Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Radikalrengdeng-iiiiiihhhh-wemmdeng ~~~ dengdeng!

Beim heutigen Thema wäre ein ruhiger, getragener Trauermarsch angemessen. Stattdessen doch lieber frühlingslebhafter:
Beatsteaks – Muffensausen (2013)…

Es ist nicht mehr zu übersehen. Beim Anblick dieser eigenartigen Reduktion will sich bei mir keine bereichernde Fülle einstellen. Doch, halt – meine Fragen mehren sich. Man kann diese Form der Reduktion sehen als Minderung. Auf hundert Kilometer entlang der Autobahn. An anderen Strassenrändern auch. In Wäldern und an deren Säumen. Neben Gehwegen, öffentlichen Grünanlagen und in Parks. Selbst an Garagenauffahrten. Es geht ein Kahlschlag sondergleichen um im Land.

Einige werden sich an der Stirn kratzen. Kettensägenaktien. Das wärs gewesen. Denn Deutschland probt den Kahlschlag. Da wird gesägt, gehackt und gefällt auf Deibel komm raus.
Dass Kulturlandschaften der Pflege bedürfen ist nur natürlich. Die Frage stellt sich allerdings, wie die Pflegemassnahmen gestaltet werden. Hat man einen Spreissel im Finger, muss nicht gleich der Unterarm amputiert werden.
Genau diesen Eindruck aber vermitteln viele Bäume beim näheren Hinsehen. Denn die meisten Bäume, die ich selbst in Augenschein genommen habe, waren kerngesund. Im ursprünglichen Sinn des Wortes. Zudem fällt unangenehm auf, dass manche Bäume als meterhohe Stammleichen enden. Wer denkt sich diesen Irrsinn aus?
Merkwürdig finde ich überdies, dass man in verschiedenen Bundesländern die gleichen traurigen Resultate dieser Kettensägenmassaker sehen kann. Hinter dem infernalischen Radau könnte man eine konzertierte Aktion vermuten.

In den Momenten weichenden Entsetzens frage ich mich inzwischen, ob es irgendeinen Zusammenhang geben mag zwischen den Wahnsinnsrodungen und den Instandsetzungen beschädigter Brücken. Es scheint, in Deutschland sei derzeit jede zweite Brücke vom Einsturz bedroht. Die Kettensägenarmeen dienen dabei vielleicht zur Kompensation in Bau- und Grünämtern. Wenn schon alle Brücken beschädigt sind und folglich instandgesetzt werden müssen, da wollen wir doch mal der Natur und besonders den Bäumen zeigen, wer die Herren der Sägen sind. Nur der Erfolg wird bewundert. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.
Es mag metapyhsisch klingen, aber vielleicht handelt es sich auch um eine Geräterevolution der Kettensägen gegen die überhandnehmende Herrschaft von Laubbläsern und -saugern. Dabei werden die Sägenbediener durch das schrille Kreischen der Sägen zu nervösem Aktionismus verführt. Wer weiss schon gemau, was in den Seelen einer Motorsäge vor sich geht.

Am Rand eines Kurparks wurde eine ganze Reihe kerngesunder Eiben ohne Hirn und Verstand wirr zusammengesägt. Am tiefsten beeindruckt hat mich dort eine amputierte Eibe. Ein fühlender Mensch hat einen schlichten Blumenstrauss auf dem noch lebenden Stumpf abgelegt. Und die Eibe begann zu weinen.

Beim letzten Waldspaziergang in Begleitung eines Liebmenschen war es immerhin ein kleiner Trost,  recht merkwürdigen Gestalten zu begegnen. Knolliger Erdrauch, Zottelhose und Donnerfluch, so die Namen der Gesellen. Und die Schönheit des Frauenschüchleins konnte bei allem Liebreiz ihr giftiges Wesen nicht verbergen. So eine falsche Osterluzei aber auch.

(Die Trauergalerie öffnet sich beim Anklicken einer Fotografie)

 

Saugtulpen über Singvögeln seitwärts

Nun ist schon wieder ein Gutteil des Jahres vergangen und endlich hat mich eine aktuelle Scheibe ergriffen. Warum, das wird sich bestimmt noch herausstellen. Bis dahin dreht sich dauerrotierend: Me and That Man – Songs Of Love and Death (2017)…

Vor einigen Wochen erhielt ich den kleinen Zettel. Du könntest mal deinen Petter anrufen. Das letzte Mal begegneten wir uns bei der Beerdigung meiner Got. Auf dem Zettel stand seine Telefonnummer. Ich habe das geplante Telefonat mehrfach hinausgeschoben. Nun ist es zu spät. Der letzte Engel meiner Kindheit hat sich die Flügel umgeschnallt. Mögen sie ihn damit erkennen und gut aufnehmen im Anderland.

Blogs verfolgen, Beiträge zur Kenntnis nehmen, über Kommentare auf dem Laufenden sein – der elektronische Rechenknecht hatte zunehmend zu tun. Und mir wurde die Kontrolle immer lästiger. Dass es auch anders geht, und vor allem, wie man sich wieder Ruhe und feine Freizeit verschafft, dafür danke ich Ihnen weiterhin herzlichst, aber das wissen Sie ja ohnehin.
Der dadurch gewonnene Abstand zur Bloggerei sorgt für schönste Erhellungen. Und andere Lektüren. Jörg Schröder beispielsweise schrieb: „Schreiben Sie wie die Leute reden. Die Leser wollen etwas aus dem Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife bestanden haben“ (Schröder, Kriemhilds Lache).
Und genau dort liegt nach meiner Kenntnis in vielen Blogs der Hund begraben. Da auch ich mich mit meinem Blog in der Öffentlichkeit präsentiere, weiss ich schliesslich, wovon ich rede wenn es um Eitelkeiten geht. Ich bin kein Bewohner von Bloggerhausen. Und die Mentalität der Hingabe für Hergabe ödet mich an. Weniger schreiben und wieder mehr lesen. In Büchern. Und in den Kladden eigener Aufzeichnungen spazierengehen. Tintenhandschriftlich mit Menschen aus Fleisch und Blut verkehren. Der Bildschirm als Gegenüber ist kein Ersatz für das wirkliche Leben.

Im Zug sass mir gegenüber einer dieser typischen Nerds. Notenbuch auf dem Schoss und zwei Handfesseln vor sich. Ein mit beiden Händen dauerbeschäftigter Mensch über Stunden. Normalerweise fällt mir zu solchen Anblicken sofort eine bissige Bemerkung ein. Aber ich habe mich letzthin wieder an das schöne Beispiel von Jesus und dem toten Schäferhund erinnert.
Ich nehme den Mann wahr und siehe, auf dem Deckel seines Kleinrechenknechts pappen einige Aufkleber. Auf einem steht ein Satz, ein Mantra geradezu, das zu den interessantesten Gedankenausflügen anregt: „Es gibt Leute, die glauben, es gäbe eine Cloud. Aber es gibt bloss die Computer anderer Leute.“

Ostern steht vor der Tür. Ich habe viele Gründe froh zu sein. Ich bringe es bloss noch nicht mit dem anstehenden Fest zusammen. Vielleichts wirds noch. Bis dahin meditiere ich den Spruch des Graffitis, den ich letzthin sah: „Leute in meinem Alter sollten sich überlegen, in welchem Zustand die Welt sein soll, die sie Keith Richards hinterlassen wollen.“

(Foto anklicken – die Galerie ist rund um die Uhr geöffnet)

 

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Reduktionsvöllerei

Mein frühes Rock’n’Roll Idol hat das Zeitliche gesegnet. Chuck Berry 18.10.1926 – 18.3.2017. Hier läuft in Erinnerung an die Brilliant Peach Pomade und eine Schachtel Camel ohne, eingedreht im Ärmel eines T-Shirts:
Chuck Berry – The Chess Box (3CDs / 1988)…

In der letzten Woche beim Zwiebelschneiden abgerutscht. Ein tiefer Schnitt im linken Zeigefinger. Ich halte meine Messer stets scharf. Die erzwungen veränderte Handhaltung führte gestern zu einem nicht minder tiefen Schnitt in die linke Daumenkuppe. Den frischen Schnittlauch trifft keine Schuld. Abends beim Essen mit der kross gebackenen Kante eines Baguette ein leichter Schnitt in die Oberlippe.

Reduktion bedeutet nicht Weglassen oder abschneiden um jeden Preis. Wem nutzt die Blutpfütze wenn ein Finger fehlt?
Das Thema Fülle durch Reduktion beginnt auszuufern. Durch interessante Gespräche, Fragen, Anregungen und die Erfahrungen anderer Menschen. Wer reduziert was und warum. Krankheit oder materielle Engpässe fallen spontan ein. Die Gründe sind vielfältiger. Wer durch Schicksalsschläge zur Reduktion gezwungen ist, hat es ungleich schwerer. Dennoch ist es schwierig zu entscheiden, ob es leichter wird, wenn man aus freien Stücken reduziert. Bezieht sich Reduktion nur auf das materielle, konsumistische Verhalten? Welche Veränderungen von Reduktion werden im ideellen Kontext wahrnehmbar? Viele Fragen und noch mehr Aspekte. Aber darum geht es eigentlich garnicht.

Dieser Blog wurde angeregt durch einen befreundeten Blogger. Für Berichte und Fotografien aus einem anderen Land und Lebensumfeld. Zur Information und Unterhaltung im Familien- und Freundeskreis.  Durch die Rückkehr nach Deutschland war der ursprüngliche Sinn dieses Blogs somit erfüllt. Das Thema Fülle durch Reduktion sollte eine Art Abschluss werden, um danach etwas Neuem Platz zu machen.
Um den Besuchern und Lesern und mir langatmig graue Theorien zu ersparen – auch das ist eine Reduktion – werde ich diesen Blog weiterführen und in folgenden Berichten konkrete Beispiele zur Fülle durch Reduktion beschreiben. Wenn diese Beispiele für andere Menschen anregend oder gar motivierend wirken, oder sogar ein konstruktiver Austausch entsteht, würde ich mich glücklich schätzen. Der erste Bericht dazu wird gleich in der nächsten Woche folgen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

(Fotografien illustrieren Gedanken, die ihrerseits wieder neue Gedanken erschaffen)

 

Gold aus Warnemünde

Die aktuellen Scheiben von Magma (Félicité Thösz, (2012), Rïah Sahïltaahk (2014) und Šlağ Tanz (2015) haben mich erschreckt. Viel besser kommt mir in die Ohren: Calexico – Edge Of The Sun (2CD Lim. Ed., 2015)…

Zwei Autoren. Einer ist aufgewachsen und sozialisiert in der BRD. Der andere aufgewachsen und sozialisiert in der DDR. Beide recherchieren. Martenstein wandert dafür sogar ins Gefängnis. Und Peuckert verspielt viele Chancen einer möglichen Karriere.
Der Reihe nach.
Die reifere Jugend erinnert sich noch an die Tagesthemen der ARD. An die vom 9.11.1989. Genau. Günter Schabowskis Pressekonferenz. Und die Jüngeren lernen das mittlerweile im Schulunterricht.
Den beiden Autoren, oder wars bloss einer von den beiden, fällt nämlich eine zeitliche Diskrepanz auf. Warum teilte Schabowski die wichtige Nachricht erst 1989 und nicht schon 1985 den Journalisten mit?

Guttenberg ist mittlerweile Wirtschaftsminister. Das von hat er abgelegt. Ein kluger Zug von Anpassung an proletarische Gepflogenheiten. Sein Hasspegel in der BRD wird nur noch von dem des Hartmut Mehdorn überboten. Der kleine Gregor Gysi hats inzwischen zum Kulturminister gebracht. Und Sascha Anderson ist Chef der Leipziger Buchmesse. Ach ja, und das obwohl er doch inzwischen der Schwiegersohn von Herrn M. Walser geworden ist.
Die Autoren berichten über einen langen Zeitraum. Spielen sich die Bälle zu. Wenn man das so sagen kann. Aktuell spielt die Geschichte im Jahr 2015.
Da kam einiges ins Rollen als Günter Schabowski die welterschütternde Nachricht verlas: „Soeben wird mir mitgeteilt, dass an der Ostseeküste der Deutschen Demokratischen Republik umfangreiche Erdölvorkommen entdeckt worden sind. Nach den Angaben unserer Geologen handelt es sich um die grössten bisher bekannten Lagerstätten der Erde. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik hat sich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, dass ab sofort Öl zu Verfügung steht.“ … Pause. Stimmengewirr. Fragen. „Soweit ich weiss, gilt das ab sofort. Unverzüglich.“

Inzwischen wird ja versucht, diese unglaubliche Neuigkeit umzudrehen. Das wird teilweise so absurd, dass man die Bevölkerung Glauben machen will, die beiden deutschen Staaten wären wiedervereinigt. Inzwischen soll es schon Menschen geben, die das glauben.
Die sollten mal Herrn Guttenberg, den Wirtschaftsminister der DDR dazu befragen. Oder Herrn Mehdorn. Der hat Robotron zum weltweit führenden Computerhersteller gemacht. Und dafür einen Vorstandsposten bei der Bahn sausen lassen.
Die Autoren versuchen die Geheimnisse der Erdölförderung aufzudecken. Sie sprechen mit ganz unterschiedlichen Menschen. Und immer hat irgendjemand irgendwie die verhindernden Finger im Spiel. Herr Kasner, vormals Pfarrer, vermisst seine Tochter Angela. Die verschwand nach ihrer Heirat mit einem gewissen Herrn Merkel. Sie wird in Bautzen vermutet. Darüber will aber niemand sprechen. Und etwas genaues weiss sowieso niemand.
Für einen nächsten Termin nimmt Martenstein fünf Kilo Gras im Koffer mit. Die Grenzkontrollen sind zwar ziemlich lasch, aber er wird prompt erwischt. Die Leute in der DDR sollen trinken und nicht rauchen. Martenstein bringt das ins Gefängnis. Auch Peukert bekommt genug Schwierigkeiten. Und verarmte Menschen aus der BRD reissen sich um ein Arbeitsvisum für die DDR.

Martenstein, Harald; Peuckert, Tom: Schwarzes Gold aus Warnemünde. Aufbau atb, Berlin 2016.

Zum Schmökern habe ich eigentlich garkeine Zeit. Von wegen Reduktion und so. Dennoch warens für mich 256 durchweg kurzweilige Seiten.