Der Januar zieht sich – – – –

Das passt  wie die Flosse ins Wasser. Musik aus einem unterirdischen, leergelaufenen Wasserreservoir in Köln:
Vor der Flut – Hommage an einen Wasserspeicher (1984)…

Das Hochwasser geht schneller zurück als erwartet. Journalisten haben bereits die Witterung nach neuen Katastrophen aufgenommen. Nur Sensationen lassen sich profitabel verkaufen. In Aufregung versetzte Medienkonsumenten wollen und brauchen das. Meinen sie jedenfalls. Die Medienmacher und diejenigen, die gerade über das so gerne informiert sein wollen, was sich weit weg von der eigenen Haustüre zuträgt. Und – frei nach Tucholsky – je grösser die Schlagzeile desto geringer der Inhalt.

Johanna, die alte gelbe Fähre, liegt hoch oben an der Zufahrt. Hoffentlich verkühlt sie sich nicht den Rumpf im schneidig kalten Wind. Der Bootsanleger führt hinauf und himmelwärts statt hinunter zum Wasser. Der Damm vom Festland hinüber zur Au ist aber schon wieder passierbar. Ich werde meine Gummistiefel anziehen und nachsehen, was die Wellen an Land gespült haben.

Und so ganz nebenbei Begriffe rezitieren für die kommende Zeit:

plimpplamppletteren (niederländisch, Verb) – Steine auf dem Wasser hüpfen lassen
oder
hoppípolla (finnisch, Verb) – in Pfützen hüpfen.
Auf jeden Fall einmal in diesem Jahr
to coddiwomple (englisch, Verb) – absichtlich zu einem unbekannten Ziel reisen.
Aber an diesem Wochenende mit erwartungsvoller Hingabe
Iktsuarpok (innuit, Subst., neutr.) – Vorahnung eines bevorstehenden Besuchs, der einen dazu bringt, vor dem Iglu Ausschau zu halten.
Man muss zwar nicht alles so genau wissen, dennoch interessant ist
Pisan-zapra (malaiisch, Subst., fem.) – die Zeit, die es benötigt eine Banane zu essen . . .

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Tage und beoachten Sie hin und wieder mal
Mångata (schwedisch, Subst., fem.) – eine Reflektion von Mondlicht auf Wasser, die wie eine Strasse aussieht.

(Fotografien anklicken macht gross und keinesfalls nass!)

 

 

Advertisements

Auch in diesem Jahr – auf ein neues Jahr

Feiner deutscher Jazz-Rock aus längst vergangenen Tagen: Os Mundi – 43 Minuten (1973)…

„Na Herr Ärmel, sind Sie gut ins neue Jahr gekommen“, fragt die Nachbarin.
„Ja, ich habe gut geschlafen.“ Worauf die Frau fast tröstend entgegnet: „das kann passieren.“
„Holla Ärmel, bist Du gut reingerutscht?“
Das sind solche Fragen, bei denen in mir sofort Bilder aufsteigen. Und die wollen die Frager wahrscheinlich lieber nicht sehen oder gar beschrieben haben.
Dabei ist das neue Jahr mit böigen Windstössen und Regenstürmen lediglich in die Fussstapfen seines Vorgängers getreten. Zuvor sassen wir zusammen, haben gut gegessen und getrunken und anhand zahlreicher Fotografien das vergangene Jahr nochmals Revue passieren lassen. Bis wir müde wurden und uns zur Ruhe legten für anregendere Erlebnisse.

Die beiden ersten Januartage verbrachten wir folglich in Museen. Im Frankfurter Städel sind (derzeit noch) zwei Sonderausstellungen zu sehen. Die Pflanzenmalereien der Maria Sybilla Merian im historischen Kontext. Und die Künstlerfreundschaft zwischen Pierre Bonnard und Henri Matisse wird dokumentiert in zahlreichen Gemälden. Beide Ausstellungen sind schon aufgrund der gezeigten Werke einzigartig. Da vergeht ein Tag wie im Flug.
Am folgenden Tag dann eine Begehung der Mathildenhöhe in Darmstadt. Dem ehemaligen Zentrum des deutschen Jugendstils. Anschliessend im Landesmuseum den Block Beuys erkunden, die weltweit grösste Ansammlung seiner Werke. Um danach die vielfältigen Eindrücke abzurunden, abschliessend ein Gang durch die Abteilung Erd- und Lebensgeschichte. Was für ein grossartiger und erhebender Jahresbeginn.

Ein Satz von Alexander von Humboldt auf einer der Texttafeln machte mich nachdenklich:
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben.“

Berichten will ich in den kommenden Beiträgen von Schönheiten und Möglichkeiten. Scheinkritische Nörgelfreddys, die alles runterziehen und dabei keine positiven Aspekte aufzeigen und betroffensülzende Lappalienfriseusen, die auch die kleinste Unwichtigkeit noch ondulieren und auftoupieren gibt es ohnehin zu viele.
Was mir in diesem Jahr erneut ein Wegweiser zur Lebensfreude sein wird, ist die Erkenntnis der vergangenen Jahre: Je mehr man auf vernünftige Weise reduziert, desto grösser wird das Staunen über die Vielfalt des Daseins..

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Jahr mit wundervollen Begegnungen aller Art. Und ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen Lesern und Guggern für die Aufmerksamkeit für meinen Blog, auch wenn ich ihren Blogs aus zeitlichen Gründen nicht folgen kann.

(Wer mag: Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Wie in den Jahren zuvor: Zu guter Letzt

Meine motiverende musikalische Begleitung für das weihnachtliche Geschenkebasteln:
Rolling Stones – Beggars Banquet (1968) und Rolling Stones – Let it bleed (1969)…

Wie gehabt verweist die Fotografie auf den letzten Eintrag des Jahres. Ich habe mir die jeweils letzten Einträge der vergangenen Jahre erneut angeschaut. Jeder hatte textlich und stilistisch seine ganz eigenen Schwerpunkte. Vieles davon ist inzwischen selbst Geschichte geworden. Fast schon vergessen, zeugen sie von momentaner Gültigkeit. Wenig bleibt.

Für mich war das 2017er Jahr ein gutes Jahr. Ein hervorragendes Jahr.
Ds Reduktionsprojekt läuft prima. Die Lebensfreude ist grandios und beflügelt. Was in jüngeren Jahren noch eine Wunschvorstellung mit gelegentlichen praktischen Versuchen und seit einigen Jahren eine klar umrissene Idee gewesen ist, kann ich nun realisieren. Ein vielfach angeschabter und geflickter Lebensfaden leuchtet nun in schönstem Rot.
Die Autonomie, einige äussere Lebensumstände und vor allem die meinem Herzen nahen Menschen sind Grundlage und Antrieb für das Gelingen. Von einigen merkwürdigen Entwicklungen und tief erlebtem Glück wird im kommenden Jahr konkret in einigen Beiträgen zu berichten sein.

Durch den weitgehenden Verzicht auf die lärmend geschwätzigen Medien beschränken sich besorgniserregende oder traurige Nachrichten auf einen überschaubaren Kreis von Menschen in meinem persönlichen Umfeld.
Ereignisse, auf die ich weder Einfluss nehmen kann, noch die Macht habe, sie zu bestimmen, interessieren mich zunehmend weniger. Dafür will ich dort, wo ich darum gebeten werde oder es für sinnvoll erachte, meine Kraft, meine Kenntnisse und Fähigkeiten zur Unterstützung anbieten.

Ich denke in dieser Zeit an die Menschen, die mir in diesem Jahr, jeder in seiner und auf seine Art, nahegekommen sind. Menschen, denen ich persönlich begegne, kann ich mit einem tiefen Augenblick meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Den virtuellen Begegnungen danke ich hier auf diesem Weg. Im mündlichen oder schriftlichen Austausch erhielt ich wunderbare Anregungen. Nicht zu vergessen auch einige horizontweitende Lehrstücke. Der Smaragd ist genauso viel wert wie der Diamant.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern im kommenden Jahr Gesundheit, Besonnenheit und Lebensfreude


Wer des Lebens Kürze kennt, der legt es klüger an und braucht es zum Vergnügen (Johann Peter Uz – 1720-1796)

 

 

 

Sich selbst oder anderen Menschen mit Freude (einen) Druck machen

Eine private Kompilation und ewig nicht mehr gehört. Und berührt noch immer: Pearl Jam – A Bunch of Covers…

Es spricht sich allmählich herum, dass ich derzeit auf ungewöhnliche Weise meine Bibliothek verkleinere. Ich verschenke meine Bücher hauptsächlich. Dabei fällt mir hin und wieder ein lange nicht beachtetes Exemplar in die Hände.
Aber darum geht es in diesem Beitrag (noch) garnicht.

Ich habe beim Buchhändler meines Vertrauens ein höchst originelles und überaus brauchbares Buch gefunden. Fast schon ein bibliophiles Juwel. Es vereinigt in sich dreierlei Eigenschaften, die sonst nur zu selten gleichzeitig zu finden sind.
Erstens ist es überaus liebevoll und ästhetisch gestaltet. Es leitet zweitens zu ebenso kreativem wie originellen Tun an. Und drittens wird dies auf sehr anschauliche Weise vermittelt.

Die beiden Autoren zeigen, wie in ihrer eigenen Küche eine Druckerwerkstatt entsteht. Und sie demonstrieren, wie feine Drucke auch ohne komplizierte Prozesse, ohne teure Druckerpressen oder gefährliche Chemikalien zuhause in der eigenen Küche entstehen können. Und sehr preiswert ist die Herstellung der Drucke obendrein. Insofern kann man das Werk ein praktisches Handbuch nennen. Oder eine hervorragend gestaltete Druckanleitung.

Die beiden Künstler führen vor, wie nach ihrer Methode Papier kunstvoll bedruckt werden kann. Postkarten, Bilder, Einladungen, Geschenkpapiere, Pappkartons, Sticker, Notizhefte, Buttons, Girlanden et cetera pp. Postergrosse Formate sind ebenso wenig ein Hexenwerk wie mehrfarbige Drucke.
Aber nicht nur Papier kann man auf diese Weise bedrucken. Nach der gleichen Methode lassen sich auch Textilien verschönern und individualisieren. Shirts, Stofftaschen, Kissenbezüge oder alle möglichen Tücher für verschiedene Zwecke sind nur einige Beispiele.
Selbst Holz kann man bedrucken. Und sogar Luftballons lassen sich auf diese Weise noch origineller gestalten.
Im Text wird zu den einzelnen Druckarten jeweils auf spezifische Besonderheiten der Trägermaterialien hingewiesen. und darüberhinaus gibts noch jede Menge praktischer Tipps zur handwerklichen Arbeit.
Überraschend war für mich, dass man auch in der Badewanne oder auf Fensterscheiben drucken kann. Ganz im Ernst.

Die Macher sind junge Gestalter bzw. Illustratoren, die ihr Handwerk in einem soliden Studium erlernt haben. Im Netz finde ich Informationen, dass sie mit ihrem Buch auch auf der frankfurter Buchmesse positives Aufsehen erregt haben, sodass sie bereits mehrfach in regionalen Fernsehsendungen ihr Buch und praktische Beispiele daraus präsentieren konnten. Ausserdem geben sie Seminare für ganz unterschiedliche Zielgruppen.

Wer also auf ganz besondere Art und Weise kreativ schaffen möchte, alleine oder mit anderen, der schaffe sich dieses Buch an. Überhaupt ist das Buch auch eine prima Geschenkidee.

Laura Sofie Hantke, Lucas Grassmann: In unsrer Küche wird gedruckt. Kreative Kleinauflagen handgemacht. Verlag Hermann Schmidt, Mainz. 115 S., 2016.

Der Webauftritt von Hantke und Grassmann: www.studio-lula.com
Der Webseite entnehme ich, dass schon am kommenden Samstag ein Seminar in Köln stattfinden wird.

(Am liebsten hätte ich hier das ganze Buch fotografisch abgebildet, so gut gemacht und anschaulich finde ich es. Aber das geht natürlich nicht und so müssen einige Eindrücke genügen)

 

Wir fahrn fahrn fahrn … (alles nur ein Traum!)

Eine meiner ewigen Lieblingsbands. Paul Thompson, Phil Mazanera, Andy Mackay und Bryan Ferry. Von den zusätzlichen Musikanten hat mich die einmalige Lucy Wilkins (syn, vio.) am meisten beeindruckt. Sie ersetzt Brian Eno erstaunlich gut. Das letzte Konzert einer Wiedervereinigungstour wurde als DVD veröffentlicht. Also horsche und gugge: Roxy Music – Live at the Apollo (2.10.2001)…

Jamaika liegt nun mal nicht in Deutschland. Deutschland spiegelt sich auf der Autobahn. Im Rahmen eines Projektes bewege ich mich derzeit täglich auf dem Asphalt. Höre dabei sporadisch den Verkehrsfunk. Die Verhältnisse ändern sich in Minutenschnelle. Eben noch freie Fahrt und jetzt steht der vielgliedrige Blechundplastikdrache kilometerlang. Und die Meldung, „Achtung Autofahrer: auf der A… bei Kilometer … liegt eine Palette auf der linken Fahrspur. Fahren Sie dort bitte besonders vorsichtig.“

In den Heckscheiben ist eine neue Erscheinung zu bewundern.Nach all den Aufklebern mit Kindernamen on board sitzt nun  Opa Ernst am Steuer. Oder Omi Renate am Lenkrad. Vielleicht ist das bloss eine gut gemeinte Warnung.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… liegt ein Wildschein auf der Fahrbahn.“
Ich bezweifle, dass Neuwahlen die Verhältnisse im Land erneuern werden.

Die Hoffnungslosigkeit der Autofahrer zeigt sich unter anderem auch darin, nicht dem Verkehrsfluss entsprechend so zügig zu fahren wie es möglich wäre. Sie lassen sich auf der mittleren Spur bei Tempo 80 rechts überholen von den LKWs, die mit Tempo neunzig unterwegs sind.
„Auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … kam ein LKW ins Schleudern und hat die Mittelleitplanke durchbrochen.“

Seit wann ist es zulässig, dass die Lastwagenfahrer auf dem Standstreifen ihre Ruhepausen verbringen?
Ich bezweifle, dass die Wahlberechtigten sich bei möglichen Neuwahlen anders verhalten würden als im alltäglichen Strassenverkehr. Im Radio die Nachricht, dass die Sparte Güterverkehr der Deutschen Bahn ordentliche Gewinne eingefahren hat. Man denke über die Erweiterung des Streckennetzes nach. (Obwohl es seit Jahren Zug um Zug abgebaut wird.)
„Achtung Autofahrer, auf der A… kommt Ihnen ein Fahrzeug entgegen. Fahren Sie äusserst rechts und überholen Sie nicht. Wir informieren Sie, sobald die Gefahr vorüber ist.“

Parkplätze überhaupt. Werden Gerüchten zufolge demnächst in LKW Stellplätze umbenannt. Ich verspüre ein dringendes Bedürfnis. Da vorn, ein Parkplatz mit Toilette. Rücksichtslose LKW Fahrer. Die Einfahrt kreuz und quer zugestellt. Dann halt der nächste Parkplatz. Der Druck steigt merklich. Die Einfahrt ist von einem LKW Fahrer blockiert. Der nächste Parkplatz muss es sein. Beckenbodenübungen. Auch dieser Parkplatz ist dicht. LKWs stehen zurück bis auf den Standstreifen. Ich nehme die nächste reguläre Abfahrt. Erlösung. Keine LKWs. Und ein Gebüsch.
„Guten Morgen, es ist 6:45. Die A… bleibt nach einem schweren LKW Unfall zwischen … und … bis auf weiteres in beiden Richtungen gesperrt. Bitte umfahren Sie diesen Bereich grossräumig. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“
Vier LKWs und zwei oder drei PKWs sind sich im Baustellenbereich zu nahe gekommen. Zwei LKW Fahrer haben die Kollision nicht überlebt. Die überaus wichtige Nord-Süd-Verbindung blieb bis zum Abend gesperrt.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung… liegt ein Küchenschrank auf der Fahrbahn.“ 

Im Anfahren und Abbremsen in der Lawine kann man bestimmte wiederkehrende Verhaltensweisen erkennen. Ich sitze erhöht im Fahrzeug und nehme staunend wahr, wieviele Verkehrsteilnehmer auf ihren Handfesseln rumwischen. Bei manchen trifft der Begriff Verkehrsteilnehmer eigentlich garnicht mehr zu. Die schwimmen längst in einem Parallelkosmos. „Achtung Autofahrer, auf der A… befindet sich ein Auspuff auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befindet sich radfahrendes Kind auf dem Seitenstreifen. Fahren Sie bitte äusserst vorsichtig.“
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … sind mehrere Jogger unterwegs.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … schieben mehrere Personen ein Fahrzeug auf der Standspur.“ In den alten WG Zeiten haben wir öfter mal gemeinsam einen 2CV, einen Käfer oder einen R4 geschoben. Heute scheinen alle Autos allzeit und immer zu fahrbereit zu sein.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung steht ein defekter LKW in der Baustelle. Zur Zeit fünf Kilometer Stau. Sie müssen derzeit etwa fünfundvierzig Minuten mehr einplanen.“ Wer errechnet auf welcher Grundlage die zusätzlich benötigten Zeiten? Wo immer ich selbst davon betroffen war und eine solche Meldung hörte, die Zeiten haben nie gestimmt. Ob sich hier in diesem Land in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Von der Politik wohl kaum.

Der Anfang des Jahres sogenannte Schulzeffekt war das kollektiv erlösende Aufatmen über den Rückzug des Herrn Gabriel. Nach der beeindruckenden Wahlschlappe hat der Kleinstadtbürgermeister Schulz in der Berliner Runde seine Grenzen deutlich erkennen lassen.
Und nun nach den geplatzten Gesprächen zu einer möglichen Regierungsbildung scharren die Emporwollenden in den zweiten Reihen mit den Füssen. Merkel weg, Schulz weg. Das ergäbe Möglichkeiten. Nein, nicht zum Politikwechsel. Für neue Karrieren. Aber die Nochkanzlerin hat bereits ihre neuerliche Kandidatur über die Medien bekanntgeben lassen.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … liegt eine Stossstange auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… liegen zwei Wildschweine auf der Fahrbahn.“ Nein, das ist weder eine versehentliche Wiederholung noch sind die Durchsagen Erfindungen meinerseits. Alle Meldungen sind wörtliche Zitate. Aufgeschnappt und notiert während zwei Wochen unterwegs im Verkehrswahnsinn. Nicht gezählt habe ich die zahlreichen Reifenreste, die zur Zeit der Meldungen undefinierten Gegenstände und die Holz- oder Metallteile. Nicht zu vergessen die vielen defekten LKWs.
Soeben vernehme die letzte Meldung bevor ich das Fahrzeug verlasse.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befinden sich Steinewerfer am Fahrbahnrand. Fahren Sie äusserst vorsichtig. Wir informieren Sie selbstverständlich, sobald die Gefahr vorüber ist.“
Der Bundespräsident will sich heute mit den jamaikanischen Verhandlungsführern treffen. Und die nachmittäglichen zähflüssigen Verkehrsströme treffen so sicher ein wie das Amen in der Kirche. Vielleicht birgt der absehbare Verkehrsinfarkt die Erlösung in sich. Das wäre dann eine wirkliche Veränderung.

Pendler, die jeden Tag aus den umliegenden Mittelgebirgen bis zu zweihundert Kilometer zwischen ihrem Heim und der Arbeitsstelle zurücklegen. Mir hat einmal ein Bekannter erklärt, warum er das auf sich nimmt. Das erwünschte Haus hätte er sich in der Nähe seines Arbeitsplatzes nicht erlauben können. Fast wäre ich auf sein Argument reingefallen. Ich rechnete mal über den Daumen kurz hoch. Zehn Jahre Kredit für ein Haus abzahlen. Und was in dieser Zeit der erhöhte Fahrzeugverschleiss kostet, wie der verbrauchte Kraftstoff zu Buch schlägt. Und die Lebenszeit. Die masslose Verschwendung an Lebenszeit.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… befinden sich Pferde auf der Fahrbahn.“
Dass vor den Wahlen alle Parteien die Zukunft des Verbennungsmotors zusicherten war zumindest auffällig. In fünfundzwanzig Jahren wird es den privaten Autoverkehr, zumindest wie wir ihn kennen und gewohnt sind, ohnehin nicht mehr geben. Aber noch ist angeblich jeder dritte Arbeitsplatz in diesem Land direkt oder indirekt mit der Automobilindustrie verbunden. Und was die Politik nicht verändernd anpackt, das wird die Automobilindustrie für uns zu ihrem Gewinn richten.
„Guten Abend liebe Hörer, es ist 22:30 und die gute Nachricht zuerst: die Stauampel zeigt auf Grün.“

(Die Fotografien sind an der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt aufgenommen. Dort befindet sich das Mahnmal und der Gedenkstein für Bernd Rosemeyer. Der wurde 1938 bei einem Weltrekordversuch bei etwa 430 Kmh von einer Windbö erfasst und aus seinem Rennwagen geschleudert. Er war sofort tot.)

 

Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

Französische Bands waren und sind hierzulande leider weitgehend unbekannt. Während des Schreiben dieses Beitrages: Ange – Le Cimitière des Arlequins (1973). Danach, ebenfalls aus dem Jahr 1973: Magma – Mekanïk Destruktïw Kommandöh …

Dem Buch fehlt der Schutzumschlag. Das helle blaugrüne Leinen weist etliche Flecken auf, der Rücken ist nur minimal lichtrandig. Das Büchlein im Format Klein8° passt gerade recht in die Hände eines elfjährigen Jungen. Nach Hinweisen zum Autor suche ich vergeblich. Das Buch wandert seit Jahrzehnten in und mit meiner Bibliothek.
Eine spannende Pfadfindergeschichte. Ich war selbst lange Jahre bei den Pfadfindern. Das Buch mag ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten gewesen sein. Von wem es mir geschenkt worden sein mag, ich erinnere es nicht mehr. Erschienen ist es im Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris.
Lange vor der Schaffung der EWG, der Vorläuferin der EU, kam den führenden Politikern beider Länder der glorreiche Gedanke, dass zukünftige Kriege zu vermeiden seien, wenn die Jugend sich kennenlernen und miteinander im Austausch wäre. Im Rahmen des Elysèe Vertrages wurde auch die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) beschlossen. Schon bald danach begann ein gegenseitiger Jugendaustausch.

Meine erste lange Urlaubsfahrt mit Freunden verbrachte ich in Frankreich. Jahre waren seit der Gründung des DFJW vergangen. Wir entdeckten Frankreich auf eigene Faust. Im Elsass kam es durchaus noch vor, dass man als deutscher Jugendlicher, zudem mit längerem Haupthaar, als boche beschimpft worden ist.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, aber meine Freunde waren bereits etwas älter. Mit einer Citroen Dyane 6 und einem Opel Kadett A fuhren wir Richtung Süden. In der Nähe von Marseille zelteten wir auf dem steinigen Boden hoch über dem azurblauen Meer. Spontan sind mir an diese Reise nur wenige Tatsachen erinnerlich. Baguette, Käse, südfranzösische Pizza und die für unsere Verhältnisse chaotischen Verkehrsverhältnisse. Pastis, den man immer weiter wasserverdünnen konnte, bis uns der Wirt scheel anschaute. Rotwein und Gauloises. Damals noch zum Schülertraumpreis. Die bezaubernd fremde Lebensart. Und die nervigen Grenzkontrollen dort wie hier. Seitdem war ich viele Male in Frankreich und kenne fast alle Gegenden.

Im Jahr 1914 wurde in Saint-Denis für die CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits) mit der Fertigungsnummer 2419D einer von über zwanzig Speisewagen hergestellt. Während des bald darauf beginnenden Ersten Weltkriegs diente dieser Wagen im Befehlszug des Maréchal Ferdinand Foch nach einem Umbau als sein mobiles Büro.
In diesem rollenden Raum wurde am 11. November 1918 die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches ratifiziert.
Danach wurde der Wagen im Ehrenhof des Armeemuseums in Paris ausgestellt.

Wenn Du das Elsass und die Vogesen noch nicht kennst, so ist es mir eine Freude, Dir in dieser einmaligen Kulturlandschaft viel Sehenswertes zu zeigen und näherbringen. Die kleinen malerischen Dörfer und Städtchen. Flammkuchen und Edelzwicker. Den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar. Kugelhopff und Flammkuchen. Das Kloster auf dem Odilienberg. Und das nicht weit davon entfernte ehemalige Konzentrationslager Natzweiler Struthof. Die kultivierte Lebensart liegt hier so nah bei der rohesten Barbarei, dass man es kaum fassen kann. Auf dem Lingenkopf lagen die beiden Schützengräben nur zwölf Meter von einander entfernt. Musste ein Soldat austreten, so rief er dies dem militärischen Gegner zu und erbat sich damit freies Geleit. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht. Kriegshandlungen sind nicht vorausschaubar.

Als die Deutsche Wehrmacht 1940 Frankreich einen Waffenstillstand aufzwang, wurde der Eisenbahnwagen auf Befehl Hitlers vaus dem Aremeemuseum geholt und an die gleiche Stelle im Wald von Compiègne gebracht, um darin den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen.
Danach wurde der Wagen per Eisenbahn nach Berlin spediert, da er nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde er kurzfristig ausgestellt und anschliessend in einem Magazin eingelagert. Im Jahr 1944 wurde er aus Sicherheitsgründen nach Thüringen verbracht. In den letzten Kriegstagen wurde der Wagen dort durch ein Feuer beschädigt. In der Geschichtswissenschaft gibt es noch immer verschiedene Meinungen über die Urheberschaft der Zerstörung.

Auf der Fahrt von Colmar in die Vogesen werden wir an einem kleinen Ort vorbeikommen. An der dortigen Kirche ist eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an einundfünfzig Mitbürger, die zu Reichsdeutschen erklärt worden sind und somit in die deutsche Wehrmacht oder die SS gezwungen worden sind.
Mir fällt da eine kleine Auberge in der Nähe ein, in der es bescheidene Zimmer und eine typisch elsässer Küche gibt. Jetzt ist die Zeit der feinen Wildgerichte. Heisse Maronen und Pilze. Morgen könnten wir dann eine kleine Rundfahrt in den Vogesen machen oder eine Kleinstadt besuchen. Oder beides.

Der Unterbau des Waggons überstand den Brandanschlag und wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, zu einem Werkstattwagen umgebaut und entspechend genutzt. Seine letzte Verwendung war als Werkswagen Nr.17 im Weichenwerk in Gotha. „Aufgrund seiner weichen Federung erhielt er dabei den Spitznamen Kanapee.“ Nach einer neuerlichen Beschädigung wurde der betagte Eisenbahnwaggon im Jahr 1986 verschrottet.

Was mir beim Rundgang durch eine Kleinstadt wie Obernai auffällt, ist diese wohltuende Nichtperfektion. Nichts ist überrestauriert. Man sieht den Gebäuden an, dass sie belebt sind. Das pulsierende Leben selbst in den ruhigen Nebenstrassen überträgt sich auf den Reisenden. Wie wärs mit einer Einkehr in einem Salon de Thé? Oh, da gibts frische Eclairs. Welche Creme magst Du lieber, Schokolade oder Vanille? Ich nehme bloss einen petit noir.
Hier lässt es sich leben. Die Böden sind ungemein fruchtbar. Selbst jüngere Menschen sprechen wieder den elsässischen Dialekt. Vielleicht finden wir später ein gemütliches Resaturant. Einen Baeckeoffe habe ich ewig nicht mehr gegessen.
Mit der Vergangenheit und den historischen Orten geht man in Frankreich nicht anders um als in anderen Ländern.
Das Konzentrationslager Le Struthof ist anschaulicher instandgesetzt, als ich das von deutschen Konzentrationslagern kenne. Aber hier soll nicht aufgerechnet werden, wie mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wird. Es ist unwürdig und unpassend.

Strassburg? Auf dem Weg dorthin werden wir Mutzig passieren. Auf einem Hügel neben der Stadt liegt die angeblich grösste Militärfestung Europas. Die Feste Wilhelm II. für siebentausend Soldaten. Nach heutigem Geld soll der Bau eine Viertelmilliarde Euro verschlungen haben.
Es kann sein, dass in Strassburg ziemlich viel los sein wird, nach der Ruhe hier am Rand der Vogesen. Vor dem Münster schieben und drängen sich die Menschenmengen. Himmelstrebende gotische Baukunst, die sich auf einen schnellen Blick nicht erfassen lässt.
Martialisch aussehende Männer der Antiterroreinheiten patroullieren und zeigen überall Präsenz. Beim Eintritt in jegliche öffentliche Gebäude muss man den Inhalt seiner Taschen und Rucksäcke präsentieren. Lass uns lieber in ein ruhigeres Viertel gehen. Jetzt ist die Jahreszeit für moules frites. Schau, das kleine Restaurant dort drüben sieht gut aus. Die Muscheln, zubereitet á la marinière, sind ebenso delikat wie schmackhaft.
Aber nun nichts wie weg aus diesem Getümmel. Die Feuerwehr stellt auf der berühmten place Kléber einen fündundzwanzig Meter hohen Weihnachtsbaum auf. Menschenmassen in der Herbstsonne. Eine kleine Tüte heisse Kastanien für auf den Weg. Die verschmitzt schauenden Augen des lächelnden Maronenmannes lindern den inneren Aufruhr der vielfältig verwirrenden Eindrücke.

Der Roman „Lichter am Grenzhof“ von Jürgen Rauser hielt mich seinerzeit in Atem. In den Sommerferien haben die Gruppenführer einer deutschen und einer französischen Pfadfindergruppe eine Begegnung zwischen ihren Buben vereinbart. Die Jungs wissen nichts voneinander und lernen sich in den Vogesen durch geheimnisvolle Begebenheiten und Zwischenfälle kennen und kommen sich im Verlauf der Ferien näher.
Am Ende entwickeln daraus sich Freundschaften. In dem Buch steht vor dem Text eine gedruckte Widmung:
„Der Jugend Deutschlands und Frankreichs, die eine Versöhnung aufgerichtet hat
über der blutdurchtränkten Erde des Grenzlandes, –
Eine Gemeinsamkeit, die so sehr erfahren ist,
dass sie nie wieder im Hass der Völker verbrennen darf.“

Es bleibt angesichts der Geschichte des vormals prominenten Eisenbahnwagens zu wünschen und zu hoffen, dass zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig nie mehr Kapitulationen zu unterzeichnen sein werden.
Und mit einer Reisebegleitung wie Dir würde ich jetzt sofort ins Elsass fahren. Zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr zur Blütezeit. Oder in der Hitze des Sommers zum Picknick an einen Wasserfall. Grenzüberschreitend.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein friedvolles herbstliches Wochenende.

(Eine Fotografie anklicken. Die Galerie öffnet selbsttätig)

 

 PS: Das im Beitrag erwähnte Buch: Rauser, Jürgen: Lichter am Grenzhof. Illustrationen Irene u. Rolf Scharwächter. Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris, 1965. 191 S.