Gedankenbrücken zu möglichen Blogreduktionen

Gilt noch immer, wie beim letzten Beitrag : endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte. Die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet :
Fischer-Z – Building Bridges (2017).
Abends beim Stadtrundgang der Dauerrotationsunterbrecher. Musik mit einem K? Musik for the kitchen ! Eine Viermannkapelle mit einer Bandbreite von Rage against the Machine bis Klezmer, vom Volkslied bis zur Filmmusik. Die akustisch dargebotene Musik (mit K !!) zieht das Publikum in ihren Bann. Extraklasse.

Seit gefühlt ewigen Zeiten endlich wieder eine frühmorgendliche Siebenbrückentour auf dem Rad gefahren. Aus Übermut die Kamera im Rucksack. Der winterträge Körper arbeitet schwer trotz des eher geruhsamen Tempos.
Die Siebenbrückentour hat hier eine Tradition. Die Alten nennen sie noch immer Fünfbrückentour. Weil man für die kleine Rundtour in früheren Zeiten nur fünf Brücken überqueren musste. Ich nannte sie selbst in älteren Beiträgen hier im Blog auch Fünfbrückentour. Bis ich die Brücken einmal gezählt habe. Manchmal kommt man weiter, wenn man scheinbar feste Tatsachen überprüft. Alles verändert sich und der Horizont kann sich dadurch weiten.

Viele Fragen kursieren derzeit hinsichtlich neuer europäischer Datenschutzbestimmungen. Einige Blogger sind bereits heftig am Programmieren. Und von denen mit den bescheideneren Kenntnissen, zu denen ich mich zähle, also das Heer der Umsonst- und Billigblogger, die warten erstmal ab. Manche hoffen gar, eine Firma wie WP würde viel ändern.
Dass ich nicht lache. Solche Firmen wurden gegründet, um Kohle zu machen. Verändert wird nur, was die Kasse schriller klingeln lässt. Knete, Asche : umso mehr desto besser. Da gehts nicht drum, Menschen Freude zu bereiten – das ist allenfalls ein Abfallprodukt, das noch nicht monetarisierbar ist.
Ich habe fast dreissig Jahre lang sehr eng mit einer Firma aus den Staaten gearbeitet. Wir hatten eindeutige Verträge. Die Ammis hatten das Recht und die anderen europäischen Geschäftspartner die Pflichten.
Nach dem Mauerfall fragte mich der Senior Export Sales Manager bei einem Lunch in Frankfurt: „Sag´ mal, liegt Frankfurt eigentlich in East Germany or in the West?“
„West-Germany.“
„Und East-Germany hat etwa ein Viertel der Bevölkerung von West-Germany?“
„Wonderful! Dann schaffst Du nächstes Jahr fünfundzwanzig Prozent mehr Umsatz!“
„Wir werden dieses Feld erst nach einem gründlichem research beackern.“
Und dieser Mann kannte für us-amerikanische Verhältnisse viel von der Welt. Sehr viel.
„Ich habe derzeit noch ein ganz anderes Problem : was habt Ihr denn eigentlich hinsichtlich der Verbesserung der Qualität erreicht?“
„Well, gut dass Du fragst. Wir arbeiten hart daran und sich ein Stück weiter gekommen.“
Dabei handelte es sich damals um den „grünen Punkt“, den sie aus Kostengründen nicht auf ihre Verpackungen drucken wollten. Als ich meine Frage stellte, waren bereits zwei Jahre seit der deutschen Neuregelung vergangen. Der böse Bube war ich, denn ich verkaufte weiterhin die Waren in Deutschland. Wäre ich aufgefallen und haftbar gemacht worden, hätten die Ammis sich mit keiner Deutschmark an der Strafe beteiligt. Am Ende haben wir das Problem selbst hier im Land geklärt und gelöst. Von wegen support – wenn ich dieses Wort aus einem Ammimund schon höre.
Daran kann man erkennen, aus welchem grobstofflichem Denktextil dieses Schacherpack gewebt ist. Und wenn ich mich hier kritisch zu dieser Bevölkerung und ihrer Mentalität äussere (und geäussert habe), dann beruht das auf langen eigenen Erfahrungen. Und nicht auf Plattitüden á la: die Ammis haben keine Kultur. Denn eine Kultur haben sie, wenn auch leider eine imperialistische mit dem Ziel, sich die Welt zu unterwerfen, um dann der Welt ihre qualitativ noch immer weitgehend miserablen Produkte zu verhökern.

Zurück zu dem, was meinen Blog betrifft. Wenn bis zum 25. Mai keine befriedigende Lösung in Aussicht steht, werde ich meine Bloggerei nach meinem derzeitigen Kenntnisstand wahrscheinlich einstellen. Bis dahin werde ich zumindest das Kontrollprogramm gravatar so weit als möglich deaktivieren. Denn solche Programme sind im Fokus der neuen europäischen Regelungen. Und die machen in der Tat Sinn.
Was ich dann machen werde?
Ich werde mir wieder mit Menschen Briefe oder Ansichtskarten schreiben. Abends intensive Telefonate führen. Mich mündlich austauschen bei einem Bier – oder zweidreivier.
Zusammensitzen und gemeinsam etwas tun. Sich gegenseitig helfen. Zusammen kochen, essen und trinken. Also dem wirklichen Leben wieder mehr Zeit geben als der virtuellen Scheinwelt.
Wenn ich dies so spontan hinschreibe, freue ich mich schon richtig drauf.
Am vergangenen Wochenende haben wir gemeinsam in einem Garten gearbeitet. Und in Kürze werden wir verreisen und interessanten Menschen begegnen und neue Orte und Wunder entdecken.
Ganz ohne die Wischtastatur einer elektronischen Handfessel, die einen von den eigentlich wichtigen Momenten ablenkt und in einem kleinen Bistrôt den Anblick eines rustikal eingedeckten Tisches versaut.

 

 

(Photographien anklicken : die Galerie öffnet sich selbsttätig)

 

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Der Himmel soll nicht täuschen

Endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte; die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet : Fischer-Z – Building Bridges (2017)…

Vielleicht erinnern sich manche Besucher, Leser oder Gugger noch an meinen Beitrag, in dem ich mein persönliches Verhältnis zur Stadt Berlin schilderte. Der Bericht im Jahr 2012 war motiviert durch das verfallende Hotel Stadt Berlin in Bad Muskau. Bad Muskau besuche ich seit über zwanzig Jahren hin und wieder wegen des grossartigen Landschaftsparks des Fürsten Pückler. Das neue Schloss habe ich erstmal gesehen, da war es in einem ähnlich ruinösen Zustand wie das Hotel Stadt Berlin. Inzwischen ist es fein restauriert und schon dieses prachtvolle Gebäude mit seinem interessanten Museum lohnt einen Besuch.
Kürzlich hatte ich wieder einmal das Glück, diesen einzigartigen Park besuchen zu dürfen. Vor der Rückfahrt nahm ich eine aktuelle Photographie des wiedererstandenen Hotels auf.
Man muss nicht unbedingt in diesem Hotel übernachten. Es gibt zahlreiche bequeme und günstige Gelegenheiten in Bad Muskau und der nächsten Umgebung.
Was man sich als bewusst wahrnehmender Mensch hingegen unbedingt gönnen sollte, ist ein Besuch des wundervollen Parks des Fürsten Pückler.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

 

(Photographien zum Vergleich : Anklicken lohnt)

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Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

Deutsche Standards in einer Fotografie kompensiert

Vielleicht ist in musikalischer Hinsicht auch dies eine Reduktion. Immer wieder komme ich auf schlichten Blues zurück. Als ich begann, Musik bewusster wahrzunehmen, schwappte der British Blues Boom aufs Festland. Erst dadurch wurden die schwarzen Meister auch in Europa bekannt. Ten Years After – Cricklewood Green (1970). Und anschliessend: Howlin Wolf – His Best Vol.2 – Chess 50th Anniversary Collection (1997)…

Eine ebenso kurze wie bereichernde Reise in Deutschland hatte auch die Verhältnisse hierzulande zum Thema. Von der famosen Reisegruppe wurden viele Facetten bedacht, beleuchtet und besprochen. Als eine, wenn auch vorläufige, Quintessenz erscheint mir diese Fotografie. Viele Details lassen metaphorisch erkennen, was für mich deutsches Wesen und Kultur derzeit repräsentiert.

(Zum Vergrössern die Fotografie anklicken, Klick auf F11 machts noch grösser)

 

 

Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

i
Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

ii
Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

iii
Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

iv
Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

v
Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

vi
Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

vii
Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

ix
Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Fünf gerade machen

Wilde Mädels: Cobra Killer – Uppers & Downers (2009). Nach dem energetischen Auf und Ab zurück in die sicheren Gefilde des Progrock: Genesis – The Lamb lies down on Broadway (1974)…

Früh erwacht. Nicht zu früh, aber dennoch war die Nacht zu kurz. Das lange Telefonat mit dem anregenden Austausch. Im Aufwachen Erinnerungsfetzen daran. Unterm Blauhimmel wabern Nebelschwaden. Vielleicht sollte man im Älterwerden an die Gründung einer WG denken. Mit welchen Inhalten und Zielsetzungen wäre die zu beleben? Die idealistischen Vorstellungen der Jugendjahre lassen sich nicht einfach wiederholen.
Am Flatterband der Gedanken nach draussen. Es ist kalt, die frische Luft riecht nach Schnee. Nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal eine morgendliche Vorfrühstücksradfahrt zum Wachwerden. Eine Fünf-Brücken-Tour. Der letzte Nebel auf den Wiesen am Fluss. Am Ufer haben etliche Binnenschiffe festgemacht. Das monotone Klopfen der Dieselmotoren um die Akkumulatoren aufzuladen. An der meistbefahrenen Schleuse Deutschlands herrscht schon reger Betrieb. Die meisten Schiffe haben eine hohe Ladelinie. Die Schiffer warten auf Frachtaufträge. Auf der Maaraue läuft mir beinahe ein Hund ins Rad. Den interessiert nicht das Hierherhierher-Geschrei seines Leinenhalters.

Auf dem Rhein findet die Prüfung für einen Bootsführerschein statt. Das Publikum steht am Ufer. Fachkundige Handbewegungen. Der schneidende Krach eines hochdrehenden Motors schrillt durchs Unterholz. Auf einer versteckt liegenden Wiese Fahrversuche mit dem ferngesteuerten Modell eines Geländewagens.
Das neu aufgestellte Denkmal zur Erinnerung an das gefährliche Handwerk der Rheinflösser. Die allerletzte grosse Flösserei aus dem Schwarzwald fand 1968 statt. Grosse Flossverbände waren bis dreihundert Meter lang. Mit dem Denkmal wird an die lokalen Flösser erinnert. Die letzten Hiesigen verloren 1964 ihre Arbeit.
Die zahlreichen Rheindurchstiche zur Begradigung des Stroms im vorletzten Jahrhundert waren damals das grösste Bauprojekt Deutschlands. Seitdem soll es auch keine Fälle von Malaria mehr geben. Der fielen viele Menschen zum Opfer, die an den Ufern des Rheins lebten.

Gegenüber die Vedute der Stadt Mainz. Auch diese Stadt hat ihre Zwillingstürme. Am linken Rand des Sichtfeldes, also im Süden erhebt sich der Turm von St. Stephan. Erinnerung an eine innige und glückliche Stunde in der vergangenen Woche. Marc Chagall war 95 Jahre alt, als er die zauberhaften blauen Glasfenster entworfen hatte. Sonnenschein taucht das Kirchenschiff in kühles Blau. Das eigene Wärmeempfinden wird dadurch nicht berührt.

Von der Eisenbahnbrücke, der fünften auf meiner morgendlichen Runde, schweift der Blick hin zur Mainspitze. In dieser klimatisch angenehmen Gegend siedeln seit vielen Jahrtausenden Menschen. Vormals reichte das Delta des Neckars bis fast hierher. Die Menschen fanden in den weitläufigen Flusslandschaften ideale Lebensbedingungen.
Ich freue mich auf ein Frühstück. Die alte Landstrasse zwischen den beiden Städten war in meinen Kindertagen von einer beeindruckenden Kastanienallee gesäumt. Die meisten davon mussten der Verbreiterung der Strasse weichen.
Auf meiner letzten Etappe wird die Strasse von der Autobahn unterbrochen. Einige der verbliebenen alten Kastanien leuchten schwach im Morgendunst. Fünf-Brücken-Tour. Das bedeutete in lange vergangenen Zeiten einen ausgedehnten Sonntagsspaziergang. Von daher hat sich auch die Bezeichnung erhalten. Ich muss jetzt aber noch die Autobahn überqueren. Die sechste Brücke. Und auch diese Brücke gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten.
Es dauert manchmal lange, bis die Sprache an die veränderten Gegebenheiten angepasst wird. Sowohl im Allgemeinen wie im Besonderen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine unangepasste Woche, wo immer das möglich sein wird.

                                                                 (Fotografie anklicken und die Bilder vergrössern)