Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

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Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

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Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

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Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

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Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

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Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

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Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

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Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Gold aus Warnemünde

Die aktuellen Scheiben von Magma (Félicité Thösz, (2012), Rïah Sahïltaahk (2014) und Šlağ Tanz (2015) haben mich erschreckt. Viel besser kommt mir in die Ohren: Calexico – Edge Of The Sun (2CD Lim. Ed., 2015)…

Zwei Autoren. Einer ist aufgewachsen und sozialisiert in der BRD. Der andere aufgewachsen und sozialisiert in der DDR. Beide recherchieren. Martenstein wandert dafür sogar ins Gefängnis. Und Peuckert verspielt viele Chancen einer möglichen Karriere.
Der Reihe nach.
Die reifere Jugend erinnert sich noch an die Tagesthemen der ARD. An die vom 9.11.1989. Genau. Günter Schabowskis Pressekonferenz. Und die Jüngeren lernen das mittlerweile im Schulunterricht.
Den beiden Autoren, oder wars bloss einer von den beiden, fällt nämlich eine zeitliche Diskrepanz auf. Warum teilte Schabowski die wichtige Nachricht erst 1989 und nicht schon 1985 den Journalisten mit?

Guttenberg ist mittlerweile Wirtschaftsminister. Das von hat er abgelegt. Ein kluger Zug von Anpassung an proletarische Gepflogenheiten. Sein Hasspegel in der BRD wird nur noch von dem des Hartmut Mehdorn überboten. Der kleine Gregor Gysi hats inzwischen zum Kulturminister gebracht. Und Sascha Anderson ist Chef der Leipziger Buchmesse. Ach ja, und das obwohl er doch inzwischen der Schwiegersohn von Herrn M. Walser geworden ist.
Die Autoren berichten über einen langen Zeitraum. Spielen sich die Bälle zu. Wenn man das so sagen kann. Aktuell spielt die Geschichte im Jahr 2015.
Da kam einiges ins Rollen als Günter Schabowski die welterschütternde Nachricht verlas: „Soeben wird mir mitgeteilt, dass an der Ostseeküste der Deutschen Demokratischen Republik umfangreiche Erdölvorkommen entdeckt worden sind. Nach den Angaben unserer Geologen handelt es sich um die grössten bisher bekannten Lagerstätten der Erde. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik hat sich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, dass ab sofort Öl zu Verfügung steht.“ … Pause. Stimmengewirr. Fragen. „Soweit ich weiss, gilt das ab sofort. Unverzüglich.“

Inzwischen wird ja versucht, diese unglaubliche Neuigkeit umzudrehen. Das wird teilweise so absurd, dass man die Bevölkerung Glauben machen will, die beiden deutschen Staaten wären wiedervereinigt. Inzwischen soll es schon Menschen geben, die das glauben.
Die sollten mal Herrn Guttenberg, den Wirtschaftsminister der DDR dazu befragen. Oder Herrn Mehdorn. Der hat Robotron zum weltweit führenden Computerhersteller gemacht. Und dafür einen Vorstandsposten bei der Bahn sausen lassen.
Die Autoren versuchen die Geheimnisse der Erdölförderung aufzudecken. Sie sprechen mit ganz unterschiedlichen Menschen. Und immer hat irgendjemand irgendwie die verhindernden Finger im Spiel. Herr Kasner, vormals Pfarrer, vermisst seine Tochter Angela. Die verschwand nach ihrer Heirat mit einem gewissen Herrn Merkel. Sie wird in Bautzen vermutet. Darüber will aber niemand sprechen. Und etwas genaues weiss sowieso niemand.
Für einen nächsten Termin nimmt Martenstein fünf Kilo Gras im Koffer mit. Die Grenzkontrollen sind zwar ziemlich lasch, aber er wird prompt erwischt. Die Leute in der DDR sollen trinken und nicht rauchen. Martenstein bringt das ins Gefängnis. Auch Peukert bekommt genug Schwierigkeiten. Und verarmte Menschen aus der BRD reissen sich um ein Arbeitsvisum für die DDR.

Martenstein, Harald; Peuckert, Tom: Schwarzes Gold aus Warnemünde. Aufbau atb, Berlin 2016.

Zum Schmökern habe ich eigentlich garkeine Zeit. Von wegen Reduktion und so. Dennoch warens für mich 256 durchweg kurzweilige Seiten.

Rahmenabsteckung

Ich werde mich daran gewöhnen müssen, diese unerwünschten Nachrichten als naturgegeben hinzunehmen. Meine musikalischen Helden kommen in die Jahre. Family, King Crimson, Roxy Music, Phil Manzanera (801), U.K., Uriah Heep oder Wishbone Ash waren die vielleicht bekanntesten Gruppen, für die John Wetton (12.6.1949 – 31.1.2017) den Bass zupfte…

Meine gegenwärtige Lebensphase wird geprägt von einem Projekt unter dem Titel Fülle durch Reduktion. Wie kommt man zu dem Begriff oder der Metapher von der Fülle durch Reduktion? In meinem Fall stehen dafür individuelle Prägungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir auf meinem eigenen Lebensweg zuteil geworden sind. Insofern wird es in weiteren Beiträgen nicht um komplizierte theoretische Blasen gehen oder abstraktes Geschwurbel. Es wird um die Praxis meines Alltags gehen. Um die darin auffindbaren Möglichkeiten und die Grenzen des individuell Machbaren.
Insofern wird es hier in diesem Blog persönlicher werden. Dazu ermutigt haben mich neben zahlreichen persönlichen Gesprächen auch die Mehrzahl der letzten Kommentare. Wenn Menschen, die in der nächsten Zeit hier vorbeischauen, für sich eine brauchbare Anregung in den Themen finden sollten, dann wäre das ein erfreulicher Erfolg für alle Beteiligten.

Bei der Fülle durch Reduktion handelt es sich um einen grundlegenden Paradigmenwechsel von quantitativen hin (oder zurück) zu qualitativen Werten. Jeder, der das weltweite Geschehen aufmerksam beobachtet, kann bemerken, dass der Masse Mensch qualitatives Wertedenken durch ein Quantitatives weitgehend bereits ersetzt worden ist. Dieser Prozess ist gesteuert. Interessiert sind dabei nicht nur Konsumartikelproduzenten. Die herrschenden Eliten im allgemeinen haben daran ein Interesse. Ihr Werkzeug dabei ist der Wettbewerb um jeden Preis. Jeder gegen jeden. Und dabei die Marionettenspieler und Strippenzieher nicht erkennen.

Dreh- und Angelpunkt für die sich weltweit zuspitzende Notlage jedes einzelnen Menschen ist für mich das bürgerliche Gesellschaftssystem im demokratischen Gewand. Nicht umsonst wird in unserem Land bei jeder sich bietenden Gelegenheit den bürgerlichen Werten, dem Wettbewerb und der Demokratie das Wort geredet. Die böse Dreieinigkeit vor der kein Entkommen möglich scheint. Es fehlt die Möglichkeit einer Alternative. Das kommunistische System, das ebenfalls ein bürgerliches System gewesen ist, war zum Untergang bloss früher als das kapitalistische System verurteilt. Und die jetzigen Populisten denken ebenso wenig an die Menschen, es geht ihnen um Macht und Geld.

Jeder kann es wissen, kaum jemand will es wahrhaben und über allem schweben die Hoffnung, von allem Üblen verschont zu bleiben und der gleichzeitige Wunsch nach ein wenig „Mehr“ bitteschön. Etwas mehr Luxus, ein besseres Gehalt, Immobilieneigentum, das neue Kraftfahrzeug, Hobbies. Mehr mehr mehr.
Auch ich stelle schmerzlich fest, immer wieder von „Verbesserungswünschen“ heimgesucht zu werden. Einziger Trost dabei ist mir die Wahrnehmung, noch immer ein Teil meiner menschlichen Umgebungen zu sein.
Optimierung lautet ohnehin die Parole. Politik und Industrien machen es deutlich. Die entscheidenden Fragen beginnen nicht mit warum sondern mit wie. Wie machen wir das? Statt, warum wir machen das? Das ob wird dabei gleich mitabgeschafft. Beispiele dafür kann man in jedem Moment Dutzende finden. Kritische Einwände, ob dies oder jenes sinnvoll ist oder ob es überhaupt der Menschheit dient, werden handstreichartig weggewischt. Man wird verdächtigt, zurück ins Mittelalter zu wollen. Wird überschüttet mit Häme.
Ich hätte nichts gegen bestimmte Formen mittelalterliches Lebens. Der feudale Haushalt, Oikos (daher kommt das Wort Ökonomie), war vereinfacht gesagt eine primitive Art sozialstaatlichen Handelns. In etwa also das, was die bürgerlichen Parteien bei uns gerade restlos am vernichten sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist gewollt.
Ich empfinde mich aber gleichsam in der griechischen Antike lebend. In einer derartigen Demokratie. Damals hatte mitnichten das Volk ein Mitspracherecht an den politischen Prozessen. Es waren lediglich die Freien, d.h. diejeinigen Menschen, die nicht um ihre alltägliche Notdurft arbeiten mussten. Diese reiche Elite, und nur sie hatte ein wirkliches Mitspracherecht an politischen Entscheidungen. Der grosse Rest waren Unfreie und Halbfreie, denen grundlegende Rechte fehlten. Das wird heute gerne verschwiegen. In Deutschland gibt es noch immer nicht das Instrument des Volksentscheids.
Damit ist der grosse Rahmen abgesteckt, indem sich meine Motivation entfaltet hat, manches wenigstens versuchsweise zu verändern. Aussteigen kann ohnehin niemand mehr. Das beste Beispiel dafür liefern prominente Aussteiger selbst. Und wenn sich ein Exkommunarde und Schaulinker wie Rainer Langhans im Dschungelcamp für Geld produziert, dann pfeifens die Spatzen von den Dächern.

                    Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein mittelwinterlich herzfrostfreies Wochenende.

 

2017 – immer horsche immer gugge – egal wo und wann

Ich freue mich aus mir unerfindlichen Gründen auf die erste Scheibe mit dem Jahresaufdruck 2017. Dabei gibt es wahrlich genug Musik im Ärmelarchiv. Bis dahin: Magic Sam – West Side Soul 1967)…

Das neue Jahr beginnt. Ich misstraue den guten Vorsätzen in der Silvesternacht. Aus eigener Erfahrung und in der Erinnerung an die Vorsätze anderer Menschen. Die Halbwertzeit dieser Vornehmungen ist bedauerlich kurz.
Dagegen vertraue ich auf andauernde Metamorphosen. Verwandlungen, umso langfristiger desto besser.

Machsten du an Silvester?
S gibt verschiedene Einladungen. Lust hätte ich auf was ganz Ruhiges.
Zwei Silvester habe ich auf Intensivstationen verbracht. Nicht wegen eines Abusus gleich welchen Ursprungs. Davon ist etwas geblieben.
Und du?
Wie gewohnt. Mit Freunden, die das Haus auf der Insel haben.
Na, das wird sicher wieder stimmungsvoll. Viel Spass dabei. Wir werden telefonieren.

Klar, gerne. Fein, lass uns was zusammen machen. Auf schön ruhig freue ich mich.
Wir können uns was kochen. Prima Musik. Lecker Getränke.
Lass uns ein schlichtes Menu ausdenken.
Klasse Idee.

Was ist denn los? Ist dir nicht gut?

Silvester im Krankenhaus geht garnicht. In besagtem Krankenhaus sind ab einundzwanzig Uhr keine Besuche(r) mehr erlaubt. Auch nicht an Weihnachten oder Silvester. Schliesslich ist ein Krankenhaus heutzutage ein betriebswirtschaftlich organisiertes Unternehmen. Wirtschaftsgegenstand sind Menschen und deren Krankheiten. Damit wird Geld verdient. Und mit dem Geld werden Arbeitsplätze geschaffen und erhalten. Oder auch abgebaut.
Der kranke Mensch ist der eine Aspekt in diesem Wirtschaftskreislauf. Und die Zertifizierungen des Medizinalunternehmens der andere, der entscheidende Aspekt.

Die Beobachtungen der letzten Woche, das Horsche und Gugge in der Abteilung jenes Kranken Hauses reichten inzwischen fast für eine groteske Novelle. Wenn die Essenausgabe nach Zertifikat fast schon zu vielfältig – patientenorientiert versteht sich – ist, aber dafür völlig unsystematisch über den Flur und in die Zimmer verteilt wird; das wirft beim stillen Beobachter Fragen auf. Der Reihe nach von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett ginge schneller und ruhiger. Aber das ist eben nicht zertifiziert.
Der – nach eigener Aussage – wegen multiplem Krebs todgeweihte jüngere Mann im Zimmer quer gegenüber erhält Besuch.
Hallihallo, ich bin Melanie vom Wundmanagement, ich bin angerufen worden, um nach Ihrer Braunüle zu sehen. Warum sie nach ihrer Vorstellung wie ein Füllen wiehern muss – hühühühü – wird ihr zertifiziertes Geheimnis bleiben.
Wer beruflich noch unentschlossen ist, sollte sich vielleicht erkundigen, wo man sich zum zertifizierten Wundmanager ausbilden lassen kann. Wundmanager! In welchem Hirn wuchern solche Begriffe?
Mit der älterem Dame im Zimmer gegenüber habe ich mich gerne unterhalten. Sie ist offenbar verwirrt. Ständig gut gekleidet und zur Abreise bereit. Ihre Tasche steht bereits nach dem Frühstück perfekt gepackt auf ihrem ordentlich gemachten Bett. Ich kann mich ganz ernsthaft mit ihr bereden. Über ihre Sorge etwa, ob die Tischdecke jetzt zu gut ihrem Tisch passt. Da liegt zwar keine Tischdecke drauf, ich sehe sie trotzdem und gratuliere ihr zu ihrer guten Wahl.
Die Dame bringt mit ihrer Erscheinung eine angenehme Ruhe in die blau-weiss-kittelige Aufgeregtheit und Wichtigtuerei. Die Assistenzärztin kann nur in Fremdworten. Profilneurosen benötigen keine Zertifizierung. Ich habe das kleine Latinum und einen Internetzugang. Ich höre ihrem aufgeblasenen Gerede zu. Ob sie vom Blasen die geringste Ahnung hat – ich will es lieber nicht wissen, und unzertifiziert tuten braucht sie auch nicht.
Dr. Wichtig beispielsweise. Wahrscheinlich heisst der kaum fünfunddreissigjährige, einsneunzig grosse Mann mit dem Ziegenbart und der intelligent sein wollenden Brille ganz schlicht Müller-Wuppertal. Ständig schnellschrittig von hier nach dort. Ewig gehetzt. Zimmer rein, Zimmer raus. Wichtiger Aktentransporteur auch dem Karriereweg zur Zertifizierung.
Mit vierzig vermutlich selbst Patient in der Kardiologie. Es gibt Menschen, die mit Lichtenberg zu reden, meinen, alles was man mit einem ernsten Gesicht tut, wäre auch eine ernste Sache. Wie lange werden Wichtigtuer noch Konjunktur haben?

Wieso heisst es Krankenschwester aber Krankenpfleger und nicht Krankenbruder oder Krankenpflegerin? Die jungen Krankenbrüder waren durchweg freundlicher im Umgang mit den Patienten als die Krankenschwestern. Das ist mir positiv aufgefallen.

Ich habe viele weitere Beobachtungen sammeln dürfen. Oder müssen. Alles eine Frage des Standpunkts. Mir ist jedoch die grundsätzlich die Gesundheit näher. Gerne auch unzertifiziert.

Das neue Jahr hat begonnen. Es wird ein Gutes werden. Da bin ich mir sicher.
Und nächstes Silvester werden wir mit einem einfachen Menu feiern. Versprochen.
Eigentlich wollte ich das neue Jahr mit einem Beitrag zu einem Kochbuch beginnen. Der wird auch kommen. Zu seiner Zeit.

                                                              (Foto anklicken und gross gugge)