Ansichtssachen (XVII)

Das Gespräch im hesisschen Dialekt wird im folgenden transkribiert wiedergegeben.

Hallo?
Ich bins. Habt Ihr wieder Süsse?
Klar, wieviel braucht Ihr denn?
Wieviel habt Ihr denn?
Genug. Bring´ aber einen Kanister mit. Wegen den neuen Bestimmungen haben wir keine mehr. Ist viel zu teuer.
Alles klar, ich komme gleich vorbei.

 

 

Und, wie lange wird der halten?
Drei Tage. Dann hast Du Rauscher. Stell´ ihn halt kühl, dann hält er vier, vielleicht sogar fünf Tage.

 

Rauscher???

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Draussen im Garten

Musik: Wenn die Post abgehen darf: George Thorogood – Move it on over / 1978.
Lektüre: Kommentare in meinem Blog.
Essen & Trinken: Gebratene Zucchini mit Tomatenconfit, Nudeln und Mozarella. Ein herbes hessisches Landbier.
Arbeit: Handwerkereien im Garten und Blumenkästen vor den Fenstern angebracht.
Film: … .

Jetzt werde ich alt. Ich kannte das Haus schon als ich noch ein Kind war. Zwei Familien wohnten darin. Der Garten hinterm Haus war dreigeteilt. Für die beiden Mietparteien. Für wen war eigentlich die dritte Parzelle? Ich weiss nicht, wer es mir noch sagen könnte. Aber das ist auch garnicht wichtig.

Ich habe die Leute noch gesehen, wie sie abends die Beete und Rabatten gegossen haben. Die Schwengelpumpe im Hof. Jede Kanne vollpumpen. In den Garten schleppen und sorgfältig giessen. Ich erinnere mich an Stachelbeeren. Die mag ich bis heute nicht. Der Kirschbaum war der einzige Baum, den ich erklettern konnte.

Der Herr O. war einer der Engel auf meinem Lebensweg. Er brachte mir bei, wie man malt und zeichnet. Und eröffnete mir auf diese Weise die Kunst zu sehen. Genau hinzusehen. Er war Arbeiter bei Opel. Abends nach der Gartenarbeit sass er im Hof neben dem Wasserhahn. An seiner Seite stand der Zinkeimer randvoll mit kaltem Wasser. Darin stand eine Flasche Mineralwasser. Gloria Quelle Bad Vilbel. Und eine Flasche Apfelwein. In das Gerippte mischte er sich seinen Gespritzten. So sass er im Hof und sein Blick wanderte durch den Garten. Wenn ich das jetzt schreibe, sehe ich ihn, als würde er jetzt da draussen sitzen. 

Erinnerungen. Zwei, dreimal vielleicht habe ich ihn so sitzen gesehen. Jahrzehnte sind vergangen. Heute leben wir in diesem Haus. Die Mieter sind längst verstorben. Auch der Vorbesitzer lebt nicht mehr. Der Garten ist kleiner heute weil vor Jahren vier Garagen in den Garten gesetzt worden sind.
Beim Gärtner unseres Vertrauens (und nicht im Baumarkt!!!) haben wir heute Pflanzen gekauft und gepflanzt. Und dies und das getan, um in unserem Garten Schönheit zu schaffen. Wir freuen uns auf den Sommer und auf liebe Gäste. Aus dem ehemaligen Hundezwinger haben wir einen gemütlichen Freisitz mit Sommerküche geschaffen.
Nach dem Abendessen sassen wir draussen. Durch das Wässern stieg eine feuchte Kühle auf. Betörende Düfte umgaben uns. Im Rosmarin, der inzwischen weit über zwei Meter hoch ist und der in voller Blüte steht, ersummte ein vielstimmiges Konzert von Bienen, Trauerschwebern, Holzbienen, Wespen und anderen Insekten.

Wir sassen auf den Gartenstühlen, die von meinen Grosseltern auf uns gekommen sind und genossen diesen Moment. Der Tag war Arbeit und Freude. Ich schaute gegen die untergehende Sonne auf die Blüten im Hochbeet. Die Hände zum Schutz gegen direkte Sonneneinstrahlung vor den Augen, sah ich die Schönheit unseres Gartens und die unzähligen Insekten in den Nachbargärten. Mit einem Mal fiel mir der Herr O. wieder ein. So schliessen sich Kreise. Ein Gefühl der Dankbarkeit durchfloss mich. Es war das Glück, das keine Rechnung stellt.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern, dass Ihnen in dieser Zeit kleine Augenblicke dieses Glückes vergönnt sein mögen.

 

 

Dienstags? Als weiter… was will merr mache…

Die Gründe sind verschieden. Hier laufen die alten Scheiben, mit denen ich als junger Bursche meine Plattensammlung angefangen habe. Heute erklingen hauptsächlich die Werke von Family und Colosseum…

Nichts los auf dem Markt. Es ist bereits halbneun. Schon klar, die Kauftempel öffnen erst um zehn Uhr. Davor hat man seine Ruhe in der Stadt und findet ohne weiteres einen Parkplatz.

Wir haben unsere Siebensachen rasch zusammen. Aber die Zwetschen.
Ob ich vielleicht nicht doch mal… Pflaumenblau trifft Grünauge.
Die sehen genau richtig aus. Soll ich oder soll ich?

Zwei Kilo, bitte.
In der Sommerküche steht der uralte gusseiserne Bräter (von Märklin Göppingen) auf dem kleinen Gasherd. Für zwei Kilo Zwetschen, die hier herum Quetsche genannt werden, sind hundert Gramm Zucker ausreichend. Und eine Prise frisches Zimtpulver sorgt für den Pfiff im Aroma.
Drei Stunden langsam einköcheln lassen und gelegentlich umrühren. Dann ist er fertig, der Latwersch oder die Latweje. So wird im südhessischen Ried das fast schwarze Pflaumenmus genannt.

Als Begleitmusik dazu passt dieses herzige Heimatlied.

Es ist zu einer lieben Gewohnheit geworden. Dienstags treffen wir uns in der Äppelweinbeiz. Der Wirt sieht seinem 88. Geburtstag entgegen. Und die Gäste befürchten danach das Ende einer der letzten wirklich typischen Apfelweinwirtschaften. Bereits in der letzten Woche waren die Fensterläden heruntergelassen. Am Laden der Eingangstür hing ein Papierstreifen. Vorübergehend geschlossen. Wie lange dauert vorübergehend? In der Beiz gegenüber trafen wir einige Stammkunden. Ahnungslosigkeit. Spekulationen.
Gestern hing dieser vermaledeite Schrieb noch immer
am runtergelassenen Fensterladen. Wir also gegenüber eingekehrt. Im Eichkatzerl die üblichen Stammgäste von gegenüber angetroffen. Mit denen wir „immer“ einen Tisch teilen. Die haben auch keine Ahnung. Nach zwei Schoppen und einem kleinen Gebabbel sind wir weitergezogen. Im Dax andere Stammgäste getroffen.
Was gibts Neues?
Nix neues. Prost!

Wir werden an den kommenden Dienstagen den gleichen Weg einschlagen. Wir hoffen auf hochgezogene Rollläden. Notfalls gibts in der näheren Umgebung noch andere Lokalitäten. Nicht unbedingt solche, an denen wir gestern das Schauspiel mitverfolgten, wie drei Busladungen chinesische Touristen durch eine Toreinfahrt in den offenen Hof einer Gastwirtschaft eingesaugt worden sind. Viele alte Wirtschaften mit dem ursprünglichen Flair gibts nicht mehr. Und Wirte, die noch selbst keltern, kann man bald an einer Hand abzählen.

Was wollte ich noch schreiben?

Ach ja, die im Bräter eingekochten zwei Kilo Zwetschen ergaben je ein grosses und ein kleines Glas schwarzer Latwersch. Die Bäurin am Rande des alten Ortskerns meinte ganz lapidar, unter zwanzig Kilo würde sie erst garnicht anfangen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern erfreuliche Spätsommertage.

(Ein Bembel im Dax in Sachsenhausen)

 

 

 

 

Reflektionen im Morgengrauen

Wenig Musik gehört in den letzten Wochen. Dafür viel gelesen.
Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit.
Van Bo Le-Mentzel – Der kleine Professor.
Und zur Zeit: Erwin Strittmatter – Der Laden.
Klingende Töne zum Frühstück: Dead Can Dance – Dionysus (2018)…

Leere Läden in der Innenstadt. Ein Vorurteil. Es gibt in fast jeder Strasse ein Nagelmalerstudio, einen Tätowierladen oder eine Piercingwerkstatt als letzte Instanzen, wo für das breite Publikum noch eine echte Kommunkation stattfindet. Oder man hält sich einen Hund.
Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Gebrauchshunde. Jagdhunde, Wachhunde. Folglich stehen sie mir noch immer näher als Katzen. Die Sympathie bekommt jedoch zusehends Risse. An den Hunden liegt das meist nicht. Zumindest so lange sie an der kurzen Leine geführt werden.
Es sind Leinenhalter, die sich Hunde anschaffen. Als lebendige Spielzeuge, Partner- oder Kinderersatz. Und natürlich auch als Einsamkeitsvertreiber. Irgendeine Ansprache auf der emotionalen Ebene braucht schliesslich jeder Mensch. Und so hört sich das dann gelegentlich an.
Kannst du das nicht mal lassen? Wie oft muss ich dir das denn noch sagen? Jetzt merk´ dir das doch endlich mal!
Im urbanen Raum werden immer mehr Flächen verdichtet. Grünflächen für Hundescheisse und -pisse werden rar. Einziger Vorteil, Hundebesitzer haben durch ihren vierbeinigen Besitz sogleich ein Gesprächsthema. In manchen Städten werden mittlerweile Hochbeete für Blumen oder kleine Bäume angelegt. Ein wichtiger Grund dafür liegt auf der Hand. Was den unsozialen Hundebesitzer natürlich nicht abhält. Er nimmt seine Fusshupe oder die frisch gestriegelte Flohschleuder in die Hand und setzt das Tier zum Kacken hoch ins Beet. Da machens die grossen Tölen ihren Besitzern leichter. Die hüpfen alleine hoch. Es ist widerlich, wie einige öffentliche Anlagen inzwischen aussehen.

An der Strassenseite des Ärmelhauses zieht sich ein flachwüchsiger Efeu am Sockel entlang. Seit Jahren trotzt er tapfer der täglich auf ihn hinrieselnden Hundepisse und den stinkenden Tretminen der Köter.
Wir könnten die freien Stellen unten am Sockel mit grossen Kieselsteinen belegen und dazwischen Steinbrech und andere unempfindliche Pflanzen anwachsen lassen.
Und die Hundebesitzer, frage ich stirnrunzelnd.
Wir könnens ja mal versuchen.
Das Ergebnis sieht gut aus. Inzwischen haben einige Wurzeln den Weg zwischen den Fugen der Verbundsteine hinunter ins Erdreich gefunden. Dadurch fühlen sich manche Zeitgenossen offensichtlich aufgefordert die grossen Kieselsteine als Steine zum Anstossen zu nehmen. Also werde ich in den kommenden Tagen die Steine in ein Zementbett legen müssen. Wer blaue Zehen begehrt, dem soll dieser Wunsch erfüllt werden.

Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Der Nachbar arbeitet zielstrebig an seiner Karriere als Deppchef. Er wohnt einige Häuser weiter auf der gegenüber liegenden Strassenseite. Und hat einen Hund. Er kommt die Strasse runter mit seinem Tier an der Leine. Bleibt genau gegenüber stehen. Der Hund muss sitzen machen. Das dauert. Ich vermute, der Hund will einfach weiterlaufen. Wie mit den anderen Familienmitgliedern auch. Hunde sind Gewohnheitstiere. (Welcher Bremer Stadtmusikant gibt den Rhythmus mit der Pauke vor?). Endlich sitzt das Tier befehlsmässig. Es erhält seine Kaubelohnung. Der Nachbar quert die Strasse mit seinem Hund. Und führt ihn zum Pissen zielstrebig an den Efeu. Ich bin ein untypischer deutscher Nachbar. Streit übers Hoftor liegt mir nicht.
Ich beobachte lieber und lerne dazu. Erfahrungen sind fruchtbarer als Streiterien.
Zufällig sehe ich den Deppchef, als er just die Strasse überquert. Schlagartig kratzt er die Kurve, als er mich wahrnimmt. Das Ärmelhaus ist ein Eckhaus und so biegt er mit seinem Tier in die andere Strasse. Letzthin öffnete ich frühmorgens die Jalousie. Er schien mich nicht zu bemerken. Sportlich reisse ich das Fenster auf. Der Deppchef reisst nicht minder sportlich an der Leine und kläfft seinen Hund an.
Musst du immer dahin laufen. Das ist doch alles schön gemacht. Kommst du jetzt wohl.
Vorige Woche standen wir uns Auge in Auge gegenüber und er sagt lobend:
Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Ebendrum, weil es keine Pinkelecke ist.
Aber der Efeu. Irgendwas hat der, dass der Hund da immer hin will.
Ja klar, weil jeder seinen Hund in den Efeu pinkeln lässt. Ist doch wie Zeitunglesen für Hunde.
Aber ihr habts schön gemacht. Sieht richtig klasse aus.
Genau, deshalb hoffen wir auch, dass die Pinkelei aufhört, weil es so ansehnlich ist.
Ach so. Es gibt Gesichtsausdrücke, die kann man nicht beschreiben…

In der Einführungsvorlesung stellt der Professor für Gestaltung digitaler Medien den Studenten eine Frage.
Welche elektronischen Aparaturen nutzen für Ihr Studium?
Ein einziger Studi verwendet zuhause noch einen Computer. Etwa ein Drittel der Studierenden nutzt Notebooks oder Tablets. Der grosse Rest benutzt hauptsächlich die elektronische Handfessel. Und die ersten schielen bereits nach dem Armband zur Sebst- und/oder Fremdüberwachung. Mit dem man der Welt zeigen und mit-teilen kann, was wirklich zählt im Leben, zum Beispiel wieviele Schritte noch fehlen zur Erreichung des individuellen Tagespensums.
Bei den Studierenden ist diese frappierende Naivität auffallend. Es gibt kaum einmal eine kritische Nachfrage zu den Vorlesungen der Dozenten. Zukünftige akademische Hilfsarbeiter, die immer unnötigere neue Apps erfinden. Mit denen sollen die Internetnutzer vom Wesentlichen abgelenkt werden. Das Rotkäppchensyndrom. Konsumartikelhersteller und Dienstleistungsanbieter als reissende Wölfe. Und hier werden ihre willfährigen Knechte herangezogen. Deren Grosseltern waren noch Handwerker, Bauern oder Büroangestellte. Haben Dinge hergestellt oder bearbeitet, die für die meisten Menschen weitgehend nutzbringend gewesen sind.

Früher habe ich mir vor Wahlen manchmal die Reden von Politikern vor Ort angehört. Es waren nicht viele Reden und es ist lange her. Zu viel fette Sahne statt handfestem Eintopf mit deftigem Schwarzbrot.
Eher zufällig wurde ich vor zwei Jahren Zeuge eines Auftritts des Spitzenkandidaten der Demokratischen Union Deutschlands. Fünfzig, seine floskelnden Schlagworte beklatschende Nichtdenker zollten Beifall für Luftballons und Kugelschreiber. Der Wahlkrampfmanager hatte den Tourbus der Wasserträger mit Parolen verzieren lassen. Ausgerechnet genau zwischen den Rücklichtern prangte die nichterfüllende Prophezeiung: „NRW – nie wieder Schlusslicht“. Obs daran lag, jedenfalls hat seine Partei die bis dahin regierende vormals sozial Demokratische Partei ab. Schlusslicht ist das Bundesland auch nach dem Regierungsparteienwechsel geblieben.

Die für meine diesjährige Wahl zum europäischen Parlament entscheidende Wahlkampfrede habe ich, wie mir scheint,  bereits mehrmals gehört und in meinem Herzen wohl bewegt. Die Namen und einige Phänomene mögen sich geändert haben, die grundlegenden Probleme sind geblieben. Und neue sind hinzugekommen. Das Gift der politischen Korrektheit wird allerorten versprüht.

Man könnte fast verzweifeln angesichts dieser einst schleichenden und jetzt masslos beschleunigten  Veränderungen. Gäbe es da nicht die verbliebenen Inseln der Menschlichkeit.
In dieser Woche waren wir in einer der letzten echten Frankfurter Apfelweinwirtschaft. Wir betraten das Lokal gegen achtzehn Uhr. Sechs Tische. Fünf lange Tische mit Bänken auf beiden Seiten. Auf dem runden Tisch verweist ein Schild auf den Stammtisch. Auf drei anderen Tischen stehen Klappschilder mit der Aufschrift reserviert. Wir setzen uns zu den alten Männern.
Der Abend war so grandios, dass wir danach Gästerezensionen im Internet suchten. Von stürmischer Begeisterung bis hin zu eindringlichen Warnungen waren die Bewertungen. Allein diese Bandbreite ist mir ein positives Qualitätsmerkmal. Wo alle begeistert sind, kann etwas nicht stimmen. Wo mehrheitlich gewarnt wird, werde ich jedoch vorsichtig.
Da wird vor dem maulfaulen Wirt gewarnt. Der Mann ist sechsundachtzig und arbeitet seit fast siebzig Jahren hinter der Theke. Bei einem meiner ersten Besuche sprach er uns an und fragte, woher wir kämen. Es entspann sich ein Gespräch, in dessen Verlauf er uns viel von sich und seiner Wirtschaft erzählte.
Von bösartigen alten Männern und deren Sprüchen kann man in den anonymen Kritiken lesen. In der Tat erinnern manche an Waldorf und Statler aus der Sesamstrasse. Neben uns die beiden haben diese Lachfältchen, die Gutes verheissen. Eine aufgemöbelte Blondine betritt den Schankraum.
Der Alte neben uns bemerkt grinsend: Siebzehn Jahr´ blondes Haar.
Eher zweimal siebzehn wenn nicht dreimal, entgegne ich. Wir lachen herhaft. Immer mehr Gäste kommen herein. Nach und nach werden die Reserviertschilder von den Tischen genommen. Es ist auffällig, dass keine Handtelefone auf den Tischen liegen. Das liegt nicht nur am Durchschnittsalter der Gäste. Hier sitzt man zusammen an langen Tischen und spricht miteinander. Es wird lauter. Die Beiz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der Wirt nimmt immer wieder den Zehn-Liter-Bembel aus dem Schwingestell auf der Theke und füllt ihn erneut. Bier steht hier nicht auf der Getränkekarte.
Neben uns sitzt jetzt ein anderer älterer Herr. Er kommt aus dem bayrischen. Hat früher lange in Frankfurt gearbeitet. Als Steinmetz hat er ein bekanntes Kunstwerk an markanter Stelle geschaffen. Seit einigen Jahren ist er Witwer. Kommt immer wieder hierher. Kann von der Stadt und dieser Wirtschaft nicht lassen.
Uns gegenüber nehmen zwei Frauen Platz. Ihre Berufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Leben seit vielen Jahren in einer Fernbeziehung. Die Gespräche werden persönlicher. Wie gesagt, hier liegen keine Handfesseln auf den Tischen. Und spätestens sollte erkennbar sein, warum anfangs die Reserviertschilder auf den Tischen stehen.
Besonders kritischer Bewertungen erfreut sich der Kellner. Kein Mann für Gelaber. Ist dein Glas leer, tauscht er es gegen ein volles Glas aus. Unaufgefordert. Wer nichts mehr mag, legt seinen Deckel aufs Glas. Hin und wieder können seine Sprüche verwirren. Einmal standen Gäste unter der Tür. Suchten offensichtlich freie Tische. Es waren freie Pläte vorhanden. Der Kellner sprach sie an. Sie würden einen freien Tisch suchen. Er zeigte auf freie Plätze. Sie schienen unentschieden. Er sagte kurz: Also, wenn Ihr schauen wollt, dann geht am besten ins Museum.
Als ich einst einen „Äppler“ bestellte. fuhr er mich an: Wenn du Äppler willst, den gibts drüben am Kiosk. Hier gibts Apfelwein. Dazu muss man wissen, Äppler ist ein Kunstwort, das in der Marketingabteilung einer industriellen Apfelweinmosterei erfunden worden ist. Und leider immer mehr Verbreitung findet. Besonders bei Leuten, die nicht von hier sind. Uffgeplackte.
Und es fällt auf, dass in dieser Wirtschaft vorwiegend Einheimische verkehren. Südhessischer Humor ist nicht jedermanns Sache. Es wird immer lauter. Kreuz und quer wird durch das Lokal geredet und gerufen.
Mir fällt eine Szene ein, die ich vor Jahren hier erlebte und die mir die Atmosphäre in dieser Wirtschaft so kostbar macht.
Zwei Jungkarrieristen mit engen blauen Anzugshosen und langen brauen Spitzschuhen betreten das Lokal. (Braun und blau kleidet die Sau – auch das war so eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter). Die beiden Typen schauen sich um. Nehmen schliesslich Platz neben einem Mann mit gelber Armbinde. Der trinkt seinen Schoppen. Sein Hund liegt ruhig zu seinen Füssen. Die beiden fühlen unsicher in dieser realen Umgebung. Rundum Gebabbel und Gelächter.
Schliesslich meint einer der beiden den Blinden ansprechen zu müssen und schnörkelt los: Ein schönes Tier haben Sie da. Das hat doch sicher eine gute Ausbildung.
Freilich, entgegnet der Angesprochene, der ist gelernter Industriekaufmann.

Bei dem Alter des Wirtes stellt sich immer häufiger die bange Frage, wielange es dieses Lokal noch geben wird. Wie das weitere Schicksal solcher Lokalitäten aussieht, ist sattsam bekannt. Wir wissen, dass nichts bleibt und bedauern es oft.

Wir verlassen nach den mächtigen Rippchen mit Kraut und etlichen Schoppen mit den beiden Frauen das Lokal und fahren nach Bornheim. Wir verabschieden uns voneinander, denn unser Weg führt zu einem letzten Schoppen in eine andere (vormals )legendäre Frankfurter Apfelweinkneipe. Auch dort ergab sich rasch ein Gespräch. Aber das würde den Rahmen sprengen.

Nichts bleibt? Doch. Die Menschlichkeit und der Humor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

 

 

Reduktionsmeldungen

Viel gearbeitet in den letzten Wochen. Zeitweise wenig Musik gehört. Neu im Musikalarchiv: Kultur Shock – IX (2014)…

Die blutroten Kelche der stets üppig blühenden Kamelie sind eine Wucht. Der Jasmin neben der Haustür verströmt seinen unverschämten Duft. Nur der mächtige Schachtelhalm macht mir Sorgen. Er ist zwar gut durch den Winter gekommen, aber nun werden die Spitzen braun. Verschiedene Ursachen werden geprüft. Inzwischen habe ich die bräunlich weissen Enden sorgfältig zurückgeschnitten. Die Sommerküche ist bereit. Das Leben verlagert sich zusehends ins Freie.

Ungewollt höre ich ein Gespräch zwischen dem Lehrstuhlinhaber und einem Mathematikprofessor. Studenten hatten sich über die hohe Durchfallquote der letzten Klausur beschwert. Er wurde dazu befragt. Der Mathematiker erklärte seinem Chef, dass das Niveau von Semester zu Semester immer weiter absinken würde. Eine Klausur, die er vor zehn Jahren noch mit hoher Bestehensquote schreiben liess, hätte heute eine Durchfallquote von etwa 80%.
Und ich habe jetzt zum zweitenmal seine Einführungsansprache gehört. Er flehte die Studenten fast schon an, in seinen Übungen zu erscheinen. Auch zuhause verschiedene Aufgaben zu üben. Einem Studenten entfährt das Wort Spass.Wie oft habe ich selbst von Eltern hören müssen, dass Lernen bitteschön Spass machen solle. Mir ist kein Mitschüler begegnet, der aus Spass französische Vokabeln gepault hätte. So geht’s weiter bergab. Langsam vielleicht, aber stetig. Das Schulsystem der ehemaligen Deutschen Republik hatte da eindeutige Vorteile. Da kam es nachprüfbar mehr auf Leistung an als bei den Klassenfeinden der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft.

Überhaupt habe ich öfter den Eindruck, dass manches auf dem Kopf steht.
Häuser sollen mit Styropormänteln verkleidet werden. Wegen der Energieeinsparung. Inzwischen kann sich jeder informieren, dass die entsprechende Investition sich erst nach ungefähr dreissig Jahren amortisiert. Die Häuser brauchen wegen der Abdichtung zusätzliche Belüftungen. Das treibt die Heizkosten jedoch in die Höhe. Auf dreissig Jahre umgerechnet . . . Ich frage mich, ob die Beteiligten noch ganz dicht sind. Bestraft werden jedenfalls die Vernünftigen. Die machen ihr Haus dort dicht, wo die meiste Energie verloren geht wird. Bei Türen, Fenstern und dem Dach. Zur Strafe kriegen sie keinen Energieausweis und können gegebenenfalls ihr Haus nur schlechter verkaufen.

Beispiele für diesen Wahnsinn nehmen rasant zu. Assistenzsysteme im Kraftfahrzeug. Sie sollen den Lenkern viele Dinge abnehmen. Klingt gut. Vor allem sehe ich im alltäglichen Strassenverkehr jedoch, dass andere Verkehrsteilnehmer ständig den Knecht für diese Systeme machen. Programmieren, individualisieren und kontrollieren. Wollen oder müssen – auf jeden Fall ist es eine Ablenkung und stellt eine Gefahrenquelle im Strassenverkehr dar.
Von den elektronischen Handfesseln und ihren immer neuen, und meist überflüssigen, Spielereien ganz zu schweigen. Spielladen. So heisst doch die Abholstation für die meist sinnlosen Kaufanreize. Unglaublich, mit welch hanebüchenen Rechtfertigungen manche Menschen anschliessend ihre Käufe begründen wollen.

Dabei bietet das Leben mit zunehmender Reduktion immer mehr Freiräume. Der bedeutsamste ist der Zeitgewinn. Zeit sei Geld hört man immer wieder. Dabei wird eher andersrum ein lebenstauglicher Schuh draus. Zeit ist die Abwesenheit von Geld. Und Zeit meint immer auch Lebenszeit. Das ist weder ein Aufruf zu Askese oder gar Armut. Besinnung ist der treffende Begriff.
Dass Autonomie und herzenswarme Lebensfreude ebenfalls enorm anwachsen können, habe ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können.

Vor über zwei Jahren begann das waghalsige Experiment. Das Ladenlokal mit dem kleinen angrenzenden Areal sollte als Arbeitsstätte und Wohnung gleichermassen dienen. Reduktion als alltägliches Erlebnis. Was anfangs wie ein Traumgespinst klang, funktionierte am Ende tatsächlich. Aus dem Verkaufsraum wurde je nach Bedarf und Tageszeit die Küche und der Lebensraum. Zu allen Jahreszeiten.
Ohne die üblichen Einrichtungen, die angeblich für ein behagliches Leben unverzichtbar sein sollen. Heizkörper und fliessend kaltes Wasser aus zwei Hähnen standen zur Verfügung. Dem Wasserkocher, der sich am Ende aufgelöst hat, danke ich dafür, dass er bis zum Ende durchgehalten hat. Zugegeben, eine Waschmaschine diente an einem anderen Ort der Bequemlichkeit. Und im Keller summte ein geschenkter Minikühlschrank.
Dieses manchmal abenteuerlich anmutende Projekt ist beendet worden. Die einfache Kochstelle mit der Gasflasche und einigen Gerätschaften bilden jetzt die  hiesige Sommerküche. Fliessend warmes Wasser erscheint mir inzwischen als Luxus. Und die Dusche grenzt bereits an Überfluss. Jetzt gilt es, die erworbenen Fähigkeiten zu erhalten und zu erweitern.

Am vergangenen Sonntag war ich seit Jahrzehnten wieder einmal in der hiesigen Eisdiele. Die alte Musikbox war nicht mehr da. Da haben wir gesessen nachmittagelang. Mit zu wenig Geld in der Tasche und viel zu viel Zukunft im Kopf. So nuckelten wir schier ewig an unseren Milchmixen, bis wir irgendwann zum Gehen aufgefordert worden sind. Mit einigen früheren Klassenkameraden war ich letzte Woche wieder einmal an jenem Erinnerungsort meiner Jugend.
Die Bestellung: „Einen Milchmix Nuss, bitte“, verstand die junge Bedienung nicht. Kein Wunder, heute muss man Milkshake sagen, wenn man verstanden werden will. Und Schmirgelpapier in der Nase haben, wenn einem vom aufdringlichen Parfum der jungen Frau nicht gleich schlecht werden soll. Ausserdem hatte sie die zur Zeit modischen, jede Körperfalte abzeichnenden Gummihosen an statt eines weissen Schürzchens und des unverzichtbaren weissen Kränzchens im Haar.
Nie wieder in eine Eisdiele oder eine Milchbar – alles im Leben hat seine Zeit. Überhaupt die Veränderungen allerorten.

Die Zauberflöte in der Semperoper war ein ganz besonderes Erlebnis. Sowohl das Gebäude wie auch die Aufführung. Klasse fand ich, dass am linken oberen Bühnenrand die Texte eingeblendet wurden. Was mich vom Besuch von Opern meist abhält, ist, dass ich häufig kein Wort der Gesänge verstehe.
In diesem Fall waren die eingeblendeten Texte geradezu verführerisch. Und so sang ich manche Arie schön leise mit. Ich bin mir schliesslich bewusst, dass das Publikum nicht wegen mir in diese Vorstellung gekommen ist. Dennoch murmelte ich offensichtlich nicht leise genug. Der Chinese neben mir zischte mich mit feindseligem Blick an: Mister, don´t sing please!
Ich verstummte augenblicklich. Und stellte mir vor, was der überaus humorvolle Herr Mozart an meiner Stelle dem humorlosen Mann mit der wichtigen Umhängetasche wohl entgegnet haben mochte.

Nichts bleibt wie es war. Aber auch nichts wird wirklich vergessen. Vor zwei Wochen war ich weiter nördlich unterwegs. Wollte bei dieser Gelegenheit auch im famosen Hinterhof vorbeischauen. Dort fand im vergangenen Jahr ein rauschendes Jubiläumsfest statt. Die Gittertür war an diesem Samstag verschlossen. Im verlassenen Hof standen einige Mülltonnen verloren herum. Die Schaufenster waren verwaist.
Frau Knobloch bitte melden Sie sich !

Einige andere erstaunliche Begebenheiten wären erzählenswert. Aber das Wetter ist verlockend schön. Der Garten einladend. Und ein kühler Apfelwein im Gerippten lässt mich nicht länger zögern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Frühlingstage

 

(Der zahnlose Löwe mit dem Löwenzahn)