach den letzten erfolglosen Anpreisungen mit Billigpreisen kein Mensch mehr einen Schokoladennikolaus kaufen will, beginnt das grosse Umschmelzen. Vergleichbar der Wandlung in der Liturgie wenn aus Fleisch Oblaten werden und aus Blut Wein. Spätestens dann verwandelt die Süsswarenindustrie Nikoläuse in Osterhasen.

Das christliche Fest der Zuversicht und Hoffnung. Und drei freie Tage. Zeit für eine Kurzreise. Überall werden sich Menschen treffen. Ich freue mich schon auf die gesellige Runde. Ein heiteres Zusammensein. Gespräche über dies und das. Unterhaltsam und besinnlich je nachdem. Essen und Trinken an einer reich besetzten Tafel. Die menschliche Nähe verbindet. Eine Atmosphäre des Frohsinns.

Die Frage liegt in der Luft und man kann sie förmlich greifen. Welche menschliche Nähe erfahren die unzähligen Menschen, die in den kommenden Tagen (und nicht nur dann) alleine vor ihren Bildschirmen sitzen oder mit aufgeregt nervösen Fingern ihre Handfesseln bestreichen. Medial vorgetäuschte menschliche Nähe. Kommunikation sicherlich. Aber die gegenseitigen AugenBlicke fehlen. Berührungen, Gesten, der Klang der Sprache. Das Lächeln. Scheinbare Verbindungen, in denen man dennoch unverbindlich bleibt. Weil man selbst masslose Forderungen im Herzen trägt ist es besser, selbst unsichtbar zu bleiben. Was bleibt hinter der Maske, ist die Sehnsucht. Auch in der Sehnsucht wohnt eine Sucht.

Der Himmel ist wunderbar blau. Ich schneide Efeu auf der Au. Das Geraffel ist verpackt und die kleine Reisetasche steht bereit. Ich bringe einen Kuchen mit. Haareschneiden am Karfreitag passt. Alte Zöpfe taugen wenig. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern bunte und gesellige Tage. Und denken Sie angesichts der aktuellen Diskussion nach dem neuesten unglaublichen Datendiebstahl daran : der beste Datenschutz in den sogenannten sozialen Netzwerken – sich garnicht erst anmelden. Darauf verzichten können und sich dafür mit wirklichen Menschen in der wirklichen Welt verbinden. Das zählt und das zahlt sich aus.

 

(Photographien selbsterklärend – anklicken macht gross)

 

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Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

Beiläufig : Tendenzen gleichbleibend bis steigend

Ein kerniges Müsli ziehe ich einer glibberigen Himbeergarnichtgöttlichspeise allemal vor. Statt René Rilke also Gottfried Benn : Ausschnitte des kompletten von ihm selbst gelesenen Hörwerks. Manche seiner Gedichte stelle ich mir als die vorletzte Rettung vor auf einer einsamen Insel:

„Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.“

Tendenz steigend: Agression und Tumbheit. In der dreissiger Zone entdecke ich in entgegengesetzter Fahrtrichtung eine mobile Radarkontrolle. Ein Stück weiter kommt mir ein grosser Wagen entgegen. Ich gebe ein warnendes Lichtzeichen und die allseits bekannte Flachhandbewegung. Die sofort folgende Lichtschau des Autos verblitzt mir die Augen, sodass ich dem todbringenden Hassblick des sportlichen Fahrers gerade noch entgehe. Als ich die Augen blinzelnd wieder öffne, blitzt das Radarlicht hellrot hinter mir auf.
Kurz darauf muss ich an einer Ampel anhalten. In der Querrichtung rechts die Ampel schaltet auf Grün. Der Motorradfahrer will links abbiegen. Legt seine Maschine locker schräg und setzt sich fast neben die Sitzbank. Ganz so, wie wir es vom Motorradrennen kennen. Prima After Breakfast Show. Während ich noch denke, dass er jetzt ganz viel Glück braucht, um seine Gedankenlosigkeit auszugleichen, schrappt auch schon haufenweise Plastik über den morgenfeuchten Asphalt. Der Fahrer rollt waagrecht hinterher. Aufrecht stehend wäre das eine aufsehenerregende Pirouette geworden…

Tendenz steigend : Telefontricks mit Rentnern. In Hessen sind diese perfiden Betrügereien 2017 im Vergleich zu 2016 von 3,8 Miillionen Euro Schaden auf 6,8 Millionen angestiegen. Man kann sich fragen, wieso Rentner so leichtfertig dermassen viel Geld hergeben. Ich frage mich jedoch eher, wie hoch der Betrag wohl sein mag, den Banken durch raffinierte Beratungstricks von alten Menschen absahnen.
Die betagte Dame nebenan wollte seinerzeit eine Sterbeversicherung abschliessen, um den Nachkommen die Beerdigungskosten zu ersparen. Nach fast zehn Jahren muss sie jetzt feststellen, dass sie wesentlich mehr eingezahlt hat, als ihr bzw. ihren nachkommen jemals ausgezahlt werden würde. Es dauerte eine Weile, ihr zu erklären, was geschehen ist. Schliesslich vertrauen ältere Menschen „ihrem Bankbeamten“ noch. Sie hatte aufgrund der „Beratung“ eine Risikolebensversicherung abgeschlossen. Und vertrauensvoll unterschrieben, dass sie alles verstanden hätte bei der Beratung (wer gibt schon gerne zu, nichts verstanden zu haben). Dazu gehört das volle Risiko eines massiven Geldverlustes versteht sich. Und die fettere und sichere Vermittlungsgebühr für die Bank. Nein, sie musste kein Gesundheitszeugnis vorlegen, wie das Gesetz es vorsieht für Menschen, die bei Vertragsabschluss einer Risikolebensversicherung älter als siebzig Jahre sind. Warum?
Ganz einfach, die Versicherungsumme lag knapp unter dem gesetzlichen Grenzwert. Ich habe im Namen der Dame an die Bank geschrieben. Das Antwortschreiben für die alte Dame habe ich gelesen. Der kalte Zynismus. Die Unterschrift lässt eine jüngere Angestellte vermuten. Was soll man diesem bedeutungslosen Bankrädchen wünschen, das früher oder später ohnehin ausgetauscht werden wird im Sinne wirtschaftlichen Gewinnstrebens.
Die Schmuckelemente des kapitalistischen Systems sind die Verblendungszusammenhänge.

Tendenz unverändert: Die Mauer in den Köpfen. Anfangs, so vor fünfundzwanzig Jahren dachte ich angesichts der Berichte über unerwünscht anreisender Verwandter aus dem Osten, dass die Mauerköpfe vornehmlich im Westen siedeln. Dass echte Westdeutsche noch heute die neuen Bundesländer meiden, macht nichts. Die haben dort ihre eigenen Dumpfbacken, die brauchen die aus den alten Bundesländern nicht.
Klar, da gabs noch rote Socken, die in der ehemaligen deutschen Republik ein fettes Leben lebten, dass nun vorbei war. Inzwischen habe ich jedoch schmerzlich lernen müssen, dass man wahrscheinlich prozentual nicht weniger Pfosten im Osten findet. Menschen, die noch immer nicht in der gesellschaftlichen Gegenwart angekommen sind.
Interessanter ist meines Erachtens eine Dissertation, die Mitte des Jahres erscheinen wird. Die Historikerin Konstanze Soch recherchierte zum Thema Paketverschickung zwischen DDR und BRD. Ostpakete und Westpakete. Dass Pakete auf dem Weg zu den Empfängern in den Osten regelmässig geröngt (ab etwa Mitte der 1980er Jahre) und durchsucht worden sind von eifrigen Mitarbeitern wissen wir Wessis. Wir waren medial dabei und habens also mit eigenen Augen gesehen.
Was aber nicht einmal Sudel-Ede wusste, waren die Untersuchungen von Brief- und Paketsendungen beim Versand von Ost nach West. Die Westpakete wurden zwar auch stichprobenmässig von Organen der DDR kontroliert. Aber auch in der BRD wurden in der Zeit zwischen 1961 und 1989 massenweise Pakete, Päckchen und Briefsendungen widerrechtlich geöffnet und untersucht vom Militärischen Abschirmdienst (MAD / ich liebe diese Abkürzung) und vom Bundesnachrichtendienst (BND). Dazu gab es verschiedene Standorte, z.B. in Hamburg, Hannover oder Bad Hersfeld. In Hannover sollen etwa 40 – 100 Pakete und bis zu 2000 Briefsendungen täglich untersucht worden sein. Eine eigene Logistik sorgte für die Abholung in den entsprechenden Postämtern. Im Bundestag war diese massive Verletzung des §10 Abs.1 des Grundgesetzes kaum bekannt.
Dass man die geöffneten oder beschädigten Sendungen allenfalls notdürftig wieder verschloss, hatte Methode. Man konnte sich darauf verlassen, dass ohnehin jeder Empfänger in der BRD davon ausginge, dass die Stasi alles und jedes öffnete und beschnüffelte. Die Recherchen zu dieser Promotionsarbeit wurden durch das sogenannte Bundesarchivbestandsgesetz erschwert. Dadurch sind zahlreiche Unterlagen noch immer unter Verschluss und nicht einsehbar.
Aber bei uns im besseren Deutschland gings und gehts doch demokratisch zu. Ein dreckiger deutscher Geheimdienst? Klar, gabs den mal : damals in der DDR. Bei uns arbeiten die vielen Staatsschutzdienste zu unserer demokratischen Sicherheit und in jedem Fall auf dem Boden des Grundgesetzes. Das muss mal klar gesagt werden, nicht wahr. Und wenns Ihnen hier nicht passt, dass gehen Sie doch rü—- äähhhh : aber die Strasse vor Ihrem Haus könnten Sie doch wenigstens mal wieder kehren…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Photographien : vom Warten auf den Frühling / Tendenz steigend. Beiläufiges Anklicken macht Bilder gross)

Und jetzt erklingt die Musik: Young Marble Giants – Colossal Youth (1980)

 

 

Unterhaltungsliteraturreduktion : Vollkornbrot statt Kaffeestückchen

Fast drei Stunden habe ich für den folgenden Beitrag gesessen. Und dabei ganz die Musik vergessen.
Aber dafür solls jetzt klingen : Doc Schoko – Stadt der Lieder (2018)…

Es gab Zeiten (gibt es die noch?), da gehörte es zum Bildungskanon gymnasialer Oberstufen, dem Candide zu begegnen.  François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, schrieb Candide, ou le optimisme (1759) als satirische Antwort auf den Essai de théodicée (1710) von Gottfried Wilhelm Leibnitz. In diesem Essay über die Gerechtigkeit Gottes, die folglich Anlass zum Optimismus sei, findet sich der berühmte Satz von der „besten aller möglichen Welten“, in der wir leben würden.
Voltaire nimmt  diesen Gedanken auf. Um ihn satirisch zu widerlegen, lässt er seinen Candide in die Welt ziehen. Dabei stossen dem Helden zahlreiche Unfälle zu, er muss Qualen erdulden und stolpert so von einem Unglück ins nächste. Ganz im Sinn der Aufklärung gelingt es Voltaire auf diese Weise, sich kritisch mit dem Gedankengebäude von Leibnitz auseinanderzusetzen. Am Ende zieht sich Candide mit einigen wenigen Menschen ins Private zurück, um „seinen Garten zu bestellen.“

Wenn ich mir den Zustand der Welt um mich herum ansehe, finde ich allenfalls noch den Schluss des Candide vor. Den Rückzug ins Private. Diesen letzten kleinen Schutzraum, in dem es sich noch einigermassen ruhig und sicher leben lässt.
Bei genauerem Hinsehen muss ich jedoch feststellen, dass auch dieses vermeintlich letzte Refugium inzwischen sehr instabil und bedenklich fragil geworden ist. Manche Prozesse des alltäglichen, öffentlichen Lebens möchte ich bald garnicht mehr auf ihr Ende hin denken. Ab einem gewissen Punkt stellt sich Schauder und Abscheu ein.
Die Zahl der Beispiele dafür steigt ständig, besondern in folgenden Bereichen: politisches Handeln an den lebenswichtigen Bedürfnissen der Menschen vorbei, unersättliche Geldgier der Konzerne, massive Umweltausbeutung und -zerstörung, unerhört grausame Tierquälereien durch die Industrien der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelherstellung und der pharmazeutischen „Forschung“, bedenklich zunehmende Bildungsferne – Stichwort: Halb- und Wiki“wissen“ – in weiten Bevökerungskreisen, verantwortungsfreie Spassgesellschaft, irrationaler Konsumwahn, propagandistisch verseuchte Fernseh- und Radioprogramme (und nicht bloss der Privaten), rasanter Anstieg von roher physischer Gewalt selbst bei kleinsten Meinungsverschiedenheiten. Weitere Beispiele kann jeder aus seinem eigenen Lebensumfeld ergänzen.

Ich könnte mir angesichts dieser Wahrnehmungen die Beschäftigung mit den beiden genannten Werken durchaus ersparen und sie abtun als belanglose literarische Altertümer. Mir stattdessen das aktuell zu vermarktende Werk eines zeitgenössischen Autors anzutun? In verschiedenen Medienhitlisten hochgejubelt und obendrein in einer niveaulosen Fernsehschau gepriesen, ein Buch, das in wenigen Monaten schon wieder irgendwo verramscht wird, ist dagegen keine Alternative für mich.

Was bleibt einem also als interessierter Leser?
Während sowohl die Theodizee von Leibnitz als auch Voltaires Candide noch einigen Lesern bekannt sein dürften, ist dritte Werk im Bunde weitgehend vergessen.
Sein Autor Johann Karl Wezel (1747 – 1819), Aufklärer und Zeitgenosse der deutschen Klassiker, schrieb den Roman „Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ (1776). In diesem Werk rechnet Wezel ab mit dem Leibnitzschen Optimismus und macht dabei nebenbei noch die Satire Voltaires lächerlich.
In seinem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ lobte Arno Schmidt das Werk als eines der drei Bücher „ehrwürdigsten Gott-, Welt- und Menschenhasses“, die das 18. Jahrhundert hervorgebracht habe. (Als drittes Buch neben dem Candide nannte Schmidt den Gulliver von Jonathan Swift).
Interessant auch, dass in der späten DDR die Kulturbestimmer begannen, Johann Karl Wezel als radikalen Aufklärer zu einem eigenen Klassiker aufzubauen, der aufgrund seiner Kritik an feudalen Verhältnissen und seines Atheismus durch die politischen Umstände seiner Epoche unterdrückt worden sei. Für literaturhistorische Identität der DDR eignete sich Wezel gut als eine Art Gegen-Goethe. Im Prinzip geschah es ähnlich, wie es mit Thomas Müntzer als wahrem Reformator (DDR) gegenüber dem Bauernverräter Martin Luther (BRD) in der Historiographie der 1960er geschehen war.

Wer satirische Stoffe mag, auch ältliche anmutende Formulierungen schätzt und vor beissender Ironie nicht zurückschreckt – kurz, wer gute und intelligente Unterhaltung liebt, ist mit Wezel allemal gut bedient. Im folgenden einige Anfangssätze seiner Romane, die zu seiner Zeit hohe Wellen schlugen.

Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne (1776) :
»Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger!« rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stößen mit dem rechten Fuße zur Thüre hinaus…“

Hermann und Ulrike. Ein komischer Roman (1780):
„Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige Topés, die Herren große Hüte und kleine Haarbeutel, und Niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es bezahlen zu können, wurde auf dem Schlosse des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen,…“

Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte (1784): (Es handelt sich um Prosa, die Eingangsrede des Kakerlak hingegen ist gereimt)
„Hinweg mit euch, ihr sogenannten Weisen!
Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation
Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Thron,
Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter reisen,
Mit euerm Maulwurfsblick das Rädchen auszuspähn,
Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn.
Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen,
Wo die Natur mit nie erschöpfter Kraft
Den Dingen Form, den Geistern Leiber schafft.
Ihr wollt mit schweren Gänseschwingen
Bis über Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit dringen,
Und fragt man euch: »Was habt ihr dort gesehn?«,
Dann wißt ihr ebendas zu sagen,
Als die der Dummheit Los ganz philosophisch tragen
Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehn….“

Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt: aus Familiennachrichten gesammelt (1774) :
„In einem der unbekanntesten Winkel Deutschlands, nicht weit vom Thüringer Walde, lebte ein Schulmeister, dessen vollständiger Name eigentlich Christian Knaut war und den wegen eines roten Kopfs, womit einer seiner Urgrossväter die Familie verunehrt hatte, das sämtliche Kirchspiel, selbst den vornehmern Teil desselben nicht ausgenommen, Rotkopfs Christel zu nennen pflegte. Er hatte soweit er denken konnte, von der Welt niemals mehr oder weniger kennengelernt als den kleinen Fleck, worauf er seine natürlichen Bedürfnisse abwartete…“

Einige seiner Werke sind im Gutenberg-Projekt digital verfügbar. Andere hingegen liegen nur in gedruckter Form vor. Als junger Leser und Wezel begeistert, erfuhr ich von einem Roman Wezels, der 1969 in der Edition Leipzig erschienen sein sollte. Das lag einige Jahre zurück und ich machte mich antiquarisch auf die Suche. Erfolglos. Jahrelang. Erst kürzlich wurde ich fündig. Und ich freue mich nun auf eine kurzweilige Lektüre.

Peter Marcks. Die wilde Betty. Eine Ehestandgeschichte (1779) :
„Die wilde Betty, das Gegenbild zur Ehestandgeschichte des Herrn Marcks sollte schon in der Michaelsmesse vorigen Jahrs erscheinen […] Als der wohlehrsame Philipp Peter Marcks auf den Einfall gerathen war, Ihnen, hochgeehrtester Herr, die Geschichte seines mühseligen Ehestandes anzuvertrauen, um durch Sie zu seiner Schande der Welt kund zu machen, dass er gutherzige Einfalt genug besessen hat, sich von fünf Weibern nach Herzenslust zum Narren haben zu lassen, so wurde…“


(Photographie eines Buches von mächtigen Ausmassen an einer stillgelegten Eisenbahnbrücke über die Nahe)

 

 

Es ist soweit, dass es wieder soweit ist

Turbulente Winterendzeiten. Stürmisch genug wars ja in den letzten Tagen. Vielleicht deshalb wechseln sich hier zwei sehr unterschiedliche Musikalartisten ab in den Lautsprecherboxen: Erja Lyytinen – Stolen Hearts (2017) und Hannes Wader – Kleines Testament (1976)…

Es stimmt, ich schreibe weniger. Die Erklärungen sind ebenso einfach wie schlicht.
Die schönen Erlebnisse teile ich gerne mündlich mit und die alltäglichen sind hier kaum angemessen zu veröffentlichen. Weil ich gegen die politische Korrektheit verstossen würde mit dem, was ich verbreiten möchte. Und die darauf einsetzenden Reaktionen (die ich im kleinen Ausbrüchen bereits erleben durfte) möchte ich mir und den (politisch korrekt sich geben wollenden) Reaktoren und Reakteusen ersparen.
Diese sogenannte politische Korrektheit ist meiner Meinung nach ein ebenso brachiales wie primitives Machtinstrument. Ein Zensur- und Kommunikationstotschlaginstrument. Kommt scheinbar harmlos daher, verkleidet als Menschlichkeit und dient denen, die über die entsprechende Bezeichnungsmacht verfügen, lediglich zur persönlichen Vorteilsnahme.
Damals wurde der Begriff noch nicht verwendet. Aber der kleine (leicht hinkende) Mann im Ledermantel und den zurückgekämmten Haaren, der würde diesen Begriff heutzutage virtuos handhaben.
Meiner Beobachtung und Überzeugung nach ist die seit einigen Jahren propagierte politische Korrektheit lediglich die perfide schleichende Vorbereitung zu einem Faschimus durch die Hintertür. Auf diese Weise kann man inzwischen wieder Menschen kaltstellen, die ihre Meinung frei äussern.
Die „politisch Korrekten“, die ich in den letzten Jahren persönlich kennenlernen und zeitweise ertragen musste, waren im Grunde meist unglückliche Menschen. Kleinbürger der übleren Sorte. Hinterhältig auf der Suche nach Macht, Geld oder Liebe. Und dies je nach Mangel und Befinden in allen möglichen Kombinationen.
Dennoch erkennbar immer irgendwie auf dem Weg dorthin, wo das Unglück schon auf sie wartet. Aber wenn die entsprechenden Themen zur Sprache kommen, flackert es irre in ihren Augen. Und der ätzende Dunst ihrer kleinlichen Machtgelüste wabert durch den Raum.
Dass ich so falsch nicht liege mit meiner Einschätzung, zeigt sich an den Erfolgen einer Partei, die bis auf die geschäftstüchtigen Führer keiner mag, ausser ihren Wählern versteht sich. Dass es den Führern dieser Partei um ihre eigenen Geschäfte geht, ist den Wählern dabei egal. Sie kommen ihre eigene Schau.
Mir ist all das nicht gleichgültig. Denn ich sehe, dass die Wähler unter anderem dadurch angelockt werden, weil die Führer dieser Partei fast täglich gegen politische Korrektheiten verstossen. Das gefällt vielen Menschen. Denn es wird ihnen aus den Herzen gesprochen. So sehr leider, dass der Kopf einschläft dabei.
Ich würde auch öfter gerne gegen so manche politische Korrektheit verstossen. Aber ich möchte weder mit den Führern dieser Partei noch mit denen, die sie wählen verwechselt oder gar in einen Topf geworfen werden. Ich jammere nicht, den diesbezüglichen verbalen Maulkorb habe ich mir selbst angeschnallt.
Aber zu meinem ganz grossen Glück gehört eben auch, dass ich mehr Zeit mit persönlichen Gesprächen verbringe. Und da gibt es keine Maulkörbe. Die Themen werden sachlich und fundiert besprochen und diskutiert.

Gerade singt Hannes Wader wieder. Das war eine Freude seinerzeit, als der Tankerkönig auf dem Kleinen Testament eine Fortsetzung fand. Der Putsch (Tankerkönig Teil 2). Daraus stammt die folgende Pasage. Ein zweiundvierzigjähriger Zeitsprung – es ist wieder soweit.

„Der Mann war klein, mager, mit zurückgekämmten Haaren und trug einen dunklen Ledermantel. Wie er da so stand, schien er mir irgendwie unvollständig, wie verkrüppelt –
Bis ich darauf kam, dass der Typ Mensch niemals ohne Schäferhund bei Fuß und Hundepeitsche in der Hand vorkommt.
Und richtig! – Der Mann pfiff leise durch die Zähne, da kroch auch schon ein riesiger Schäferhund unter dem Sofa vor, mit einer Hundepeitsche zwischen den Zähnen.
Das Hinterteil eingeknickt wie bei einer Hyäne, rutsche er winselnd auf dem Boden entlang und legte seinem Herrchen die Peitsche  vor die Füße. Und schon begann die Vorstellung! […]
Indem er eine Schallplatte auflegte, erklärte er, der Hund würde uns nun etwas vorsingen. Schon nach den ersten Takten wurde die Melodie von allen erkannt – Es war die Internationale!
Es wurde scharf protestiert, so einen Dreck wolle man hier nicht hören und ähnliches.
Aber der Hundeführer beruhigte die Leute und sagte, sie möchten doch bitte auf den Hund achten.
Das arme Vieh hatte gleich als es den ersten Ton hörte, versucht sich zu verkriechen, klebte aber wie festgefroren am Boden, zitterte am ganzen Leibe, fletschte die Zähne und röchelte nur. Dabei tropfte ihm der Geifer von den Lefzen.
Mit blutunterlaufenen Augen starrte der Hund wie wahnsinnig vor Angst und Hass auf den Plattenspieler.
Dann – als ich dachte, er müsste gleich ersticken vor Entsetzen – hob er plötzlich den Kopf und fing an zu singen. . .
Das heißt, sein ersticktes Röcheln löste sich plötzlich in erbärmlichen Jaultönen. Die Wirkung auf die Zuschauer war gespenstisch!
Wie hypnotisiert glotzten alle auf den Hund. Ich sah, wie sich bei einigen die Nackenhaare sträubten, manche knurrten richtig, verdrehten die Augen, legten die Ohren an und jaulten dann mit gespitzten Mündern gemeinsam mit dem Hund gegen die verhasste Musik an, bis die Platte endlich abgespielt war.
Vollkommen  erschöpft und tief ergriffen soffen sie alle bis zum Morgengrauen weiter und verließen das Haus laut grölend wieder durch das Kellerfenster – obwohl inzwischen jemand die Haustür ausgehängt hatte!
Ich war nun wieder allein mit dem Chef.
Er war äußerst zufrieden mit allem und sagte zu mir: „Hast du die Nummer mit dem Hund gesehen, du Ratte? Sowas nenne ich angewandte Politik!“
Ich fragte, „wieso  angewandte Politik?“
„Na, ganz einfach“, meinte er, „Der Hundeführer quält den Hund mit Elektroschocks und lässt gleichzeitig die Platte laufen. Also richtet der Hund seine ganze Wut gegen die Musik.
Der Hundeführer tritt nur in Erscheinung, um den Hund wieder von seiner Folter zu erlösen, und der leckt ihm auch noch aus Dankbarkeit die Füße! Ich sage Dir, die Menschen sind genau so dämlich wie dieser Köter.
Denk an meine Worte, wenn wir erst an der Macht sind!“             (aus : Hannes Wader – Der Putsch [Tankerkönig II] 1976)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Fotografien passend zum Text. Und zum Anklicken zum Grossgugge)

 

 

 

Bücherarnos leuchtende Erinnerungseruptionen

Aus den alten Archiven aufgetaucht. Eine der Bands des Schlagzeugers Jon Hiseman. Tempest – Tempest (1973), Live in London (1973) und Living in Fear (1974). Danach war aus wirtschaftlichen Gründen Schluss. Bis auf wenige Stücke meistenteils nachvollziehbar aus meiner heutigen Sicht, trotz der erstklassigen Musikanten…

„Booksellers are all rascals…“, sagte Charles Dickens. Und der hatte mit seiner umfangreichen literarischen Produktion reichlich Erfahrungen gesammelt mit seinen Verlegern. Die Beispiele, die mir von Autoren persönlich erzählt worden sind, stützen diese Aussage. Dennoch müssen nicht alle Menschen Schlitzohren sein, die Bücher herstellen oder mit gebrauchten Büchern handeln.
Die Preisvorschläge einiger Antiquare für Bücher aus der Ärmelbibliothek dienten wahrscheinlich der Prüfung meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit. Als ernstgemeinte Verhandlungsgrundlagen waren sie absurd und ich lehnte sie folglich rundweg ab.
Inzwischen verkaufe ich über eine Plattform für Literatur und es läuft. Nicht wie geschmiert, aber es läuft durchaus zufriedenstellend. Interessant sind bei den Verkäufen die persönlichen Begegnungen mit Käufern, die ihre Schnäppchen im Ärmelhaus abholen. Heutzutage werden mehr und mehr dieser privaten Geschäfte weitgehend anonym abgewickelt. Das eröffnet fraglos für beide Seiten erweiternde Möglichkeiten.
Aber die direkten menschlichen Kontakte ziehe ich dennoch vor. Die sich dabei unter Umständen ergebenden Gespräche erbringen meist interessante Aspekte.
Der Mann, der letzthin ein kleines Konvolut von Arno Schmidt gekauft hat. Das anregende Gespräch hat mich direkt zurückkatapultiert. Die Frage ist wieder aufgetaucht, warum sich in Arno Schmidts privater Bibliothek so viele Werke von Friedrich Spielhagen finden und wo sich überhaupt der Niederschlag dieser Lektüre in seinen eigenen Werken auffinden lässt. Dieser Frage bin ich schon einmal vor fast drei Jahrzehnten nachgegangen. Ohne Erfolg.

Ein früherer Schulkamerad rief letzthin an. Wir haben uns vor etlichen Jahren beiläufig auf einer Kirmes gesehen. Hatten nach der kurzen gemeinsamen Schulzeit reichlich Kontakt wegen des gemeinsamen Hobbies. Dann liefen die Lebenswege auseinander. Nun wechseln einige Mails. Photographien ehemaliger Klassenkameraden werden versendet. (Mannomann sehen da manche alt aus). Sofort fallen mir Namen von Schülern und Lehrern ein. Anekdoten auch. Und Bands und deren Musiken, die eine gewisse Rolle gespielt haben. Jon Hiseman beispielsweise. Colosseum, Colosseum II, Tempest, Barbara Thompson´s Paraphernalia. Jede Menge Musikernamen tauchen schagartig wieder auf. Und : die Qualität der Musik ist rein subjektiv und an entsprechende Kontexte gebunden.

Es geht nichts Erlebtes wirklich verloren in einem Menschenleben.

Und auch manche (seit langem ersehnten) lichtbringenden Gegenstände aus der Dingwelt sind wieder beschaffbar, selbst wenn Gesetze und Vorschriften im Interesse der Wachstumswirtschaft das gerne verhindern woll(t)en. Es werde Licht (wie früher). Und auch so lange brennbar. Für einige Cents.

Es muss ein karmisches Einwirken sein, dass ich in der Nähe einer der Narrenhochburgen mein Leben verbringe. Gut, als Kind auf dem Kindermaskenball zu den Rhythmen einer viertklassigen Dorfbeatband verlegen herumhüpfen oder später als Jugendlicher auf dem Rosenmontagszug mitfeiern, das gehörte damals dazu. Aber wenn dann das Schicksal ernst in die moralische Instanz spricht, macht man einen grossen Bogen um das ganze höchst überflüssige Geschehen.
Ich besuchte in diesem Jahr an Fastnacht ein Museum. Bis in die Ausstellungsräume wummerdonnerten die Teschnoklänge des Umzuges. Lärm und Mussestörung als Strafe für die Vernünftigen.
Ausruhend an einem Geländer, schaute ich in die Tiefe. Und wurde dabei des Tändelns eines Pärchens gewahr. Und oh Wunder, nicht ich alleine. Über eine komplizierte Spiegelkonstruktion bemerkte ich eine Person, die mir irgendwie bekannt vorkam, und die die ganze Szenerie ablichtete.
Geehrte Besucher, Leser und Gugger : Nehmen Sie sich vor Lichtbildnern in Acht. Deren Wahrnehmungen können unberechenbar überall sein. Auch ohne Helau Geschrei. Ganz im Gegenteil.

(Photographie anklicken. Es werden dann zwar keine Kamellen aus dem Bildschirm geworfen, dafür kann man gross gugge)