Die Stones – in einer Offenbacher Seniorenresidenz?

Horsche: Aus gegegebenem Anlass: The Rolling Stones – Let it bleed (1969).
Lesen: Liedtexte zu der genannten Platte von den Rolling Stones.
Essen & Trinken: Immer weniger Fleisch. Frisches aus dem Garten und Käse. Herzhaftes dunkles Brot. Von der kleinen, privaten Kelterei den hervorragenden Speierling. Bei diesen Temperaturen natürlich gespritzt.
Schaffe: Bis zum Wochenende soll La Perle fahrbereit sein.
Gugge: „Die Wiese – ein Paradies nebenan“. Eine Dokumentation über einen Lebensraum. Zur Zeit in der Mediathek bei arte.tv zu sehen…

Als wir um die Ecke biegen, sehen wir die Fassade des alten Fabrikgebäudes. Gelber Backstein. Neben dem überdachten Portal der angedeutete Turm mit der grossen Uhr im Giebel. Zeit ist Geld. Im Osten Offenbachs erstreckte sich bis vor wenigen Jahren eine chemische Fabrik. Das Portal, durch welches wir gehen und nach unseren Tickets greifen war das ehemalige Badehaus der Firma. Auch andere Menschen kommen. Offensichtlich vertreten wir die Jugend hier. Vorwiegend ältere und alte Semester. Herr Knie und Frau Hüfte gehen nach der lockeren Eintrittskartenkontrolle zum obligatorischen Desinfektionssprüher. Keine Sicherheitsleute greifen uns ab. Entspannt wie anno dunnemals. So etwas gibt es noch. Brauchen Sie hundertausend Konzertbesucher um sich herum, um in Stimmung zu kommen?

Was Frank Laufenberg für den SWF und Peter Kreglinger für den SDR, das war Volker Rebell für den HR. Diese Namen wurden zu unseren musikalischen Wegweisern. Damals in den 1970er Jahren. Diese Männer haben Grundsteine gelegt und uns mit Musiken bekanntgemacht, die wir Dorfbuben sonst vielleicht nie gehört hätten.
Volker Rebell arbeitet nicht mehr für den HR. Er verbreitet seine Radiosendungen über byte.fm. Die alte Werkzeugfabrik seiner Familie in Offenbach hat er vor einigen Jahren zu einem Veranstaltungsort umfunktioniert. Da läuft derzeit aus bekannten Gründen nichts. Denn vor der kleinen Bühne finden nur knapp hundert Zuschauer Platz.

Stattdessen hat man aus der Not eine feine Tugend gemacht und veranstaltet kleine Konzerte auf dem Gelände der vormaligen chemischen Fabrik. Zweihundert Plätze sind bestuhlt. Im behördlich angeordneten Abstand.
Immer mehr alte Menschen kommen auf das Gelände. Manche schein sich verirrt zu haben; sie sehen längst nicht mehr nach Musik aus. Sorgfältig wird das Kisschen auf dem Stuhl ausgebreitet. Die Windbluse wird ausgezogen und ordentlich gefaltet. Das T-Shirt will dem Mann nicht mehr recht passen. Rolling Stones – Steel Wheels – Berlin 1990. Staunen. Einige andere Gäste tragen ähnliche Memorabilien. T-Shirts. Mützen. Eine ergraute Dame mit Zungenhandtasche.
Auf der Bühne machen sich ältere Herren an elektrisch verstärkten Instrumenten zu schaffen.

Einige Alben der Beatles interessierten uns weniger. Für Beggar`s Banquet waren wir zu spät. Für Let it bleed haben wir Karten bekommen. Das Programm des Abends sieht so aus. Volker Rebell moderiert den Abend. Fünfzig Jahre Let it bleed. (Das Konzert war eine Wiederholung der Uraufführung im vergangenen Jahr). Er erzählt zu jedem einzelnen Lied des Albums wissenswertes und interessantes. Die Glitter Twins, eine fantastische Stones Coverband. Seit vierzig Jahren covert die Kerntruppe Lieder der Stones. Sie spielen nach Rebells Moderation Stück nach Stück in der Reihenfolge des Albums. Dieser Wechsel zwischen Informationen und Musik steigt den Zuschauern rasch ins Blut. Zu manchen Senioren sehen wir besorgt hin. Rocking Chair bekommt eine neue Bedeutung. Das ist ein Zappeln auf manchen Stühlen. Niemand hält sich an das Mitsingverbot. Die Stimmung brodelt.

Nach You can´t always get what you want gibt es eine Pause. Vor der Bar warten die Gäste mit ihrem Mundschutz. Manche hatten einen mit der sattsam bekannten Zunge.
Danach bringen die famosen Glitter Twins noch etliche Stücke der Stones auf Zuruf. Die Musiker bedanken sich dafür, dass sie endlich wieder vor Publikum spielen dürfen. Volker Rebell erklärt die vielen leer gebliebenen Stühle in den hinteren Reihen. Die Stadt Offenbach hatte inzwischen die Zuschauerzahl noch weiter eingeschränkt. Und weitere Konzerte dürfe es in diesem Jahr garnicht mehr geben aufgrund der neuerlich steigenden Infektionszahlen.

Viel zu schnell verging dieser einmalige Abend. Klasse Kapelle. Prima Moderation. Der Klang war perfekt. Wie im Wohnzimmer vor einer gediegenen Stereoanlage. Kein Rettungswagen wurde benötigt. Das Publikum verliess beseelt den Platz.

Im kommenden Jahr wird Sticky Fingers sein fünfzigjähriges Jubiläum feiern. Wir werden dabei sein. Ob auf der rebellischen Bühne in Offenbach oder an einem anderen Ort. Ganz herzlichen Dank an alle Beteiligten, die uns diesen grossartigen Abend bereitet haben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Zeit und viel Freude an den Begebenheiten, die wir alle manchmal viel zu wenig wertschätzen.

(Bilder in einer Gemeinschaftsaktion aus der Hand gemacht – am besten in Ruhe anschauen und Let it bleed dabei hören)

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Von toten Hamstern und rostigen Bauern

Horsche: Dies und das von allem was – zwischendurch und im Vorübergehn.
Lesen: Schon etwas betagter; trotzdem sehr empfehlenswert: Ulrich Herzog – Fahrradheilkunde. Ein Reparaturhandbuch für Velocipedfahrer. Moby Dick Verlag, 1988.
Essen & Trinken: Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Frisches aus dem Garten. Es ist ein Wunder, was aus einem Samen entsteht und wie aromatisch das schmeckt. Wenn es überdies liebvoll zubereitet wird, entstehen Köstlichkeiten.
Schaffe: In der Werkstatt La Perle zerlegen. Gespräche darüber, wie es weitergehen soll mit den Teilen. Inzwischen ist bekannt, dass diese Schönheit siebzig Jahre alt ist. Teile gibt es, wenn überhaupt, allenfalls noch bei Verkäufern in La France.
Gugge: „Grenzenlos“ (2017) von Wim Wenders. Für einen Liebhaber seiner Filme ist dieses Werk ein schmerzlicher Fehlschlag. Bestimmt wird die ausstehende Dokumentation über seinen Werdegang „Desperado“ lohnender. Sendetermin 14.8. ARD…

 

Wenn man am Flurgraben entlang fährt, also an dem, was von dem ehemaligen Entwässerungsgraben noch erkennbar übrig geblieben ist, gelangt man an einen Rheindamm. Zuvor streift man noch den Grenzrand eines Industriegebietes. Dies gehört zur westlich gelegenen Nachbargemeinde.

Diesen Weg nimmt man als Wanderer oder Radfahrer, wenn man die nahegelegenen Rheinauen besuchen oder die alte Schiffsmühle besichtigen möchte. In der Nähe bietet zudem eine Gartenwirtschaft Speisen und Getränke an. Eine ebenso interessante wie abwechslungsreiche Flusslandschaft.

Seit Jahren ist mir dieser Weg bekannt. Immer wieder einmal schwappen mir Erinnerungen auf. Damals, als wir Jugendlichen mit unseren Mopeds noch über Feldwege hier unterwegs gewesen sind. Damals, als es die A671 noch nicht gab. Im Flurgraben und an seinen Ufern konnte man Frösche und Kröten finden.
Heini A. muss hier auf den Feldern seine Schlingen ausgelegt haben. Er war auf Hamster aus. Ich erinnere mich noch. Als ich Kind war, kam er wochenends auf seiner Kreidler Florett mit einem kleinen Sack aus grober Jute von seiner Jagd zurück. Ich weiss nicht, wo er den Hamstern ihre Felle abgezogen hat. Zum Trocknen aufgespannt hat er sie jedenfalls unter der Decke der überbauten Toreinfahrt unseres Hauses. Durch den Verkauf der Felle verdiente er sich ein Zubrot.

In jenen Zeiten gab es das wuchernde Industriegebiet noch nicht. An seinem Rand liegt ein Grundstück. Der Weg trennt es vom Flurgraben. Seit fast zehn Jahren fahre ich daran vorbei. Aufgefallen ist es mir, weil es auf dem etwa tausend Quadratmeter grossen Gelände mit der Halle aus Wellblech darauf offensichtlich keine Veränderungen gibt. Eine kleine Holzhütte, vielleicht als Büro genutzt und zwischen zehn und zwanzig Wohnwagen. Vermutlich vermietete Stellplätze. In einer Ecke eine kleinen Ansammlung von Metallschrott. Vor zwei Jahren fielen mir eher beiläufig in dem Schrotthaufen Fahrradfragmente auf. Im Unkraut verwachsen und vor sich hinrostend.

Im Zuge der neu erwachten Schrauberei an Fahrrädern wurde ich neugierig. Eines Abends hielten wir am Zaun, um genauer hinzuschauen. Drei Fahrräder. Rixe, Bauer und eine unbekannte Marke. Auf dem Grundstück nebenan war ein Autoschrauber zugange. Ich grüsste und fragte ihn nach seinem Nachbarn. Der sei selten da und ziemlich schwierig. Er gab mir immerhin seine Telefonnummer.

Erkläre mal einem „schwierigen Mann“, warum und wofür du seine drei verrosteten Radfragmente haben möchtest.

Ich schob den Anruf hinaus. Ich hatte keinen guten Text in petto. Kurze Zeit danach hatte ich in der Nähe zu tun. Der vereinbarte Termin musste jedoch verschoben werden. So entschied ich spontan, an dem Grundstück vorbeizufahren. Ein alter Mann schaffte auf dem Platz, das Gittertor stand offen. Als er mich sah, kam er mir mit misstrauischem Blick entgegen.
Ich stellte mich vor und fragte ihn nach den drei alten Fahrrädern, die ich seit Jahr und Tag da liegen sähe. Es entstand ein kurzes, nicht unfreundliches Gespräch. Am Ende durfte ich die drei Vehikel einladen und mitnehmen.

Als das Bauer Modell Sport, die Rahmennummer verweist auf das Produktionsjahr 1960, im Reparaturständer hing bot es einen traurigen Anblick. Was könnte man sinnvoll daraus machen? Ausschlachten? Bei den beiden anderen Rädern war die Antwort einfacher.
Wir entschieden uns dafür, das Bauerrad technisch einwandfrei wieder zum Laufen zu bringen. Die Optik sollte dabei die Leidensspuren der geschundenen Fahrmaschine nicht verleugnen. Unsichere, weil zu stark verrostete Teile wurden ausgetauscht. Noch Brauchbares wurde so konserviert, dass es dem Zahn der Zeit noch eine ganze lange Weile standhalten kann. So entstand eine sehr eigenwillige Ästhetik.
Das Rad wurde komplett zerlegt, alle Lager überholt, bzw. erneuert. Im Hinterrad dreht sich jetzt eine betagte Dreigangnabe für kühne Beschleunigungen und am Vorderrad sorgt die komplett aufgearbeitete Bremse des Schweizer Rades für kurze Bremswege. Die roten Lenkergriffe wurden falsch geliefert. Dennoch, der Fahrspass ist enorm und die ersten Ausfahrten bereiteten viel Freude.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern freudvolle Tage.

 

 

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Perlen auf Rädern

Horsche: Dies und das von allem was – zwischendurch und im Vorübergehn.
Lesen: Heimatmuseum Neukölln (Hrsg.): Kringeldreher + Strampelbrüder. Radfahren in Neukölln. Begleitheft zu einer Ausstellung über Strassen- und Bahnrennen in Neukölln.1997. Sehr famos.
Essen & Trinken: Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Frisches aus dem Garten. Es ist ein Wunder, was aus einem Samen entsteht und wie fein das schmeckt.
Schaffe: In der Werkstatt Fahrräder zerlegen und zusammenbauen. Gespräche darüber, wie das weitergehen soll. Es kommt ein Rad nach dem anderen…
Gugge: Ein Liveauftritt der russischen Band Otava Yo – Live im Glavclub St. Petersburg, 22.5.2015. Da geht angenehm die Post ab. Sollte am 5.11. das Konzert in Stralsund staffinden, wäre das eine kurze Reise wert…

 

Der Grossvater värtlicherseits soll auf der alten Opelrennbahn sonntags an Opel Laubfrosch Rennen teilgenommen haben. Ich konnte ihn dazu nicht befragen, als er starb war ich noch zu jung. Von dem anderen Grossvater sind durch photographische Aufnahmen sportliche Erfolge verbürgt. Deutsche Meistertitel im Kunstradfahren in den 1920er Jahren. Überhaupt war er in verschiedenen Disziplinen auf zwei Rädern unterwegs. Der Mann verlor bereits Jahre vor meiner Geburt sein junges Leben.

Vielleicht kommt von diesen Vorfahren meine gewisse Affinität zur Bewegung auf Rädern. Autos passen kaum noch in unsere Zeit. Meine Traumautos aus Kinder- und Jugendzeiten konnte ich mir erfüllen bis auf den Bentley Continental S2 2-Door Saloon mit der bildschönen Karosserie von H.J. Mulliner. Als ich einen von den knapp hundert produzierten Exemplaren gefunden hatte in England und mit dem Händler fast handelseinig war, setzte mein privater Vermögensverlust ein, der andere Aktivitäten von mir verlangte.

Schon viel früher hatte ich wegen meiner Kinder meine kleine Ansammlung von Ducatis und der grossen Moto Guzzi verkauft. Eine neue Fahrradwelle kam Mitte der 1980er Jahre auf. Die sogenannten Mountain Bikes. Zwei Kuwaharas stehen im Ställchen seit über dreissig Jahren. Lediglich Reifen und Bremsklötze wurden während dieser Zeit gewechselt. Und sie laufen wie am Anfang.

Mit der Idee, ein Transportrad aufzubauen, fielen mir meine früheren Erlebnisse mit meinen Rädern wieder ein. Und ein Bauer Sport stand in der Nähe zum Verkauf. In der Ausführung mit dem Herrenrahmen. Nun, wie das Leben so spielt. Im Nachbarort war das passende Damenmodell abgängig.
Das Transportrad bekam sein Firmenschild und wird von seiner erfreuten Eigentümerin nun zu entsprechenden Arbeiten eingesetzt.
In unserer kleinen Werkstatt tummeln sich inzwischen sechs Bauer Räder. Und einige weitere stehen noch in der Warteschleife hier und dort. Ich bin gespannt was aus dieser Entwicklung noch werden wird.
Ich kann mir vorstellen, interessierten Menschen diese schlichten Maschinen der Fortbewegung nach ihren Wünschen zu gestalten und zu bauen. Individuelle Fahrräder. Fast unhörbar in der Bewegung und nur geringer Pflege und Aufmerksamkeit bedürftig. Anschaffungen für lange Zeiten. Treue Begleiter.

Wenn ich an die Elektrofahrräder denke oder diese neumodischen meterlangen Transportvehikel. Zuhause kaum zu selbst reparieren. Zu heben nur von Schwerathleten. Tausende von Talern in der Anschaffung und nach einigen Jahren gibt es dringend benötigte Ersatzteile schon nicht mehr. Und so grob sie aussehen, so werden viele auch im Strassenverkehr bewegt.

Wie fein dagegen die Handwerkskunst an dieser Perle. La Perle war eine kleine französische Fahrradmanufaktur. Mit einer Perle im Steuerkopfschild. Produziert wurden Räder zwischen Mitte der 1930er bis gegen Ende der 1960er Jahre. Im Netz sind nur wenige Information findbar. Vor meinem inneren Auge sehe ich dieses feine Fahrrad aus einer Scheune im Taunus bereits wieder in seiner alten Pracht. Amélie wird ihre Runden drehen.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein angenehm bewegtes Leben.

 

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Neulich sonntags. . .

Horsche: Dies und das von allem was – zwischendurch und im Vorübergehn.
Lesen: Jörg Schulisch: Bauer-Werke Klein-Auheim. Hier stehen schliesslich einige Fahrräder dieser Manufaktur.
Essen & Trinken: Frisches aus dem Garten. Es ist ein Wunder, was aus einem Samen entsteht und wie fein das schmeckt.
Schaffe: Fahrräder zerlegen. Der erste Café-Racer (s.u.) bestand seinen Ritt nach Frankfurt.
Gugge: Ein erschreckender Blick in die Vorhölle. Lois Hechenblaikner: Ischgl (Steidl Verlag). Der Photograph hat über zwanzig Jahre lang die besondere Form des Tourismus in dieser Partnerstadt von Sodom & Gomorrha dokumentiert.

Endlich wieder ein feiner Landregen. Im Garten hat man den Eindruck, die durstigen Zellen der Erde öffneten sich für jeden niederkommenden Wassertropfen.
Die Windböen nehmen hier in diesem von allen Seiten gut geschützten Landstrich bedenklich zu. Ich war noch jung und ahnungslos als mich eine alte Frau mit der Metapher belustigte, die Bäume seien für die Erde wie die Haare auf den Köpfen der Menschen. Damals lächelte ich. Heute mit dünner werdendem Haupthaar denke ich öfter an ihren klugen Ausspruch.
Neben den Brückenreparierern haben in Deutschland nun die Kettensäger ihre grossen Auftritte. Und die Vorgartenpflasterer scharren bereits mit Pickeln und Spaten.

Der Bildband von Hechenblaikner (s.o.) hat mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Spass und Party. Das haben wohl immer mehr Menschen im Visier. Und am Ballermann geht es schon wieder ab. Wie viel Ignoranz und Rücksichtslosigkeit passen in einen menschlichen Kopf? Eine mögliche zweite Corona-Welle in einigen Monaten erscheint mir wie ein zweites Weckerklingeln am Morgen. Aber jetzt wollen die meisten Menschen erstmal zurück zur Normalität. Festzuhalten ist dabei, dass die Normalität keinesfalls das Gesunde ist.

Zum 30.6.2020 habe ich die Zählerstände von Strom, Gas und Wasser fotografiert. Mal sehen, ob und wie der veränderte Mehrwertsteuersatz von den jeweiligen Versorgern realisiert werden wird. Und ob überhaupt.

Manchmal kommt es mir vor, als würden sich die Menschen zunehmend von der Wirklichkeit des Lebens verabschieden. Virtuelles Dasein statt alltäglichem Leben. Rollenspiele im Internet statt wirklicher zwischenmenschlicher Begegnungen. Konsum rund um die Uhr statt einem gesunden Lebensrhythmus.

Sonntagsmorgens früh am Mainradweg. Sconnenschein und frische Luft. Lebensfreude. Die Räder laufen rund. Gegenseitige Grüsse im Vorbeifahren. Lebensfreude. Flussaufwärts Richtung Frankfurt. In Schwanheim in einer kleinen Bäckerei das frugale Frühstück. Gegenüber vor der Aufbackstation einer Kette die Schlange. Unfassbar. Allein der Unterschied der den Läden entströmenden Aromen. Lieber das Schlechtere, dafür aber bunt und laut.
Gegen Mittag einen Sauergespritzten im LiLu in Niederrad. Und dann nichts wie zurück. Im Vergleich zum frühen Morgen radeln wir nun in einer Gegenwelt. Man muss höllisch aufpassen. Rücksichtslos sind die meisten auf ihre individuelle Art. Rennradfahrer, Fussgänger und Elektrofahrradfahrer. Bei manchen Männern und Frauen, denen schier die Zunge aus dem Hals hängt, fragt man sich, wie viele Schläge und Tritte die während der Woche einstecken mussten, die sie sich am Wochenende in wenigen Stunden wegtreten müssen. Vielleicht sind sie auch auf der vergeblichen Flucht aus ihren falschen Leben.
Dabei bin ich selbst auf der Flucht. Vor diesen Menschen jedenfalls. Vor ihrer selbstsüchtigen Rohheit und ihrem Lärm.

Zurück in nach Hause, in den Garten, die Werkstatt. Abends grüsst der Nachbar von gegenüber. Wir laden ihn ein. Zum ersten Mal kommt er tatsächlich auf ein Glas Wein in unseren Hof. Wir sitzen eine Stunde zusammen. Reden von früher und heute. Seine Frau liegt im Krankenhaus. Er erzählt ihr telefonisch von dem kleinen Zusammensein. Bedankt sich am kommenden Tag und sagt, das müsse man wiederholen. Auch seine Frau habe das gesagt…
Für mich spiegeln diese scheinbar unspektakulären Kleinigkeiten das wirkliche Leben.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen gutsitzenden Mundnasenschutz und geniessen Sie besonders die scheinbar unspektakulären Momente in Ihrem Alltag.

 

(Es wird was man draus macht. Bildklick zeigt die Details.)

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommen und Gehen . . .

Horsche: Wurde bereits vorab als sein grandioses Alterswerk beschrieben: Bob Dylan – Rough and rowdy ways (2020).
Lesen: Wie verschiedene alte Kettenschaltungen eingestellt werden. Ihre jeweiligen Vor- und Nachteile.
Essen & Trinken: Salate, Kräuter und Wurzelgemüse aus dem Garten. Die letzten Spargeln.
Schaffe: Fahrräder zerlegen. Ein gefundenes Fahrrad ausschlachten (s.u.). Ein anderes angekauft (davon vielleicht später).
Gugge: Das ganz grosse Staunen im Garten. Wie es blüht, wächst und gedeiht. Und auch verzückte Blicke auf schöne alte Metallhandwerkskunst; Stahlrahmen fein gemufft.

 

Morgens lautete die Ansage: „Haste gesehen, drüben bei den Nachbarn steht ein Fahrrad. Offensichtlich wird das verschenkt.“ Ich schaute mir die Sache an. Und nahm die Sache mit.
Sollten wir den Nachbarn Bescheid sagen?
Vielleicht ein Glas Eingemachtes überreichen?
Ich sah den Zettel am Rad und beschloss, mich kundig zu machen. Es war einer jener Zettel, die jeder hin und wieder in seinem Briefkasten findet. Es wird darauf um Sachspenden gebeten. Kleidung und Schuhe steht in den grössten Lettern. Aber auch – und dann kommt alles mögliche, was auch gebraucht wird.
Wer braucht das?
Die Sammler, denn der Altkleidermarkt ist heiss umkämpft. Es geht um unglaubliche Profite, wenn man das Geschäft richtig aufzieht. Ich recherchiere nach der Firma, deren Adresse auf dem Zettel am Altfahrrad befestigt ist. Es gibt Listen, auf denen die Abzocker der Szene aufgelistet sind. Die auf dem Zettel angegebene Firma hat in Hessen Sammelverbot. Aber wer kümmert sich schon um derlei Kleinkram. Wir alle wollen doch gute Menschen sein.
In Tansania beispielsweise ist der einheimische Textilmarkt zusammengebrochen. Man schätzt, dass etwa 80.000 Menschen dadurch ihre Arbeit verloren haben. Und das aufgrund der Kleidersammelei und des daraus resultierenden Geschäftes mit Second-Hand-Läden und anderen Absatzkanälen.

Am späten Nachmittag durften wir einen lieben Bloggerkollegen mit seiner Liebsten begrüssen. Die Freunde verbringen hier in der Nähe ihren Urlaub. Wir hatten uns zum Abendessen mit hessischen Leckereien verabredet. Essen, trinken und miteinander sprechen und sich vertraut fühlen können. Dass der Mann just an diesem Tag seinen Geburtstag feierte, setzte dem Abend ein weiteres Glanzlicht auf.
Nach einer ausgiebigen Schmauserei und Plauderei fuhren wir zur Mainspitze. Einen Blick auf das vielberufene „goldene Mainz“ kann man nicht jeden Tag sehen. Und wer weiter entfernt lebt, für den ist es noch eindrucksvoller.
Die Sonne stand bereits tief als wir den Zusammenfluss von Main und Rhein erreichten. Es waren nur wenige Menschen da. Ein junger Mann legte Stöcke zurecht. Er schien ein kleines Floss bauen zu wollen. Eine junge Frau half im dabei. Nach und nach kamen noch drei andere junge Menschen zu den beiden. Sie brachten stärkere Stöcke mit und einen üppigen Strauss aus Feldblumen. Die kleine Gruppe werkelte konzentriert und war dabei ungewöhnlich ruhig. Eine der jungen Frauen setzte eine Kerze in ein Glas. Dieses Glas befestigte sie mit vier Kordeln an dem Floss.
Die Sonne sank tiefer und der Rhein wurde zunehmend golden vor der Silhouette der Mainzer Kirchtürme. Wir holten die Gläser aus dem Korb, öffneten eine Fasche Rotwein und stiessen auf das neue Lebensjahr des Freundes und diesen besonderen Abend an. Die abendliche Stimmung und die Farbverläufe am Himmel wurden beeindruckend.
Die Arbeit an dem vielleicht einen halben Meter langen Floss schien beendet. Die Kerze im Glas war entzündet und der lebendige Blumenstrauss lag der Länge nach daneben.
Die beiden Männer trugen das Floss und liessen es genau an der Mainspitze zu Wasser. Die Strudel zogen es in den Main. Da balancierte der Erbauer barfuss mit einem langen, starken Ast von Stein zu Stein. Er versuchte damit, das Floss in die Strömung des Rheins zu steuern.
Einer der Zuschauer dieses Ereignisses fragte ihn, was er da mache.
„Meine Frau ist gestorben“, sagte er ganz ruhig.
Endlich gelang es und das kleine Floss wurde vom grossen Strom aufgenommen. In der Stille schauen wir dem Floss nach. Jeder hängt in seinen Gedanken.
„Das habt ihr gut gemacht“. Ein Kompliment von uns.
„Der Tod war nicht einfach“, entgegnete der junge Mann, „da kann ich es mir hier auch nicht einfach machen.“

Später sassen wir noch bis nach Mitternacht bei uns Garten. Wir sprachen über dies und jenes. Dieses einmalige Erlebnis haben wir beschwiegen, um seine Würde zu bewahren.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Zeit – bleiben Sie wohlauf, egal, was man Ihnen auch zeigen oder erzählen mag.

Und hier die Auflösung der letzten Rätselfrage zum Transportrad. Es wurde nach drei mittlerweile zusätzlich verbauten Dingen gefragt. Und hier sind sie nun zu sehen:
1. Ventilkäppchen aus Metall mit Sicherungskettchen
2. Kleiderschutz, da es sich schliesslich um ein Transportrad mit einem Damenrahmen handelt.
3. Eine Klingel mit dem original Görickedeckel.

Und hier kommt gleich die nächste Frage: Welches wichtige Zubehör gehört nicht nur an ein Transportrad? Wir haben es inzwischen angebracht. Die Auflösung wird demnächst hier zu sehen sein.

Die Fotografien anklicken und gross gugge.

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Als so weiter

Horsche: Corona wirkt. Dumm Gebabbel in de Nachbarschaft. Zuhause: Dead Can Dance – In Concert (2013).
Lesen: Maria Thun: Gärtnern nach dem Mond. Aussaattage, Pflanzzeiten, Erntetage. Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2017.
Essen & Trinken: Salate, Kräuter und Wurzelgemüse aus dem Garten
Schaffe: Fahrräder zerlegen. Im Garten ist einiges zu tun.
Gugge: Ein ganz aussergewöhnliches Spektakel. Musik, Schauspieler, Marionetten, die EU und die Auswirkungenm von Corona.
„Beethoven – Ein Geisterspiel“. Eine Inszenierung von Jan-Christoph Gockel am Stadttheater Mainz. Aus aktuellem Anlass in Zusammenarbeit mit dem zdf. Und bis Spetember auch in der dortigen Mediathek zu sehen: https://www.zdf.de/kultur/musik-und-theater/geisterspiel-beethoven-theater-mainz-100.html

 

Das Normale muss nicht zwangsläufig auch gesund sein. Immer mehr Menschen wünschen sich die Rückkehr zur „Normalität“. Zu morgendlichen Verkehrsstaus, nächtlichem Fluglärm in Einflugschneisen. Zu Gerempel in Konsumtempeln. Zu Konsum in jeglicher Form. Ob warenwelt oder Kultur. Hauptsache Konsum wie er normal erscheint. Aber noiicht unbedingt gesund sein muss. Wen scheren schon die Folgen, wenn Malle lockt. Wenn endlich wieder die Musik auf Konzerten so laut tönt, dass man es ohne Ohrenschutz kaum aushalten kann. Schliesslich wieder die Randale im Umfeld von Fussballspielen.
Alles nur Randerscheinungen, ich weiss. Dennoch ungesund.
Bisher las ich nur davon. In dieser Woche war ich seit Zeiten wieder einmal beruflich in Frankfurt. In einer Metzgerei weigerte sich ein Greis, einen Mundschutz anzulegen.
„Mach isch nedd!“, schnauzte er. Zum Verlassen der Metzgerei liess er sich auch nicht bewegen.
Ältere Menschen halten weniger Abstand. Und darauf angesprochen, folgt meist das egomane Argument: „Ich bin so alt, wenns mich erwischt, dann habe ich gut gelebt.“
Auf die Gegenfrage, wie viele Menschen, bis es endlich so weit wäre, dann inzwischen vielleicht angesteckt worden wären, herrscht eisiges Schweigen. Die Normailtät und der gesunde Menschenverstand gehen oft getrennte Wege.

Ich finde den Mundschutz prima. Endlich muss ich nicht jeden frischverduschten Stinkbock und jede maximalparfümierte Möchtegernin riechen. Ich hatte die Hoffnung auf Duftschutzbunker im öffentlichen Raum eh aufgegeben. Dass die Aussprache mancher Mitmenschen undeutlicher wird, nehme ich gerne in Kauf. Bei Bedarf kann ich rückfragen. Wenn es denn wirklich notwenig wäre.

Auf welchen poetischen Namen haben Sie eigentlich Ihrem Mundschutz getauft? Ich schwanke noch immer. Mir fällt die Entscheidung nicht leicht. Laberlappen, Knutschgardine, Spuckfilter, Virenrollo, Mundgeruchsrückhaltegewebe, Lippenlumpen. Undsoweiterundsofort.

 

Zwei Strassen entfernt wollte jemand sein Sammelsurium an älteren Fahrrädern loswerden. Für Kleingeld. Da manche Kleinteile inzwischen teuer geworden sind, lohnte sich der Ankauf. Zerlegen, behalten, was lohnt und der Rest tritt seinen Weg in den Schrottcontainer an.

Es stimmt mich nachdenklich, wenn ich ein ehemals feines Herrenrad der längst untergegangenen Marke Rixe sehe und was man damit angestellt hat. Der Aufkleber am Kettenschutz ist kein Trost zum lächeln. Es scheint die Warenwelt verführt dazu, alles und jedes zu benutzen und verbrauchen, wie es einem gerade so durch den Kopf schiesst.
Ohne Sinn und Verstand wird zur Metapher der neuen Normalität.

Wobei ich zur zweiten Frage des Fahrradrätsels komme.

Sie haben die Fotos des Transportrades noch in Erinnerung. Da fehlte noch einiges. Es gibt erstens die Freude und zweitens die Strassenverkehrsordnung (StVO). Versteht sich, dass die Freude ganz klar Vorrang hat, die StVO aber nicht ganz ausser Acht gelassen werden soll.

Was wurde inzwischen an der schwarzen Schönheit verfeinert? Als kleine Hilfestellung sei gesagt, dass es drei Dinge sind, die inzwischen angebracht worden sind. Die Fotografien folgen demnächst mit den Antworten, auf die ich mich schon jetzt freue.