In den Zeiten als das Wünschen noch geholfen hat

Samstagmorgen, geduscht, erfrischt und zu einem frugalen Frühstück die passende Mussigg. Leider fand ich bloss dieses eine Stück. Deshalb anschliessend, einer Bekanntmachung folgend: Prinzip – Der Steher (1980)…

 

Eine Chronik schreibt nur Derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist. (J.W. v. Goethe, Maximen und Reflexionen)

i) In der Küche. Die Urgrossmutter Kättche sitzt in ihrer blauen Kittelschürze am Küchentisch. Auf ihrem Schoss hält sie die weisse Emailschüssel. Sie schnippelt Bohnen. Grüne Bohnen. Meine Erinnerung will mich auf ihrem Schoss sitzend sehen. Einerseits stand da aber bereits die Schüssel. Andererseits waren die älteren Frauen zu wahrhaft artistischen Meisterleistungen imstande. Mit einem scharfen Messer bewaffnet, einen mächtigen Laib Brot an sich geklemmt, schnitten sie eine Scheibe Brot akkurat ab, ohne sich selbst dabei eine Brust zu amputieren.
Neben dem Küchenfenster die Balkontür wies nach Osten. Mein Blick endete an den Bauernhöfen im alten Ortskern.
Die Greisin ging bedächtig ihrer Beschäftigung nach. Es war ruhig in der Küche. Sie räusperte sich ein, zwei Male. Dann begann sie zu erzählen: Es war einmal…
Die an manchen Stellen welligen Ziegeldächer und das schiefe Fachwerk jahrhundertealter Giebelwände verschwammen vor meinem Blick und auf meiner inneren Leinwand schaute ich die famosen Bilder der Märchen, die sie mir erzählte. Immer und immer wieder. Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen und das mir liebste Märchen: Tischlein deck dich. Sie schöpfte die Sprache aus ihrem Inneren und half mir nichtsahnend dabei, grossartige Bilder aus meinem kindlichen Inneren zu schöpfen.
Ihre Stimme glitt episch getragen im Erzählstrom. Ohne Aufregung oder gar Dramatisierung. Ich sah dabei Bilder, die mir guttaten. Manche kann ich noch heute aus meinen Tiefen aufsteigen lassen. Das siebte Geisslein im Uhrenkasten. Die geschorene Ziege. Rotkäppchen und die Grossmutter, wie sie aus dem Bauch des Wolfs springen. Die anschliessende Operation des Wolfs durch den Jäger hat sich mir nie zu einem sichtbaren Bild geformt. Von wegen Brutalität im Märchen. Die findet allenfalls in der Vorstellungswelt von Erwachsenen statt.

ii) Später lernte ich lesen in dem alten Märchenbuch mit den Illustrationen von Else Wenz-Vietor. Im Untertitel versprach es Die fünfzig schönsten Märchen von Grimm, Andersen, Bechstein und aus Tausendundeiner Nacht. Wie es in unser Haus kam konnte mir niemand mehr sagen. Wie es Jahre später hingegen verschwand, das weiss ich noch. Mein jugendliches Bücherbrett wurde zu schmal für die Neuzugänge. Und so musste ich Entscheidungen treffen.

iii) Als Schulkind entschwanden mir die Märchen. Josephine Siebe ist heute allenfalls Kinderbuchsammlern noch ein Begriff. Bis vor etwa dreissig Jahren noch wurden ihre erfolgreichen Kasperlebücher immer wieder neu aufgelegt. Eine hölzerne Kasperlefigur erwacht zum Leben. Die zeitlich abfolgende Geschichte in den Büchern unterscheidet sich trotz der scheinbaren Nähe zu Pinocchio erheblich in ihren Motiven und Handlungssträngen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft ich diese Bücher gelesen, ja geradezu verschlungen habe. Habe mich mitgefreut und habe mitgelitten. Hier habe ich ausdauerndes Lesen gelernt. Und dabei Trost gefunden in einer oftmals grausamen Kindheit.

iv) Spätpubertät. Einige Mitbewohner in unserer WG lasen ebenfalls sehr viel. Mit entsprechend progressivem Bewusstsein versteht sich. Eines Tages lag auf dem Küchentisch ein Taschenbuch. Iring Fetscher – Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Die Halbwertzeit der von Fetscher umgedeuteten Märchen war relativ kurz. Die bourgeoisen Herrschaftsträume des tapferen Schneiderleins oder die Deflorationsphobie von Dornröschens Vater waren wenig bildmächtig. Am ehesten trafen den Lachmuskel noch die Bremer Stadtmusikanten als ein Rentnerkollektiv, das ein Haus besetzt. Vielleicht auch nur, weil wir selbst gelegentlich Leute in besetzten Häusern besuchten oder unterstützten.
Mein erstes Studium habe ich mit einer Diplomarbeit zum Thema Märchen abgeschlossen.

v) Die eigenen Kinder waren mittlerweile ins Märchenalter gekommen und das alte Interesse erwachte erneut. Nebenberuflich begann ich eine Ausbildung zum Märchenerzähler. Bei verschiedenen Gelegenheiten erzählte ich auch öffentlich Märchen. Lustig war ein Flash Mob (ein Wort, das zu jener Zeit noch garnicht existierte) als wir in einer Gruppe den Eisenhans vor der Kirche einer Kleinstadt aufführten.
Was mich bei alledem jedoch am meisten interessierte, waren einerseits die Bilder in den Märchen und andererseits die Strukturen der Texte. Dies führte zu Fragen, z.B. warum in manchen Kulturen eher Tiere oder Pflanzen im Mittelpunkt der Erzählung stehen, in anderen hingegen Menschen auftreten. Der Tor zur Märchenarbeit mit Erwachsenen stand nun offen.

vi) Mit meinem Interesse und der Beschäftigung mit Volksmärchen war ich nicht allein. In den 1980er Jahren fanden die Märchen eine neuerliche rege Beachtung. Psychologische Ausdeutungen oder esoterische Sichtweisen wurden hoffähig. Ein Markt bildete sich und Konsumenten waren rasch bereit, glänzendes Gold hinzugeben für stumpfes Salbadern oder mysteriöse Auslegungen.
Ich habe Gesprächsgruppen geleitet. Kindergärtnerinnen versucht zu motivieren, in ihren Gruppen Märchen zu erzählen. Und in persönlichen Coachings wirkten die (vermeintlich harmlosen) Märchenbilder enorm kraftvoll.

vii) Was mich derzeit intensiv beschäftigt, ist das Thema der Verwünschung. In den Volksmärchen werden ganz verschiedene Arten der Verwünschung dargestellt. Diese Verwünschungen als Bild an sich betrachtet sind weder positiv noch negativ. Sie stellen oftmals die Initialzündungen für sich anbahnende Entwicklungsprozesse dar. Häufig sind diese Verwünschungen als solche garnicht zu erkennen. Auch das Verhalten der verwünschten Protagonisten ist in vielfacher Weise literarisch ausgestaltet. Zu beachten ist jedoch, dass in keinem mir bekannten Märchen alle Aspekte einer Verwünschungen detailliert geschildert werden. Dagegen werden bestimmte Facetten augenscheinlich vorgeführt, wie das auch bei anderen Themen in den Märchen meisthin der Fall ist.
Meine Frage ist, ob es möglich sein könnte, dass Eltern oder andere direkte Bezugspersonen in ihrem Zusammenleben mit Kindern oder auch Jugendlichen, diese bewusst oder unbewusst verwünschen (müssen), um damit eine Entwicklung zur autonomen Persönlichkeit anzustossen. Die extremen Handlungsweisen der Erwachsenen, ob schwere Misshandlungen oder Helikoptereltern, lasse ich hierbei ausser Acht, da ich darüber noch nicht genügend Material habe.

In einem folgenden Beitrag könn(t)en eigene Erlebnisse und Erfahrungen als konkrete Beispiele dienen.
Dieser heutige Bericht versteht sich als Handübung der Erinnerung. Er ist ein weiterer Baustein zu einem autobiografischen Plan. Einige Berichte des vorigen Jahres zählen ebenso dazu.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein märchenhaftes Wochenende.

Ich-Denkmal von Hans Traxler am Mainufer

 

 

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Gedanken Winter Wochenende

Am 26.1.2019 starb der legendäre Tastenspieler Ingo Bischof. Langjähriger Mitspieler bei Karthago und Kraan. Ingo Bischof hörte und sah ich erstmals mit Karthago live bei der Eröffnung des Roxy in Berlin. Das war im Januar 1976. Aus diesem Grund laut im Ärmelhaus: Karthago – Live at the Roxy. (endlich die komplette Aufnahme, 2011 )…

Langsam aber sicher sammeln sich die Entwürfe im Archiv. Anfänge oder Mittelteile oder Enden von noch zu vollendenden Beiträgen für meinen Blog. Für manche Erinnerungen ist es noch zu früh.
Das grosse Thema über jene, mich seit Jahren beschäftigende, Generation, der einmal der fatale Scheinfreispruch von der „Gnade der späten Geburt“ attestiert worden ist muss warten, so sehr er sich auch vordrängeln mag. Zu viele dieser Menschen mit ihren verkorksten Biografien und den daraus folgenden merkwürdigen Abirrungen leben noch in meinem Umfeld. Zudem sind nach dem Mauerfall noch einige Biografien aus dem Osten des Landes hinzugekommen.

Eine weitere auffälige Gruppe, über die in einem Beitrag zu berichten ist, sind Menschen meines Alters, die sich vor dem Mauerfall auf ehrerbietige Weise mit Institutionen der untergegangenen Deutschen Republik im Osten eingelassen haben. Dadurch haben sie sich ein Anrecht erworben auf bestimmte staatsnahe Berufe. Manche von denen, die sich zu dienstfertig erwiesen haben, müssen sich seit dreissig Jahren eingestehen, dass jene Institutionen sie sitzengelassen haben wie man schal gewordene Partner sitzen lässt. Die Lenker jener Institutionen hingegen weiden ihre Schäfchen auf den fruchtbaren Wiesen inmitten blühender Landschaften. Auch dafür gibt es Gründe, halbfertige Beiträge weiter zu fund(ament)ieren.

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher aus dem Bereich der Belletristik gelesen. Ich kann Texte jenseits der Fachliteratur  wieder leidlich geniessen. Nach Jahren der Stagnation. Die intensivere literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Erzähltheorien hat mich dem reinen Lesegenuss entfremdet. Potz Lotman und Kristeva. Und Genette als Fundament. Fokalisierungen, Diegesen, Metalepsen und auktoriale Erzähler – geh mir weg damit. Das hat mir die beim Lesen aufsteigenden Bilder vernebelt. Trotz aller Kritik aus der poststrukturalistischen Ecke haben diese Theorien jedoch einen gewissen Reiz. Man muss halt ein gerüttelt Mass an kritischer Distanz wahren.
Andererseits entlarvt das erworbene Wissen natürlich die Texte. Auch meine eigenen, versteht sich. In vielen Blogs lese ich aufgrund dieser Einsichten immer weniger. Und wenn dann beim Leser noch einige psychologische Grundweisheiten vorhanden sind, entblättern sich die Erzähler in ihren Beiträgen vor dem Leser. Und am Ende kann es sogar peinlich sein, die eigenen Texte unter bestimmten Aspekten zu beleuchten.
Auch dies ist für mich also ein Grund vorsichtiger oder eben in längeren Abständen zu posten. Und nebenbei diejenigen zu beneiden, die ihre Beiträge von woanders her kopieren. Keine eigene kreative Leistung zwar, aber auch diese Menschen vermitteln helle Selbstbilder – wenn man genauer hinschaut.

Gelesen habe ich in den letzten Tagen mit Genuss:
Eine Menge Reportagen von Gabriele Goettle (Davon sind fünf Bände in der Anderen Bibliothek erschienen).
Ben Witter – Müssiggang ist allen Glückes Anfang.
Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone.
Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind. Da freue ich mich von gleichen Autor auf das Nachfolgewerk „Alle sieben Wellen“, mit dem ich jetzt gleich beginnen werde.

An meinen begonnenen Texten werde ich dennoch weiterschreiben. Manchmal träume ich davon, ein Buch daraus zu machen. Machen zu lassen. Aber wie Mr. Wakeup beim träumenden Little Nemo ruft mir sofort eine Stimme zu: wieso?…und noch deutlicher in Versalien: WIESO.
Wieso sollte die Welt ausgerechnet solche Geschichten wie die Deinen brauchen? Mach´ besser was nützliches.
Was nützliches?
Koche ein unspektakuläres Gericht und lade liebe Menschen zu einem Mahl ein.
Lege Dir einen Nutzgarten an.
Geh´ hinaus an die Randgebiete und sammle Holz. Mit ein wenig Tapferkeit widerstehst Du Waldbesitzern und Feldschützen.
Restauriere einen alten gusseisernen Kanonenofen. Dazu brauchst Du nämlich viel Geduld.
Und bei allem: Sei eigensinnig und bleibe dennoch menschlich.
???

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe“ (Hermann Hesse).

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Winterwochenende.

(Das Bild des Ofens wird wahrscheinlich schon bald folgen)

 

 

 

 

Auch in diesem Jahr wieder : Zu guter Letzt

Es ist an der Zeit, das 2018er Jahr zu verabschieden. Von einigen Menschen musste ich mich traurigerweise in diesem Jahr verabschieden, von anderen habe ich mich erleichtert verabschiedet. Ebenfalls in diesem Jahr ist der legendäre Schlagzeuger Jon Hiseman verstorben. Sein letztes Album : JCM – Heroes (2018)…

In diesem Jahr habe ich begonnen, an meiner Lebensbuchführung zu arbeiten. Meine zahlreichen Begegnungen und Kollisionen mit Menschen und Orten. Eher eine Inventur als eine Bilanz wird irgendwann daraus werden.
Ein erstes Beispiel dafür war der vorherige Beitrag  über die Musikapparaturen, die mein Leben begleitet haben. Ich habe einen hölzernen Karteikasten angelegt, in welchem ich auf Kärtchen die entsprechenden Details notiere. Erinnerungen an Menschen, denen ich besondere Erfahrungen verdanke. Orte, die ich kennenlernen durfte, an welchen mehr oder weniger berühmte Menschen gelebt oder gewirkt hatten. Stoff genug für ernste und auch heitere Denkwürdigkeiten, über die hier zu berichten sein könnte.

Die Berichte im kommenden Jahr werden weniger, dafür jedoch persönlicher werden. Die Zeiten für ein ausdruckslos einsames Blendamed-Lächeln sind ebenso vorüber wie das insolvente Bloggeschäft mit der unverbindlichen Hingabe für Hergabe Mentalität.
Im Sinne der Reduktion scheint mir das nur folgerichtig. Mit meinen Photographien werde ich versuchen, die Texte noch treffender zu illustrieren. Ich verweigere mich der Massenware an nichtssagenden Fotos und belangleeren Berichte.

Vermehrte und intensivere Begegnungen mit körperlich oder seelisch-geistig beeinträchtigten Menschen erinnern mich täglich aufs Neue daran, wie gut es mir geht. Wie privilegiert ich bin. Über welche Autonomien ich verfügen kann. Wie frei ich eigentlich bin.

Auch in diesem Jahr konnte ich eines der mich seit vielen Jahren begleitenden Rätsel meines Lebens nicht lösen. Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe. Warum wollte ich als Kind und später als Jugendlicher nie irgendetwas werden, hatte keine Vorstellung von einem Traumberuf. Also kein Pilot, Feuerwehrmann oder gar Schauspieler. Nicht mal Bademeister. In diesem Jahr leuchtete mir erstmals der Gedanke auf, die Antwort darauf sei vermutlich belanglos.
Viel wichtiger ist dagegen, dass ich in diesem Jahr öfter gut geliebt als schlecht geschlafen habe. Und das am Horizont immer deutlicher erkennbare neue Projekt befeuert die Lebensfreude zunehmend.

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern, ein lichtes 2019er Jahr mit erhellenden Einsichten und erfreulichen Aussichten. Die Zeiten sollen angeblich rauer werden. Und so will das private Lebensglück sorgfältig und kraftvoll erarbeitet werden, denn keinem Menschen wird es geschenkt werden.

„Aber wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer : Parerga und Paralipomena, 1851. 1. Band, 5. Kap.: Paränesen und Maximen).

Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für ihre Aufmerksamkeit und das Interesse an meinem Blog.

 

 

 

Reduktionsgeschichte an klingenden Beispielen

Für diesen Beitrag habe ich viel Zeit aufgewendet. Musikalische Begleitmusik war dabei neben manch anderem:
Dead Can Dance – Dionysus (2018); Inga Rumpf (feat. KK’NF) – Official Bootleg Album – Fabrik, Hamburg 21.11.2014; Marianne Faithfull – Negative Capability [Deluxe Version] (2018); Ali Neander – This One Goes To Eleven (Feat. Hellmut Hattler) (2015); Gerhard Gundermann – Eine erste Auswahl (2015); The Smashing Pumpkins – Shiny And Oh So Bright Vol. 1 Lp No Past. No Future. No Sun. (2018); Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit (2016); Axel Zwingenberger, Dave Green, Charlie Watts – The Magic of Boogie Woogie (2010)…

Egal, es gibt wichtigeres zu berichten!

Vor einigen Jahren hatte ich mit einem Freund eine Hinundher Konversation. Ich weiss das eigentliche Thema nicht mehr. Sie zog sich hin und wurde zunehmend persönlicher und vertraulicher. Aus einem, mir heute nicht nicht mehr erinnerlichen Grund, listete ich mein Leben mit mein Musikreproduktionsgeräten auf. Es hätten genauso gut Bücher sein können oder Autos. Fahrräder, Füllfederhalter oder Kameras. Ich habe mich in meinem Leben gerne mit schönen und vor allem brauchbaren Dingen umgeben. Auch Kopfbedeckungen wären möglich gewesen. Ich hätte auch meine Motorräder auflisten können. Aber ich entschied mich, warum auch immer, für Geräte, die Musik betreffend.

Im Kontext zu meinem Reduktionsprojekt habe ich mich an diese ehemaligen Gespräche erinnert und mir fiel dabei auf, wie die Thematik meinen eignenen Lebensweg spiegelt.

Vorab: alle Fotos für diesen Bericht habe ich aus dem Internet entnommen, da ich selbst die Geräte in unserem oder später meinem Besitz nie fotografiert habe. Bis auf eine Ausnahme. Sollte also jemand daran Anstoss nehmen, dass er eventuell sein ungünstig geknipstes Bild hier sieht, dann gebe er sich Mühe und liefere mir ein ansprechenderes.
Die letzte Photographie in diesem Beitrag stammt von mir. Aber der Reihe nach.

Dieses Radio war das erste bewusst wahrgenommene Gerät der Klangerzeugung. Es stand in der Ecke auf der Eckbank in der Küche des elterlichen Haushalts. Es lief vornehmlich samstags morgens und man hörte HR1.


Dazu kam dann irgendwann als interessante Erweiterung eines Tages ein Tonbandgerät ins Haus.
Es war ein Philips RK64 – ein für damalige Verhältnisse sehr modernes und qualitativ hochwertiges Gerät. Volltransistorisiert, ein ungeheuer schweres Trumm. Vier-Spur, vier Geschwindigkeiten, stereotauglich, mit 18er Spulen und mit allerlei Schnickschnack, wie z.B. der Möglichkeit der Filmvertonung, was meinen Vater wohl auch zum Kauf bewogen haben mag, denn er filmte damals mit einer Bauer 88 Super8 Schmalfilmkamera. Er hat es aber offensichtlich nie hingekriegt, denn ich erinnere mich, nie einen vertonten Film gesehen zu haben. Und in der Küche war Schweigen angesagt, wenn mein Vater mit dem kleinen grauweissen Mikrophon Musikstücke aus der betagten Philetta aufnahm.

Soweit meine frühesten musikbezogenen Erinnerungen.
Kurzfristig ging die Philetta in mein Eigentum über. Ich habe sie dann, mit Teilen meiner Märklin Metallbaukästen, um es schlicht auszudrücken, in eine postmoderne Skulptur verwandelt. Eines Tages gabs einen gewaltigen Knall. Staub kam aus dem Lautsprechervorhang. Geschrei im Haus, weil etliche Sicherungen durchgeflogen waren. Das war das definitive Ende der Philetta. Keine Prügel für den kleinen Delinquenten, denn…

Meine Eltern hatten sich inzwischen ein Klangmöbel zugelegt.
Eines jener kleinbürgerlichen Imponiergebilde aus Furnier und Bakelit für die Zurschaustellung des persönlichen materiellen Erfolges. (Erhebet Euch nicht über die Kleinbürger, sind wir doch alle welche). Ich hatte als Bengel Zugang zu diesem Musikschrank. Durch welche Gnade ich dieser Erlaubnis teilhaftig geworden bin ist mir nicht erinnerlich.
Es handelte bei diesem Gerät um einen Schaub Lorenz  „Ballerina Konzert Stereo 10. Wer kennt denn diesen Namen heute noch? Das waren noch Typenbezeichnungen, die ein inneres Bild wachsenden Wohllebens vermittelten. Recht und links waren die Lautsprecher angebracht. Öffnete man die waagrecht montierte Klapptür in der Mitte, war unten der Plattenspieler von Perpetuum Ebner PE-66 mit dem berüchtigten 10-Platten-Wechslers, in Fachkreisen auch Plattentöter genannt. Links daneben stand ein senkrechtes Grill, in dem man 45er Singles einstellen konnte, auch EPs passten da rein.

Nun hatte ich Zugang zu Gus Backus (Da sprach der alte Häuptling der Indianer), Gitte (Ich will nen Cowboy als Mann), Connie Francis (Bacarole in der Nacht), Blue Diamonds (Sukiyaki) und 10 – 15 anderen 45ern. Dabei waren natürlich einige Scheiben in den schönen roten Covers von Herbert Hisel. Der später in Kanada so jämmerlich zu Tode gekommen ist. Es hat eine kleine Weile gedauert bis ich mehr geahnt als verstanden habe, was mir entgegenklang aus dem Schwabinger Nachtleben von dem Novak von Gisela Jonas. Die Hülle mit einem Schlösschen gesichert, dass da nicht etwa Kinder usw. usf.
Irgendjemand erklärte mir dann, dass man das Tonbandgerät mit einem Kabel direkt anschliessen kann… Ach, dafür ist dieses Kabel, das da rumlag und das mein Vater nie benutzte – – – Da wurden dann die Spulen bespielt und wieder gelöscht, denn an kaufen war vorerst nicht zu denken bei den Preisen

Mit diesem Tonbandgerät begann meine erste „Musiksammlung“, denn nun konnte ich das Tonbandgerät mit der Schaub Lorenz Ballerina Konzert Stereo 10 verkabeln und in aller Ruhe Aufnahmen machen. Bevorzugter Sender war der HR2 mit „Teens, Twens, Toptime“ moderiert von Volker Rebell, die lief ab 1970 und der Mann prägte meinen Musikgeschmack nachhaltig. Er grub die irrsten Sachen aus, die man in einem dumpfen Kaff wie meinem nie zu Gesicht, äähh Gehör bekommen hätte. Bevorzugt hörten Gymnasiasten Rebell, in der Schule war bei denen, die „richtige Musik“, will sagen keine Schlager, hörten Rebell und seine Musik immer ein Thema. Da mittlerweile auch Sender in den CDU regierten Ländern Wind davon bekamen, dass sie mit angesagter Musik  neue Hörer binden konnten, kam dann vom SWF3 Frank Laufenberg (Pop Shop, ab 1.1.1970, fast täglich von 12:03 – 15:00) ins Rennen, was ganz schlecht für die Erledigung meiner Hausaufgaben gewesen ist. Später kam dann Peter Kreglinger vom SDR3 aus Stuttgart dazu. Leider war der Sender zum Aufnehmen schwierig, da oft nur mit Nebengeräuschen zu empfangen. Aber Kreglinger war für mich damals ein rhetorisches Genie.  Er moderierte die Sendung Point täglich (?) von 14:30 – 16:00. Zitat: „POINT stand für Pop, Orientierung, Information, Notizen, Tipps. Das Ziel von POINT war es, die Dinge, die Jugendliche interessierten, anzusprechen und auf den Punkt zu bringen.“ (lt. wikidemia).

Aber zurück in die Chronologie. Kurz nach meinem zehnten Geburtstag bekam ich meinen ersten Plattenspieler, einen Dual P 410 V. Das war ein tragbarer Kofferplattenspieler mit dem eingebauten Lautsprecher im Deckel des Gerätes. Gute Eindrücke davon kann man hier sehen: Dual P410V
Der Anlass für dieses Geschenk war der Kracher überhaupt: meine erste Langspielplatte. A hard Days Night von den Beatles. Im Lauf des Jahres kamen dann noch zwei, drei Singles dazu. Diesen Plattenspieler hatte ich etliche Jahre. Nur einmal wurde der Doppelsaphir, den man umdrehen konnte für 45 und 33 rpm, gewechselt. Diese „Nadel“ würde ich heute gerne mal unter einem Mikroskop sehen. Auf dieser Horizontalkreissäge habe ich meine Singles durchsichtig genudelt.

Von da an gings dann richtig los mit der Musik und allem, was dazu gehörte. Ich erwarb vom schmalen Taschengeld auch hier und da selbst eine Single bei der örtlichen Niederlassung der Rheinelektra. Auch dieses Unternehmen kennt heute keiner mehr. Da hatte ich mal einen Ferienjob bei den Elektrikern. Osterferien, drei Wochen lang Schlitze kloppen zur anschliessenden Leitungsverlegung. Und zur Schadenfreude der Könner mit ihrem derben Gelächter. Das waren noch Initiationen ins wirkliche Leben. Damals brauchte es noch keinen Psychologen, der einem half beim Schuhebinden auf der Baustelle. Da musste man durch. Und nach Feierabend tröstete einem die Musik.
Irgendwann erbte ich das Tonbandgerät, da mein Vater offensichtlich überdrüssig wurde, dass man beim aufnehmen vom Radio immer still sein musste, um nur die Musik und keine sonstigen Geräusche aufzunehmen. Und dann kamen auch schon die ersten auf dem Flohmarkt selbst gekauften oder einfach auch getauschten LPs dazu. Meine Eltern hatten sich eine kleinere und leichter bedienbare Musikanlage gekauft. Ich hatte das Glück und durfte die Ballerina übernehmen. Da sass ich dann andächtig nachmittags nach der Schule aufgeklappten Öffnung des Musikschranks und hörte diese Platte immer und immer wieder. Was mir damals unbekannt war: auf dem Boden zwischen den „Boxen“ sitzend hatte man das viel plastischere Stereoerlebnis als wenn man irgendwo im Raum auf einem Sessel oder dergleichen herum lümmelte.

Inzwischen war mir aufgegangen, dass aus der Ballerina ein ganz andersartiger Klang den Raum erfüllte, als aus meinem kleinen Dual. Stereophonie hiess das magische Wort. Die Singles jener Zeit waren durchweg noch monophon aufgenommen worden. Dennoch klang es irgendwie anders, kam es besser rüber mit den Lautsprechern auf beiden Seiten.
Aber diese Apparatur unters Dach in mein Zimmer zu wuchten war mir unmöglich. Ich brauchte doch ohnehin nur die beiden Bretter mit den montierten Lautsprechern. Also zerlegte ich kurzerhand d
ieses „Musikmöbel“. Bub, der ich war, baute ich die beiden Schallbretter mit den Lautsprechern aus und montierte sie in meinem Zimmer an die beiden Armlehnen meines Sessels. Märklin Metallbaukästen lieferten die Verbindungsteile. Ich sass zwar nun stereomässig ideal zwischen den Lautsprechern, doch plötzlich waren da keine Bässe mehr. Was tun? Mir musste schon irgendwie klar gewesen sein, dass man Volumen braucht, um Bässe zu hören. Also kaufte ich, knapp bei Kasse wie nur je, zwei viereckige Plastikschüsseln in ätzendleuchtendem Gelb, schnitt die Böden passend aus und schraubte die Lautsprecher da hinein und sofort waren die Bässe wieder da. Diesen Klang möchte ich heute nochmal hören, es muss abartig geklungen haben. Aber ich war stolz wie Harry. (Woher stammt diese Metapher eigentlich?)

Ich entdeckte musikalische Persönlichkeiten, deren Werke ich noch heute allzeit goutieren kann.
Dann kam 1973 auf mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Wegen der Kracher ins Haus. Ein Plattenspieler Dual 1210 ohne Verstärker. Es war Ferienende und aus geleisteter Arbeit einiges an Geld vorhanden. Der Dula 1210 brauchte einen Verstärker. Das wurde der Teleton A300 aus irgendeinem Elektrozubehörladen, weil es dort Geräte mit Wumm für den notorisch zu schmalen Schülergeldbeutel gab.
Welche Boxen mag ich dazu nur gehabt haben? Die Lautsprecher in den Plastikschüsseln können es kaum gewesen sein..

Das erste wirklich brauchbare Cassetten Deck (so hiess das jetzt) kam etwas später. Es war ein Superscope 1015. Superscope war die Billigvariante aus dem Haus Marantz (so ähnlich wie heute Seat die Billigmarke von Volkswagen ist). Die einzigen sichtbar- und fühlbaren Unterschiede waren das schepperende Blechgehäuse des Superscope und die Typenbezeichnung. Superscope 1015 statt Marantz SD800.

Irgendein Deal muss damals mit meinem Vater gelaufen sein, bei dem ich ihm meinen Dual 1012 verkauft hatte. Es muss ein neuer Ferienjob gewesen sein, der es mir ermöglichte, meinen ersten richtig guten Plattenspieler neu zu kaufen: einen Technics SL 23. Der Technics scheint heute einen gewissen Kultstatus bei den Plattenspielerquälern zu haben. Die Preise für gebrauchte Geräte sprechen deutlich.

Was diese Buben mit den altehrwürdigen SL23ern heute anzustellen imstande sind, ruft fast Mitleid hervor. Andererseits haben wir in jungen Jahren ja auch versucht, die betagten alten Mopeds mit Farbe und Pinsel, mit Bananensattel und Überrollbügel auf Esay Rider zu trimmen.
Easy Rider war zu Ende.


Die Mopeds vor den Capitol Lichtspielen waren allesamt Chopper. Ich sass als Sozius auf einer Hercules 219. Den tragbaren, batteriebetriebenen Cassettenrecorder hochhaltend fuhren wir auf der Hauptstrasse im Kreis herum. Andere Mopedler schlossen sich uns an. Aus dem Raketenkäsorder lief in dem geschwätzigen Zweitaktlärm kaum hörbar die berühmte Stelle von Wasn´t born to follow von den Byrds als Wyatt und Billy irgendwo auf einer Landstrasse ihre zweirädrigen Eisenhaufen wendeten. Wir waren unbesiegbar. Nur ich nicht. Und alle Buben wussten in diesem Moment, sie würden mit einem dieser unsäglich untauglichen usamerikanischen Motorrädern die Route 66 runterdonnern. Nur ich wusste, dass ich es nicht tun würde. Irgendwann später würden sie es tun. Und sie behaupteten es sogar noch, als bereits die erste Schrankwand zuhause angeliefert wurde.

Die Musik lief zu jeder Gelegenheit und weil das Jagdhorn kräftig geblasen wurde, blieb am Ende dieser Epoche lediglich der Technics SL 23 übrig. Die anderen Geräte waren in meinem Umfeld verhandelt worden. Wie überhaupt in jenen vergangenen Zeiten.
Die erste komplett gekaufte Anlage kam 1979 oder 1980 ins Haus. Eine Akai von einem HiFi-Händler in W****, der damals noch am Schlosspark seinen Hinterhofladen hatte. Getrennte Vor- und Endstufe PR–A04 und PA–W04, ein Radioempfangsteil AT–K03 und das unvermeidliche Tapedeck CS–M02. Was haben wir in den kommenden Jahren diesem Mann für eine Menge Geld für TDK und Maxell Cassetten über die Theke geschoben.
Das Tape Deck (mittlerweile hiess es nicht mehr Cassette Deck)  gibt’s heute noch fürnen Appel und ein Ei bei ibäääh, das Radio habe ich viel zu selten benutzt, aber die Vor- und Endstufe PA-W04 und PR-A04 sind absolute Kracher gewesen, zwar nur die gehobene Mittelklasse dessen, was Akai auf dem Markt hatte, aber die Nachbarn werden die Anlage in Zusammenarbeit mit den kraftvollen KHL Boxen manche Nacht verflucht haben.
Wenn ich heutzutage an späten Abenden das Netz durchforste nach Vergangenheiten, stelle ich fest, dass die Sammler ihre antiquierten Topanlagen mit grossem Stolz ins Netz stellen. Der Nachteil dabei ist allerdings, dass Einsteiger- und Mittelklassemodelle oft weniger gesammelt und prösentiert werden. Sie gelten oftmals bedauerlicherweise als nicht „sammelwürdig“. Das mag mit der allgemeinen Steigerungswut zusammenhängen. Immer Áusschau halten nach dem besseren Produkt. Und ich zeige mit dem Finger auf niemanden.

Aufbewahrer bin ich allenfalls was Erlebnisse oder Wahrnehmungen betrifft. Ein richtiger Hard-Core Sammler war ich nie. Und aus diesem Grund ging die Akai Anlage nur wenige Jahre später bei einem Tauschhandel ihrer Wege. Dabei wurde der Technics SL 23 durch einen Revox B790 ersetzt.

Damit nahm die Entwicklung ihren wirklich obsessiven Lauf. Dieser Plattenspieler (welch schönes und treffendes Wort) lief dann zusammen mit der Bandmaschine Tandberg TD 20A, einem Monster von einer Tonaufzeichnungsgerät.

 

 

 

 

 

 

 

Die Lautsprecher der Anlage waren ziemlich speziell. Es war ein Paar Quad ELS 57, die auf einem elektrostatischen Prinzip funktionierten, also ohne herkömmliche Lautsprecher auskommen und direkt am Stromnetz hängen.

 

 

 

 

 

Gipfelgefühle. Klangerlebnisse. Bald waren jedoch auch die Schluchten und Abgründe unübersehbar: Das Tonband musste ständig wochenlang weg wegen „Einmessens“. Die 26cm Bänder waren sehr teuer. Die CellophanMembranen der Quad Elektrostaten haute es dauernd raus. Ausserdem konnte man den umwerfenden Klang der Quads nur geniessen, wenn man in genau in der richtigen Position zu den Lautsprechern sass. Und beweglich wie ich nun mal bin, wenn die passende Musik läuft…

Obwohl die Tauscherei finanziell sicherlich eine zumindest materiell gewinnbringende Transaktion gewesen ist, wurde mir das ganze Brimborium zu viel, weil der technische Schnick-Schnack drumherum das Musikhören offensichtlich zu beherrschen begann. Und die Allüren, die in den Gesprächen zutage traten, waren nicht meine Welt.

Also schraubte ich zurück auf Altbewährtes. Eine zwanzig Jahre alte Anlage von BrAun war ebenso solide wie pottschwer. In damaligen Zeiten, als diese Anlagen aktuell gewesen sind, waren sie gebraucht noch erschwinglich. Ruckzuck hatte ich für verschiedene Räume im alten Haus im Hinterhof einige Anlagen gegen das sogenannte „High End“ Equipment eingetauscht.
BrAun lag nahe, denn inzwischen hatten Kunst und Design die eigene Lebensmitte erreicht. Museen, Ausstellungen, Jugendstil, Bauhaus und Art Deco wurden zu Ankerpunkten unterschiedlicher Begehrlichkeiten. Der Kleinbürger als Ästhet.
Es fing an mit alten Klassikern der 60er Jahre, zuerst kamen die beiden Klassiker im Design von Dieter Rams.
Das Radiogerät das Radio CET 15

und der mächtige Röhrenverstärker CSV 60

Für den voluminösen Klang sorgten die beiden Lautsprecherboxen L80, mords Trümmer und fast 50kg schwer. Diese Anlage war anfangs der 1960er Jahre nur wenigen Menschen erschwinglich und entsprechend selten. Der Sound war überzeugend. Und im Gegensatz zu den vorherigen Schätzchen mit ihren Zicken geradezu unproblematisch. Das alte Haus im Hinterhof wurde bald mit etlichen weiteren Musikquellen ausgestattet. In meinem Büro stand beispielsweise ein Braun Regie 520. Versteht sich, dass auch die Werkstatt entsprechend beschallt worden war.

Aber es zieht sich wie ein roter Faden durch mein erwachsenes Leben. Wenn die materiellen Artefakte überhand nehmen, brauche ich eine entsprechende ordnende Reinigung. Da inzwischen auch kleine Menschen zunehmend das Haus zu erkunden begannen, war zeitweise Stille angesagt. Statt der tagtäglichen Klangrandale entschied ich mich für dezentere Töne. Klassische Musik begann mich zu interessieren. Besonders die zeitgenössische Klassik begeisterte mich zunehmend. Die angesammelten Antiquitäten mussten einer neueren Anlage der gleichen Marke weichen.
So gingen die 1980er Jahre dahin. Die weichgespülten Synthesizersounds habe ich bis heute nicht vermisst. Andere originelle junge Bands lernte ich mit entsprechender Verspätung kennen. Dass ich jedoch wirklich etwas vermisst hätte aus jener Epoche, kann ich nicht sagen.
1993 kaufte ich mir die ersten Scheiben aus den 1980er Jahren und holte manches sukzessive nach. Ich merkte, dass ich vieles verpasst haben musste, empfand es aber als keinen Verlust. Aber meine Einstellung zur Musik hatte sich geändert. Text und Musik waren gleich wichtig geworden, das hatte ich durch die klassische Musik gelernt, da musste ich öfter etwas dazu lesen, um es besser verstehen zu können..

Inzwischen schweifte der ästhetisch suchende Blick aber schon hin und wieder zu Bang & Olufsen. Die Geräte dieses Herstellers waren auf dem Gebrauchtmarkt aber schwieriger zu finden, da diese bei der Neuanschaffung noch teurer und entsprechend seltener gewesen sind als die Geräte von BrAun. Inzwischen waren auch in diesem Segment professionelle Sammlermärkte entstanden.
Der erste Receiver im alten Haus im Hinterhof war ein Beomaster 1900 aus den 1970er Jahren. Erworben für etwa 50 DM, bald gefolgt von dem legendären „Rechenschieber“, dem Beomaster 1200 aus den Endsechziger Jahren

Es dauerte nicht lange, da schenkte mir jemand den Beomaster 6000, einen Verstärker für die Anfang der 1970er Jahre angesagte Quadrophonie. Ein Riesendrum, das nie richtig funktionierte, also verschenkte ich es weiter, da das angepeilte Ziel einer kompletten Quadrophonie Anlage hinsichtlich Plattenspieler und vor allem der nur schwer aufzutreibenden quadrophonisch aufgenommenen Schallplatten dafür kaum zu realisieren und noch weniger zu finanzieren war.
Die Geräte waren solide verarbeitet und klangen gut. Heute nennt man das wohl haptisch wertig. Es folgten nun bloss noch Geräte von Bang & Olufsen. Die komplette 7000er Anlage mitsamt Fernsehgerät und Videorekorder. Telefon und Lichtsteuerung. Steuerbar alles mit einer einzigen Fernbedienung. Klingelte das Telefon, wurde die Musik unsichtbar auf eine dezente Lautstärke reduziert. Die verkabelten Lampen wurden gedimmt, wenn das Fernsehgerät eingeschaltet worden ist.
ber alles hat bekanntlich ein Ende (nur die Wurst hat zwei laut Sephan Remmler).

Als die Zelte abgebrochen wurden, um in anderen Ländern zu leben und zu arbeiten, fand ein scharfer Reduktionsschritt statt. In dem Übersee-Container fand nur diese eine Musikmaschine Platz, die mir bis vor kurzem noch immer viel Freude gemacht hat: B&O Beosystem 2500, 1. Serie 1990 mit dem damals nachträglich kostenlos eingebauten RDS für das Radioempfangsteil…

Die vielen Stromausffälle in Südamerika mit ihren brutalen Stromstössen beim Wiedereinschalten haben ihm ein frühes Ende bereitet. Der CD-Spieler musste daraufhin vor Jahren schon ausgetauscht werden. Das Cassettenteil ist ewig schon ohne Funtion. erneuert. Und letzthin gab die automatische Türöffnung den Geist auf.

Es stehen Entscheidungen an und Veränderungen in nächster Zeit. Eine gute Gelegenheit, um sich abends anderweitig ein wenig umzutun. Sieh da, die Preise für höherwertige Unterhaltungselektronik stehen auf Verkauf. Eine defekte B&O ist gut verkäuflich. Was aber dann?
Ich klicke ein wenig hier und da. Stimmt ja, das war damals was. Für mich auf jeden Fall unerschwinglich. Deutsche Marke, hervorragende Qualität. Frog Design. Hartmut Esslinger. Der Mann hat die frühen Produkte von Apple entworfen. Aber darum gehts mir garnicht. Mir gehts um reduzierten Aufwand und gleichzeitige Schönheit und Funktionalität.
Ich mache aussagekräftige Fotografien des alten 2500er Beosystems. Ich tue mich schwer mit dem Text. Schaue zwischendurch mal nach Anlagen des deutschen Herstellers. Zwei, drei Angebote gibts hier in der Nähe. Eine Nacht noch drüber schlafen ist fast immer gut. Nein, ich publiziere mein Angebot doch noch rasch.
Am nächsten Morgen ist die Anlage bereits vor dem Frühstück verkauft.
Ja, die Herrschaften hätten Zeit. Das Ehepaar hat das achte Lebensjahrzehnt vollendet. Der Wega 3141-2 Receiver von 1978 sieht aus wie aus dem Laden. Der Test vor Ort fällt kurz aus. Alles in Ordnung. Kein Rauschen in den Potis. Und zu dem Preis können Sie die Lautsprecher auch noch mitnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

Beat, Rock, progressive Musik – – anfangs der 1970er Jahre kam Krautrock dazu auf den Labels Ohr, Pilz, Brain Kuckuck oder Bazillus.. Die elektronische Musik der kosmischen Kuriere bis Mitte des Jahrzehnts –  – immer ausgeflippteres Gegniedel. New Wave, Neue Deutsche Welle. Immer bessere Anlagen, immer optimalere Messwerte, immer teurere Ausrüstungen. Natürlich weitgehend gebraucht gekauft oder aus Konkursmassen, da das Geld weiterhin vorrangig in die Musik investiert worden ist.
Bin ich durch diese vielen Prozesse weiser geworden? – Weiser vielleicht nicht, aber klüger. Ja, eindeutig. Ich habe gelernt, was im Leben wirklich wichtig ist. Ich hätte das alles auch etwas rationaler anstellen, und weniger Geld ausgeben und Zeit investieren können. Spass hats aber dennoch gemacht. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt durch die persönlichen Kontakte.
Heute gilt, dass mich Musik in erster Linie erfreuen soll. Ich will noch immer gerne interessante Musiken entdecken. Das ist alles. Manchmal herrscht tagelang Stille, manchmal rumpelts volle Kanne. Ich heisse zwar nicht Hans, habe den Hans im Glück jedoch wahrscheinlich am eigenen Leib erlebt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein Wochenende voller Wohlklang – Rock on!

 

Zweiundvierzig Jahre später – im Jahr 29 nach der Grenzöffnung

„After all your soul will still surrender
After all don´t doubt your part
Be ready to be loved“ (Yes – To be over)

 

Vorspann zum 3. Oktober 2018 : Gundermann (2018) von Andreas Dresen
Anschliessend spielt die Musik: Alexander Scheer & Band : Gundermann – Die Musik zum Film (2018)
Hauptfilm : Im Lauf der Zeit (1976) von Wim Wenders
Und als Itinerar, das
Buch: Fritz Müller-Scherz, Wim Wenders [Hrsg.]: Im Lauf der Zeit. Bild für Bild, Dialogbuch, Materialien. Frankfurt, Zweitausendeins. 1976. 334S.

Die Idee besteht seit zweiundvierzig Jahren. Leuchtete hin und wieder auf. Lebte weitgehend im Verborgenen und entging so dem Vergessen. Diente manchmal auch zu einer imaginären Flucht aus schwer erträglichen Verhältnissen.
In meinem vorletzten Beitrag beschrieb ich bereits ein intensives Erlebnis meines Lebens im Zusammenhang mit dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Und jetzt bestand endlich die Möglichkeit auf den Wegen des Films nachzuvollziehen, wie sich Deutschland verändert hat in den vergangenen zweiundvierzig Jahren und im Jahr 29 nach der Grenzöffnung.

Die Reisegesellschaft ist paritätisch besetzt. Sozialisationen in der alten BRD und der ehemaligen DDR. Da ist für reichlich Austausch gesorgt. Fragen und Antworten. Und gegenseitiges Staunen. Keine Wettbewerbe oder schräge Vergleiche. Allenfalls die kritische Hinterfragung eigener Fehl- oder Vorurteile und deren mögliche Korrektur.
Die Reise soll dem Streckenverlauf des Films von Wenders folgen. Wie haben sich Dörfer, Städte und Landschaften verändert in den vergangenen Jahrzehnten.
Aber wir wollen uns auch die Freiheit nehmen zu Abstechern. Erstens ist der Eiserne Vorhang offen und zweitens scheint es zu simpel, lediglich eine Filmroute nachzufahren. Es bieten sich in diesem grossartigen Land viel mehr Möglichkeiten zum Entdecken und Kennenlernen.
Und weil es keine Zufälle gibt, begegneten uns nicht wenige auf dieser Reise zu unserer Verblüffung.

Im Film verlief die Reiseroute von der Elbe im Wendland bis nach Oberfranken entlang der damaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Jeweils ein Abstecher der beiden Hauptdarsteller führte nach Viechtach beziehungsweise auf eine Insel beim Rheinkilometer 544. Die gemeinsame Filmreise endete in Hof an der Saale.

Es handelt sich um ein klassisches Roadmovie. Zwei Männer begegnen sich, sind für eine Zeit zusammen unterwegs und dann trennen sich ihre Wege wieder. Der eine fährt und lebt in einem alten Möbellastwagen und klappert in Dörfern und Kleinstädten die verbliebenen Lichtspieltheater ab, um dort anfallende Reparaturen an den technischen Ausrüstungen der Kinos zu erledigen. Der andere kommt aus Genua zurück, wo er sich offenbar von seiner Frau getrennt hat. Sie treffen sich, als er mit seinem Auto über Feldwege rast und seinen VW Käfer neben dem LKW in der Elbe versenkt. Damit beginnt der eigentliche Film.

Aufgrund der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit, vom dreissigsten September bis zum dritten Oktober, war vereinbart, die Wegstrecke in zwei Etappen aufzuteilen. Unsere erste Etappe, von der hier berichtet werden wird, führt also vom Wendland bis in die hessische Rhön südlich von Bad Hersfeld. Die zweite Etappe soll dann im Frühjahr des kommenden Jahres in Angriff genommen werden.

Der dreissigste September.
Die Reise beginnt mit dem Auffinden des ersten Drehortes. Vor einigen Jahrzehnten noch ein fast unlösbares Unterfangen, ist es mit Hilfe heutiger technischer Möglichkeiten fast ein Leichtes. Die Freude ist dennoch gross, als wir etwas seitlich der zerschossenen Brücke über dem Elbeufer stehen. Die Eisenbahnbrücke beginnt irgendwo auf einem Deich und endet am Elbufer. Im Film war sie zwei Bögen länger und endete in der Mitte der Elbe. Dort verlief die ehemalige Grenze zwischen der BRD und der DDR. Davon sind, zumindest hier, heute keine Spuren mehr zu entdecken. .
Die alte Wiebke-Tankstelle mit dem Schild für den Deutz-Dienst gibt es nicht mehr. Bei näheren Hinsehen jedoch kann man Mauerreste des Gebäudes der ehemaligen Tankstelle sehen, die in dem jetzigen Einfamilienhaus verbaut worden sind.
Gorleben ist nur wenige Kilometer entfernt. Dort sitzen wir bei untergehender Sonne am Elbufer versammelt zu einem sommerlichen Picknick. Die geplanten Lager in Gorleben wurden erst 1977  von der niedersächsischen Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Ernst „Fury“ Albrecht, dem Vater der Ursula von der Leyen, beschlossen. Als wir auf der Rückfahrt nach Lüchow von der Hauptstrasse abbiegen und uns einem der massiv bewachten Einfahrtstore nähern, kommt umgehend ein schwerer Geländewagen auf das Tor zugefahren. Ein schneller Schnappschuss zur Erinnerung ist dennoch im Kasten.
Die erste Nacht unserer Reise verbringen wir sehr originell in einer ehemaligen Gastwirtschaft in Lüchow.

Der erste Oktober.
Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Suche nach den Lüchower Schauburg-Lichtspielen in der Kirchstrasse. Nichts an dem etwas vernachlässigten städtischen Fachwerkhaus lässt Spuren des ehemaligen Kinos erkennen. In der direkten Umgebung entdecken wir einige weitere Drehorte. Kaum verändert und mit ganz wenig Phantasie sind sie zu erkennen.
Während im Film Bruno, der King of the Road, in den Landkinos die technischen Apparaturen repariert und instandsetzt, liest Robert, der Kamikaze, die jeweiligen Lokalzeitungen, wo immer er sie findet (Die Erklärung dafür gibts im zweiten Teil der Reise). Die Elbe-Jeetzel-Zeitung können wir beim Frühstück in Lüchow noch kaufen. Vorweggenommen sei, dass zwar fast alle im Film gezeigten Kinos inzwischen zu anderen Zwecken umgewandelt oder geschlossen sind. Im Gegensatz dazu scheinen sich die lokalen Zeitungen besser erhalten zu haben.
Fans der englischen Musikgruppe The Rolling Stones sollten in Lüchow das grösste private Rolling Stones Museum besuchen. Schier unglaublich, was dieser beinharte Fan im Lauf der Zeit so alles zusammengetragen hat. An diesem Montagmorgen ist es leider geschlossen.

Da wir in der glücklichen Lage sind, die ehemalige Grenze in beiden Richtungen nach Belieben überqueren zu können, machen wir davon im Verlauf unserer Fahrt ausgiebig Gebrauch. Als wir das Dorf Waddekath verlassen, zweigt rechts ein gut erkennbarer ehemaliger Kolonnenweg ab. Wir folgen ihm und erreichen nach etwa einem Kilometer ein Stück ehemaliger Grenzmauer am Waldrand. Ein Wachthäuschen nebenbei. In dem Waldstück liegt wie vergessen eine Panzersperre und daneben steht der alte Grenzpfahl. Direkt angrenzend liegt ein bäuerliches Gut mit seinen Scheunen und Stallungen. Felder und Wiesen endeten früher an dieser Grenze. Der kleine Bach ist jetzt ausgetrocknet. Ob er in älteren Zeiten auch schon Grenzgraben hiess. Ganz gleich, wo die Reisenden sozialisiert sind, die Ergriffenheit wird durch die Stille in dieser sonnigen frühherbstlichen Landschaft noch verstärkt.
Bei der Fahrt durch die alte Hansestadt Salzwedel steht der Wunsch rasch fest, diese schöne Stadt bei einem zukünftigen Wochenendbesuch zu entdecken und näher kennenzulernen..

In Wittingen erhalten wir eine praktische Lehre in Sachen historischer Forschung und dem speziellen Fachgebiet der Oral History. Wir suchen die Viehwertung gegenüber einer Texaco Tankstelle. Im Bewusstsein, dass seit der Drehzeit des Films zweiundvierzig Jahre vergangen sind, sprechen wir ausschliesslich ältere Menschen an.
Ja, die Viehverwertung, sagt die ältere Dame, die gibts zwar nicht mehr, aber das Gebäude steht noch. Es folgt eine leicht nachvollziehbare Wegbeschreibung. Wir finden jedoch nichts und stimmen überein, eventuell der Wegbeschreibung nicht genau gefolgt zu sein. An einer Tankstelle fragen wir erneut. Der Tankwart kann sich erinnern, weist in die entgegengesetzte Richtung und sagt, die alte Viehverwertung sei abgerissen und dort befände sich jetzt ein Supermarkt. Vor der Tankstelle spricht inzwischen eine Reiseteilnehmerin einen andern älteren Herrn an, auch der weiss sofort Bescheid und fragt, welche der beiden Viehverwertungen sie denn meine.
Wir kurven über eine Stunde in der Kleinstadt herum und kennen bald alle Strassen. Zwar finden wir das Anwesen der früheren Viehverwertung mit der gegenüberliegenden Texaco Tankstelle nicht, aber dafür freuen wir uns über das Interesse an unseren Projekt und die hilfsbereiten Gespräche der von uns angesprochenen Menschen.

Die Strassen durch die Südheide zum Wolfsburger Bahnhof sind gut ausgeschildert. Dort wollten sich der King of the Road und Kamikze eigentlich trennen und jeder seines eigenen Weges weiterziehen. Das einst weitläufige Areal vor dem Bahnhof (jetzt Hauptbahnhof!) in Wolfsburg ist längst mit postmodern erscheinenwollender Architektur bebaut. Wie auch im Bahnhof tummeln sich auf dem Vorplatz Spielhöllen und Läden mit Schnellmahlzeiten und verstellen den Blick, wie wir ihn im Film sehen konnten.
Auf meinen persönlichen Wunsch hin machen wir einen Abstecher hin zum Salzteich, in dessen unmittelbarer Nähe ich vor vielen Jahren wunderschöne Wochen unbeschwerter Kindheit verleben durfte.

Da sich Kamikaze für keinen passenden Zug von Wolfsburg aus entscheiden kann, blieben die beiden Männer zusammen. Die nächste Station von Bruno, dem King of the Road, ist das Roxy Kino in Helmstedt. Die Eisenbahnlinie, die man auf der Fahrt dorthin im Film sieht, ist längst stillgelegt. Die deutsche Bahn ist inzwischen ein privatisiertes, auf Profit ausgerichtetes Unternehmen, das nach seiner Kalkulation unprofitable Linien stilllegt und den Gleiskörper abbaut. Der Bundesminister der Finanzen nimmt mit, was zu holen ist. Was bleibt, ist das Problem der Menschen in dieser Region. Das war schon so, als das Gebiet noch als  Zonenrandgebiet bezeichnet worden ist.
Das Roxy Kino gibts noch, obwohl wir es erst auf den zweiten Blick erkennen. Ein kleines Häuschen mit dem Schriftzug Roxy im Stil der Seventies im Giebel steht an der Durchfahrtsstrasse. Wir erkennen erst später, dass weiter hinten und etwas seitlich versetzt die alte erhaben geprägte Inschrift wie im Film auf dem hellen Putz des Giebels noch immer zu sehen ist. Und der alte Seitenaufgang zum Vorführraum ist noch immer da. Die nächste Station wird in Schöningen sein. Die Park Lichtspiele in der Bahnhofstrasse.

Ja, gleich hier neben, da war das Kino. Den Eingang können Sie auf der Rückseite noch sehen. Die leider sehr dunklen Fotos im Filmbuch zeigen den Eingang keinesfalls auf der Rückseite. Von hier hinten kann der Film, schon aus Platzgründen, unmöglich aufgenommen worden sein. Eine weitere Zeitzeugin erinnert ebenfalls einen rückwärtigen Eingang zum Kino. Er muss aber vorn zur Strasse hin gewesen sein. Eine genauere Untersuchung der vorderen Fassade lässt bauliche Veränderungen dort erkennen, wo ursprünglich tatsächlich ein breiterer Eingang gewesen ist. Über die Gründe, warum die angesprochenen Passanten, das ursprüngliche Portal auf der Rückseite erinnerten, lässt sich trefflich spekulieren. Am naheliegendsten erscheinen architektonische Umbaumassnahmen. Der ehemals grosse Kinosaal wurde der Länge nach geteilt. Zur Strassenseite hin befinden sich heute zwei Kegelbahnen. Den anderen, rückwärtigen Teil nimmt inzwischen der Gastraum eines Lokals ein. Dies könnte vormals ein den Umständen angepasster, kleinerer Kinosaal gewesen sein.

Der zweite Oktober.
Von Schöningen bewegte sich das Filmteam westlich des Harzes vorbei nach Nordhessen. Wir entscheiden uns für die östliche Route. Eine kleine Stadtrundfahrt unternehmen wir in Blankenburg. Quedlinburg und Wernigerode sind restauriert und aufgrund der ertragreichen Einkünfte aus dem Tourismus in den beiden Städten, wird entsprechend in Renovierungen und Erhaltungsmassnahmen investiert. Blankenburg hingegen erweckt nach umfangreichen Restaurierungsmassnahmen in der Zeit nach der Grenzöffnung mittlerweile  stellenweise wieder deutliche Spuren des Verfalls. Nach einer Zwischenstation zur Proviantauffüllung in einem bekannten Nordhausener Unternehmen passieren wir einige Dörfer im Gebiet der vormaligen Grenze. Es ist eine ruhige, fast behäbig wirkende Region, die nach wie vor landwirtschaftlich geprägt ist.
Einzig die Grösse der jeweiligen Ackerflächen lässt erkennen, wo ehemals die Grenze zwei Landesteile getrennt haben mag. Oder in der Giebelwand eines früheren Gehöfts das Schild „LPG Gute Zukunft“.

In Witzenhausen erleben wir eine feine Überraschung. Der Vorführer muss zwar nicht mehr über ein Flachdach in den Vorführraum einsteigen, aber dafür ist das Capitol noch wohlerhalten und in Betrieb. Der Vorraum mit der Theke atmet die traditonelle Atmosphäre längst vergangener Kinoarchitektur. Leider gelingt es uns nicht, mit der Kassiererin in ein Gespräch zu kommen. Dass gleich eine Sondervorstellung die Dokumentation „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders zeigt, nehmen wir als schönes Zeichen.

Wenige Kilometer südlich von Witzenhausen liegt abseits der Bundesstrasse das Dorf Wendershausen. Kamikaze wunderte sich beim Blick auf die Landkarte über Ortsnamen wie Machtlos oder Friedlos. Der King of the Road ergänzt, der Berg zwischen diesen Dörfern hiesse Toter Mann. In den östlich gelegenen Regionen Hessens gibt es neunzehn Ortsnamen, die auf los enden.

Was uns viel tiefer beeindruckt, ist ein historischer Gebietstausch. Nur wenige Kilometer entfernt grenzten die Besatzungszonen der Briten, Amerikaner und Sowjets aneinander. Besonders betroffen davon war die Bahnstrecke Bebra Göttingen. Dort mussten die westlichen Besatzer für einige Kilometer durch die sowjetische Zone fahren. Das war mit viel Bürokratie verbunden. Zur Vereinfachung einigte man sich auf einen Gebietstausch. Dabei fielen einige hessische Dörfer in den sowjetischen Verwaltungsbereich und einige thüringische kamen zu Hessen. Nach der Ratifizierung des Vertrages tauschten Russen und Amerikaner jeweils eine Flasche Wodka gegen eine Flasche Whisky. Die Bahnlinie wurde danach als Whisky-Wodka-Linie bekannt. Auch nach 1989 wurde dieser Gebietstausch nicht mehr rückgängig gemacht. Vielleicht erinnern sich auch nur noch ältere Menschen daran.

Nach 1945 wurden Dörfer nach den jeweiligen Interessen und Bedürfnissen der Besatzungsmächte ausgetauscht oder geteilt. Für mich ein besonders unmenschliches Beispiel ist die Hossfeldsche Druckerei in Philippstal ganz in der Nähe unserer Route. Im Zuge von Umbauten und Erweiterungen lag diese Druckerei ab 1924 zu je einem kleineren Teil in Thüringen und einem ´grösseren im preussischen Teil Nordhessens.
Durch die willkürliche neue Grenzziehung verlief der Zaun ab 1952 durch die Gebäude der Druckerei. Die Verbindungstür zum östlichen Teil des Gebäudes musste zugemauert werden. In Folge des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1972 wurde den Eigentümern ihr östlicher Gebäudeteil dann 1976 von der DDR wieder zurückgegeben. Die Grenze verlief seitdem im Abstand einiger Meter von der Hossfeldschen Druckerei.

Der dritte Oktober.
Nach einer Übernachtung in Bad Hersfeld finden wir bald ein im Film wichtiges Gebäude. Gegenüber davon befand sich ein, halb im Boden versenkter, weiss angestrichener LKW als Bratwurststand. Den Imbiss gibt es nicht mehr. Dafür steht dort heute ein Container, in dem Backwaren verkauft werden. So ändern sich die Speisestationen im Lauf der Zeit. Auffällig ist allerdings, dass die Umgebung um den weitgehend freien Platz nicht stimmt. Ideen, Anregungen und Überlegungen führen zu keinem Ergebnis. Die Lösung besteht in den Möglichkeiten des Filmschnitts, den wir nicht bedenken. Erst nach der Reise findet sich, dass die Szene am Bratwurststand an der B27 am Ortsausgang von Bad Hersfeld gedreht worden ist. Das scheinbar gegenüberliegende Eckhaus mit der Telefonzelle dagegen steht nur wenige Kilometer entfernt in einem kleinen Ort. Der erste Teil unserer Filmreise endet hier und unsere Reise zum Tag der deutschen Einheit beenden wir mit einem letzten Abstecher.

Der führt uns zum „Haus auf der Grenze“ zwischen den Dörfern Rasdorf (Hessen) und Geisa (Thüringen). Als eine von vielen Grenzgedenkstätten ist die dortige Ausstellung sehr informativ. Wobei mich persönlich die plötzlich in der Landschaft zu entdeckenden Artefakte viel mehr berühren.
Anschliessend überqueren wir auf dem Kolonnenweg einige hundert Meter bis zum Point Alpha im Fulda Gap. Die NATO erwartete während des vormaligen Kalten Krieges den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes an vier möglichen Lücken (Gaps). Eine davon befand sich nordöstlich von Fulda. Der sogenannte Point Alpha war eine usamerikanische Beobachtungsstation. Hier standen sich die jeweiligen Beobachtungsstationen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in unmittelbarer Nähe gegenüber. Mit unseren Eintrittskarten vom Haus auf der Grenze können wir auch diesen Erinnerungsort betreten. Seit 2008 verwaltet die Point Alpha Stiftung das Gelände.
Noch voll von Eindrücken aus dem Museum und dem schweigenden Gang auf dem Kolonnenweg, herrscht am Point Alpha Volksfeststimmung. Die bis 1991 von der amerikanischen Besatzungsmacht genutzten Einrichtungen sind zu besichtigen. Was uns etwas verwirrt, sind die Stände mit Rhöner Spezialitäten. Die Hüpfburg und die anderen Kinderbelustigungen. Als aus einem Festzelt der Chor und die Musikkapelle „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ anstimmen, verlassen wir das Gelände.

Als persönliches Resümee dieser kurzen und dennoch intensiven Reise bin ich dankbar für neue Erkenntnisse, Gedanken und Fragen. Diese werden mich sicherlich weiterhin beschäftigen.
Die Unmenschlichkeit, mit der eine Bevölkerung gehindert worden ist, sich individuell frei zu bewegen, wurde mir einmal mehr sehr deutlich vor Augen geführt.
Wie schwer das alltägliche Leben der Menschen in der Fünf-Kilometer-Zone gewesen sein muss, kann ich noch immer nicht greifbar nachvollziehen. Die Gespräche mit den Menschen unterwegs, ganz gleich in welchem Bundesland, waren angenehm und förderlich. Uns widerfuhr fast immer sehr  viel Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft, wenn wir unseren Spruch aufsagten von der Spurensuche nach mehr als vierzig Jahren und der Veränderung.
Nicht zu vergessen die Schönheit und historische Gewachsenheit vieler Dörfer und Städte, durch die ich gekommen bin. Und die wunderbaren Wechsel fantastischer Landstriche. 

Während der Gespräche wurde mir bewusst, dass es für mich an der Zeit ist, den sich landläufig einschleifenden Wortgebrauch zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Die Zuschreibungen Ossi oder Wessi will ich fürderhin in meinem Sprachgebrauch vermeiden. Sie sind nicht witzig sondern werden weitgehend abwertend gebraucht. Der Begriff der Wende wird dabei oftmals bilanzierend im Kontext mit den Wendeverlierern gebraucht. Damit werden meist Menschen in den neuen Bundesländern bezeichnet, die durch die Wende ihren Arbeitsplatz verloren haben. Dabei sollte man differenzieren zwischen den verschiedenen Bedingungen und Auswirkungen sogenannter Wendeverlierer. Und neben denen in den neuen Bundesländern auch diejenigen in den alten Bundesländern nicht vergessen.
Auch das strapazierte Wort Wiedervereinigung hat für mich inzwischen einen bitteren Geschmack. Man erinnere sich bloss an den schnellen Wechsel der Parolen seinerzeit.
Die Menschen, die zuerst auf die Strassen gingen und ihre Köpfe riskierten, taten das für einen politischen Wechsel in ihrem Land. Im Haus auf der Grenze ist ein frühes Flugblatt der Bewohner von Geisa ausgestellt. Die Menschen forderten einen demokratischen Sozialismus, Abbau der Partei-Bürokratie und der Sicherheitsdienste, mehr Geld für die Versorgung der Bevölkerung, Transparenz bei politischen Entscheidungen, freie Wahlen und Bewegungsfreiheit (Geisa lag in der Fünf-Kilometer-Zone). „Wir sind das Volk!“
An diese Rufe erinnere ich mich noch aus Nachrichtensendungen. Schnell ersetzte das Wörtchen ein das Vormalige das.
„Wir sind ein Volk!“ Da trauten sich die ersten Mitläufer mit ihren partikularen Privatinteressen mitzulaufen. Und noch schneller hörte man das „Deutschland, einige Vaterland!“ Das Ende vom Lied wurde angestimmt mit : „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann kommen wir zur D-Mark!“ Mit der D-Mark kam dann ziemlich rasch auch das Abwickelkommando der Treuhand. Und die bekannten Folgen.

Der Rest scheint bekannt. Und ist dennoch, wie ich immer wieder in Gesprächen feststelle, weitgehend unbekannt. Und das wird so bleiben, solange sich nicht Menschen mit den unterschiedlichen deutschen Sozialisationen zusammensetzen und miteinander sprechen. Ich will jedenfalls bereit sein und folge gerne dem Satz von Leslie Fiedler : „Cross the border, close the gap.“

 

(Auf Reisen tauchen mannigfaltig viele Bilder auf – hier ein für mich unerwarteter Anblick)

 

 

In reduzierter Form : Klartext

Auf die Vorgruppen haben wir gerne verzichtet. Und damit auch das Riesengedränge an den Einlassschleusen. Wir  gehen hin weil wir die beiden letzten Bands beim City Riot Festival erleben wollen. Und die Post ging wirklich mächtig ab bei Flogging Molly und den Broilers. Flogging Molly stammen nicht aus Schottland und die Broilers kommen aus Düsseldorf…

Einige neuere Notizen aus meiner Kladde.

Die immer raschere Beschleunigung der alltäglichen Lebensprozesse reisst uns alle mit. Und immer mehr Menschen fliegen dabei aus ihren Lebenskurven.

Die deutsche Machthaberin Merkel wurde bei der Ankunft in Ghana dem Protokoll entsprechend musikalisch mit der deutschen Nationalhymne empfangen! Danach erklang „Schöne Maid“ und anschliessend „Ja, mir san midm Radl da“. Fröhlich gehts zu in der Welt der von den Bevölkerungen weit entfernt lebenden Herrschern.

Früher war es ein Privileg, einen schlechten Geschmack zu haben. Heute hat ihn fast jeder. (Falls ein Leser die Quelle dieses bonmots kennt, möge er mir diese bitte nennen).

In den Medien waren wieder Stimmen der sogenannten Wirtschaftsweisen zu hören. Das sind die ebenso hochbezahlten wie überflüssigen Weisskragen, die am Anfang eines Jahres in ihre Prognosenposaune stossen, um am Ende des gleichen Jahres mit schöner Regelmässigkeit zu erklären, warum fast alles nun doch wieder anders gekommen ist.
Mein Fazit : solche und ähnliche unnützen und viel zu teuren Posten umgehend abschaffen und das eingesparte Geld in Bildungseinrichtungen investieren.

Die Grünen haben wieder mächtig Aufwind, sagt mein Nachbar. Ich bin mir nicht sicher, was er wählen wird demnächst. Die Grünen etwa? Ich beachte diese zum FDP-Ersatzverein verkommene Gruppierung allenfalls noch als Kriegstreiberpartei. Ohne deren Zustimmung damals in den Konflikten in Südosteuropa, hätte Gerd „Körriwurst“ Schröder keine Mehrheit für das kriegerische Mitstreiten in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo bekommen. Die Mehrheit beschaffte ihm seinerzeit Fischers tarngrüner Verein.
Und heutzutage wird über immer neue Kriegsbeteiligungen deutscher Militärs in aller Welt nachgedacht. Oder schon geplant? Mir fällt dazu unweigerlich das Grundgesetz ein. Warum?

Weil es da den Art.26, Abs.1 gibt : Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.

Mit zunehmendem Alter schauen wir immer öfter zurück. Ganz so, als könnten wir Vergangenes anders als in der Erinnerung behalten. Dabei verlieren wir leicht die Zukunft aus dem Blick. Denn „der Tod ist ein Pfeil aus der Zukunft, der auf Dich zufliegt“. (Der Tod in : Palermo Shooting /2008.)

Wenn Sauna, Schnaps und Teer nicht heilen, dann führt die Krankheit zum Tod. (Finnisches Sprichwort)

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.