Reduktion brennender Gehirne

Edgar Froboese lieferte seinerzeit die klingenden Folien, auf denen sich unter bestimmten Umständen bei nächtlichen Parties die fantastischsten Farben und irrsten Muster und Strukturen vor den eigenen Augen entwickelten. Als ferne Erinnerung an jene garnicht so leuchtenden Zeiten: Tangerine Dream – Reise durch ein brennendes Gehirn (1970)…

Es braucht heutzutage keine elektronische Musik, um brennende Hirne zu erleben. Man sieht es den Menschen an, ob sie noch selbst denken. Kritische Distanz wahren können im Abwägen, ohne hohle Phrasendrescherei. Brennend aus Begeisterung. Lodernd in Freude.
Dafür scheinen erloschene Hirne auf dem Vormarsch. Im Gleichschritt denken. Uffda Uffda Rammdada. Die Manmachtdassosager. Die Dasnehmichmitsager. Die Mangönntsichjasonstnichtssager.
Deren täglicher Löschvorgang schallt aus den einschlägigen regionalen Lall- und Labersendern. Dort werden die unwichtigsten Nachrichten zu Sensationen aufgebaut. Den Zuhörern wird suggeriert, dass da was am Laufen ist.
„Wir werden Sie selbstverständlich weiterhin auf dem Laufenden halten.“ Damit sollen einzig die Hörer am Sender gehalten werden. Meist werden die entsprechenden Nachrichten während des Tages noch einige Male wiederholt um dann im Sabbelmüll zu verschwinden. Nach zwei Tagen alles vergessen und vorbei. Neue Scheinsensationen, neue Fesseln.

Die Nachricht des heutigen Morgens: „Ein Mann in langem schwarzen Mantel, angetan mit Schottenrock und einem gehörnten Wikingerhelm hielt gestern mehrere Stunden die Polizei in Atem. Der Mann drohte mit einer Bombe. Nachdem einige Geschäfte der Innenstadt und ein Parkhaus evakuiert waren, wurde der Held im Jobcenter gestellt. Der mitgeführte blaue Rucksack wurde von Spezialisten des LKA untersucht. Die gaben nach einer Stunde Entwarnung. Im blauen Rucksack befand sich lediglich Schmutzwäsche. Kein Wort darüber, ob der Nordmann mit einer Streitaxt bewaffnet war.
Die betreffende Kleinstadt wurde in Hessen verortet, liegt jedoch in Rheinland-Pfalz.
Mensch Ärmel, musst nicht gleich wieder Erbsen zählen. Merkt doch eh niemand. Und der Moderator soll nicht denken sondern plappern.

Jamaika war kaum gescheitert, schon schickte die deutsche Automobilindustrie ihre gekauften Lakaien an die Front. Die stiessen in die Fanfaren und verkündeten prompt, dass Gedanken oder gar Planungen hinsichtlich elektrisch betriebener Kraftfahrzeuge für die deutsche Automobilindustrie bedenklich wenn nicht schädlich sei. Die Rohstoffe für die benötigten Batterien würden nämlich vornehmlich in nicht sicheren Staaten, also Diktaturen, gefördert. Demzufolge sei ungewiss, ob die benötigten Rohstoffe überhaupt planungssicher zu beziehen seien. Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, falls… wurde dabei noch nicht gedroht.
Fragen danach, ob die fossilen Rohstoffe zum Betrieb unserer derzeitigen Verbrennungsmotoren nicht auch aus Diktaturen bezogen würden blieben unbeantwortet. Die zukunfstweisende Frage, ob sich nicht aus dem Hirnschlamm deutscher Automobilmanager Brennstoffe destillieren liessen, wurde verneint; es handle sich dabei allenfalls um gefährlich kontaminierten Sondermüll.

„Und hier noch ein Hinweis für die Autofahrer: „Die B… in Richtung… bleibt wegen Bergungsarbeiten weiterhin gesperrt. Dort geriet die Fahrerin eines Ferrari aus bislang noch ungeklärten Gründen auf die Absenkung einer Leitplanke. Ihr Flug wurde durch einen Baum abrupt beendet und er Ferrari in drei Teile zerissen. Die Frau wurde mit Verletzungen aus dem Auto befreit. Der im Auto befindliche Hund überlebte den Anprall nicht.“
Und die Hundefreunde? Die jetzt trauern möchten. Warum verrät man ihnen weder den Namen noch die Rasse des vierbeinigen Beifahrers? Ob Ferrari oder sonstein Gefährt, das spielt doch die geringste Rolle.

Die chemokosmetischen Industrien wirds freuen. Laut einer Umfrage wollen 60% der Befragten bei ihren Weihnachtsgeschenkeinkäufen zu chemokosmetischen Erzeugnissen greifen. Dabei werden Preise von über hundert Euro pro Artikel in Betracht gezogen. Vielleicht sollte man in den Stink- und Schmierläden die Flüssigchemikalien statt auf Parfümprobierpapierchen den Interessenten mit zwei Spritzern in die eigenen Augen verabreichen. Schaden kann das ja nicht, da die Inhaltsstoffe bereits vorher ausgiebig in den Augen oder künstlich beigebrachten Wunden von Tieren ausgetestet worden sind.

Mitfahrgelegenheit am vergangenen Sonntag. Treffunkt. Uhrzeit. Alles perfekt. Freundlicher Fahrer. Vor uns liegen dreihundertfünfzig Kilometer auf der Autobahn. Oder fünfzig Kilometer weniger, dafür hundert Kilometer zügig zu befahrende, gut ausgebaute Landstrasse.
Ich bin die Landstrassenstrecke bereits mehrfach gefahren und sonntags sind dort keine LKWs unterwegs. Und der Landmann gönnt seinem Traktor Ruhe. Der jugendliche Fahrer wiegt nur kurz den Kopf und bedenkt sich noch kürzer und entgegnet meinem Vorschlag: „Ach, verlass´ mich lieber auf die Maschine, die weiss es eh besser als ich.“
Hundertzwanzig Kilometer später zeigt das Navigationsgerät einen Stau. Der wird seit Wochen auch rund um die Uhr von den Lall- und Sabbelsendern verkündet.
Irgendwann schaue ich auf meine Uhr. Vor mir liegen aber noch zwei Stunden.
Ich könnte jetzt zuhause sein. Beim Blick aus dem Autofenster dämmert mir, dass die brennenden Gehirne aussterben. Brennend aus Begeisterung. Lodernd in Freude. Selbst denken, logisch, zielgerichtet. Dennoch warmherzig und mit leuchtenden Augen, das findet sich zunehmend seltener.
Erloschene Hirne sind auf dem Vormarsch.

(Advent Advent, sei froh wenn Dein Gehirn noch brennt)

 

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Wir fahrn fahrn fahrn … (alles nur ein Traum!)

Eine meiner ewigen Lieblingsbands. Paul Thompson, Phil Mazanera, Andy Mackay und Bryan Ferry. Von den zusätzlichen Musikanten hat mich die einmalige Lucy Wilkins (syn, vio.) am meisten beeindruckt. Sie ersetzt Brian Eno erstaunlich gut. Das letzte Konzert einer Wiedervereinigungstour wurde als DVD veröffentlicht. Also horsche und gugge: Roxy Music – Live at the Apollo (2.10.2001)…

Jamaika liegt nun mal nicht in Deutschland. Deutschland spiegelt sich auf der Autobahn. Im Rahmen eines Projektes bewege ich mich derzeit täglich auf dem Asphalt. Höre dabei sporadisch den Verkehrsfunk. Die Verhältnisse ändern sich in Minutenschnelle. Eben noch freie Fahrt und jetzt steht der vielgliedrige Blechundplastikdrache kilometerlang. Und die Meldung, „Achtung Autofahrer: auf der A… bei Kilometer … liegt eine Palette auf der linken Fahrspur. Fahren Sie dort bitte besonders vorsichtig.“

In den Heckscheiben ist eine neue Erscheinung zu bewundern.Nach all den Aufklebern mit Kindernamen on board sitzt nun  Opa Ernst am Steuer. Oder Omi Renate am Lenkrad. Vielleicht ist das bloss eine gut gemeinte Warnung.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… liegt ein Wildschein auf der Fahrbahn.“
Ich bezweifle, dass Neuwahlen die Verhältnisse im Land erneuern werden.

Die Hoffnungslosigkeit der Autofahrer zeigt sich unter anderem auch darin, nicht dem Verkehrsfluss entsprechend so zügig zu fahren wie es möglich wäre. Sie lassen sich auf der mittleren Spur bei Tempo 80 rechts überholen von den LKWs, die mit Tempo neunzig unterwegs sind.
„Auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … kam ein LKW ins Schleudern und hat die Mittelleitplanke durchbrochen.“

Seit wann ist es zulässig, dass die Lastwagenfahrer auf dem Standstreifen ihre Ruhepausen verbringen?
Ich bezweifle, dass die Wahlberechtigten sich bei möglichen Neuwahlen anders verhalten würden als im alltäglichen Strassenverkehr. Im Radio die Nachricht, dass die Sparte Güterverkehr der Deutschen Bahn ordentliche Gewinne eingefahren hat. Man denke über die Erweiterung des Streckennetzes nach. (Obwohl es seit Jahren Zug um Zug abgebaut wird.)
„Achtung Autofahrer, auf der A… kommt Ihnen ein Fahrzeug entgegen. Fahren Sie äusserst rechts und überholen Sie nicht. Wir informieren Sie, sobald die Gefahr vorüber ist.“

Parkplätze überhaupt. Werden Gerüchten zufolge demnächst in LKW Stellplätze umbenannt. Ich verspüre ein dringendes Bedürfnis. Da vorn, ein Parkplatz mit Toilette. Rücksichtslose LKW Fahrer. Die Einfahrt kreuz und quer zugestellt. Dann halt der nächste Parkplatz. Der Druck steigt merklich. Die Einfahrt ist von einem LKW Fahrer blockiert. Der nächste Parkplatz muss es sein. Beckenbodenübungen. Auch dieser Parkplatz ist dicht. LKWs stehen zurück bis auf den Standstreifen. Ich nehme die nächste reguläre Abfahrt. Erlösung. Keine LKWs. Und ein Gebüsch.
„Guten Morgen, es ist 6:45. Die A… bleibt nach einem schweren LKW Unfall zwischen … und … bis auf weiteres in beiden Richtungen gesperrt. Bitte umfahren Sie diesen Bereich grossräumig. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“
Vier LKWs und zwei oder drei PKWs sind sich im Baustellenbereich zu nahe gekommen. Zwei LKW Fahrer haben die Kollision nicht überlebt. Die überaus wichtige Nord-Süd-Verbindung blieb bis zum Abend gesperrt.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung… liegt ein Küchenschrank auf der Fahrbahn.“ 

Im Anfahren und Abbremsen in der Lawine kann man bestimmte wiederkehrende Verhaltensweisen erkennen. Ich sitze erhöht im Fahrzeug und nehme staunend wahr, wieviele Verkehrsteilnehmer auf ihren Handfesseln rumwischen. Bei manchen trifft der Begriff Verkehrsteilnehmer eigentlich garnicht mehr zu. Die schwimmen längst in einem Parallelkosmos. „Achtung Autofahrer, auf der A… befindet sich ein Auspuff auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befindet sich radfahrendes Kind auf dem Seitenstreifen. Fahren Sie bitte äusserst vorsichtig.“
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … sind mehrere Jogger unterwegs.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … schieben mehrere Personen ein Fahrzeug auf der Standspur.“ In den alten WG Zeiten haben wir öfter mal gemeinsam einen 2CV, einen Käfer oder einen R4 geschoben. Heute scheinen alle Autos allzeit und immer zu fahrbereit zu sein.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung steht ein defekter LKW in der Baustelle. Zur Zeit fünf Kilometer Stau. Sie müssen derzeit etwa fünfundvierzig Minuten mehr einplanen.“ Wer errechnet auf welcher Grundlage die zusätzlich benötigten Zeiten? Wo immer ich selbst davon betroffen war und eine solche Meldung hörte, die Zeiten haben nie gestimmt. Ob sich hier in diesem Land in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Von der Politik wohl kaum.

Der Anfang des Jahres sogenannte Schulzeffekt war das kollektiv erlösende Aufatmen über den Rückzug des Herrn Gabriel. Nach der beeindruckenden Wahlschlappe hat der Kleinstadtbürgermeister Schulz in der Berliner Runde seine Grenzen deutlich erkennen lassen.
Und nun nach den geplatzten Gesprächen zu einer möglichen Regierungsbildung scharren die Emporwollenden in den zweiten Reihen mit den Füssen. Merkel weg, Schulz weg. Das ergäbe Möglichkeiten. Nein, nicht zum Politikwechsel. Für neue Karrieren. Aber die Nochkanzlerin hat bereits ihre neuerliche Kandidatur über die Medien bekanntgeben lassen.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … liegt eine Stossstange auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… liegen zwei Wildschweine auf der Fahrbahn.“ Nein, das ist weder eine versehentliche Wiederholung noch sind die Durchsagen Erfindungen meinerseits. Alle Meldungen sind wörtliche Zitate. Aufgeschnappt und notiert während zwei Wochen unterwegs im Verkehrswahnsinn. Nicht gezählt habe ich die zahlreichen Reifenreste, die zur Zeit der Meldungen undefinierten Gegenstände und die Holz- oder Metallteile. Nicht zu vergessen die vielen defekten LKWs.
Soeben vernehme die letzte Meldung bevor ich das Fahrzeug verlasse.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befinden sich Steinewerfer am Fahrbahnrand. Fahren Sie äusserst vorsichtig. Wir informieren Sie selbstverständlich, sobald die Gefahr vorüber ist.“
Der Bundespräsident will sich heute mit den jamaikanischen Verhandlungsführern treffen. Und die nachmittäglichen zähflüssigen Verkehrsströme treffen so sicher ein wie das Amen in der Kirche. Vielleicht birgt der absehbare Verkehrsinfarkt die Erlösung in sich. Das wäre dann eine wirkliche Veränderung.

Pendler, die jeden Tag aus den umliegenden Mittelgebirgen bis zu zweihundert Kilometer zwischen ihrem Heim und der Arbeitsstelle zurücklegen. Mir hat einmal ein Bekannter erklärt, warum er das auf sich nimmt. Das erwünschte Haus hätte er sich in der Nähe seines Arbeitsplatzes nicht erlauben können. Fast wäre ich auf sein Argument reingefallen. Ich rechnete mal über den Daumen kurz hoch. Zehn Jahre Kredit für ein Haus abzahlen. Und was in dieser Zeit der erhöhte Fahrzeugverschleiss kostet, wie der verbrauchte Kraftstoff zu Buch schlägt. Und die Lebenszeit. Die masslose Verschwendung an Lebenszeit.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… befinden sich Pferde auf der Fahrbahn.“
Dass vor den Wahlen alle Parteien die Zukunft des Verbennungsmotors zusicherten war zumindest auffällig. In fünfundzwanzig Jahren wird es den privaten Autoverkehr, zumindest wie wir ihn kennen und gewohnt sind, ohnehin nicht mehr geben. Aber noch ist angeblich jeder dritte Arbeitsplatz in diesem Land direkt oder indirekt mit der Automobilindustrie verbunden. Und was die Politik nicht verändernd anpackt, das wird die Automobilindustrie für uns zu ihrem Gewinn richten.
„Guten Abend liebe Hörer, es ist 22:30 und die gute Nachricht zuerst: die Stauampel zeigt auf Grün.“

(Die Fotografien sind an der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt aufgenommen. Dort befindet sich das Mahnmal und der Gedenkstein für Bernd Rosemeyer. Der wurde 1938 bei einem Weltrekordversuch bei etwa 430 Kmh von einer Windbö erfasst und aus seinem Rennwagen geschleudert. Er war sofort tot.)

 

Auch das Schlechte lässt sich weiter steigern

Wer weiss woran es liegen mag. Vielleicht weil man als Sehmann den Anfang des 121. Psalms kennen kann („Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“). Mag sein, dass der Auslöser ein Musikstück gewesen ist. David Bowie singt „This is not America“: Zu hören ist das Lied auf: Pat Metheny – Falcon and the Snowman (1985) …

Sicher ist dagegen, dass seit der Privatisierung der ehemaligen Deutschen Bundesbahn ein Netzwerk von Privatbahnen entstanden ist. Überaus wichtige Arbeitsplätze sind dadurch geschaffen worden. Für Geschäftsführer mit Firmenwagen, Marketingspezialisten und Softwarespieler. Das alles verschlingt viel Geld. Eines der Ziele scheint dabei die Abschaffung des Service zu sein. Zuspätkommen und Ausfallen von Zügen als letztes Abenteuer auf Reisen für weitgehend entrechtete Kunden und Passagiere.
Ich benutzte eine bestimmte Zugverbindung in diesem Jahr bereits mehrmals. Die private Zulieferbahn für den Intercity kommt dabei regelmässig zu spät.
Der freundliche Mitarbeiter im Reisezentrum der Bahn schreibt mir mein Ticket um. Regulär gebucht, ist diese aktualisierte Verbindung sechsmal teurer als meine ursprünglich gekaufte Fahrkarte. Und eine Stunde weniger dauert die Fahrt obendrein. So viel Glück verdient ein Bahnkunde nicht. Dass ich entgegen der Fahrtrichtung sitzen muss ist da nur ein gerechter Ausgleich. Dabei traue ich der Vorsehung mehr als den Rückblicken. Da beim letzten Umstieg die regionale Bahn heute wieder eine Verspätung von einer halben Stunde hat… Alles, wie wir Reisende es inzwischen still grollend hinnehmen. Aber ganz ehrlich. Wir alle wollen es doch so: immer mehr reisen für immer weniger Geld.

Aber was nutzen all diese Betrachtungen? Reisen mit der Bahn ist zu einem Lotteriespiel mit der Zeit verkommen. Gerade, ungerade, rot oder schwarz. Billigpreise und Verspätungen. Schienenroulette und Black Jack auf zugigen Bahnsteigen.
Verbesserungen im Service werden grossmäulig vollmundig versprochen. Damit ist beispielsweise die überflüssige App gemeint für die süchtigen Handfesselstreichler. Die daddeln derweil die aktuellen Beeinträchtigungen.
Besonders hilfreich finde ich die Ansage, auf welcher Seite in Fahrtrichtung sich der Ausstieg am nächsten Bahnhof befindet. Wie oft würde ich mich sonst vielleicht zwischen den beiden zur Auswahl stehenden Türen verlaufen.

Dabei fahre ich gerne mit dem Zug. Ich komme aus einer Eisenbahnerfamilie. Unter meinen männlichen Vorfahren waren Lokführer und Oberlokführer. Das ist jedoch lange her. Noch länger als die Zeiten, da man noch an interessanten Gesprächen teilnehmen konnte. Heute dagegen bedeutet Schweigen fast schon Reiseglück. Die wichtigtuerischen Handfesselschwätzer zählen auf Publikum im Grossraumwagen. Und muten einem dabei zu, was man lieber nicht hören möchte. .

                                                                      (Foto anklicken zur Grosssichtverbesserung)

Über die Hügel auf die Piste (eine Annäherung)

Gegen das Abheben hilft solider weisser Blues aus England: Ten Years After – Undead (1968)…

Ich verlasse Berlin auf der Autobahn über den Berliner Ring und die A12 in Richtung Frankfurt/Oder. Spontan entscheide ich mich an der Ausfahrt 7, Müllrose, abzufahren, um Seelow anzusteuern. Genauer, die Seelower Höhen. Ein schöner Morgen, sonnig, die Luft ist frisch. Ich nehme die L37 Richtung Nordnordost. Knapp 25 Kilometer sind es bis Seelow. Dünnbesiedeltes Land, weite Blicke. Das Oderbruch. Am östlichen Ortsrand befindet sich die „Gedenkstätte / Museum Seelower Höhen“.
Als einer ersten deutschen Orte nach dem Zweiten Weltkrieg museal historisch aufgeladen, diente er bis Mitte der 1990er Jahre unterschiedlichen Zielsetzungen, je nachdem, welcher politische Zweck verfolgt werden sollte.
Mich interessiert ein Blick von der Höhe. An den ausgestellten, sogenannten Siegerwaffen vorbei gehe ich hinauf und zwischen Soldatengräbern hindurch bis ich zu der Kante, vor welcher der Hügel abfällt.
Der Himmel ist leicht bewölkt. Im Osten verschwimmt die Horizontlinie. Ich blicke in eine nicht absehbare Ferne. Gegenden, von denen in der vierten Auflage des allwissenden Meyers zu lesen war, dass dort die germanisierten Slawen hausten. Neunzehn Kilometer entfernt liegt Kostrzyn nad Odrą (Küstrin a.d. Oder) bzw. das, was von der ehemaligen Festungsstadt noch erkennbar ist. Winzig ist weit in der Senke ein Traktor bei der Arbeit sehen. Keine Geräusch dringen hierher. Ein grosser Frieden liegt über dem Oderbruch. Träge ziehen die Wolken dahin. Lediglich das Zwitschern der Vögel erinnert an den Strom der Zeit.

In dieser Region fand zwischen Anfang Februar und Mitte April 1945 die grösste Schlacht des Krieges auf deutschem Boden statt. Von dort aus wurde die letzte Phase des Krieges eingeleitet und Deutschland vom Nationalsozialismus befreit, denn nachdem dieser Brückenkopf geschaffen war, konnte die Rote Armee auf Berlin marschieren und die Stadt besetzen.
Die Schlacht an den Seelower Hören dauerte vom 16. – 19. April 1945 und forderte zehntausende tote Soldaten und Zivilisten. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Noch heute finden Bauern bei der Feldarbeit alljährlich sterbliche Überreste. Die Böden sind nach wie vor belastet durch Munitionsrückstände.

Tausende junger Soldaten lagen tot auf dem Schlachtfeld einer Pfirsichplantage in voller Blüte. Man erzählt sich, dass die Blüten auf sie fielen und sie bedeckten wie eine dünne Schicht duftenden Schnees. (Patti Smith – M Train, S. 103)

Ich zitiere nach der Seite der Gedenkstätte: „Die Kämpfe im Winter und Frühjahr 1945 zerstörten eine einzigartige, von vielen Generationen geschaffene Kulturlandschaft. 40 Ortschaften des damaligen Kreises Lebus wiesen einen Verwüstungsgrad zwischen 60 und 100 % auf. Küstrin, Wriezen, Alttucheband und Klessin galten mit über 90 % als besonders betroffen.
Im ehemaligen Kirchenkreis Seelow wurde jede zweite Kirche durch Sprengungen bzw. Waffenwirkung zerstört. Die Felder bei Lebus und Klessin waren zu 75 % vermint. Unmittelbar nach den Kampfhandlungen mussten Frauen und Männer, die wieder in ihre Heimat zurückkehrten, Angehörige der Roten Armee und deutsche Kriegsgefangene sowie Sprengstoffexperten die Minen von den Feldern und aus den Ortschaften bzw. Wäldern bergen. Bis 1986 ereigneten sich auf dem Gebiet des späteren Kreises Seelow über 250 Sprengstoffunfälle. Dabei verloren mehr als 140 Frauen, Männer und Kinder ihr Leben.“

Ich verlasse Seelow auf der B1, der ehemaligen Reichsstrasse 1, die schnurgerade nach Küstrin führt. Auf der Brücke über die Oder werde ich plötzlich unsicher. Beim Frühstück stand unvermittelt die Frage im Raum, was denn die Reiseinformationen des Auswärtigen Amtes zu Polen mitteilen würden. Die sind in der Tat oft hilfreich. Zwei schnelle Klicks und lesen.
Ursprünglich wollte ich ohnehin nicht mit dem Auto reisen, wegen eines möglichen Diebstahls. Der Hinweis, dass „dort doch nur neue Karren der Oberklasse geklaut würden“ beruhigte mich dann einigermassen. Auf der Webseite ist von drastischen Geldbussen selbst bei kleineren Verkehrsverstössen die Rede. Dann dieser Hinweis: „Steuert der Halter sein Fahrzeug nicht selbst oder fährt darin als Passagier mit, benötigt der Fahrer des Fahrzeugs unbedingt eine Bescheinigung des Halters, in der ihm die Erlaubnis erteilt wird, das Fahrzeug zu nutzen und damit nach Polen zu reisen.“
Ich bin nicht der Halter des Fahrzeugs und eine Genehmigung habe ich schon garnicht. Während ich noch dem Schreck nachspüre, der mich durchfährt, höre ich hinter mir die aufmunternden Sätze: „Neuerdings sollen auch wieder vermehrt ältere Fahrzeuge gestohlen werden. Aber nur wenn sie einen gepflegten Eindruck machen und in Teilen verkauft werden können.“ An dem kleinen Audi könnte man praktisch noch alles verwenden, schliesslich hat er eben erst den neuen TÜV Stempel ohne Beanstandungen erhalten.
All diese Hinweise stehen vor mir, in einem feinen silbernen Rahmen finsterer Gedanken an den blauen Himmel gestickt. Also vielleicht doch lieber über Nebenstrassen? Aber bis nach Warschau sind es immerhin noch fast 500 Kilometer.
Schwamm drüber und ab zur nächsten Auffahrt. Die Autobahn ist mautpflichtig, das garantiert erfahrungsgemäss eine ruhige und meist freie Fahrt.
Rund um mich sind keine Erhebungen mehr zu sehen. Brettflache Weiten. Ich kenne weitläufige Landschaften aus anderen europäischen Ländern, eine derartige Dimension der Ausdehnung sehe ich zum ersten Mal. Ich halte mich an die zulässige Höchstgeschwindigkeit und werde dennoch oft überholt. Das macht einen guten Eindruck und vermittelt Sicherheit.
Ich fahre einen Parkplatz an. Vor der Toilette packen zwei Männer ihre Utensilien in ein Dienstfahrzeug. Ich vertrete mir kurz die Beine und sofort fällt mir die Sauberkeit rund um die Tische und an den Müllbehältern auf. Vielleicht eine Ausnahme, oder gerade alle Abfälle beseitigt. Wie einem die Gedanken so durchs Hirn schiessen. Die Toilette ist klinisch rein. Kein Eintrittsgeld wird verlangt.
Zurück am Auto, esse ich einen Happen. Ich bin müde, drehe die Rückenlehne runter und mache ein kurzes Nickerchen. Als ich eine halbe Stunde später wieder frisch bin, steht das Servicefahrzeug bereits wieder vor der Toilette. Um es hier für die folgenden Berichte vorwegzunehmen und klar zu sagen: wer Deutschland oder die Schweiz für saubere Länder hält, sollte in Polen einmal genauer hinschauen. Die Disziplin der Menschen hinsichtlich ihres Umgangs mit Abfällen ist beeindruckend. Ein Unterschied zwischen Stadt und Land ist mir dabei nicht aufgefallen.

Zurück auf der Autobahn fühle ich mich bald zwischen Zeit und Landschaft verloren. Inzwischen habe ich Poznań (Posen) erreicht und meine Gedanken beginnen zu schweben und sich im Irgendwo aufzulösen. Von Berlin nach Moskau zweitausend Kilometer Ebene. Und Felder und Wälder. Und flach und gerdeaus.
Wie kann man Armeen über solche Strecken antreiben?
Mir fällt Wolfgang Büscher ein. Der ist so geraden Wegs wie nur möglich von Berlin nach Moskau gegangen. Er wollte dem Geist seines Grossvaters nachspüren, der 1942 am Unternehmen Barbarossa (dem Überfall auf die Sowjetunion) beteiligt gewesen war. (Wolfgang Büscher: Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuss. Rowohlt, 2003)

Flachland. Von der 300 Meter hohen Dylewska Góra (Kernsdorfer Höhe) in Ostpreussen abgesehen. Die endlose flache Tafel. Der Blick findet kaum einen Ankerplatz. Ab und zu der Blitz eines gelben Rapsmeeres im grünen Feldozean. Die Entfernung zu meinem Tagesziel verringert sich nicht. Langeweile schleicht sich ein. Dagegen hilft das Entziffern von Nationalitätenkennzeichen. LT, BY, UA, LU. Die Strecke zieht sich. Selbst die Stimme im Navigationsgerät ist in tiefes Schweigen versunken. Ich spreche den Text für diesen Beitrag in Fragmenten. Ideen, die im gleichen Moment hinter der schwindenden Leitplanke verweht sind.
Endlich erwacht die Stimme rechts vor mir: Verlassen Sie die A2 in tausend Metern. Ich verstehe Kilometer. Veröassen Sie die A2 in fünfhundert Metern. Biegen Sie an der Abzweigung auf die S2 und folgen Sie dem Strassenverlauf fünf Kilometer. Also doch Kilometer.

Meine kleine Reisegruppe treffe ich gegen Abend am Flughafen Frédéric Chopin in Warschau. Während ich einen Parkplatz suche, kommt es mir wie ein kleines Wunder vor. Menschen fliegen aus verschiedenen europäischen Ländern heran und treffen sich fast zeitgleich an einem verabredeten Ort.
Wir können inerhalb Europas fast so frei reisen wie zur vorletzten Jahrhundertwende. Damals war es noch möglich, sich ohne Pässe oder andere Reisedokumente in einem unermesslich grossen Raum zwischen Moskau und Lissabon nach Belieben frei zu bewegen.

                                                                          (Foto anklicken öffnet die Galerie)


Allerhandwintergeschichte

Nach einer Woche mit viel Musik von und Erinnerungen an David Bowie und den vier Dokumentationen zu seinem Leben auf arte, steht mir der Sinn jetzt wieder nach anderen Tönen: Robert Fripp – Exposure (1979)…

Mein erster eigener Kraftwagen war ein Volkswagen Typ1, besser bekannt unter der merk=würdigen Bezeichnung VW Käfer. Immerhin besass ich das sogenannte Exportmodell, das bedeutete aufwändigere Stossstangen, vor allem aber hatten diese Modelle ein Benzinstandsanzeigeinstrument. Man musste also nicht erst ruckelnd am Strassenrand ausrollen für den Hinweis auf einen fast leeren Tank. Dann musste man nämlich im vorderen Fussraum über dem vorgetäuschten Kardantunnel den Benzinhahn in Stellung Reserve drehen, mit dem Gaspedal etwas pumpen und nachdem der Motor wieder angesprungen war, umgehend die nächste Tankstelle aufzusuchen.
In meinen frühen Automobilistenjahren kam ich noch mehrmals auf die an sich schon damals völlig veraltete Technik des VW Käfers zurück. Das waren aber jeweils Wagen des Typs 14 Karman Ghia (spr. Gia nicht Tschia, man sagt ja auch nicht Spatschetti zu den dünnen Langnudeln). Dabei handelte es sich technisch um einen VW Käfer, im Unterschied zu diesem jedoch mit einer recht schnittig geformten Karosserie. Landläufig wurde dieses Automobil auch liebevoll Sekretärinnen-Ferrari genannt. Aber das ist ein anderes Kapitel.

In diesem Bericht geht es um eine Erinnerung an ein Erlebnis mit meinem Käfer. Eins von zahlreichen, unter denen dieses allerdings herausragt, denn damit ist ein Gefühl verbunden, das ich seitdem nie wieder in dieser brachialen Direktheit erlebt habe.
Im südlichen Bembelland gibt es sehr viele Kiesgruben, die in den 1960er Jahren entstanden sind als der Bedarf an Sand und Kies im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders* ungeheuer gross gewesen ist. Diese Kiesgruben wurden nach Möglichkeit auch zum privaten Badespass genutzt, soweit das möglich war. Erlaubt war es aufgrund verschiedener Gefahren naürlich nicht. Es gibt im Rhein-Main-Gebiet durch den Zusammenfluss der beiden Flüsse gefährliche Unterströmungen mit schnell wechselnden Wassertemperaturschwankungen. Weiterhin waren Untiefen, die durch den Baggerbetrieb entstanden waren, im trüben Wasser der Grube nicht sichtbar, zudem veränderten sie sich durch die Strömungen.
Bei Lummerland lag unser See. Der Silbersee. Niemand konnte mir bis heute erklären, wie die Kiesgrube zu ihrem Namen kam, an der Farbe des Wassers kann es nicht gelegen haben. Eher liegt die Vermutung nahe, dass es einen Zusammenhang geben könnte zwischen der Stilllegung der Baggerarbeiten und der zeitnahen Erstaufführung des Films „Der Schatz im Silbersee.“ Eine Vermutung nur, kein gesichertes Wissen.
Der See war schnell berüchtigt, denn er hatte bereits einige Opfer gefordert. Ein kühner Kopfsprung von der an manchen Stellen erhöhten Uferböschung konnte zum Genickbruch führen, da an dieser Stelle nicht tief genug ausgebaggert worden war. Beim Tauchen, selbst bei hochsommerlichen Wassertemperaturen konnte man in eine Eiskaltwasserströmung geraten und dadurch einen Herzschlag erleiden. All das war vorgekommen und entsprechend waren die mahnenden Warnhinweise der besorgter Eltern. Aber wenn man jung ist, kann einem ohnehin nichts passieren. Meint man jedenfalls.
Unsere Kumpanei traf sich während des Sommers nachmittags an der südlichen Uferseite zu den üblichen Schülerspässen. Wenn es im Winter kalt genug war, spielten wir darauf Eishockey. Dabei waren meist auch einige italienische Jungs und Cerkes, ein junger Türke. (Interkulturelles Miteinander ist keine Erfindung der letzten fünfzehn Jahre).
Cerkes zeichnete sich durch zwei Merkmale aus. Er war immer guter Dinge, egal was ihm auch widerfahren mochte. Ein richtig lustiger Typ. Und er hatte nie Zigaretten. „Ey, haste ma´ne Zi´rette für mich?“ Oder er rief, wenn sich gerade jemand eine anfeuerte, „Mach´ Halbzeit, Mann“, was bedeutete, dass der Raucher nach der halben Zigarettenlänge den Glimmstengel an Cerkes weiterreichte. (Wo mag er heute sein?).

Es war Winter. Eisekalt. Da wird mehr Geld gebraucht für lange Sitzungen zuhause oder in einer Wirtschaft. In unserer WG hiess das Blutspenden. In der Universitätsklinik der nahen Stadt wurden fünfzig Mark (West) für einen halben Liter gezahlt. Gut, im Winter fror man danach drei Tage zwar schrecklich, dafür erreichte man mit weniger Apfelwein und Nikotin das gleiche Ergebnis wie sonst. Ein fairer Deal also.
Nach der Blutspende fuhren wir rüber nach Luxemburg. Dort gabs die billigsten Gauloises. Jeder kaufte die vom Zoll erlaubte Stange Zigaretten. Wenn man es schaffte, zwei oder drei Mal nacheinander über die Grenze zu fahren war man in dieser Hinsicht bis zum nächsten Blutspendetermin versorgt.
Diesmal war ich der Chaffeur. Wir fuhren zu fünft in meinem Käfer. Auf der Rückfahrt leierte die Musik aus dem tragbaren Philips Kassettenrekorder zwischen den vorderen Sitzen. Die Pläne für den Kneipenabend waren besprochen. Wir waren fast in Lummerland, da hielt ein Tramper den Daumen raus. Es war Cerkes.
Niemand fiel auf, dass er nicht sofort nach einer Zigarette fragte. Er war heiss darauf, eine Runde mit meinem Käfer zu drehen. Ich wollte nach der langen Fahrerei endlich nach Hause. Cerkes begann zu nörgeln. Den anderen Kumpels wollten einlenken, „dann lass´ihn eine Runde um den Block drehen und gut iss´.“ Cerkes versprach jedem eine Zigarette, wenn er eine Runde drehen dürfe. Warum bei diesem geradezu ausserirdischen Angebot niemand Verdacht schöpfte, ist mir bis heute unerklärlich.
Cerkes verteilte die Zigaretten, setzte sich hinters Lenkrad, stellte sich den Fahrersitz passend und liess gleich die Reifen durchdrehen. Wir mahnten zur Vorsicht, es sei gegen Abend, pritzelkalt und möglicherweise Glatteis und überhaupt. Irgendwie schienen wir mit unseren Worten genau das Gegenteil zu erreichen. Er war plötzlich nicht mehr bremsen. Kurz vor der Lummerländer Ortsgrenze bog er schlagartig links ab auf einen Feldweg.
„Bleib´ stehen und zwar hier und sofort.“
„Och komm´, nur noch ne kleine Runde Autocross“, feixte und liess den Käfer schleudern. Alle redeten jetzt durcheinander. Wir balancierten zwischen lockeren Sprüchen und absolutem Ernst. Der schwerelose Tanz über der unendlichen Tiefe. Cerkes liess den Käfer über ein Feld hoppeln. Die Belustigung entwich als wäre um das Auto ein grosses Vakuum.
Quer über die Felder hin tauchte vor uns die Eisfläche des Silbersees aus. Keine Musik mehr, die Kassette war abgespielt. Es wurde ganz still als der Käfer auf die Eisfläche schlitterte.
Ich hatte schon vorher oftmals Angst gehabt in meinem Leben. Als Kind oder als Jugendlicher, das gehört zum Weg. Aber jetzt war etwas grundsätzlich anders. Ich verspürte plötzlich keine Angst mehr, ich war die Angst. Kein Gefühl war da, jegliche Wahrnehmung schien abgeschaltet. Minutenlange Totenstille. Niemand sprach, alle schienen sich irgendwohin verabschiedet zu haben. Hatten bloss noch ihre Körper in diesem idiotischen Käfer zurückgelassen. Mit diesem Irren am Lenkrad, der überlaut und ausgelassen lachte und seine Achter und Pirouetten auf dem Eis drehte.
„Kein Problem Jungs, das Eis ist dick.“ Damit rief er uns alle nach einer Ewigkeit vom Ende des Universums offenbar wieder ins Diesseits zurück. Und wir schnauften, wir redeten, oder besser stammelten alle durcheinander, alle gleichzeitig und ziemlich wirr, dass er endlich wieder aufs Festland fahren solle.
„Ey komm´, ein´ kleiner Achter noch, macht doch Spass…“
Was danach passierte und wie ich wieder ans Steuer kam oder ob ich selbst überhaupt die letzten zwei Kilometer nach Lummerland gefahren bin, ich weiss es nicht. Ich wusste es schon am nächsten Tag, ja vielleicht schon am gleichen Abend nicht mehr.
Wenn ich einen der Leute treffe, die damals dabei gewesen sind, wird durchaus die eine oder andere Anekdote aufgewärmt. Die Fahrt übers Eis wurde niemals wieder erzählt.
Der Silbersee ist heute ein kleines geschütztes Biotop geworden. Schwimmen, Angeln und Müllablagern verboten. Vom Betreten oder Befahren bei Eis steht nichts auf dem Schild am Ufer.

*  In diesem Land glaubt man noch immer an den Mythos vom Wirtschaftswunder. Wer die damit verbundenen Legenden auf die Tatsachen hin überprüfen und sein wahrscheinlich verzerrtes Geschichtsbild korrigieren möchte, dem empfehle ich die folgende Dokumentation, die Onkel Juhtujuhp freundlicherweise zur Verfügung stellt: http://www.youtube.com/watch?v=y-jwKVVJjpk

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine schöne Woche.

(Foto anklicken und garantiert eisfrei gugge)

 

Tradition und Fortfahren oder: alte Liebe rostet nicht

Das letzte Album des Mahavishnu Orchesters in der Originalbesetzung. Wo kann man eine solche Besetzung heute noch auf der Bühne musizieren hören und sehen? John McLaughlin (gtr), Jan Hammer (keys, syn), Rick Laird (b), Jerry Goodman (violin), Billy Cobham (dr). Mahavishnu Orchestra – Birds of Fire (1973)…

Diese Scheibe altert nicht. Es sind nicht einfach nur die persönlichen Erlebnisse, das private Erinnerungskino der alten Geschichten, ein verklärendes Zurücklehnen in die Jugendjahre. Noch immer und immer wieder beeindruckend ist die meisterhafte technische Beherrschung der Instrumente, die es den Musikanten erlaubt mit ihren kreativen Ideen mühelos die Grenzen des zu jener Zeit gehörten Normalmasses zu überschreiten. Im Vergleich zu vielen heutigen Produktionen ist die Scheibe ein Monolith zwischen all den heutigen akustischen Belanglosigkeiten mit der Halbwertzeit des Wimpernschlags eines Leguans.

Ich habe mich rar gemacht im Blog, ich weiss. Auch mit den Besuchen bei den Bloggerfreunden. Viele Ideen für den Blog sind mir im Alltag einfach wieder entflogen noch bevor ich sie so recht in Worte setzen konnte. Und Sommerlöcher mit Beliebigkeiten ausspachteln wollte ich ebensowenig wie den Besuchern, Lesern und Guggern mit Sinnfreigeflunker den Blick zu vernebeln für das Wesentliche im Leben.
Dann lieber handwerken, schwere Maschinen wuchten und einen Holzfussboden aus dem 1880er Jahr wieder zum Vorschein bringen. Freude erleben beim Gelingen als die einfachen Bohlen endlich ihre letzte Ölung erhalten hatten. Mit Menschen zusammensitzen und darüber sprechen, wie es funktionieren könnte mit dem Ärmelasühl. Funktionalität und Ästhetik verbinden mit einem Minimum an Kosten. Auch Gastfreundlichkeit zu installieren. Es wird weitergehen und schon bald sollen Freunde herzlich willkommen sein.

Dazwischen ein Jubiläum, ein verspätetes zugegeben aber nicht vergessen. Wie könnte ich dich vergessen. Bei alledem, was wir zusammen erlebt haben. Seit einem Vierteljahrhundert nun schon. Haben Urlaube zusammen verbracht und bis nach Südamerika sind wir gereist. Und erinnerst du dich noch den denkwürdigen Unfall in der Schweiz seinerzeit? Bist willig gefolgt im Gebirge auf den gefährlichen Pfaden und hast am Ende den Absturz besser überstanden als ich.
Hast die Lummerländer Kinder getragen und den Hänger voller gefundener Äpfel gezogen ohne knirschen und knarzen. Wir waren zusammen in Schlamm und Staub. Hast dir Schrammen dabei eingehandelt. Ehrenzeichen deines Alters. Mit deiner schlichten Eleganz hast du nicht nötig etwas derlei zu verbergen.
Denn du warst und bist meine Nummer eins, das will ich deutlich sagen. Auch wenn es andere vor und neben dir gab.

Jetzt zu unserem Jubiläum bist du herausgeputzt wie damals als ich dich zum ersten Mal sah und sofort wusste, dass wir beiden einen langen Weg zusammen zurücklegen werden. Und so solls auch weiterhin bleiben.

                                                               (Foto anklicken und in der Galerie guggend mitfeiern)

Koga Miyata : Ridge Runner (1989)
Rahmen: Hardtlite FM-1 Chrom-Molybän, handgelötet
Gabel: Tange
Vorbau: Kalloy
Schaltung, Naben, Steuersatz, Kurbeln, Pedale und Hebel, Sattelstütze: Shimano Deore XT II
Sattel: Selle San Marco
Reifen: Panaracer (vorn: Headwall 26×2.00, hinten: Khartoum 26×2.00)
Felgen: Araya RM-20