Gedankenbrücken zu möglichen Blogreduktionen

Gilt noch immer, wie beim letzten Beitrag : endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte. Die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet :
Fischer-Z – Building Bridges (2017).
Abends beim Stadtrundgang der Dauerrotationsunterbrecher. Musik mit einem K? Musik for the kitchen ! Eine Viermannkapelle mit einer Bandbreite von Rage against the Machine bis Klezmer, vom Volkslied bis zur Filmmusik. Die akustisch dargebotene Musik (mit K !!) zieht das Publikum in ihren Bann. Extraklasse.

Seit gefühlt ewigen Zeiten endlich wieder eine frühmorgendliche Siebenbrückentour auf dem Rad gefahren. Aus Übermut die Kamera im Rucksack. Der winterträge Körper arbeitet schwer trotz des eher geruhsamen Tempos.
Die Siebenbrückentour hat hier eine Tradition. Die Alten nennen sie noch immer Fünfbrückentour. Weil man für die kleine Rundtour in früheren Zeiten nur fünf Brücken überqueren musste. Ich nannte sie selbst in älteren Beiträgen hier im Blog auch Fünfbrückentour. Bis ich die Brücken einmal gezählt habe. Manchmal kommt man weiter, wenn man scheinbar feste Tatsachen überprüft. Alles verändert sich und der Horizont kann sich dadurch weiten.

Viele Fragen kursieren derzeit hinsichtlich neuer europäischer Datenschutzbestimmungen. Einige Blogger sind bereits heftig am Programmieren. Und von denen mit den bescheideneren Kenntnissen, zu denen ich mich zähle, also das Heer der Umsonst- und Billigblogger, die warten erstmal ab. Manche hoffen gar, eine Firma wie WP würde viel ändern.
Dass ich nicht lache. Solche Firmen wurden gegründet, um Kohle zu machen. Verändert wird nur, was die Kasse schriller klingeln lässt. Knete, Asche : umso mehr desto besser. Da gehts nicht drum, Menschen Freude zu bereiten – das ist allenfalls ein Abfallprodukt, das noch nicht monetarisierbar ist.
Ich habe fast dreissig Jahre lang sehr eng mit einer Firma aus den Staaten gearbeitet. Wir hatten eindeutige Verträge. Die Ammis hatten das Recht und die anderen europäischen Geschäftspartner die Pflichten.
Nach dem Mauerfall fragte mich der Senior Export Sales Manager bei einem Lunch in Frankfurt: „Sag´ mal, liegt Frankfurt eigentlich in East Germany or in the West?“
„West-Germany.“
„Und East-Germany hat etwa ein Viertel der Bevölkerung von West-Germany?“
„Wonderful! Dann schaffst Du nächstes Jahr fünfundzwanzig Prozent mehr Umsatz!“
„Wir werden dieses Feld erst nach einem gründlichem research beackern.“
Und dieser Mann kannte für us-amerikanische Verhältnisse viel von der Welt. Sehr viel.
„Ich habe derzeit noch ein ganz anderes Problem : was habt Ihr denn eigentlich hinsichtlich der Verbesserung der Qualität erreicht?“
„Well, gut dass Du fragst. Wir arbeiten hart daran und sich ein Stück weiter gekommen.“
Dabei handelte es sich damals um den „grünen Punkt“, den sie aus Kostengründen nicht auf ihre Verpackungen drucken wollten. Als ich meine Frage stellte, waren bereits zwei Jahre seit der deutschen Neuregelung vergangen. Der böse Bube war ich, denn ich verkaufte weiterhin die Waren in Deutschland. Wäre ich aufgefallen und haftbar gemacht worden, hätten die Ammis sich mit keiner Deutschmark an der Strafe beteiligt. Am Ende haben wir das Problem selbst hier im Land geklärt und gelöst. Von wegen support – wenn ich dieses Wort aus einem Ammimund schon höre.
Daran kann man erkennen, aus welchem grobstofflichem Denktextil dieses Schacherpack gewebt ist. Und wenn ich mich hier kritisch zu dieser Bevölkerung und ihrer Mentalität äussere (und geäussert habe), dann beruht das auf langen eigenen Erfahrungen. Und nicht auf Plattitüden á la: die Ammis haben keine Kultur. Denn eine Kultur haben sie, wenn auch leider eine imperialistische mit dem Ziel, sich die Welt zu unterwerfen, um dann der Welt ihre qualitativ noch immer weitgehend miserablen Produkte zu verhökern.

Zurück zu dem, was meinen Blog betrifft. Wenn bis zum 25. Mai keine befriedigende Lösung in Aussicht steht, werde ich meine Bloggerei nach meinem derzeitigen Kenntnisstand wahrscheinlich einstellen. Bis dahin werde ich zumindest das Kontrollprogramm gravatar so weit als möglich deaktivieren. Denn solche Programme sind im Fokus der neuen europäischen Regelungen. Und die machen in der Tat Sinn.
Was ich dann machen werde?
Ich werde mir wieder mit Menschen Briefe oder Ansichtskarten schreiben. Abends intensive Telefonate führen. Mich mündlich austauschen bei einem Bier – oder zweidreivier.
Zusammensitzen und gemeinsam etwas tun. Sich gegenseitig helfen. Zusammen kochen, essen und trinken. Also dem wirklichen Leben wieder mehr Zeit geben als der virtuellen Scheinwelt.
Wenn ich dies so spontan hinschreibe, freue ich mich schon richtig drauf.
Am vergangenen Wochenende haben wir gemeinsam in einem Garten gearbeitet. Und in Kürze werden wir verreisen und interessanten Menschen begegnen und neue Orte und Wunder entdecken.
Ganz ohne die Wischtastatur einer elektronischen Handfessel, die einen von den eigentlich wichtigen Momenten ablenkt und in einem kleinen Bistrôt den Anblick eines rustikal eingedeckten Tisches versaut.

 

 

(Photographien anklicken : die Galerie öffnet sich selbsttätig)

 

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Tradition und Fortfahren oder: alte Liebe rostet nicht

Das letzte Album des Mahavishnu Orchesters in der Originalbesetzung. Wo kann man eine solche Besetzung heute noch auf der Bühne musizieren hören und sehen? John McLaughlin (gtr), Jan Hammer (keys, syn), Rick Laird (b), Jerry Goodman (violin), Billy Cobham (dr). Mahavishnu Orchestra – Birds of Fire (1973)…

Diese Scheibe altert nicht. Es sind nicht einfach nur die persönlichen Erlebnisse, das private Erinnerungskino der alten Geschichten, ein verklärendes Zurücklehnen in die Jugendjahre. Noch immer und immer wieder beeindruckend ist die meisterhafte technische Beherrschung der Instrumente, die es den Musikanten erlaubt mit ihren kreativen Ideen mühelos die Grenzen des zu jener Zeit gehörten Normalmasses zu überschreiten. Im Vergleich zu vielen heutigen Produktionen ist die Scheibe ein Monolith zwischen all den heutigen akustischen Belanglosigkeiten mit der Halbwertzeit des Wimpernschlags eines Leguans.

Ich habe mich rar gemacht im Blog, ich weiss. Auch mit den Besuchen bei den Bloggerfreunden. Viele Ideen für den Blog sind mir im Alltag einfach wieder entflogen noch bevor ich sie so recht in Worte setzen konnte. Und Sommerlöcher mit Beliebigkeiten ausspachteln wollte ich ebensowenig wie den Besuchern, Lesern und Guggern mit Sinnfreigeflunker den Blick zu vernebeln für das Wesentliche im Leben.
Dann lieber handwerken, schwere Maschinen wuchten und einen Holzfussboden aus dem 1880er Jahr wieder zum Vorschein bringen. Freude erleben beim Gelingen als die einfachen Bohlen endlich ihre letzte Ölung erhalten hatten. Mit Menschen zusammensitzen und darüber sprechen, wie es funktionieren könnte mit dem Ärmelasühl. Funktionalität und Ästhetik verbinden mit einem Minimum an Kosten. Auch Gastfreundlichkeit zu installieren. Es wird weitergehen und schon bald sollen Freunde herzlich willkommen sein.

Dazwischen ein Jubiläum, ein verspätetes zugegeben aber nicht vergessen. Wie könnte ich dich vergessen. Bei alledem, was wir zusammen erlebt haben. Seit einem Vierteljahrhundert nun schon. Haben Urlaube zusammen verbracht und bis nach Südamerika sind wir gereist. Und erinnerst du dich noch den denkwürdigen Unfall in der Schweiz seinerzeit? Bist willig gefolgt im Gebirge auf den gefährlichen Pfaden und hast am Ende den Absturz besser überstanden als ich.
Hast die Lummerländer Kinder getragen und den Hänger voller gefundener Äpfel gezogen ohne knirschen und knarzen. Wir waren zusammen in Schlamm und Staub. Hast dir Schrammen dabei eingehandelt. Ehrenzeichen deines Alters. Mit deiner schlichten Eleganz hast du nicht nötig etwas derlei zu verbergen.
Denn du warst und bist meine Nummer eins, das will ich deutlich sagen. Auch wenn es andere vor und neben dir gab.

Jetzt zu unserem Jubiläum bist du herausgeputzt wie damals als ich dich zum ersten Mal sah und sofort wusste, dass wir beiden einen langen Weg zusammen zurücklegen werden. Und so solls auch weiterhin bleiben.

                                                               (Foto anklicken und in der Galerie guggend mitfeiern)

Koga Miyata : Ridge Runner (1989)
Rahmen: Hardtlite FM-1 Chrom-Molybän, handgelötet
Gabel: Tange
Vorbau: Kalloy
Schaltung, Naben, Steuersatz, Kurbeln, Pedale und Hebel, Sattelstütze: Shimano Deore XT II
Sattel: Selle San Marco
Reifen: Panaracer (vorn: Headwall 26×2.00, hinten: Khartoum 26×2.00)
Felgen: Araya RM-20

Ganz gleich ob vier oder zwei Räder

Überschäumende Lebensfreude zum Horsche und Gugge: Leningrad Cowboys – Global Balalaika Show (2003)…

Im letzten Betrag schrieb ich über Erlebnisse auf langen Strecken in Automobilen. Heute sind Fahrräder an der Reihe. Irgendwas muss sich in meinen Genen abgelagert haben. Mein Grossvater fuhr Ende der 1920er Jahre auf der Opel-Rennbahn, dem seinerzeit schnellsten Kurs Europas Rennen im Opel Laubfrosch.
Der andere Grossvater war auf zwei Rädern unterwegs. Er spielte Radball, fuhr bereits damals Rennräder und wurde zweimal deutscher Meister im Kunstradfahren.
Davon hat sich in mir offensichtlich einiges erhalten. Es begann mit einem Mofa, dann folgten Leichtkrafträder und schliesslich die alten Eisenhaufen Zündapp, DKW oder NSU. Schliesslich verliebte ich mich in die schönen Italienerinnen von Ducati. Davon sammelten sich einige Einzylindermodelle an. Nach der Geburt der Lummerländer Kinder entschloss ich mich dazu, meine Ducatis und die 1000er Moto Guzzi zu verkaufen und zukünftig aus Sicherheitsgründen wieder auf die eigene Pedalkraft zu vertrauen. Die Werkstatt war vorhanden, also konnte es gerade weitergehen.
Zu jener Zeit kamen die ersten Mountainbikes auf. Dadurch lernte ich andere Namen zu buchstabieren als die bis dahin wohlklingenden Namen italienischer Hersteller von noblem Motorradzulieferern wie Ceriani, Marzzocchi, Veglia, Grimeca, Borrani oder Tomaselli.
Mein erstes Mountainbike war ein Kuwahara Lion und bald darauf folgte ein Koga Miyata Ridge Runner. (Dem Verkauf des Lion fliesst noch heute gelegentlich manche Träne nach). Das Koga begleitete mich bis nach Südamerika. Bei einem schweren Unfall in der Schweiz trug ich mehr Beschädigungen davon als das gute Rad. Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen, aber manchmal glaube, dass der Ridge Runner sich an mein Herz gehängt hat. as soll ich machen?
In diesem Jahr kam die Idee zu mir, das Koga ordentlich zu überholen und aufzubarbeiten. Schnell jedoch musste ich feststellen, dass die 25 Jahre alten Teile kaum mehr zu erhalten sind. Und wenn, tja dann wollten die Verkäufer sie vergolden. Fahrradflohmärkte schienen die Lösung. Was die Teile betrifft, wurde ich nicht fündig, doch eher beiläufig lief mir ein Kuwahara Lynx zu. Den dachte ich zu verkaufen und dafür die gesuchten Teilen zu erstehen. Doch ich hatte mich verschätzt. Dafür fand ich schon zwei Wochen später auf einem anderen Radflohmarkt das Panasonic MC7500 in fast ladenneuem Zustand. Das war 1990 das Spitzenmodell der Marke. Ich versuchte zu verstehen, warum jemand ein seinerzeit mehrere tausend Mark teures Fahrrad kauft und offenbar jahrelang nicht damit fährt. Es hatte allerdings genau die Teile, die ich für das Koga brauchte. Aber ein fast ungefahrenes, quasi ladenfrisches Rad wegen einiger Teile auseinanderreissen? Zweifel, Fragen, zum Glück jedoch keine schlaflosen Nächte.
Als mir vor kurzem noch ein Kuwahara Lion(!) mit dem Damenrahmen zulief, fasste ich einen Entschluss. Davon wahrscheinlich demnächst mehr in diesem Blog.
Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein spätsommerlich sonniges Wochenende.

                                                                  (Foto anklicken öffnet die Galerie)

Offene Türen bieten Möglichkeiten

Türen zuschlagen liegt mir nicht. Diese Türen haben mir bereits als Jungärmel den Blick in die musikalische Welt eröffnet:
The Doors – die gesammelten Werke einmal nach meiner persönlichen Bestenliste durchgehört. Laut, versteht sich…

Einerseits stand mir der Sinn nach Heide. Quer durch Deutschland ziehen sich Heidegebiete. Kleine Gebiete gibts auch im südlichen Bembelland. Vor vielen Millionen Jahren war hier ein Meer. Davon sind sandige Restflächen ebenso geblieben wie einige Dünen aus den Sanden von Rhein und Main. Hier in der Gegend gibt es zwei Orte mit dem Namen Griesheim. Gries bedeutet in diesem Kontext auch Sand. Auf diesen trockenen, wasserdurchlässigen Böden gedeihen unter anderem die beliebten südbembelländischen Spargel sehr gut.
Ganz im Süden Hessens gibt es ein neueres Heidegebiet. Dafür haben die Besatzer zu Übungszwecken mit ihren Panzerfahrten gesorgt. Nach ihrem Abzug und aus Geldmangel der Kommunen überliess man das Gebiet sich selbst. Landschaftspfleger und -schützer sorgen dafür, dass diese seltene Landschaftsform erhalten bleibt. Bei der Planung stellte ich fest, dass mir der Weg dahin zu weit ist.

Aus Gründen gymnastischer Übung soll ich jeden Tag eine Stunde Fahrrad fahren. Da in dieser Woche einige Stunden aus Witterungsgründen bereits ausgefallen sind und heute mindestens sieben Sonnen am Himmel standen, entschied ich mich für die Schwanheimer Düne. Das Gebiet liegt am Rand von Frankfurt.
Ausserdem habe ich erfahren, dass mit den Gewissensberuhigungsgeldern der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens der Mainwanderweg von der Mainspitze bis nach Frankfurt fast vollständig ausgebaut ist. Prima. Die Entfernung passt auch, knapp über siebzig Kilometer hin und zurück sind gut machbar.

In der sterbenden Autostadt erinnert die Skulptur eines Leinereiters an einen seit langem ausgestorbenen Beruf. Der Weg lässt sich gut befahren, es sind ausser angenehm wenigen Hundeausführern kaum Menschen unterwegs. Endlich kann ich die Mönchhofkapelle von 1685 einmal aus der Nähe sehen. Sie steht auf den Mauern einer bereits im 12. Jahrhundert erwähnten kleinen Kirche, die für die Arbeiter des nahen Klosters erbaut worden ist. Bis vor wenigen Jahren hatten Industriebetriebe auf fast zehn Kilometern den Zugang zum Fluss für sich beansprucht.
Zwischen Kelsterbach und Schwanheim, einem Vorort von Frankfurt, ist die Landschaft von Autobahnen und Schnellstrassen völlig zerschnitten. Am anderen Ufer befindet sich der Chemiegigant Novartis (früher Hoechst) und auf dieser Seite liegt der Flughafen. Die Wege sind jedoch ziemlich gut ausgeschildert.

In der Schwanheimer Düne spürt man die Klimaänderung merklich. Statt der kühlen, frischen Brise des Morgens wird es windstill und trockenheiss. Die startenden und landenden Flugzeuge sind der Nähe wegen gut zu sehen, aber man hört sie nicht.
Ich gehe zu Fuss durch die sandige Landschaft. Die reifen Brombeeren schmecken köstlich. Und die Mirabellen leuchten rot aus den Bäumen und geben das Dessert bei meinem Rundgang. Ich verspürte Durst. Da fiel mir zum Glück das LiLu in Niederrad ein, das ich auch seit langem schon einmal besuchen wollte.

Das Licht- und Luftbad wurde 1900 auf einer Halbinsel errichtet, um der arbeitenden Bevölkerung der Stadt eine Oase der Erholung zu schaffen. Das wurde wie so vieles in Frankfurt durch private Spenden ermöglicht. Das Lilu war die letzte öffentliche Badeanstalt in Deutschland, in der sich die jüdische Bevölkerung noch bis 1938 ein wenig entspannen und ausruhen konnte.
Die lang ausgedehnten Wiesenflächen sind noch ziemlich leer. Ein grosser Apfelwein sorgt für die dringend benötigte Flüssigkeitszufuhr. Die Restauration ist sehr originell in einem ausgedienten Ponton untergebracht. Von hier aus ist die berühmte Skyline der Stadt kaum zu sehen. Mehr Ruhe bietet ein originelles Hausboot in einem Seitenkanal.
Nach einer Pause mache ich mich auf den gegenwindigen Rückweg. Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig das Rhein-Main-Gebiet entgegen alles landläufigen Vorurteile doch ist.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine feine Woche.

(Foto anklicken und gross gugge)

 

Unversehens kommt die Liebe – Verschossen!!!

Schlechte Nachrichten: Harry Rowohlt (1945-2015) ist zu grösseren Reisen aufgebrochen. Deshalb heute Abend aus Dankbarkeit und zur Erinnerung: Harry Rowohlt liest die schweinischsten Stellen aus dem Alten Testament. Und gleich danach: Harry Rowohlt & Gregor Gysi lesen aus dem unzensierten Briefwechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels. Mensch, Herr Rowohlt, n büsschen Whisky weniger und wir hätten jetzt noch alle mehr davon. Dennoch: R.I.P.!!!…

Glück muss man haben. Und dann hats Peng gemacht. Ich bin verschossen!. Ich liebe Katzen. Also, nicht diese Stubentiger, die geschäftehalber in Plastikkästen scharren und Türrahmen ankratzen. Die schnurren, wenn sie Cäsars Döschenfutter sehen. Und auch nicht diese nassen Katzen auf finsteren Vorstadtstrassen in den verrufenen Vierteln abends nach elf Uhr unterwegs sind mit billigen Versprechungen für teures Geld.
Ich liebe die Katzen, die im Halbdunkel zuhause sind. Die dich beobachten, wie du respektvoll den ihnen geziemenden Abstand wahrst. Die mit den seidig glänzenden, rauen Fellen, die man nicht streichelt. Bei ihrem Anblick wärmt sich dein schneller pulsierendes Blut, die Nackenhaare sträuben sich merklich. Dein Mark stockt sekundenlang wenn dich eine dieser Katzen anschnurrt. Wenn sie ihren Kopf strecken zu einem donnernden Fauchen, ob es dir entgegen oder himmelwärts strebt, du sinkst auf die Knie und willst vergehen in Ehrfurcht vor dieser anmutigen Kraft und gewaltigen Schönheit.

Woher das rühren mag bei mir, diese seltsame Liebe? Mit einem erinnerlichen Fingerschnippen stelle ich mir den Urbeginn vors Auge. (Das fotografische Bild befindet sich in irgendeinem Ärmelarchiv). Als Kleinärmel mit den Eltern am Bodensee. Wir stehen an einem Geländer, das vor unversehenem Wassersturz bewahren soll und lassen die Blicke schweifen. Und da schritt sie vorüber. Die schönste Katze, die ich in meinem jungen Leben bis dahin sah.
Ein prächtiger Gepard wandelte in gemessen Schritten majestätisch vorbei. Die staunenden Blicke der Menschen auf der Promenade registrierte er, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er war sich seines Daseins bewusst. Er war nicht Rilkes Panther. Die senkrechtdürre Fortsetzung der Stöckelabsätze hingegen, die das edle Tier am Lederband zu führen schien, konnte ihren kleinen Kopf in keiner Richtung stillhalten.

Ob mein zwölfzylindriges Jaguar Coupé eine Spätfolge dieser ersten Begegnung gewesen ist, darüber dürfen andere spekulieren. Sicher ist, dass ich mir den Traum von einer 650er Panther Einzylinder verkniff, nachdem Kumpel Charly G. mit eben jenem legendären Motorrad durch einen betrunkenen PKW-Fahrer zu Tode kam. Ich zog ohnehin die rassig eigenwilligen Italienerinnen vor. Signorina Ducati oder Signora Moto Guzzi.

Als die alle verkauft worden waren aus Gründen, begann gerade eine Renaissance der Fahrräder. Mountain Bikes waren der neueste Schrei. Auch für Flachländer. In die halbdunkle, motorradleere Werkstatt kam neues Leben. Zuerst siedelte sich ein Löwe an. Kuwahara Lion. Eine überaus edle Katze war das. Die spätere Freilassung verkaufshalber an einen Freund kann noch heute Einschlafstörungen hervorrufen.
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Ich sprach hier und dort. Fragte oder suchte nach diesem oder jenem Teil. Ich wurde nicht fündig. Und als ich bereits am Verlassen des Geländes war, sah ich sie. Lieblos angebunden an einem Gebüsch, bewacht von einem offensichtlich mitleidslosen Wärter. Drahtkörbe am Rücken und verdreckt bis fast zur Unkenntlichkeit. Struppiges Fell, verklebt und wüst. Zum Erbarmen vernachlässigt war diese zersauste Katze, ein Luchsmädchen; zum Erbarmen. Ihre ursprüngliche Schönheit war bloss noch mit Fantasie zu erahnen.
Sicherlich weder in der Klasse von Löwe oder Tiger, aber immerhin ein Luchs. Obwohl ich lediglich mit halbem Interesse bei der Sache war, zog die Lüchsin meine Blicke auf sich. Naja, zum Schlachten vielleicht tauglich, dachte ich, und die Ersatzteilpreise für dreissig Jahre alte Mountainbikes schwirrten mir um den Kopf. Einsetzende Konjunktivbildung.
Der rohe Kerl begann zu schwafeln. Nervend. Und er log dabei. Das mag ich nicht. Er gurgelte Unsinn. Und ich schaute genauer hin. Begann die Schönheit des Luchses unter all dem Dreck zu sehen und weitere Qualitäten zu erahnen. Wusste auch bald um die Krankheiten. Heilbar sind die schon, dachte ich mir und fragte den Typen endlich: „Solln der Hirsch kosten?“ Die Antwort wäre eine Tracht Prügel wert gewesen.
Mein Gegenangebot jedoch auch, das sei nicht verschwiegen. Aber am Ende zählt allein, dass der Luchs gerettet worden ist. Das Fell glänzt wieder und er läuft jetzt sanft und leise in allen Gangarten wie in seinen besten Jahren.
Ich mag keine perlenbesetzten Halsbänder. Deshalb bekam meine Lüchsin (Lynx Lynx) eine verkehrsangepasste Stimme. Man höre im inneren Ohr die Hupe eines Citroen 2CV um zwei Oktaven erhöht. Einige Rollerfahrer und fussgehende Passanten sind bei der ersten Lummerländer Probefahrt bereits hurtig zur Seite und in Sicherheit gesprungen.

Das Ergebnis nach zwei Pflege- und Heiltagen ist auf den Fotografien zu sehen. Foto anklicken den Luchs bewundern. Nur schade, dass diese Schönheit mich sobald schon wieder verlassen werden wird.

 

Knieschoner und mehr für Fahrradfahrer

Bei vielen Neil Young Fans unbeliebt, bei mir nicht, im Gegenteil: Neil Young – Re-ac-tor (1981)…

Als Buben haben wir uns lustig gemacht über die älteren Männer, die mit den Fersen auf den Pedalen ihre Fahrräder vorwärts trieben. Die Fusspitzen dabei nach aussen gestellt versteht sich. Damals hatten wir noch keinen Physikunterricht in der Schule und wussten nicht um die bedeutende Tiefenwirkung dieser Pedaltechnik.
Überhaupt waren wir damals froh, alleine einen Platten beheben zu können. Einen geflickten Schlauch wieder zu montieren und das Rad einzubauen ohne einen neuerlichen Schaden zu verursachen. Wer mit Schraubenziehern den Deckmantel hebelt, muss wissen, was er tut. Die Höhe des Sattels, die Breite des Lenkers, der Vorteil einer gepflegten Kette. Keine Ahnung – ist das wichtig?
Als ich meine Motorräder verkauft hatte, um mich Fahrrädern zuzuwenden, las ich auch einige Bücher zum Thema. Eines davon kaufte ich eher aus Spass. Wegen des Titels vielleicht. Mag sein, denn die Schulzeit lag weit zurück und die Physik wurde nie meine intimere Freundin.
Formeln sind in dem Buch und einiges an Theorie. Der Autor ist von Hause aus Physiker und betrachtet das Zusammenwirken von Mensch und Fahrrad aus genau diesem Blickwinkel.

Ich habe dennoch einen enormen Gewinn aus dem Buch bezogen. Ich überwand meine Vorurteile, liess die Formeln und theoretischen Textteile beiseite und lass lediglich das, was mir sofort einleuchtend war, das Praktische.
Und nahm sogleich das Werkzeug zur Hand. Das Ergebnis war ein neues Fahrrad. Also nicht ein neu gekauftes Rad. Aber, als ich nach der Vermessung und der passgenauen Einstellung auf meine Körpergrösse mein Rad bestieg und zu einer Proberunde losfuhr, meinte ich wirklich, auf einem anderen Fahrrad zu sitzen.
Es gibt zwar noch die alten Männer auf Fahrrädern, aber die rasen mittlerweile elektromotorgetrieben durchs Gelände. Inzwischen weiss ich aber natürlich, dass die älteren Männer mit den Schrägfüssen auf den Pedalen etwa zehn Prozent ihrer Tretenergie dazu verwenden durch falsche Hebelwirkung ihre Kniegelenke zu ruinieren.
Halswirbelsäulen, Schultergelenke, Sehnen und anderes nehmen dem Radler kostbare Energie beim Radeln. Statt Fahrspass zu haben wird die Kraft verbraucht, um Schmerzen, Verspannungen und Gelenkabnutzungen zu erzeugen. Vielfahrer mit dauerhaften Beschwerden sind seit dem neueren Fahrradboom keine Seltenheit. Das kann man verhindern.

Das Buch ist ein Kracher auch ohne dass der interessierte Radfahrer ein Physiker sein muss. Ich empfehle hiermit:
Michael Gressmann – Fahrradphysik und Biomechanik. Technik, Formeln, Gesetze. (Verschiedene Ausgaben in verschiedenen Verlagen. Oder gebraucht, z.B. bei booklooker.de)