Rock’n’Roll : Bundeskanzler und Bundesstrassen

Es war das erste Konzert, bei dem ich im Publikum echte Rock’n’Roller erlebte. Irgendwie aus der Zeit gefallen und scheinbar stehengeblieben, die alten Herren mit den pomadisierten Entenschwänzen und völlig unförmigen Lederklamotten aus den 50er Jahren. Am Ende des Konzerts lag das Sitzmobiliar auf einem grossen Haufen als Kleinholz mitten in der Halle. Wir Kleinstadtbuben waren mächtig beeindruckt. Es geschah bei einem Auftritt von Chuck Berry. Die Veröffentlichung seiner letzten Scheibe erlebte er leider nicht mehr. Nichts wirklich Neues, aber die Stimmung kommt bei den meisten Stücken noch immer rüber: Chuck Berry – Chuck (2017)…

Die Aufregung um seinen Tod ebbt offensichtlich schnell ab. Gut so. Was ich von ihm gelernt habe und ihm verdanke, ist das Recht auf Vergessen. Mehrere Prüfbegegnungen mit deutschen Behörden liefen für mich dadurch positiv, weil ich mich auf das Recht des Vergessens berief. In meinen Fällen ging es allerdings weder um Parteispenden noch um andere moralisch zweifelhafte Handlungen.
Es geschah zufällig während seiner Amtszeit als Bundeskanzler, dass den Besatzungsmächten die Bewachung und Bevormundung der beiden Deutschlands zu teuer geworden war. So ist der Lauf der Geschichte. Er war ebenso wenig der Macher der deutschen Wiedervereinigung wie Ludwig Erhard der Vater der DM gewesen ist oder irgendetwas zum sogenannten deutschen Wirtschaftswunder beigetragen hat. Aber das schlichte Gemüt des Alltagsmenschen in uns liebt eben historische Verklärungen statt der echten alten Volksmärchen. Die Historiker dagegen sprechen eine andere, eindeutige Sprache.
Was ich ihm noch immer verüble, ist das uneingelöste Versprechen blühender Landschaften im Osten Deutschlands. Denn auch ich im Westen verband Hoffnungen mit der Wiedervereinigung. Nämlich mindestens das Ende des politischen und kulturellen Tiefschlafs in Deutschland und damit das ersehnte Ende der Herrschaft Kohls.
Welch ein böses Erwachen, als die Menschen im Osten Deutschlands ausgerechnet seine Partei erneut zur stärksten Kraft machten und damit seinen Freunden, den windigen Wendegeschäftemachern und absahnenden Kahlschlägern Tür und Tor öffneten.
Aber das ist lange her. Jetzt beginnen die Legendenschmiede mit ihrem Gedengel. Das interessiert mich nicht. Mir ist wichtiger, dass ich endlich den Osten meines Landes bereisen und Menschen kennenlernen kann. In den Gesprächen dabei kann ich viel von den Menschen lernen und meinen indoktrinierten Blick auf die ehemalige DDR endlich korrigieren.

Zu Beginn der 1930er Jahre nummerierte man die Fernverkehrsstrassen in Deutschland. Diese folgten häufig alten, manchmal sogar jahrhundertealten Handelswegen. Vereinfacht kann man sagen, umso kleiner die Ziffer, desto länger die Strasse. Die Reichsstrasse 1 (R1) beispielsweise führte über fast 1400 Kilometer von Aachen bis nach Eydtkuhnen an der damaligen deutsch-lettischen Grenze. Daraus wurde im Lauf der Geschichte die heutige B 1, die jetzt von Aachen nach Küstrin-Kietz an der deutsch-polnischen Grenze verläuft.

Der Fernreisende ist gewohnt, das weithin gut ausgebaute deutsche Autobahnnetz zu nutzen. Hohe Geschwindigkeiten versprechen Zeitersparnis. An diese versprochene Wirklichkeit kann ich mich noch gut erinnern. In knapp vier Stunden Fahrzeit von Frankfurt nach Hamburg oder nach München waren fast immer möglich. Das ist lange her. Kilometerlange Baustellen und Karawanen von Lastkraftwagen bedingen erhebliche Geschwindigkeitsreduktionen bei enorm erhöhtem Zeitaufwand. Warum also nicht zur Überwindung einer längeren räumlichen Distanz wieder einmal eine der vielen Fernverkehrsstrassen benutzen. Beispielsweise die B 6, die alte R 6. Sie führte ursprünglich von Bremerhaven nach Görlitz. Und nach der Besetzung Polens ab 1939 gar bis Breslau. Nach dem zweiten Weltkrieg endete die B 6 an der deutsch-deutschen Grenze bei Goslar und wurde in der DDR als F 6 (Fernstrasse 6) vom Harz bis nach Görlitz weitergeführt. Derzeit verläuft die B 6 von Bremen nach Görlitz. Oder umgekehrt.
Wir entschieden uns gegen die übervolle, verstopfte Autobahn A4 und nahmen dafür die B 6 westwärts. So viele Attraktionen warten entlang der Strecke. In Löbau das von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke, das entsprechend der Vorgaben des Nudelfabrikanten Schminke an seine Vorliebe für Schiffe erinnern sollte. Orts- und Stadrdurchfahrten, bei denen es mehr zu sehen gibt, als man aufnehmen kann. In Dresden beispielsweise das ehemalige Fabrikgebäude der Zigarettenfabrik Yenidze.
Seinerzeit im alten Morgan fuhr ich viel öfter auf Fernstrassen. Eine Fahrt von zwei- bis dreihundert Kilometern auf den grossen Bundesstrassen dauert kaum länger als die gleiche Strecke auf der Autobahn. Obendrein fährt man entspannter und hat einen breiteren Raum, den man sehend erfassen kann. Einzig die Verführungen (nicht nur für Fotografen) entlang der Strecke, die Baudenkmale, verlockende Gasthäuser an alten Strassenkreuzungen und malerische Landschaften können die Reisezeit verzögern. Aber selbst dies wird man am Ende als Gewinn für sich verbuchen können.

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Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

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Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

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Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

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Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

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Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

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Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

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Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

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Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Gold aus Warnemünde

Die aktuellen Scheiben von Magma (Félicité Thösz, (2012), Rïah Sahïltaahk (2014) und Šlağ Tanz (2015) haben mich erschreckt. Viel besser kommt mir in die Ohren: Calexico – Edge Of The Sun (2CD Lim. Ed., 2015)…

Zwei Autoren. Einer ist aufgewachsen und sozialisiert in der BRD. Der andere aufgewachsen und sozialisiert in der DDR. Beide recherchieren. Martenstein wandert dafür sogar ins Gefängnis. Und Peuckert verspielt viele Chancen einer möglichen Karriere.
Der Reihe nach.
Die reifere Jugend erinnert sich noch an die Tagesthemen der ARD. An die vom 9.11.1989. Genau. Günter Schabowskis Pressekonferenz. Und die Jüngeren lernen das mittlerweile im Schulunterricht.
Den beiden Autoren, oder wars bloss einer von den beiden, fällt nämlich eine zeitliche Diskrepanz auf. Warum teilte Schabowski die wichtige Nachricht erst 1989 und nicht schon 1985 den Journalisten mit?

Guttenberg ist mittlerweile Wirtschaftsminister. Das von hat er abgelegt. Ein kluger Zug von Anpassung an proletarische Gepflogenheiten. Sein Hasspegel in der BRD wird nur noch von dem des Hartmut Mehdorn überboten. Der kleine Gregor Gysi hats inzwischen zum Kulturminister gebracht. Und Sascha Anderson ist Chef der Leipziger Buchmesse. Ach ja, und das obwohl er doch inzwischen der Schwiegersohn von Herrn M. Walser geworden ist.
Die Autoren berichten über einen langen Zeitraum. Spielen sich die Bälle zu. Wenn man das so sagen kann. Aktuell spielt die Geschichte im Jahr 2015.
Da kam einiges ins Rollen als Günter Schabowski die welterschütternde Nachricht verlas: „Soeben wird mir mitgeteilt, dass an der Ostseeküste der Deutschen Demokratischen Republik umfangreiche Erdölvorkommen entdeckt worden sind. Nach den Angaben unserer Geologen handelt es sich um die grössten bisher bekannten Lagerstätten der Erde. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik hat sich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, dass ab sofort Öl zu Verfügung steht.“ … Pause. Stimmengewirr. Fragen. „Soweit ich weiss, gilt das ab sofort. Unverzüglich.“

Inzwischen wird ja versucht, diese unglaubliche Neuigkeit umzudrehen. Das wird teilweise so absurd, dass man die Bevölkerung Glauben machen will, die beiden deutschen Staaten wären wiedervereinigt. Inzwischen soll es schon Menschen geben, die das glauben.
Die sollten mal Herrn Guttenberg, den Wirtschaftsminister der DDR dazu befragen. Oder Herrn Mehdorn. Der hat Robotron zum weltweit führenden Computerhersteller gemacht. Und dafür einen Vorstandsposten bei der Bahn sausen lassen.
Die Autoren versuchen die Geheimnisse der Erdölförderung aufzudecken. Sie sprechen mit ganz unterschiedlichen Menschen. Und immer hat irgendjemand irgendwie die verhindernden Finger im Spiel. Herr Kasner, vormals Pfarrer, vermisst seine Tochter Angela. Die verschwand nach ihrer Heirat mit einem gewissen Herrn Merkel. Sie wird in Bautzen vermutet. Darüber will aber niemand sprechen. Und etwas genaues weiss sowieso niemand.
Für einen nächsten Termin nimmt Martenstein fünf Kilo Gras im Koffer mit. Die Grenzkontrollen sind zwar ziemlich lasch, aber er wird prompt erwischt. Die Leute in der DDR sollen trinken und nicht rauchen. Martenstein bringt das ins Gefängnis. Auch Peukert bekommt genug Schwierigkeiten. Und verarmte Menschen aus der BRD reissen sich um ein Arbeitsvisum für die DDR.

Martenstein, Harald; Peuckert, Tom: Schwarzes Gold aus Warnemünde. Aufbau atb, Berlin 2016.

Zum Schmökern habe ich eigentlich garkeine Zeit. Von wegen Reduktion und so. Dennoch warens für mich 256 durchweg kurzweilige Seiten.

Rahmenabsteckung

Ich werde mich daran gewöhnen müssen, diese unerwünschten Nachrichten als naturgegeben hinzunehmen. Meine musikalischen Helden kommen in die Jahre. Family, King Crimson, Roxy Music, Phil Manzanera (801), U.K., Uriah Heep oder Wishbone Ash waren die vielleicht bekanntesten Gruppen, für die John Wetton (12.6.1949 – 31.1.2017) den Bass zupfte…

Meine gegenwärtige Lebensphase wird geprägt von einem Projekt unter dem Titel Fülle durch Reduktion. Wie kommt man zu dem Begriff oder der Metapher von der Fülle durch Reduktion? In meinem Fall stehen dafür individuelle Prägungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir auf meinem eigenen Lebensweg zuteil geworden sind. Insofern wird es in weiteren Beiträgen nicht um komplizierte theoretische Blasen gehen oder abstraktes Geschwurbel. Es wird um die Praxis meines Alltags gehen. Um die darin auffindbaren Möglichkeiten und die Grenzen des individuell Machbaren.
Insofern wird es hier in diesem Blog persönlicher werden. Dazu ermutigt haben mich neben zahlreichen persönlichen Gesprächen auch die Mehrzahl der letzten Kommentare. Wenn Menschen, die in der nächsten Zeit hier vorbeischauen, für sich eine brauchbare Anregung in den Themen finden sollten, dann wäre das ein erfreulicher Erfolg für alle Beteiligten.

Bei der Fülle durch Reduktion handelt es sich um einen grundlegenden Paradigmenwechsel von quantitativen hin (oder zurück) zu qualitativen Werten. Jeder, der das weltweite Geschehen aufmerksam beobachtet, kann bemerken, dass der Masse Mensch qualitatives Wertedenken durch ein Quantitatives weitgehend bereits ersetzt worden ist. Dieser Prozess ist gesteuert. Interessiert sind dabei nicht nur Konsumartikelproduzenten. Die herrschenden Eliten im allgemeinen haben daran ein Interesse. Ihr Werkzeug dabei ist der Wettbewerb um jeden Preis. Jeder gegen jeden. Und dabei die Marionettenspieler und Strippenzieher nicht erkennen.

Dreh- und Angelpunkt für die sich weltweit zuspitzende Notlage jedes einzelnen Menschen ist für mich das bürgerliche Gesellschaftssystem im demokratischen Gewand. Nicht umsonst wird in unserem Land bei jeder sich bietenden Gelegenheit den bürgerlichen Werten, dem Wettbewerb und der Demokratie das Wort geredet. Die böse Dreieinigkeit vor der kein Entkommen möglich scheint. Es fehlt die Möglichkeit einer Alternative. Das kommunistische System, das ebenfalls ein bürgerliches System gewesen ist, war zum Untergang bloss früher als das kapitalistische System verurteilt. Und die jetzigen Populisten denken ebenso wenig an die Menschen, es geht ihnen um Macht und Geld.

Jeder kann es wissen, kaum jemand will es wahrhaben und über allem schweben die Hoffnung, von allem Üblen verschont zu bleiben und der gleichzeitige Wunsch nach ein wenig „Mehr“ bitteschön. Etwas mehr Luxus, ein besseres Gehalt, Immobilieneigentum, das neue Kraftfahrzeug, Hobbies. Mehr mehr mehr.
Auch ich stelle schmerzlich fest, immer wieder von „Verbesserungswünschen“ heimgesucht zu werden. Einziger Trost dabei ist mir die Wahrnehmung, noch immer ein Teil meiner menschlichen Umgebungen zu sein.
Optimierung lautet ohnehin die Parole. Politik und Industrien machen es deutlich. Die entscheidenden Fragen beginnen nicht mit warum sondern mit wie. Wie machen wir das? Statt, warum wir machen das? Das ob wird dabei gleich mitabgeschafft. Beispiele dafür kann man in jedem Moment Dutzende finden. Kritische Einwände, ob dies oder jenes sinnvoll ist oder ob es überhaupt der Menschheit dient, werden handstreichartig weggewischt. Man wird verdächtigt, zurück ins Mittelalter zu wollen. Wird überschüttet mit Häme.
Ich hätte nichts gegen bestimmte Formen mittelalterliches Lebens. Der feudale Haushalt, Oikos (daher kommt das Wort Ökonomie), war vereinfacht gesagt eine primitive Art sozialstaatlichen Handelns. In etwa also das, was die bürgerlichen Parteien bei uns gerade restlos am vernichten sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist gewollt.
Ich empfinde mich aber gleichsam in der griechischen Antike lebend. In einer derartigen Demokratie. Damals hatte mitnichten das Volk ein Mitspracherecht an den politischen Prozessen. Es waren lediglich die Freien, d.h. diejeinigen Menschen, die nicht um ihre alltägliche Notdurft arbeiten mussten. Diese reiche Elite, und nur sie hatte ein wirkliches Mitspracherecht an politischen Entscheidungen. Der grosse Rest waren Unfreie und Halbfreie, denen grundlegende Rechte fehlten. Das wird heute gerne verschwiegen. In Deutschland gibt es noch immer nicht das Instrument des Volksentscheids.
Damit ist der grosse Rahmen abgesteckt, indem sich meine Motivation entfaltet hat, manches wenigstens versuchsweise zu verändern. Aussteigen kann ohnehin niemand mehr. Das beste Beispiel dafür liefern prominente Aussteiger selbst. Und wenn sich ein Exkommunarde und Schaulinker wie Rainer Langhans im Dschungelcamp für Geld produziert, dann pfeifens die Spatzen von den Dächern.

                    Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein mittelwinterlich herzfrostfreies Wochenende.