Zum ersten, zum zweiten und… zum vorletzten

Horsche: Van der Graaf Generator – Still Life (1976). Unverwüstliche Texte. Eine meiner Inselplatten.
Lesen: Weiter bei Alice Schmidt – Tagebuch 1955.
Essen & Trinken: Im Spätherbst und Winter ist Eintopf- und Suppenzeit. Eine kräftige Elsässer Zwiebelsuppe und dazu einen feinfruchtigen Riesling.
Schaffe: Man wirds zum letztmal hier lesen: weiter gehts Zentimeter für Zentimeter mit der Entfernung der alten Ausgleichsmasse, um den 140 Jahre alten Dielenboden freizulegen. In den Räumen soll man wieder atmen können. Und wir wollen darin Menschen begrüssen.
Gugge: Eine Doku auf arte.de. Bryan Ferry : Don´t stop the Music / 2019. Eine Art filmischer Biographie. Ich bin Roxy Music Fan der ersten Stunde. Seine Soloalben gefallen mir weniger. Dafür imponiert er mir als Mensch umso mehr. 

 

Der vorletzte Beitrag dieses Jahres. Statt einer vertieften Analyse eher eine Aufzählung von Wahrnehmungen. Was mit der  momentanen geistigen Situation korreliert. Hans Wollschlägers klugen Essay „In diesen geistfernen Zeiten“ könnte ich wieder einmal lesen.

Ganz klar beherrscht das Thema Nummer eins das gesellschaftliche Klima und nimmt einen breiten Raum ein in diesem Jahr.

Von einer Landeszentrale für politische Bildung erhalte ich per Mail eine Einladung zu einem Online-Vortrag „Geschlechtergerechte Klimapolitik“. Eine menschengerechte Klimapolitik wäre wahrscheinlich zu wenig.
Überhaupt besteht aus der Krise heraus die Chance, dass die Verantwortung tragenden Politiker beginnen, den politischen Willen am Bedarf der Umwelt und der Bevölkerung auszurichten und nicht an den Bedürfnissen einiger weniger Konzernherren und Spekulanten. Wachstum ist sowas von out. Denn es gibt keinen lebenden (Wirtschafts)Organismus, der stets nur wächst. Ausser der Krebskrankheit vielleicht. Alle natürlichen Organismen existieren im Werden und Vergehen.

Wer das noch immer nicht glauben will – und ein weiser Satz lautet: Irgendwann muss jeder mal dran glauben – der lese zur Ergötzung die „Grill-Bibel“ eines Herstellers von hochpreisigen Freizeitapparaturen zur erhitzten Speiseherstellung.

Wer das Pech hat, während einer Autofahrt die Werbungen nicht rechtzeitig wegzuschalten, wird angeschrieen. Da werden die möglichen Kunden nicht mehr angesprochen, sondern mit aggressiv erhobener Stimme regelrecht unter Druck gesetzt. Kaufenkaufenkaufen.
Ich korrigiere mich. Eine neuere Werbung ist mir in Erinnerung geblieben, wegen der ruhigen Stimme, mit der eine Frau den Werbetext vortrug. Und besonders wegen des letzten Satzes. Es ging um ein Schlafmittel. Im letzten Satz sagte die Frauenstimme: „Schlafmittel, ich danke Dir.“ (Der Name des Mittels tut hier nichts zur Sache). „Schlafmittel, ich danke Dir“.

Selbst aus dem von mir geschätzten Fernsehkanal arte ergiesst sich neuerdings eine wahre Flut von Serienfilmen. Und ich dachte bisher, dass dieser Fernsehsender eher für künstlerisch oder dokumentarisch anspruchsvollere Formate stünde.

Es nimmt nicht Wunder, dass sich sonderbare Phänomene auch in der virtuellen Welt der Blogs offenbaren. Ich vermisse die Beiträge einiger kluger Blogger. Vor ein paar Jahren bereits zogen sich manche zurück. Immerhin konnte der Interessierte die Gründe für das virtuelle Schweigen in Erfahrung bringen. Das änderte sich in diesem Jahr sehr. Über die Beweggründe kann man allenfalls spekulieren. Andererseits sitze ich in gewisser Weise mit in diesem Boot.
Seit mehreren Jahren schreibe ich immer weniger Beiträge. Lese in mehr Blogs als ich abonniert habe. Das hat in diesem Jahr nochmals kräftig abgenommen. Ich bewege mich selbst auf dem Weg hin zum Abschied.
Ich habe durch die vielen persönlichen Begegnungen immer weniger Zeit im virtuellen Raum zugebracht. Und wenn, dann aus anderen Gründen, als in Blogs zu lesen. Zumal auch dort das Thema Nummer eins sehr viele Virtuellkommunikatoren auf unterschiedliche Weise beschäftigt.

Was mich intensiver beschäftigt, sind die Vorteile und Chancen, die sich aus der Pandemie ergeben. In unseren zahlreichen Gesprächen mit Freunden, Bekannten und auch mit Arbeitskollegen oder Kunden konnten wir erfahren, dass sie alle zumindest einige persönliche Vorteile und konkrete Wünsche zukünftiger Veränderungen benannten. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich in den letzten Jahren überhaupt mit so vielen Menschen, darunter auch gänzlich fremden, über das tagesaktuelle Thema intensiver ausgetauscht habe.

Zurück zum ersten Absatz. Stichwort Wachstumsfanatiker. Heute hörte ich die ersten Wirtschaftsprognosen. Am frühen Morgen bereits die Zahl von vierhundert Milliarden (Vierzehn Nullen will ich nicht tippen) Euro, die in diesem Jahr zum BiP fehlen würden. Wer diese Zahl errechnet hat und auf welchen Grundlagen wurde nicht gesagt (Stattdessen lullt der Sender die Hörer mit dem wiederkehrenden Satz ein: „Mit uns sind Sie immer gut informiert“). Wenige Stunden später verkündete ein anderer Wissender, dass „die Verluste der Wirtschaftskraft dieses Jahres wahrscheinlich schon im ersten Quartal 2021 wieder ausgeglichen sein werden“. Woher der Mann das bereits weiss, wurde nicht gesagt. Sie ahnen es: „Mit uns sind Sie immer gut informiert“.

Die Situation ist neu. Aber es gibt doch erkennbare Strukturen, die einen versichern, dass sich noch vieles ändern muss.
Die fetten Geldsäcke haben selbst in (an?) dieser globalen Krise hervorragend verdient. Es steht nicht zu erwarten, dass diese Menschen freiwillig etwas abgeben werden, von dem, von dem sie ohnehin zu viel haben. Soweit die materiellen „Sorgen & Ängste“ dieser Leute.
Fast noch bedauerlicher finde ich, dass die Menschen, die reichlich versorgt sind mit Haus, Garten und vielen (Wohlstands)Bequemlichkeiten, die ihnen mannigfaltige (Bewegungs)Freiheiten ermöglichen, dass von dieser Gruppe ein lautes Klagegeschrei ertönt, weil sie nicht fähig oder Willens sind, sich auch nur vorübergehend ein wenig einzuschränken in ihren egoistischen Wünschen.
Deren Gezeter ist ein Faustschlag ins Gesicht all der Menschen, die mit dem Wenigen, was sie haben, irgendwie auskommen müssen. Die in einem Vielfamilienhaus wohnen und nicht über Gärten oder Wochenendimmobilien als Ausweichquartiere verfügen. In Hessen wurde heute ein verschärfter lock-down beschlossen. Wir haben das Glück, über ein Haus und einen Garten zu verfügen.

 

Ich persönlich habe in diesem Jahr so viel Glück erlebt. Ich bin gesund, kann arbeiten und geniesse mein Lieben mit meinen Herzensmenschen. Ich habe neue Bekanntschaften gemacht und uralte Verbindungen wurden wie zufällig neu geknüpft. Ich habe viel Neues gelernt und manch anderes Wissen vertieft.
Diesen Blog habe ich aufgrund des Wunsches eines Bekannten begonnen. Er inspirierte mich dazu, Berichte über mein Leben und Arbeiten in anderen Ländern, meine Reisen, illustriert mit meinen Photographien zu publizieren. Viele Menschen haben diesen Blog verfolgt. Sogar private Freundschaften sind aus diesem Medium heraus entstanden. Darüber freue ich mich und dafür bin ich sehr dankbar. Ich lebe wieder in Deutschland. Dieser Blog hat seinen ursprünglichen Zweck erfüllt.
Nach meinem traditionellen Jahresendbericht (folgt demnächst) werde ich diesen Blog schliessen. In einem neuen Webprojekt werde ich ausschliesslich über Menschen berichten. Allesamt bin ich ihnen persönlich begegnet. Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Herkunft, auf ganz unterschiedlichen Situationen und auf verschiedenen Kontinenten. Sie alle haben mich durch unser Zusammentreffen auf ihre ganz persönliche Art berührt und beeindruckt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliche Adventszeit. Passen Sie auf sich auf und lassen Sie sich weder viral noch geistig infizieren. Von einer der eben erwähnten Persönlichkeiten habe ich einen Satz erhalten, der für mein Leben gilt: „Geh´ Deinen eigenen Weg, alles andere ist Irrweg“.

 

 

 

 

 

Advent und Endspurt

Horsche: Arno Schmidt liest aus seinen eigenen Werken. Was und wie er liest ist hörenswert. Daneben lösche ich weiterhin tüchtig aus dem Musikarchiv. Bei manchen Musikern bleibt allenfalls eine Zusammenstellung übrig. So viel verliert an Bedeutung.
Lesen: Alice Schmidt : Tagebuch aus dem Jahr 1955. Die Frau Arno Schmidts notierte das Alltagsleben des Paares sehr eindrücklich.
Essen & Trinken: Gestern wurden die aller(vor?)letzten neben der Heizung erröteten Tomaten zu einer köstlichen Tomatensauce gekocht. Dazu gabs feine Safrannüdelchen.
Schaffe: Und immer weiter gehts Zentimeter für Zentimeter mit der Entfernung der Ausgleichsmasse, um den 140 Jahre alten Dielenboden freizulegen.
Gugge: Unbewegte Bilder diesmal. Photographien aus einem sogenannten Auschwitz-Album. Keine Brutalität ist zu sehen. Scheinbar beiläufig aufgenommene Dokumente, die mich innerlich um so mehr bewegten.

Ein absolut aussergewöhnliches Jahr läuft auf sein Ende zu. Ein Jahr mit dreizehn Vollmonden. Wir haben die Verwirrungen im Garten erlebt. Die „frühen Karotten“ waren gegen Ende September bereit zur Ernte. Zucchini verfaulten im frühen Stadium der Reife. Die Schokoladencosmeen blühten wie noch nie: allerdings erst ab Oktober.

Viele Menschen erkannten es und sprachen es seit Jahren aus: So kann es mit dem Wohlstand und dem Zustand der Welt nicht mehr weitergehen. Es muss sich etwas ändern! Auch ich habe in dieser Art gesprochen.
Niemand ahnte jedoch, wie die Veränderungen stattfinden sollten. Niemand sprach das Wort Krieg laut aus. Vor allen Veränderungen stellen sich Unsicherheiten und Ängste ein. Es gibt eben nicht viel Veränderung oder nur ein bisschen Veränderung. Veränderung ist Veränderung. Und umso grösser, desto unverhoffter kommt die Veränderung. Und jeder hofft, dass kommende Veränderungen im eigenen Leben keine Nachteile oder gar Unbequemlichkeiten verursachen. Schon beginnt die Suche nach den Schlupflöchern.

Die Realitätsgestörten, die bereits jetzt von einer Diktatur bellen, bringen sie selbst herbei. Sie verhalten sich asozial und verantwortungslos mit ihren quer“gedachten“ Aufmärschen. Wo immer sie erscheinen in ihrer grenzenlosen Rücksichtslosigkeit, wird der Ort danach zu einem neuen Hotspot. Und sie kapieren nichts.
Eine Nachbarin radikalisiert sich. Spricht von der kommenden „Impfdiktatur“. Weiss nichts über Impfstoffe und deren Zulassung. Nichts vom kommenden Procedere. Nichts von den Zeitplänen. Nichts von den Kosten. Weiss nichts ausser, dass da eine Impfdiktatur kommen werde. Dass sie nur williges Werkzeug zur Errichtung einer möglichen Diktatur wird, ahnt sie in ihrer Verblendung nicht.
Die konstruktiv und klar denkenden Menschen mit ihrem Verantwortungsgefühl und ihrem sozialen Tun mögen uns vor dem Querdenkergesindel, den Ewiggestrigen, den Vergnügungssüchtigen, den Konsumabhängigen und den Faschisten von rechts und links bewahren.

 

Es wird sich noch viel mehr verändern in den kommenden Jahren, als sich viele Menschen derzeit vorstellen können oder wollen. Der Corona Virus ist ein Anfang in körperlicher Hinsicht. Die sich anschliessenden sozialen Auswirkungen erleben wir in ihren Anfängen. Die Bundesregierung unterstützt mit Geldern. Es wurde schnell klar, dass die Inhaber von Kleinbetrieben finanzielle Hilfe brauchen. Ebenso der gesamte Bereich der Kulturschaffenden. Wie lange das ausreichen wird bevor es zu einer Katastrophe kommt, hängt beträchtlich auch vom Verhalten der sogenannten quer“denkenden“ antisozialen Fraktion ab.

Ich hoffe, ich kann alle meine Familienmitglieder in der Weihnachtswoche hier empfangen. Der Reihe nach versteht sich. Wir haben Verabredungen getroffen, dass wir uns in diesem Jahr nicht alle gleichzeitig treffen werden können.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine wache Adventszeit und genügend Abwehrkräfte gegen den Blödsprech hier und dort. Soziales Miteinander ist ein uverzichtbares Lebensmittel.

 

(Irgendwo in diesem Lande : Querdenkers zukünftiges Traumhaus)

 

 

 

 

 

 

Sprichwörter im Lauf des Lebens

Horsche: Kettcar – …und das geht so (2019).
Lesen: Johannes Roth : Gartenlust. Fünfzig Bumenstücke und Anleitungen zur gärtnerischen Kurzweil. München, Keysersche Verlagsbuchhandlung. 1989.
Essen & Trinken: Heute werden die letzten neben der Heizung erröteten Tomaten zu einer köstlichen Tomatensauce gekocht.
Schaffe: Fertigstellung der kompletten Zerlegung und Überarbeitung eines fast siebzig Jahre alten Damenrades.
Gugge: Beeindruckende Dokumentationen über das Oder-Delta und den letzten Rheinfischer. „Altes Land“ – ein Zweiteiler mit schlapper Handlung, dafür aber grossartige Schauspieler und imposante Bilder.

 

Auf auf jetzt! Alle LemmKonsumlinge in die Startlöcher. Und kräftig hecheln und sabbern nicht vergessen. Der schwarze Freitag naht. Im Autoradio schreit es immer lauter und auf/eindringlicher. Kaufen kaufen kaufen. Weh denen, die jetzt nicht zuschlagen und dafür zahlen. Die werden ihre Unzufriedenheiten und Aggressionen (wo)anders oder an anderen loswerden müssen. Zum Beispiel hier.

„Not macht erfinderisch.“ Ein altbekannte Spruchweisheit. Ihren Ursprung konnte ich noch nicht herausfinden. Was mir ergänzend dazu jedoch immer deutlicher vor Augen tritt ist dies: Wohlstand macht träge und verblödet.
Seit Jahren hören ich in unterschiedlichen Zusammenhängen und von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Bildung den fast immer gleichlautenden Satz: Das kann ja so nicht weitergehen. Gemeint ist die kommerzielle und gesellschaftliche Entwicklung unserer Gesellschaft und der Welt ganz allgemein.
Und jetzt bietet eine globale Ausnahmesituation eine Menge Gelegenheiten, manches zu ändern. Und zwar grundlegend. Stattdessen formieren sich Leute, die sich Querdenker nennen. Ein Sammelsurium von Interessen und Überzeugungen, die man niemandem zum Nachbarn wünscht. Faschisten von rechts und links, unbedarfte aber dennoch gefährliche Träumer, die sich in einer  Diktatur wähnen und angeblich seit Monaten im Widerstand leben. Wirrköpfe auf dem Partymarathon. Und diese krude Mischung geht Hand in Hand demonstrieren.
Mir sind Menschen, die aufgrund kritisch hinterfragter Informationen logisch und gradlinig denken lieber. Quer geht der Krebs. Und seine Scheren zwicken unerbärmlich schmerzhaft.

 

„Zusammengezählt wird am Schluss.“ Diese Lebensweisheit begleitet mich seit Jahrzehnten. Deren Herkunft ist mir bekannt. Damals fuhr ich noch Motorrad. Anfänglich alte zentnerschwere Eisenhaufen, die man sich auch als Schüler für kleines Geld aus Schuppen oder Scheunen ziehen konnte. Die Eigentümer hatten längst einen Kraftwagen in der Garage stehen. (Und ihre Frauen freuten sich, dass die stinkenden Knatterdinger endlich aus dem Haus kamen. Da fallen mir gleich einige famose Erlebnisse ein).
Aber es gab auch die älteren Männer, die unbeirrt weiterhin ihr Krad bewegten. Sei es, weil sie keine Fahrerlaubnis für Kraftwagen besassen, oder weil sie eben „schon immer“ Motorrad gefahren sind. Das bedeutete nicht selten, sie waren Kradmelder im letzten Krieg.
Einer ist mir noch gut erinnerlich. Der trieb ein Wehrmachtsgespann von BMW hinter der Front. Aufgepflanztes MG auf dem Seitenwagen. In meiner Jugendzeit fuhr der Mann eine BMW R69. Wenn er die angetreten hatte und auf dem Sattel sass, verwandelten sich für ihn die Strassen zwischen unseren Dörfern in schlammige russische Wege und die Felder ringsum in die Taiga. Ich bewunderte ihn für seine Gleichmässigkeit. Die immer gleiche vorsichtige Fahrweise, die gleichen Kleidungen im Sommer und im Winter, die immer gleiche Sitzhaltung auf dem Bock. Er kannte den Spruch auch. Wenn auch in einem anderen Kontext.

Wir fuhren mit unseren Motorrädern gelegentlich zu Veteranentreffen. Manche fanden auf bekannten Rennstrecken statt. Da konnte man ehedem bekannten Rennfahrern begegnen, die auf alten Rennmaschinen ihre Runden drehten. Und dann die „Benzingespräche“ zwischendurch. Wer weiss, wo man diesen Vergaser oder jene Zündspule für meine Zündapp noch finden kann? Wie löst man dieses oder jenes Problem mit der Schwinge einer 350er DKW? Es gab viel zu lernen.
Einmal sprach mich einer dieser alten Helden wegen meiner kleinen 450er Ducati Desmo an. Technik. Fragen und Antworten. Ob ich wohl einige Runden drehen würde. Ich verneinte. Ich wolle die Maschine (und mich) nicht schrotten. Es ging noch ein wenig hin und her. Im Verlauf unseres Gespräches – und ich erinnere den Zusammenhang nicht mehr – sagte er: „Zusammengezählt wird immer am Schluss“.

In scheinbar tiefster Vergangenheit, also vor etwa siebzig Jahren, waren selbst hubraumgewaltige Rennmotorräder behäbig und langsam im Vergleich zu einer durchschnittlichen Maschine heutzutage. Stürzte ein Fahrer im Rennen und verletzte sich dabei nicht folgenschwer, so konnte er häufig das Rennen fortsetzen. Und mit Können und etwas Glück sogar noch gewinnen. Deshalb wussten es die Rennfahrer damals. Zusammengezählt wird am Schluss.

Im Lauf meines Lebens hat sich dieser Satz so oft bewahrheitet, dass er für mich fast schon zu einem Lebensmotto geworden ist. Er scheint auch treffender als ein anderer Satz, der nur scheinbar das gleiche meint. „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“. In jungen Jahren zitierte ich diesen Satz bei manchen Gelegenheiten. Heute erkenne ich einen fundamentalen Unterschied. Im Zusammenzählen steckt Arbeit und abwarten können; geduldig sein und dranbleiben. Er bezieht sich auf mich.
Im Satz vom zuletzt Lachen steckt zwar auch das Abwarten. Aber wo immer man diesen Satz hört, schwingt doch etwas von Rache oder zumindest Häme mit. Es geht nicht nur um den eigenen Sieg sondern auch um die Niederlage des Gegners.

 

Die französische Fahrradindustrie experimentierte seit den 1930er Jahren mit verschiedenen Rahmenformen. Eine davon hatte ein doppeltes Oberrohr. Die nahe Hanau am Main ansässige Fahrradfabrik Bauer bewarb diese Form als „französisches Modell“. Zusätzlich wurden andere Attribute übernommen, die als französische Eigenschaften wahrgenommen wurden. Diese Fahrräder hatten ein sportliches Design, tief heruntergezogene Schutzbleche aus Aluminium, rutschsichere Pedale aus Metall, serienmässig keinen Ständer und andere Details. Sie waren als Tourensporträder ausgelegt. Seit den 1970er Jahren prägte man den Begriff Mixte für diese spezielle Rahmenform.
Die Fotografien zeigen ein Damenrad. Ein guter Freund war im vergangenen Sommer so freundlich, es beim Verkäufer abzuholen und bei sich zwischenzulagern bis zur Abholung. Nach der kompletten Zerlegung und Überarbeitung ist es wieder fahrbereit. Und es geht auch ohne Gangschaltung ab wie die Luzi. Die optischen Blessuren verschweigen ein langes Leben nicht. Und sie sollen es auch nicht. Anhand der Rahmennummer wurde das Fahrrad 1952 oder 53 produziert.
Sollte einer meiner geschätzten Besucher, Leser oder Gugger ein entsprechendes Herrenfahrrad sichten, so bitte ich um eine umgehende Benachrichtigung.

 

 

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern Gesundheit und eine erfreuliche Zeit. Mit klarem Blick versteht sich. Denn zusammengezählt wird am Schluss.

 

 

Herbstanfängliche Gedanken

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Das neue Werk von Patti Smith: Im Jahr des Affen. 2020, 204 S..
Essen & Trinken: Diese Blüte im Blumenkasten vor dem Fenster??? Wer hätte das gedacht: eine köstliche Gurke. Und dann noch eine und… Zu den Safrannudeln eine aromatische Tomatensauce. Tomaten und Kräuter frisch aus dem Garten.
Schaffe: Es gibt immer was zu tun. Derzeit sogar viel.
Gugge: Der Flussbaumeister – Wie Tulla den Rhein begradigte„. Ein interessante Dokumentation auf arte.de…

Mike Schloemer hatte sich 1995 auf den Weg gemacht. Er folgte der Route von Wim Wenders Film „Im Lauf der Zeit“. Das Ergebnis war ein Dokumentarfilm. Der Schwerpunkt lag im Gegensatz zu unserer Reise lediglich auf den Kinos, die auch in Wenders Film gezeigt worden waren. In der Doku sprachen viele Menschen. Kinobesitzer, eine Platzanweiserin, Nachbarn und andere Zeitzeugen. Wir hingegen waren an den Veränderungen an sich interessiert.
Da der Film nirgends zu erwerben war, kontaktierte ich Herrn Schloemer. Als er von unserer Reise erfuhr, bot er spontan an, eine Kopie seines Films zu schicken. Herzlichen Dank dafür Herr Schloemer.

Ich habe es hier schon mehrfach erwähnt. Es gab diese Untersuchung, wie sich Menschen auf neue Situationen einstellen und sie anschliessend in ihren Alltag integrieren. Maximal acht Monate braucht es, um sich auch in extrem unwirtliche Situationen einzufinden. Im Fall von Corona wabert das Virus demnächst im achten Monat. Und die Warenproduzenten haben ihre Produktpaletten dahingehend bereits erweitert. Das ist jedoch nichts Neues, sehen Sie sich die Photographien weiter unten an.
Jetzt kommt wieder die Zeit für andere Themen, mit denen wir auf Trab gehalten werden sollen.

Zum Beispiel Weissrussland. Während im Fall von Corona manche wegen der Maskenpflicht von „Diktatur“ reden, schwingen die wahren Diktatoren schon wieder ihre Gesinnungsschwerter. Weissrussland soll nach deren Machtgelüsten von sofort an Belarus heissen.
Was mag in deren Köpfen vorgehen? Bjela heisst weiss und die Silbe rus erklärt sich von selbst. Dass die weissrussische Bevölkerung von jeher russlandfreundlich war, soll vergessen gemacht werden. Selbsternannte Demokratiefreunde in den westlichen Ländern beziehen Stellung. Natürlich ohne vertiefte Kenntnis der tatsächlichen Sachverhalte.
Die ersetzt man durch Betroffenheitsszenarien.
Weissrussland verlor im Zweiten Weltkrieg 25% seiner Bevölkerung. Die deutschen Schlächter der SS haben dort mit fachkundiger Hilfe der Wehrmacht zugeschlagen. Ein Drittel aller Kommunen wurde abgefackelt. Inklusive der Menschen, die man vorher in Kirchen gesperrt hatte.
Im Westen sollte man endlich erkennen, dass unsere Zukunft im Osten liegt. Von dort wurden in der Geschichte keine Angriffskriege nach Westen begonnen. Die Menschen im Osten sind trotz aller Unmenschlichkeiten, die ihnen gerade auch von deutscher Seite zugefügt worden, noch immer aufgeschlossener und freundlicher, als unsere angeblichen Freunde jenseits des Atlantiks. Überdies liegen im Osten die Rohstoffe, die unsere europäische Zukunft sichern.

Ein anderes Beispiel, mit welchem wir in nächster Zukunft rund um die Uhr zugedröhnt werden, sind die Wahlen in den Vereinigten Staaten. Genau besehen, sind die für uns in der Tat wichtiger als die in Russland. Weil man nie wissen kann, welche Pläne die Kräfte, die den Präsidenten steuern, für die kommenden Jahre planen.
Also schiebt man den Präsidenten ins Rampenlicht. Als er seine erste Regentschaft antrat, wurde er weltweit verlacht oder zumindest lächerlich gemacht.
Ich wünsche ihm eine zweite Wahlperiode. Kein Präsident vor ihm hat sein Land so zielgerichtet auf den Abgrund zugesteuert. Die sozialen Standards in seinem Land sind so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. Er ist am Rest der Welt kaum interessiert. Keine neuen Kriege. Besatzungssoldaten wurden aus Deutschland abgezogen.

Die wirklich entscheidenden Fragen, die uns betreffen, liegen unter dem Deckmantel medialen Schweigens. Wieso hat die hiesige Autoindustrie mehr Macht als unsere Regierung? Wie umgeht die Lebensmittelindustrie die neuen Bestimmungen zum Arbeits- und Tierschutz? Wer wird den Bauern Einhalt gebieten mit ihrer Bodenvergifterei? Wieso dürfen die Rollrasenproduzenten mit ihrer massiven Wasserverschwendung den Grundwasserspiegel in den Ballungsräumen senken, ohne dafür zu zahlen? Preisabsprachen seien nicht nachzuweisen. So so. Wieso kommt es dann, dass die Benzinpreise deutschlandweit von morgens bis nachmittags systematisch billiger werden und der Unterschied zwischen Diesel und Normalbenzin seit Monaten konstant bei etwa 25 Cents liegt?

Ich höre ja schon auf. Die Antworten auf die wirklich dringlichen Fragen sind vielen Menschen ohnehin unwichtig. Fünf Minuten Betroffenheitsschreie, dann ist der Druck wieder weg.

Trotz alledem: ich freue mich, in einer grossen Zeit zu leben. In meinem persönlichen Umfeld bewegen sich Menschen, die mich berühren. Die mich erfreuen und auch zum Nachdenken anregen. Wir treffen uns, sitzen zusammen, essen und trinken, sprechen miteinander und tauschen uns aus. Und lassen uns sein in unseren jeweiligen Unterschiedlichkeiten.
Diese Lebensqualität wünsche ich auch allen Besuchern, Lesern und Guggern.

(In den Jahren 1957/58 wurde das heute sehr seltene Modell „Adria“ von der Firma Bauer produziert. Sportlich schnittig, selbst die Luftpumpe in rot und auch sonst optisch aufgeppt. Für alle die Menschen, die von einer Reise nach Italien nur träumen konnten. Oder für Jugendliche als Vorstufe zur eigenen Vespa… [Das Rad harrt noch der Restaurierung])

Vierundvierzig Jahre später – im Jahr 31 nach der Grenzöffnung

Horsche: Gogol Bordello -Trans-Continental Hustle (2010).
Lesen: Fritz Müller-Scherz, Wim Wenders [Hrsg.]: Im Lauf der Zeit. Bild für Bild, Dialogbuch, Materialien. Frankfurt, Zweitausendeins. 1976. 334S..
Essen & Trinken: Zunehmend weniger Fleisch. Die Tierproduktion in den westlichen Ländern ist der reine Horror. Zumindest für Menschen, die genauer hinschauen und Fragen stellen.
Schaffe: Es gibt immer was zu tun. Derzeit sogar viel.
Gugge: „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders…

Es war nicht der fünfundsiebzigste Geburtstag des Regisseurs Wim Wenders. Wir hatten unerwartet einige freie Tage. Diese nutzten wir, um die filmische Reise von Kamikaze (Robert) und dem King of the Road (Bruno) auf den Strassen entlang der vormaligen Grenze zwischen der DDR und der BRD nachzufahren. Wir sind Nachfahren. Über den ersten Teil unserer Reise von Lüchow nach Nordhessen habe ich im Oktober 2018 hier berichtet.

Unsere zweite Etappe verlief von der Rhön bis hinunter ins oberpfälzische Viechtach. Mit der An- und Rückreise planten wir drei Tage ein. Wir starteten frühmorgens. Wunderbares Spätsommerwetter machte die Reise zu einem Vergnügen. Wir kamen rasch voran. In der Rhön sahen wir erstmals einen inzwischen arg bedrohten Schwarzstorch auf einer Wiese stolzierend.
Das Basaltwerk. Bereits im Film war anhand der Gebäude nicht eindeutig zu erkennen, ob es sich wirklich um ein Basaltwerk handelte. Es hätte sich auch um eine Verladestation für verschiedene Gesteinsarten handeln können. Waren die Gebäude für die Filmarbeiten „stillgelegt“ worden oder wurde dort tatsächlich nicht mehr gearbeitet? Anhand unserer Recherchen und der Hilfsmittel auf der Reise, entschieden wir uns nach einer Weile, die Suche danach aufzugeben. Manche Orte sind im Verlauf von vierundvierzig Jahren so sehr verändert worden, dass sie heutzutage nicht mehr zweifelsfrei zu identifizieren sind. Wenn sie nicht schon ganz verschwunden sind. Die erste grosse Veränderung erlebten wir an der Rother Kuppe.
Zur Zeit der Dreharbeiten stand der hohe Aussichtsturm auf einem kahlen Hügel. In der Ausflugswirtschaft am Fuss des Turms erfahren wir, dass die umliegende Region zum Naturschutzgebiet erklärt worden sei, und in diesem Zuge erhebliche Aufforstungsmassnahmen vorgenommen worden seien. Und freie Blicke auf die Grenze zur DDR sind militärisch nun nicht mehr erforderlich.
Ähnliches erfahren wir ganz ungeplant am sogenannten Eisfelder Blick. Den genauen Standort einer ehemaligen US-Beobachtungshütte, dem Ort des endgültigen Abschieds von Robert und Bruno im Film, konnten wir nicht finden. Wir mussten ihm jedoch sehr nahe gewesen sein. Als wir aus einem Waldrand (BRD) traten, standen wir unversehens auf einem Kolonnenweg (DDR). Zwei aus der Erde ragende Betonquader liessen auf Fundamente ehemaliger Strom- oder Fernmeldemasten schliessen.

Auf der Fahrt von der hessischen in die bayerische Rhön wichen wir von der Fahrtroute im Film ab. Die beiden Protagonisten trennten sich. Bruno, um weiterhin seiner geplanten Route zu folgen. Er besuchte die Kinos entlang der Grenze und wartete dort nach Bedarf alte Projektoren. Robert (Kamikaze) hingegen trampte nach Ostheim, um dort seinen Vater zu sehen.
Auffallend ist, dass die Grenze, bis auf eine Ausnahme, in weiteren Verlauf des Films für den Regisseur eine eher untergeordnete Rolle zu spielen schien. Dagegen traten die persönlichen Konturen der beiden Figuren von Bruno und Robert mehr ins Rampenlicht.

Der Filmreise wurde zwar chronologisch gedreht aber bei dem Filmschnitt wurden die Handlungsorte in anderen Zeitebenen angeordnet. Wir entschieden uns aus diesem Grund, den Orten der Dreharbeiten zu folgen.
Robert traf seinen Vater, der in seiner kleinen Druckerei in Ostheim noch immer eine Zeitung verlegte und herausgab. Nun erklärt sich dem Zuschauer des Films, warum Robert, wo immer er eine Zeitung fand, diese sogleich lesen musste.
Im Film werden die beiden Orte Ostheim und Haßfurt der Handlung entsprechend zu einem Schauplatz vereint. So geht beispielsweise Robert in Hassfurt um eine Strassenecke, überquert dann einen Bahnübergang und betritt daraufhin die Druckerei seines Vaters in Ostheim. Der Haßfurter Bahnübergang ist längst durch eine mächtige Überführung ersetzt worden. Und die Schweinemetzgerei links der ehemaligen Bahnschranke wurde weitgehend rückgebaut. An ihrer Stelle steht ein kleines Restaurant. Anders als zu Beginn des Films wurden in seinem weiteren Verlauf zunehmend Aufnahmeorte zusammengeschnitten. .
In Ostheim fanden wir die Druckerei der Ostheimer Zeitung. Sie gilt als die kleinste regionale Tageszeitung Deutschlands. Wie schon in Lüchow, wo wir zur Erinnerung ein Exemplar Elbe-Jeetzel-Zeitung kauften, betraten wir das Ladenlokal für den Kauf einer Ostheimer Zeitung.

Das Filmbuch, wie immer wenn wir mit Menschen ins Gespräch kommen wollten, zur Hand, fragten wir nach der Druckerei. Unsere Überraschung war nicht gering, als wir erfuhren, dass wir mit den Eigentümern selbst sprachen. Sie erinnerten sich noch an die Dreharbeiten und wie die Druckwerkstatt für Wenders´ Vorstellungen verändert werden mussten. Unsere Spannung stieg. Herr Gunzenheimer lud uns ein, die Druckerei anzusehen. Sie hatte sich in den verflossenen Jahrzehnten nur wenig verändert. In neuere Maschinen war investiert worden, die lange Fensterfront modernisiert und einiges andere.  Zum Glück blieb dabei der alte Charme erhalten. Es war erlaubt, nach Belieben zu photographieren. Wir erkannten die Maschine, auf welcher Robert seinem Vater eine Extraausgabe gedruckt hatte. Die Bilder an den Wänden hingen noch wie ehedem. Und wir erfuhren viel Interessantes aus der Geschichte der Druckerei und von der Eigentümerfamilie.
Erfüllt und beeindruckt nahmen wir von Herrn Gunzenheimer und seiner Frau Abschied. Wir bedanken uns hiermit nochmals herzlich für das Exemplar der Extraausgabe vom 30. März 2007 zum hundertjährigen Bestehen der Ostheimer Zeitung. Versteht sich, dass in einem Bericht auf Seite 18 die Dreharbeiten von „Im Lauf der Zeit“ erwähnt werden.

Unsere nächste Station war die Tankstelle, an der Bruno und Robert dem Tankstellenbetreiber, einem Schulfreund von Robert den LKW als Pfand hinstellen. Dafür nehmen sie dessen alte 250er BMW mit Beiwagen, um nun gemeinsam zum Ort von Brunos Kindheit zu fahren. Die verbrachte er auf der Bacharacher Werth, einer Insel im Rhein am Stromkilometer 544. Diesen Abstecher unterliessen wir, denn der Mittelrhein fliesst quasi hier um die Ecke. Und diese Insel mit dem Haus darauf haben wir bereits oft passiert.

Das C-C Kino in Haßfurt. Die zuvor recherchierte Adresse stimmt nur ungefähr. Also sprachen wir eine Passantin an.

„Aber ja doch, gehen´s nur gleich hier rechts um die Ecke, da werden´s das Kino dann schon sehen.“

Wir bogen in die Amtskellergasse ein. Vor uns lagen haufenweise die Reste des vormaligen Kinos. Der Abbruch konnte erst vor kurzem erfolgt sein. Wir stiegen durch die Trümmer. Hier ein bisschen gefältelte Wandverkleidung. Dort hing noch der imposante Sicherungskasten für die Stromversorgung. Und das hier musste der Notausgang gewesen sein. Beim Verlassen des Geländes fanden wir im Schutt einige zerissene Filmschnipsel. Wir schauten uns an. Andenken. Merkwürdige Stimmung. Nichts bleibt.

Nach diesem erfüllenden ersten Tag fanden wir eine solide Unterkunft in Sesslach. Die wohlerhaltene mittelalterliche Stadt mit ihrem besonderen Flair diente bereits manchen Filmen als Kulisse. Selbst dieser Abend und das Früstück am folgenden Morgen wären eine eigene Geschichte wert.

Nach dem Früstück brachen wir auf zu einem kleinen Ort westlich von Coburg. Am Ortsrand liegt der kleine Bahnhof mit dem Güterschuppen. Der Güterschuppen, an welchem Robert einem kleinen Jungen begegnete, ist niedergelegt worden. Dort tauschte er seinen Koffer und einige Kleinigkeiten gegen das Notizheft des Jungen. Und von hier aus nahm er einen Triebwagen, mit dem die Schlussszenen des Films eingeleitet werden.
Während dieser Szenen sieht man am Bildrand Bruno in seinem Möbellastwagen auf der Landstrasse auftauchen. Während der kurzen Szenenwechsel werden sowohl den LKW als auch der Zug gezeigt, wie sie auf einen unbeschrankten Bahnübergang zufahren. Diesen Bahnübergang dokumentierten wir photographisch, wie übrigens auch alle anderen Findeorte. Dabei versuchten wir, wo immer es möglich war, den Standpunkt der Filmkamera einzunehmen.

Eine andere Station in der Nähe liessen wir aus. Die Burg-Lichtspiele in Meeder waren bereits vor vielen Jahren zu einem Supermarkt umfunktioniert worden. Als auch dieser nicht mehr rentierte, befand sich eine Videothek in den Räumen. Inzwischen ist das Gebäude abgebrannt. Ein anderer nicht auffindbarer Ort war das im Filmbuch sogenannte Abbruchkino. Daraus schleppten Bruno und Robert Teile aus dem Raum des Filmvorführers. Im Filmbuch ist dazu keine Ortsangabe vermerkt.
In Hof an der Saale fanden wir zeimlich rasch das Kino der Endszene des Films. Die Weisse-Wand-Lichtspiele in Hof. Oft waren es nur Einzelheiten an Gebäuden, die Anzahl der Fenster etwa an denen wir Orte als zum Film gehörig erkannten. In diesem Fall waren es die Eingangstüren im zurückgesetzten Portal des Hauses. Während wir noch über das Haus sprachen, mischte sich ein alter Mann in unsere Unterhaltung. Er erzählte von seinen früheren Besuchen in diesem Kino. Damit bestätigte er unsere Überlegungen. Heute befindet sich in den Räumen ein Elektrofachgeschäft.

Zwei Orte fehlten uns noch auf unserer Liste. Bei der ursprünglichen Planung wollten wir sie eigentlich auslassen, weil sie aufgrund der Entfernung fast eine dritte Etappe wert gewesen wären. Aber nun. Hier. Und wir hatten bereits so viele Orte gefunden.
Wir nahmen in Hof die Autobahn und fuhren runter nach Viechtach in der Oberpfalz. Die Park-Lichtspiele zu finden sollte einfach sein. Im Filmbuch findet sich ein weiterer Hinweis. Über dem Eingang zum Kino findet sich die Neonschrift: Ital EisCafe Mucchetto.
Die Adresse kann man im Internet erfahren. Vorort deutete zwar manches aus ein verlassenes Eiscafé aber nicht auf ein Kino. Wir sprachen Passanten an. Niemand wusste genaueres. Eine Eisdiele? Ja – aber ein Kino. Keine Erinnerungen.
Lichtblitze aus einem alten Werkstattfenster. Eine Schmiede. Ein alter Mann schweisste. Wenn die Ereignisse so lange zurückliegen, muss man ältere Menschen fragen.
Der Schmied unterbrach seine Arbeit für uns.

„Ja, da war ein Eiscafé. Das ist aber seit einiger Zeit geschlossen. Ein Kino gibts unten im Stadtzentrum.“

Dort fanden wir tatsächlich ein Kino. Neue-Park-Lichtspiele. Ein altes Gebäude. Behutsam modernisiert. Aber die Fassade passte nicht zu den Bildern im Film. Wir gingen die Strasse runter bis zur Ecke und fanden dort rasch des Rätsels Lösung. Früher befand sich der Eingang des Kinos auf der Schmalseite des Hauses. Und darüber war der Leuchtkasten Park-Lichtspiele. Und unten drunter war die Neonschrift des Ital EisCafe Mucchetto.
Im Internet eine Adresse zu recherchieren bedeutet nicht, in die Vergangenheit sehen zu können. Der alte Schmied hatte Recht. Zwischenzeitlich war das Eiscafé von Muccheto an die von uns gefundene Adresse umgezogen. Und hatte auch dort bereits wieder seine Pforten geschlossen. Nichts bleibt?

Wenige Kilometer nördlich von Viechtach liegt Bad Kötzting. Selbst jetzt am Nachmittag wirkte das Städtchen irgendwie verschlafen. Nach einer etwas merkwürdig verlaufenden Begegnung mit einer Frau fährt Bruno in seinem LKW eine enge Strasse hoch und biegt rechts ab. Dabei sieht der Zuschauer auf die Front eines Geschäftshauses. Auf dem Schriftzug an der Wand über den Schaufenstern liest man Möbel Traurig. Ein metaphorischer Bezug zu den vorausgegangenen Ereignissen im Film.
Die Strasse ist inzwischen Teil einer grosszügig angelegten Fussgängerzone. Die alten Schriftzüge sind moderneren gewichen. Der Familienname ist geblieben. Nichts bleibt dauerhaft. Aber manches währt lange und verändert sich dabei.
Im Lauf der Zeit.

Wir sind am Ende unserer beiden Reiseetappen, unseres eigenen Roadmovies vom Suchen und Finden angelangt. Auf Landstrassen haben wir 840 Kilometer zurückgelegt. Für den Film wurden 49000 Meter Negativmaterial belichtet. Die Länge des fertigen Films ist 4760 Meter lang. Unser Reiseweg war eine Kopie und doch keine Kopie des Reiseweges der beiden Filmhelden.
Wir sind wirklichen Menschen begegnet. Haben zahlreiche Gespräche geführt. Zu den sichtbaren Veränderungen in Dörfern und Kleinstädten kamen die der Landschaften hinzu. Das erfährt man entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze besonders deutlich.
Auch wir haben uns verändert. Durch viele Gespräche und Diskussionen sind unsere Horizonte geweitet worden. Wir haben auch jetzt wieder Landstriche gesehen, in denen es noch so viel zu entdecken gibt. In der von uns befahrenen Strecke hätten wir unschwer hundert interessante Museen besuchen können. Zwei Kirchenburgmuseen und das Karpfenmuseum waren dabei nicht die ausgefallensten.
Die Menschen, denen wir begegneten waren freundlich und hilfsbereit. Als sie erfuhren, was wir mit unserer Fahrt bezweckten, zeigten sie sich spontan aufgeschlossen. Es war so einfach in ein Gespräch zu kommen, dass wir uns mehr als einmal fragten, wieso wir dennoch im ganz gewöhnlichen Alltag, beim Einkaufen oder im Strassenverkehr so viel Verhärtung und Aggression erleben müssen. Auch dafür diente uns unsere Fahrt als wohlempfundener Ausgleich. Es geht also noch immer auch anders. Menschlicher.

Es steht noch nicht fest, was wir aus dem gesammelten Material, den Erinnerungen, Notizen und Photograhien machen werden. Es wird sich zeigen. Im Lauf der Zeit.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen wunderbaren Herbst.

 

 

Als so weiter

Horsche: Corona wirkt. Dumm Gebabbel in de Nachbarschaft. Zuhause: Dead Can Dance – In Concert (2013).
Lesen: Maria Thun: Gärtnern nach dem Mond. Aussaattage, Pflanzzeiten, Erntetage. Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2017.
Essen & Trinken: Salate, Kräuter und Wurzelgemüse aus dem Garten
Schaffe: Fahrräder zerlegen. Im Garten ist einiges zu tun.
Gugge: Ein ganz aussergewöhnliches Spektakel. Musik, Schauspieler, Marionetten, die EU und die Auswirkungenm von Corona.
„Beethoven – Ein Geisterspiel“. Eine Inszenierung von Jan-Christoph Gockel am Stadttheater Mainz. Aus aktuellem Anlass in Zusammenarbeit mit dem zdf. Und bis Spetember auch in der dortigen Mediathek zu sehen: https://www.zdf.de/kultur/musik-und-theater/geisterspiel-beethoven-theater-mainz-100.html

 

Das Normale muss nicht zwangsläufig auch gesund sein. Immer mehr Menschen wünschen sich die Rückkehr zur „Normalität“. Zu morgendlichen Verkehrsstaus, nächtlichem Fluglärm in Einflugschneisen. Zu Gerempel in Konsumtempeln. Zu Konsum in jeglicher Form. Ob warenwelt oder Kultur. Hauptsache Konsum wie er normal erscheint. Aber noiicht unbedingt gesund sein muss. Wen scheren schon die Folgen, wenn Malle lockt. Wenn endlich wieder die Musik auf Konzerten so laut tönt, dass man es ohne Ohrenschutz kaum aushalten kann. Schliesslich wieder die Randale im Umfeld von Fussballspielen.
Alles nur Randerscheinungen, ich weiss. Dennoch ungesund.
Bisher las ich nur davon. In dieser Woche war ich seit Zeiten wieder einmal beruflich in Frankfurt. In einer Metzgerei weigerte sich ein Greis, einen Mundschutz anzulegen.
„Mach isch nedd!“, schnauzte er. Zum Verlassen der Metzgerei liess er sich auch nicht bewegen.
Ältere Menschen halten weniger Abstand. Und darauf angesprochen, folgt meist das egomane Argument: „Ich bin so alt, wenns mich erwischt, dann habe ich gut gelebt.“
Auf die Gegenfrage, wie viele Menschen, bis es endlich so weit wäre, dann inzwischen vielleicht angesteckt worden wären, herrscht eisiges Schweigen. Die Normailtät und der gesunde Menschenverstand gehen oft getrennte Wege.

Ich finde den Mundschutz prima. Endlich muss ich nicht jeden frischverduschten Stinkbock und jede maximalparfümierte Möchtegernin riechen. Ich hatte die Hoffnung auf Duftschutzbunker im öffentlichen Raum eh aufgegeben. Dass die Aussprache mancher Mitmenschen undeutlicher wird, nehme ich gerne in Kauf. Bei Bedarf kann ich rückfragen. Wenn es denn wirklich notwenig wäre.

Auf welchen poetischen Namen haben Sie eigentlich Ihrem Mundschutz getauft? Ich schwanke noch immer. Mir fällt die Entscheidung nicht leicht. Laberlappen, Knutschgardine, Spuckfilter, Virenrollo, Mundgeruchsrückhaltegewebe, Lippenlumpen. Undsoweiterundsofort.

 

Zwei Strassen entfernt wollte jemand sein Sammelsurium an älteren Fahrrädern loswerden. Für Kleingeld. Da manche Kleinteile inzwischen teuer geworden sind, lohnte sich der Ankauf. Zerlegen, behalten, was lohnt und der Rest tritt seinen Weg in den Schrottcontainer an.

Es stimmt mich nachdenklich, wenn ich ein ehemals feines Herrenrad der längst untergegangenen Marke Rixe sehe und was man damit angestellt hat. Der Aufkleber am Kettenschutz ist kein Trost zum lächeln. Es scheint die Warenwelt verführt dazu, alles und jedes zu benutzen und verbrauchen, wie es einem gerade so durch den Kopf schiesst.
Ohne Sinn und Verstand wird zur Metapher der neuen Normalität.

Wobei ich zur zweiten Frage des Fahrradrätsels komme.

Sie haben die Fotos des Transportrades noch in Erinnerung. Da fehlte noch einiges. Es gibt erstens die Freude und zweitens die Strassenverkehrsordnung (StVO). Versteht sich, dass die Freude ganz klar Vorrang hat, die StVO aber nicht ganz ausser Acht gelassen werden soll.

Was wurde inzwischen an der schwarzen Schönheit verfeinert? Als kleine Hilfestellung sei gesagt, dass es drei Dinge sind, die inzwischen angebracht worden sind. Die Fotografien folgen demnächst mit den Antworten, auf die ich mich schon jetzt freue.