Dies und jenes wäre noch zu sagen

Frühe Morgenfrische, strahlender Sonnenschein, knusprige Croissants mit hausgemachter Konfitüre, der Blick auf die kleinen Gepäckstücke auf den ungehobelten hölzernen Bodenbrettern : Police – Message in a Box (1993)…

Die Tuberosen sind angegangen und gedeihen prächtig. Die Rosen treiben zahlreiche Blüten aus. Und die Madonnenlilien spriessen. Die Freude über die Gartenarbeit. Die Weinbergschnecken sind fleissig.
Wo wir in die Natur gehen, stören wir. Ahnungslose, denen die Feinsinne für die Wirkkräfte pflanzlicher und tierischer Systeme und Energien abgestorben sind. Wir haben uns die Zeit nehmen lassen, den lebensinteressanten Prozessen nachzuspüren. Dafür werden wir geschäftstüchtig mit punktgenauen Jubiläen im Schach gehalten. Wer Glück hat, muss sich nicht wie schon vor einem halben Jahrhundert von einer aufgeblasenen Lachfigur wie Langhans eine Klinke an die Backe labern lassen.

In diesem Jahr feiert man das 50-jährige der Achtundsechziger. Das nun auch dieses Ereignis mit viel Brimborium begangen wird hätte ich nicht für möglich gehalten.
Ich habs innerhalb von vier, fünf Minuten realisiert als ich an einem laufenden Fernsehgerät vorbeigelaufen bin. Durch
diese CSU-Politikerin, die da in einer Babbelschau zum Thema ´68 durch ihr dümmliches Gerede hinterher noch tagelang für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Diese Person hat offenbar noch immer nicht verstanden, dass sie erst durch die Folgen der Veränderungen ihre heutige berufliche Position innehat. Wenns nämlich nach der ewiggestrigen Partei, der sie angehört gegangen wäre, würde sie wahrscheinlich noch heute zweimal am Tag auf dem Melkschemel sitzen, ansonsten dem Ehemann die karierten Hemden bügeln und vor der Vesper dem Pater beichten.

Überhaupt lässt sich am Beispiel des 68er Jubiläums wieder einmal wunderbar sehen, wie Geschichtsklitterung betrieben wird. So ganz nach der soliden Grundregel : Vereinfache radikal, das vermeidet Denkschmerzen und zeige die immer gleichen Bilder. Dann wird das Gewohnheitshämmerchen das Bewusstsein schon schmieden.
Weil das Thema auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder gerne einmal aufgefrischt wird, möchte ich ihnen allen, ob nördlich oder südlich des Äquators, ob diesseits oder jenseits der Elbe, einige Stichpunkte aufzeigen zur Illusionsreduktion der sogenannten 68er.
Das Jahr 1968 war lediglich der Kulminationspunkt von bürgerlichen Emazipationsbewegungen davor und danach. Die Protestbewegungen in der BRD begannen bereits in 1950er Jahren. Gegen die Wiederbewaffnung (Bundeswehr), den Beitritt zur Nato und zur Anti-Atombewegung zogen mehr Menschen auf die Strassen als bei den grossen Demonstrationen im Jahr 1968.
Die Präsentation der immer gleichen Bilder schafft eine verzerrte Ikonographie. Dadurch entsteht eine ungerechtfertigte Männerlastigkeit – die damaligen Medien, und die heutigen sind es anscheinend noch immer, waren Ansicht, Revolutionäre müssten Männer sein. Ausnahmen waren gewaltbereite Frauen wie Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin.
Als photographischer Chronist der Zeit gilt Michael Ruetz. Sein Bildband „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht sehen“ – APO Berlin 1966 – 1969. (Zweitausendeins, Frankfurt/M., 1980) legt ein anderes Zeugnis ab. Schon auf dem Titelbild sind drei Frauen zu sehen, die von Polizisten abgeführt werden. Dass aber auch in dem Bildband von Ruetz insgesamt mehr Männer als Frauen zu sehen sind, hat zwei simple Ursachen.
Erstens studierten zu jener Zeit deutlich weniger Frauen und zweitens verblieben selbst studierende Frauen anfangs noch in der traditionellen Geschlechterrolle. Sie agierten eher im Hintergrund, indem sie beispielsweise Flugblätter tippten, die „müden Revolutionäre“ nach deren Demos ernährten etc.. Sehr schnell änderten sie jedoch das traditionelle Rollenverständnis. Männer kümmerten sich vermehrt um die Kinder oder halfen im Haushalt. Daraus entstanden in den folgenden Jahren veränderte Familienstrukturen, z.B. Kinderläden, familiäre Wohngemeinschaften.
Die positiven Folgen der immensen medialen Aufmerksamkeit, die (heute) mit dem Jahr 1968 verbunden werden, sind die schichtenübergreifenden Emanzipationsgewinne gegenüber der jeweils herrschenden Klasse in vielen sozialen Bereichen. Und ein nicht zu unterschätzender Demokratisierungsgewinn zeigt sich in der Entstehung und Entwicklung der Bürgeriniativen.

Die Legende von den studierenden Kindern, die ihre Eltern mit deren Nazivergangenheiten konfrontierten, wird weit überbewertet. Es gab einige wenige berühmte Ausnahmen. Stelvertretend sei Bernward Vesper genannt, der Sohn des obersten Naziliteraturkritikers und Dichters Will Vesper, machte den Vater-Sohn-Konflikt in seinem Romanessay „Die Reise“ (März bei Zweitausendeins, Frankfurt, 1977) öffentlich.  Beim grossen Rest herrschte vermutlich Schweigen zu diesem Thema, denn die Eltern finanzierten schliesslich das Studium und die Studentenbude ihrer Sprösslinge
Soviel zu diesem Thema. Ich muss mir selbst einzelne Punkte gelegentlich korrigierend bewusst machen. Zu stark ist die macht der plattmachenden Vereinfachung.

Der Himmel draussen ist stahlblau. An diesem sechsten Mai zweitausendachtzehn. Wozu die vergangenen Wege fremder Menschen nachgehen? Sich ansehen, was übrig geblieben ist von ihnen. Von ihren Werken.
Komm, nimm´ Deine Sense und pack´uns eine Futterlischke. Ich habe schon einiges Werkzeug verstaut. Wenn wir bald losfahren können wir schon Morgen beginnen. Im Garten von Forni Cerato.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Frühlingswoche.

(Zwei aktuelle Photographien, den obigen Beitrag illustrierend. Anklicken und gross gugge)

 

 

 

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Der Himmel soll nicht täuschen

Endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte; die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet : Fischer-Z – Building Bridges (2017)…

Vielleicht erinnern sich manche Besucher, Leser oder Gugger noch an meinen Beitrag, in dem ich mein persönliches Verhältnis zur Stadt Berlin schilderte. Der Bericht im Jahr 2012 war motiviert durch das verfallende Hotel Stadt Berlin in Bad Muskau. Bad Muskau besuche ich seit über zwanzig Jahren hin und wieder wegen des grossartigen Landschaftsparks des Fürsten Pückler. Das neue Schloss habe ich erstmal gesehen, da war es in einem ähnlich ruinösen Zustand wie das Hotel Stadt Berlin. Inzwischen ist es fein restauriert und schon dieses prachtvolle Gebäude mit seinem interessanten Museum lohnt einen Besuch.
Kürzlich hatte ich wieder einmal das Glück, diesen einzigartigen Park besuchen zu dürfen. Vor der Rückfahrt nahm ich eine aktuelle Photographie des wiedererstandenen Hotels auf.
Man muss nicht unbedingt in diesem Hotel übernachten. Es gibt zahlreiche bequeme und günstige Gelegenheiten in Bad Muskau und der nächsten Umgebung.
Was man sich als bewusst wahrnehmender Mensch hingegen unbedingt gönnen sollte, ist ein Besuch des wundervollen Parks des Fürsten Pückler.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

 

(Photographien zum Vergleich : Anklicken lohnt)

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Beiläufig : Tendenzen gleichbleibend bis steigend

Ein kerniges Müsli ziehe ich einer glibberigen Himbeergarnichtgöttlichspeise allemal vor. Statt René Rilke also Gottfried Benn : Ausschnitte des kompletten von ihm selbst gelesenen Hörwerks. Manche seiner Gedichte stelle ich mir als die vorletzte Rettung vor auf einer einsamen Insel:

„Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.“

Tendenz steigend: Agression und Tumbheit. In der dreissiger Zone entdecke ich in entgegengesetzter Fahrtrichtung eine mobile Radarkontrolle. Ein Stück weiter kommt mir ein grosser Wagen entgegen. Ich gebe ein warnendes Lichtzeichen und die allseits bekannte Flachhandbewegung. Die sofort folgende Lichtschau des Autos verblitzt mir die Augen, sodass ich dem todbringenden Hassblick des sportlichen Fahrers gerade noch entgehe. Als ich die Augen blinzelnd wieder öffne, blitzt das Radarlicht hellrot hinter mir auf.
Kurz darauf muss ich an einer Ampel anhalten. In der Querrichtung rechts die Ampel schaltet auf Grün. Der Motorradfahrer will links abbiegen. Legt seine Maschine locker schräg und setzt sich fast neben die Sitzbank. Ganz so, wie wir es vom Motorradrennen kennen. Prima After Breakfast Show. Während ich noch denke, dass er jetzt ganz viel Glück braucht, um seine Gedankenlosigkeit auszugleichen, schrappt auch schon haufenweise Plastik über den morgenfeuchten Asphalt. Der Fahrer rollt waagrecht hinterher. Aufrecht stehend wäre das eine aufsehenerregende Pirouette geworden…

Tendenz steigend : Telefontricks mit Rentnern. In Hessen sind diese perfiden Betrügereien 2017 im Vergleich zu 2016 von 3,8 Miillionen Euro Schaden auf 6,8 Millionen angestiegen. Man kann sich fragen, wieso Rentner so leichtfertig dermassen viel Geld hergeben. Ich frage mich jedoch eher, wie hoch der Betrag wohl sein mag, den Banken durch raffinierte Beratungstricks von alten Menschen absahnen.
Die betagte Dame nebenan wollte seinerzeit eine Sterbeversicherung abschliessen, um den Nachkommen die Beerdigungskosten zu ersparen. Nach fast zehn Jahren muss sie jetzt feststellen, dass sie wesentlich mehr eingezahlt hat, als ihr bzw. ihren nachkommen jemals ausgezahlt werden würde. Es dauerte eine Weile, ihr zu erklären, was geschehen ist. Schliesslich vertrauen ältere Menschen „ihrem Bankbeamten“ noch. Sie hatte aufgrund der „Beratung“ eine Risikolebensversicherung abgeschlossen. Und vertrauensvoll unterschrieben, dass sie alles verstanden hätte bei der Beratung (wer gibt schon gerne zu, nichts verstanden zu haben). Dazu gehört das volle Risiko eines massiven Geldverlustes versteht sich. Und die fettere und sichere Vermittlungsgebühr für die Bank. Nein, sie musste kein Gesundheitszeugnis vorlegen, wie das Gesetz es vorsieht für Menschen, die bei Vertragsabschluss einer Risikolebensversicherung älter als siebzig Jahre sind. Warum?
Ganz einfach, die Versicherungsumme lag knapp unter dem gesetzlichen Grenzwert. Ich habe im Namen der Dame an die Bank geschrieben. Das Antwortschreiben für die alte Dame habe ich gelesen. Der kalte Zynismus. Die Unterschrift lässt eine jüngere Angestellte vermuten. Was soll man diesem bedeutungslosen Bankrädchen wünschen, das früher oder später ohnehin ausgetauscht werden wird im Sinne wirtschaftlichen Gewinnstrebens.
Die Schmuckelemente des kapitalistischen Systems sind die Verblendungszusammenhänge.

Tendenz unverändert: Die Mauer in den Köpfen. Anfangs, so vor fünfundzwanzig Jahren dachte ich angesichts der Berichte über unerwünscht anreisender Verwandter aus dem Osten, dass die Mauerköpfe vornehmlich im Westen siedeln. Dass echte Westdeutsche noch heute die neuen Bundesländer meiden, macht nichts. Die haben dort ihre eigenen Dumpfbacken, die brauchen die aus den alten Bundesländern nicht.
Klar, da gabs noch rote Socken, die in der ehemaligen deutschen Republik ein fettes Leben lebten, dass nun vorbei war. Inzwischen habe ich jedoch schmerzlich lernen müssen, dass man wahrscheinlich prozentual nicht weniger Pfosten im Osten findet. Menschen, die noch immer nicht in der gesellschaftlichen Gegenwart angekommen sind.
Interessanter ist meines Erachtens eine Dissertation, die Mitte des Jahres erscheinen wird. Die Historikerin Konstanze Soch recherchierte zum Thema Paketverschickung zwischen DDR und BRD. Ostpakete und Westpakete. Dass Pakete auf dem Weg zu den Empfängern in den Osten regelmässig geröngt (ab etwa Mitte der 1980er Jahre) und durchsucht worden sind von eifrigen Mitarbeitern wissen wir Wessis. Wir waren medial dabei und habens also mit eigenen Augen gesehen.
Was aber nicht einmal Sudel-Ede wusste, waren die Untersuchungen von Brief- und Paketsendungen beim Versand von Ost nach West. Die Westpakete wurden zwar auch stichprobenmässig von Organen der DDR kontroliert. Aber auch in der BRD wurden in der Zeit zwischen 1961 und 1989 massenweise Pakete, Päckchen und Briefsendungen widerrechtlich geöffnet und untersucht vom Militärischen Abschirmdienst (MAD / ich liebe diese Abkürzung) und vom Bundesnachrichtendienst (BND). Dazu gab es verschiedene Standorte, z.B. in Hamburg, Hannover oder Bad Hersfeld. In Hannover sollen etwa 40 – 100 Pakete und bis zu 2000 Briefsendungen täglich untersucht worden sein. Eine eigene Logistik sorgte für die Abholung in den entsprechenden Postämtern. Im Bundestag war diese massive Verletzung des §10 Abs.1 des Grundgesetzes kaum bekannt.
Dass man die geöffneten oder beschädigten Sendungen allenfalls notdürftig wieder verschloss, hatte Methode. Man konnte sich darauf verlassen, dass ohnehin jeder Empfänger in der BRD davon ausginge, dass die Stasi alles und jedes öffnete und beschnüffelte. Die Recherchen zu dieser Promotionsarbeit wurden durch das sogenannte Bundesarchivbestandsgesetz erschwert. Dadurch sind zahlreiche Unterlagen noch immer unter Verschluss und nicht einsehbar.
Aber bei uns im besseren Deutschland gings und gehts doch demokratisch zu. Ein dreckiger deutscher Geheimdienst? Klar, gabs den mal : damals in der DDR. Bei uns arbeiten die vielen Staatsschutzdienste zu unserer demokratischen Sicherheit und in jedem Fall auf dem Boden des Grundgesetzes. Das muss mal klar gesagt werden, nicht wahr. Und wenns Ihnen hier nicht passt, dass gehen Sie doch rü—- äähhhh : aber die Strasse vor Ihrem Haus könnten Sie doch wenigstens mal wieder kehren…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Photographien : vom Warten auf den Frühling / Tendenz steigend. Beiläufiges Anklicken macht Bilder gross)

Und jetzt erklingt die Musik: Young Marble Giants – Colossal Youth (1980)

 

 

Unterhaltungsliteraturreduktion : Vollkornbrot statt Kaffeestückchen

Fast drei Stunden habe ich für den folgenden Beitrag gesessen. Und dabei ganz die Musik vergessen.
Aber dafür solls jetzt klingen : Doc Schoko – Stadt der Lieder (2018)…

Es gab Zeiten (gibt es die noch?), da gehörte es zum Bildungskanon gymnasialer Oberstufen, dem Candide zu begegnen.  François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, schrieb Candide, ou le optimisme (1759) als satirische Antwort auf den Essai de théodicée (1710) von Gottfried Wilhelm Leibnitz. In diesem Essay über die Gerechtigkeit Gottes, die folglich Anlass zum Optimismus sei, findet sich der berühmte Satz von der „besten aller möglichen Welten“, in der wir leben würden.
Voltaire nimmt  diesen Gedanken auf. Um ihn satirisch zu widerlegen, lässt er seinen Candide in die Welt ziehen. Dabei stossen dem Helden zahlreiche Unfälle zu, er muss Qualen erdulden und stolpert so von einem Unglück ins nächste. Ganz im Sinn der Aufklärung gelingt es Voltaire auf diese Weise, sich kritisch mit dem Gedankengebäude von Leibnitz auseinanderzusetzen. Am Ende zieht sich Candide mit einigen wenigen Menschen ins Private zurück, um „seinen Garten zu bestellen.“

Wenn ich mir den Zustand der Welt um mich herum ansehe, finde ich allenfalls noch den Schluss des Candide vor. Den Rückzug ins Private. Diesen letzten kleinen Schutzraum, in dem es sich noch einigermassen ruhig und sicher leben lässt.
Bei genauerem Hinsehen muss ich jedoch feststellen, dass auch dieses vermeintlich letzte Refugium inzwischen sehr instabil und bedenklich fragil geworden ist. Manche Prozesse des alltäglichen, öffentlichen Lebens möchte ich bald garnicht mehr auf ihr Ende hin denken. Ab einem gewissen Punkt stellt sich Schauder und Abscheu ein.
Die Zahl der Beispiele dafür steigt ständig, besondern in folgenden Bereichen: politisches Handeln an den lebenswichtigen Bedürfnissen der Menschen vorbei, unersättliche Geldgier der Konzerne, massive Umweltausbeutung und -zerstörung, unerhört grausame Tierquälereien durch die Industrien der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelherstellung und der pharmazeutischen „Forschung“, bedenklich zunehmende Bildungsferne – Stichwort: Halb- und Wiki“wissen“ – in weiten Bevökerungskreisen, verantwortungsfreie Spassgesellschaft, irrationaler Konsumwahn, propagandistisch verseuchte Fernseh- und Radioprogramme (und nicht bloss der Privaten), rasanter Anstieg von roher physischer Gewalt selbst bei kleinsten Meinungsverschiedenheiten. Weitere Beispiele kann jeder aus seinem eigenen Lebensumfeld ergänzen.

Ich könnte mir angesichts dieser Wahrnehmungen die Beschäftigung mit den beiden genannten Werken durchaus ersparen und sie abtun als belanglose literarische Altertümer. Mir stattdessen das aktuell zu vermarktende Werk eines zeitgenössischen Autors anzutun? In verschiedenen Medienhitlisten hochgejubelt und obendrein in einer niveaulosen Fernsehschau gepriesen, ein Buch, das in wenigen Monaten schon wieder irgendwo verramscht wird, ist dagegen keine Alternative für mich.

Was bleibt einem also als interessierter Leser?
Während sowohl die Theodizee von Leibnitz als auch Voltaires Candide noch einigen Lesern bekannt sein dürften, ist dritte Werk im Bunde weitgehend vergessen.
Sein Autor Johann Karl Wezel (1747 – 1819), Aufklärer und Zeitgenosse der deutschen Klassiker, schrieb den Roman „Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ (1776). In diesem Werk rechnet Wezel ab mit dem Leibnitzschen Optimismus und macht dabei nebenbei noch die Satire Voltaires lächerlich.
In seinem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ lobte Arno Schmidt das Werk als eines der drei Bücher „ehrwürdigsten Gott-, Welt- und Menschenhasses“, die das 18. Jahrhundert hervorgebracht habe. (Als drittes Buch neben dem Candide nannte Schmidt den Gulliver von Jonathan Swift).
Interessant auch, dass in der späten DDR die Kulturbestimmer begannen, Johann Karl Wezel als radikalen Aufklärer zu einem eigenen Klassiker aufzubauen, der aufgrund seiner Kritik an feudalen Verhältnissen und seines Atheismus durch die politischen Umstände seiner Epoche unterdrückt worden sei. Für literaturhistorische Identität der DDR eignete sich Wezel gut als eine Art Gegen-Goethe. Im Prinzip geschah es ähnlich, wie es mit Thomas Müntzer als wahrem Reformator (DDR) gegenüber dem Bauernverräter Martin Luther (BRD) in der Historiographie der 1960er geschehen war.

Wer satirische Stoffe mag, auch ältliche anmutende Formulierungen schätzt und vor beissender Ironie nicht zurückschreckt – kurz, wer gute und intelligente Unterhaltung liebt, ist mit Wezel allemal gut bedient. Im folgenden einige Anfangssätze seiner Romane, die zu seiner Zeit hohe Wellen schlugen.

Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne (1776) :
»Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger!« rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stößen mit dem rechten Fuße zur Thüre hinaus…“

Hermann und Ulrike. Ein komischer Roman (1780):
„Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige Topés, die Herren große Hüte und kleine Haarbeutel, und Niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es bezahlen zu können, wurde auf dem Schlosse des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen,…“

Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte (1784): (Es handelt sich um Prosa, die Eingangsrede des Kakerlak hingegen ist gereimt)
„Hinweg mit euch, ihr sogenannten Weisen!
Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation
Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Thron,
Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter reisen,
Mit euerm Maulwurfsblick das Rädchen auszuspähn,
Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn.
Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen,
Wo die Natur mit nie erschöpfter Kraft
Den Dingen Form, den Geistern Leiber schafft.
Ihr wollt mit schweren Gänseschwingen
Bis über Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit dringen,
Und fragt man euch: »Was habt ihr dort gesehn?«,
Dann wißt ihr ebendas zu sagen,
Als die der Dummheit Los ganz philosophisch tragen
Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehn….“

Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt: aus Familiennachrichten gesammelt (1774) :
„In einem der unbekanntesten Winkel Deutschlands, nicht weit vom Thüringer Walde, lebte ein Schulmeister, dessen vollständiger Name eigentlich Christian Knaut war und den wegen eines roten Kopfs, womit einer seiner Urgrossväter die Familie verunehrt hatte, das sämtliche Kirchspiel, selbst den vornehmern Teil desselben nicht ausgenommen, Rotkopfs Christel zu nennen pflegte. Er hatte soweit er denken konnte, von der Welt niemals mehr oder weniger kennengelernt als den kleinen Fleck, worauf er seine natürlichen Bedürfnisse abwartete…“

Einige seiner Werke sind im Gutenberg-Projekt digital verfügbar. Andere hingegen liegen nur in gedruckter Form vor. Als junger Leser und Wezel begeistert, erfuhr ich von einem Roman Wezels, der 1969 in der Edition Leipzig erschienen sein sollte. Das lag einige Jahre zurück und ich machte mich antiquarisch auf die Suche. Erfolglos. Jahrelang. Erst kürzlich wurde ich fündig. Und ich freue mich nun auf eine kurzweilige Lektüre.

Peter Marcks. Die wilde Betty. Eine Ehestandgeschichte (1779) :
„Die wilde Betty, das Gegenbild zur Ehestandgeschichte des Herrn Marcks sollte schon in der Michaelsmesse vorigen Jahrs erscheinen […] Als der wohlehrsame Philipp Peter Marcks auf den Einfall gerathen war, Ihnen, hochgeehrtester Herr, die Geschichte seines mühseligen Ehestandes anzuvertrauen, um durch Sie zu seiner Schande der Welt kund zu machen, dass er gutherzige Einfalt genug besessen hat, sich von fünf Weibern nach Herzenslust zum Narren haben zu lassen, so wurde…“


(Photographie eines Buches von mächtigen Ausmassen an einer stillgelegten Eisenbahnbrücke über die Nahe)

 

 

Es ist soweit, dass es wieder soweit ist

Turbulente Winterendzeiten. Stürmisch genug wars ja in den letzten Tagen. Vielleicht deshalb wechseln sich hier zwei sehr unterschiedliche Musikalartisten ab in den Lautsprecherboxen: Erja Lyytinen – Stolen Hearts (2017) und Hannes Wader – Kleines Testament (1976)…

Es stimmt, ich schreibe weniger. Die Erklärungen sind ebenso einfach wie schlicht.
Die schönen Erlebnisse teile ich gerne mündlich mit und die alltäglichen sind hier kaum angemessen zu veröffentlichen. Weil ich gegen die politische Korrektheit verstossen würde mit dem, was ich verbreiten möchte. Und die darauf einsetzenden Reaktionen (die ich im kleinen Ausbrüchen bereits erleben durfte) möchte ich mir und den (politisch korrekt sich geben wollenden) Reaktoren und Reakteusen ersparen.
Diese sogenannte politische Korrektheit ist meiner Meinung nach ein ebenso brachiales wie primitives Machtinstrument. Ein Zensur- und Kommunikationstotschlaginstrument. Kommt scheinbar harmlos daher, verkleidet als Menschlichkeit und dient denen, die über die entsprechende Bezeichnungsmacht verfügen, lediglich zur persönlichen Vorteilsnahme.
Damals wurde der Begriff noch nicht verwendet. Aber der kleine (leicht hinkende) Mann im Ledermantel und den zurückgekämmten Haaren, der würde diesen Begriff heutzutage virtuos handhaben.
Meiner Beobachtung und Überzeugung nach ist die seit einigen Jahren propagierte politische Korrektheit lediglich die perfide schleichende Vorbereitung zu einem Faschimus durch die Hintertür. Auf diese Weise kann man inzwischen wieder Menschen kaltstellen, die ihre Meinung frei äussern.
Die „politisch Korrekten“, die ich in den letzten Jahren persönlich kennenlernen und zeitweise ertragen musste, waren im Grunde meist unglückliche Menschen. Kleinbürger der übleren Sorte. Hinterhältig auf der Suche nach Macht, Geld oder Liebe. Und dies je nach Mangel und Befinden in allen möglichen Kombinationen.
Dennoch erkennbar immer irgendwie auf dem Weg dorthin, wo das Unglück schon auf sie wartet. Aber wenn die entsprechenden Themen zur Sprache kommen, flackert es irre in ihren Augen. Und der ätzende Dunst ihrer kleinlichen Machtgelüste wabert durch den Raum.
Dass ich so falsch nicht liege mit meiner Einschätzung, zeigt sich an den Erfolgen einer Partei, die bis auf die geschäftstüchtigen Führer keiner mag, ausser ihren Wählern versteht sich. Dass es den Führern dieser Partei um ihre eigenen Geschäfte geht, ist den Wählern dabei egal. Sie kommen ihre eigene Schau.
Mir ist all das nicht gleichgültig. Denn ich sehe, dass die Wähler unter anderem dadurch angelockt werden, weil die Führer dieser Partei fast täglich gegen politische Korrektheiten verstossen. Das gefällt vielen Menschen. Denn es wird ihnen aus den Herzen gesprochen. So sehr leider, dass der Kopf einschläft dabei.
Ich würde auch öfter gerne gegen so manche politische Korrektheit verstossen. Aber ich möchte weder mit den Führern dieser Partei noch mit denen, die sie wählen verwechselt oder gar in einen Topf geworfen werden. Ich jammere nicht, den diesbezüglichen verbalen Maulkorb habe ich mir selbst angeschnallt.
Aber zu meinem ganz grossen Glück gehört eben auch, dass ich mehr Zeit mit persönlichen Gesprächen verbringe. Und da gibt es keine Maulkörbe. Die Themen werden sachlich und fundiert besprochen und diskutiert.

Gerade singt Hannes Wader wieder. Das war eine Freude seinerzeit, als der Tankerkönig auf dem Kleinen Testament eine Fortsetzung fand. Der Putsch (Tankerkönig Teil 2). Daraus stammt die folgende Pasage. Ein zweiundvierzigjähriger Zeitsprung – es ist wieder soweit.

„Der Mann war klein, mager, mit zurückgekämmten Haaren und trug einen dunklen Ledermantel. Wie er da so stand, schien er mir irgendwie unvollständig, wie verkrüppelt –
Bis ich darauf kam, dass der Typ Mensch niemals ohne Schäferhund bei Fuß und Hundepeitsche in der Hand vorkommt.
Und richtig! – Der Mann pfiff leise durch die Zähne, da kroch auch schon ein riesiger Schäferhund unter dem Sofa vor, mit einer Hundepeitsche zwischen den Zähnen.
Das Hinterteil eingeknickt wie bei einer Hyäne, rutsche er winselnd auf dem Boden entlang und legte seinem Herrchen die Peitsche  vor die Füße. Und schon begann die Vorstellung! […]
Indem er eine Schallplatte auflegte, erklärte er, der Hund würde uns nun etwas vorsingen. Schon nach den ersten Takten wurde die Melodie von allen erkannt – Es war die Internationale!
Es wurde scharf protestiert, so einen Dreck wolle man hier nicht hören und ähnliches.
Aber der Hundeführer beruhigte die Leute und sagte, sie möchten doch bitte auf den Hund achten.
Das arme Vieh hatte gleich als es den ersten Ton hörte, versucht sich zu verkriechen, klebte aber wie festgefroren am Boden, zitterte am ganzen Leibe, fletschte die Zähne und röchelte nur. Dabei tropfte ihm der Geifer von den Lefzen.
Mit blutunterlaufenen Augen starrte der Hund wie wahnsinnig vor Angst und Hass auf den Plattenspieler.
Dann – als ich dachte, er müsste gleich ersticken vor Entsetzen – hob er plötzlich den Kopf und fing an zu singen. . .
Das heißt, sein ersticktes Röcheln löste sich plötzlich in erbärmlichen Jaultönen. Die Wirkung auf die Zuschauer war gespenstisch!
Wie hypnotisiert glotzten alle auf den Hund. Ich sah, wie sich bei einigen die Nackenhaare sträubten, manche knurrten richtig, verdrehten die Augen, legten die Ohren an und jaulten dann mit gespitzten Mündern gemeinsam mit dem Hund gegen die verhasste Musik an, bis die Platte endlich abgespielt war.
Vollkommen  erschöpft und tief ergriffen soffen sie alle bis zum Morgengrauen weiter und verließen das Haus laut grölend wieder durch das Kellerfenster – obwohl inzwischen jemand die Haustür ausgehängt hatte!
Ich war nun wieder allein mit dem Chef.
Er war äußerst zufrieden mit allem und sagte zu mir: „Hast du die Nummer mit dem Hund gesehen, du Ratte? Sowas nenne ich angewandte Politik!“
Ich fragte, „wieso  angewandte Politik?“
„Na, ganz einfach“, meinte er, „Der Hundeführer quält den Hund mit Elektroschocks und lässt gleichzeitig die Platte laufen. Also richtet der Hund seine ganze Wut gegen die Musik.
Der Hundeführer tritt nur in Erscheinung, um den Hund wieder von seiner Folter zu erlösen, und der leckt ihm auch noch aus Dankbarkeit die Füße! Ich sage Dir, die Menschen sind genau so dämlich wie dieser Köter.
Denk an meine Worte, wenn wir erst an der Macht sind!“             (aus : Hannes Wader – Der Putsch [Tankerkönig II] 1976)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Fotografien passend zum Text. Und zum Anklicken zum Grossgugge)

 

 

 

Traumfliegende Bibliotheksreduktion

Musik? Lesen ist eine nicht minder feine Zeitnutzung. Muche Moder Kille Fiste!
Hier stünde doch sonst immer Musik, sagst Du?
– ? – – : ! – : Zullen Tagel Lumpenfarren Sprehnen Kunze Schleipen Flarre Tufen. Wenn Du das laut liest, in einem Tempo, dass Du die Worte schmecken kannst : klingt es dann nicht auch wie Musik in Deinen Ohren?  – – : Seggen Simsen Mocke Schwiedeln Plumpen Mummeln Brusen Dingel Tacken  – – –
Ist da vielleicht keine Musik drin? : Flannen Limmen Wunnen Wutten Bucken Strallen Klissen…

Lesen ist schrecklich !
A.: Seine Bibliothek umfaßte später sechzehntausend Bände : mehr als einmal drohten ihn die Regalreihen aus seiner Wohnung zu verdrängen. Einmal, in einem merkwürdigen Anfall, verkaufte er sie kurzerhand. . .
B.(hineinfragend): Wer war es doch, der  – sehr richtig – den Ausspruch tat : „Wer die Hölle schon auf Erden kennen lernen will, der verkaufe seine Bibliothek“?
A.: Der eben hundertjährig gefeierte Humboldt. Aber wir wollen es nicht so tragisch machen : natürlich fing er sogleich, noch schneller, erneut zu sammeln an. Und besaß binnen Kurzem wiederum elftausend Bände. . .

Lesen ist schrecklich !
Dennoch konnte das Verhalten von Anton kaum der Auslöser gewesen sein. Nach vielen Jahren bin ich Anton eher beiläufig wieder begegnet. Genauer, Anton L. Den Familiennamen habe ich nie erfahren. Auch damals, vor etwa fünfundzwanzig Jahren nicht, als wir mehr Kontakt hatten. Aber was heisst schon Kontakt? Herr L. wohnte in der Stadt in häufigen wechselnden Zimmern zur Untermiete. Ob der Grund für die häufigen Zimmerwechsel seine Kleidung war oder die spiessbürgerliche Langeweile, die ihn umgab – ich habe es nie erfahren.

Bei Herrn L. war es ein heller Blitz, der ihn in der Nacht aus dem Schlaf riss. Ich hingegen glitt auf einem Teppich aus Satin und Efeugeflecht  aus meinem ruhigen Schlaf hinüber in eine mondichte Traumlandschaft. Zwischen Wacholderbäumen standen eicherne Raufen, in denen Bücher kreuz und quer lagen. Schon wollte ich, Jungfrau, die mich regiert, damit beginnen, diese Bücher zu sichten und zu ordnen. Ich dachte mich ganz allein in der mich umgebenden Ödnis, als meine Aufmerksamkeit von seltsamen Lichterscheinungen angezogen wurde. Da fiel mir wieder ein, dass Anton L. doch derjenige war, der als letzter und einziger Mensch die Erde bewohnte. Indem ich dieser Erinnerung folgte, funkelten die Lichter stärker und blendeten mich. Einen Mensch in einem Kleid aus schwarzen Spiegeln konnte ich in all dem Glitzern und Flimmern gerade eben so erkennen, der eben mit den Füssen den sandigen Boden berührte. Die Landung war lediglich eine kurze Filmaufnahme.  „Ich muss Sie sehen, sonst fliessen meine Augen aus“, rief ich.
„Bleiben Sie ruhig, Sie kennen mich doch längst.“ Indem ich Deine Stimme erkannte, sah ich auch das kluggeflochtene Diadem von Tuberosen, das Deinen feinen Kopf umflorte. Aus deren betörendem Duft erblühten die beiden Bruchstücke einer Scheibe, die sich nun wundersam zusammenfügten.
„Glaubst Du, dass man durch eine Litfasssäule hindurch in die Unterwelt gelangen kann?“ Ich mag es, wenn Du Schnütchen ziehst. Und mit ein wenig Lippenrot wirst Du unwiderstehlich.
„Keinesfalls. Aber das sage ich Dir : der helle Blitz, der Herrn L. mittnachts weckte, war kein Blitz, sondern das Gebell der beiden Hunde aus der Nachbarschaft. Und ausserdem geschiehts ihm ganz Recht, dass nur noch ein Leguan an seiner Seite lebt.“
„Klar, er ist eine Zumutung für seine Umgebung. Andererseits ist eine Zumutung eine Handreichung für andere Menschen, um Mut zu zeigen. Wusstest Du übrigens, dass der Leguan Sonja heisst. Herr Hommer hat ihn so getauft. Aber hat ja auch dreimal am Tag Kakteen gepflanzt.“
„Wolltest Du Bücher in die Raufe einlegen oder suchst Du bestimmte Titel?“
„Ach, nur mal einen Blick auf das Angebot werfen. Aber andernorts würde ich gerne einige abgeben.“
„Dann komm´ doch mit in die Stadt, ich kenne da eine Riesenbaustelle mit einem Bücherregal.“
„Einverstanden. Zumindest werden dort nicht die Wölfe und Bären frei herumlaufen. Der Anton hat doch…“
„…Du scheinst da etwas zu verwechseln. Wahrnehmung ist Falschnehmung.“
„Ach, der Franz Brentano lässt grüssen. Übrigens ist der Husserl durch diesen Satz zu seiner Phänomenologie inspiriert worden.“
„Du willst mich wohl foppen, mit Deinen verwegenen Anspielungen? Heh, ich bin hier in dieser ehemaligen Herberge.“
„Ja ja foppen, von wegen. Ich sehe doch mit meinen eigenen Augen, dass Du in dem Schaufenster dort drüben auf einem Zahnarztstuhl sitzt.“
„Wenn Du meinst – – . Was ist jetzt mit den Büchern?“
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„Du kannst wieder aus dem Schaufenster kommen. Ich bin soweit bereit für einen feinen kleinen Rundflug über die Stadt. Vielleicht sehen wir Anton auf der Suche nach dem Buch. Die goldene Kugel ist der ideale Startplatz.“
„- – ? – – – – – ?“
„Ein ungelesenes Buch sträubt sich mitunter gegen das Gelesenwerden. Man muß den Widerstand brechen (es gibt auch andere, sozusagen feile und geile Bücher, die den Leser ansaugen; ob das die besseren sind, ist noch die Frage), man muß eine Bresche schlagen, das Vertrauen der ersten Seiten gewinnen…“
„Mensch, hast Du gesehen? Da unten isser. Nein, weiter drüben. Der hat die Scheibe von dem Hutgeschäft eingeschlagen. Jetzt probiert er den Deerstalker an. Unglaublich.“
„Jetzt braucht er nur nochne Handtasche für den Hommer´schen Leguan. Oh, schau mal das Café dort. Hast Du Lust?“
„Sieht ziemlich altmodisch aus.“
„Auch altmodisch ist modisch. Da kriegst Du bestimmt einen Tschai Latte.“
„Und Du für Dich einen S
ideritis Clandestina?“
„Allemal.“
Lesen ist schrecklich !

Allen Besuchern und Guggern wünsche ich ein erfreuliches Wochenende. Und den Lesern? Natürlich auch und eine famose Lektüre dazu. Vielleicht ein interessanter Fund aus einem öffentlichen Bücherschrank. Auf jeden Fall keine Zeit verschwenden für Autoren und Titel, die schon bald wieder vergessen sein werden. Das Leben ist zu kurz für die Eintagsfliegen! Oder erinnern Sie sich noch an die Preisträger irgendwelcher Literaturolympiaden vor drei Jahren? Na also!

(Photographien, aufgenommen während des Reisetraums des Traumreisenden. Anklicken vergrössert. Allemal !)

 

 

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Zu guter Letzt die literarischen Hin-/Nachweise:
1. die wunderschön wohlklingenden und bildhaften Pflanzenbezeichnungen gehen zurück auf das originelle System von Loren Oken. Nachzulesen in:
Lorenz Oken : Allgemeine Naturkunde für alle Stände. Dritten Bandes erste Abtheilung oder Botanik zweiten Bandes erste Abtheilung. Hoffmann´sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart. 1841.

2. Das dialogische Zitat über den Bücherverschlinger Ludwig Tieck stammt aus:
Arno Schmidt : >Funfzehn< Vom Wunderkind der Sinnlosigkeit. Ein Radioessay über Ludwig Tieck, 1959. Überhaupt sind Arno Schmidts Radioessays über Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts ungemein lehrreich und unterhaltsam obendrein. In den 1950er Jahren sicherte er sich damit seinen Lebensunterhalt. Alle Radioessays sind auf CDs erhältlich.
Arno Schmidt : Nachrichten von Büchern und Menschen. Folge 1 (12CDs) und Folge 2 (9CDs).

3. Falls Sie sich fragen sollten, was es denn nun mit Herrn Anton L. und den (nicht kenntlich gemachten) eingestreuten Zitaten in meinem Text auf sich hat, so können Sie ihm begegnen bei:
Herbert Rosendorfer : Großes Solo für Anton. Diogenes, Zürich. 1976. Seitdem immer wieder in verschiedenen Ausgaben verlegt. Eine unbedingte Lesenempfehlung, weil ebenso kauzig wie kurzweilig.

4. Und schlussendlich nur so als Anregung: statt Franz (nicht Clemens!) Brentano und Edmund Husserl empfehle ich für zwischendurch die Gedanken(werke) von Johann Georg Hamann. Einige Zitate zum Genussdenken tuns anfänglich auch. Zum Beispiel dies: „Der Ekel ist das Merkmal eines verdorbenen Magens oder verwöhnter Einbildungskraft.“