Auf Umzugsspuren

Horsche: Auf diesen Komponisten bin ich durch einige ProgRockmusiker (Peter Hammill, Gentle Giant, Robert Wyatt etc.) gestossen. Sie nennen den Mann als einen wichtigen Einfluss auf das eigene Schaffen. William Byrd (1543 – 1623) schuf vorwiegend sakrale Musik. Hier läuft: The Byrd Edition – Cantiones Sacrae 1591 / Laudibus in sanctis (The Byrd Edition, 13CDs). 
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Kalbsgulasch, Kohlrabigemüse und grobes weisses Brot zum Titschen. Dazu einen 2018er Bordeaux.
Schaffe: Planen, planen, planen. Letzte Gartenarbeiten. Ein Umzug steht an.
Gugge: „Das schweigende Klassenzimmer“. Sehr beeindruckend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass dem Film eine wahre Begebenheit zugrunde liegt…

„Nun habe ich es von jeher geliebt, unnütze Fragen zu tun; ich wandte mich deshalb zu meinem verehrten Lehrer – (ein Schüler Einsteins, man bedenke doch ! Er brachte uns zukunftweisende Ansichten bei : wie es läppisch sei, 1 Schlips zu tragen, als ob man sich beständig des Stranges bewußt sein müßte; wie lächerlich, sich die Nase abzuduellieren; auch, daß über Parlamentsgebäuden grundsätzlich die Inschrift ‹Nanu !?› stehen sollte) zu dem also wandte ich mich eifrig, und fragte : »Kann ich das hier mitnehmen?«
Er sah auf den Titel. Runzelte die Stirn (ich wußte damals noch nicht, warum). Beblickte mich Langen. Zog ein Gesicht wie Adenauer, wenn man von Anerkennung der DDR spricht. Und sagte säuerlich »Bong.«.“
(Arno Schmidt: Begegnung mit Fouqué. In: Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe III. Essays und Biografisches, Bd. 3. Zürich 1995: Haffmans. S. 423).

Erinnerungen. Zimmer in WGs. Die Umzüge in Kleinbussen. Jeder hilft jedem. So war das damals. Die Clevereren liessen umziehen und erschienen erst zur nächtlichen Feier („Sorry, musste noch für Mathe pauken…“).  In den letzten fünfundzwanzig Jahren bin ich elfmal umgezogen. Auf drei Kontinenten. Dabei habe ich unter völlig unterschiedlichen Dächern ein Zuhause gefunden. Stoff für manche Geschichte.
Ich stehe auf dem Balkon in der dritten Etage. Mein Blick schweift über die Dächer einer der für meinen Geschmack schönsten Städte in diesem Land.

(Da drüben! . – . Das könnte doch… – ? Und schon sehe ich den hochaufgeschossenen Fahrschüler aus dem Südausgang des Bahnhofs treten und festen Schrittes neben den Bahnanlagen gehen. Er kommt jeden Tag mit dem Zug aus dem schlesischen Lauban.
Nach hundert Metern überquert er die Sattigstrasse nach rechts hinüber in die Lessingstrasse. Er faltet auf seiner Stirn die senkrechte Furche recht kritisch. Er weiss, was er seinem Ruf schuldig ist. Ob er seinen besten Freund treffen wird, sehe ich nicht.)

Wir machen eine kleine Pause. Magst Du was essen oder trinken?
Nö, ich geh´ mal kurz ums Viertel. Mal sehen, wie es hier rundum aussieht. Von unten.

 

Ich überquere die schmale Brücke vor dem imposanten Neisse-Viadukt. Auf dieser Brücke kann man nach rechts blickend den Bahnhof sehen. Nach links über das Viadukt ziehen sich die beiden Gleise ins polnische Land hin. Ich gehe nach rechts in die Sattigstrasse. Auch aus dieser Richtung sind es schätzungsweise nur hundert Meter bis zur Lessingstrasse.
Der Fahrschüler kam erst 1928 mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester von Hamburg nach Lauban. Der Vater, ein Polizist, war verstorben und die Mutter entschloss sich, in ihren Geburtsort zurückzukehren. Die nächst erreichbare wünschbare Schule für den Vierzehnjährigen war die Oberrealschule diesseits der Neisse. Die besuchte er vom Dezember 1928 bis zu den erfolgreich bestandenen Prüfungen für das Abitur im März 1933. Danach nahm er von März bis September 1933 am Unterricht in der im gleichen Gebäude befindlichen Höheren Handelsschule teil.

Ich gehe in die Lessingstrasse und schaue mir die Fassade der Schule an. Geradezu trutzig steht sie da. Jugendstilelemente im Baukörper. Ich stehe vor einem Portal und frage mich, ob dies der Haupteingang sei.
Neben bremst ein Mann sein Klapprad ziemlich abrupt. Ich binde meinen Mundschutz vor und spreche den Mann an.
Darf ich Sie etwas fragen? Ich frage mich nämlich, ob dies vor etwa hundert Jahren ein Gymnasium gewesen sein könne.
Er wusste keine genauere Zahl (die Oberrealschule wurde 1913 eröffnet), meinte jedoch, es könne durchaus sein. Warum mich das interessiere…?
Wenn dem so sei, dann hätte einer meiner Lieblingsautoren… – er unterbrach mich in meiner Rede.
Arno Schmidt!?
Exakt.
Zur Zeit sind Ferien. Wenn Sie mögen können Sie mich begleiten. Ich unterrichte hier. Oben im ersten Stock hängen einige ältere Fotos. Wenn Sie möchten….
Ich nehme die Einladung dankend an.

Im ersten Stock schwingt er sich auf sein Rad und zischt durch einen langen Flur davon. Ich lichte einige alte Photographien ab. Gehe durch die langen Flure. Leider sind alle Türen zu der mächtigen Turnhalle verschlossen. Aber Arno Schmidt und Sport? Das passt nun garnicht. Die Aula finde ich in in der Kürze meiner Zeit auch nicht. Von Uwe Johnson weiss ich, dass er in der Aula seiner Schule bei entsprechenden Veranstaltungen als Conférencier aufgetreten ist.
Arno Schmidt hätte vielleicht aus Fouqué vorgelesen. Oder vom Anton Reiser. Vor einer Meute gähnender Schüler. Ich wills mir nicht vorstellen. Ebenso wenig wie den Schüler beim Hundertmeterlauf oder beim Fussballspiel draussen auf dem Hof. Dem Leser seiner Werke sind entsprechende Äusserungen wohlbekannt.

 

Umzüge. Eine neue Umgebung. Fremde Menschen. Manches wird man hinter sich lassen (müssen). Anderes und viel Neues kann man gewinnen. Das bestimmt die eigene Offenheit.

 

„25 Jahre lang hatte ich Grund zu einem absonderlichen Ärger : ich war zwar in Hamburg geboren; aber von stockschlesischen Eltern, denen das norddeutsche Wesen ein Greuel und Platt eine Barbarensprache deuchte, und die dafür gern von <schlesischen Bergen> faselten (ich erkläre diese, nur scheinbar harten, Ausdrücke noch); und mir war schon als Kind nichts lieber, als weite Ebenen, mit Haide bedeckt, Moor eingemischt, darin Kiefernwaldungen auf Sandboden; kurzum karge, menschenleere Öde.
Hier schien mir ein <Bruch> in meinem Wesen; und zwar von der Sorte, die ich garnicht schätze ! Denn wenn ich, ich mochte wollen oder nicht, <Schlesier> war, vom Oh=Thäler=weit=oh=Höhen=Typ, dann war meine instinktive übermächtige Neigung zu Flachland, Erica & Ludum Palastre <falsch>; dann war mir weiterhin (z.B. als Schriftsteller) die letzte entscheidende Identifizierung mit dieser=meiner Landschaft versagt. (Andere Dilemmen ertrug ich viel leichter, weil ich meiner Sache sicher war – etwa von meinem in Schule und Spiel geübtem Plattdeutsch wußte ich, daß es <stimmte>, verglichen mit dem, mir widerlichen, schlesischen Gemauschele, mit seinen Spielzeugdiminutiven, dem schaumig=weichlichen Gezischle kombiniert mit kindlich=werwölfigem Abergläuble; in diesem Fall hatten meine Eltern, in ihrer sinnlosen Versteifung gegen den prachtvollen Stadtstaat so offenkundig Unrecht, daß jedes Wort der <Widerlegung> verschwendete Atemluft bedeutet hätte. […]
Bis ich dann persönlich nach Schlesien kam – ich glaube, etwa 5 Mal von Hamburg aus; in den <Großen Ferien> von 1920, 22, 24, 26, 28 ? – und jenes <Riesengebirge> sah : es handelte sich um eine völlig unimpressiv=liebliche Mittelgebirgslandschaft, die ich mir den Jungenspaß machte, in der Hälfte der Zeit zu ersteigen, die meine Mutter & Schwester, weit hinten, brauchten. Der <Steinberg>? : ein nichtswürdiger klein=beleibter Hügel; Lieblingstreffpunkt von <Pärchen> und von jedem Alten am Stock mühelos innerhalb von 10 Minuten zu erreichen ! – Erleichterung überkam mich.
Und noch mehr, als ich erkannte, daß meine Eltern überhaupt gelogen hatten : sie stammten garnicht einmal aus diesen buckligen Gegenden ! Mütterlicherseits kam ich aus Tschirne (18 km südl. v. Sagan, uralter slawischer Name übrigens; von <Czerny>, schwarz : <Schwarzwasser> und >Weißwasser> heißen ja überall gern 2 Bäche); die Familie meines Vaters saß seit langem in Halbau (10 km südl. v. Sagan). Mit anderen Worten : von <schlesischen Bergen> war bei uns keine Rede; wir stammten vielmehr aus den <Lausitzen>, (und da wird Einem ja gleich wohler, wenn man so entfernt zu LESSING gehört und SCHEFER). Und das Land dort war flach ! Flach wie nur je zwischen Hamburg und Celle, zwischen Wittingen und Verden. (Es dauerte natürlich Jahre, ehe ich <dahinter-kam>; an Ort & Stelle selbst hatte ich viel zu viel mit dem Verarbeiten der Reiseeindrücke zu tun.)
Als ich dann 25 war, fiel mir endlich – als das I=Tüpfelchen, das mir noch abging, – der ältliche Band eines Meyer=Lexikons in die nachschlagenden Hände (6. Aufl., Bd.23,1912); da war, gegenüber der Seite 392 eine <Übersichtskarte der Norddeutschen Heidegebiete>; und dort, weit abgetrennt von dem gelbbraunen Haupt=Heide=Zuge von der Zuidersee bis Hela, erblickte ich tief im Binnenland eine große isolierte Haide=Insel, die Niederlausitz – und in ihr lagen sie alle, die Orte Tschirne und Halbau und Weißwasser !
:  Da war ich beruhigt.
(Reemstma, Jan Philipp u. Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): »Wu Hi ?« Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg. Haffmans Verlag, Zürich, S.17f., 1986)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern. einen ruhigen November, in dem Sie sicher wissen, wohin Sie wirklich gehören.

 

(Einige photographische Impressionen. Für die beiden abgelichteten Fotos liegt das Urheberrecht bei Herrn Robert Scholz)

 

 

 

 

 

 

Mit der Zeit . . .

Horsche: Eine Überraschung ist: Peter Kraus – Zeitensprung (2013). Eine eher matte Sache ist dagegen:  Die Ärzte – Hell (2020). Peter Kraus coverte Lieder, die durch seine Interpretation an Emotion gewonnen haben. Zwei, drei Ausnahmen ausgenommen. Musikalisch sind die Ärzte mitreissend, textlich hingegen hätte ich nach so vielen Jahren mehr erwartet.
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Eine köstliche Gemüsesuppe mit Karotten, Rettich, Rote Beete und Schnittsellerie aus dem Garten. Dazu schmeckte uns ein 2018er Château Cap L´Ousteau Haut-Medoc.
Schaffe: Planen, planen, planen. Renovierungs- und Umbaumassnahmen stehen an.
Gugge: „Tadellöser & Wolff“ (Mit einem schönen Dank an Herrn RYP für die Erinnerung).

 

Der Uhrmachermeister setzt alte Uhren instand. Er war mir schon öfter zu Diensten. Seine Art mag ich nicht, seine Arbeiten schätze ich. Und nur darauf kommt es ja an. Die silberne Taschenuhr Saxonia (System Glashütte) meines Urgrossvaters tat keinen Mucks mehr und war auch nicht aufzuziehen. Allein schon diese altehrwürdigen Bezeichungen. Saxonia (System Glashütte) verzücken mich.

Das wird länger dauern. Ich komme mit den Aufträgen nicht mehr nach.
Kein Problem. Ich habe Zeit. Sie können mich ja anrufen wenn die Uhr fertig ist.
Er kneift sich seine Uhrmacherlupe ins linke Auge. Öfnnet mit dem kleinen Taschenmesserchen die beiden Deckel auf der Rückseite der Uhr. Auf seiner Stirn wird eine senkrechte Steilfalte sichtbar.
Hundertfünfzig Euro müssen Sie rechnen.
(Mmh? das ist doppelt so viel wie vor sechs Jahren).
Gut, hier haben Sie meine Karte. Rufen Sie mich an wenn sie wieder richtig tickt.

Der Anruf kam nach fünf Wochen. Ich nahm die Uhr in Empfang und legte die Geldscheine auf die Theke. Auf der Fahrt nach Hause blieb die Uhr stehen. Ich schüttelte sachte und sie lief wieder. Und blieb wieder stehen. Am nächsten Tag stand ich wieder im Uhrenfachgeschäft.

Das kann nicht sein.
Ist aber so, wie ich Ihnen sage.
Ich kann jetzt nicht nachsehen. Sie müssen sie hierlassen. Nehmen Sie Ihren Zettel nochmals mit. Ich melde mich bei Ihnen.

Drei Wochen später kam der Anruf.
Ich habe nochmals alles kontrolliert. Ihre Uhr läuft einwandfrei.

Auf der Heimfahrt blieb sie wieder stehen.

Das gleiche Procedere wie soeben beschrieben fand noch zweimal statt.

Ich kann Ihnen jetzt auch nicht mehr weiterhelfen. Die Uhr ist ja auch schon über hundert Jahre alt. Ich habe jetzt sogar noch zwei neue Lagersteine kaufen und einbauen müssen. (Warum eigentlich erst jetzt und nicht gleich?) Ein mords Akt. Die gibts auch nicht mehr an jeder Ecke. Die haben mich fünfzig Euro gekostet. Nur Arbeit und ich habe nichts dran verdient.

Was voll ist und überlaufen will, das soll man erstmal laufen lassen.

Ja, aber ich habe hundertfünfzig Euro bezahlt für eine Reparatur. Und die Uhr läuft jetzt nicht.

Hier, ich gebe Ihnen hundert Euro zurück. Mehr geht nicht. Ich habe bei dieser Uhr ohnehin schon ordentlich draufgelegt.
Da kann man wohl nichts mehr machen.

Zuhause hängte ich die Uhr an den schönen Uhrenständer. Reiner Jugendstil. Mit dem Häkchen überm runden Samtkisschen. Damit die Uhr sich nachts nicht erkältet. Da hing sie dann weitere drei Wochen. Manchmal nahm ich sie in die Hand und schüttelte sanft. Dann lief sie. Zwei, drei Minuten. Und blieb wieder stehen.

Pech gehabt. Mit Zitronen gehandelt. Die Arschkarte gezogen. „Wir Zocker sagen immer: zahlen und fröhlich sein“ (Die toten Hosen). Vergiss es.

Die alte Taschenuhr hängt an ihrem Uhrenständer neben meinem Schreibplatz. Mir fehlte das morgendliche Ritual. Aufziehen. Ticken hören.

Monate später nahm ich sie eines Tages in die Hand. Das silberne Gehäuse war inzwischen wieder etwas angelaufen. Matt und stumpf sah sie aus. Ich nahm das Poliertuch zur Hand. Unterm Reiben leuchtete der noble kalte Glanz des reinen Silbers auf. Was sind schon hundert Jahre. Wahre Schönheit mag sich im Lauf der Zeit ändern. Aber sie vergeht nicht. Ich öffnete die beiden hinteren Deckel. Auf der Innenseite des oberen Deckels ist der Name meines Urgrossvaters eingraviert. Auf dem inneren Deckel hinterliessen Uhrmacher ihre Kritzelzeichen.
Ein Uhrwerk ist ein Wunder. Ein Instrument, das etwas anzeigt, was es eigentlich garnicht gibt. Zeit. Die kleine Nadel, mit der man die Ganggenauigkeit einstellen kann stand ziemlich weit nach links – retard. Vorsichtig schob ich mit dem Daumennagel das Zeigerchen nach rechts in Richtung avance.
Weisst Du, wenn Du schon hier herumhängst, nicht läufst und von mir nicht aufgezogen werden willst, dann lass Dich wenigstens in die Nullstellung bringen. Alles gut.
Ich verschloss die beiden hinteren Deckel und hängte dir Uhr zurück an den Ständer.

Ich wendete mich wieder einer Schreibarbeit zu. Kurze Zeit später in einer Pause sah ich zur Seite und zur Uhr hin. Ich traute meinen Augen nicht. Der Sekundenzeiger drehte sich ruhig. Die Uhr lief. Sie lief wieder wie ehedem. Und sie läuft seitdem. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen ziehe ich die Uhr auf. Alle zwei Wochen korrigiere ich die angezeigte Zeit. In diesem Zeitraum eilt die Uhr um eine Minute voraus. In zwei Wochen. Mir macht das nichts aus. Zeit gibt es ja garnicht. Ich glaube, dass die alte Uhr nur deshalb um eine Minute vorgeht, weil sie in die Hand genommen und ein bisschen beschmeichelt werden möchte.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein wundervolles Wochenende.

 


 

 

 

 

 

 

Mitte Oktober gegen Abend…

Horsche: Die Lichtung des Musikalarchivs schreitet voran. Erneute Anhörungen und Aussortierungen.
Lesen: Anmerkungen über Kuhkapellen in Rheinhessen..
Essen & Trinken: Zur Nacht das frisch gebackene Walnussbrot mit reifem, sehr würzigem Brie. Dazu passte die leckere Quittenkonfitüre (siehe darunter).
Schaffe: Quitten verarbeiten und Brot backen. Ausserdem Reifen wechseln am neuen Bauer Sprint (Bj.1967).
Gugge: „Grenzland – Vom Baltikum zur Akropolis“. Eine interessante Reise in Bildern. Leider zu knapp und obendrein scheinen die (ab)wertenden Kommentare gegen osteuropäische Lebensgewohnheiten unvermeidbar. Habt Ihr vergessen, dass die Russen uns vom Joch der deutschen Nazibarbaren befreit haben ?!

 

So beiläufig habe ich erfahren, dass eine gewisse Louise Glück den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Den Namen habe zuvor nie gehört. Bei meiner schnellen Recherche fiel mir auf, dass bei dieser sehr sonderbaren Stockholmer Jury in der Disziplin Schreiben die USofA offensichtlich „mal wieder dran waren“. Weiss der Geier, wen die aus dem Hut zaubern würden, um bloss dem Thomas Pynchon keinen Preis zuerkennen zu müssen. Und der hötte ihn aufgrund seiner literarischen Leistungen schon längst verdient. Er wird ja auch immer wieder vorgeschlagen.

Seis drum. Ich lese seit Jahren ohnehin fast ausschliesslich Fachliteratur..

In Frau Beyers lesenswertem Bericht über die Buchemesse erfahre ich: „Denis Schenk endete seine Buchvorstellung mit den Worten „Vertrauen Sie keiner Literaturkritik, vertrauen Sie keiner Literaturkritikerin, sondern vertrauen Sie Ihrer eigenen literarischen Intelligenz, die Bücher sind dazu da, dieselbe an ihr zu schärfen.“
Wohl wahr. Mit diesen Gedanken kann man sich die meiste Prosa und Lyrik  (er)sparen. Die eigene Lebenszeit ist zu kostbar. Das meiste, was man heute an „neuerer Literatur“ liest, verschwimmt nach einem halben Jahr und spätestens zwei, drei Jahre danach ists dann vergessen. Mit diesem Wissen kaufen die Verlage ihre jeweiligen Plätze auf den Bestsellerlisten der verschiedenen Medien. Was wunderts, dass selbst wirkliche literarische Bestverkäufer heutzutage recht flott im Ramsch vermarktet werden.

Trotzdem finde ich lesen immer noch sinnvoller als, sagen wir, Dauerseriengugger zu werden oder ein Wochenende in einem Vergnügungspark zu verbringen. Oder mit einem Motorrad spasseshalber in der Landschaft die Luft zu verpesten. Nö, wer liest, geht dabei seinen Mitmenschen wenigstens nicht direkt auf den Senkel. Und eine der besseren Fluchtmöglichkeiten vor den Unbilden des Alltags ist es allemal. Es stinkt zwar nicht wie Tabak, ist weniger gefährlich als der Strassenverkehr, dennoch wohnt auch dem Lesen eine gewisse Suchtgefahr inne.

Ich weiss, wovon ich hier schreibe. Den sogenannten bürgerlichen Bildungskanon habe ich mir angelesen. Und einige der heute üblichen Listen, zum Beispiel – „1000 Bücher, die man gelesen haben muss, bevor man ins Grab versenkt wird“ – habe ich auch abgearbeitet. Die ellenlange Namensliste tut hier nichts zur Sache. Was ist davon geblieben?

Nach dem Mann ohne Eigenschaften, dem einzigen Dickroman, den ich nicht zuende gelesen habe, änderte sich meine Einstellung zur Prosa. Daneben war die Beschäftigung mit der Literaturwissenschaft schliesslich der Tritt aufs Bremspedal. Zum Glück entdeckte ich die sogenannten (deutschen) Volksbücher. So ging ich der Unterhaltungsliteratur nicht ganz verloren.
Wer einmal „Die Historie von Tristan und Isalde [sic!], herausgegeben nach dem ältesten Druck bei Anton Sorg, Augsburg, 1484, gelesen hat, der kennt nach der Lektüre im Prinzip alle Beziehungsmöglichkeiten zwischen Männern und Frauen. Alles, was danach und bis heute zu diesem Thema literarisch verarbeitet wurde, ist bestenfalls die literarische Ausarbeitung von Teilaspekten. Und seit etwa fünfzig Jahren breiten die Autoren hauptsächlich ihre eigenen Befindlichkeiten vor dem Lesepublikum aus.
Das spricht natürlich nicht gegen den Genuss der literarisch ausgefeilten, schärfsten Kutschenfahrt des 19. Jahrhunderts. Aber das Schicksal der Passagierin in der Kutsche ist in Tristan und Isalde im Grundzug schon angelegt.

Wenn Sie also Zeit und Musse haben, dann schauen Sie sich um. Im alten Diederichs Verlag sind einige Volksbücher in ansprechender Aufmachung erschienen. Tristan und Isalde, Die sieben weisen Meister, die Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstlern oder die Historie von Fortunati Glückseckel und Wunschhütlein und andere. Die Reihe ist vom Verlag bedauerlicherweise nie komplettiert worden. Inzwischen sind sogar sogar wissenschaftlich kommentierte Ausgaben erhältlich.
Deren Lektüre kann Ihnen fürderhin manche Stunde ersparen, in der Sie sich mit Freunden oder Bekannten zu einem Gespräch treffen können. Zusammensitzen und miteinander sprechen. Die Lebenszeit ist kurz für lediglich vorübergehend gültige Literatur. Laut einer Berechnung Arno Schmidts schafft man zwischen seinem sechsten und seinem siebzigsten Lebensjahr ohnehin höchstens sechstausend Bücher, wenn man wöchentlich zwei Romane liest. Wer aber ist der Lage, diese Leseleistung zu erbringen?

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass die zweite Welle nicht über Ihren Köpfen zusammenschlagen möge. Wählen Sie inzwischen Ihre Lektüren sorgsam aus.

 

Ich hatte ursprünglich ein ganz anderes Thema auf dem Schirm. Aber auch das Geschäft mit der Literatur verdient, dass es gelegentlich beleuchtet wird.

 

(Manche haltens für Spass. anything goes lautet die Devise.
„…Abendland, wir sind aus dir geboren, wir fahren auf deinem Narrenschiff dem Abschied entgegen…“ [Andre Heller])

 

 

Lebensfreude trotz Elstern und Zeiträubern

Horsche: Alte Nummern von Procol Harum. Heute werden Traffic und die Groundhogs an der Reihe sein. Eine neuerliche Lichtung des Musikalarchivs steht an.
Lesen: Formulare Formulare Formulare.
Essen & Trinken: Die letzten Bohnen aus dem Garten. Viele köstliche Tomaten bräuchten etwas mehr Sonnenwärme.
Schaffe: Kraftzehrende Vermeidung jeglicher Aufregungen hinsichtlich unnötiger Veränderungen und Updates.
Gugge: „Vorwärts immer!“ Ein prima Komödie und nicht ohne Spannung.…

Die Abkürzung ist eindeutig falsch gewählt. Elster. Elstern wecken die Assoziation zu diebischem Verhalten. In diesem Fall handelt es sich um die ELektronische STeuerERklärung. Die Diebe sind im Fall von Steuererklärungen die notorischen Steuervermeider, Steuerhinterzieher und Steuerbetrüger.
Seis drum. Jeder von uns zahlt am Ende, was er sich im Leben genommen hat.

Die Aufforderung kam auf gedrucktem Papier. Das Finanzamt verlangte die Abgabe meiner Steuererklärung. Das tut sie jedes Jahr. Seit einigen Jahren in elektronischer Form via der Plattform Elster oder eines anderen kompatiblen Programms. Elster kostet nichts, die anderen Programme muss man kaufen. Zwang so oder so.
Ich hatte noch nie Ärger mit dem Finanzamt. Ich war pünktlich und zudem korrekt. Wenn ein Prüfer bezüglich meiner Angaben anderer Meinung war, hat er versucht, den Beweis anzutreten. In der Regel erfolglos.
Seit Elster muss ich telefonieren. Und rückfragen. Werde mit Fristsetzung gemahnt. Schöne neue Welt für Zeiträuber.

Schöne neue Welt. Tagtäglich werden wir vielfach belogen. Es scheint der digitalen Revolution immament.
„Alles wird besser, einfacher, schneller“ – Die Realität sieht allerdings anders aus. Der grosse Ablenker regiert die Menschheit. Und ein Grossteil der Menschheit unterwirft sich willig und macht, als würde die eigene Lebenszeit nimmer enden.

Bei Sätzen wie:
„Das neue Update bietet dir / ermöglicht dir… stellen sich mir die Nackenhaare auf. Es werden dann vermeintliche Vorteile aufgezählt, die allenfalls zur Rechtfertigung von Veränderungen dient, die man vielleicht garnicht brauchte. Besonders ärgerlich ist dies bei stabilen, gut funktionierenden Systemen.
Der neue wordpress Editor ist das typische Beispiel. Niemand braucht zig Veränderungen (i.e. Spielereien!!!). Niemand hat danach gefragt. Aber irgendein Macher in der Schaltzentrale hat seine programmierenden Spielbübchen von der Leine gelassen. Inzwischen kommt man nur noch über einen Umweg in den klassischen Editor. Schrittweise wird er durch den unerwünschten Textbastler ersetzt werden.
Es scheint sich niemand im breiten Publikum darüber aufzuregen. Wir sind wahrscheinlich schon weit konditioniert, dass man frisst, was einem vorgeworfen wird. Wie der Esel hinter der Karotte.

Die Realität sieht mittlerweile so aus, dass man Nachteile in Kauf nehmen muss, wenn man sich gegen die unnützen Spielereien wehrt. In Firefox fehlt seit einiger Zeit die Schaltfläche, mit der man sich gegen Updates wehren kann. Ständig belästigt einen nun ein Fensterchen mit dem Hinweis auf ein zu installierendes Update.

Da ich mir mein Frühstück nicht verderben will, denke ich nicht weiter darüber nach, was das bedeutet: „du musst dich ein bisschen mit dem Programm beschäftigen“. Was für ein Schwachsinn. Das ist Zeitdiebstahl. Raub von meiner Lebenszeit.

Der Dozent einer nahen Fachhochschule, ein Spezialist für K.I. (künstliche Intelligenz) nannte die derzeit relevanten Forschungsbereiche. Es war interessant, seinen Ausführungen zuzuhören. Die meisten Beispielen vereinten zwei Aspekte. Sie waren nicht lebensnotwendig und sie dienten am langen Ende allenfalls dem erhofften wirtschaftlichen Wachstum.
Lieber Herr Dozent, wie wärs denn beispielsweise mit intelligenten Ampelschaltungen. Den Verkehrsflüssen in Sekundenschnelle bedarfsgerecht angepasst?

Da bleibe ich lieber bei meinen alten Fahrrädern. Deren zeitweises Update besteht lediglich im Überprüfen des Luftdrucks auf den Reifen oder einigen Tropfen Öl hier und da. Von ständigen Inspektionen oder Revisionen bin ich verschont.
Obwohl.
Denn auch hier wird eine Reduktion nötig werden. Eine Fahrradsammlung soll auf Dauer nicht entstehen. Im kommenden Frühjahr werden einige der alten Bauerräder zum Verkauf stehen. Und statt K.I. wird eher ein K.Ä.-Team realisiert werden. Das Leben ist zu kurz, um es virtuellen Verwirrern und Ablenkern zu opfern.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern viel Lebensfreude. Spass muss am Ende immer zu teuer bezahlt werden. Und vor allem: Kommen Sie gut durch die zweite Welle.

 

(Ein schicker Tourer von 1962. Spiegel und Tachometer sind zwar nicht wirklich notwendig…)

 

Beruf, Berufung, Karma oder Heringssalat in Tomatensauce?

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Die interessante Bedienungsanleitung für einen Kettennieter. Nützliche Hinweise zu Torpedo Dreigang-Schaltungen.
Essen & Trinken: Kohlrabigemüse mit Kerbel und dazu Bamberger Hörnchen. (Die Gurke aus dem Blumenkasten ist aromatisch und geschmacklich ein Kracher).
Schaffe: Planungen für weitere Modernisierungsmassnahmen am Haus.
Gugge: „Kundschafter des Friedens“ Ein schöner Film. Grandiose Besetzung. In memoriam Michael Gwisdek. Auf arte.de…

 

Phimbo. Scheriff. Pongo. Knüppel. Vogta. Käsje. De Ohm. Clemens B.. Kröner.

Die alte Garde.

Ich muss vorsichtig sein. Schliesslich habe ich selbst einige Jahre… Zu meiner Entschuldigung bringe ich vor, dass es reiner Zufall war. Damals auf dem Flughafen Schipol in Amsterdam.
Wir warteten auf den Rückflug nach Südamerika. Da sprach mich der Direktor einer Deutschen Schule an. Sie sind doch… und haben…
Meine Litanei von Ausreden. Ich bin eigentlich in Südamerika weil… Nein, zur Zeit arbeite ich mit kolumbianischen Exilanten… Nein, ursprünglich kam ich hierher, um … Ich bin unsicher, ob ich der Richtige…

Natürlich habe ich zwei Tage später mein CV abgegeben. Es gibt Verführungen und Herausforderungen (im positiven Sinne), denen ich kaum widerstehen kann. Und bin so aufgrund meiner Ausbildung und Studien Lehrer geworden. Ich sass im Lehrerzimmer und in Konferenzen.
Jahrelang hatte mich die Schulbank gedrückt und nun sass ich auf der anderen Seite. Ein Fremder neben merkwürdigen Menschen.

Ein Verräter an der Sache?

Kommt drauf an, welchen und vor allem wie man Unterricht gibt.

Meine Nachteile: mir fehlte ein Referendariat. Ich wusste nicht, wie man einen vorgegebenen Lehrplan umsetzt. Ich hatte überhaupt wenig Ahnung von diesem Geschäft.

Meine Vorteile: ich hatte das wirkliche Leben kennengelernt. Also nicht diesen seltsamen Lebenslauf: Schule, Hochschule, Schule. Sondern das wirkliche Leben. Eigenverantwortlich handeln. Für Fehler sofort abgewatscht werden. Keine Beförderung, kein Beamtentum, sondern stetige Leistung macht meinen persönlichen Erfolg.
Vor allem aber: ich hatte nie vergessen, dass ich selbst einmal Schüler war. Und ein grottenschlechter dazu. Ein Schulversager. Durch familiäre Erziehung und das Sahnehäubchen fürs Leben obendrauf – etliche meiner Lehrerinnen und Lehrer.

Eingangs schrieb ich einige ihrer Namen. So wurden sie von uns Schülern genannt. Schon Jahre vor meiner Schülerkarriere waren ihnen diese Spitznamen zugeschrieben worden. Manche Namen berechtigten sie durch ihr Verhalten, andere waren rückblickend ungerecht. Pongo konnte nichts für seine auffällige Progenie.
Der Scheriff hingegen war kriegsbedingt seelisch schwerbeschädigt. Wenn wir Sextaner – er war Oberschullehrer und hatte keine Lehrbefähigung für die Mittel- und Oberstufe – wenn wir Sextaner nur unruhig waren im Klassensaal hob er seine Aktentasche mit zwei Händen in die Höhe und schrie: “ ich werde Euch alle vernichten, Ihr Affenbande“. Dabei knallte er mit voller Wucht seine flache Aktentasche auf seinen Tisch, dass wir Kinder zusammenzuckten. Klar, dass die helleren Köpfe von uns nach drei Wochen schon heraushatten, wie man den Scheriff zum schreien bringen konnte. „Ihr Verbecher, ich werde Euch vernichten“.
Ein einziges Mal habe ich erlebt, wie er in einem seiner Schreianfälle schlagartig still geworden ist. Das war als sich die Schülerin V. vor Schreck unter die Bank übergeben hatte.

Der Knüppel, Mathe und Physik. Promovierter Gymnasiallehrer. Der ging im weissen Kittel, darunter Hemd und Krawatte, immer vor der Klasse auf und ab, nachdem er dieser eine Aufgabe gegeben hatte. Er bewegte im Auf-und-Abgang seine Lippen und murmelte unhörbar. Lag etwas in seiner Gangbahn (Gangway?) so kickte er es mit seinem Fuss zur Seite. Was nimmt es Wunder, einem solchen etwa einen Radiergummi auf dem Holzfussboden festzunageln. Und der Knüppel geht murmelnd hin und her und kriegt das Dingens am Boden nicht weg.
„Also, gill, so geht das nicht.“
In Hessen sagt man gelt oder treffender gell aber nicht gill. Auch heute noch erinnert man sich gerne an den Knüppel. Betonfrisur exakt wie der Wehrmachtsoffizier und spätere Bundeskanzler Schmidt. Allerdings in graumeliert.

Die Vogta, katholische Religion und Geschichte, Fräulein Doktor und das Käsje, Biologie und ebenfalls Fräulein Doktor. Welche Lebensglücke hätten diesen früh verhärteten Mädels erblühen können. Ein heute noch gerne zitierter Witz bei Zusammenkünften war der Eintrag ins Klassenbuch vom Käsje: Ärmel misshandelt die Türklinke.
Für die Jugend unter uns Lesern: damals als mich die Schulbank drückte, hielt ein Schüler oder eine Schülerin die Tür auf, wenn sich die Lehrkraft näherte. Als eines Tages das Käsje den Klassensaal betrat, liess ich die gedrückte Türklinke hochschnappen. Das reichte für einen Tadel im Klassenbuch.

Besser war der Kröner. Ein stiller Sadist. Evangelische Religion und ? :ich vermute Musik. Der hatte es drauf, das Ohr eines Schülers oben zwischen seinem zwei Fingernägeln anzupacken und langsam nach oben zu drehen. Der Delinquent drehte sich dann unter dem Schmerz zu seiner Drehung langsam aus der Bank hoch. Harmloser, weil etwas weniger schmerzhaft, waren dagegen seine Kopfnüsse mit einem Kreidestück. Er schaffte es mit passenden reden, dass Mitschüler entweder laut auflachten oder zumindest lächelten.

Harmlos war dagegen die Frau Franke. Die sammelte in der Klasse nur regelmässig für die damals noch existente Bewegung „Freiheit für Südtirol“. Zehn Pfennige reichten zum Freispruch und einen positiven Vermerk in ihrem roten Notenbuch. Ich bekam von zuhause kein Geld für diesen „Quatsch“ und erhielt entsprechende Noten.

Für Heiterkeit sorgte dagegen Frau Schmidt. Kunstlehrerin. Mit einem für uns Schulbuben geradezu unglaublich mächtigen Hinterteil. Sie fuhr ein Goggomobil TS 250. Allein der Anblick, den sie bot, wenn sie sich in das Wägelchen hinein- oder herausschraubte. Schülerspott kann grausam sein.

Immer die gleiche Show bei der Rückgabe der korrigierten Lateinarbeiten. Studienrat B. erinnerte in seiner Erscheinung an den Kaplan Kindlein (Rudolf Rhomberg) in der 1965 erschienenen Filmkomödie „Tante Frieda – Neue Lausbubengeschichten“. Etwas dicklich, irgendwie schwammig. Und dazu diese unheimlich sanfte Stimme. Ein Raubtier im Klassenzimmer. B. ging durch die Bänke und überreichte jedem Schüler, der dabei aufstehen musste, seine Klassenarbeit ohne einen weiteren Kommentar.
Bei den Spezialkandidaten, zu denen auch ich gehörte, behielt er das Heft in der Hand und fragte:
„Ärmel, kennst Du meinen Vornamen?“
Bereits im Aufstehen musste man dann lateinisch korrekt antworten: „Ja.Clemens, clementis. G
ütig, barmherzig.“
„Und deshalb habe ich Dir noch eine Fünf gegeben, obwohl Du…“ Liess das Heft auf die Schulbank fallen und stand schon am nächsten Tisch.
Mir machte das nichts weiter aus. Aufgrund meiner häuslichen Erziehungserfahrungen (oder vielleicht eines besonderen Gens) erkenne ich, seit ich ein grösseres Kind gewesen bin, lediglich echte Autoritäten an. Wer sich selbst als Autorität darstellt und sich damit Anerkennung verschaffen will, ist allenfalls ein läppischer Machtspieler. Wirkliche Autoritäten haben es nicht nötig, andere Menschen mit ihren Fähigkeiten oder gar verliehenen Titeln beeindrucken zu wollen.
Eines Tages blieb der gütige und barmherzige Studienrat vor einem Mitschüler stehen. Dieser war kein Kandidat sondern ein fleissiger Schüler. Der klassische Einserschüler. Unauffällig im Unterricht und doch jederzeit ansprechbar.
„Kennst Du meinen Vornamen?“ Auf dem Nachhauseweg stellte der Schüler sein Rad am Stamm eines Pflaumenbaums ab. Wir erfuhren erst einige Tage später, dass der Schüler aus dem Leben gegangen sei.

Ich habe diesen Bericht in der vorigen Woche unterbrochen auf der Suche nach einer positiven Wendung. Heute nun stelle ich fest, dass der 5. Oktober der Weltlehrertag ist. Das ist für mich der willkommene Anlass, all den Lehrern zu danken, die mir dazu verholfen haben, meine Horizonte und mein Weltwissen zu erweitern. Lehrer und Lehrerinnen, die über diesen arg seltenen feinen Humor verfügten, dass man sie als Schüler einfach anerkannte und achtete. Ohne dabei so recht zu wissen, warum und wofür man sie ohne weiteren Widerspruch respektierte. Bei manchen dieser Persönlichkeiten ist mir das erst Jahre später klar geworden.
Zu danken habe ich auch jenen Pädagogen, die es drauf hatten, dass mir nach anfänglichem Widerstreben selbst ihre verordneten Strafarbeiten Freude machten, weil mir der Sinn der Aufgaben während der Arbeit offenbar geworden ist.
Dankbar erinnere ich mich – wer von all meinen Lehrern in all den Klassen und verschiedenen Schulen mag wohl noch am Leben sein? – dankbar erinnere ich mich auch an die Pädagogen, die mit ihrem Unterricht gleich Hochseilartisten die Balance halten konnten zwischen Forderung und Förderung ihrer Schüler.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mir die Lehrkräfte, denen ich noch heute die Hand schütteln und ihnen herzlich danken möchte, geradezu willentlich aus meiner Erinnerung hervorrufen muss. Die anderen dagegen, die man gerne vergessen möchte, und in meinem Fall waren das merkwürdigerweise mehr Lererinnen als Lehrer, die drängen sich von Zeit zu Zeit bei entsprechenden Gelegenheiten noch immer ungebeten in den Vordergrund.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen goldenen Herbst mit herzerwärmenden menschlichen Begegnungen.