Die schräge Messerschiene – Hirndesign und Menschenliebe

Die Vorgeschichte wäre einen eigenen Beitrag wert. Zu Weihnachten lag die einjährige Freundschaft zu einem Radiosender im Internet auf dem Gabentisch. Fast hundert Moderatoren. Alle mit Erfahrungen als Radiomacher, Musikjournalisten oder Musikern. Teilweise legendäre Namen. Leute, die wissen, von was sie reden. Alle Richtungen der populären Musik der letzten hundert Jahre. Und vor allem keine Werbung und nicht die Jammergesänge kindischer Jungfrauen und alleinerzogener weinerlicher Jüngelchen. Jeder kann die täglichen Sendungen hören. Nur Freunde haben allerdings Zutritt zum Archiv – byte.fm. Und das hats wahrlich in sich…

Die gepflegte Dame mittleren Alters sah sich suchend in der kleinen, sehr einfach eingerichteten Küche um.
„Und an dem Preis wollen Sie unbedingt festhalten?“
Der Grossteil des vormals teuren Geschirrs war bereits anderweitig verkauft. Die wenigen verbliebenen Stücke bot ich als sehr preisgünstiges Konvolut an. Fundstücke für Sammler oder Benutzer. Die Fabrikation des Geschirrs war vor Jahren schon eingestellt worden. Einzelne Stücke erzielen auf dem Markt mitunter anständige Preise. Da sie fast alle restlichen Teile kaufen wollte, machte ich ihr einen schönen runden Verkaufspreis. Ein gutes und schnelles Geschäft für beide Seiten.

Gleich beim ersten abschätzenden Ansehen und Betasten der Teller und Tassen erwähnte sie, dass sie im Kulturmanagement beschäftigt sei. Design läge ihr am Herzen und sei wichtig für Ihr ästhetisches Wohlbefinden. Nur seien leider die meisten Angebote preislich überhöht, wenn nicht unverschämt. Mir fiel beim Anblick ihres flachrosa Twinsets aus Angora im Design von Jil Sander der Text eines Songs von Achim Reichel ein. 

„Und nimm aus dem Schlafzimmerschrank deine Röcke und Twinsets und deine Goldjäckchen,
Nimm deine Spitzenblusen und deine Schuhe und Schühchen, mit den Pfennigsabsätzen
Und die mit den Gold und Silber Aufsätzen
Und nimm deine Büstenhalter und Slips mit
Und lass deine Nylonstrümpfe nicht liegen

wenn ich sie anfassen muss, bekomme ich ´ne Gänsehaut.“
(Achim Reichel – Am besten, Du gehst)

„Und mit dem Preis wollen Sie mir nicht noch etwas entgegenkommen?“ Als ich auf ihr Verlangen nicht weiter reagierte, sah sie sich wieder suchend um. Im Lauf der Zeit lernt man das Verhalten von Käufern kennen. Sie gehörte offensichtlich zur Kategorie Nachschlag. Wenn das Preisdrücken nicht hinhaut, soll wenigstens ein Naturalrabatt herausspringen. Im Lauf des Lebens lernt man Erwiderungsstrategien. Ihrer Sorte Käufer begegnet am besten mit der goldenen Regel erfolgreicher Schweizer Verkäufer: Schweigen. Sie betastete ein Stück hier und besah ein anderes dort. Zeitraub und zu viel Aufwand für kleines Geld.

„Es handelt sich nicht um eine Haushaltsauflösung“, merkte ich nebenbei an. Aber sie war offenbar fündig geworden.
„Was ist denn hier mit der Designerschiene?“ Aus dem Munde mancher Menschen lassen die Worte Design oder Designer Widerwillen in mir aufsteigen. Es passt nicht zusammen. Nicht zu den zu engen Ballerinas denn diese stehen im krassen Gegensatz zur Frisur. Geduld wurde zur Energieleistung.

„Von welcher Schiene sprechen Sie?“ Sie zeigte mit einer Handbewegung zwischen nonchalant und wegwerfend auf die magnetische Halterung für die Küchenmesser.
„Die gibts doch für Kleingeld beim Elchkaufhaus“. Sie lächelte süffisant. Vielleicht über meinen Wortwitz.
„Ja, das weiss ich schon. Aber dort gibts nur noch die waagrechte Ausführung.“

 

Als ich seinerzeit aus Berlin zurückkam, machte ich mich auf die Suche nach einer Arbeit. Dürre Zeiten. Ausgebrannt vom tagtäglichen stundenlangen Fotografieren und der nicht endenwollenden Arbeit in der Dunkelkammer. Ausserdem war ich ziemlich abgebrannt. Der Sommer ging zu Ende und ich brauchte ein Dach überm Kopf. Gesucht wurden allenfalls Filmverkäufer oder Passbildknipser. Keine Ducati in der Garage. Keine Freundin. Keine WG. Musikalisch reichlich desorientiert. Damals passte meine Habe in den geräumigen Kofferraum eines Mittelklassefahrzeugs. Klamotten, Schallplatten, Bücher und Bettzeug.

Eines Abends wich die Ratlosigkeit neuen Aussichten in meiner alten WG. Natürlich hatte jeder eine Idee parat. Und jeder meinte die für mich beste auf Lager zu haben. Der folgende und alle sich anschliessenden Dialoge wurden im Dialekt gesprochen. Schliesslich waren wir alle Dorfbuben aus dem alten Ortskern.

„Du kannst meinen alten Kadett haben. Schenk ich dir. Hat noch TÜV bis Februar.“ Für eine Überraschung war Horst immer gut. Wir lachten lauthals von tief unterm Herzen heraus. Und von ihm stammten Ausdrücke, die ich noch heute gerne verwende. Lutscher oder Fratzemacher zum Beispiel. Im Dialekt gebraucht für einen Schwätzer und einen aufgeblasenen Angeber.

„Geschenkt? Und was soll die Wohltat unterm Strich kosten?“
„Nix. Musst halt wegen der Beifahrertür ein bisschen aufpassen.“

Einige Bierchen später war auch das Wohnungsproblem geklärt. Wobei Wohnung nun wirklich übertrieben ist. Horst stammte von einem Bauernhof. Ich hatte das Gehöft im Vorbeifahren schon einige Male gesehen. In den 1970er Jahren gab es in der ganzen Gegend zahlreiche, etwas heruntergekommene bäuerliche Anwesen. Der letzte Schritt hin zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Nach der Flurbereinigung wurden viele landwirtschaftliche Betriebe nur noch als Nebenerwerbsquelle bewirtschaftet. Eine oder zwei Kühe zum Milchverkauf, Hühnerhaltung oder Spargelanbau erbrachten den monatlichen Grundbedarf. Die Bauern arbeiteten derweil als LKWfahrer oder Lagerarbeiter in den Firmen der näheren Umgebung. Wenige Landwirte, risikobereit oder bauernschlau sei dahingestellt, zogen als Aussiedler vor die Ortschaften und kauften oder pachteten Land von den Kleinbauern.
Manche Kleinbetriebe öffneten ihre Hoftore in den 1980er Jahren wieder. Die grüne Bewegung der Bildungsbürger sorgte für neue Einkommensmöglichkeiten. Im Morgengrauen kauften die vormaligen Bauern landwirtschaftliche Produkte auf dem nahen Grossmarkt. Beim Bauern, der längst Händler geworden war, einkaufen fürs umweltbewusste Gewissen und im Glauben an die eigene Unsterblichkeit.

„Musst halt mit meinem Vater klarkommen“, meinte Horst, „dann kannst du die frühere Knechtkammer überm ehemaligen Stall haben. Da steht vielleicht sogar noch ein Ofen drin.“ Was für ein Angebot. Ich brachte meine Habseligkeiten die schmale Treppe hoch in den kleinen Raum.
Die Anlage zur Beschallung war rasch aufgebaut. Eine Matratze. Ein Kasten Apfelwein. Und schon sassen die ersten Compañeros in der Kammer. Horsts Vater begegnete ich nicht. Im hinteren Teil sah das Anwesen etwas verwildert aus. Der Misthaufen schien seit Jahrzehnten zu liegen. Hin und wieder lief ein Huhn über das Pflaster des Hofes. Vielleicht auch zwei.

Ein schöner Spätsommermorgen. Ich schaute frühmorgens aus dem kleinen Fenster hinunter in den Hof. Ein altes Herrenrad lehnte da an der Mauer. Was mochte die zweite Stange unter dem Oberrohr bedeuten? Ich ging runter in den Hof. Ich musste für meine Morgentoilette sowieso zur Pumpe. Zwei kleine Kordeln hielten den Stiel einer Harke unterm Oberrohr. Es wird eine Erklärung dafür geben, dachte ich mir. Und ging zur Pumpe für eine erfrischende Waschung. Im Tran hatte ich mein Handtuch oben vergessen. Und so stand ich da vornüber gebeugt. Aus meinen damals langen Haaren liess ich das Wasser ablaufen. Durch diesen haarigen Vorhang vor meinen Augen sah ich auf zwei Beine. Ich wrang die Haare aus. Der ältere Mann neben mir hatte zwei Eier in der Hand.

„Guude. Bist Du dem Ärmel sein Bub? Der Horst hat mir da was gesagt.“
„Guten Morgen. Ja, das stimmt. Ich habe mir oben das Zimmer eingerichtet. Übergangsweise.“
„Zimmer. Dass ich nicht lache. Eine Knechtkammer iss das. Du kommst nachher mal zu mir in die Küche zum reden.“
„Klar. Ich brauche etwa zehn Minuten.“
„Von zehn Minuten habe ich nichts gesagt. Ich habe gesagt : nachher.“
„Also gut, nachher.“

Das alte Fachwerkhaus hatte schon den dreissigjährigen Krieg und manche spätere Katastrophe erlebt. War niemals niedergebrannt. Kleine Fenster und niedrige Decken. In der Küche war es finster. Meine Tritte wurden durch einen nicht näher erkennbaren Teppich gedämpft. Eine karge Einrichtung. Der alte Eisenofen mit dem mächtigen Ofenrohr und dem seitlichen Wasserschiff. Auf dem Tisch lag allerlei herum.

„Kannst Dich da hinsetzen.“ Ich rückte den Stuhl vor den freien Platz auf der Tischplatte. Horsts Vater nahm mir gegenüber Platz. Mit dem Unterarm fegte er den Platz vor sich frei. Meine Augen hatten sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Ich sah, dass er die Schalen von der Tischplatte auf den Boden gewischt hatte. Der Boden am Tisch war übersät von Schalen.
Zu meinem Erstaunen fiel mir auf, dass ein angenehmer Geruch die Küche durchzog.

„Ich muss jeden Morgen die Eier von den beiden Hühnern suchen. Die streunen im Hof und legen, wo es ihnen gefällt. Zum pissen kannst Du auf den Mist gehen. Dort legen sie nicht.“ Bei diesen Worten schenkte er mir eine trübe Flüssigkeit ins Glas.
„Apfelwein. Selbst gekeltert. Ich putze sogar meine Zähne damit.“
„Ich habe noch nicht gefrühstückt. Später vielleicht.“
„Ach was, red´ keinen Unsinn. Hier…,“ und damit liess er den Deckel von dem grossen Topf auf diese gusseiserne Herdplatte scheppern. Er griff in den Topf und reichte mir eine sauber geschälte goldgelbe Kartoffel.
„Ich leb´ von Kartoffeln und Äpfeln. Und ich trink´ Apfelwein. Mich bringt nix um.“
„Leider.“
Dieses nachgeschobene Leider verwirrte mich. Ich griff die Kartoffel und biss hinein. Spülte mit dem Selbstgekelterten nach. Es war eine unwirkliche Situation. Sowas kommt doch bloss in Romanen vor.
Die lauwarme Kartoffel schmeckte prima. Der Apfelwein hätte etwas kühler sein dürfen. Aber einen Kühlschrank habe ich in der Küche nicht gesehen.
Ich habe den alten Bauern nach diesem morgendlichen Gespräch nicht wieder gesprochen. Ich sah ihn manchmal, wie er den Hof mit seinem Rad und der angebundenen Harke verliess. Oder wie er es gegen Abend an die Wand lehnte und den alten, offenschtlich schweren Jägerrucksack vom Gepäckträger nahm.

„Und, klappts mit Euch beiden“, fragte Horst Monate später.
„Kann nicht klagen“, erwiderte ich, „ganz am Anfang hatte er mich mal in die Küche bestellt und mir einige Fragen gestellt. Aber sonst begegnen wir uns nicht.“
„Der macht seine Sache. Will seine Ruhe haben und lässt andere in Ruhe.“
„Sag´ mal, Dein Vater schwingt sich morgens aufs Rad und kommt nachmittags mit seinem Rucksack wieder heim. Was macht er denn den ganzen Tag über?“
„Och, der radelt rum und kümmert sich um sein Essen. Je nach Jahreszeit.“

Ich wollte mehr wissen, aber Horst wurde maulfaul. Er wurde geradezu einsilbig. So kannte ich ihn bis dahin nicht. Einige Tage später, ich machte gerade das Hoftor hinter mit zu, sprach mich ein Nachbar an.
„Du bist doch dem Ärmel aus L*** sein Sohn?“ Ich bejahte.
„Wohnst Du etwa hier beim Horst seinem Vater?“ Ich bejahte.

Der Nachbar wurde redselig. Er kannte meinen Vater vom Fussballspielen. Sofort spulte er einige abgestandene Schwänke aus deren gemeinsamen alten Zeiten ab. Mit manchen Menschen ist es wie mit Motoren. Man muss sie warmlaufen lassen, dann kann man Gas geben.
„Horsts Vater hat ziemlich merkwürdige Lebensgewohnheiten“, eröffnete ich.
„Hast Du Dir den Hof schon mal genauer angeschaut“, erwiderte er. Und er begann zu erzählen. Darauf hatte ich gewartet. Damals fing das an. Seit jenen Zeiten warte ich immer auf die Geschichten der Alten.

Die Frau des Bauern war unverhältnismässig jung bereits gestorben. Den Mann sprang die Trauer so ungestüm an über den jähen Verlust seiner geliebten Frau, dass ihm sein Lebensplan durcheinander geriet. Er stürzte in sich selbst und versank darin. Vernachlässigte seine Arbeit. Die verbliebenen Felder. Das Vieh. Als die beiden Kühe schrieen weil die prallen Euter schmerzten, halfen die Nachbarn ohne viele Fragen. Im Kaff kennt einer den anderen. Da muss man nicht viel fragen. Nach und nach wurde das Inventar verkauft. Die Tiere, der mächtige Lanz Bulldog. Kleinigkeiten, die noch brauchbar waren.
Zurück blieb ein gebrochener Mann. Aber er begann zu schwimmen, stellte sich gegen seine Trauer ohne dagegen anzukämpfen.
Ich denke ihn mir in seiner Trauer unverstanden von der Nachbarschaft. Aber man liess ihn gewähren. In einem kleinen Dorf kann einem das Leben schwer werden. Und dennoch kann man sicher aufgehoben sein. Wenn man ein wenig Glück hat.
Ich hätte es damals nicht beschreiben können, aber ich konnte den Mann irgendwie verstehen. Er imponierte mir.
Er fuhr mit seinem Rad über die Äcker und besorgte sich, was er zu seiner Notdurft brauchte. Im Herbst vor allem Kartoffeln und Äpfel. Er schien tatsächlich ausschliesslich davon zu leben. Man liess ihn machen. Die wenigen Kartoffeln, die er sich von fremden Äckern holte waren zu verschmerzen. Selbst der bei uns seit unserer Kindheit gefürchtete Feldschütz kratzte sich hinterm Ohr und winkte dann ab wenn Horsts Vater ihm in der Gemarkung zufällig vor sein Dienstmoped lief.

Im kommenden Frühjahr bezog ich die Mehlkammer und die Stuben der Bäckerburschen eines ehemaligen Backhauses. Was aus dem alten Bauern geworden ist, weiss ich nicht. Wir waren nichts als jung. Horst ging in eine andere Stadt zu seinem Studium. Ich hörte Jahre später, dass er irgendwo Karriere gemacht haben soll.
Im folgenden Frühjahr fuhr ich den Kadett zum TÜV. Die Beifahrertür war mit dem angeschweissten Riegel einer Stalltür gesichert. Das ging damals noch durch. Wir lebten schliesslich auf dem Land. Damals noch. In der Grube  klopfte der Prüfer von unten mit dem Hämmerchen gegen den Boden des Autos. Und klopfte nochmals.
„Ich kenne doch das Geräusch. Ich weiss nicht, was Sie da gemacht haben, aber der Boden ist dicht.“ Er hämmerte noch mehrmals. Man musste ihm schliesslich nicht offenbaren, dass der durchgerostete Unterboden weitgehend mit Fertigbeton zugeschmiert und abgedichtet
worden war.
Horsts Vater wurde in gewisser Weise ein Vorbild für mich. Er lebte absolut reduziert. Kümmerte sich mit seinem Rad und seiner Harke um seine Nahrung. Ich bin unsicher, ob er darüber nachgedacht haben mag, was Liebe sei. Gelebt hat er sie jedenfalls bedingungslos. Es muss ihn am Leben gehalten haben, dass im schmerzlichen Leiden und in tiefer Trauer doch ein verborgenes Glück liegen kann, das einem am Leben festhalten lässt. Auch wenn man es nicht erkennt oder versteht.

 

Und dann verstand ich, dass sie nichts verstanden hatte, (Nun gehts weiter in gepflegtem Hochdeutsch.)
„Es gibt keine verschiedenen Ausführungen – – “ Sie unterbrach mich kalt.
„Doch, es gab eine waagrechte und eine schräge Ausführung. Das weiss ich genau, ich habe es im Katalog gesehen.“ Es gibt Menschen, denen ist nur mit der Wahrheit zu helfen.
„Sie sehen es doch selbst. Ich habe wegen des Platzmangels an der Wand die Magnetschiene schräg angebracht.“ Ein Moment der Stille. Ein letzter schnippischer Widerspruch.
„Ich habe aber auch die schräge Magnetschiene gesehen. Und die ist jetzt nicht mehr im Programm. Vielleicht wollen Sie mir Ihre ja nur nicht verkaufen.“
„Beim Elch können Sie diese kaufen. Die Löcher schräg gebohrt. Machen Sie es so und Sie haben auch eine schräge Designerschiene.“
Sie zahlte den vereinbarten Betrag mit frostiger Miene. Ich öffnete ihr das Hoftor. Sie verstaute mit schmallippigem Gruss die Geschirrteile in ihrem Auto.

Design? Dass ich nicht lache. Die meisten Produkte, von namhaften Desigern entworfen, taugen nicht fürs wirkliche Leben und keineswegs für den alltäglichen Gebrauch. Das wirkliche Leben hängt nicht an einer schrägen Messerschiene.
Horsts Vater. Das Wort Design ist dem Mann zeitlebens nicht über die Lippen gekommen. Alles Schabbes, hätte er wahrscheinlich bemerkt. Den Verlust eines herzinnigst geliebten Menschen zu betrauern und dennoch weiter seinen Lebensweg zu gehen. Das ist das wirkliche Leben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges Wochenende.

 

 

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Allerhandwintergeschichte

Nach einer Woche mit viel Musik von und Erinnerungen an David Bowie und den vier Dokumentationen zu seinem Leben auf arte, steht mir der Sinn jetzt wieder nach anderen Tönen: Robert Fripp – Exposure (1979)…

Mein erster eigener Kraftwagen war ein Volkswagen Typ1, besser bekannt unter der merk=würdigen Bezeichnung VW Käfer. Immerhin besass ich das sogenannte Exportmodell, das bedeutete aufwändigere Stossstangen, vor allem aber hatten diese Modelle ein Benzinstandsanzeigeinstrument. Man musste also nicht erst ruckelnd am Strassenrand ausrollen für den Hinweis auf einen fast leeren Tank. Dann musste man nämlich im vorderen Fussraum über dem vorgetäuschten Kardantunnel den Benzinhahn in Stellung Reserve drehen, mit dem Gaspedal etwas pumpen und nachdem der Motor wieder angesprungen war, umgehend die nächste Tankstelle aufzusuchen.
In meinen frühen Automobilistenjahren kam ich noch mehrmals auf die an sich schon damals völlig veraltete Technik des VW Käfers zurück. Das waren aber jeweils Wagen des Typs 14 Karman Ghia (spr. Gia nicht Tschia, man sagt ja auch nicht Spatschetti zu den dünnen Langnudeln). Dabei handelte es sich technisch um einen VW Käfer, im Unterschied zu diesem jedoch mit einer recht schnittig geformten Karosserie. Landläufig wurde dieses Automobil auch liebevoll Sekretärinnen-Ferrari genannt. Aber das ist ein anderes Kapitel.

In diesem Bericht geht es um eine Erinnerung an ein Erlebnis mit meinem Käfer. Eins von zahlreichen, unter denen dieses allerdings herausragt, denn damit ist ein Gefühl verbunden, das ich seitdem nie wieder in dieser brachialen Direktheit erlebt habe.
Im südlichen Bembelland gibt es sehr viele Kiesgruben, die in den 1960er Jahren entstanden sind als der Bedarf an Sand und Kies im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders* ungeheuer gross gewesen ist. Diese Kiesgruben wurden nach Möglichkeit auch zum privaten Badespass genutzt, soweit das möglich war. Erlaubt war es aufgrund verschiedener Gefahren naürlich nicht. Es gibt im Rhein-Main-Gebiet durch den Zusammenfluss der beiden Flüsse gefährliche Unterströmungen mit schnell wechselnden Wassertemperaturschwankungen. Weiterhin waren Untiefen, die durch den Baggerbetrieb entstanden waren, im trüben Wasser der Grube nicht sichtbar, zudem veränderten sie sich durch die Strömungen.
Bei Lummerland lag unser See. Der Silbersee. Niemand konnte mir bis heute erklären, wie die Kiesgrube zu ihrem Namen kam, an der Farbe des Wassers kann es nicht gelegen haben. Eher liegt die Vermutung nahe, dass es einen Zusammenhang geben könnte zwischen der Stilllegung der Baggerarbeiten und der zeitnahen Erstaufführung des Films „Der Schatz im Silbersee.“ Eine Vermutung nur, kein gesichertes Wissen.
Der See war schnell berüchtigt, denn er hatte bereits einige Opfer gefordert. Ein kühner Kopfsprung von der an manchen Stellen erhöhten Uferböschung konnte zum Genickbruch führen, da an dieser Stelle nicht tief genug ausgebaggert worden war. Beim Tauchen, selbst bei hochsommerlichen Wassertemperaturen konnte man in eine Eiskaltwasserströmung geraten und dadurch einen Herzschlag erleiden. All das war vorgekommen und entsprechend waren die mahnenden Warnhinweise der besorgter Eltern. Aber wenn man jung ist, kann einem ohnehin nichts passieren. Meint man jedenfalls.
Unsere Kumpanei traf sich während des Sommers nachmittags an der südlichen Uferseite zu den üblichen Schülerspässen. Wenn es im Winter kalt genug war, spielten wir darauf Eishockey. Dabei waren meist auch einige italienische Jungs und Cerkes, ein junger Türke. (Interkulturelles Miteinander ist keine Erfindung der letzten fünfzehn Jahre).
Cerkes zeichnete sich durch zwei Merkmale aus. Er war immer guter Dinge, egal was ihm auch widerfahren mochte. Ein richtig lustiger Typ. Und er hatte nie Zigaretten. „Ey, haste ma´ne Zi´rette für mich?“ Oder er rief, wenn sich gerade jemand eine anfeuerte, „Mach´ Halbzeit, Mann“, was bedeutete, dass der Raucher nach der halben Zigarettenlänge den Glimmstengel an Cerkes weiterreichte. (Wo mag er heute sein?).

Es war Winter. Eisekalt. Da wird mehr Geld gebraucht für lange Sitzungen zuhause oder in einer Wirtschaft. In unserer WG hiess das Blutspenden. In der Universitätsklinik der nahen Stadt wurden fünfzig Mark (West) für einen halben Liter gezahlt. Gut, im Winter fror man danach drei Tage zwar schrecklich, dafür erreichte man mit weniger Apfelwein und Nikotin das gleiche Ergebnis wie sonst. Ein fairer Deal also.
Nach der Blutspende fuhren wir rüber nach Luxemburg. Dort gabs die billigsten Gauloises. Jeder kaufte die vom Zoll erlaubte Stange Zigaretten. Wenn man es schaffte, zwei oder drei Mal nacheinander über die Grenze zu fahren war man in dieser Hinsicht bis zum nächsten Blutspendetermin versorgt.
Diesmal war ich der Chaffeur. Wir fuhren zu fünft in meinem Käfer. Auf der Rückfahrt leierte die Musik aus dem tragbaren Philips Kassettenrekorder zwischen den vorderen Sitzen. Die Pläne für den Kneipenabend waren besprochen. Wir waren fast in Lummerland, da hielt ein Tramper den Daumen raus. Es war Cerkes.
Niemand fiel auf, dass er nicht sofort nach einer Zigarette fragte. Er war heiss darauf, eine Runde mit meinem Käfer zu drehen. Ich wollte nach der langen Fahrerei endlich nach Hause. Cerkes begann zu nörgeln. Den anderen Kumpels wollten einlenken, „dann lass´ihn eine Runde um den Block drehen und gut iss´.“ Cerkes versprach jedem eine Zigarette, wenn er eine Runde drehen dürfe. Warum bei diesem geradezu ausserirdischen Angebot niemand Verdacht schöpfte, ist mir bis heute unerklärlich.
Cerkes verteilte die Zigaretten, setzte sich hinters Lenkrad, stellte sich den Fahrersitz passend und liess gleich die Reifen durchdrehen. Wir mahnten zur Vorsicht, es sei gegen Abend, pritzelkalt und möglicherweise Glatteis und überhaupt. Irgendwie schienen wir mit unseren Worten genau das Gegenteil zu erreichen. Er war plötzlich nicht mehr bremsen. Kurz vor der Lummerländer Ortsgrenze bog er schlagartig links ab auf einen Feldweg.
„Bleib´ stehen und zwar hier und sofort.“
„Och komm´, nur noch ne kleine Runde Autocross“, feixte und liess den Käfer schleudern. Alle redeten jetzt durcheinander. Wir balancierten zwischen lockeren Sprüchen und absolutem Ernst. Der schwerelose Tanz über der unendlichen Tiefe. Cerkes liess den Käfer über ein Feld hoppeln. Die Belustigung entwich als wäre um das Auto ein grosses Vakuum.
Quer über die Felder hin tauchte vor uns die Eisfläche des Silbersees aus. Keine Musik mehr, die Kassette war abgespielt. Es wurde ganz still als der Käfer auf die Eisfläche schlitterte.
Ich hatte schon vorher oftmals Angst gehabt in meinem Leben. Als Kind oder als Jugendlicher, das gehört zum Weg. Aber jetzt war etwas grundsätzlich anders. Ich verspürte plötzlich keine Angst mehr, ich war die Angst. Kein Gefühl war da, jegliche Wahrnehmung schien abgeschaltet. Minutenlange Totenstille. Niemand sprach, alle schienen sich irgendwohin verabschiedet zu haben. Hatten bloss noch ihre Körper in diesem idiotischen Käfer zurückgelassen. Mit diesem Irren am Lenkrad, der überlaut und ausgelassen lachte und seine Achter und Pirouetten auf dem Eis drehte.
„Kein Problem Jungs, das Eis ist dick.“ Damit rief er uns alle nach einer Ewigkeit vom Ende des Universums offenbar wieder ins Diesseits zurück. Und wir schnauften, wir redeten, oder besser stammelten alle durcheinander, alle gleichzeitig und ziemlich wirr, dass er endlich wieder aufs Festland fahren solle.
„Ey komm´, ein´ kleiner Achter noch, macht doch Spass…“
Was danach passierte und wie ich wieder ans Steuer kam oder ob ich selbst überhaupt die letzten zwei Kilometer nach Lummerland gefahren bin, ich weiss es nicht. Ich wusste es schon am nächsten Tag, ja vielleicht schon am gleichen Abend nicht mehr.
Wenn ich einen der Leute treffe, die damals dabei gewesen sind, wird durchaus die eine oder andere Anekdote aufgewärmt. Die Fahrt übers Eis wurde niemals wieder erzählt.
Der Silbersee ist heute ein kleines geschütztes Biotop geworden. Schwimmen, Angeln und Müllablagern verboten. Vom Betreten oder Befahren bei Eis steht nichts auf dem Schild am Ufer.

*  In diesem Land glaubt man noch immer an den Mythos vom Wirtschaftswunder. Wer die damit verbundenen Legenden auf die Tatsachen hin überprüfen und sein wahrscheinlich verzerrtes Geschichtsbild korrigieren möchte, dem empfehle ich die folgende Dokumentation, die Onkel Juhtujuhp freundlicherweise zur Verfügung stellt: http://www.youtube.com/watch?v=y-jwKVVJjpk

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine schöne Woche.

(Foto anklicken und garantiert eisfrei gugge)

 

Neuerfindungserinnerungen

Ab und zu, wenn ich mich wieder einmal auf die Erinnerungsschaukel setzen mag, höre ich mich durchs Werk einer Kapelle oder eines Musikalartisten soweit das im Ärmelarchiv befindlich ist. Aus gegebenem Anlass laufen seit gestern viele Scheiben von David Bowie, so in dieser Reihenfolge etwa: The Man who sold the World (1970), Hunky Dory (1971), The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars (1972), Aladdin Sane (1973), Pinups (1973), Diamond Dogs (1974), Heroes (1977), Low (1977), Lodger (1979)…

Dann war Schluss. Nein, nicht mit Bowies Musik. Auf eine Dreistundenkurznacht sollte ein langer Tag folgen. Der Wecker beendete ein merk=würdig waberndes Traumgewebe. Eine Kanne starken schwarzen Tee kochen zur Rückkehr ins alltägliche Leben.
Kurz die Mails anschauen. Schnellbesuch bei einem Blogger. Bedankt sich bei Bowie. Kurzkommentar meinerseits. Mit einem Fragezeichen vor der Stirn allerdings. Eine Seite, die ich mit einem entsprechenden Suchwort einmal wöchentlich abends zu befragen pflege, noch rasch anklicken. Am Morgen. Die Nacht war eindeutig zu kurz. Bowie gestorben? Vorgestern war doch erst die neue Scheibe erschienen. Ich suchte und las einige Nachrufe.

Die Zeit vergeht und es sind Vorbereitungen zu treffen für die längere Fahrt nach Südosten. Zwei Termine, der eine eher profan. Aber danach einen äusserst charmanten Bloggerkollegen treffen, das weckt die Lebensgeister. Die Nachrichen von Bowies Tod dämpfen die Freude ein wenig. Schnell noch eine feine Musikmischung zusammenstellen für die Kraftwagenfahrt. Ich bin unkonzentriert. Mit David Bowie sind so viele Erinnerungen verbunden.
Als Kleinstadtbuben, die wir waren, hatten wir StonesKinksDoors im Kopf. Was im Radio so lief und die Köder auswarf zum Schnappen im Plattenladen. Über Bowie wurden sonderbare Sachen erzählt. Das machte neugierig.

David Bowie? Ja klar, haben wir. The Man who sold the World. Das Cover. Ein Mann in Frauenkleidern auf dem Sofa. Verrückt. Die Probehörung dauerte keine drei Stücke weit. Gekauft. Danach erschien jedes Jahr zuverlässig eine neue Scheibe. Jede ein wenig anders, was die Musik und textliche Themen anging.

Freie Fahrt auf der Autobahn. Prima. Fast jedes Lied projiziert ein kleines Erinnerungskino auf der Windschutzscheibe. Ich erinnere mich an lange vergessene Situationen. Der Wagen zieht gemächlich dahin. Ein Teil von mir scheint ihn auf der Spur zu halten. Aladdin Sane. Unterwegs in den abgefahrendsten Klamotten. Bei mir hats immerhin zu Frack, Gamaschen und einem weissen Ledergürtel gereicht (Halstuch sowieso). Und ein halbes Jahr später fing er an, im Anzug auf der Bühne zu stehen. Pinups. Anzüge waren sowas von out. Diese abgedroschene Floskel, dass Bowie sich immer wieder neu erfunden hätte in den morgendlichen Nachrufen. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre lebte er in Berlin auf Entzug. Das Ergebnis waren drei einmalige Alben. Low. Heroes. Lodger.
So ein Quark, neuerfunden; der Mann hat sich weiterentwickelt. Hat konsequent sein Ding gemacht. Hat sich ab Ende der 1970er Jahre in seichte Popsümpfe begeben. Er hat damit das Zentrum meines musikalischen Kosmos verlassen. Scary Monsters war für Jahre die letzte Scheibe in meinem Musikalarchiv. Mit der Filmmusik zu Christiane F. hat er mir einen Schlussakkord gespielt. Im Sound in der Genthinerstrasse war ich seit einigen Jahren nicht mehr gewesen. Andere Szenen wurden bestimmend für meinen weiteren Weg.

D. B. wurde zwischendurch auch bei den Gesprächen mit dem sehr liebenswürdigen Herrn Z. erwähnt, eher nebenbei jedoch. Wir besuchten eine Wirtschaft zur Magenfüllung. Das Publikum hätte Teil des Bowiepersonals sein können. Aus dem Radio spielt Bowie. Ausgerechnet in dieser Kneipe. Zu schnell bricht der Abend herein. Wir verabschieden uns. Schönen Dank Herr Z. für die ebenso amüsanten wie gediegenen Stunden.
Die sonderbare Stadt scheint ohne waagrechte Ebenen auszukommen. Hoch und runter. Asphaltröhren überall. In einem langen Tunnel ziehen die Deckenlampen übers Wagendach dahin. The Spiders from Mars. Der Lallfritz hat mir die wahrscheinlich umständlichste Route zur Autobahnauffahrt vorgeschlagen. Es beginnt zu regnen. Nachtschwärze auf der wenig befahrenen Strasse. In die Gedanken an die vorangegangen Gespräche mischt die Musik wieder lebendige Erinnerungsbilder.

Wir wussten beide, dass zwischen unseren Wegen viel Ödland lag. Aber wir liessen geschehen was uns möglich war. Wunderschöne Momente, einmalig in ihrer Tiefe. Niemals zu wiederholen; und einfrieren, das wussten wir, würden sie nicht haltbarer machen. Wir lagen eng beieinander nachmittags in der Sonne neben meiner Werkstatt.
Die Arbeit war beendet, das Werkzeug wieder an seinem Platz.. Die beiden Motorräder waren in Schuss. Aus der Werkstatt umwehte uns die Musik von Aladdin Sane. Eine kleine Probefahrt zum Baggersee vielleicht. Wir schwiegen einverstanden. Deine Hand glitt unter mein T-Shirt. Wir schauten den sanften Bewegungen deiner Fingern zu, lachten beide gleichzeitigkurz auf wegen der öligen Reste in deinen Nagelbetten auf der weissen Haut.
Schweigendstill blickten wir uns nur unverwandt in die Augen. Lady Grinning Soul.  Ganz langsam bist du aufgestanden. Hast mein T-Shirt in Ordung gebracht mit deinem unergründlichen Lächeln. Der Daumen am Starter erweckte dein Motorrad zum Leben. Du hast den Gang eingelegt und bist aus dem Hof gefahren.
Ich habe den Kickstarter meiner Ducati durchgetreten und bin zum Baggersee gefahren. Den Frack habe ich auf dem nächsten Flohmarkt verkauft.

(Wichtig an der Fotografie sind weder der junge Mann mit dem unzeitgemäss provokanten Kurzhaarschnitt, auch nicht der Renault R4 oder die Ente rechts sondern der Bus am linken Bildrand. Wo sieht man heute noch einen Renault Estafette ausser in einem alten Film)

Geburtstagsparty an einer Kiesgrube

Geburtstagsparty an einer Kiesgrube

Tage im März III

In der Mittagspause ganz austrophil: Wolfgang Ambros – Der Watzmann ruft (1974)…

XI. Auf der Fahrt von Long Melford nach Southwold versuchte ich, W,G. Sebalds Wanderroute zu rekapitulieren. Wie gesagt, hatte ich das Buch nicht dabei und die gestrige Begegnung im Black Lion durchkreuzte das Erinnerungsgefüge unablässig.  Zuerst blitzte beim Frühstück eben jene Küstenstadt am deutschen Ozean auf. Die vielleicht neunzigminütige Fahrt führt meistenteils durch Marschland. Ehemals war hier alles bewaldet. Nach der fast gänzlichen Rodung teilten wenige Sehrgrossgrundbesitzer das Land unter sich auf, solange die Landwirtschaft sich rentierte und die Jagd Spass machte. Das ist lange vorbei.
Ich fuhr direkt runter an den Strand, wo „oberhalb der Promenade, in dem der sogenannte Sailors´ Reading Room untergebracht ist, eine gemeinützige Einrichtung, die, seit die Seeleute am Aussterben sind, in erster Linie als eine Art maritimes Museum dient, in dem alles mögliche mit der See und dem Seeleben in Verbindung Stehende zusammengetragen und aufgehoben wird. An den Wänden hängen Barometer und Navigationsinstrumente, Galionsfiguren und Schiffsmodelle in Glaskästen und Flaschen. Auf den Tischen liegen alte Register der Hafenmeisterei, verschiedene nautische Zeitschriften…“ Dies alleine hatte schon genügt, um mich am Haken zu haben. Schönen Dank Herr Sebald.

XII. Sebald beschreibt weiterhin, dass er bereits zuvor öfter in diesem kleinen, so aus der Zeit geratenen Gebäude gewesen war und was er bei seinem jetzigen Besuch vorfand. Ich verstehe nichts von der Seefahrt und so blätterte ich  interessiert in den Logbüchern, den Zeitschriften und schaute mir alles genau an. „Besser als sonst irrgendwo“, schreibt Sebald, „kann man hier lesen, Briefe schreiben, seinen Gedanken nachhängen oder, während der langen Winterszeit, einfach hinausschauen auf die stürmische, über die Promenade hereinbrechende See.“ Ich machte mir Notizen und nahm einige Fotos auf.
Müde von der kurzen Nacht, setzte ich mich in einen der Lehnstühle und nickte ein. Als ich erwachte, wusste ich zuerst garnicht, wo ich war. Ich blieb noch zwei weitere Stunden allein, denn „Besucher kommen allenfalls ein paar während der Ferienzeit, und die wenigen, die kommen, gehen, nachdem sie sich mit der für solche Ferienbesucher bezeichnenden Vertsändnislosigkeit kurz umgesehen haben, in der Regel gleich wieder hinaus.“ Da ich mit dem Kraftfahrzeug unterwegs und überdies für Wanderungen über nasse Wiesen nicht vorbereitet war, beschloss ich, weiter in nördlicher Richtung zu fahren.

XIII. Ich fuhr an der Küste entlang nach Lowestoft. Dort war tatsächlich, wie schon Sebald schrieb „nichts vorzufinden als Spielsalons, Bingohallen, Betting Shops, Videoläden, Pubs, aus deren dunklen Türöffnungen es nach saurem Bier roch, Billigmärkte und zweifelhafte Bed&Breakfast Etablissements.“ Dabei hatte Lowestoft viel bessere Zeiten gesehen. Die Stadt hatte zu ihrer „Glanzzeit nicht nur einen der bedeutendsten Fischereihäfen (Heringe!), sondern auch ein über die Grenzen des Landes hinaus als most salbrious gepriesenes Seebad.“ Von der über vierhundert Meter weit in die Nordsee hinausragenden Seebrücke war nichts mehr übrig. Ich schaute mich nur kurz um. Sebald, der oft mit einem leicht melancholischen Unterton geschrieben hat, blieb bei seinen Anmerkungen zu Lowestoft erstaunlich neutral. Ich startete den Volvo und fuhr weiter in Richtung Norwich.

XIV. Sebald (1944 – 2001) hatte eine Professur für Neuere Deutsche Literatur in Norwich. Norwich kannte ich aus einem Buch, dessen Titel und Inhalt ich längst vergessen hatte als die graue Stadt. Die deutsche „graue Stadt am Meer“ ist bekanntlich Husum, jene Stadt, in der Theodor Storm lebte und schrieb. Erinnerlich von einem Tag in Norwich sind mir lediglich zwei Erlebnisse.
In einem Tabakwarengeschäft, das laut der Affichen in den beiden kleinen Schaufenstern eine erhebliche Preisreduktion beim Pfeifenkauf versprach wegen der bevorstehenden Schliessung des Ladens. Dort kaufte ich drei Pfeifen. Zum Glück hatte der zuvorkommende Inhaber verschiedene Modelle von Peterson of Dublin, die ich sehr gerne mag.  Die lange Lesepfeife verhindert lästigen Rauch und Dampf vor den Buchseiten und die kleine Peterson ist eine Damenpfeife (Oh, this pipe will be an exquisite gift for your dearest spouse, Sir). Dass dieses Kleinod eher als kleines Zwischendurchpfeifchen (für mich selbst) gedacht war, behielt ich für mich.
Zwei Strassen weiter fand ich eine alte Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Dort konnten Menschen gebrauchte Gegenstände verkaufen. Die ganze Kirche war der Verkaufsraum. Ein stimmungsvolles Ambiente. Der aktuellen Webseite hingegen entnehme ich, dass auch daraus inzwischen eine kommerzielle Unternehmung geworden ist. Sehenswert ist der Ort dennoch allemal. Wir Heutigen meinen ja allzu gerne, dass Kirchenräume schon immer so genutzt worden wären, wie wir das heute kennen. Das Gestühl ist eine relativ neue Erfindung aus dem 14. Jahrhundert. Vorher stand oder lag man während der Zeremonien. Und in den Seitenschiffen wurde früher gehandelt, sogar Waren wurden zeitweise eingelagert, denn die Kirche war ein relativ sicherer Ort.

XV. Nach der Übernachtung in einem Bed&Breakfast (leider wurden die Eier wie weit verbreitet auf Kokosfett gebraten) war es Zeit für den Rückweg. Eine Pause legte ich am frühen Nachmittag in einem Kleinstädtchen ein, dessen Name mir entfallen ist. Ich suchte nach dem Tea Room, den es fast auf jeder High Street, der Hauptstrasse, in den Ortschaften gibt. Hier gab es offenbar keinen, dafür sah ich eine sonderbare metallene Skulptur auf dem kleinen Rasen neben dem Heimatmuseum. Ich liebe englische Heimatmuseen. Oft von ortsansässigen Pensionären unterhalten haben sie einen ganz eigenen Charme. Und immer ist Zeit für eine kleine Unterhaltung. Ich habe keines je verlassen, ohne etwas Wissenswertes geschenkt bekommen zu haben.
Bei meiner Begrüssung wurde ich von den alten Herrschaften natürlich sofort als Ausländer erkannt. Zwei ältere Damen und ein Herr. Drei Fragen gleichzeitig an mich, die ich höflich der Reihe nach beantwortete. Ich zeigte mit dem Finger nach draussen. Da draussen – und schon unterbrach mich der Herr, ja, das sind die Reste einer verirrten V1. Die war bestimmt auch London oder Cambridge bestimmt.
In Suffolk waren viele Flugplätze. Heute sind manche noch immer für die private Fliegerei im Betrieb. Während des Zweiten Weltkrieges wurden von hier aus viele Einsätze nach Deutschland geflogen. Der ältere Herr war Mitglied einer solchen Bomberstaffel. Und da mich der Luftkrieg schon damals interessierte hatte ich einen Gesprächspartner gefunden, der mir meine Fragen nur zu gerne beantwortete. Dieses Gespräch wurde von Seiten des Herrens so persönlich, auch so tief beeindruckend, dass es zur Schilderung eines eigenen längeren Posts bedürfte.
Im Fluge waren zwei Stunden vergangenen, der Tee war köstlich und für mich wurde es Zeit, denn ich wollte noch eine der Hovercrafts auf den Kontinent erwischen. Welcome on board, Ladies and Gentlemen. Please fasten your seat belt. Weder die Princess Anne noch die Princess Margret fliegen heute noch über den Kanal. Aber dazu fällt mir auch sofort die nächste Geschichte ein. Es ist immer wieder erstaunlich, was man erleben kann, wenn man offen ist für Begegnungen und Entdeckungen.
Wer den Abflug der Princess Margret wenigstens optisch erleben möchte: youtube.com/watch?v=hn4GiT0AE4g (mit www. davor)
Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für die Aufmerksamkeit.

(Fotos sind anklickbar, wie stets)

Tage im März II

Zum anheizen: Kings of Leon – Only by Night (2008) und anschliessend ein heisser Tipp des Herrn Pappenheimer: Otis Taylor – Hey Joe Opus Red Meat (2015). Ganz feiner Blues ist das…

VI. Da wir bloss zu dritt waren, das Ehepaar und ich, machten wir uns nach dem Diner bekannt und stiessen mit einem gediegenen Port auf den Abend an. Wir setzen uns in die mit vielen Knöpfen gesteppten, schweren ledernen Fauteils. Small Talk war noch nie meine Stärke und ich gedachte, mich nach einem oder höchsten zwei weiteren Port zur Ruhe zu begeben. Aber es lag etwas in der Luft. Wir umkreisten uns mit Worten und ich hatte den Eindruck, die Grenze zwischen uns wollte überwunden werden.
Der Auslöser war jene Frau, die den beiden Herrschaften sogar persönlich bekannt war. Ich kannte ihre Geschichte aus einer Zeitschrift, die ich normalerweise nicht gekauft hätte; allein wegen des Berichtes über ihren kühnen Ritt erwarb ich alle sechs aufeinander folgenden Ausgaben.

Diese bereits ältere Dame fasste nach dem Tod ihres Gatten in ihrer Trauer den Entschluss zu einer Wallfahrt. Besser gesagt zu einem Wallritt. Zu diesem Behuf liess sie ihren Braunen satteln und begab sich auf den Jakobsweg. Ihr Knecht fuhr morgens im Landrover die Tagesetappe voraus und organisierte alles zum Wohlbefinden von Mylady. Abends erwartete er sie bei der reservierten Unterkunft.
Die erste Station der Lady, die aus Petersborough stammte, war die Kathedrale von Ely. Danach Canterbury. Der Knecht hatte in Dover bereits für die sichere Kanalüberführung des Pferdes Sorge getragen. Rouen, Chartres, Limoges und so weiter. Ich lese heute, wo ich dies niederschreibe, auf einer Internetseite, dass im Jahr unserer Begegnung damals im Black Lion über 154000 Pilger Richtung Santiago de Compostela unterwegs gewesen sind. Im vergangenen Jahr waren es bereits 237812 Wallgeher. Geritten werden die wenigsten sein, noch weniger werden unterwegs ihren Mantel geteilt haben.
Einerseits bewunderten wir noch im nachhinein die Energie der alten Dame, die wohlbehalten ihr Ziel erreichte, andererseits amüsierten wir uns über die Exklusivität der Idee. Nicht alles, was der Kontinentaleuropäer für exzentrisch hält, wird auch in England dafür gehalten. Und ich hielt manches vom dem, was ich an diesem Abend hörte, für ausgesprochen exzentrisch.

VII. Unsere Gastgeberin servierte die zweite Flasche Port. Dabei brachte sie ihre Untröstlichkeit darüber zum Ausdruck, dass sie aufgrund ihres lange währenden Tagewerkes nun ihrer Müdigkeit nachgeben und sich zurückziehen müsse. Aber, und damit wandte sie sich zu mir, John wisse zu bedienen, ich müsse also keineswegs einen Mangel befürchten. Nicht wahr John? Der nickte nur und fragte eher murmelnd etwas mir Unverständliches. Das Wort Gin mochte vorgekommen sein. Inzwischen hatte der Port auch die Wangen Margrets mit einer frischen Röte verzaubert.
So sassen wir um den Kamin, plauderten, tranken, lachten viel und „nicht einmal Coleridge hätte im Opiumschlummer eine zauberhaftere Szene sich ausmalen können.“ John zündete sich eine Zigarre an, ich stopfte mir eine Pfeife und als er meine alte Pfeife sah, bat er, einen Blick darauf werfen zu dürfen. Er begutachtete sie fachmännisch und gab sie mir zurück mit einem Blick, der mich vermuten liess, mich nun ausgewiesen zu haben für weitere Gespräche. Gegen Mitternacht, die zweite Flasche Port ging zur Neige, meldete mein Fernsprechknecht einen Anrufer. Ich entschuldigte mich kurz.
Als ich wieder Platz nehmen wollte, standen Margret und John mit erhobenen Gläsern am Tisch und brachten einen Toast auf mein neues Lebensjahr aus. Sie hatten einige deutsche Worte meines Gesprächs verstanden. Ich war gerührt und wir stiessen an. John bat Margret kurz danach, doch bitte in die Küche zu gehen, my Dear, um einige Häppchen zu bereiten zur Kräftigung für die Fortsetzung unserer Konversation. Sie zierte sich, bat im Gegenzug ihren John, my Dear… der sich damit entschuldigte, im Keller den Gin für die Nacht auswählen zu wollen. I am afraid my dear, but.
Ihr Manor House lag keine zwanzig Meilen von hier entfernt. Zur Erledigung ihrer Geschäfte in London legten sie alle Termine auf Montag. Ihrer Tradition (since my parents continued the same tradition from my grand-parents) entsprechend übernachteten sie jeden Sonntag im Black Lion. Und bei der Rückfahrt von London nach Hause ebenfalls.
Der Gin war eine Labsal. So zart, dass man ihn kaum spürte und sich auf dem Wacholdergrund feinste Aromen ausbreiten konnten. Irgendwann kamen wir auf Somerleyton zu sprechen. Als die Kanne Gin geleert war, verabschiedeten wir uns und versicherten uns dabei, schon lange keine solch angenehme Nacht mehr verbracht zu haben.

VIII. An das Frühstück am nächsten Morgen ist mir kein Bild erinnerlich. Wie der Tisch eingedeckt war, was serviert worden ist. Draussen vor den Fenstern aber leuchtete und funkelte alles In der Frühlingssonne. Ich erinnerte mich an Somerleyton. Sebald schrieb darüber in seinem Buch „Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt.“  Alle gekennzeichneten Zitate, auch des gestrigen Posts, stammen aus diesem Buch.
„“Lord Sydney Godolphin Osborne, der sein Erbe nicht antreten wollte, veräußerte die gesamte Liegenschaft an einen Sir Morton Peto. Peto, der aus niedrigsten Verhältnissen stammte und sich vom Handlanger und Maurergehilfen hatte emporarbeiten müssen, war, als er Somerleyton erwarb, gerade dreissig, zählte jedoch bereits zu den bedeutendsten Unternehmern und Spekulanten seiner Zeit.“ Mit seinem in kürzester Zeit erworbenen Vermögen wollte er sich selbst krönen „durch die Errichtung einer an Komfort und Extravaganz alles bisher Dagewesene in den Schatten stellenden Residenz auf dam Land.“ Ich erinnerte mich an Somerleyton und beschloss, nicht wieder zu John Constable nach Flatford Mill zu fahren, sondern ein wenig auf W.G. Sebalds Spuren zu wandeln. Leider hatte ich das Buch nicht dabei. So fuhr ich aufs Geratewohl von Suffolk nach Norfolk und an den deutschen Ozean, wie die englischen Küstenbewohner das Meer statt der Nordsee nannten.

IX. Auf der Fahrt versuchte ich mich an Sebalds Wanderroute zu erinnern und brachte bald alle Orte durcheinander. Somerleyton habe ich von meiner Route gestrichen für dieses Mal. Die zeitgenössischen Berichte in den Zeitungen und Magazinen waren überschwänglich. Der besondere Ruhm von Somerleyton „bestand anscheinend darin, dass sich die Übergänge zwischen Interieur und der Aussenwelt so gut wie unmerklich vollzogen.“ Wintergärten, im Boden versenkbare Fenster, Kunsthandwerk und unglaubliche Gartenkünste schufen Eindrücke, die sprachlos gemacht haben müssen.
„Am wunderbarsten, hiess es in einer der Beschreibungen, sei Somerleyton in einer Sommernacht, wenn die unvergleichlichen, von gusseisernen Säulen und Verstrebungen getragenen, in ihrer filigranen Erscheinungsform schwerelos wirkenden Glashäuser von innen heraus strahlten und funkelten.“ Illuminiert wurde das Gebäude von unzähligen Argand-Brennern. Das können wir Heutigen und nicht mehr vorstellen, diesen Lichtdom in der absoluten Dunkelheit der ganzen Umgebung. Eine Gasexplosion im 1913er Jahr machte all der Pracht ein Ende. „Eine Schrecksekunde, denke ich oft, und ein ganzes Zeitalter ist vorbei.“

X. Seit ein paar Jahren kann man Somerleyton gegen eine Gebühr besichtigen. Damals erschien es mir reizvoller, einige Meilen weiter und an die Küste zu fahren, um den Sailor´s Reading Room in Southwold zu sehen. Davon demnächst auf diesem Blog.
(Foto anklicken und gross gugge)

 

Tage im März

Ein Lächeln beim Aufwachen. Im Ohr noch immer die Musik von – Rich Hopkins & Lisa Novak – Loveland (2008). Zum Schreiben am frühen Morgen: Marilyn Mazur & Jan Garbarek – Elixir (2008)…

I. Die Erlebnisse liegen weit zurück inzwischen. Nicht so lange, wie die jenes Herrn Castorp schon ganz mit Edelrost überzogenen und daher auch in der einfachen Form der Vergangenheit zu erzählen.
Ich las Buch im Spätjahr 1997. Es zog mich schon auf den ersten Seiten in seinen Bann. Ich erinnere mich nicht mehr, ob es die erzählten Personen war, die Landschaft oder die Stimmung überhaupt. Heute will mir scheinen, dass es die Befindlichkeit des Erzählers war, die mich so tief beeindruckte.

„Der im Laufe des Tages des öfteren schon in mir aufgestiegene Wunsch, der, wie ich befürchtete, für immer entschwundenen Wirklichkeit durch einen Blickaus diesem sonderbarerweise mit einem schwarzen Netz verhängten Krankenhausfenster mich zu versichern.“

II. Mein Vorschlag, die Zeiten unserer Treffen zu allseitigen Vorteilen zu verändern, war angenommen worden. Wir beendeten unser Treffen und verabschiedeten uns mit den üblichen flachen Floskeln. Es war im März, auf den Wiesen blühten Blumenteppiche und ich hatte jetzt das Wochenende vor mir mit den schönsten Plänen.
Ich nahm die A262 nach Norden. Von der endlos scheinenden Brücke schaute ich nach rechts hinüber. In der weit ausufernden Flussmündung war die Insel zu sehen. Auf dem Friedhof der Insel lag einer meiner literarischen Hausgötter. Sein Stammpub war vor einigen Jahren geschlossen worden, aber das Schild „zu verkaufen“ hängt auch heute noch gut sichtbar an der Marine Parade Ecke Alma Road.

III. Ich freute mich jedoch auf die Landschaft eines Malers. Schon einige Male war ich zuvor dort gewesen. An der Mühle mietete ich mir einen dieser flachen Kähne und ruderstakte gemächlich auf dem flachen, kaum vier Meter breiten River Stour gemächlich dahin. Vor einigen Jahren hatte ich mir eine Ansichtskarte gekauft, auf der eine Vedute von John Constable abgebildet war. Um selbst eine Fotografie dieser Ansicht aufzunehmen, suchte ich jetzt diesen Platz. An sich ein aberwitziges Unterfangen, den gemalten Ausschnitt einer Landschaft nach fast zweihundert Jahren wiederfinden zu wollen. An einer Stelle, die mir passend schien, machte ich den Kahn fest und ging am Ufer entlang. Endlich stand ich an der Stelle, von der aus Constable sein Bild malte. Ich verglich die Details auf der Reproduktion der Ansichtskarte mit der vor mir liegenden Natur. Es war mir unmöglich zu fotografieren. Ich war sonderbar überwältigt, beim genauen Betrachten der Szenerie hatte ich den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein. Manche Bäume waren höher, gewiss; ein Buschwerk versetzt; aber der Bewuchs um den Kirchturm, der über den Baumkronen zu sehen war, schien seit zwei Jahrunderten unverändert. Selbst die Bäume um die kleine Ansiedelung hatten noch fast die gleiche Silhouette.

IV. „Kaum drei Eichen haben die grössten Geschlechter überdauert. Den eigenen Namen auf irgendein Werk zu setzen, sichert niemandem das Anrecht auf Erinnerung, denn wer weiss, ob nicht gerade die besten spurlos verschwunden sind. Der Mohnsamen geht überall auf, und wenn an einem Sommertag unversehens das Elend wie Schnee über uns kommt, wünschen wir nurmehr, vergessen zu werden.“

V. Gegen Abend gab ich den Kahn zurück. Ich war noch immer leicht benommen und statt mir wie geplant, hier ein kleines Hotel zu suchen, bemerkte ich nach einigen Kilometern, dass ich nach Süden unterwegs war. Bei Colchester bog ich jedoch einer plötzlichen Idee folgend, rechts auf die A134. Die schmale Landstrasse führte nach Long Melford.
In dem
kleinen Hotel war es ganz still. Ich erschrak bei dem Klang der Stimme und der herzlichen Begrüssung. Ein Zimmer würde man mir gerne herrichten. Und um mir die Wartezeit bis dahin zu verkürzen, kredenzte man mir einen Portwein in einem fein geschliffenen alten Glas. Das Ticken der mächtigen Standuhr wurde begleitet dem sanften Geprassel knackenden Holzes im Kamin.
Als ich meine kleine Reisetasche auf das frisch bezogene Bett legte war ich im 19. Jahrhundert angekommen. Unten im Restaurant war ich der einzige Gast. Wie gut man in England essen kann, das hatte ich schon des öfteren geniessen dürfen. Der Koch hatte die Ente köstlich zubereitet.

Gäste betraten das Restaurant. Der Begrüssung entnahm ich, dass jenes Ehepaar im Haus bekannt sein musste. Nachdem wir alle gespeist hatten, sprach mich der Herr an. Wir nahmen Platz vor dem Kamin.

                       (Von dieser kurzen Reise gibt es nur wenige Fotos – dafür demnächst aber eine Fortsetzung)
Long Melford - The black Lion