Auf Umzugsspuren

Horsche: Auf diesen Komponisten bin ich durch einige ProgRockmusiker (Peter Hammill, Gentle Giant, Robert Wyatt etc.) gestossen. Sie nennen den Mann als einen wichtigen Einfluss auf das eigene Schaffen. William Byrd (1543 – 1623) schuf vorwiegend sakrale Musik. Hier läuft: The Byrd Edition – Cantiones Sacrae 1591 / Laudibus in sanctis (The Byrd Edition, 13CDs). 
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Kalbsgulasch, Kohlrabigemüse und grobes weisses Brot zum Titschen. Dazu einen 2018er Bordeaux.
Schaffe: Planen, planen, planen. Letzte Gartenarbeiten. Ein Umzug steht an.
Gugge: „Das schweigende Klassenzimmer“. Sehr beeindruckend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass dem Film eine wahre Begebenheit zugrunde liegt…

„Nun habe ich es von jeher geliebt, unnütze Fragen zu tun; ich wandte mich deshalb zu meinem verehrten Lehrer – (ein Schüler Einsteins, man bedenke doch ! Er brachte uns zukunftweisende Ansichten bei : wie es läppisch sei, 1 Schlips zu tragen, als ob man sich beständig des Stranges bewußt sein müßte; wie lächerlich, sich die Nase abzuduellieren; auch, daß über Parlamentsgebäuden grundsätzlich die Inschrift ‹Nanu !?› stehen sollte) zu dem also wandte ich mich eifrig, und fragte : »Kann ich das hier mitnehmen?«
Er sah auf den Titel. Runzelte die Stirn (ich wußte damals noch nicht, warum). Beblickte mich Langen. Zog ein Gesicht wie Adenauer, wenn man von Anerkennung der DDR spricht. Und sagte säuerlich »Bong.«.“
(Arno Schmidt: Begegnung mit Fouqué. In: Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe III. Essays und Biografisches, Bd. 3. Zürich 1995: Haffmans. S. 423).

Erinnerungen. Zimmer in WGs. Die Umzüge in Kleinbussen. Jeder hilft jedem. So war das damals. Die Clevereren liessen umziehen und erschienen erst zur nächtlichen Feier („Sorry, musste noch für Mathe pauken…“).  In den letzten fünfundzwanzig Jahren bin ich elfmal umgezogen. Auf drei Kontinenten. Dabei habe ich unter völlig unterschiedlichen Dächern ein Zuhause gefunden. Stoff für manche Geschichte.
Ich stehe auf dem Balkon in der dritten Etage. Mein Blick schweift über die Dächer einer der für meinen Geschmack schönsten Städte in diesem Land.

(Da drüben! . – . Das könnte doch… – ? Und schon sehe ich den hochaufgeschossenen Fahrschüler aus dem Südausgang des Bahnhofs treten und festen Schrittes neben den Bahnanlagen gehen. Er kommt jeden Tag mit dem Zug aus dem schlesischen Lauban.
Nach hundert Metern überquert er die Sattigstrasse nach rechts hinüber in die Lessingstrasse. Er faltet auf seiner Stirn die senkrechte Furche recht kritisch. Er weiss, was er seinem Ruf schuldig ist. Ob er seinen besten Freund treffen wird, sehe ich nicht.)

Wir machen eine kleine Pause. Magst Du was essen oder trinken?
Nö, ich geh´ mal kurz ums Viertel. Mal sehen, wie es hier rundum aussieht. Von unten.

 

Ich überquere die schmale Brücke vor dem imposanten Neisse-Viadukt. Auf dieser Brücke kann man nach rechts blickend den Bahnhof sehen. Nach links über das Viadukt ziehen sich die beiden Gleise ins polnische Land hin. Ich gehe nach rechts in die Sattigstrasse. Auch aus dieser Richtung sind es schätzungsweise nur hundert Meter bis zur Lessingstrasse.
Der Fahrschüler kam erst 1928 mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester von Hamburg nach Lauban. Der Vater, ein Polizist, war verstorben und die Mutter entschloss sich, in ihren Geburtsort zurückzukehren. Die nächst erreichbare wünschbare Schule für den Vierzehnjährigen war die Oberrealschule diesseits der Neisse. Die besuchte er vom Dezember 1928 bis zu den erfolgreich bestandenen Prüfungen für das Abitur im März 1933. Danach nahm er von März bis September 1933 am Unterricht in der im gleichen Gebäude befindlichen Höheren Handelsschule teil.

Ich gehe in die Lessingstrasse und schaue mir die Fassade der Schule an. Geradezu trutzig steht sie da. Jugendstilelemente im Baukörper. Ich stehe vor einem Portal und frage mich, ob dies der Haupteingang sei.
Neben bremst ein Mann sein Klapprad ziemlich abrupt. Ich binde meinen Mundschutz vor und spreche den Mann an.
Darf ich Sie etwas fragen? Ich frage mich nämlich, ob dies vor etwa hundert Jahren ein Gymnasium gewesen sein könne.
Er wusste keine genauere Zahl (die Oberrealschule wurde 1913 eröffnet), meinte jedoch, es könne durchaus sein. Warum mich das interessiere…?
Wenn dem so sei, dann hätte einer meiner Lieblingsautoren… – er unterbrach mich in meiner Rede.
Arno Schmidt!?
Exakt.
Zur Zeit sind Ferien. Wenn Sie mögen können Sie mich begleiten. Ich unterrichte hier. Oben im ersten Stock hängen einige ältere Fotos. Wenn Sie möchten….
Ich nehme die Einladung dankend an.

Im ersten Stock schwingt er sich auf sein Rad und zischt durch einen langen Flur davon. Ich lichte einige alte Photographien ab. Gehe durch die langen Flure. Leider sind alle Türen zu der mächtigen Turnhalle verschlossen. Aber Arno Schmidt und Sport? Das passt nun garnicht. Die Aula finde ich in in der Kürze meiner Zeit auch nicht. Von Uwe Johnson weiss ich, dass er in der Aula seiner Schule bei entsprechenden Veranstaltungen als Conférencier aufgetreten ist.
Arno Schmidt hätte vielleicht aus Fouqué vorgelesen. Oder vom Anton Reiser. Vor einer Meute gähnender Schüler. Ich wills mir nicht vorstellen. Ebenso wenig wie den Schüler beim Hundertmeterlauf oder beim Fussballspiel draussen auf dem Hof. Dem Leser seiner Werke sind entsprechende Äusserungen wohlbekannt.

 

Umzüge. Eine neue Umgebung. Fremde Menschen. Manches wird man hinter sich lassen (müssen). Anderes und viel Neues kann man gewinnen. Das bestimmt die eigene Offenheit.

 

„25 Jahre lang hatte ich Grund zu einem absonderlichen Ärger : ich war zwar in Hamburg geboren; aber von stockschlesischen Eltern, denen das norddeutsche Wesen ein Greuel und Platt eine Barbarensprache deuchte, und die dafür gern von <schlesischen Bergen> faselten (ich erkläre diese, nur scheinbar harten, Ausdrücke noch); und mir war schon als Kind nichts lieber, als weite Ebenen, mit Haide bedeckt, Moor eingemischt, darin Kiefernwaldungen auf Sandboden; kurzum karge, menschenleere Öde.
Hier schien mir ein <Bruch> in meinem Wesen; und zwar von der Sorte, die ich garnicht schätze ! Denn wenn ich, ich mochte wollen oder nicht, <Schlesier> war, vom Oh=Thäler=weit=oh=Höhen=Typ, dann war meine instinktive übermächtige Neigung zu Flachland, Erica & Ludum Palastre <falsch>; dann war mir weiterhin (z.B. als Schriftsteller) die letzte entscheidende Identifizierung mit dieser=meiner Landschaft versagt. (Andere Dilemmen ertrug ich viel leichter, weil ich meiner Sache sicher war – etwa von meinem in Schule und Spiel geübtem Plattdeutsch wußte ich, daß es <stimmte>, verglichen mit dem, mir widerlichen, schlesischen Gemauschele, mit seinen Spielzeugdiminutiven, dem schaumig=weichlichen Gezischle kombiniert mit kindlich=werwölfigem Abergläuble; in diesem Fall hatten meine Eltern, in ihrer sinnlosen Versteifung gegen den prachtvollen Stadtstaat so offenkundig Unrecht, daß jedes Wort der <Widerlegung> verschwendete Atemluft bedeutet hätte. […]
Bis ich dann persönlich nach Schlesien kam – ich glaube, etwa 5 Mal von Hamburg aus; in den <Großen Ferien> von 1920, 22, 24, 26, 28 ? – und jenes <Riesengebirge> sah : es handelte sich um eine völlig unimpressiv=liebliche Mittelgebirgslandschaft, die ich mir den Jungenspaß machte, in der Hälfte der Zeit zu ersteigen, die meine Mutter & Schwester, weit hinten, brauchten. Der <Steinberg>? : ein nichtswürdiger klein=beleibter Hügel; Lieblingstreffpunkt von <Pärchen> und von jedem Alten am Stock mühelos innerhalb von 10 Minuten zu erreichen ! – Erleichterung überkam mich.
Und noch mehr, als ich erkannte, daß meine Eltern überhaupt gelogen hatten : sie stammten garnicht einmal aus diesen buckligen Gegenden ! Mütterlicherseits kam ich aus Tschirne (18 km südl. v. Sagan, uralter slawischer Name übrigens; von <Czerny>, schwarz : <Schwarzwasser> und >Weißwasser> heißen ja überall gern 2 Bäche); die Familie meines Vaters saß seit langem in Halbau (10 km südl. v. Sagan). Mit anderen Worten : von <schlesischen Bergen> war bei uns keine Rede; wir stammten vielmehr aus den <Lausitzen>, (und da wird Einem ja gleich wohler, wenn man so entfernt zu LESSING gehört und SCHEFER). Und das Land dort war flach ! Flach wie nur je zwischen Hamburg und Celle, zwischen Wittingen und Verden. (Es dauerte natürlich Jahre, ehe ich <dahinter-kam>; an Ort & Stelle selbst hatte ich viel zu viel mit dem Verarbeiten der Reiseeindrücke zu tun.)
Als ich dann 25 war, fiel mir endlich – als das I=Tüpfelchen, das mir noch abging, – der ältliche Band eines Meyer=Lexikons in die nachschlagenden Hände (6. Aufl., Bd.23,1912); da war, gegenüber der Seite 392 eine <Übersichtskarte der Norddeutschen Heidegebiete>; und dort, weit abgetrennt von dem gelbbraunen Haupt=Heide=Zuge von der Zuidersee bis Hela, erblickte ich tief im Binnenland eine große isolierte Haide=Insel, die Niederlausitz – und in ihr lagen sie alle, die Orte Tschirne und Halbau und Weißwasser !
:  Da war ich beruhigt.
(Reemstma, Jan Philipp u. Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): »Wu Hi ?« Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg. Haffmans Verlag, Zürich, S.17f., 1986)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern. einen ruhigen November, in dem Sie sicher wissen, wohin Sie wirklich gehören.

 

(Einige photographische Impressionen. Für die beiden abgelichteten Fotos liegt das Urheberrecht bei Herrn Robert Scholz)

 

 

 

 

 

 

Beruf, Berufung, Karma oder Heringssalat in Tomatensauce?

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Die interessante Bedienungsanleitung für einen Kettennieter. Nützliche Hinweise zu Torpedo Dreigang-Schaltungen.
Essen & Trinken: Kohlrabigemüse mit Kerbel und dazu Bamberger Hörnchen. (Die Gurke aus dem Blumenkasten ist aromatisch und geschmacklich ein Kracher).
Schaffe: Planungen für weitere Modernisierungsmassnahmen am Haus.
Gugge: „Kundschafter des Friedens“ Ein schöner Film. Grandiose Besetzung. In memoriam Michael Gwisdek. Auf arte.de…

 

Phimbo. Scheriff. Pongo. Knüppel. Vogta. Käsje. De Ohm. Clemens B.. Kröner.

Die alte Garde.

Ich muss vorsichtig sein. Schliesslich habe ich selbst einige Jahre… Zu meiner Entschuldigung bringe ich vor, dass es reiner Zufall war. Damals auf dem Flughafen Schipol in Amsterdam.
Wir warteten auf den Rückflug nach Südamerika. Da sprach mich der Direktor einer Deutschen Schule an. Sie sind doch… und haben…
Meine Litanei von Ausreden. Ich bin eigentlich in Südamerika weil… Nein, zur Zeit arbeite ich mit kolumbianischen Exilanten… Nein, ursprünglich kam ich hierher, um … Ich bin unsicher, ob ich der Richtige…

Natürlich habe ich zwei Tage später mein CV abgegeben. Es gibt Verführungen und Herausforderungen (im positiven Sinne), denen ich kaum widerstehen kann. Und bin so aufgrund meiner Ausbildung und Studien Lehrer geworden. Ich sass im Lehrerzimmer und in Konferenzen.
Jahrelang hatte mich die Schulbank gedrückt und nun sass ich auf der anderen Seite. Ein Fremder neben merkwürdigen Menschen.

Ein Verräter an der Sache?

Kommt drauf an, welchen und vor allem wie man Unterricht gibt.

Meine Nachteile: mir fehlte ein Referendariat. Ich wusste nicht, wie man einen vorgegebenen Lehrplan umsetzt. Ich hatte überhaupt wenig Ahnung von diesem Geschäft.

Meine Vorteile: ich hatte das wirkliche Leben kennengelernt. Also nicht diesen seltsamen Lebenslauf: Schule, Hochschule, Schule. Sondern das wirkliche Leben. Eigenverantwortlich handeln. Für Fehler sofort abgewatscht werden. Keine Beförderung, kein Beamtentum, sondern stetige Leistung macht meinen persönlichen Erfolg.
Vor allem aber: ich hatte nie vergessen, dass ich selbst einmal Schüler war. Und ein grottenschlechter dazu. Ein Schulversager. Durch familiäre Erziehung und das Sahnehäubchen fürs Leben obendrauf – etliche meiner Lehrerinnen und Lehrer.

Eingangs schrieb ich einige ihrer Namen. So wurden sie von uns Schülern genannt. Schon Jahre vor meiner Schülerkarriere waren ihnen diese Spitznamen zugeschrieben worden. Manche Namen berechtigten sie durch ihr Verhalten, andere waren rückblickend ungerecht. Pongo konnte nichts für seine auffällige Progenie.
Der Scheriff hingegen war kriegsbedingt seelisch schwerbeschädigt. Wenn wir Sextaner – er war Oberschullehrer und hatte keine Lehrbefähigung für die Mittel- und Oberstufe – wenn wir Sextaner nur unruhig waren im Klassensaal hob er seine Aktentasche mit zwei Händen in die Höhe und schrie: “ ich werde Euch alle vernichten, Ihr Affenbande“. Dabei knallte er mit voller Wucht seine flache Aktentasche auf seinen Tisch, dass wir Kinder zusammenzuckten. Klar, dass die helleren Köpfe von uns nach drei Wochen schon heraushatten, wie man den Scheriff zum schreien bringen konnte. „Ihr Verbecher, ich werde Euch vernichten“.
Ein einziges Mal habe ich erlebt, wie er in einem seiner Schreianfälle schlagartig still geworden ist. Das war als sich die Schülerin V. vor Schreck unter die Bank übergeben hatte.

Der Knüppel, Mathe und Physik. Promovierter Gymnasiallehrer. Der ging im weissen Kittel, darunter Hemd und Krawatte, immer vor der Klasse auf und ab, nachdem er dieser eine Aufgabe gegeben hatte. Er bewegte im Auf-und-Abgang seine Lippen und murmelte unhörbar. Lag etwas in seiner Gangbahn (Gangway?) so kickte er es mit seinem Fuss zur Seite. Was nimmt es Wunder, einem solchen etwa einen Radiergummi auf dem Holzfussboden festzunageln. Und der Knüppel geht murmelnd hin und her und kriegt das Dingens am Boden nicht weg.
„Also, gill, so geht das nicht.“
In Hessen sagt man gelt oder treffender gell aber nicht gill. Auch heute noch erinnert man sich gerne an den Knüppel. Betonfrisur exakt wie der Wehrmachtsoffizier und spätere Bundeskanzler Schmidt. Allerdings in graumeliert.

Die Vogta, katholische Religion und Geschichte, Fräulein Doktor und das Käsje, Biologie und ebenfalls Fräulein Doktor. Welche Lebensglücke hätten diesen früh verhärteten Mädels erblühen können. Ein heute noch gerne zitierter Witz bei Zusammenkünften war der Eintrag ins Klassenbuch vom Käsje: Ärmel misshandelt die Türklinke.
Für die Jugend unter uns Lesern: damals als mich die Schulbank drückte, hielt ein Schüler oder eine Schülerin die Tür auf, wenn sich die Lehrkraft näherte. Als eines Tages das Käsje den Klassensaal betrat, liess ich die gedrückte Türklinke hochschnappen. Das reichte für einen Tadel im Klassenbuch.

Besser war der Kröner. Ein stiller Sadist. Evangelische Religion und ? :ich vermute Musik. Der hatte es drauf, das Ohr eines Schülers oben zwischen seinem zwei Fingernägeln anzupacken und langsam nach oben zu drehen. Der Delinquent drehte sich dann unter dem Schmerz zu seiner Drehung langsam aus der Bank hoch. Harmloser, weil etwas weniger schmerzhaft, waren dagegen seine Kopfnüsse mit einem Kreidestück. Er schaffte es mit passenden reden, dass Mitschüler entweder laut auflachten oder zumindest lächelten.

Harmlos war dagegen die Frau Franke. Die sammelte in der Klasse nur regelmässig für die damals noch existente Bewegung „Freiheit für Südtirol“. Zehn Pfennige reichten zum Freispruch und einen positiven Vermerk in ihrem roten Notenbuch. Ich bekam von zuhause kein Geld für diesen „Quatsch“ und erhielt entsprechende Noten.

Für Heiterkeit sorgte dagegen Frau Schmidt. Kunstlehrerin. Mit einem für uns Schulbuben geradezu unglaublich mächtigen Hinterteil. Sie fuhr ein Goggomobil TS 250. Allein der Anblick, den sie bot, wenn sie sich in das Wägelchen hinein- oder herausschraubte. Schülerspott kann grausam sein.

Immer die gleiche Show bei der Rückgabe der korrigierten Lateinarbeiten. Studienrat B. erinnerte in seiner Erscheinung an den Kaplan Kindlein (Rudolf Rhomberg) in der 1965 erschienenen Filmkomödie „Tante Frieda – Neue Lausbubengeschichten“. Etwas dicklich, irgendwie schwammig. Und dazu diese unheimlich sanfte Stimme. Ein Raubtier im Klassenzimmer. B. ging durch die Bänke und überreichte jedem Schüler, der dabei aufstehen musste, seine Klassenarbeit ohne einen weiteren Kommentar.
Bei den Spezialkandidaten, zu denen auch ich gehörte, behielt er das Heft in der Hand und fragte:
„Ärmel, kennst Du meinen Vornamen?“
Bereits im Aufstehen musste man dann lateinisch korrekt antworten: „Ja.Clemens, clementis. G
ütig, barmherzig.“
„Und deshalb habe ich Dir noch eine Fünf gegeben, obwohl Du…“ Liess das Heft auf die Schulbank fallen und stand schon am nächsten Tisch.
Mir machte das nichts weiter aus. Aufgrund meiner häuslichen Erziehungserfahrungen (oder vielleicht eines besonderen Gens) erkenne ich, seit ich ein grösseres Kind gewesen bin, lediglich echte Autoritäten an. Wer sich selbst als Autorität darstellt und sich damit Anerkennung verschaffen will, ist allenfalls ein läppischer Machtspieler. Wirkliche Autoritäten haben es nicht nötig, andere Menschen mit ihren Fähigkeiten oder gar verliehenen Titeln beeindrucken zu wollen.
Eines Tages blieb der gütige und barmherzige Studienrat vor einem Mitschüler stehen. Dieser war kein Kandidat sondern ein fleissiger Schüler. Der klassische Einserschüler. Unauffällig im Unterricht und doch jederzeit ansprechbar.
„Kennst Du meinen Vornamen?“ Auf dem Nachhauseweg stellte der Schüler sein Rad am Stamm eines Pflaumenbaums ab. Wir erfuhren erst einige Tage später, dass der Schüler aus dem Leben gegangen sei.

Ich habe diesen Bericht in der vorigen Woche unterbrochen auf der Suche nach einer positiven Wendung. Heute nun stelle ich fest, dass der 5. Oktober der Weltlehrertag ist. Das ist für mich der willkommene Anlass, all den Lehrern zu danken, die mir dazu verholfen haben, meine Horizonte und mein Weltwissen zu erweitern. Lehrer und Lehrerinnen, die über diesen arg seltenen feinen Humor verfügten, dass man sie als Schüler einfach anerkannte und achtete. Ohne dabei so recht zu wissen, warum und wofür man sie ohne weiteren Widerspruch respektierte. Bei manchen dieser Persönlichkeiten ist mir das erst Jahre später klar geworden.
Zu danken habe ich auch jenen Pädagogen, die es drauf hatten, dass mir nach anfänglichem Widerstreben selbst ihre verordneten Strafarbeiten Freude machten, weil mir der Sinn der Aufgaben während der Arbeit offenbar geworden ist.
Dankbar erinnere ich mich – wer von all meinen Lehrern in all den Klassen und verschiedenen Schulen mag wohl noch am Leben sein? – dankbar erinnere ich mich auch an die Pädagogen, die mit ihrem Unterricht gleich Hochseilartisten die Balance halten konnten zwischen Forderung und Förderung ihrer Schüler.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mir die Lehrkräfte, denen ich noch heute die Hand schütteln und ihnen herzlich danken möchte, geradezu willentlich aus meiner Erinnerung hervorrufen muss. Die anderen dagegen, die man gerne vergessen möchte, und in meinem Fall waren das merkwürdigerweise mehr Lererinnen als Lehrer, die drängen sich von Zeit zu Zeit bei entsprechenden Gelegenheiten noch immer ungebeten in den Vordergrund.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen goldenen Herbst mit herzerwärmenden menschlichen Begegnungen.

 

 

 

 

 

Vierundvierzig Jahre später – im Jahr 31 nach der Grenzöffnung

Horsche: Gogol Bordello -Trans-Continental Hustle (2010).
Lesen: Fritz Müller-Scherz, Wim Wenders [Hrsg.]: Im Lauf der Zeit. Bild für Bild, Dialogbuch, Materialien. Frankfurt, Zweitausendeins. 1976. 334S..
Essen & Trinken: Zunehmend weniger Fleisch. Die Tierproduktion in den westlichen Ländern ist der reine Horror. Zumindest für Menschen, die genauer hinschauen und Fragen stellen.
Schaffe: Es gibt immer was zu tun. Derzeit sogar viel.
Gugge: „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders…

Es war nicht der fünfundsiebzigste Geburtstag des Regisseurs Wim Wenders. Wir hatten unerwartet einige freie Tage. Diese nutzten wir, um die filmische Reise von Kamikaze (Robert) und dem King of the Road (Bruno) auf den Strassen entlang der vormaligen Grenze zwischen der DDR und der BRD nachzufahren. Wir sind Nachfahren. Über den ersten Teil unserer Reise von Lüchow nach Nordhessen habe ich im Oktober 2018 hier berichtet.

Unsere zweite Etappe verlief von der Rhön bis hinunter ins oberpfälzische Viechtach. Mit der An- und Rückreise planten wir drei Tage ein. Wir starteten frühmorgens. Wunderbares Spätsommerwetter machte die Reise zu einem Vergnügen. Wir kamen rasch voran. In der Rhön sahen wir erstmals einen inzwischen arg bedrohten Schwarzstorch auf einer Wiese stolzierend.
Das Basaltwerk. Bereits im Film war anhand der Gebäude nicht eindeutig zu erkennen, ob es sich wirklich um ein Basaltwerk handelte. Es hätte sich auch um eine Verladestation für verschiedene Gesteinsarten handeln können. Waren die Gebäude für die Filmarbeiten „stillgelegt“ worden oder wurde dort tatsächlich nicht mehr gearbeitet? Anhand unserer Recherchen und der Hilfsmittel auf der Reise, entschieden wir uns nach einer Weile, die Suche danach aufzugeben. Manche Orte sind im Verlauf von vierundvierzig Jahren so sehr verändert worden, dass sie heutzutage nicht mehr zweifelsfrei zu identifizieren sind. Wenn sie nicht schon ganz verschwunden sind. Die erste grosse Veränderung erlebten wir an der Rother Kuppe.
Zur Zeit der Dreharbeiten stand der hohe Aussichtsturm auf einem kahlen Hügel. In der Ausflugswirtschaft am Fuss des Turms erfahren wir, dass die umliegende Region zum Naturschutzgebiet erklärt worden sei, und in diesem Zuge erhebliche Aufforstungsmassnahmen vorgenommen worden seien. Und freie Blicke auf die Grenze zur DDR sind militärisch nun nicht mehr erforderlich.
Ähnliches erfahren wir ganz ungeplant am sogenannten Eisfelder Blick. Den genauen Standort einer ehemaligen US-Beobachtungshütte, dem Ort des endgültigen Abschieds von Robert und Bruno im Film, konnten wir nicht finden. Wir mussten ihm jedoch sehr nahe gewesen sein. Als wir aus einem Waldrand (BRD) traten, standen wir unversehens auf einem Kolonnenweg (DDR). Zwei aus der Erde ragende Betonquader liessen auf Fundamente ehemaliger Strom- oder Fernmeldemasten schliessen.

Auf der Fahrt von der hessischen in die bayerische Rhön wichen wir von der Fahrtroute im Film ab. Die beiden Protagonisten trennten sich. Bruno, um weiterhin seiner geplanten Route zu folgen. Er besuchte die Kinos entlang der Grenze und wartete dort nach Bedarf alte Projektoren. Robert (Kamikaze) hingegen trampte nach Ostheim, um dort seinen Vater zu sehen.
Auffallend ist, dass die Grenze, bis auf eine Ausnahme, in weiteren Verlauf des Films für den Regisseur eine eher untergeordnete Rolle zu spielen schien. Dagegen traten die persönlichen Konturen der beiden Figuren von Bruno und Robert mehr ins Rampenlicht.

Der Filmreise wurde zwar chronologisch gedreht aber bei dem Filmschnitt wurden die Handlungsorte in anderen Zeitebenen angeordnet. Wir entschieden uns aus diesem Grund, den Orten der Dreharbeiten zu folgen.
Robert traf seinen Vater, der in seiner kleinen Druckerei in Ostheim noch immer eine Zeitung verlegte und herausgab. Nun erklärt sich dem Zuschauer des Films, warum Robert, wo immer er eine Zeitung fand, diese sogleich lesen musste.
Im Film werden die beiden Orte Ostheim und Haßfurt der Handlung entsprechend zu einem Schauplatz vereint. So geht beispielsweise Robert in Hassfurt um eine Strassenecke, überquert dann einen Bahnübergang und betritt daraufhin die Druckerei seines Vaters in Ostheim. Der Haßfurter Bahnübergang ist längst durch eine mächtige Überführung ersetzt worden. Und die Schweinemetzgerei links der ehemaligen Bahnschranke wurde weitgehend rückgebaut. An ihrer Stelle steht ein kleines Restaurant. Anders als zu Beginn des Films wurden in seinem weiteren Verlauf zunehmend Aufnahmeorte zusammengeschnitten. .
In Ostheim fanden wir die Druckerei der Ostheimer Zeitung. Sie gilt als die kleinste regionale Tageszeitung Deutschlands. Wie schon in Lüchow, wo wir zur Erinnerung ein Exemplar Elbe-Jeetzel-Zeitung kauften, betraten wir das Ladenlokal für den Kauf einer Ostheimer Zeitung.

Das Filmbuch, wie immer wenn wir mit Menschen ins Gespräch kommen wollten, zur Hand, fragten wir nach der Druckerei. Unsere Überraschung war nicht gering, als wir erfuhren, dass wir mit den Eigentümern selbst sprachen. Sie erinnerten sich noch an die Dreharbeiten und wie die Druckwerkstatt für Wenders´ Vorstellungen verändert werden mussten. Unsere Spannung stieg. Herr Gunzenheimer lud uns ein, die Druckerei anzusehen. Sie hatte sich in den verflossenen Jahrzehnten nur wenig verändert. In neuere Maschinen war investiert worden, die lange Fensterfront modernisiert und einiges andere.  Zum Glück blieb dabei der alte Charme erhalten. Es war erlaubt, nach Belieben zu photographieren. Wir erkannten die Maschine, auf welcher Robert seinem Vater eine Extraausgabe gedruckt hatte. Die Bilder an den Wänden hingen noch wie ehedem. Und wir erfuhren viel Interessantes aus der Geschichte der Druckerei und von der Eigentümerfamilie.
Erfüllt und beeindruckt nahmen wir von Herrn Gunzenheimer und seiner Frau Abschied. Wir bedanken uns hiermit nochmals herzlich für das Exemplar der Extraausgabe vom 30. März 2007 zum hundertjährigen Bestehen der Ostheimer Zeitung. Versteht sich, dass in einem Bericht auf Seite 18 die Dreharbeiten von „Im Lauf der Zeit“ erwähnt werden.

Unsere nächste Station war die Tankstelle, an der Bruno und Robert dem Tankstellenbetreiber, einem Schulfreund von Robert den LKW als Pfand hinstellen. Dafür nehmen sie dessen alte 250er BMW mit Beiwagen, um nun gemeinsam zum Ort von Brunos Kindheit zu fahren. Die verbrachte er auf der Bacharacher Werth, einer Insel im Rhein am Stromkilometer 544. Diesen Abstecher unterliessen wir, denn der Mittelrhein fliesst quasi hier um die Ecke. Und diese Insel mit dem Haus darauf haben wir bereits oft passiert.

Das C-C Kino in Haßfurt. Die zuvor recherchierte Adresse stimmt nur ungefähr. Also sprachen wir eine Passantin an.

„Aber ja doch, gehen´s nur gleich hier rechts um die Ecke, da werden´s das Kino dann schon sehen.“

Wir bogen in die Amtskellergasse ein. Vor uns lagen haufenweise die Reste des vormaligen Kinos. Der Abbruch konnte erst vor kurzem erfolgt sein. Wir stiegen durch die Trümmer. Hier ein bisschen gefältelte Wandverkleidung. Dort hing noch der imposante Sicherungskasten für die Stromversorgung. Und das hier musste der Notausgang gewesen sein. Beim Verlassen des Geländes fanden wir im Schutt einige zerissene Filmschnipsel. Wir schauten uns an. Andenken. Merkwürdige Stimmung. Nichts bleibt.

Nach diesem erfüllenden ersten Tag fanden wir eine solide Unterkunft in Sesslach. Die wohlerhaltene mittelalterliche Stadt mit ihrem besonderen Flair diente bereits manchen Filmen als Kulisse. Selbst dieser Abend und das Früstück am folgenden Morgen wären eine eigene Geschichte wert.

Nach dem Früstück brachen wir auf zu einem kleinen Ort westlich von Coburg. Am Ortsrand liegt der kleine Bahnhof mit dem Güterschuppen. Der Güterschuppen, an welchem Robert einem kleinen Jungen begegnete, ist niedergelegt worden. Dort tauschte er seinen Koffer und einige Kleinigkeiten gegen das Notizheft des Jungen. Und von hier aus nahm er einen Triebwagen, mit dem die Schlussszenen des Films eingeleitet werden.
Während dieser Szenen sieht man am Bildrand Bruno in seinem Möbellastwagen auf der Landstrasse auftauchen. Während der kurzen Szenenwechsel werden sowohl den LKW als auch der Zug gezeigt, wie sie auf einen unbeschrankten Bahnübergang zufahren. Diesen Bahnübergang dokumentierten wir photographisch, wie übrigens auch alle anderen Findeorte. Dabei versuchten wir, wo immer es möglich war, den Standpunkt der Filmkamera einzunehmen.

Eine andere Station in der Nähe liessen wir aus. Die Burg-Lichtspiele in Meeder waren bereits vor vielen Jahren zu einem Supermarkt umfunktioniert worden. Als auch dieser nicht mehr rentierte, befand sich eine Videothek in den Räumen. Inzwischen ist das Gebäude abgebrannt. Ein anderer nicht auffindbarer Ort war das im Filmbuch sogenannte Abbruchkino. Daraus schleppten Bruno und Robert Teile aus dem Raum des Filmvorführers. Im Filmbuch ist dazu keine Ortsangabe vermerkt.
In Hof an der Saale fanden wir zeimlich rasch das Kino der Endszene des Films. Die Weisse-Wand-Lichtspiele in Hof. Oft waren es nur Einzelheiten an Gebäuden, die Anzahl der Fenster etwa an denen wir Orte als zum Film gehörig erkannten. In diesem Fall waren es die Eingangstüren im zurückgesetzten Portal des Hauses. Während wir noch über das Haus sprachen, mischte sich ein alter Mann in unsere Unterhaltung. Er erzählte von seinen früheren Besuchen in diesem Kino. Damit bestätigte er unsere Überlegungen. Heute befindet sich in den Räumen ein Elektrofachgeschäft.

Zwei Orte fehlten uns noch auf unserer Liste. Bei der ursprünglichen Planung wollten wir sie eigentlich auslassen, weil sie aufgrund der Entfernung fast eine dritte Etappe wert gewesen wären. Aber nun. Hier. Und wir hatten bereits so viele Orte gefunden.
Wir nahmen in Hof die Autobahn und fuhren runter nach Viechtach in der Oberpfalz. Die Park-Lichtspiele zu finden sollte einfach sein. Im Filmbuch findet sich ein weiterer Hinweis. Über dem Eingang zum Kino findet sich die Neonschrift: Ital EisCafe Mucchetto.
Die Adresse kann man im Internet erfahren. Vorort deutete zwar manches aus ein verlassenes Eiscafé aber nicht auf ein Kino. Wir sprachen Passanten an. Niemand wusste genaueres. Eine Eisdiele? Ja – aber ein Kino. Keine Erinnerungen.
Lichtblitze aus einem alten Werkstattfenster. Eine Schmiede. Ein alter Mann schweisste. Wenn die Ereignisse so lange zurückliegen, muss man ältere Menschen fragen.
Der Schmied unterbrach seine Arbeit für uns.

„Ja, da war ein Eiscafé. Das ist aber seit einiger Zeit geschlossen. Ein Kino gibts unten im Stadtzentrum.“

Dort fanden wir tatsächlich ein Kino. Neue-Park-Lichtspiele. Ein altes Gebäude. Behutsam modernisiert. Aber die Fassade passte nicht zu den Bildern im Film. Wir gingen die Strasse runter bis zur Ecke und fanden dort rasch des Rätsels Lösung. Früher befand sich der Eingang des Kinos auf der Schmalseite des Hauses. Und darüber war der Leuchtkasten Park-Lichtspiele. Und unten drunter war die Neonschrift des Ital EisCafe Mucchetto.
Im Internet eine Adresse zu recherchieren bedeutet nicht, in die Vergangenheit sehen zu können. Der alte Schmied hatte Recht. Zwischenzeitlich war das Eiscafé von Muccheto an die von uns gefundene Adresse umgezogen. Und hatte auch dort bereits wieder seine Pforten geschlossen. Nichts bleibt?

Wenige Kilometer nördlich von Viechtach liegt Bad Kötzting. Selbst jetzt am Nachmittag wirkte das Städtchen irgendwie verschlafen. Nach einer etwas merkwürdig verlaufenden Begegnung mit einer Frau fährt Bruno in seinem LKW eine enge Strasse hoch und biegt rechts ab. Dabei sieht der Zuschauer auf die Front eines Geschäftshauses. Auf dem Schriftzug an der Wand über den Schaufenstern liest man Möbel Traurig. Ein metaphorischer Bezug zu den vorausgegangenen Ereignissen im Film.
Die Strasse ist inzwischen Teil einer grosszügig angelegten Fussgängerzone. Die alten Schriftzüge sind moderneren gewichen. Der Familienname ist geblieben. Nichts bleibt dauerhaft. Aber manches währt lange und verändert sich dabei.
Im Lauf der Zeit.

Wir sind am Ende unserer beiden Reiseetappen, unseres eigenen Roadmovies vom Suchen und Finden angelangt. Auf Landstrassen haben wir 840 Kilometer zurückgelegt. Für den Film wurden 49000 Meter Negativmaterial belichtet. Die Länge des fertigen Films ist 4760 Meter lang. Unser Reiseweg war eine Kopie und doch keine Kopie des Reiseweges der beiden Filmhelden.
Wir sind wirklichen Menschen begegnet. Haben zahlreiche Gespräche geführt. Zu den sichtbaren Veränderungen in Dörfern und Kleinstädten kamen die der Landschaften hinzu. Das erfährt man entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze besonders deutlich.
Auch wir haben uns verändert. Durch viele Gespräche und Diskussionen sind unsere Horizonte geweitet worden. Wir haben auch jetzt wieder Landstriche gesehen, in denen es noch so viel zu entdecken gibt. In der von uns befahrenen Strecke hätten wir unschwer hundert interessante Museen besuchen können. Zwei Kirchenburgmuseen und das Karpfenmuseum waren dabei nicht die ausgefallensten.
Die Menschen, denen wir begegneten waren freundlich und hilfsbereit. Als sie erfuhren, was wir mit unserer Fahrt bezweckten, zeigten sie sich spontan aufgeschlossen. Es war so einfach in ein Gespräch zu kommen, dass wir uns mehr als einmal fragten, wieso wir dennoch im ganz gewöhnlichen Alltag, beim Einkaufen oder im Strassenverkehr so viel Verhärtung und Aggression erleben müssen. Auch dafür diente uns unsere Fahrt als wohlempfundener Ausgleich. Es geht also noch immer auch anders. Menschlicher.

Es steht noch nicht fest, was wir aus dem gesammelten Material, den Erinnerungen, Notizen und Photograhien machen werden. Es wird sich zeigen. Im Lauf der Zeit.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen wunderbaren Herbst.

 

 

Drei Männer an der Strassenecke

Horsche: Fischer-Z – Red Skies over Paradise
Lesen: Keine Zeit und Energie.
Essen & Trinken: Halberstädter Bockwürste, Butterbrot, Apfelwein sauergespritzt
Schaffe: Immer weiter – einen hundertvierzig Jahre alten Holzfussboden von der fürchterlichen Ausgleichsmasse befreien.
Gugge: Dokus auf arte: Eric Burdon – Rock´n´Roll Animal, Françoise Hardy – Die Diskrete und zum Feierabend The Kinks, die bösen Jungs des Rock’n‘ Rolls..

Bei uns in de Gass´

Drei Männer stehen zusammen. Nachbarn. Sprechen im Dialekt.

„Und?“
„Ausgleichsmasse wegmache.“
„Abschleife?“
„Weichholzdielen. Mit Spachtel und vorsichtig mit dem Hammer.“
„E Scheissarbeit.“
„Des kannste laut sage.“
„Und dann?“
Schulterzucken. Rumkucken.
„Also mir macht des Corona nix.“
„Vielleicht ein Bad einbauen.“
„Mit dem Corona ist es schön ruhig hier. Ich vermiss´ die Fliescher nachts nedd.“
Ei, mei Bawett schläft neuerdings wieder wie en Ratz.“

„Wer ist den euern Installateur?“
„Und wen habt Ihr?“
„Ach so.“
„Mir hawwe de Leiberger.“
„De Leiberger? De alte Theo iss doch gestorwe. Taugt denn dem sein Schwiegersohn überhaupt was?“
„Ich lass hinten im Hof die Anschlüsse jetzt neu machen. Da werrn merr des sehe, was der kann.“
„De Theo hat bei uns des Bad gemacht. Astrein, sag ich dir..“
„Ja ja, de Theo, der war en klasse Handwerker.“

„Genau, wie de Astheimer Walter.“
„Unn sei Schwester, die Gertrud.“
Hinten war die Schlosserei. Und vorn das Haushaltswarengeschäft. Auf der Theke stand nur brauchbares, nicht wie heutzutage an den Tankstellen und in den Apotheken.
„In dem Laden haste alles gekriegt. Und was sie nedd hatten, haste ned gebraucht.“
Auf der Theke stand eine Waage und dahinter war die Schubladenwand. Unzählige kleine Schublädchen. Schrauben oder Nägel gabs einzeln oder handvollweise, die wurden abgewogen.
„Und über der Wand mit dene Schublade hawwe die Gerippte gestanden. Wie sichs gehört, nulldreier Gläser.“
„Der Walter hat vielleicht e bissche länger gebraucht, aber die Arbeit war tiptop.“
Das Haus ist verkauft worden. Und aus dem grossen Schaufenster ist ein grosses Wohnzimmerfenster geworden.
„Jedesmal wenn dran vorbeigeh´ unn seh´ den Vorhang, fang´ ich an zu frieren.“

Drei Männer stehen an der Strassenecke. Jeder denkt sich seinen Teil

 

Ich bin zwei Strassen weit von hier geboren. Im alten Ortskern. Die paar hundert Menschen innerhalb des alten Ortsdamms waren Bauern, einige Handwerker und eine Handvoll Angestellte. Man arbeitete in der Nähe. Alles fussläufig oder mit dem Rad erreichbar. Die Bauern litten teilweise schwer unter den strukturellen Veränderungen. Aus Vollerwerbsbauern wurden Nebenerwerbsbauern; später Hilfsarbeiter. Allenfalls LKWfahrer weil sie erforderlichen den Führerschein dafür hatten.
Ich bin glücklich, diese scheinbar uralten Zeiten noch erlebt zu haben. Wenn der Bauer angespannt hat. Halt, davor hat er sich meist noch an den Mist gestellt. Die Frauen hatten viel Arbeit zu leisten. Aber es waren vielfältige, abwechslungsreiche Tätigkeiten. Und bei den Männern war es ebenso. Nicht wenige Arbeiten wurden gemeinsam verrichtet. Man half sich gegenseitig, weil man alleine nicht alles bewerkstelligen konnte.

Mit uns Kindern wurde nicht verhandelt. Mit uns wurde eindeutig gesprochen. Und die Erziehung war konsequent. Manchmal übersprang sie auch die Grenze und wurde sehr hart. Ich habe meine Kindheit überlebt.

Nachfolgend einige Zurufe, Titulierungen und Warnungen. Wo notwendig folgt die Übersetzung in Klammern.

Ihr Bälsch (Ihr Bälger), die Streigerung Ihr Dreckbälsch (Ihr Schmutzbälger). Das galt für die Buben. Ein Mädchen rief man Du Oos (du Aas), Die Steigerung war das Schinnoos (das Schindaas). Lärmten die Kinder zu arg als der Opa seinen Mittagsschlaf abhielt, so schrie er: Die Eeser (Plural von Oos) und die Bälsch gewwe kaa Ruh. Ich geh gleich raus unn schlaach deene uffs Kapital dass die Zinse waggele. (Ich gehe gleich nach draussen und schlage ihnen aufs Kapital dass die Zinsen wackeln). Für manche dieser Worte oder Sprüche habe ich lange gebraucht, um sie konkret zu verstehen.

Du Läusert (du Lausbub.) Du Lumbeanna (du Lumpenanna für ein schmuddeliges Mädchen). Die Steigerung dazu war das Dreckmensch. Du Daachdieb (du Tagdieb), du Faulenzer, du Fleschmaddigger (du Phlegmatiker). Du Fleebutz (?), so ein Simbel (so ein Simpel / Steigerung: Hutsimpel)…  Da fallen mir jetzt noch einige ein.
Interessanter waren allemal die Sprüche. Der ist zu blöd um einen Nagel in ein Pfund Butter zu schlagen. Dem kann man im Laufen die Schuhe besohlen. Du Krischer hast heut´ wieder nah´ ans Wasser gebaut (für einen weinerlichen Jungen). Dir schlaach ich mit der falschen Hand geje de Kehlbacke (Dir schlage ich mit der Rückhand gegen den seitlichen Hals). Du werrst verknibbelt, dassde in kein Sasch mehr passt (Du wirst verprügelt [geknüppelt] bis du in keinen Sarg mehr passt). Dem Dunischtgut (Tunichtgut) muss mer de Wille breche. Des kloa Dreckmensch willem alles ufftroyern (das kleine freche Mädchen will einem alles (auf)oktroyieren. Dir willisch Mores lern (dich will ich die Moral lehren). Du bist so bled wie die ganz anner Woch´(Du bist so blöde wie die ganze andere Woche).
Hier würden nun die sinnreichen Mantren der Erniedrungessprüche kommen. Aber draussen scheint die Sonne so schön. Und es ist herrlich ruhig.

Mir fiele im Moment keiner der Jungs in meinem Alter ein, der diese Erziehungsmassnahmen so gänzlich unbeschadet überstanden hat. Bei manchen merkt und sieht man es deutlich. Bei anderen weniger. Die Masse schwimmt in der Mitte, eher unauffällig. Die meisten warten darauf, dass „Corona aufhört“.
Der Bekleidungseinzelhandel wirbt mit Rabatten bis zu 70% und der Parole „wir sind zurück“. Der sie vertretende Verband hat herausgefunden, dass die Kauflust der Konsumenten „im Keller sei“. Das finde ich gesund. Weniger ist ohnehin mehr.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern gute Tage voller Lebensfreude.

 

 

Ohnehin geht die Sonne auf

Sehr beeindruckend war Iggy Pop – Free (2019) und die letzten gesungenen bzw. gesprochenen Worte von Leonard Cohen – Thanks for the Dance (2019)…

Es klingt fast wie ein Märchen. An drei Silvestern neu geboren. Als Jugendlicher wegen Übermüdung im Schnee eingeschlafen. Zum Glück rechtzeitig aufgefunden worden. Als Erwachsener zweimal ohne erkenntliche Gründe am Silvesterabend zusammengebrochen. Beim zweitenmal mit Herz- und Atemstillstand. Da sass glücklicherweise eine Ärztin neben mir.

Schaumweinen ziehe ich andere Getränke vor. Für Knall- und Krawallkörper verschwende ich kein Geld. Diner for one habe ich als junger Mann mehrmals gesehen. Das reicht für ein langes Menschenleben. Und gute Vorsätze für neue Jahr pflegen sich nach wenigen Tagen in Luft aufzulösen. Insofern…

Ich gehe gelassen auf Silvester zu. Die Beantwortung der letzten Weihnachtspost erledigen. Die Gelegenheit nutzen, um das „schönste Kaufhaus Deutschlands“ betreten zu dürfen. Längere Spaziergänge über Felder und durch Weinberge. In einem malerischen kleinen Städtchen die Führung durch ein Pfefferkuchenmuseum geniessen. Auf dem unauffälligen Friedhof stehen. Nachdenklich vor einem einzelnen Grab. Ein schlichtes Holzkreuz, darauf ein Helm der untergegangenen Wehrmacht. Auf dem Holzschild in der Kreuzesmitte die Aufschrift: Hier ruht ein 17 jähr. Kriegsmüder, in den letzten Tagen des Krieges erschossener Soldat.

Zweitausendneunzehn war in der Rückbesinnung mein glücklichstes Lebensjahr. Kein Tag verging ohne ein herzliches Lachen. Gesundheit ist, was ich dafür halte. Dankbarkeit trägt. Am frühen Abend ein kleines Essen. Wohltemperierte Musik dazu und intime Gespräche. Später ein Film aus dem Archiv. Um viertel vor zwölf Uhr den Weg bettwärts nehmen. Kein unerwünschter Lärm stört den frühen Schlaf.

Der Neujahrsmorgen begrüsst mit strahlend blauem Himmel. Ein lange Wanderung im Rheinhessischen auf den Spuren von Trulli. Wingerthäuschen, die teilweise mehrere hundert Jahre alt sind. Fotografieren in der klaren Luft. Eisiger Wind spielt um die Finger. Der Zugang zur Fleckenmauer ist verschlossen. Auf dem bemerkenswerten alten jüdischen Friedhof sind an manchen Gräbern die schwarzen geschliffenen Namensplatten durch stumpfe Gewalteinwirkung zersplittert.

Über die unterschiedlichen Nachrichten der dem Herz nahestehenden Menschen nachsinnen. Endlich wieder von Wilhelm gelesen. Elsa hüllt sich weiterhin in Schweigen. Freude einerseits schafft die nötige Gelassenheit andererseits.
Ich freue mich auf dieses erste Jahr des neuen Jahrzehnts. Es kann ein erfreuliches Jahr werden. Dennoch werde ich auf der Hut sein. Was würde ich mitnehmen auf der Flucht ostwärts vor der us-amerikanischen Aggression. Wenn schon an vielen Orten auf der Erde, warum dann nicht auch mal in Europa den Sheriff raushängen lassen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen winterlich beschaulichen Januar.

(Trulli zwischen Dalsheim und Kriegsfeld)

Rekurs auf den Laden. (Von wegen Reduktion)

Schallplatten, die ich in der Mittagshitze nach der Schule gekauft habe, und deren Klänge mir bei ähnlichen Temperaturen noch heutzutage ähnlich angenehme Gefühle wachrufen wie damals: Pink Floyd – Umma Gumma (1. LP, 1969). Und wenn jetzt gleich die Fenster für einen Hauch Frischluft geöffnet werden: Roxy Music – For your Pleasure (1973). Und danach noch Cockney Rebel – The Psychomodo (1974)…

Ich habe heute den letzten Band von Erwin Strittmatters Trilogie „Der Laden“ beendet. Wer sich für das dörfliche Leben zwischen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, ist mit den vielfältigen und detailreichen Schilderungen gut bedient.
Die Trilogie wurde auch verfilmt. Die ersten beiden Teile sind nahe an den beiden Büchern. Sie lassen erahnen, dass die Lektüre dennoch lohnt. Die Verfilmung des dritten Bandes ging meiner Meinung nach in die Hose. Da wurden Inhalte derart umgearbeitet, dass manche Szenen wie aus dem Zusammenhang gerissen scheinen.

Mir hat die Fabel der poetisierten Selbstlebensbeschreibung von Erwin Strittmatter (1912 – 1994) insgesamt sehr gut gefallen. Ich werde weitere Werke von Strittmatter lesen. Seinerzeit war er einer der auflagenstärksten Autoren in der DDR. Ebenso hoch dekoriert wie umstritten. Allein das stärkt den Wunsch nach mehr Material.
Beim Lesen wurden die eigenen Schleusen der Erinnerung zunehmend geöffnet. Kindheits- und Jugenderlebnisse leuchteten plastisch vor dem inneren Auge auf. Freuden, Ängste. Erste Verliebtheiten und die Auffahrt zur Landstrasse der Erwachsenen.

Es mag durch die bereits hochsommerlichen Temoeraturen hervorgerufen worden sein. Die frühen Urlaubsfahrten nach Italien. Genauer nach Fano, seinerzeit das bevorzugte Seebad des Imperators Augustus (63 v.Chr. – 14 n.Chr.).
Schon die Autofahrten dorthin. Heute schafft man mit einigen grünen Ampeln die 1000 Kilometer lange Strecke in einem halben Tag. Damals. Morgens um drei Uhr aufstehen. Cholerik und Aufregungen. Endlich war die Karawane aus mehreren Familien am Treffpunkt versammelt. Routenbesprechungen und Zigarettenqualm.
Der Innendruck in unserem Wagen nahm während der Fahrt regelmässig zu. Meine erste Magenentleerung füllte mein Strohhütchen vom letzten Jahr. Anhalten unmöglich, das hätte auf den Reisegeschwindigkeitsdurchschnitt gedrückt und die Karawane bedenklich auseinandergebracht. Jährlich verschiedene Routen wählten die jungen Familien der Abwechslung zuliebe. Die Fahrer wahrscheinlich auch, um an den Hochalpenpassstrassenüberquerungen ihre Fahrkünste unter Beweis zu stellen. Einige Strassen waren vor Mitte der 1960er noch nicht asphaltiert. Staubwolken. Kraftwagen mit Bremsausfällen oder kochenden Kühlern waren häufig am Strassenrand zu sehen. Grenzkontrollen. Benzingutscheine. Obstverkäufer am heissen Asphaltrand.

Auf den Fahrten lernte ich Orte und Namen kennen, an die ich mich noch heute gut erinnern kann. In Salurn (Salorno) gibts den Schwarzen Adler (Aquila nera) noch immer. In der Bar habe ich in den 1980er Jahren mit meiner Ducati eine längere Rast eingelegt. Como Milano Bologna Pescara Rimini Ancona. Nummerschilder merken. Automarken. Fiat Alfa Romeo Lancia. Einen Maserati oder Ferrari habe ich nie gesehen. Vom Kauf eines Maserati Ghibli GT habe ich später aus Vernunftgründen Abstand genommen. Das ehemalige Ställchen mit meinen Ducatis beschert mir noch heute schöne Erinnerungen. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?.

Und dann Fano. Der Albergo Giardinetto. Der erste Besitzer, mit dem wir in Kontakt kamen, fuhr einen Fiat Topolino. Er bediente die Gäste bei den Mahlzeiten. Pasta Asciutta. Lasagne. Minestrone. Gelati Motta.
Pizza lernte ich erst einige Jahre später in Deutschland kennen. Meine Patentante war italienverzückt. Abends waren Gäste eingeladen. Zur Musik von Rocco Granada (buona notte) oder Robertino (Tintarella di Luna) gabs selbstgebackene Pizza. Die italienischen Gastarbeiter schufteten da noch auf dem Bau oder bei Opel. Die erste Pizzeria hier am Ort öffnete ungefähr 1966.
Agip Supercortemaggiore – alleine dieses Wort fehlerfrei auszusprechen verlieh die Kraft des fuerspeienden sechsbeinigen Hundes auf dem Logo. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?

Das Strandleben. Dauernde Einölereien gegen Sonnenverbrennungen waren lästig. Das Spiel mit anderen, vorwiegend einheimischen Kindern. Man machte einfach mit. Es gab diese Plastikugeln. Im Durchmesser etwas kleiner als Tischtennisbälle. Die untere Hälfte war farbig. Rot, grün, gelb oder blau. Die obere Hälfte war transparent. In der Mitte war ein Bildchen mit dem Portrait eines Radrennfahrers eingelegt. Ich wusste nichts davon. Anquetil? Als ich im Jahr darauf im Wuschellädchen eine Kugel mit dem Portrait von Rudi Altig erwischte, da dämmerte es mir. Jacques Anquetil.

Eine kleine Horde von fünf bis zehn Buben traf sich morgens am Strand. Dann wurde eine Rennbahn im Sand gebaut. Mit Ausdauer, Geschick und viel Gerede. Die zwei, drei Touristenbuben wurden als Mitspieler stillschweigend akzeptiert. Weniger als Bahnbauer. Aber beim Spielen gabs keine Querelen. Die Sandbahn mit Brücken und kleinen Tunneln ähnelte einer Bobbahn mit erhöhten Rändern. Wer an der Reihe war, legte schnippte seine Kugel vom erhöhten Rand in den Rundkurs. Eine immer wiederkehrende Freude in Jahren meiner Kindheit. Gewonnen habe ich niemals ein Rennen. Was löst sie aus, die Liebe zu einem Land?

Der Hotelier organisierte für die Gäste seines kleinen Albergo jedes Jahr einen Ausflug ins Landesinnere. Da ging es mit einem Bus im Tal des Metauro hoch in Richtung Urbino. Auf einem halbverlassenen Bauernhof (fattoria oder masseria?) wurde angehalten. Zwei lange Tischreihen im Freien. An Spiessen überm offen Feuer schmurgelten Hühner und Fleischstücke. Karaffen mit Rotwein. Wasserkrüge. Essen, Trinken, Lachen und mit einbrechender Dunkelheit spielten ein paar Musikanten zum Tanz auf. Aranciata für die Kinder. Die kleinen Kugelflaschen gibt es seit Ewigkeiten nicht mehr. Eltern konnten von ihrem Kind enorme Leistungen für ein Fläschchen fordern. Welche Bilder befördern die Liebe zu einem Land?

Die sehr vornehme römische Familie trafen wir auch mehrere Urlaube lang jedes Jahr. Die Tochter war sicherlich einige Jahre älter als ich. Das wurde mir aber erst anfang der 1970er Jahre bewusst, als ich eher durch Zufall noch einmal meine Ferien im Albergo Giardinetto verbrachte. Die Tochter war jedenfalls wunderschön. Noch heute denke ich unwillkürlich an diese feine Jugendliche wenn ich die „Iphigenie“ von Anselm Feuerbach sehe. Was befeuert die Zuneigung zu einem Land?

Eines morgens muss das Sandbahnspiel am Strand besonders spannend gewesen sein. Die Rufe meiner Mutter hatte ich nicht gehört. Wohl aber die beiden schallenden Ohrfeigen.
Die hatte ich wohl gespürt. Aber einige ältere Frauen hatten gesehen, was da einem kleinen Jungen geschieht. In schwarzen Kleidern mit nackten Füssen sprangen sie aus ihren Liegenstühlen und keiften meine Mutter an. Lautstark. So laustark, dass sich Publikum ansammelte. Mein Vater und seine Freunde nahmen vielleicht einen Campari am Morgen. Von denen war keiner da. Die älteren Frauen waren klasse.
In den folgenden Jahren hatte ich in der italienischen Öffentlichkeit keine weiteren Schwierigkeiten mit meinen Eltern. Selbst dann nicht, als ich zwei Jahre später beim Muschelsammeln versehentlich auch eine noch halblebende für die Rückfahrt mit einpackte. Es stank schon einige Zeit. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis man in Koffern und Taschen räumte und die Quelle des Übelgeruchs fand. Das Strohhütchen von der Herfahrt war nicht mehr zu retten. Im nächsten sollte es ein neues geben. Oder ein paar Schuhe. Echt italienische Herstellung.

Es gibt eine Liebe, die macht weder hungrig noch durstig. Mit der geht man auch ohne Schuhe durchs Leben.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Tage.

 

(So wenig wie in diesem Jahr habe ich schon lange nicht mehr fotografiert.)