Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

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Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

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Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

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Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

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Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

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Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

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Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

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Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Fünf gerade machen

Wilde Mädels: Cobra Killer – Uppers & Downers (2009). Nach dem energetischen Auf und Ab zurück in die sicheren Gefilde des Progrock: Genesis – The Lamb lies down on Broadway (1974)…

Früh erwacht. Nicht zu früh, aber dennoch war die Nacht zu kurz. Das lange Telefonat mit dem anregenden Austausch. Im Aufwachen Erinnerungsfetzen daran. Unterm Blauhimmel wabern Nebelschwaden. Vielleicht sollte man im Älterwerden an die Gründung einer WG denken. Mit welchen Inhalten und Zielsetzungen wäre die zu beleben? Die idealistischen Vorstellungen der Jugendjahre lassen sich nicht einfach wiederholen.
Am Flatterband der Gedanken nach draussen. Es ist kalt, die frische Luft riecht nach Schnee. Nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal eine morgendliche Vorfrühstücksradfahrt zum Wachwerden. Eine Fünf-Brücken-Tour. Der letzte Nebel auf den Wiesen am Fluss. Am Ufer haben etliche Binnenschiffe festgemacht. Das monotone Klopfen der Dieselmotoren um die Akkumulatoren aufzuladen. An der meistbefahrenen Schleuse Deutschlands herrscht schon reger Betrieb. Die meisten Schiffe haben eine hohe Ladelinie. Die Schiffer warten auf Frachtaufträge. Auf der Maaraue läuft mir beinahe ein Hund ins Rad. Den interessiert nicht das Hierherhierher-Geschrei seines Leinenhalters.

Auf dem Rhein findet die Prüfung für einen Bootsführerschein statt. Das Publikum steht am Ufer. Fachkundige Handbewegungen. Der schneidende Krach eines hochdrehenden Motors schrillt durchs Unterholz. Auf einer versteckt liegenden Wiese Fahrversuche mit dem ferngesteuerten Modell eines Geländewagens.
Das neu aufgestellte Denkmal zur Erinnerung an das gefährliche Handwerk der Rheinflösser. Die allerletzte grosse Flösserei aus dem Schwarzwald fand 1968 statt. Grosse Flossverbände waren bis dreihundert Meter lang. Mit dem Denkmal wird an die lokalen Flösser erinnert. Die letzten Hiesigen verloren 1964 ihre Arbeit.
Die zahlreichen Rheindurchstiche zur Begradigung des Stroms im vorletzten Jahrhundert waren damals das grösste Bauprojekt Deutschlands. Seitdem soll es auch keine Fälle von Malaria mehr geben. Der fielen viele Menschen zum Opfer, die an den Ufern des Rheins lebten.

Gegenüber die Vedute der Stadt Mainz. Auch diese Stadt hat ihre Zwillingstürme. Am linken Rand des Sichtfeldes, also im Süden erhebt sich der Turm von St. Stephan. Erinnerung an eine innige und glückliche Stunde in der vergangenen Woche. Marc Chagall war 95 Jahre alt, als er die zauberhaften blauen Glasfenster entworfen hatte. Sonnenschein taucht das Kirchenschiff in kühles Blau. Das eigene Wärmeempfinden wird dadurch nicht berührt.

Von der Eisenbahnbrücke, der fünften auf meiner morgendlichen Runde, schweift der Blick hin zur Mainspitze. In dieser klimatisch angenehmen Gegend siedeln seit vielen Jahrtausenden Menschen. Vormals reichte das Delta des Neckars bis fast hierher. Die Menschen fanden in den weitläufigen Flusslandschaften ideale Lebensbedingungen.
Ich freue mich auf ein Frühstück. Die alte Landstrasse zwischen den beiden Städten war in meinen Kindertagen von einer beeindruckenden Kastanienallee gesäumt. Die meisten davon mussten der Verbreiterung der Strasse weichen.
Auf meiner letzten Etappe wird die Strasse von der Autobahn unterbrochen. Einige der verbliebenen alten Kastanien leuchten schwach im Morgendunst. Fünf-Brücken-Tour. Das bedeutete in lange vergangenen Zeiten einen ausgedehnten Sonntagsspaziergang. Von daher hat sich auch die Bezeichnung erhalten. Ich muss jetzt aber noch die Autobahn überqueren. Die sechste Brücke. Und auch diese Brücke gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten.
Es dauert manchmal lange, bis die Sprache an die veränderten Gegebenheiten angepasst wird. Sowohl im Allgemeinen wie im Besonderen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine unangepasste Woche, wo immer das möglich sein wird.

                                                                 (Fotografie anklicken und die Bilder vergrössern)

 

Flach weit oder von oben

Nach einer guten Doku der BBC zu der Produktion, schaue ich mir später den Film nochmals an, jetzt gleich aber das Album zur Wiedererinnerung: The Who – Quadrophenia (1973, 4CD Director´s Cut 2011)…

Die eine Seite sind individuelle Eigenheiten. Vom Kleinärmelkind wird zuverlässig berichtet, dass es ein ganzes Jahr lang sein Brot ausschliesslich mit Schweizer Käse belegt zu essen pflegte. Und unerklärlichweise von einem auf den anderen Tag Fleischwurst begehrte und Schweizer Käse als Brotbelag kategorisch ablehnte. Für ein solches Verhalten gab es kein nachahmbares Vorbild.

Ein anderes sind die Rhythmen eines Menschenlebens. Kreise, in denen sich eine Biografie entwickelt und fortschreitet. Da können äussere Faktoren durchaus bestimmende Faktoren liefern. Die erste, selbst initiierte Fussreise des zweijährigen Ärmelkindes fand mitten im Winter statt, ohne entsprechende Bekleidung versteht sich; lobend vermerkt seien dafür aber der Witterung angepasste Hausschuhe. Gelbbraun kariert, in Stiefelform mit einer dunkelbraun eloxierten Schnalle als Verschluss. Der Grund der Reise und auch das angesteuerte Ziel liegen verschüttet in einer Schlucht des Vergessens. Das Ziel der Wiederauffindung eines für einige Stunden abhanden gekommenen männlichen Kindes jedoch hat sich aufbewahrt in der Erinnerung. Es war eine Schulklasse der damaligen Lummerländer Grundschule. Zwei Strassen vom eigenen Kinderbettchen entfernt und somit im Radius des alten Ortskerns.
Bis heute unerklärlich ist mir der Humor der Lehrerin. Was mag sie bewogen haben, einem lange vor seiner offiziellen Einschulung befindlichen Kleinkind Gastrecht einzuräumen für einige Stunden in ihrem Schulsaal. Als Grund ist mir erfindlich, dass es damals noch kein Telefon gab in einer Dorfschule und der Pedell wahrscheinlich wieder beim Frühschoppen in einer Wirtschaft weilte.

Die individuelle Ernährungsweise ist mir eigen geblieben. Noch immer kommt es vor, dass ich über mehrere Monate mit einem Kanten Brot, einem Stück Käse und einem Apfel überaus zufrieden bin. Auch die besondere Art zu reisen hat sich erhalten und bewährt. Zugrunde liegt dem ein ausgeprägtes Interesse an der Welt und den Menschen. Wobei hier eine notwendige Einschränkung anzufügen ist. Im Lauf der Jahrzehnte ist es längst nicht mehr die ganze Welt und auch keineswegs alle Menschen. Vielleicht mag das im Zusammenhang stehen mit den frühen Speisungen des Schweizer Käses. Und das Motto des jungen Erwachsenen „Hoppla Welt, ich komme“ ist längst leuchtenderen Erkenntnissen gewichen.

In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich zwölfmal meine Wohnorte gewechselt. Ich hatte das Glück, viele Länder bereisen und Kulturen kennenlernen zu können und dabei ganz unterschiedlichen Menschen und deren Mentalitäten zu begegnen.
Ich stelle fest, dass der Reiz der Ferne oder durchaus auch der Exotik zunehmend an Attraktivität verloren hat. Die Kreise werden offensichtlich kleiner, ohne jedes Gefühl eines Verlustes. Im Gegenteil. Ich bemerke wie mich meine nähere Umgebung immer stärker anzieht. Es gibt natürlich noch immer die Traumstädte, kleine weisse Flecken auf der Landkarte meines Reiselebens. Aber selbst dort wird das Interesse befeuert nur noch von einzelnen Gebäuden oder Einrichtungen. Und genau so verhält es sich mit den Menschen an anderen Orten. Meine Reiseziele liegen dort, wo ein Gespräch alle Beteiligten weiter bringt, gleichsam ihren Horizont weitet und wo menschliche Wärme spürbar ist.

Die Fotografien sind neuesten Datums. Aufgenommen zu beiden Seiten des Rheins, ganz hier in der Nähe. Eine ganz besondere Kulturlandschaft seit einigen Jahrtausenden schon. Auf diesen Spuren unterwegs zu sein, bedeutet mir Lebensglück. Die Metropolregion Rhein-Main ist mit unsäglichen negativen Vorurteilen behaftet. Ich werde in der nächsten Zeit andere Bilder von dieser einzigartigen Landschaft vermitteln..

(Foto anklicken öffnet die Galerie und ermöglicht gross gugge. Zusätzlich „Bild in Originalgrösse“ anklicken dann F11 macht Bilder richtig gross)

Vorerst noch eisfreier Alltag

Eine der interessanteren Scheiben des Tages: Robert Fripp – Exposure (1979)…

Die Erde dreht sich ins dämmernde Novembermorgengrau. Es ist kalt im Schlafgemach. Der erste Blick aus dem Fenster. Nasskalte Windstösse treiben den Nieselregen ungleichmässig über die Strasse. Eingemummelt und nach vorn gebeugt sind Vermummte auf dem Weg zum Bus oder der Bahn.
Barfuss über den knarrenden hölzernen Fussboden zur Bereitung eines starken schwarzen Morgentees. Bis das Teewasser sprudelt, raus zum Briefkasten. Der schnelle Blick auf die Schlagzeilen.

Schmidt wird nach seinen Vorgaben eine Trauerfeier bereitet. Meiner war er nie. Herr Schmidt ist  noch nicht begraben, da gibt’s schon die allerganzstrengstens kontrolliert limitierte und auf nur hunderttausend Exemplare superexklusivnummerierte Einmaligsonderausgabe einer Erinnerungsmünze. Für mich ist das eine geschmacklose Form der Leichenfledderei, das Geschacher mit gerade eben Verstorbenen. Ich finde eine derartige Geschäftemacherei nicht gut. Im Gegensatz zu Herrn Schmidt wahrscheinlich, der hätte gegen 10% Prozent Gewinnbeteiligung verschmitzt gelächelt und sich ganz ruhig eine Filter Menthol angesteckt.

In der Nachbarschaft wird ein Hof neu geplättet. Keine freien Parkplätze, da Lastkraftwagen und Baumaschinen samt Material im kleinen Umkreis abgestellt sind. Es klingelt. Eigentlich wollte ich bloss einige Fotos und Schriftstücke aushändigen. Aber die Neugier treibt den Besucher ins Ärmelhaus. Nur ganz kurz mal gugge.
Das Auto steht draussen genau auf der Ecke.
Naja, die fünf Minuten, ist doch sowieso alles vollgeparkt. Es dauert etwa zehn Minuten. Wir verabschieden uns.
Von draussen ein Handzeichen, das daran erinnert, wo der Vogel piept. Ich gehe raus, da wedelt mir der Kurzbesucher mit dem Zettel entgegen.

Der war hinter den Scheibenwischer geklemmt. Der Text stammt eindeutig von einem Nachbarn. „Führerschein machen – Bildzeitung!“ Ich wusste garnicht, dass man bei denen auch eine Fahrerlaubnis erhalten kann. Wir lachen herzhaft und wünschen dem Nachbarn, dass es in seinen Zirkulationen noch alles gut im Fluss ist.

Die Renovierungsarbeiten sind jetzt offiziell beendet. Die ersten Übernachtbleibegäste werden in einigen Tagen bereits anreisen. Ich freue mich drauf. So viele Menschen haben mit Rat und Tat und guten Gaben mitgeholfen. Da habe ich einiges gutzumachen. Ich drehe das Ventil der Heizung weiter auf. Ists wirklich schon so kalt? Eine späte Hummel kämpft sich durch das erste Treibeis in der Ärmelgalerie.

Die stille und besinnliche Weihnachtszeit kündigt sich mit vollen Briefkästen an. Werbung und Spendenaufrufe. Dazwischen die ersten Weihnachtsgeschenke. Die bleiben noch eingepackt. Da fällt mir ein… Ich muss mich sputen. Eine Liste anlegen, wem ich was schenken möchte in diesem Jahr.
Irgendwie läuft mir die Zeit davon. Fotografien sind bestellt und der Drucker hat mich beim letzten Besuch schon mit einem tief emporgeholten ppfff verabschiedet.

Die Winterration Veilchenpastillen ist eingetroffen. Kindheitserinnerungen an den gütigen Apotheker. Wir durften in der Winterzeit bei ungünstigem Wetter in den hinteren Räumen seiner Apotheke spielen. Wenn wir zu lebhaft wurden, lockte er uns mit Veilchenpastillen. Mit vollem Mund lärmt sichs schlechter.
Ich lese gegen jede Gewohnheit das komplette Etikett auf der Plastikdose. Der Inhalt ist weder vegankorrekt noch unter Verzicht von chemischen Aufrüstungshämmern hergestellt. Vielleicht schmecken die feinen Pastillen gerade deshalb so gut. Aber was mache ich jetzt bloss?

Irgendwo lese ich, dass ein Navi im Auto die Vorstufe zum betreuten Wohnen sei. (Im Bembelland heisst das Gerät übrigens Lallfritz bzw. Laberfrieda, je nach Vorsagestimme). Hier hängt, ohne Voransage, zum Glück schon der Huthalter an seinem Platz.
Eine Bekannte hat einige Jahre mehr auf dem Zähler als ich. Verwunderlich ist seit einiger Zeit, dass sie manches mehrfach nacheinander erzählt. Seit letzter Woche hat sie ihre Diagnose.
Am Samstag stand auf meinem Abreisskalender ein Zitat von Richard Burton: „Der Tod ist ein Arschloch. Ein unberechenbarer, gedankenloser, dreckiger, liebloser Schweinehund… er hat schon viel Unheil angerichtet. Eines Tages werden wir es ihm heimnzahlen.“

                                                                                (Fotos zum Text aus dem Ärmelhaus – klicken hilft zum gross gugge)

Burgundische Reisefreuden

Durch die Renovierungsarbeiten sind hunderte Fotos liegengeblieben. Die sollen jetzt endlich entwickelt werden. Dazu erklingt inspirierende Gutelaunemusik von den North Mississippi Allstars – Electric Blue Watermelon (2005)…

In sehr klaren, eindrücklichen Bildern wirkt die Kurzreise ins Burgund nach. Endlich wieder einmal Frankreich. Wir starten gegen Mittag. Traumhaftes Wetter und eine entspannte Verkehrslage sorgen für eine gute Einstimmung. Im ersten Laden im Elsass gibts vorzüglichen Käse und eine deftige Paté als Reiseproviant. Den Wein lassen wir im Regal liegen. Die Freude auf einen frischen Chablis sparen wir für die Ankunft am Ziel der ersten Etappe auf.
In Dijon verlassen wir die Autoroute A31. Von nun an wirds auf möglichst kleinen Landstrassen weitergehen. Auch wenn bloss wenige Tage zur Verfügung stehen kann man gemächlich reisen und viel dabei entdecken. Schon auf der Fahrt stellt sich heraus, dass der ursprüngliche Anlass der Reise, der Besuch verschiedener Zisterzienserklöster modifiziert werden wird.

Ich habe fast alle Formen des Unterwegsseins ausprobiert und erlebt. Und jede hat ihre Berechtigung entsprechend der jeweiligen Bedürfnisse des reisenden Menschen. Dazu gehört der Pauschalurlaub mit grellfarbigem Armbändchen ebenso wie der Campingplatz oder auf Schusters Rappen unterwegs mit dem Rucksack auf schlechten Wegen.
Jede Reiseform hält ihre eigenen Erlebnisformen bereit. Aus diesem Grund enthalte ich mich von  Bewertungen des Besser oder Schlechter.

Aus der Erfahrung vieler Reisen ziehe für mich die Erkundungsreise vor. Dafür muss man eine gute Portion Spontanität und Flexibilität mitbringen. Offenheit und die Lust auch auf ungewöhnliche Entdeckungen vorausgesetzt, stellt sich die Freude auf das, was einem entgegenkommt fast unausweichbar ein. Umso niedriger die Schwelle eigener Vorstellungen und Erwartungen ist, desto grösser wird der Gewinn am Ende sein. Wichtig ist dabei auch die Reisebegleitung. Wer alleine unterwegs ist kann nach Gutdünken reisen, in Begleitung hingegen sind Absprachen unumgänglich. Wenn die Reisegruppe dabei die gleichen Anliegen teilt ist der Erfolg der Reise gearantiert. Bei dieser Frage möchte ich keine Kompromisse mehr eingehen.

Wir haben kein Hotel im Voraus gebucht, weil sich eine gelegenheit zur Übernacht fast immer findet. In der Herbstdämmerung verklärt sich die Landschaft in goldenen und violetten Farbspielen. Früh bricht die Dämmerung an und es ist abzusehen, dass wir auf der schmalen D103 mehr Zeit brauchen werden als vorgesehen.
Zu schön sind die alten Dörfer an der landschaftlich sehenswerten Strecke. Da kann man sich auf die Michelin Karte viel besser verlassen als auf jeden modernen Streckenvorplapperer. Überhaupt sind für diese Form des Reisens Landkarten besser geeignet. Es geht schliesslich nicht um die ideale Streckenlinie von A nach B, sondern um die Ansicht der Terrains, sodass man spontan Entscheidungen treffen kann.

Wir erreichen Montbard später am Abend. Eine Passantin in dem Städtchen empiehlt uns das Hôtel de la Gare. Dort finden wir einfache Zimmer. Auf Sternenschilder am Eingang kann man getrost verzichten. Der Koch hat gerade Feierabend, erklärt sich freundlicherweise jedoch bereit, noch schnell einen Imbiss für uns herzurichten. Mit einer Flasche Chablis beschliessen wir den ersten Reisetag.

Beim typisch französischen Frugalfrühstück planen wir den Tag. Die Abbaye de Fontenay ist das älteste, in weiten Teilen erhaltene Zisterzienserkloster. Romanischer Baustil mit den ersten Anklängen der entstehenden Gotik. Nur sehr wenige Menschen besuchen das Kloster an diesem kaum fassbar schönen Herbsttag. Wir verbringen fast den ganzen Tag in der Klosteranlage. Besinnliche Rundgänge wechseln mit intensiven Gesprächen. Ein feines Picknick auf einer Wiese in der noch immer spürbar wärmenden Herbstsonne. Die Stimmung der Umgebung überträgt sich. Gelassenheit und innere Ruhe breiten sich aus. Zufriedenheit und das Glücksempfinden, diesen besonderen Ort zu besuchen.
Die Zeit vergeht und wir müssen uns langsam Gedanken machen über das heutige Etappenziel. Ein kleines orginelles Hotel werden wir sicherlich finden.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein herbstlich gediegenes Wochenende.

                                                                (Die Abtei von Fontenay – Foto anklicken und gross gugge)

Alltagsanker für Herbstparadiesfahrten

Der Film B-Movie – Das wilde West Berlin der 80er Jahre (2015) ist sehr empfehlenswert und er verführte mich ins Ärmelsche Musikalarchiv: Klaus Schulze – Irrlicht (1972)…

„Guten Tag, mein Name ist B*** von der Firma ****, Ihrem Gaslieferanten. Sie wollen uns verlassen?“ Die Stimme am Telefon klang ungemein traurig. „Gaslieferant? Sie spekulieren auf Energiepreise und Kunden wie ich nehmen ihr Angebot an und spekulieren mit. Das ist doch ein faires Geschäft auf Gegenseitigkeit.“ Ich wechsle nicht monatlich, behalte jedoch die Energiepreise im Blick. Und das rentiert sich.

Auf eine Empfehlung hin besuche ich einen Blog. Auf der Startseite prangen die Trophäen der Wortpresse. Mir gefällt diese Form der Eitelkeit nicht, denn… Wo ist eigentlich mein Trophäenschrank. Nirgends zu finden. Wo mögen ihn die Programmierer wohl versteckt haben? Nach einer halben Stunde Klickerei ohne Ergebnis habe ich doch etwas gefunden. Meine eigene Eitelkeit nämlich. Wie leicht es scheinbar doch ist, mich dahin abzulenken.

Meine betagte Nachbarin steht mit ihrem Kraftfahrzeug quer auf der Strasse. Sie betrachtet sich sinnend den linken vorderen Kotflügel. Offensichtlich hatte sie die Entfernung zur Garageneinfahrt überschätzt. Die Stossstange sah bedenklich mitgenommen aus.
„Da haben Sie nochmal Glück gehabt, sagte ich, „alles noch dran, die ist zum Glück aus Plastik. Ich will Ihnen den Schaden gerne ein wenig wegpolieren, dann sieht das garnicht mehr so schlimm aus.“
„Plastik“, fragte sie zweifelnd, „ich dachte, die sei aus Blech. Seit dem letzten kleinen Rumms habe ich da immer wieder mal ein wenig Nivea drauf verrieben, damit sie nicht rostet.“

Derlei Alltagsgeschehen bringen mich zurück in die Gegenwart. Die kleine Rundreise im Burgund war sehr beeindruckend. Klöster, Museen und fast vergessene kleine Hotels unter einem betörend blauen Himmel. Die farbenprächtige Herbstlandschaft wurde zum Paradies. Zisterzienser, Gallier und das Zusammentreffen mit freundlichen Menschen wirken ebenso stark nach wie die kleinen Entdeckungen auf noch schmaleren Landstrassen, die sich dabei ergeben haben.
Hunderte von Fotografien warten nun auf ihre Entwicklung. Vorher werden jedoch im Ärmelhaus die Grobwerkzeuge weggepackt. Das meiste ist geschafft.

(Vorab einige Fotos: anklicken und wie gehabt gross gugge)