Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

Französische Bands waren und sind hierzulande leider weitgehend unbekannt. Während des Schreiben dieses Beitrages: Ange – Le Cimitière des Arlequins (1973). Danach, ebenfalls aus dem Jahr 1973: Magma – Mekanïk Destruktïw Kommandöh …

Dem Buch fehlt der Schutzumschlag. Das helle blaugrüne Leinen weist etliche Flecken auf, der Rücken ist nur minimal lichtrandig. Das Büchlein im Format Klein8° passt gerade recht in die Hände eines elfjährigen Jungen. Nach Hinweisen zum Autor suche ich vergeblich. Das Buch wandert seit Jahrzehnten in und mit meiner Bibliothek.
Eine spannende Pfadfindergeschichte. Ich war selbst lange Jahre bei den Pfadfindern. Das Buch mag ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten gewesen sein. Von wem es mir geschenkt worden sein mag, ich erinnere es nicht mehr. Erschienen ist es im Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris.
Lange vor der Schaffung der EWG, der Vorläuferin der EU, kam den führenden Politikern beider Länder der glorreiche Gedanke, dass zukünftige Kriege zu vermeiden seien, wenn die Jugend sich kennenlernen und miteinander im Austausch wäre. Im Rahmen des Elysèe Vertrages wurde auch die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) beschlossen. Schon bald danach begann ein gegenseitiger Jugendaustausch.

Meine erste lange Urlaubsfahrt mit Freunden verbrachte ich in Frankreich. Jahre waren seit der Gründung des DFJW vergangen. Wir entdeckten Frankreich auf eigene Faust. Im Elsass kam es durchaus noch vor, dass man als deutscher Jugendlicher, zudem mit längerem Haupthaar, als boche beschimpft worden ist.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, aber meine Freunde waren bereits etwas älter. Mit einer Citroen Dyane 6 und einem Opel Kadett A fuhren wir Richtung Süden. In der Nähe von Marseille zelteten wir auf dem steinigen Boden hoch über dem azurblauen Meer. Spontan sind mir an diese Reise nur wenige Tatsachen erinnerlich. Baguette, Käse, südfranzösische Pizza und die für unsere Verhältnisse chaotischen Verkehrsverhältnisse. Pastis, den man immer weiter wasserverdünnen konnte, bis uns der Wirt scheel anschaute. Rotwein und Gauloises. Damals noch zum Schülertraumpreis. Die bezaubernd fremde Lebensart. Und die nervigen Grenzkontrollen dort wie hier. Seitdem war ich viele Male in Frankreich und kenne fast alle Gegenden.

Im Jahr 1914 wurde in Saint-Denis für die CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits) mit der Fertigungsnummer 2419D einer von über zwanzig Speisewagen hergestellt. Während des bald darauf beginnenden Ersten Weltkriegs diente dieser Wagen im Befehlszug des Maréchal Ferdinand Foch nach einem Umbau als sein mobiles Büro.
In diesem rollenden Raum wurde am 11. November 1918 die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches ratifiziert.
Danach wurde der Wagen im Ehrenhof des Armeemuseums in Paris ausgestellt.

Wenn Du das Elsass und die Vogesen noch nicht kennst, so ist es mir eine Freude, Dir in dieser einmaligen Kulturlandschaft viel Sehenswertes zu zeigen und näherbringen. Die kleinen malerischen Dörfer und Städtchen. Flammkuchen und Edelzwicker. Den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar. Kugelhopff und Baeckeoffe. Das Kloster auf dem Odilienberg. Und das nicht weit davon entfernte ehemalige Konzentrationslager Natzweiler Struthof. Die kultivierte Lebensart liegt hier so nah bei der rohesten Barbarei, dass man es kaum fassen kann. Auf dem Lingenkopf lagen die beiden Schützengräben nur zwölf Meter von einander entfernt. Musste ein Soldat austreten, so rief er dies dem militärischen Gegner zu und erbat sich damit freies Geleit. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht. Kriegshandlungen sind nicht vorausschaubar.

Als die Deutsche Wehrmacht 1940 Frankreich einen Waffenstillstand aufzwang, wurde der Eisenbahnwagen auf Befehl Hitlers vaus dem Aremeemuseum geholt und an die gleiche Stelle im Wald von Compiègne gebracht, um darin den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen.
Danach wurde der Wagen per Eisenbahn nach Berlin spediert, da er nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde er kurzfristig ausgestellt und anschliessend in einem Magazin eingelagert. Im Jahr 1944 wurde er aus Sicherheitsgründen nach Thüringen verbracht. In den letzten Kriegstagen wurde der Wagen dort durch ein Feuer beschädigt. In der Geschichtswissenschaft gibt es noch immer verschiedene Meinungen über die Urheberschaft der Zerstörung.

Auf der Fahrt von Colmar in die Vogesen werden wir an einem kleinen Ort vorbeikommen. An der dortigen Kirche ist eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an einundfünfzig Mitbürger, die zu Reichsdeutschen erklärt worden sind und somit in die deutsche Wehrmacht oder die SS gezwungen worden sind.
Mir fällt da eine kleine Auberge in der Nähe ein, in der es bescheidene Zimmer und eine typisch elsässer Küche gibt. Jetzt ist die Zeit der feinen Wildgerichte. Heisse Maronen und Pilze. Morgen könnten wir dann eine kleine Rundfahrt in den Vogesen machen oder eine Kleinstadt besuchen. Oder beides.

Der Unterbau des Waggons überstand den Brandanschlag und wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, zu einem Werkstattwagen umgebaut und entspechend genutzt. Seine letzte Verwendung war als Werkswagen Nr.17 im Weichenwerk in Gotha. „Aufgrund seiner weichen Federung erhielt er dabei den Spitznamen Kanapee.“ Nach einer neuerlichen Beschädigung wurde der betagte Eisenbahnwaggon im Jahr 1986 verschrottet.

Was mir beim Rundgang durch eine Kleinstadt wie Obernai auffällt, ist diese wohltuende Nichtperfektion. Nichts ist überrestauriert. Man sieht den Gebäuden an, dass sie belebt sind. Das pulsierende Leben selbst in den ruhigen Nebenstrassen überträgt sich auf den Reisenden. Wie wärs mit einer Einkehr in einem Salon de Thé? Oh, da gibts frische Eclairs. Welche Creme magst Du lieber, Schokolade oder Vanille? Ich nehme bloss einen petit noir.
Hier lässt es sich leben. Die Böden sind ungemein fruchtbar. Selbst jüngere Menschen sprechen wieder den elsässischen Dialekt. Vielleicht finden wir später ein gemütliches Resaturant. Einen Baeckeoffe habe ich ewig nicht mehr gegessen.
Mit der Vergangenheit und den historischen Orten geht man in Frankreich nicht anders um als in anderen Ländern.
Das Konzentrationslager Le Struthof ist anschaulicher instandgesetzt, als ich das von deutschen Konzentrationslagern kenne. Aber hier soll nicht aufgerechnet werden, wie mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wird. Es ist unwürdig und unpassend.

Strassburg? Auf dem Weg dorthin werden wir Mutzig passieren. Auf einem Hügel neben der Stadt liegt die angeblich grösste Militärfestung Europas. Die Feste Wilhelm II. für siebentausend Soldaten. Nach heutigem Geld soll der Bau eine Viertelmilliarde Euro verschlungen haben.
Es kann sein, dass in Strassburg ziemlich viel los sein wird, nach der Ruhe hier am Rand der Vogesen. Vor dem Münster schieben und drängen sich die Menschenmengen. Himmelstrebende gotische Baukunst, die sich auf einen schnellen Blick nicht erfassen lässt.
Martialisch aussehende Männer der Antiterroreinheiten patroullieren und zeigen überall Präsenz. Beim Eintritt in jegliche öffentliche Gebäude muss man den Inhalt seiner Taschen und Rucksäcke präsentieren. Lass uns lieber in ein ruhigeres Viertel gehen. Jetzt ist die Jahreszeit für moules frites. Schau, das kleine Restaurant dort drüben sieht gut aus. Die Muscheln, zubereitet á la marinière, sind ebenso delikat wie schmackhaft.
Aber nun nichts wie weg aus diesem Getümmel. Die Feuerwehr stellt auf der berühmten place Kléber einen fündundzwanzig Meter hohen Weihnachtsbaum auf. Menschenmassen in der Herbstsonne. Eine kleine Tüte heisse Kastanien für auf den Weg. Die verschmitzt schauenden Augen des lächelnden Maronenmannes lindern den inneren Aufruhr der vielfältig verwirrenden Eindrücke.

Der Roman „Lichter am Grenzhof“ von Jürgen Rauser hielt mich seinerzeit in Atem. In den Sommerferien haben die Gruppenführer einer deutschen und einer französischen Pfadfindergruppe eine Begegnung zwischen ihren Buben vereinbart. Die Jungs wissen nichts voneinander und lernen sich in den Vogesen durch geheimnisvolle Begebenheiten und Zwischenfälle kennen und kommen sich im Verlauf der Ferien näher.
Am Ende entwickeln daraus sich Freundschaften. In dem Buch steht vor dem Text eine gedruckte Widmung:
„Der Jugend Deutschlands und Frankreichs, die eine Versöhnung aufgerichtet hat
über der blutdurchtränkten Erde des Grenzlandes, –
Eine Gemeinsamkeit, die so sehr erfahren ist,
dass sie nie wieder im Hass der Völker verbrennen darf.“

Es bleibt angesichts der Geschichte des vormals prominenten Eisenbahnwagens zu wünschen und zu hoffen, dass zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig nie mehr Kapitulationen zu unterzeichnen sein werden.
Und mit einer Reisebegleitung wie Dir würde ich jetzt sofort ins Elsass fahren. Zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr zur Blütezeit. Oder in der Hitze des Sommers zum Picknick an einen Wasserfall. Grenzüberschreitend.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein friedvolles herbstliches Wochenende.

(Eine Fotografie anklicken. Die Galerie öffnet selbsttätig)

 

 

 PS: Das im Beitrag erwähnte Buch: Rauser, Jürgen: Lichter am Grenzhof. Illustrationen Irene u. Rolf Scharwächter. Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris, 1965. 191 S.

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Die Reduktion der sogenannten bürgerlichen Mitte

Am vergangenen Wochenende wiederentdeckt: Frank Zappa – Hot Rats (1969)…

Das wahlberechtigte Volk hat gewählt. Ich auch. Und jetzt fragen sich viele, wer denn wohl der drittstärksten Partei seine Stimme gegeben haben mag. Ich nicht. Aber eigentlich, versteht sich, ist das doch fast jedem klar. Andererseits aber eben doch nicht, denn von den derzeit vorliegenden Statistiken wird fast jede dieser Spekulationen widerlegt.
Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich habe sowieso andere Fragen. Wer beispielsweise, der einigermassen sehenden Auges in die eigene Zukunft oder die seiner Kinder schaut, hat mit seiner Stimmmacht die Wiederauferstehung dieser allerüberflüssigsten gelben Partei ermöglicht? Denen Europa im hinteren unteren Süden vorbeigeht; die sich nichts sehnlicher wünscht als die Wiederkehr des wirtschaftsfeudalen Mittelalters. Denn dieses Ziel haben sie neben anderen in ihrem Wahlprogramm versprochen.

Von den Grünen kann man schweigen, denn deren Eliten arbeiten bekanntlich seit einigen Jahren bereits dafür, mit der Fähigkeit des Chamäleons endlich den eigenen Vorteilen zuliebe nach Belieben und Nutzen von grün zu gelb changieren zu können.
Bleibt die SPD mit ihrem Herrn Schulz. Ja dem, der mächtig retuschiert mit den eisblaukalten Augen von den Wahlplakaten stierte. Wer die Berliner Runde verfolgt und ihm zugehört hat, der weiss wie beleidigte Charaktere als Verlierer keifen und nachtreten können. Und vorgestern verkündete er im Seeheimer Kreis der SPD, dass man bei den nächsten Bundestagswahlen mindestens 40% holen werde. Dass manchen Sitzungsteilnehmern die Luft aus den schon vorher mächtig aufgeblasenen Backen entwichen ist, wen wunderts. In Sachsen, einst eine der Hochburgen der SPD gibt es Wahlkreise, da erreichte diese Partei nicht mal mehr 10%.
Ich fragte mich seinerzeit, warum der Mann, der als Präsident des Europäischen Parlamentes weit über eine Viertelmillion Euro im Jahr verdient (ohne Sonderzulagen versteht sich), warum der sich als Kanzler mit gerademal der Hälfte zufrieden geben will. Aber spätestens nach seinen beleidigten Reaktionen wurde es mir klarer. Der wollte ja ursprünglich Kommissionspräsident werden. Hat aber nicht hingehauen, den Posten hat sich Jean-Claude Duncker geschnappt. Manche Stimme lassen verlauten, dass er schon als Parlamentspräsident hoffnungslos überfordert gewesen sei. Aber Macht will mehr Macht. Vielleicht sollte der ehemalige Bürgermeister einer kleinen Stadt mit 38.962 Einwohnern (nach dem Stand vom 31.12.2015) wie der vielberufene Schuster bei seinem Leisten bleiben. Derzeit laufen schon Wetten, ob er im November überhaupt noch Chef der SPD bleiben wird.
Sodann ein Bundespräsident, der öffentlich allen Ernstes feststellte, dass „die Statik der Demokratie“ in diesem unseren Land nicht mehr stimmen würde. Und dass man erforschen müsse, was die Menschen so missmutig stimme. Hinter welchen Monden hat dieser Mensch in den letzten Jahren eigentlich gelebt? Seine Partei hat unter dem verhalten wohlgefallenen Nicken von CDU und FDP dem Sozialstaat endgültig den Garaus gemacht. Als Erstwähler damals vor Jahrzehnten bewunderten wir Willy Brandt und stimmten für seine SPD. Doch wie verkommen ist diese Partei inzwischen. Was ist geblieben vom Gothaer Programm oder gar vom Erfurter Programm? Ob diese Programme, ausser dem Namen nach, noch jemand kennt in der SPD?

Die Parteien an den Rändern legen zu, denn die Mitte unserer Gesellschaft ist weggebrochen. Gegen Ende der Weimarer Republik begann ein ähnlicher Prozess. Das Problem der Spaltung der Gesellschaft jedoch ist nicht das ewig bedauerte Wegbrechen der Mittelschicht, sondern die generelle Krise und der Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Angeheizt wird der beschleunigte Verfall durch den kranken Glauben an ein ewiges wirtschaftliches Wachstum. Fast jeder Mensch glaubt an das unausgesetzte Wachstum, weil es ihm vorgaukelt, er hätte die gleiche Chance wie die ewigen Gewinner. Hat er aber nicht. Und letztendlich fühlt es die Seele eines gesunden Menschen, dass wirtschaftliches Wachstum (oder mehr Wohlstand) nicht das Gleiche ist wie das Wachstum der eigenen Persönlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaftsform ist dabei das eigentliche Problem. Gerade mal zweihundert Jahre alt, hat sie, wie keine der früheren Gesellschaftsformen, unsere Erde und die Menschheit an den Abgrund gewirtschaftet.

Die Globalisierung ist reduziert auf rein wirtschaftliche Prozesse. Kolonisation mit anderen Mitteln als noch vor Jahrhunderten. Geschickter aber auch perfider. Rücksichtlose Ressourcenausbeutung. Privatisierung des Trinkwassers. Beispielsweise sind die Bodenschätze in Syrien längst verhökert – für prosperierende Geschäfte in der Zeit „danach“.
In unseren Breiten zum Beispiel ist das die knallharte und unmenschliche Ausbeutung der Arbeitskraft und Entrechtung der Arbeitnehmer. Und zwar in allen Etagen der Hierarchien. In allen? Nein, die Eliten sind davon selbstverständlich ausgenommen. Neben denen sind die Gewinner dieses sterbenden Systems seit Jahren nur die Eigentümer von Aktien und Schuldverschreibungen. Dem Rest der Menschen, im Grunde genommen die Milliarden Habenichtse rund um den Globus, wird nach Belieben mit Verarmung gedroht oder einfach das Geld entwertet. Und dies nicht bloss auf inflationären Wegen.
In Deutschland merkt man das erst jetzt ganz sanft. Einschnitte ins soziale Netz spüren die meisten Menschen hier noch garnicht am eigenen Leib. Das wird erst in den nächsten Jahren noch kommen. Stichwort Rentnerarmut. Aber das ist bloss der Anfang. Die Menschen werden jedoch medial schon dafür vorgeknetet. Damit man sie, wenn es dann soweit ist, leichter formen kann.
Und wie das mit den Menschen in unserem Land konkret veranstaltet wird, kann man am Programm und den Einschaltquoten der privaten Fernsehsender sehen und auf den meisten Radiosendern hören. Eine tagtäglich erbärmliche Wiederholung der stetigen Niveauabsenkung. Gezielte und gesteuerte Hirnerweichung und Seelenverbiegung.
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(Ich weiss zwar nicht, wer trommeln wird, gepfiffen jedoch wird bereits)

Fünf acht zwölf statt 08/15

  Ich stelle mir vor, wie du unter dem Baum schläfst und ich sitze mit dem Rücken am Stamm, die Kopfhörer auf den Ohren:
Peter Michael Hamels Between & Gert Westphal – Hesse Between Music (1977)…

Was für eine Woche. Ich habe alle Termine derart angepasst, dass ein schneller Rutsch in die Uckermark möglich wird. Da schwirrt etwas in meiner Vorstellungswelt, das will beruhigt werden. Dann jedoch haben verschiedene Auftraggeber andere Pläne und alles ordnet sich neu und spontan. Mutanfälle sind allemal besser als Wutanfälle. Statt einer mehrtägigen Expedition zur Erkundung der Uckermark im äussersten Nordosten, entscheide ich mich für eine andere famose Grenzüberfahrt im nördlichen Bembelland. Das ist aber eine ganz andere Geschichte.

Mein ursprünglicher Beitrag war derart wütend, dass ich ihn dergestalt jetzt nicht mehr publizieren will. Zudem bin ich momentan ganz anders gestimmt. Eher zufällig schlendere ich abends über einen traditionsreichen Weinmarkt. Viele Buden und Stände, die alle am Rande meiner Welt liegen. Das übliche Geschacher. Und dennoch kann es auch an solchen Orten nützlich aufblitzen. An einem Stand  werden Schilder angeboten mit gewollt witzigen Sprüchen drauf. „Nichts ist so gerecht verteilt wie die Intelligenz – jeder denkt er hat genug davon.“ Ein Spruch, der mich zutiefst beunruhigt, weil mir viel dazu einfällt, was daraus alles entsteht Tag für Tag und weltweit.

Die anwerfende Verführung, eine Zigarette zu rauchen, ist so gross, dass ablenkende Gedanken als Gegenmittel angeraten sind. Die Packungsbeilage des Lebens. Wenn in Krisenzeiten die Gedanken gerne unbeaufsichtigt Achterbahn fahren, darf man abstrus scheinenden Ideen vertrauen. Sagen wir vierzig Jahre. Pro Tag über die Jahre gerechnet etwa 1,75€ bei einem durchschnittlichen Konsum von etwa zwölf Einheiten pro Tag. Nicht eingerechnet sind dabei die Hilfsmittel wie Zündmaterialien, Schnitt- oder Stopfwerkzeuge, Aufbewahrungsutensilien und Kurzfristentsorgungsbehälter. Nach vierzig Jahren werden auf diese Weise an die 30.000 Euro verraucht. Knapp gerechnet. Welch famoser Gedanke, wie einfach durch Nichtstun Geld zu verdienen ist.

Barroso – erinnert sich noch jemand an den Mann? Kennt noch jemand seine letzte Position? Von 2004 bis 2014 war er Chef der Europäischen Kommission. Vor einigen Tagen las ich Gemunkeltes in verschiedenen Medien. Barroso in leitender Stellung in den USofA. Inzwischen ist es offiziell. Barroso steigt bei Goldman-Sachs (In Fachkreisen treffend auch Goldman-Fucks genannt) ein. Sie erinnern sich? Das ist eine us-amerikanische Bank und Spekulantenorganisation, deren Hauptaufgabe darin besteht, in anderen Ländern für Unruhe zu sorgen. Wenn beispielsweise Europa zu stark wird, kann man Keile treiben. Man kann dafür „arbeiten“, dass Länder wie Portugal, Spanien oder Griechenland an den internationalen Kapitalmärkten diskreditiert werden. Stopp, das fand ja noch unter der Herrschaft von Draghi statt, der hatte ebenfalls für dieses us-amerikanische Geldunternehmen gewirkt. Der Draghi ist jetzt Chef der EZB, der Europäischen Zentralbank. Und nun also der Barroso andersrum aus Europa über den Atlantik. Aktuell erfahre ich, dass dem Barroso der Wind entgegenbläst.
Diese Typen sind es, die Europa kaputt machen und nicht die Engländer, die aus der EU raus wollen. Die meisten englischen Eliten fühlten sich ohnehin nie als Europäer und wollten auch nie wirklich eine Mitgliedschaft. Wobei, die finanziellen Vorteile, die Brüssel für ein Mitgliedsland bietet. Und natürlich für die Mitarbeiter der Kommission. Na hör´ mal, du wirst doch da jetzt nicht kleinlich werden und auf die Moral pochen.

In den USofA sind die Gefängnisse privatisiert. Das bedeutet, dass sich lange Haftstrafen für die Investoren rentieren. Mehr jedenfalls als für die Insassen. Dem Magazin Brand Eins (Ausgabe 1/2016) entnehme ich fogende Zahlen:
Zahl der weltweit inhaftierten Frauen und Kinder – 625.000 /// Davon in den USA inhaftierte Frauen, in Prozent – 32,19 (das sind etwa 211.000). Mich interessiert Europa jedoch viel mehr..

Jeder Mensch ist auf seine Weise verführbar. Die wahren, inneren Werte von Fünf-Sterne-Hotels, Acht-Gänge-Menus und Zwölf-Zylinder-Automobile sind denkbar gering. Sie zerrinnen wie Sand in den Händen derer, die ihr Vertrauen an materielle Güter hängen. Und das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Und Garagen schon garnicht. Dabei sagts die deutsche Sprache doch sehr deutlich: Irgendwann muss jeder einmal dran glauben.

Wenn die Liebe geht, was bleibt dann? Wenn wir zu einem Menschen sagen: ich liebe dich, wen oder was meinen wir dann genau mit unseren Worten? In dem Wort Gemeinsamkeit steckt die Einsamkeit. Und im Dich das Ich.
Machst du eigentlich noch was anderes, ausser Testfahren?
Ich bin Kinderarzt.
Was?
Eine Art Kinderarzt. In Genua hab´ ich mich von meiner Frau getrennt.
Das hab´ ich dich nicht gefragt. Du brauchst mir nicht deine Geschichte zu erzählen.
Was willst du denn wissen?
Wer du bist.                        (Aus: Wim Wenders – Im Lauf der Zeit)

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

                      (Fotos, bei einem Spaziergang mit lieben Menschen nebenbei aufgenommen in einer Stadt in der Nähe)

 

Fliessend warmes und kaltes Wasser

Sie hat in den unseligen synthiepoppigen 1980er Jahren wahrlich feine Hörwerke geschaffen: Laurie Anderson – Big Science (1982). Demnächst wird in Deutschland ihr Film Heart of a Dog anlaufen, indem sie den Tod ihrer Mutter und ihres Mannes Lou Reed verarbeitet…

Ich war lange nicht mehr im Harz. Vier oder fünf Besuche in dieser sonderbaren Landschaft entfachten keine anhaltende Leidenschaft. Einige Orte sind aus historischen Gründen trotzdem durchaus sehenswert. Quedlinburg, Wernigerode oder auch Goslar. Andererseits macht sich neben dem schönen Gefühl der Nostalgie stets eine dumpfe Miefigkeit breit. Hier scheint selbst die Zeit ihr Vergehen verschlafen zu wollen. An den Pensionen und Gästhöfen sind zwar keine Hinweise mehr auf den Luxus von fliessend warmem und kaltem Wasser. Dafür werden Fremdenzimmer statt Gästezimmer angezeigt. Sprache drückt innere Haltungen aus.
Gewiss, es gibt längst Verkehrsampeln, Hallenbäder und hier und da einen Klettergarten. Die Urlauber, die ich während meines Aufenthaltes dort sehe, kommen mehrheitlich aus den Niederlanden. Aufgrund des durchschnittlichen Alters der Urlaubsgäste, erheitert mich die Vorstellung, diese Klientel im Klettergarten aktiv zu sehen.
Dennoch würde ich gerne Heinrich Heines Fusswanderung von Göttingen auf den Brocken einmal nachgehen. Aber ich bemerke, wie der Wunsch schwächer wird und zu verblassen beginnt. Goethes Harzreisen interessieren mich seit Jahren nicht mehr. Und auch Madame Cécile vermag mit keinen Versprechungen mich ins Hotel Zehnpfund zu locken.
Fliessend warmes und kaltes Wasser gibt es in meinem Hotelzimmer. Gefunden auf die Empfehlung eines Einheimischen.
„Ist nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit.“ Preislich jedoch überzeitlich. Ich habe keine Wahl, denn wegen einer grösseren Veranstaltung sind alle lokalen Übernachtungsmöglichkeiten belegt.
Ein Hotel, das seine besten Zeiten in den 1960er Jahren gesehen haben mag. Es altert mit seinen Inhabern. Die Bar mit der gefliesten Tanzfläche und den schulterhohen Verkleidungen aus Rüster. Als Schrauben noch Schlitzschrauben waren. Auf den Tischchen noch die eine oder andere Tütenlampe. Ich fühle mich wohl in diesem ungestylten Ambiente. Alles echt. und natürlich gewachsen. Zwei Bilderrahmen an einer Wand. Autogrammpostkarten hinter Glas. Viktor de Kowa, Horst Tappert, Hardy Krüger, Heidelinde Weiss, Fritz Muliar, Heinz Erhardt, Inge Meysel, Horst Janson, Willy Millowitsch, Sonja Ziemann… Und der junge Götz George.

Mein Zimmer hat ein Fernsehgerät. Eine Dokumentation über Hermann Hesse. Zwischen Zitaten und Bilddokumenten die unverzichtbar illustre Schar von Meinungskundgebern in Sachen Hesse. Keine Frau darunter. Steppenwölfe leben in ihren eigenen Welten. Der Autor Peter Härtling, Sangesbruder Konstantin Wecker, Leibkoch Vincent Klink, Eitelkeitsverleger Siegfried Unseld, Nuschelfürst Udo Lindenberg. Und – man gönnt sich ja sonst nichts – Firlefranz Beckenbauer.
Der sagt wörtlich: „Und über den Hermann Hesse habe ich dann so ein bisschen Geschmack bekommen für die fernöstliche Philosophie äähh ich hab´ mir dann auch alles Konfuzius, Laoze, äähh äähh,  Dschuantse und wie sie alle hiessen, äähh, und auf diesen langen Reisen habe ich mir immer wieder genehmigt und war fasziniert von dieser fernöstlichen Philosophie, ich bin dann äähh wieder zurück, weil ich ja wusste, dass auch der Westen philosophisch orientiert war, hab´ dann Schopenhauer, Nietzsche, Kant, Fichtel, Hege und so weiter…“
Ja ja, unser aller Kaiser Firlefranz, wohl bekomms bei Fichtel und Hege im fliessend seichten und lauwarmen Gesabbel…

Fliessend warmes und kaltes Wasser habe ich als Kind in der Schweiz lesen- und kennengelernt. In jener fernen Zeit wurden auf den sommerlichen Italienfahrten Übernachtungen notwendig. Wir hatten eine Wasserversorgung zuhause und so wurde mir nun erklärt, warum und weshalb dieser Service hier auf Schildern besonders angepriesen werde.
Fliessend warmes und heisses Wasser habe ich während meiner vielen Aufenthalte in England mit Vorsicht geniessen gelernt. Ich liebe England trotzdem. Und die mir persönlich bekannten Engländer ohnehin. Noch immer sind in den meisten B&Bs ebenso wie in traditionsreich honorigen Hotels an den Waschbecken zwei Wasserhähne installiert. Einer rechts für kaltes Wasser und einer links für heisses Wasser. Durch den Abstand der beiden Hähne hat man nun eine Wahl zu treffen. Entweder ein wohltemperiertes, dafür wasserverschwendend volles Becken, oder eine Ressourcen schonende Reinigung der Haut, diese jedoch unter starrend kaltem oder rotbrühend heissem Wasser. Bei dieser einmaligen Kulturleistung wundert es mich nicht, dass sich nun bei den Austrittsverhandlungen Grossbritanniens aus der Europäischen Union der listige englische Humor die Bahn schlagen wird. Und Resteuropa wird mit Staunen lernen, wie man aus der EU austritt und trotzdem drinbleibt.
Was in den Medien zu diesem Thema an Angst verbreitet wird, ist meist an der Wirklichkeit vorbei, hat aber Methode. Wer Angst hat, informiert sich nicht, der neigt eher zum Konsum. Oder zum Stillhalten, weil, man weiss ja nie. Ich habe bisher noch niemanden gesprochen, der sich vorgenommen hätte, den Beitrittsvertrage zwischen der EU und GB zur Kenntnis zu nehmen. Vom Lesen ganz zu schweigen. Aber dezidierte Meinungen haben wir alle. Und zuhause fliesst warmes und kaltes Wasser, versteht sich.

                                                                       (Foto anklicken für eine fliessende Galerie)

Ob Asterisk oder Obelisk – keineswegs nur Kinderkram

Zwei Tage lang Gegenstände auf dem Tisch aufbauen und ordentlich fotografieren, damit sich zukünftige Käufer ein besseres Bild davon machen können. Das artet irgendwann in eintönige Routine aus. Die richtige Musik hält bei Laune und die Aufmerksamkeit wach: A to Z Series – Kitty, Daisy & Lewis  – The Roots Of Rock ‚N‘ Roll…

Vielleicht hat die Eine oder der Andere trotz unserer schnelllebigen Zeit ihre oder seine Jugend noch nicht vergessen. Damals in der Schule, vielleicht auch im Schulbus auf dem Weg dorthin. Einer hatte den „neuen Asterix“ bereits. Grosses Hallo.
Man stand in der Pause und steckte die Köpfe überm neuen Heft zusammen. Ungeduld der Schnellleser, jetzt blätter doch endlich um. Die schwachen Lateiner mussten erst noch die Übersetzung eines Zitates lesen. Und die Gugger fielen tief in die Bilderwelten.

Es soll Lehrer geben, die von den ganz frühen Ausgaben noch einige Erstausgaben im Regal haben. Ohne Reue versteht sich, denn die Hefte wurden im Unterricht gnadenlos einkassiert. Heftchenleser?! Du solltest besser den Accusativus cum Inifinitvo lernen (a.c.i.). Ach, ein neues komisches Groschenheft? Herrschaften, Ihr solltet Euch besser die Schwefelsäureverbindungen ansehen für die nächste Klassenarbeit.
Alle diese Halbdrohungen verpufften angesichts des neuesten Abenteuers von Asterix und Obelix.
(Da fällt mir die Vogda ein. Unser Frl. Dr. Vogt, knapp über einsfuffzich hoch, dafür umso cholerischer, schmale Lippen. Etwa vierzig und solide vertrocknet. Latein, Geschichte und katholische Religion. Garniert mit einer Humorlosigkeit bis ins Mark. Die ertrug ich in Geschichte. Aber fähigere Geschichtspädagogen folgten ihr zu meinem Glück. Die Vogda, dieses unglückliche Aas.)

 Meine alte Asterixsammlung wurde muffig im Keller in all den Jahren. Eigentlich war sie schon für einen öffentlichen Bücherschrank bestimmt. Da brachte ein Gespräch die Wendung.
Seit etwa dreissig Jahren haben sich auch Historiker auf ihre wissenschaftliche Weise mit den Geschichten beschäftigt. Besonders Historiker für Alte Geschichte sind anfangs wohl eher zum Vergnügen den Inhalten nachgegangen und haben Erstaunliches dabei zu Tage gefördert. Inzwischen haben einige dieser Geschichtsschreiber ihre Forschungsergebnisse über die beiden Gallier und ihre Abenteuer in Büchern publiziert.

Es soll mittlerweile sogar aufgeklärte Geschichtslehrer geben, die bestimmte Epochen der Antike mithilfe der Asterixhefte ihren Schülern vermitteln. Davon haben wir damals nicht einmal geträumt.
In der Tat lassen sich viele Kenntnisse gewinnen, wenn man den Texten und Bildern die richtigen Fragen stellt. Das haben wir als Kinder natürlich weder getan noch hätten wir das gekonnt. Warum beispielsweise haben sich Teefax (von den Briten) auf Anhieb mit unseren Freunden ohne Schwierigkeiten verstanden? Bis auf das Unverständnis des Obelix dazu.

Ich stelle jetzt einige interessante Bücher vor, die ich erwachsenen und an Geschichte interessierten Asterixfans nur empfehlen kann.

Einen Namen unter den Asterixhistorikern haben sich Sunnya van der Vegt und René van Royen gemacht. Von diesem Autorenteam, beide sind Dozenten für klassische Philologie bzw. Alte Geschichte an der Universität Amsterdam, sind in der Beck´schen Reihe bislang drei Werke erschienen.
Ich zitiere: „Kurzweilig und kenntnisreich schildern die Autoren die geschichtliche Wirklichkeit hinter dem weltberühmten Comic. Sie zeigen, wieviel Detailwissen Uderzo und Goscinny liebevoll versteckt haben, und führen den Leser ein in die antike Welt der Gallier und Römer.“ Kurzweilig, um nicht zu sagen witzig, das macht für mich den positiven Effekt dieser Arbeiten aus.

Ebenfalls bei Beck (und schon das ist ein Qualitätsmerkmal) hat der Historiker Kai Broderson den Sammelband „Asterix und seine Zeit. Die grosse Welt des kleinen Galliers“ herausgegeben. Darin sind Aufsätze zum Thema von ganz verschiedenen Autoren versammelt worden. Auch hier sind die Texte, und vielleicht liegt das ja an den Quellen, durchweg amüsant und unterhaltend abgehandelt.

Eine eher kritische Untersuchung legte André Stoll bereits in den 1970er Jahren vor. Der Titel weist vielleicht schon darauf hin. Umrankt mit dem Edelefeu der kritischen Theorie setzt sich der Autor mit dem „[Das] Trivialepos Frankreichs. Bild- und Sprachartistik eines Bestseller-Comics“ auseinander. Der emanzipatorische Ansatz ist unverkennbar. Dennoch finde ich das Buch lesenswert, weil man daraus ersehen kann, wie viele tiefe Bedeutungen z.B. in den Namen der erzählten Figuren versteckt sind, von denen leider in den Übersetzungen in andere Sprachen zwangsläufig viel verloren gehen muss.

Gerade wurde ein neuer Band Asterix veröffentlicht. Ich werde ihn nicht mehr kaufen. Mir reichen meine alten Hefte. Aber die hier empfohlenen Bücher werde ich mir im anstehenden Winter wieder einmal vornehmen und dabei das eine oder andere alte Heft aus dem Regal ziehen (da liegen sie inzwischen wieder) und entdecken, was mir an Witz und Esprit als Jugendlicher so alles verborgen geblieben ist.

                                                                 (Fotos anklicken, Titel notieren, Buch & Hefte lesen und köstlich amüsieren)

Lange Fahrten oder Ich habe noch einen Hut auf dem Schwarzen Berg

Die musikalische Anregung für heute kam von einem anderen Blog: alte Scheiben von Bowie – The Man who sold the World, Hunky Dory, Ziggy Stardust, Aladdin Sane, Pin Ups, Diamond Dogs, Heroes (die wären einen eigenen Beitrag wert)…

(George Thorogood – Move It On Over) Auf der Rückfahrt vom Schwarzen Berg lief ein anderer Mix als auf der Hinfahrt. Genug Musik zum Erinnern im mp3-Kleingerät. Von allem Unbill abgesehen wurde aus der Fahrt beinahe ein Road Movie in die Vergangenheit. Irgendwo unterwegs stiegen weit zurückliegende Fahrten auf; Menschen, mit denen ich unterwegs gewesen bin. Längst vergessene Details leuchteten auf.

(Julie Driscoll – This Wheel´s On Fire) Nach einem schönen Tag und einem kurzen Abschied verabschiedete ich mich um 19:00 von der Hauptstadt und der fürsorglichen Frau Waas, die mir eine Coca und ein Bounty zu meiner Wasserflasche für unterwegs zugesteckt hatte (Schönen Dank Frau Waas). Der Proviant wurde mit einem Andenken verzehrt.

(I ride alone – Lee Clayton) Ich wollte die vielbefahrene Strecke unten am Meer vermeiden und besonders die zeitraubenden Grenzkontrollen und fuhr hoch nach Nikšić und von dort zur bosnischen Grenze. Leichter Regen machte den Asphalt auf der kurvigen Strecke leicht schmierig. Gefährlicher erschienen mir manche gewagten Manöver anderer Rückreisender. Kaum eine Stunde war vergangen, da sah ich den ersten serbischen Opel an einer Felswand hängen. Ich brauchte keine Klimaanlage mehr, die Temperatur ging merklich zurück.
Ey, Kurti, weisst du noch damals, als wir über Ostern rasch mal nach Saintes-Maries-de-la-Mer fahren wollten. Im alten weinroten Karmann Ghia deiner Freundin. Kannst mitfahren, hast du gesagt, aber hinten drin. Quer gesessen bin ich bis zur Bewegungsunfähigkeit. Natürlich wollten wir die Autobahngebühr sparen und haben hinter Grenoble die RN85 genommen, die (damals noch) berüchtigte Route Napoleon. Überaus spassig war die Fahrt, wir haben Sprüche gekloppt in breitestem hessisch und gelacht ohne Ende. In Aspres wolltet ihr pennen und ich musste raus aus der Sardinenbüchse. Habe mich mit meinem Schlafsack in den Strassengraben gehauen. Es war so bitterkalt nachts im Gebirge, dass ich ständig in Bewegung war, um wenigstens für Minuten einen warmen Körperteil zu spüren. Geschlafen habe ich natürlich nicht. Wenn wir uns dereinst in der Hölle wiedertreffen, werde ich dir freudig dafür deinen Sitz mit drei Briketts extra anheizen, du alter Sack.
Die Unfälle mehrten sich, doch ich kam gut voran. An der Kontrollstation war erfreulich wenig los.

(Al Stewart – On The Border) Da der kleine Audi bis unters Dach beladen war, machte ich mir leichte Sorgen wegen der Grenzkontrollen. Der bosnische Grenzer kam ans Auto. Ich liess das Fenster runter, die Papiere in der Hand. Er deutete in Richtung Kennzeichen und sagte lächelnd auf Deutsch: „Ah LL, Lummerland – fahren Sie ruhig weiter. Srećan put!“
In Trebinje musste ich irgendwo rechts abbiegen. Aber wo? Tante Guurgel hatte sich verabschiedet und der Atlas im Auto, naja. An einer Tankstelle kramte ich meine fünfzehn Wörter zusammen und verstand zwei Ortsnamen, von denen mir einer beim Anlassen des Motors wieder entfallen war.
Das war lange vor unserer WG. B. hatte schon eine Dyane und J. hatte den Lappen für seine 50er Herkules. Zahlen musste der Jüngste oder der Naivste. Raus aus der Kneipe und nochne kleine Runde drehen, wie wärs? Klar, ich hatte ja Zeit bis zum Zapfenstreich im Hause Ärmel. Wer von euch beiden auf Idee kam, in Basel frühstücken zu wollen, es fiel mir nicht mehr ein. Ich sah bloss den unheiligen Jähzorn des Seniorärmels dräuend über mir. Ihr hattet Erbarmen mit mir und in Strassburg sind wir umgekehrt. Mein erstes Road-Movie als Jugendlicher. Nicht mehr als Kind eingesperrt sein in einem Blechkasten mit einem dauerrauchenden Meistercholeriker am Lenkrad. Es war jahrelang das gleich Unglück. Irgendwann auf der Fahrt wurde mir schlecht. Meistens wurde mir ein Hut vorgehalten um die kostbaren Polster vor dem ätzenden Mageninhalt zu schützen. Ab jetzt würden lange Fahrten anders verlaufen. Wenn ich die möglichen Folgen dieser Nachtfahrt mit euch überstehen würde.

(Love Sculpture – You Can’t Catch Me) Die Scheibenwischer schafften es nicht mehr, das Wasser von den Scheiben zu bringen. Andere Autofahrer fuhren im Schritttempo oder blieben auf der Standspur stehen. Ich hatte ein Ziel und wollte weiter. Wenn keine Lampen blenden, ist die Autobahn und man richtet man sich am Mittelstreifen aus. Immer weiter Richtung Nordwest.
Eigentlich wussten wir schon sechs Stunden nach der Abfahrt, dass ein Mann zuviel im Auto war. Wir beiden wollten hoch nach Finnland, um zu sehen, wie die Sonne den Horizont küsst und dabei nicht untergeht. Hätten wir uns nicht so gut verstanden, der Urlaub wäre zur Katastrophe geworden. Wir haben tolle Menschen kennengelernt. Und die junge Frau im Ruderboot, die uns zuwinkte, als wir von der Sauna aus in den See sprangen; an die haben wir uns noch Jahre später erinnert. Oder schon auf der Hinfahrt die schwedische Familie, die ihre Rinder von der Wiese trieb, damit wir unser Zelt aufstellen konnten. Am anderen Morgen knurschpelte es am Zelt: „ob wir nicht zum Frühstück ins Haus kommen wollten.“ Und bei alledem unser „amerikansicher Freund“, wie wir ihn für uns nannten. Dauernd unzufrieden, meckernd und einfach nur nervend. Als wir in Stockholm von der Fähre aus Helsinki runterfuhren schauten wir uns kurz an. Wortloses Verstehen. Wir würden mit fliegendem Fahrerwechsel durchfahren ins Bembelland. Knapp 1700 Kilometer auf einen Hieb. Irgendwo bei Hannover in einer ellenlangen Baustelle hast du mich geweckt. „Fahr mal rüber, du fährst die ganze Zeit auf der Gegenspur.“ Heute undenkbar. Aber wir sind mitten in der Nacht heil angekommen.
Als ich müde wurde, fuhr ich bei Ogulin auf einen Rastplatz. Faltete mich auf den Vordersitzen zusammen und fiel augenblicklich in einen Tiefschlaf von mehreren Stunden. Mit der aufgehenden Sonne erwachten meine Lebensgeister.

(Steppenwolf – Magic Carpet Ride) Ich wollte diesmal nicht über Zagreb und Graz fahren und entschied mich für die Route über Ljubljana. Am Grenzübergang von Slowenien nach Österreich standen die Busse in einer langen Schlange. In einem von ihnen sass ich stundenlang im vergangenen Novenber. Und da sah ich ihn. Das war ja mein Bus. Wie es den Passagieren wohl ergehen mag bei der ersten Kontrolle in Deutschland? Irgendwo auf einem Rastplatz werden Polizei und Zöllner erscheinen zu einer leibpeinlichen Kontrolle. Manche Reisende werden dann schnell ihre Rückreise wieder antreten müssen.
Ich werde bei der Kontrolle durchgewunken. Deutscher Pass. Was der wirklich wert ist, merkt man erst, wenn man viele Grenzen überschreitet.
Gleich hinter der Grenze sehe ich links auf einem Hügel die alte Burg. Erinnerst du dich noch? Da haben wir einige sehr schöne Tage zusammen verlebt. Wir waren unterwegs in Kroatien. Sind von Zagreb mit einer Mietgurke runter an die Küste gefahren. Sind dabei auf den Spuren der Römer gewandelt und haben eines der grössten Amphitheater besucht in Pula. In einem Kaff haben wir das Café gefunden, in dem James Joyce verkehrte eine zeitlang. Die Stallbesichtigung in Lipica. Beeindruckend das ehemalige Zisterzienserkloster in Stićna. Auf unserer Fahrt sind uns Ideen gekommen, was man wo wann und wie machen könnte. Beim Fahren kommt der Geist so richtig in Bewegung.
Vor dem Karawankentunnel hatte ich etwas Bammel. Sehr lange Staus waren prognostiziert worden wegen der Baustelle. Aber alles blieb ruhig und die Bahn war frei.

(Flock – Tired of waiting) Die Entfernung von Villach nach Salzburg soll angeblich knapp 200 Kilometer betragen. Gefühlt waren es für mich mindestens fünfhundert. Ich hatte den Eindruck, nicht voran zu kommen. Wollte um diese Zeit schon viel weiter sein. Ein Unfall holte mich zurück in die Wirklichkeit. Stehen. Warten. Eine Ewigkeit. Als es wieder lief, wurde der Verkehrsfluss durch eine unsinnige Geschwindigkeitsbegrenzung behindert. Aber immerhin lief es. Endlich auf der A8. Aber jetzt waren sie alle auf einmal da. Wohnzimmerschlepper. Einer hatte offenbar versucht, sein Appartment während der Fahrt abzuhängen. Es sieht irgendwie komisch aus, wenn die rollende Kleinstwohnung auf der Seite liegt. Und dabei das Zugauto hinten anhebt. Für einen Reifenwechsel an der Hinterachse mag das ja nützlich sein… Aber ich bin jetzt richtig müde. Schon zu lange unterwegs.
Nun sitzt du neben mir. Dr. Gonzo, mein bester Freund und einziger Anwalt. Unsere Road-Movies. Seit Jahrzehnten schon, ja das darf man sagen all den Fahrten. Damals waren wir in einem Hotel im Elsass, Wollten wichtiges besprechen an einem Wochenende. Das Essen entsprach nicht unseren Vorstellungen und vom ersatzweise genossenen Wein hatten wir dicke Rüben am näcsten Morgen. Und die Betten waren noch schlechter. Als ab dafür und raus auf die Strasse. Es war Sommer und du warst noch nie in der Aare geschwommen. Also fuhren wir nach Bern. Mist, keine Badehosen dabei. Wir haben welche besorgt und wurden in dem eisekalten Wasser der Aare wieder munter. Am Nachmittag, wen wunderts, stellten sich Hungergefühle ein. Ich überzeugte dich zu einem Milchgitzi in Soglio. Ich kannte die Strecke, du nicht. Quer durch die Schweiz und über ihre Berge. Du liest keine Gedichte, aber Rilke überzeugte dich doch irgendwie. Der war im Palazzo Salis in Soglio einquartiert bevor er im Turm von Muzot sein letztes Quartier fand. Wir kamen gerade noch rechtzeitig vor Küchenschluss an. Und ein Milchgitzi gabs auch noch. Und nur ein Glas Wein dazu, das war unsere Selbstkasteiung, denn wir wollten nach dem Essen ja noch zurück nach Lummerland. Und wir habens tatsächlich geschafft. Als du am Steuer zwischen Freiburg und Lahr einschlafen und nie wieder mit mir irgendwo hinfahren wolltest, sagte ich zu dir: „jetzt stell´ dich nicht so an du Memme.“ Die Memme hast du mir jahrelang vorgehalten. Dass du mir später verziehen hast, ist nur ein Zeichen unserer Freundschaft. Ich hoffe, wir werden in diesem Jahr noch einmal ostwärts fahren.
Ich wurde richtig matt. Endlose Kilometer fahren und stehen auf der A8, das kannte ich bisher nur vom Verkehrsfunk. Und von Umleitungsempfehlungen. Bei Rosenheim schicke einen guten Gedanken auf die Reise. Anhalten, schlafen. Wach werden und bewegen. Die Wasserflasche ist verproviantiert.

(Speedking – Deep Purple) Es ist wieder dunkel geworden. Und es regnete wieder einmal. Die asozial weissen Blendlaternen entgegenkommender Autos machten es nicht einfacher. Ich stellte fest, dass die gleissenden Lichter den Abstand herankommender Fahrzeuge nur schwer abschätzbar machen. Wem ist die Idee zu diesen Lichtern im Sumpf seines Nebelhirns gekommen? Als ich an der Kesselstadt vorbeifahre, denke ich an einen möglichen Spontanbesuch, der nun leider verschoben werden muss. Dafür läufts endlich besser und vor allem zügiger. Und ich will endlich nach Lummerland. Also Gas geben, was die Aufmerksamkeit noch hergibt.

(Deshalb gibts jetzt auch keine weitere Anekdote mehr. Nicht von der irren Fahrt zurück aus der Bretagne mit dem traurigen Aufenthalt in Nohan im Schloss von George Sand. Und auch die von der Nachtfahrt aus dem Urlaub in Südfrankreich zu einer Beerdigung in Lummerland nicht. Abends von dort unten hochgefahren, mittags zur Trauerfeier und gleich anschliessend wieder runter. Dort warteten schliesslich die Lummerländer Kinder. Oder die Fahrt bei Tempo hundertneunzig auf der vereisten Autobahn bei Brüssel damals im 1995er Jahr, als wir einfach nur Glück hatten. Da fällt mir doch glatt noch die Fahrt ein, als mir an der alten 450er Ducati das Licht in Modena die Grätsche machte und ich dunkel hinter dir herfuhr bis Abetone, wo wir uns auf einem Acker in einem Heuhaufen eingruben zur Nachtruhe.- Schluss jetzt!)

Unterwegs, wo auch immer das gewesen ist, fiel mir auf, dass ich meinen Hut bei Ihnen vergessen habe vor lauter Abschied. Herr Ärmel ohne Hut, nö das geht nicht an. Wir werden uns wieder sehen, Frau Waas)

Alle angegeben Orte kann man auf der Mappe von Tante Guurgel sehen und bei Onkel Juhtjuhp sind alle zitierten Lieder zu hören.

             (Endlich angekommen, schnell noch das Zeugs aus der Karre, ne Zichte und ein Bierchen – und Tiefschlaf…)

Volle Ladung

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