Gedankenbrücken zu möglichen Blogreduktionen

Gilt noch immer, wie beim letzten Beitrag : endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte. Die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet :
Fischer-Z – Building Bridges (2017).
Abends beim Stadtrundgang der Dauerrotationsunterbrecher. Musik mit einem K? Musik for the kitchen ! Eine Viermannkapelle mit einer Bandbreite von Rage against the Machine bis Klezmer, vom Volkslied bis zur Filmmusik. Die akustisch dargebotene Musik (mit K !!) zieht das Publikum in ihren Bann. Extraklasse.

Seit gefühlt ewigen Zeiten endlich wieder eine frühmorgendliche Siebenbrückentour auf dem Rad gefahren. Aus Übermut die Kamera im Rucksack. Der winterträge Körper arbeitet schwer trotz des eher geruhsamen Tempos.
Die Siebenbrückentour hat hier eine Tradition. Die Alten nennen sie noch immer Fünfbrückentour. Weil man für die kleine Rundtour in früheren Zeiten nur fünf Brücken überqueren musste. Ich nannte sie selbst in älteren Beiträgen hier im Blog auch Fünfbrückentour. Bis ich die Brücken einmal gezählt habe. Manchmal kommt man weiter, wenn man scheinbar feste Tatsachen überprüft. Alles verändert sich und der Horizont kann sich dadurch weiten.

Viele Fragen kursieren derzeit hinsichtlich neuer europäischer Datenschutzbestimmungen. Einige Blogger sind bereits heftig am Programmieren. Und von denen mit den bescheideneren Kenntnissen, zu denen ich mich zähle, also das Heer der Umsonst- und Billigblogger, die warten erstmal ab. Manche hoffen gar, eine Firma wie WP würde viel ändern.
Dass ich nicht lache. Solche Firmen wurden gegründet, um Kohle zu machen. Verändert wird nur, was die Kasse schriller klingeln lässt. Knete, Asche : umso mehr desto besser. Da gehts nicht drum, Menschen Freude zu bereiten – das ist allenfalls ein Abfallprodukt, das noch nicht monetarisierbar ist.
Ich habe fast dreissig Jahre lang sehr eng mit einer Firma aus den Staaten gearbeitet. Wir hatten eindeutige Verträge. Die Ammis hatten das Recht und die anderen europäischen Geschäftspartner die Pflichten.
Nach dem Mauerfall fragte mich der Senior Export Sales Manager bei einem Lunch in Frankfurt: „Sag´ mal, liegt Frankfurt eigentlich in East Germany or in the West?“
„West-Germany.“
„Und East-Germany hat etwa ein Viertel der Bevölkerung von West-Germany?“
„Wonderful! Dann schaffst Du nächstes Jahr fünfundzwanzig Prozent mehr Umsatz!“
„Wir werden dieses Feld erst nach einem gründlichem research beackern.“
Und dieser Mann kannte für us-amerikanische Verhältnisse viel von der Welt. Sehr viel.
„Ich habe derzeit noch ein ganz anderes Problem : was habt Ihr denn eigentlich hinsichtlich der Verbesserung der Qualität erreicht?“
„Well, gut dass Du fragst. Wir arbeiten hart daran und sich ein Stück weiter gekommen.“
Dabei handelte es sich damals um den „grünen Punkt“, den sie aus Kostengründen nicht auf ihre Verpackungen drucken wollten. Als ich meine Frage stellte, waren bereits zwei Jahre seit der deutschen Neuregelung vergangen. Der böse Bube war ich, denn ich verkaufte weiterhin die Waren in Deutschland. Wäre ich aufgefallen und haftbar gemacht worden, hätten die Ammis sich mit keiner Deutschmark an der Strafe beteiligt. Am Ende haben wir das Problem selbst hier im Land geklärt und gelöst. Von wegen support – wenn ich dieses Wort aus einem Ammimund schon höre.
Daran kann man erkennen, aus welchem grobstofflichem Denktextil dieses Schacherpack gewebt ist. Und wenn ich mich hier kritisch zu dieser Bevölkerung und ihrer Mentalität äussere (und geäussert habe), dann beruht das auf langen eigenen Erfahrungen. Und nicht auf Plattitüden á la: die Ammis haben keine Kultur. Denn eine Kultur haben sie, wenn auch leider eine imperialistische mit dem Ziel, sich die Welt zu unterwerfen, um dann der Welt ihre qualitativ noch immer weitgehend miserablen Produkte zu verhökern.

Zurück zu dem, was meinen Blog betrifft. Wenn bis zum 25. Mai keine befriedigende Lösung in Aussicht steht, werde ich meine Bloggerei nach meinem derzeitigen Kenntnisstand wahrscheinlich einstellen. Bis dahin werde ich zumindest das Kontrollprogramm gravatar so weit als möglich deaktivieren. Denn solche Programme sind im Fokus der neuen europäischen Regelungen. Und die machen in der Tat Sinn.
Was ich dann machen werde?
Ich werde mir wieder mit Menschen Briefe oder Ansichtskarten schreiben. Abends intensive Telefonate führen. Mich mündlich austauschen bei einem Bier – oder zweidreivier.
Zusammensitzen und gemeinsam etwas tun. Sich gegenseitig helfen. Zusammen kochen, essen und trinken. Also dem wirklichen Leben wieder mehr Zeit geben als der virtuellen Scheinwelt.
Wenn ich dies so spontan hinschreibe, freue ich mich schon richtig drauf.
Am vergangenen Wochenende haben wir gemeinsam in einem Garten gearbeitet. Und in Kürze werden wir verreisen und interessanten Menschen begegnen und neue Orte und Wunder entdecken.
Ganz ohne die Wischtastatur einer elektronischen Handfessel, die einen von den eigentlich wichtigen Momenten ablenkt und in einem kleinen Bistrôt den Anblick eines rustikal eingedeckten Tisches versaut.

 

 

(Photographien anklicken : die Galerie öffnet sich selbsttätig)

 

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Gelegentlich Feste feiern – das Leben immer feiern

Für die Strassen unter einem sonnigblauen Himmel : der unglaubliche Ärmelmix. Musik aus vier klingend erlebten Jahrzehnten…

Ein grosses Fest steht vor der Toreinfahrt. Die Vorbereitungen dafür laufen, wie jedes Jahr, bereits seit längerer Zeit. Spätestens wenn nach den letzten erfolglosen Anpreisungen mit Billigpreisen kein Mensch mehr einen Schokoladennikolaus kaufen will, beginnt das grosse Umschmelzen. Vergleichbar der Wandlung in der Liturgie wenn aus Fleisch Oblaten werden und aus Blut Wein. Spätestens dann verwandelt die Süsswarenindustrie Nikoläuse in Osterhasen.

Das christliche Fest der Zuversicht und Hoffnung. Und drei freie Tage. Zeit für eine Kurzreise. Überall werden sich Menschen treffen. Ich freue mich schon auf die gesellige Runde. Ein heiteres Zusammensein. Gespräche über dies und das. Unterhaltsam und besinnlich je nachdem. Essen und Trinken an einer reich besetzten Tafel. Die menschliche Nähe verbindet. Eine Atmosphäre des Frohsinns.

Die Frage liegt in der Luft und man kann sie förmlich greifen. Welche menschliche Nähe erfahren die unzähligen Menschen, die in den kommenden Tagen (und nicht nur dann) alleine vor ihren Bildschirmen sitzen oder mit aufgeregt nervösen Fingern ihre Handfesseln bestreichen. Medial vorgetäuschte menschliche Nähe. Kommunikation sicherlich. Aber die gegenseitigen AugenBlicke fehlen. Berührungen, Gesten, der Klang der Sprache. Das Lächeln. Scheinbare Verbindungen, in denen man dennoch unverbindlich bleibt. Weil man selbst masslose Forderungen im Herzen trägt ist es besser, selbst unsichtbar zu bleiben. Was bleibt hinter der Maske, ist die Sehnsucht. Auch in der Sehnsucht wohnt eine Sucht.

Der Himmel ist wunderbar blau. Ich schneide Efeu auf der Au. Das Geraffel ist verpackt und die kleine Reisetasche steht bereit. Ich bringe einen Kuchen mit. Haareschneiden am Karfreitag passt. Alte Zöpfe taugen wenig. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern bunte und gesellige Tage. Und denken Sie angesichts der aktuellen Diskussion nach dem neuesten unglaublichen Datendiebstahl daran : der beste Datenschutz in den sogenannten sozialen Netzwerken – sich garnicht erst anmelden. Darauf verzichten können und sich dafür mit wirklichen Menschen in der wirklichen Welt verbinden. Das zählt und das zahlt sich aus.

 

(Photographien selbsterklärend – anklicken macht gross)

 

Wie in den Jahren zuvor: Zu guter Letzt

Meine motiverende musikalische Begleitung für das weihnachtliche Geschenkebasteln:
Rolling Stones – Beggars Banquet (1968) und Rolling Stones – Let it bleed (1969)…

Wie gehabt verweist die Fotografie auf den letzten Eintrag des Jahres. Ich habe mir die jeweils letzten Einträge der vergangenen Jahre erneut angeschaut. Jeder hatte textlich und stilistisch seine ganz eigenen Schwerpunkte. Vieles davon ist inzwischen selbst Geschichte geworden. Fast schon vergessen, zeugen sie von momentaner Gültigkeit. Wenig bleibt.

Für mich war das 2017er Jahr ein gutes Jahr. Ein hervorragendes Jahr.
Ds Reduktionsprojekt läuft prima. Die Lebensfreude ist grandios und beflügelt. Was in jüngeren Jahren noch eine Wunschvorstellung mit gelegentlichen praktischen Versuchen und seit einigen Jahren eine klar umrissene Idee gewesen ist, kann ich nun realisieren. Ein vielfach angeschabter und geflickter Lebensfaden leuchtet nun in schönstem Rot.
Die Autonomie, einige äussere Lebensumstände und vor allem die meinem Herzen nahen Menschen sind Grundlage und Antrieb für das Gelingen. Von einigen merkwürdigen Entwicklungen und tief erlebtem Glück wird im kommenden Jahr konkret in einigen Beiträgen zu berichten sein.

Durch den weitgehenden Verzicht auf die lärmend geschwätzigen Medien beschränken sich besorgniserregende oder traurige Nachrichten auf einen überschaubaren Kreis von Menschen in meinem persönlichen Umfeld.
Ereignisse, auf die ich weder Einfluss nehmen kann, noch die Macht habe, sie zu bestimmen, interessieren mich zunehmend weniger. Dafür will ich dort, wo ich darum gebeten werde oder es für sinnvoll erachte, meine Kraft, meine Kenntnisse und Fähigkeiten zur Unterstützung anbieten.

Ich denke in dieser Zeit an die Menschen, die mir in diesem Jahr, jeder in seiner und auf seine Art, nahegekommen sind. Menschen, denen ich persönlich begegne, kann ich mit einem tiefen Augenblick meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Den virtuellen Begegnungen danke ich hier auf diesem Weg. Im mündlichen oder schriftlichen Austausch erhielt ich wunderbare Anregungen. Nicht zu vergessen auch einige horizontweitende Lehrstücke. Der Smaragd ist genauso viel wert wie der Diamant.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern im kommenden Jahr Gesundheit, Besonnenheit und Lebensfreude


Wer des Lebens Kürze kennt, der legt es klüger an und braucht es zum Vergnügen (Johann Peter Uz – 1720-1796)

 

 

 

Auch mal denken zwischendurch kommt gut

Zwischen den Platten von Pankow laufen als Kontrastprogramm die Scheiben von Vanilla Fudge. Einige sind so sehr dem Zeitgeist verhaftet und klingen dementsprechend uralt, aber manche Werke haben es noch immer in sich. Zur Zeit: Vanilla Fudge – The Beat goes on (1968). Das war damals mein Einstieg in die sogenannte progressive Musik…

In der Tageszeitung die Überschrift: „Ohne Handy geht es nicht“. Die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zum Thema. Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen präsentieren ihre Erkenntnisse. Unterm Strich bleibt wenig Konkretes. Ich erinnere mich an die Diskussion vor Jahrzehnten, ob Fernsehkonsum bei Kindern und Jugendlichen Gewalt erzeugen könne. Oder noch früher in meiner späten Kindheit, ob Comics dumm machen würden. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen für Wissenschaftler. Welches Wissen schaffen diese Menschen eigentlich und wem nutzt es wirklich?

Immerhin erkenne ich durch diesen Artikel für mich, dass ich mit den Gebrauchsgewohnheiten hinsichtlich meines Mobiltelefons und meinem Reduktionsprojekt ganz generell inzwischen zu einer konsumistischen Minderheit gehöre. Ein volkswirtschaftlicher Schädling, um es fachlich korrekt zu benennen.
Dazu passt eine Frage,die ich immer wieder einmal bewege und auf die ich bis heute keine für mich befriedigende Antwort gefunden habe. Wie hat das denn funktioniert damals, als sich quasi über Nacht die gesellschaftliche Ordnung im Land änderte. Alle Menschen dabei scheinbar umgepolt worden sind. Wie das am Ende ausgegangen ist, besonders auch für die betroffenen Minderheiten, ist allgemein bekannt.
Meine unbeantwortete Frage kocht auch deshalb wieder hoch, weil ich aus verschiedenen Gründen derzeit viel Umgang mit Menschen habe, die in ihrer körperlichen Bewegungsfreiheit teilweise so stark beeinträchtigt sind, dass sie auf die Hilfe anderer Menschen zwingend angwiesen sind. Ich komme mir hingegen als dermassen beschenkt vor mit meinen weitgehend gut funktionierenden Körperfunktionen, dass ich mich fast schämen möchte. Über was jammere ich eigentlich? Und meine anfälligen Ungeduldseruptionen. Unzufriedenheiten überhaupt. In welchem Verhältnis das alles zu meinem Lebensglück steht, übersehe ich leider nur allzuoft. Ich werde mir meine Dankbarkeit wieder häufiger ins Bewusstsein rufen.

ich habe ein Dach überm Kopf, genug Kleidung und mehr als ausreichend zum Essen und Trinken. Zum Glück auch noch sehr starke Herzensbindungen zu einigen Menschen. Und wir alle sind mehr oder weniger gesund, haben solide Ausbildungen genossen und haben etwas Humor. Wir geben uns jedenfalls Mühe. Wie klein und nichtig sind im Vergleich dazu die tagtäglichen Aufwallungen. Wegen der Berichte in den Medien. Wegen eines nervenden Nachbarn. Wegen einer nörgelnden Kundin. Wegen eines dummen Geschwätzes irgendwo… 

Wenn ich ernsthaft darüber sinniere, wie dankbar ich für mein Leben sein sollte, dann fallen mir gerade eben auch die scheinbaren Störenfriede, die erwähnten Nerver und Nörgler ein, die Humorlosen und die Dummschwätzer. Diejenigen, die verdeckt und verborgen aus dem Hintergrund agieren. Im Grunde muss ich mich für die Begegnungen mit diesen Zeitgenossen bedanken. Sie sind Steine des Anstosses, gewiss, aber sie sind damit auf eine gewisse Art auch Wecker, die mich vor dem Tiefschlaf meines Bewusstseins bewahren. Ohne diese Menschen würde ich nichts verändern an meinem Denken und Handeln. Angenehme Zeitgenossen sind ein Geschenk, eine Erholung im Alltag; aber sie sind keine Veranlassung, sich verändernd weiterzuentwickeln. Daraus kann Lebensglück erwachsen. Das Glück ist meine Entscheidung.

 

(Fotografien, die vorab auf neueste Entwicklungen hinweisen. Unbedingt den Regenbogen anklicken, um die Galerie zu öffnen)

 

Dringende Ostwest Reduktion

Schlicht und dennoch ergreifend: Flogging Molly – Life Is Good (2017)…

Erst die Bundestagswahlen und nun auch noch der Tag der Einheit. Harte Kost in mageren Zeiten. Die Erklärungstheoretiker haben Hochkonjunktur. Rechtsradikale Partei und der Osten des Landes. Was da manchmal recherchiert und interpretiert und schlussendlich publiziert wird, kann einem den letzten Rest von Glauben an das Gemeinwesen Deutschland rauben.

„Ach, jetzt auch Sie, Herr Ärmel? Es hätte ja verwundert, wenn Sie dazu nicht auch noch etwas zu schreiben hätten.“
„Ich hätte es mir gut sparen können. Aber was in den verschiedenen Medien verbreitet wird, was in manchen Blogs geschrieben und kommentiert wird, es ist oft haarsträubend. Und geht noch häufiger an der Realität vorbei. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich motiviert. Ihr persönlicher Eigennutz, das politische Kalkül oder die pauschalisierende Schuldzuweisung sind in fast jedem Fall ebenso nachvollziehbar wie vordergründig durchsichtig.“

Die Pressekonferenz mit Herrn Schabowski, wie auch die später erfolgte Maueröffnung erlebte ich am Fernsehgerät. Die Tragweite der Rede Schabowskis erkannte ich im ersten Moment garnicht. Bei den Szenen der Maueröffnung trieb es mir Tränen in die Augen.
Ich beschäftigte mich zur Zeit der sogenannten Wiedervereinigung mit der Geschichte der deutschen Teilung. Die Worte des damaligen Bundeskanzlers hinsichtlich der Zukunft zeigten mir in diesem Kontext einen bis ins Mark verlogenen und verkommenen Politiker.

Drei Tage nach der Grenzöffnung besuchte ich das vormalige Haus von Johann Sebastian Bach in Eisenach. Ich nahm dort eine seltsame Stimmung wahr. Der Kommandoton der Aufsichtspersonen, den ich von früheren Grenzübertritten kannte, er passte so garnicht zum Verhalten der Museumsbesucher aus dem angrenzenden westlichen Ausland. Durch dieses Erlebnis wurde mein Interesse für das zukünftige Zusammenwachsen der beiden deutschen Teilstaaten geweckt. Und es hat sich seitdem noch weiter intensiviert.

Die folgenden Anmerkungen beruhen lediglich auf meinen eigenen Erfahrungen. Das sind meine Erlebnisse und Gespräche mit Menschen in Ost und West, mit mir bekannten oder bis dahin unbekannten Privatleuten und Zeitzeugen für verschiedene kulturwissenschaftliche Arbeiten. Also keine interessegestützten Statistiken, keine soziologischen Abstraktrusitäten oder Meinungen nur so vom Hörensagen.

Die Wiedervereinigung war ein ausschliesslich politischer Prozess, der von mächtigen, wirtschaftlich tätigen Akteuren sofort zu eigenützigen Profitinteressen genutzt worden ist. Die politischen Akteure griffen nicht regelnd im Sinn der Menschen ein. Soziale Komponenten waren sowohl für die Menschen drüben wie hüben nachrangig. Eine Rücksichtnahme auf die beiden Bevölkerungen fand nicht statt.
– Meine grösste Enttäuschung war das erste Wahlergebnis in den östlichen Bundesländern. Mehrheitlich die Partei zu wählen, die den Kahlschlag in der vormaligen DDR in Gang setzte; ich habe es bis heute nur ansatzweise begriffen.
– Bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen herrscht auch siebenundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung relativ wenig wirkliches Wissen über das Alltagsleben im jeweils anderen Teil des Landes. Im Westen ist es Desinteresse und gesteuerte Desinformation. Im Osten das Halbwissen des Nachbarn hinterm Gartenzaun. Wenn man sich aber zusammensetzt und sich mit Interesse austauscht, wird man zahlreiche Missverständnisse finden und aufklären. Das führt abwechselnd manchmal zu Lachen oder ungläubigem Staunen..
Die DDR gab es ebensowenig wie es die BRD gab. Es gibt Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Dies zeigt sich in der Infrastruktur, in der Versorgung und letztlich auch im kulturellen Habitus.
– Die meisten Menschen in den neuen Bundesländern sind Wendegewinner. Viele Rentner sind durchschnittlich besser gestellt. Ein Instrument wie die Witwenrente beispielsweise gab es in der DDR nie. Viele Handwerker sind zu nennen, die sich selbstständig gemacht haben und nicht gleich mehr Geld ausgaben als sie einnahmen. Sie sind Gewinner geblieben.
– Die vielgepriesene Reisefreiheit des Westens, wer konnte sie so uneingeschränkt nutzen, wie sie angepriesen worden ist? Und die vollen Regale allüberall. Klar, es gab fast alles. Aber wer konnte sich die vielen Dinge denn auf Dauer wirklich leisten? Kredite sind limitiert und die Schuldenberater hier wie dort sprechen eine eindeutige Sprache. Die Banken hielten und halten die Zügel fest in der Hand.
– Wer sich die Mühe macht, in drei, vier grossen Zeitungen, etwa die FAZ, Süddeutsche oder Die Zeit auf die Verwendung von wertenden Adjektiven in Meldungen und Berichten über die östlichen Landesteile hin zu untersuchen, dem können die Augen übergehen. Es ist die noch immer andauernde subtile Abwertung des Ostens.
– Die Bilanz ist jedenfalls besser, als sie tagein tagaus dargestellt wird. Die sogenannten „abgehängten“ Menschen gibt es im ganzen Bundesgebiet. Die gab es vorher in den beiden deutschen Staaten ebenso. Nur, dass sie in der ehemaligen DDR weniger auffielen. Und diejenigen Menschen, die versuchen auf dem einfachsten Weg durchzukommen, die hatten es durch die Arbeitsprozesse in der DDR tatsächlich einfacher. Verlierer sind natürlich auch die Menschen, deren Berufe in enger Berührung zum Staat ausgeführt worden sind. Militärs und Polizisten kommen in wechselnden Systemen immer wieder überraschend schnell unter, da wird nicht so genau hingeschaut. Anders bei den Berufen, die ebenfalls ihre Staatstreue bezeugen müssen.

Meine bisherigen Erkenntnisse zeigen mir, dass die Wiedervereinigung mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht hat. Auch beim vielberufenen Gejammer über die „Zustände im Land“ ist das deutsche Volk weitgehend zusammengewachsen. Dass die Bevölkerung im Osten andere Vergangenheiten betrauert als die Bevölkerung im Westen versteht sich. Aber was den Konsum privater Haushalte betrifft, so wird gesamtdeutsch gekauft, was noch irgendwohin passt und was die Banken an Krediten vergeben.

Dies sind nur einige Beispiele aus meinen privaten Erfahrungen. Sie sind somit subjektiv und willkürlich ausgewählt. Freudig nehme ich aber wahr, dass es nicht wenige andere Menschen mit viel Interesse und gutem Willen gibt, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen hinsichtlich der angeblich in vielen Bereichen noch immer andauernden Teilung in Ost und West. Die imaginäre Teilung ist politisch und wirtschaftlich motiviert. Wo Teilung herrscht entsteht keine Solidarität. Umso bedauerlicher, dass viele Menschen sich selbst und freiwillig vor den Karren dieser Interessen spannen, die vom Virus der Teilung gut herrschen können und noch bessere Geschäfte machen. Und der Besserossi ist keinen Deut besser als der Besserwessi und umgekehrt.

Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde. Und was man wahrscheinlich erst so richtig einschätzen kann, wenn man in einem der vielen anderen Länder irgendwo auf der Erde gelebt und gearbeitet hat, ist den meisten Deutschen, und vielleicht besonders denen im Osten, garnicht bewusst. Wir haben eine Verfassungsgerichtsbarkeit, die jeden einzelnen Menschen  vor der Willkür des Staates und seiner Organe, zumindest weitestgehend, schützt. Das, finde ich, ist neben den individuellen materiellen Möglichkeiten allemal das höhere Gut. Und das menschlich Verbindende ist grundsätzlich heilsamer als das Trennende.

(Ein Foto aus dem Archiv)

 

Reduktion : weiterhin gut behütet

Auf Radio Stone.fm einen heissen Titel gehört und spontan die dazugehörige Scheibe besorgt. Da geht die Post ab, die Musik fährt in die Beine: Hot Boogie Chillun – 15 Reasons to Rock´n´Roll (2005)…

Soweit ich mich erinnere, begannen vor einem Jahr auf den Tag genau, die ersten konkreten Schritte des Reduktionsprojekts. Wie oft zuvor schon hatte ich gedacht; man müsste, man sollte und man könnte. Dies und jenes mehr oder weniger halbherzig versucht, manches auch umgesetzt. Jetzt also mit lebendiger Konsequenz aber ohne dogmatische Anwandlungen ins Abenteuer der Reduktion springen.
Ich hätte mir nicht räumen lassen, was daraus in kurzer Zeit entstanden ist. Nein, keine Karriere und keine Anhäufung von Mammon, Es sind die Beobachtungen, die Wahrnehmungen und die Gespräche mit anderen Menschen. Der Gewinn sind die daraus erwachsenden Erkenntnisse. Sein lassen, was nicht weiterbringt und letztendlich lediglich Kraftvergeudung ist.
Die Erleichterung, sich nicht mehr zu beschweren über Kleinigkeiten. Kein Geschwätz über Dritte hinter den Linien. Lernen vom Wissen anderer Menschen. Mut schöpfen. Staunen über das derzeit fast schon pervertierte Kaufverhalten von Konsumenten. Die Freude über die dritte Brut der Amseln im Nest im Efeu. Lebensfreude pur, indem man das Wichtige vom Unwichtigen trennt. Die Aufzählungen liessen sich weiterführen. Noch läuft nichts perfekt. Stolpern gehört dazu. Fallen ist nicht schlimm, sondern liegenbleiben..

Ja, ich kommentiere gelegentlich noch immer in anderen Blogs. Zum Beispiel schrieb ich diesen hier: „Kannibalen waren der letzte Schrei in den frühen Reiseberichten des 16. und 17. Jahrhunderts. Deshalb legten die Verleger auf derlei Grusel & Grauen enormen Wert, das hob schliesslich die Verkaufszahlen. Also in etwa die Blödzeitung für den Adel der frühen Neuzeit. Ich stelle mir gern die indigenen Bevölkerungen vor. Lauschend den Reden der Missionare. Was mögen die Indianer wohl davon gehalten haben, dass wir bei vielen Gelegenheiten unseren Erlöser als Brot aufessen und sein Blut als Wein trinken…“. Dass es die Kannibalen, in der Form, wie sie literarisch tradiert worden sind, so nicht gab, haben Historiker längst erforscht.

Alle reden von Gentrifizierung. Gemeint sind in diesem Kontext meist raffgierige Spekulanten, die Immobilien aufkaufen, um sie zu renovieren oder umzubauen. Durch neuerliche Vermietung oder den Verkauf als Eigentum wird danach ein satter Profit erhofft. Über eine andere Form der Gentrifizierung finden sich Informationen nicht so leicht. Bestimmte Bevölkerungsgruppen kaufen nach und nach Ein- oder Mehrfamilienhäuser in einer Strasse oder einem Viertel in einer kleineren Stadt. Aus verschiedenen Gründen verlieren andere Investoren den Anreiz zum Kauf und für Verkäufer beginnen die Preise ihrer Immobilie zu sinken.
Im Lauf einiger Jahre sind die Immobilien des Quartiers mehrheitlich im Eigentum einer Bevölkerungsgruppe. Kulturwissenschaftlich spricht man von dem Gegenteil von Integration, nämlich der kulturellen Segregation. Ein international bekanntes Beispiel dieses Phänomens sind die weltweit verbreiteten Chinatowns. Hierzulande gibt es meines Wissens keine Chinatown.

Ich freue mich auf die Begegnung mit anderen kreativen Menschen. Die Vernissage findet Morgen um 19:00 Uhr statt.

(Herr Ärmel ist bekannt als der Untertan mit Mantel, Regenschirm und Hut. Die hier präsentierten prächtigen Hüte jedoch befinden sich nicht in den Ärmelschen Hutschachteln. Foto anklicken öffnet, wie immer, die Galerie)