Dringende Ostwest Reduktion

Schlicht und dennoch ergreifend: Flogging Molly – Life Is Good (2017)…

Erst die Bundestagswahlen und nun auch noch der Tag der Einheit. Harte Kost in mageren Zeiten. Die Erklärungstheoretiker haben Hochkonjunktur. Rechtsradikale Partei und der Osten des Landes. Was da manchmal recherchiert und interpretiert und schlussendlich publiziert wird, kann einem den letzten Rest von Glauben an das Gemeinwesen Deutschland rauben.

„Ach, jetzt auch Sie, Herr Ärmel? Es hätte ja verwundert, wenn Sie dazu nicht auch noch etwas zu schreiben hätten.“
„Ich hätte es mir gut sparen können. Aber was in den verschiedenen Medien verbreitet wird, was in manchen Blogs geschrieben und kommentiert wird, es ist oft haarsträubend. Und geht noch häufiger an der Realität vorbei. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich motiviert. Ihr persönlicher Eigennutz, das politische Kalkül oder die pauschalisierende Schuldzuweisung sind in fast jedem Fall ebenso nachvollziehbar wie vordergründig durchsichtig.“

Die Pressekonferenz mit Herrn Schabowski, wie auch die später erfolgte Maueröffnung erlebte ich am Fernsehgerät. Die Tragweite der Rede Schabowskis erkannte ich im ersten Moment garnicht. Bei den Szenen der Maueröffnung trieb es mir Tränen in die Augen.
Ich beschäftigte mich zur Zeit der sogenannten Wiedervereinigung mit der Geschichte der deutschen Teilung. Die Worte des damaligen Bundeskanzlers hinsichtlich der Zukunft zeigten mir in diesem Kontext einen bis ins Mark verlogenen und verkommenen Politiker.

Drei Tage nach der Grenzöffnung besuchte ich das vormalige Haus von Johann Sebastian Bach in Eisenach. Ich nahm dort eine seltsame Stimmung wahr. Der Kommandoton der Aufsichtspersonen, den ich von früheren Grenzübertritten kannte, er passte so garnicht zum Verhalten der Museumsbesucher aus dem angrenzenden westlichen Ausland. Durch dieses Erlebnis wurde mein Interesse für das zukünftige Zusammenwachsen der beiden deutschen Teilstaaten geweckt. Und es hat sich seitdem noch weiter intensiviert.

Die folgenden Anmerkungen beruhen lediglich auf meinen eigenen Erfahrungen. Das sind meine Erlebnisse und Gespräche mit Menschen in Ost und West, mit mir bekannten oder bis dahin unbekannten Privatleuten und Zeitzeugen für verschiedene kulturwissenschaftliche Arbeiten. Also keine interessegestützten Statistiken, keine soziologischen Abstraktrusitäten oder Meinungen nur so vom Hörensagen.

Die Wiedervereinigung war ein ausschliesslich politischer Prozess, der von mächtigen, wirtschaftlich tätigen Akteuren sofort zu eigenützigen Profitinteressen genutzt worden ist. Die politischen Akteure griffen nicht regelnd im Sinn der Menschen ein. Soziale Komponenten waren sowohl für die Menschen drüben wie hüben nachrangig. Eine Rücksichtnahme auf die beiden Bevölkerungen fand nicht statt.
– Meine grösste Enttäuschung war das erste Wahlergebnis in den östlichen Bundesländern. Mehrheitlich die Partei zu wählen, die den Kahlschlag in der vormaligen DDR in Gang setzte; ich habe es bis heute nur ansatzweise begriffen.
– Bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen herrscht auch siebenundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung relativ wenig wirkliches Wissen über das Alltagsleben im jeweils anderen Teil des Landes. Im Westen ist es Desinteresse und gesteuerte Desinformation. Im Osten das Halbwissen des Nachbarn hinterm Gartenzaun. Wenn man sich aber zusammensetzt und sich mit Interesse austauscht, wird man zahlreiche Missverständnisse finden und aufklären. Das führt abwechselnd manchmal zu Lachen oder ungläubigem Staunen..
Die DDR gab es ebensowenig wie es die BRD gab. Es gibt Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Dies zeigt sich in der Infrastruktur, in der Versorgung und letztlich auch im kulturellen Habitus.
– Die meisten Menschen in den neuen Bundesländern sind Wendegewinner. Viele Rentner sind durchschnittlich besser gestellt. Ein Instrument wie die Witwenrente beispielsweise gab es in der DDR nie. Viele Handwerker sind zu nennen, die sich selbstständig gemacht haben und nicht gleich mehr Geld ausgaben als sie einnahmen. Sie sind Gewinner geblieben.
– Die vielgepriesene Reisefreiheit des Westens, wer konnte sie so uneingeschränkt nutzen, wie sie angepriesen worden ist? Und die vollen Regale allüberall. Klar, es gab fast alles. Aber wer konnte sich die vielen Dinge denn auf Dauer wirklich leisten? Kredite sind limitiert und die Schuldenberater hier wie dort sprechen eine eindeutige Sprache. Die Banken hielten und halten die Zügel fest in der Hand.
– Wer sich die Mühe macht, in drei, vier grossen Zeitungen, etwa die FAZ, Süddeutsche oder Die Zeit auf die Verwendung von wertenden Adjektiven in Meldungen und Berichten über die östlichen Landesteile hin zu untersuchen, dem können die Augen übergehen. Es ist die noch immer andauernde subtile Abwertung des Ostens.
– Die Bilanz ist jedenfalls besser, als sie tagein tagaus dargestellt wird. Die sogenannten „abgehängten“ Menschen gibt es im ganzen Bundesgebiet. Die gab es vorher in den beiden deutschen Staaten ebenso. Nur, dass sie in der ehemaligen DDR weniger auffielen. Und diejenigen Menschen, die versuchen auf dem einfachsten Weg durchzukommen, die hatten es durch die Arbeitsprozesse in der DDR tatsächlich einfacher. Verlierer sind natürlich auch die Menschen, deren Berufe in enger Berührung zum Staat ausgeführt worden sind. Militärs und Polizisten kommen in wechselnden Systemen immer wieder überraschend schnell unter, da wird nicht so genau hingeschaut. Anders bei den Berufen, die ebenfalls ihre Staatstreue bezeugen müssen.

Meine bisherigen Erkenntnisse zeigen mir, dass die Wiedervereinigung mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht hat. Auch beim vielberufenen Gejammer über die „Zustände im Land“ ist das deutsche Volk weitgehend zusammengewachsen. Dass die Bevölkerung im Osten andere Vergangenheiten betrauert als die Bevölkerung im Westen versteht sich. Aber was den Konsum privater Haushalte betrifft, so wird gesamtdeutsch gekauft, was noch irgendwohin passt und was die Banken an Krediten vergeben.

Dies sind nur einige Beispiele aus meinen privaten Erfahrungen. Sie sind somit subjektiv und willkürlich ausgewählt. Freudig nehme ich aber wahr, dass es nicht wenige andere Menschen mit viel Interesse und gutem Willen gibt, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen hinsichtlich der angeblich in vielen Bereichen noch immer andauernden Teilung in Ost und West. Die imaginäre Teilung ist politisch und wirtschaftlich motiviert. Wo Teilung herrscht entsteht keine Solidarität. Umso bedauerlicher, dass viele Menschen sich selbst und freiwillig vor den Karren dieser Interessen spannen, die vom Virus der Teilung gut herrschen können und noch bessere Geschäfte machen. Und der Besserossi ist keinen Deut besser als der Besserwessi und umgekehrt.

Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde. Und was man wahrscheinlich erst so richtig einschätzen kann, wenn man in einem der vielen anderen Länder irgendwo auf der Erde gelebt und gearbeitet hat, ist den meisten Deutschen, und vielleicht besonders denen im Osten, garnicht bewusst. Wir haben eine Verfassungsgerichtsbarkeit, die jeden einzelnen Menschen  vor der Willkür des Staates und seiner Organe, zumindest weitestgehend, schützt. Das, finde ich, ist neben den individuellen materiellen Möglichkeiten allemal das höhere Gut. Und das menschlich Verbindende ist grundsätzlich heilsamer als das Trennende.

(Ein Foto aus dem Archiv)

 

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Die Reduktion der sogenannten bürgerlichen Mitte

Am vergangenen Wochenende wiederentdeckt: Frank Zappa – Hot Rats (1969)…

Das wahlberechtigte Volk hat gewählt. Ich auch. Und jetzt fragen sich viele, wer denn wohl der drittstärksten Partei seine Stimme gegeben haben mag. Ich nicht. Aber eigentlich, versteht sich, ist das doch fast jedem klar. Andererseits aber eben doch nicht, denn von den derzeit vorliegenden Statistiken wird fast jede dieser Spekulationen widerlegt.
Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich habe sowieso andere Fragen. Wer beispielsweise, der einigermassen sehenden Auges in die eigene Zukunft oder die seiner Kinder schaut, hat mit seiner Stimmmacht die Wiederauferstehung dieser allerüberflüssigsten gelben Partei ermöglicht? Denen Europa im hinteren unteren Süden vorbeigeht; die sich nichts sehnlicher wünscht als die Wiederkehr des wirtschaftsfeudalen Mittelalters. Denn dieses Ziel haben sie neben anderen in ihrem Wahlprogramm versprochen.

Von den Grünen kann man schweigen, denn deren Eliten arbeiten bekanntlich seit einigen Jahren bereits dafür, mit der Fähigkeit des Chamäleons endlich den eigenen Vorteilen zuliebe nach Belieben und Nutzen von grün zu gelb changieren zu können.
Bleibt die SPD mit ihrem Herrn Schulz. Ja dem, der mächtig retuschiert mit den eisblaukalten Augen von den Wahlplakaten stierte. Wer die Berliner Runde verfolgt und ihm zugehört hat, der weiss wie beleidigte Charaktere als Verlierer keifen und nachtreten können. Und vorgestern verkündete er im Seeheimer Kreis der SPD, dass man bei den nächsten Bundestagswahlen mindestens 40% holen werde. Dass manchen Sitzungsteilnehmern die Luft aus den schon vorher mächtig aufgeblasenen Backen entwichen ist, wen wunderts. In Sachsen, einst eine der Hochburgen der SPD gibt es Wahlkreise, da erreichte diese Partei nicht mal mehr 10%.
Ich fragte mich seinerzeit, warum der Mann, der als Präsident des Europäischen Parlamentes weit über eine Viertelmillion Euro im Jahr verdient (ohne Sonderzulagen versteht sich), warum der sich als Kanzler mit gerademal der Hälfte zufrieden geben will. Aber spätestens nach seinen beleidigten Reaktionen wurde es mir klarer. Der wollte ja ursprünglich Kommissionspräsident werden. Hat aber nicht hingehauen, den Posten hat sich Jean-Claude Duncker geschnappt. Manche Stimme lassen verlauten, dass er schon als Parlamentspräsident hoffnungslos überfordert gewesen sei. Aber Macht will mehr Macht. Vielleicht sollte der ehemalige Bürgermeister einer kleinen Stadt mit 38.962 Einwohnern (nach dem Stand vom 31.12.2015) wie der vielberufene Schuster bei seinem Leisten bleiben. Derzeit laufen schon Wetten, ob er im November überhaupt noch Chef der SPD bleiben wird.
Sodann ein Bundespräsident, der öffentlich allen Ernstes feststellte, dass „die Statik der Demokratie“ in diesem unseren Land nicht mehr stimmen würde. Und dass man erforschen müsse, was die Menschen so missmutig stimme. Hinter welchen Monden hat dieser Mensch in den letzten Jahren eigentlich gelebt? Seine Partei hat unter dem verhalten wohlgefallenen Nicken von CDU und FDP dem Sozialstaat endgültig den Garaus gemacht. Als Erstwähler damals vor Jahrzehnten bewunderten wir Willy Brandt und stimmten für seine SPD. Doch wie verkommen ist diese Partei inzwischen. Was ist geblieben vom Gothaer Programm oder gar vom Erfurter Programm? Ob diese Programme, ausser dem Namen nach, noch jemand kennt in der SPD?

Die Parteien an den Rändern legen zu, denn die Mitte unserer Gesellschaft ist weggebrochen. Gegen Ende der Weimarer Republik begann ein ähnlicher Prozess. Das Problem der Spaltung der Gesellschaft jedoch ist nicht das ewig bedauerte Wegbrechen der Mittelschicht, sondern die generelle Krise und der Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Angeheizt wird der beschleunigte Verfall durch den kranken Glauben an ein ewiges wirtschaftliches Wachstum. Fast jeder Mensch glaubt an das unausgesetzte Wachstum, weil es ihm vorgaukelt, er hätte die gleiche Chance wie die ewigen Gewinner. Hat er aber nicht. Und letztendlich fühlt es die Seele eines gesunden Menschen, dass wirtschaftliches Wachstum (oder mehr Wohlstand) nicht das Gleiche ist wie das Wachstum der eigenen Persönlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaftsform ist dabei das eigentliche Problem. Gerade mal zweihundert Jahre alt, hat sie, wie keine der früheren Gesellschaftsformen, unsere Erde und die Menschheit an den Abgrund gewirtschaftet.

Die Globalisierung ist reduziert auf rein wirtschaftliche Prozesse. Kolonisation mit anderen Mitteln als noch vor Jahrhunderten. Geschickter aber auch perfider. Rücksichtlose Ressourcenausbeutung. Privatisierung des Trinkwassers. Beispielsweise sind die Bodenschätze in Syrien längst verhökert – für prosperierende Geschäfte in der Zeit „danach“.
In unseren Breiten zum Beispiel ist das die knallharte und unmenschliche Ausbeutung der Arbeitskraft und Entrechtung der Arbeitnehmer. Und zwar in allen Etagen der Hierarchien. In allen? Nein, die Eliten sind davon selbstverständlich ausgenommen. Neben denen sind die Gewinner dieses sterbenden Systems seit Jahren nur die Eigentümer von Aktien und Schuldverschreibungen. Dem Rest der Menschen, im Grunde genommen die Milliarden Habenichtse rund um den Globus, wird nach Belieben mit Verarmung gedroht oder einfach das Geld entwertet. Und dies nicht bloss auf inflationären Wegen.
In Deutschland merkt man das erst jetzt ganz sanft. Einschnitte ins soziale Netz spüren die meisten Menschen hier noch garnicht am eigenen Leib. Das wird erst in den nächsten Jahren noch kommen. Stichwort Rentnerarmut. Aber das ist bloss der Anfang. Die Menschen werden jedoch medial schon dafür vorgeknetet. Damit man sie, wenn es dann soweit ist, leichter formen kann.
Und wie das mit den Menschen in unserem Land konkret veranstaltet wird, kann man am Programm und den Einschaltquoten der privaten Fernsehsender sehen und auf den meisten Radiosendern hören. Eine tagtäglich erbärmliche Wiederholung der stetigen Niveauabsenkung. Gezielte und gesteuerte Hirnerweichung und Seelenverbiegung.
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(Ich weiss zwar nicht, wer trommeln wird, gepfiffen jedoch wird bereits)

Manchmal ganz einfach

Das Archiv erneut um hunderte Scheiben erleichtert. Die Klänge sind stumpf geworden. Erleichterung. Leichte Begleitmusik:
Bad News Reunion – The easiest Way (1980)…

Die kleine Reisegruppe ist paritätisch besetzt. Neu und alt oder auch Ost und West. Die Interessen sind auf zwei Haltepunkte der kleinen Reise fixiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Mittelpunkt steht der Austausch über die jeweiligen Wahrnehmungen und Erkenntnisse. Mögliche neue Entdeckungen. Die gegenseitige Ergänzung des individuellen Wissens. Im guten Fall die solide Horizonterweiterung der Mitreisenden.

Zuerst eintauchen in die Welt der Geraden, der rechten Winkel und der damals neuen Materialien. Die Moderne, die wir heute die klassische Moderne zu nennen pflegen. Die planende und konstruierende Gedankenwelt. Kalt und zielgerichtet. Die Übernachtungen im ehemaligen Atelierhaus stilgerecht rekonstruiert. Die Räume sind auf den Zweck reduziert. Karg ohne Überflüssigkeiten. Schlicht und schön. Konzentrationsräume. Die Führungen sind sachlich, informativ und punktuell erfreulich humorvoll. Ich bin gerne offen für moderne Entwicklungen wenn dabei der Mensch mit seinen ursprünglichen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Das geschieht bedauerlicherweise immer seltener.
Beim Besuch der ehemaligen Meisterhäuser flackern zunächst unbestimmbare Emotionen In der Struktur unserer Gedanken auf. Meist bleiben unsere Gefühle im Spinnwust von Sympathie und Antipathie, Gefallen oder Nichtgefallen gefangen.
Vom Wohnzimmer Paul Klees hinaus in den Garten zu blicken. Die goldene Wandnische im Haus Wassily Kandinskys. Ist das Erhabenheit?  Interessant jedenfalls die Hinweise auf Mängel der Planung und Gestaltung. Noch deutlicher wahrzunehmen in der Siedlung Törten. Die Planer haben ihre ehrgeizigen Ziele häufig über die alltäglichen Lebensanforderungen der Arbeiter gestellt. Die Schattenseiten der l´art pour l´art. Nie zuvor stärker wahrnehmbar als in unserer Zeit.

Hunderte kilometerweite Fahrten durch die Dome alter Alleen. Die leichten Kurven der Landstrassen besänftigen die Gedankensphären der Reisenden. Quer durch den Fläming, die südöstliche Fortsetzung der Lüneburger Heide Richtung Nordosten. Die mässig hügelige, sanft gewellte Landschaft schafft die harmonisierende Gleichwertigkeit von Gedanken und Gefühlen. Wir sind auf dem Weg in die am dünnsten besiedelte Region Deutschlands. Wasserlandschaften. Endlos scheinende Wasserflächen, ewig in Bewegung. Fliessen, mäandern, unregelmässige Formen natürlicher Gestaltung. Logische Pläne, deren Wissen uns seit Jahrhunderten schon verloren gegangen ist. Gefühlswallungen statt lebendigem Wissen. Wie weit mögen wir die Fähigkeit, unsere Mitte zu bewahren, bereits verloren haben. Wir haben den Bogen weit gespannt. Zufriedenheit und Glück erfüllen das von alltäglichen Ablenkungen ermattete Gemüt.

Abends an einem Fluss sitzen. Eine Flasche Wein begleitet die Reflexionen, das nachwirkende Tagesgeschehen. Traumverwoben verschwimmt das Ufer in der Dämmerung. Fledermäuse stossen zackig in die Nacht.
Mit der aufgehenden Sonne am anderen Morgen wabern die Nebel über der Wasseroberfläche. Ein heisser Tee begleitet die Beobachtungen der sich stetig ändernden Lichter. Wie Wasser strömen wir dahin auf unseren Lebenswegen.
Ein anderes sind die Orte, die wir streiften und nicht besuchten. Sie sind aufbewahrt in Wünschen für kommende Reisen. Die vielen Begegnungen mit den Menschen wirken nach und werden sich vielleicht erzählen lassen zu ihrer Zeit.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende.

(Fotografie anklicken und alle Sinne öffnen…)

 

 

 

 

 

Deutsche Standards in einer Fotografie kompensiert

Vielleicht ist in musikalischer Hinsicht auch dies eine Reduktion. Immer wieder komme ich auf schlichten Blues zurück. Als ich begann, Musik bewusster wahrzunehmen, schwappte der British Blues Boom aufs Festland. Erst dadurch wurden die schwarzen Meister auch in Europa bekannt. Ten Years After – Cricklewood Green (1970). Und anschliessend: Howlin Wolf – His Best Vol.2 – Chess 50th Anniversary Collection (1997)…

Eine ebenso kurze wie bereichernde Reise in Deutschland hatte auch die Verhältnisse hierzulande zum Thema. Von der famosen Reisegruppe wurden viele Facetten bedacht, beleuchtet und besprochen. Als eine, wenn auch vorläufige, Quintessenz erscheint mir diese Fotografie. Viele Details lassen metaphorisch erkennen, was für mich deutsches Wesen und Kultur derzeit repräsentiert.

(Zum Vergrössern die Fotografie anklicken, Klick auf F11 machts noch grösser)

 

 

Rock’n’Roll : Bundeskanzler und Bundesstrassen

Es war das erste Konzert, bei dem ich im Publikum echte Rock’n’Roller erlebte. Irgendwie aus der Zeit gefallen und scheinbar stehengeblieben, die alten Herren mit den pomadisierten Entenschwänzen und völlig unförmigen Lederklamotten aus den 50er Jahren. Am Ende des Konzerts lag das Sitzmobiliar auf einem grossen Haufen als Kleinholz mitten in der Halle. Wir Kleinstadtbuben waren mächtig beeindruckt. Es geschah bei einem Auftritt von Chuck Berry. Die Veröffentlichung seiner letzten Scheibe erlebte er leider nicht mehr. Nichts wirklich Neues, aber die Stimmung kommt bei den meisten Stücken noch immer rüber: Chuck Berry – Chuck (2017)…

Die Aufregung um seinen Tod ebbt offensichtlich schnell ab. Gut so. Was ich von ihm gelernt habe und ihm verdanke, ist das Recht auf Vergessen. Mehrere Prüfbegegnungen mit deutschen Behörden liefen für mich dadurch positiv, weil ich mich auf das Recht des Vergessens berief. In meinen Fällen ging es allerdings weder um Parteispenden noch um andere moralisch zweifelhafte Handlungen.
Es geschah zufällig während seiner Amtszeit als Bundeskanzler, dass den Besatzungsmächten die Bewachung und Bevormundung der beiden Deutschlands zu teuer geworden war. So ist der Lauf der Geschichte. Er war ebenso wenig der Macher der deutschen Wiedervereinigung wie Ludwig Erhard der Vater der DM gewesen ist oder irgendetwas zum sogenannten deutschen Wirtschaftswunder beigetragen hat. Aber das schlichte Gemüt des Alltagsmenschen in uns liebt eben historische Verklärungen statt der echten alten Volksmärchen. Die Historiker dagegen sprechen eine andere, eindeutige Sprache.
Was ich ihm noch immer verüble, ist das uneingelöste Versprechen blühender Landschaften im Osten Deutschlands. Denn auch ich im Westen verband Hoffnungen mit der Wiedervereinigung. Nämlich mindestens das Ende des politischen und kulturellen Tiefschlafs in Deutschland und damit das ersehnte Ende der Herrschaft Kohls.
Welch ein böses Erwachen, als die Menschen im Osten Deutschlands ausgerechnet seine Partei erneut zur stärksten Kraft machten und damit seinen Freunden, den windigen Wendegeschäftemachern und absahnenden Kahlschlägern Tür und Tor öffneten.
Aber das ist lange her. Jetzt beginnen die Legendenschmiede mit ihrem Gedengel. Das interessiert mich nicht. Mir ist wichtiger, dass ich endlich den Osten meines Landes bereisen und Menschen kennenlernen kann. In den Gesprächen dabei kann ich viel von den Menschen lernen und meinen indoktrinierten Blick auf die ehemalige DDR endlich korrigieren.

Zu Beginn der 1930er Jahre nummerierte man die Fernverkehrsstrassen in Deutschland. Diese folgten häufig alten, manchmal sogar jahrhundertealten Handelswegen. Vereinfacht kann man sagen, umso kleiner die Ziffer, desto länger die Strasse. Die Reichsstrasse 1 (R1) beispielsweise führte über fast 1400 Kilometer von Aachen bis nach Eydtkuhnen an der damaligen deutsch-lettischen Grenze. Daraus wurde im Lauf der Geschichte die heutige B 1, die jetzt von Aachen nach Küstrin-Kietz an der deutsch-polnischen Grenze verläuft.

Der Fernreisende ist gewohnt, das weithin gut ausgebaute deutsche Autobahnnetz zu nutzen. Hohe Geschwindigkeiten versprechen Zeitersparnis. An diese versprochene Wirklichkeit kann ich mich noch gut erinnern. In knapp vier Stunden Fahrzeit von Frankfurt nach Hamburg oder nach München waren fast immer möglich. Das ist lange her. Kilometerlange Baustellen und Karawanen von Lastkraftwagen bedingen erhebliche Geschwindigkeitsreduktionen bei enorm erhöhtem Zeitaufwand. Warum also nicht zur Überwindung einer längeren räumlichen Distanz wieder einmal eine der vielen Fernverkehrsstrassen benutzen. Beispielsweise die B 6, die alte R 6. Sie führte ursprünglich von Bremerhaven nach Görlitz. Und nach der Besetzung Polens ab 1939 gar bis Breslau. Nach dem zweiten Weltkrieg endete die B 6 an der deutsch-deutschen Grenze bei Goslar und wurde in der DDR als F 6 (Fernstrasse 6) vom Harz bis nach Görlitz weitergeführt. Derzeit verläuft die B 6 von Bremen nach Görlitz. Oder umgekehrt.
Wir entschieden uns gegen die übervolle, verstopfte Autobahn A4 und nahmen dafür die B 6 westwärts. So viele Attraktionen warten entlang der Strecke. In Löbau das von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke, das entsprechend der Vorgaben des Nudelfabrikanten Schminke an seine Vorliebe für Schiffe erinnern sollte. Orts- und Stadrdurchfahrten, bei denen es mehr zu sehen gibt, als man aufnehmen kann. In Dresden beispielsweise das ehemalige Fabrikgebäude der Zigarettenfabrik Yenidze.
Seinerzeit im alten Morgan fuhr ich viel öfter auf Fernstrassen. Eine Fahrt von zwei- bis dreihundert Kilometern auf den grossen Bundesstrassen dauert kaum länger als die gleiche Strecke auf der Autobahn. Obendrein fährt man entspannter und hat einen breiteren Raum, den man sehend erfassen kann. Einzig die Verführungen (nicht nur für Fotografen) entlang der Strecke, die Baudenkmale, verlockende Gasthäuser an alten Strassenkreuzungen und malerische Landschaften können die Reisezeit verzögern. Aber selbst dies wird man am Ende als Gewinn für sich verbuchen können.

(Bild anklicken und die Galerie öffnen)

 

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Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

i
Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

ii
Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

iii
Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

iv
Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

v
Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

vi
Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

vii
Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

viii
Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

ix
Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)