Reduktion? Nicht bei Herzensfreude und Schönheit

Wetter fast wie im April. Nur heisser. Passend dazu: Peter Hammill – All that might have been (2014). Die fetzigen Nummern für das Matratzenlager im nachtschwülen Partykeller: Knockout Rockin´ (Collector CD. Thanks to RYP). Nach über einem Jahrzehnt erneut eine solide Facharbeit: Procol Harum – Novum (2017)…

Die Ausstellung ist nun beendet. Vor den Organisatoren und beteiligten Künstlern ziehe ich meinen Hut und danke allen Machern und Mitmachern herzlich für ihr grosses Engagement. Sponsoren unterstützten die Vernissage und Ausstellung grosszügig. Das Interesse des Publikums in dem begrenzten Umfeld war beeindruckend. Positive Presseberichte waren erfreulich zu lesen. Wenn während der Ausstellungstage zudem Kunstwerke verkauft worden sind oder Anschlussaufträge folgten, dann war die Freude perfekt.
Die Aussenwand mit dem grossen Graffiti wird noch bis zum Abbruch des vormaligen Supermarktes zu bewundern sein. Über einen dauerhaften Standort wird derzeit nachgedacht. Das Sprühteam um Manuel Gerullis hat mit seiner künstlerischen Street-Art in diesem Jahr zudem den Kulturpreis der Stadt Wiesbaden gewonnen.

Mich haben die Gespräche inspiriert. Sowohl die mit den Künstlern als auch mit interessierten Guggern. Natürlich gibts da auch merkwürdige Begegnungen. Aber das sind für mich dann die eigentlichen Sahnehäubchen. So beispielsweise eine kenntnisreiche ältere Dame angesichts eines meiner Wasserbilder.

Das ist aber schön gemalt. Das ist mit Photoshop, gell?
Das ist eine Fotografie. Alles ohne Photoshop.
Doch, das ist Photoshop.
Das ist eine ganz normale Fotografie. Da ist nichts zusätzlich manipuliert.
Ja, das sehe ich auch, dass Sie das abfotografiert haben. Aber es ist trotzdem schön gemalt.
Das ist kein Gemälde. Ich habe das so fotografiert, wie ich es gesehen habe. Es ist die Spiegelung einer Wasser – –
Ja nein!, aber…
(manchmal kehrt die Stille von selbst ein).

Allzu still wirds jedoch nicht werden. Die Vorbereitungen für eine Einzelausstellung zu Beginn des nächsten Jahres werden schon in Kürze beginnen.

(Fotografien. Die obere und die untere sind Einzelbilder. In der Mitte ist es wie gewohnt eine Galerie. Anklicken und gross gugge)

Reduktion : weiterhin gut behütet

Auf Radio Stone.fm einen heissen Titel gehört und spontan die dazugehörige Scheibe besorgt. Da geht die Post ab, die Musik fährt in die Beine: Hot Boogie Chillun – 15 Reasons to Rock´n´Roll (2005)…

Soweit ich mich erinnere, begannen vor einem Jahr auf den Tag genau, die ersten konkreten Schritte des Reduktionsprojekts. Wie oft zuvor schon hatte ich gedacht; man müsste, man sollte und man könnte. Dies und jenes mehr oder weniger halbherzig versucht, manches auch umgesetzt. Jetzt also mit lebendiger Konsequenz aber ohne dogmatische Anwandlungen ins Abenteuer der Reduktion springen.
Ich hätte mir nicht räumen lassen, was daraus in kurzer Zeit entstanden ist. Nein, keine Karriere und keine Anhäufung von Mammon, Es sind die Beobachtungen, die Wahrnehmungen und die Gespräche mit anderen Menschen. Der Gewinn sind die daraus erwachsenden Erkenntnisse. Sein lassen, was nicht weiterbringt und letztendlich lediglich Kraftvergeudung ist.
Die Erleichterung, sich nicht mehr zu beschweren über Kleinigkeiten. Kein Geschwätz über Dritte hinter den Linien. Lernen vom Wissen anderer Menschen. Mut schöpfen. Staunen über das derzeit fast schon pervertierte Kaufverhalten von Konsumenten. Die Freude über die dritte Brut der Amseln im Nest im Efeu. Lebensfreude pur, indem man das Wichtige vom Unwichtigen trennt. Die Aufzählungen liessen sich weiterführen. Noch läuft nichts perfekt. Stolpern gehört dazu. Fallen ist nicht schlimm, sondern liegenbleiben..

Ja, ich kommentiere gelegentlich noch immer in anderen Blogs. Zum Beispiel schrieb ich diesen hier: „Kannibalen waren der letzte Schrei in den frühen Reiseberichten des 16. und 17. Jahrhunderts. Deshalb legten die Verleger auf derlei Grusel & Grauen enormen Wert, das hob schliesslich die Verkaufszahlen. Also in etwa die Blödzeitung für den Adel der frühen Neuzeit. Ich stelle mir gern die indigenen Bevölkerungen vor. Lauschend den Reden der Missionare. Was mögen die Indianer wohl davon gehalten haben, dass wir bei vielen Gelegenheiten unseren Erlöser als Brot aufessen und sein Blut als Wein trinken…“. Dass es die Kannibalen, in der Form, wie sie literarisch tradiert worden sind, so nicht gab, haben Historiker längst erforscht.

Alle reden von Gentrifizierung. Gemeint sind in diesem Kontext meist raffgierige Spekulanten, die Immobilien aufkaufen, um sie zu renovieren oder umzubauen. Durch neuerliche Vermietung oder den Verkauf als Eigentum wird danach ein satter Profit erhofft. Über eine andere Form der Gentrifizierung finden sich Informationen nicht so leicht. Bestimmte Bevölkerungsgruppen kaufen nach und nach Ein- oder Mehrfamilienhäuser in einer Strasse oder einem Viertel in einer kleineren Stadt. Aus verschiedenen Gründen verlieren andere Investoren den Anreiz zum Kauf und für Verkäufer beginnen die Preise ihrer Immobilie zu sinken.
Im Lauf einiger Jahre sind die Immobilien des Quartiers mehrheitlich im Eigentum einer Bevölkerungsgruppe. Kulturwissenschaftlich spricht man von dem Gegenteil von Integration, nämlich der kulturellen Segregation. Ein international bekanntes Beispiel dieses Phänomens sind die weltweit verbreiteten Chinatowns. Hierzulande gibt es meines Wissens keine Chinatown.

Ich freue mich auf die Begegnung mit anderen kreativen Menschen. Die Vernissage findet Morgen um 19:00 Uhr statt.

(Herr Ärmel ist bekannt als der Untertan mit Mantel, Regenschirm und Hut. Die hier präsentierten prächtigen Hüte jedoch befinden sich nicht in den Ärmelschen Hutschachteln. Foto anklicken öffnet, wie immer, die Galerie)

 

 

Reduktionsverfahren

Er fuhr einen TR4A und ich einen +8. Wir trafen uns an einer Tankstelle und kamen gleich ins Gespräch. Über unsere Liebe zu alten Engländern. Ein Auto nur so zum Spass würde ich heute nicht mehr fahren. Ich gäbe aber was drum, könnte ich ihn nochmals auf der Bühne sehen. Vor Jahren zu früh verstorben: Volker Kriegel – Houseboat (1979)…

Im Zug meiner Reduktionsversuche ergeben sich zunehmend aufschlussreiche Gespräche. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich darüber Gedanken machen, sich auf die oder andere Weise zu beschränken. Dem angeblich ewigen Wachstum zu widerstehen.
Beispielsweise auf Fernreisen zu verzichten und das eigene Land kennenlernen. Was mich dennoch überrascht, dass doch relativ wenig gebraucht gekauft wird. Dafür braucht es allerdings Geduld. Wer alles gleich und sofort haben will, der wird mit den Gebrauchtangeboten schnell enttäuscht sein. Wer hingegen mittelfristig plant und entsprechend Zeit mitbringt, der kann die schönsten Erfolge verbuchen. Und es gibt fast alles als gebrauchte Gegenstände.

Das digitale Altgeraffel findet nach und nach neue Besitzer. Dadurch werden hier die eigenen Bestände aktualisiert. Es gibt Dinge, die kauft man am besten gebraucht. Technik sowieso. Da gibt es auf beiden Seiten Gewinner.
Die Mail mit der Lieferungsankündigung enthält eine merkwürdige Frage: „Sind Sie auch Kunde bei x***x? Damit ist eines der sogenannten sozialen Netzwerke gemeint, auf die offensichtlich kein Unternehmen mehr verzichten kann. Das Wort Kunde finde ich aber beeindruckend. Sofort trabt meine Fantasie Richtung Strassburg zum Europäischen Gerichtshof. Die einzige Instanz, die uns noch einigermassen gegen die uns aussaugenden Datenvampire schützt. Gelegentlich jedenfalls.
Es wäre wünschenswert, denke ich mir, wenn man den üblichen Netzwerken ab sofort untersagen würde, ihre Registrierten als Mitglieder zu bezeichnen. Denn Mitglieder sind sie mitnichten. Stattdessen müssten alle dort Mitmachenden Kunden genannt werden. Dann würde manchen vielleicht ein Licht im Kopf aufgehen, was er oder sie für die Hergabe privater Daten eigentlich geliefert bekommt ausser Illusionen.

Nein, ich habe keine Angst vor dem, was manche Menschen weltweit anrichten. Im Prinzip sind wir doch alle Zeitbomben. Die meisten von uns entschärft der Tod. Aber eine einzige querschiessende Zuckerverbindung im Hirn und schon dreht ein Mensch durch oder ein anderer läuft Amok. Insofern bin vorsichtig und zeige nur zaghaft mit dem Finger auf andere Menschen.

Hinweisen möchte ich noch auf eine kleine, aber feine Ausstellung. Werke verschiedener Künstler in ganz unterschiedlichen Techniken. Darunter befinden sich auch einige meiner Fotografien.

 

(Was die Fotografien mit all dem zu tun haben? Eins anklicken, die Galerie betreten und für jede der Fotografien statt der statistischen vorbeihuschenden elf Sekunden ruhig zwanzig Sekunden aufwenden und genau hinschauen. Der Gewinn wird sich einstellen.)

 

Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)

Mrs. Turner piep´ einmal…

Frische, luftige Melodien und zum Fliegen schön: Rich Hopkins & Lisa Novak – Loveland (2008)…

Das zarte Stimmengewirr schien aus etwa drei Metern über uns zu kommen. Es gehört nicht zu meinen Angewohnheiten andere Gespräche zu belauschen. Bald wurde es auch wieder ruhiger. Kommunikationswogen. Stimmen wurden lauter, dann ebbten sie wieder ab. Mrs. Turner sollten wir erst später persönlich kennenlernen.

Ich habe mich von einem weiteren Blogmenschen verabschiedet. Über die Kommentare hinaus entspann sich ein privater, lockerer Mailwechsel. Ich kann den Zeitpunkt nicht genau benennen, aber irgendwann wurde es richtig unangenehm. Höflichkeit und Respekt sind auf das menschliche Gegenüber bezogen. Wenn die Selbstbezogenheit und Geschwätzigkeit überhand nimmt, beginnen Anzüglichkeiten und Übergriffe. Geben und Nehmen bilden Harmonien, Einseitigkeiten stören die Balance in den menschlichen Beziehungen.

Schon vor dem Frühstück war der lebhafte Austausch bereits wieder zu vernehmen. Wir schauten nach oben. Ja, von dort scheinen die Laute zu kommen. Waren sie verhaltener als gestern? Da sahen wir vor unseren Füssen die kleine Amsel liegen. Das Köpfchen unmässig nach hinten verdreht. Genickbruch als Folge des Sturzes aus dem Nest.

Aber da war noch ein Fiepen aus einer anderen Richtung zu hören.
Und richtig, es ertönte aus dem Korbgestell unten am Boden. Da sass zwischen Pflanzbehältern und der Keramikschnecke eine andere kleine Amsel. Ein kleine Flaumkugel. Wir nahmen uns gegenseitig wahr. Es war eher Offenheit und Verwunderung als Vertrauen. Jetzt nur vorsichtig sein. Annäherung lediglich aus sicherer Entfernung mit einem Teleobjektiv. Mrs. Turner soll sich keinesfalls erschrecken. Und die alten Amseln müssen hier im Hof in der Lage bleiben, ihren Nachwuchs zu füttern.

Es ist der Respekt und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Nur das zu nehmen, was der andere zu geben bereit ist. Es fällt natürlich schwer, auf einen anderen Standpunkt zu verzichten, der eine schönere Bildkomposition erlauben würde. Aber dadurch würde das kleine Lebewesen unnötig erschreckt werden. Im Verlauf von drei, vier Tagen wächst die Achtsamkeit für das junge Vögelchen. Wenn jemand mit einem Hund den Hof betritt, ist ein Hinweis notwendig; ebenso bei Menschen, die scheinbar blind und taub für ihre nächste Umgebung sind.

Den Geschwistervogel von Mrs. Turner sehen wir nicht. Da Amseln immer mehrere Nester bauen, haben ihn seine Eltern in ein anderes Nest im Hof des Nachbarn gelockt. Von dort sind seine Rufe nach Futter zu hören. Mrs. Turner wird schnell beweglicher. Hüpft auf dem Boden herum. Sitzt manchmal vor der Tür zum Ladenlokal. Dann heisst es aufpassen auf Menschen, die nichts sehen als das Konsumziel.

Die weitgehend reduzierte Wahrnehmung, in diesem Fall auf ein schützenswertes Lebewesen, öffnet andererseits die Sinne ungemein. Eine Woche mit einem kleinen Vogel ersetzt ein teures Meditationsseminar in romantischer Umgebung und mit allerlei Tamtam drumrum. Selbst das Geraffel beschränkt sich bloss auf die Kamera mit dem leichten Teleobjektiv. Da die Amselmutter sehr zutraulich ist, überträgt sich das offensichtlich auf Mrs. Turner.
Die ersten Flugversuche erscheinen den Menschen belustigend. Da die Schwanzfedern noch nicht ausgebildet sind, sind nur kurze Geradausflüge möglich. Aber dennoch gelingen schon erste, wacklige Landungen im raschelnden Efeu.

Iiiiieeeersch. Ein langer, durchdringend schriller Schrei. Im Hof stehen zwei Frauen. Könnten dem Aussehen nach Mutter und Tochter sein. Iiiiieeeersch. Noch länger und gellender diesmal. Die beiden Frauen schauen zu der Bank, auf deren Lehne Mrs. Turner gerne schläft. Ich fahre auf und sehe den kleinen Irrwisch, wie er im Schreien nun nach Mrs. Turner tritt und sie nur knapp verfehlt. Mutter und Grossmutter schauen stumm zu und erschrecken genauso wie der kleine Bankert als ich die Ladentür aufreisse und ihn anschreie, dass man nicht nach einm Tier tritt. Nun erwacht die Mutter endlich und sagt dem Sohn, dass der kleine Vogel vielleicht krank ist. In all den Wundern, die wir in den wenigen Tagen erleben dürfen, wohnen auch immer die schattigen Anteile des richtigen Lebens. Wo es hell leuchtet und Erkenntnis möglich ist, lebt um die Ecke der dumpfe Mief der Gleichgültigkeit.

Mrs. Turner beginnt ihren Flaum zu verlieren, indem sie sich putzt. Flügel oder Beine nach hinten zu strecken erfordert Gleichgewichtsgefühl, sonst fällt man um. Diese Entwicklungsschritte erledigen sich ungemein rasch. Reinlichkeit und Beweglichkeit greifen Hand in Hand. Uns fallen dazu die klaren Gedanken ein, die Voraussetzung sind für ein seelisches Gleichgewicht. Im blossen Wahrnehmen und Beobachten von Mrs. Turner fallen uns alle mögliche Metaphern zum menschlichen Verhalten ein. Mrs. Turners Verhalten und Entwicklung zu beobachten wird für uns zu einem bereichernden Lehrstück.

Bleiben am Morgen die gewohnten zarten Rufe aus, stellt sich ein sanftes Vermissen ein. Am Abend zuvor stellte Mrs. Turner ihre ersten Höhenflugversuche an. Die Schwanzfedern sind jetzt etwa zwei bis drei Zentimeter lang. Einem Menschen im Hof konnte sie nachmittags bereits in einem eleganten Bogen ausweichen.
Amseln sind Nestflüchter. Wenn der Amselvater aufhört mit dem Füttern, wird er beginnen, sein Revier zu markieren. Er zwitscherschimpft ohnehin zunehmend.

Zurück im Ärmelhaus rufe ich an, um mich nach Mrs. Turner zu erkundigen. Die Amselmutter lockte Mrs. Turner im höher. Auf eine Stromleitung. Von dort zu einer Dachrinne. Auf das zugehörige Vordach. Und höher auf den Giebel des Nachbarhauses. Es sei wieder ruhig geworden im Hof. Einzig die vielen kleinen Hinterlassenschaften erinnerten noch an Mrs. Turner.
Amseln brüten bis zu drei Mal im Jahr. Sollte es sich also fügen zu einem weiteren Besuch.
Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns dann nochmals den wunderbaren Film Mr. Turner ansehen. Der Gesichtsausdruck und Blick des Schauspielers Timothy Spall und seine häufig lediglich tonalen Äusserungen regten uns zur Amselbenamung an.

(Fotografie anklicken und grösser sehen. Die Fotografien sind alle freihand bei teilweise trüben Lichtverhältnissen aufgenommen. Insofern zählt hier nur der dokumentarische Charakter. Olympus OM-D E-5 Mk II, Zuiko 40-150, 1:4 – 5,6)

Saugtulpen über Singvögeln seitwärts

Nun ist schon wieder ein Gutteil des Jahres vergangen und endlich hat mich eine aktuelle Scheibe ergriffen. Warum, das wird sich bestimmt noch herausstellen. Bis dahin dreht sich dauerrotierend: Me and That Man – Songs Of Love and Death (2017)…

Vor einigen Wochen erhielt ich den kleinen Zettel. Du könntest mal deinen Petter anrufen. Das letzte Mal begegneten wir uns bei der Beerdigung meiner Got. Auf dem Zettel stand seine Telefonnummer. Ich habe das geplante Telefonat mehrfach hinausgeschoben. Nun ist es zu spät. Der letzte Engel meiner Kindheit hat sich die Flügel umgeschnallt. Mögen sie ihn damit erkennen und gut aufnehmen im Anderland.

Blogs verfolgen, Beiträge zur Kenntnis nehmen, über Kommentare auf dem Laufenden sein – der elektronische Rechenknecht hatte zunehmend zu tun. Und mir wurde die Kontrolle immer lästiger. Dass es auch anders geht, und vor allem, wie man sich wieder Ruhe und feine Freizeit verschafft, dafür danke ich Ihnen weiterhin herzlichst, aber das wissen Sie ja ohnehin.
Der dadurch gewonnene Abstand zur Bloggerei sorgt für schönste Erhellungen. Und andere Lektüren. Jörg Schröder beispielsweise schrieb: „Schreiben Sie wie die Leute reden. Die Leser wollen etwas aus dem Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife bestanden haben“ (Schröder, Kriemhilds Lache).
Und genau dort liegt nach meiner Kenntnis in vielen Blogs der Hund begraben. Da auch ich mich mit meinem Blog in der Öffentlichkeit präsentiere, weiss ich schliesslich, wovon ich rede wenn es um Eitelkeiten geht. Ich bin kein Bewohner von Bloggerhausen. Und die Mentalität der Hingabe für Hergabe ödet mich an. Weniger schreiben und wieder mehr lesen. In Büchern. Und in den Kladden eigener Aufzeichnungen spazierengehen. Tintenhandschriftlich mit Menschen aus Fleisch und Blut verkehren. Der Bildschirm als Gegenüber ist kein Ersatz für das wirkliche Leben.

Im Zug sass mir gegenüber einer dieser typischen Nerds. Notenbuch auf dem Schoss und zwei Handfesseln vor sich. Ein mit beiden Händen dauerbeschäftigter Mensch über Stunden. Normalerweise fällt mir zu solchen Anblicken sofort eine bissige Bemerkung ein. Aber ich habe mich letzthin wieder an das schöne Beispiel von Jesus und dem toten Schäferhund erinnert.
Ich nehme den Mann wahr und siehe, auf dem Deckel seines Kleinrechenknechts pappen einige Aufkleber. Auf einem steht ein Satz, ein Mantra geradezu, das zu den interessantesten Gedankenausflügen anregt: „Es gibt Leute, die glauben, es gäbe eine Cloud. Aber es gibt bloss die Computer anderer Leute.“

Ostern steht vor der Tür. Ich habe viele Gründe froh zu sein. Ich bringe es bloss noch nicht mit dem anstehenden Fest zusammen. Vielleichts wirds noch. Bis dahin meditiere ich den Spruch des Graffitis, den ich letzthin sah: „Leute in meinem Alter sollten sich überlegen, in welchem Zustand die Welt sein soll, die sie Keith Richards hinterlassen wollen.“

(Foto anklicken – die Galerie ist rund um die Uhr geöffnet)