Zweiundvierzig Jahre später – im Jahr 29 nach der Grenzöffnung

„After all your soul will still surrender
After all don´t doubt your part
Be ready to be loved“ (Yes – To be over)

 

Vorspann zum 3. Oktober 2018 : Gundermann (2018) von Andreas Dresen
Anschliessend spielt die Musik: Alexander Scheer & Band : Gundermann – Die Musik zum Film (2018)
Hauptfilm : Im Lauf der Zeit (1976) von Wim Wenders
Und als Itinerar, das
Buch: Fritz Müller-Scherz, Wim Wenders [Hrsg.]: Im Lauf der Zeit. Bild für Bild, Dialogbuch, Materialien. Frankfurt, Zweitausendeins. 1976. 334S.

Die Idee besteht seit zweiundvierzig Jahren. Leuchtete hin und wieder auf. Lebte weitgehend im Verborgenen und entging so dem Vergessen. Diente manchmal auch zu einer imaginären Flucht aus schwer erträglichen Verhältnissen.
In meinem vorletzten Beitrag beschrieb ich bereits ein intensives Erlebnis meines Lebens im Zusammenhang mit dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Und jetzt bestand endlich die Möglichkeit auf den Wegen des Films nachzuvollziehen, wie sich Deutschland verändert hat in den vergangenen zweiundvierzig Jahren und im Jahr 29 nach der Grenzöffnung.

Die Reisegesellschaft ist paritätisch besetzt. Sozialisationen in der alten BRD und der ehemaligen DDR. Da ist für reichlich Austausch gesorgt. Fragen und Antworten. Und gegenseitiges Staunen. Keine Wettbewerbe oder schräge Vergleiche. Allenfalls die kritische Hinterfragung eigener Fehl- oder Vorurteile und deren mögliche Korrektur.
Die Reise soll dem Streckenverlauf des Films von Wenders folgen. Wie haben sich Dörfer, Städte und Landschaften verändert in den vergangenen Jahrzehnten.
Aber wir wollen uns auch die Freiheit nehmen zu Abstechern. Erstens ist der Eiserne Vorhang offen und zweitens scheint es zu simpel, lediglich eine Filmroute nachzufahren. Es bieten sich in diesem grossartigen Land viel mehr Möglichkeiten zum Entdecken und Kennenlernen.
Und weil es keine Zufälle gibt, begegneten uns nicht wenige auf dieser Reise zu unserer Verblüffung.

Im Film verlief die Reiseroute von der Elbe im Wendland bis nach Oberfranken entlang der damaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Jeweils ein Abstecher der beiden Hauptdarsteller führte nach Viechtach beziehungsweise auf eine Insel beim Rheinkilometer 544. Die gemeinsame Filmreise endete in Hof an der Saale.

Es handelt sich um ein klassisches Roadmovie. Zwei Männer begegnen sich, sind für eine Zeit zusammen unterwegs und dann trennen sich ihre Wege wieder. Der eine fährt und lebt in einem alten Möbellastwagen und klappert in Dörfern und Kleinstädten die verbliebenen Lichtspieltheater ab, um dort anfallende Reparaturen an den technischen Ausrüstungen der Kinos zu erledigen. Der andere kommt aus Genua zurück, wo er sich offenbar von seiner Frau getrennt hat. Sie treffen sich, als er mit seinem Auto über Feldwege rast und seinen VW Käfer neben dem LKW in der Elbe versenkt. Damit beginnt der eigentliche Film.

Aufgrund der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit, vom dreissigsten September bis zum dritten Oktober, war vereinbart, die Wegstrecke in zwei Etappen aufzuteilen. Unsere erste Etappe, von der hier berichtet werden wird, führt also vom Wendland bis in die hessische Rhön südlich von Bad Hersfeld. Die zweite Etappe soll dann im Frühjahr des kommenden Jahres in Angriff genommen werden.

Der dreissigste September.
Die Reise beginnt mit dem Auffinden des ersten Drehortes. Vor einigen Jahrzehnten noch ein fast unlösbares Unterfangen, ist es mit Hilfe heutiger technischer Möglichkeiten fast ein Leichtes. Die Freude ist dennoch gross, als wir etwas seitlich der zerschossenen Brücke über dem Elbeufer stehen. Die Eisenbahnbrücke beginnt irgendwo auf einem Deich und endet am Elbufer. Im Film war sie zwei Bögen länger und endete in der Mitte der Elbe. Dort verlief die ehemalige Grenze zwischen der BRD und der DDR. Davon sind, zumindest hier, heute keine Spuren mehr zu entdecken. .
Die alte Wiebke-Tankstelle mit dem Schild für den Deutz-Dienst gibt es nicht mehr. Bei näheren Hinsehen jedoch kann man Mauerreste des Gebäudes der ehemaligen Tankstelle sehen, die in dem jetzigen Einfamilienhaus verbaut worden sind.
Gorleben ist nur wenige Kilometer entfernt. Dort sitzen wir bei untergehender Sonne am Elbufer versammelt zu einem sommerlichen Picknick. Die geplanten Lager in Gorleben wurden erst 1977  von der niedersächsischen Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Ernst „Fury“ Albrecht, dem Vater der Ursula von der Leyen, beschlossen. Als wir auf der Rückfahrt nach Lüchow von der Hauptstrasse abbiegen und uns einem der massiv bewachten Einfahrtstore nähern, kommt umgehend ein schwerer Geländewagen auf das Tor zugefahren. Ein schneller Schnappschuss zur Erinnerung ist dennoch im Kasten.
Die erste Nacht unserer Reise verbringen wir sehr originell in einer ehemaligen Gastwirtschaft in Lüchow.

Der erste Oktober.
Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Suche nach den Lüchower Schauburg-Lichtspielen in der Kirchstrasse. Nichts an dem etwas vernachlässigten städtischen Fachwerkhaus lässt Spuren des ehemaligen Kinos erkennen. In der direkten Umgebung entdecken wir einige weitere Drehorte. Kaum verändert und mit ganz wenig Phantasie sind sie zu erkennen.
Während im Film Bruno, der King of the Road, in den Landkinos die technischen Apparaturen repariert und instandsetzt, liest Robert, der Kamikaze, die jeweiligen Lokalzeitungen, wo immer er sie findet (Die Erklärung dafür gibts im zweiten Teil der Reise). Die Elbe-Jeetzel-Zeitung können wir beim Frühstück in Lüchow noch kaufen. Vorweggenommen sei, dass zwar fast alle im Film gezeigten Kinos inzwischen zu anderen Zwecken umgewandelt oder geschlossen sind. Im Gegensatz dazu scheinen sich die lokalen Zeitungen besser erhalten zu haben.
Fans der englischen Musikgruppe The Rolling Stones sollten in Lüchow das grösste private Rolling Stones Museum besuchen. Schier unglaublich, was dieser beinharte Fan im Lauf der Zeit so alles zusammengetragen hat. An diesem Montagmorgen ist es leider geschlossen.

Da wir in der glücklichen Lage sind, die ehemalige Grenze in beiden Richtungen nach Belieben überqueren zu können, machen wir davon im Verlauf unserer Fahrt ausgiebig Gebrauch. Als wir das Dorf Waddekath verlassen, zweigt rechts ein gut erkennbarer ehemaliger Kolonnenweg ab. Wir folgen ihm und erreichen nach etwa einem Kilometer ein Stück ehemaliger Grenzmauer am Waldrand. Ein Wachthäuschen nebenbei. In dem Waldstück liegt wie vergessen eine Panzersperre und daneben steht der alte Grenzpfahl. Direkt angrenzend liegt ein bäuerliches Gut mit seinen Scheunen und Stallungen. Felder und Wiesen endeten früher an dieser Grenze. Der kleine Bach ist jetzt ausgetrocknet. Ob er in älteren Zeiten auch schon Grenzgraben hiess. Ganz gleich, wo die Reisenden sozialisiert sind, die Ergriffenheit wird durch die Stille in dieser sonnigen frühherbstlichen Landschaft noch verstärkt.
Bei der Fahrt durch die alte Hansestadt Salzwedel steht der Wunsch rasch fest, diese schöne Stadt bei einem zukünftigen Wochenendbesuch zu entdecken und näher kennenzulernen..

In Wittingen erhalten wir eine praktische Lehre in Sachen historischer Forschung und dem speziellen Fachgebiet der Oral History. Wir suchen die Viehwertung gegenüber einer Texaco Tankstelle. Im Bewusstsein, dass seit der Drehzeit des Films zweiundvierzig Jahre vergangen sind, sprechen wir ausschliesslich ältere Menschen an.
Ja, die Viehverwertung, sagt die ältere Dame, die gibts zwar nicht mehr, aber das Gebäude steht noch. Es folgt eine leicht nachvollziehbare Wegbeschreibung. Wir finden jedoch nichts und stimmen überein, eventuell der Wegbeschreibung nicht genau gefolgt zu sein. An einer Tankstelle fragen wir erneut. Der Tankwart kann sich erinnern, weist in die entgegengesetzte Richtung und sagt, die alte Viehverwertung sei abgerissen und dort befände sich jetzt ein Supermarkt. Vor der Tankstelle spricht inzwischen eine Reiseteilnehmerin einen andern älteren Herrn an, auch der weiss sofort Bescheid und fragt, welche der beiden Viehverwertungen sie denn meine.
Wir kurven über eine Stunde in der Kleinstadt herum und kennen bald alle Strassen. Zwar finden wir das Anwesen der früheren Viehverwertung mit der gegenüberliegenden Texaco Tankstelle nicht, aber dafür freuen wir uns über das Interesse an unseren Projekt und die hilfsbereiten Gespräche der von uns angesprochenen Menschen.

Die Strassen durch die Südheide zum Wolfsburger Bahnhof sind gut ausgeschildert. Dort wollten sich der King of the Road und Kamikze eigentlich trennen und jeder seines eigenen Weges weiterziehen. Das einst weitläufige Areal vor dem Bahnhof (jetzt Hauptbahnhof!) in Wolfsburg ist längst mit postmodern erscheinenwollender Architektur bebaut. Wie auch im Bahnhof tummeln sich auf dem Vorplatz Spielhöllen und Läden mit Schnellmahlzeiten und verstellen den Blick, wie wir ihn im Film sehen konnten.
Auf meinen persönlichen Wunsch hin machen wir einen Abstecher hin zum Salzteich, in dessen unmittelbarer Nähe ich vor vielen Jahren wunderschöne Wochen unbeschwerter Kindheit verleben durfte.

Da sich Kamikaze für keinen passenden Zug von Wolfsburg aus entscheiden kann, blieben die beiden Männer zusammen. Die nächste Station von Bruno, dem King of the Road, ist das Roxy Kino in Helmstedt. Die Eisenbahnlinie, die man auf der Fahrt dorthin im Film sieht, ist längst stillgelegt. Die deutsche Bahn ist inzwischen ein privatisiertes, auf Profit ausgerichtetes Unternehmen, das nach seiner Kalkulation unprofitable Linien stilllegt und den Gleiskörper abbaut. Der Bundesminister der Finanzen nimmt mit, was zu holen ist. Was bleibt, ist das Problem der Menschen in dieser Region. Das war schon so, als das Gebiet noch als  Zonenrandgebiet bezeichnet worden ist.
Das Roxy Kino gibts noch, obwohl wir es erst auf den zweiten Blick erkennen. Ein kleines Häuschen mit dem Schriftzug Roxy im Stil der Seventies im Giebel steht an der Durchfahrtsstrasse. Wir erkennen erst später, dass weiter hinten und etwas seitlich versetzt die alte erhaben geprägte Inschrift wie im Film auf dem hellen Putz des Giebels noch immer zu sehen ist. Und der alte Seitenaufgang zum Vorführraum ist noch immer da. Die nächste Station wird in Schöningen sein. Die Park Lichtspiele in der Bahnhofstrasse.

Ja, gleich hier neben, da war das Kino. Den Eingang können Sie auf der Rückseite noch sehen. Die leider sehr dunklen Fotos im Filmbuch zeigen den Eingang keinesfalls auf der Rückseite. Von hier hinten kann der Film, schon aus Platzgründen, unmöglich aufgenommen worden sein. Eine weitere Zeitzeugin erinnert ebenfalls einen rückwärtigen Eingang zum Kino. Er muss aber vorn zur Strasse hin gewesen sein. Eine genauere Untersuchung der vorderen Fassade lässt bauliche Veränderungen dort erkennen, wo ursprünglich tatsächlich ein breiterer Eingang gewesen ist. Über die Gründe, warum die angesprochenen Passanten, das ursprüngliche Portal auf der Rückseite erinnerten, lässt sich trefflich spekulieren. Am naheliegendsten erscheinen architektonische Umbaumassnahmen. Der ehemals grosse Kinosaal wurde der Länge nach geteilt. Zur Strassenseite hin befinden sich heute zwei Kegelbahnen. Den anderen, rückwärtigen Teil nimmt inzwischen der Gastraum eines Lokals ein. Dies könnte vormals ein den Umständen angepasster, kleinerer Kinosaal gewesen sein.

Der zweite Oktober.
Von Schöningen bewegte sich das Filmteam westlich des Harzes vorbei nach Nordhessen. Wir entscheiden uns für die östliche Route. Eine kleine Stadtrundfahrt unternehmen wir in Blankenburg. Quedlinburg und Wernigerode sind restauriert und aufgrund der ertragreichen Einkünfte aus dem Tourismus in den beiden Städten, wird entsprechend in Renovierungen und Erhaltungsmassnahmen investiert. Blankenburg hingegen erweckt nach umfangreichen Restaurierungsmassnahmen in der Zeit nach der Grenzöffnung mittlerweile  stellenweise wieder deutliche Spuren des Verfalls. Nach einer Zwischenstation zur Proviantauffüllung in einem bekannten Nordhausener Unternehmen passieren wir einige Dörfer im Gebiet der vormaligen Grenze. Es ist eine ruhige, fast behäbig wirkende Region, die nach wie vor landwirtschaftlich geprägt ist.
Einzig die Grösse der jeweiligen Ackerflächen lässt erkennen, wo ehemals die Grenze zwei Landesteile getrennt haben mag. Oder in der Giebelwand eines früheren Gehöfts das Schild „LPG Gute Zukunft“.

In Witzenhausen erleben wir eine feine Überraschung. Der Vorführer muss zwar nicht mehr über ein Flachdach in den Vorführraum einsteigen, aber dafür ist das Capitol noch wohlerhalten und in Betrieb. Der Vorraum mit der Theke atmet die traditonelle Atmosphäre längst vergangener Kinoarchitektur. Leider gelingt es uns nicht, mit der Kassiererin in ein Gespräch zu kommen. Dass gleich eine Sondervorstellung die Dokumentation „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders zeigt, nehmen wir als schönes Zeichen.

Wenige Kilometer südlich von Witzenhausen liegt abseits der Bundesstrasse das Dorf Wendershausen. Kamikaze wunderte sich beim Blick auf die Landkarte über Ortsnamen wie Machtlos oder Friedlos. Der King of the Road ergänzt, der Berg zwischen diesen Dörfern hiesse Toter Mann. In den östlich gelegenen Regionen Hessens gibt es neunzehn Ortsnamen, die auf los enden.

Was uns viel tiefer beeindruckt, ist ein historischer Gebietstausch. Nur wenige Kilometer entfernt grenzten die Besatzungszonen der Briten, Amerikaner und Sowjets aneinander. Besonders betroffen davon war die Bahnstrecke Bebra Göttingen. Dort mussten die westlichen Besatzer für einige Kilometer durch die sowjetische Zone fahren. Das war mit viel Bürokratie verbunden. Zur Vereinfachung einigte man sich auf einen Gebietstausch. Dabei fielen einige hessische Dörfer in den sowjetischen Verwaltungsbereich und einige thüringische kamen zu Hessen. Nach der Ratifizierung des Vertrages tauschten Russen und Amerikaner jeweils eine Flasche Wodka gegen eine Flasche Whisky. Die Bahnlinie wurde danach als Whisky-Wodka-Linie bekannt. Auch nach 1989 wurde dieser Gebietstausch nicht mehr rückgängig gemacht. Vielleicht erinnern sich auch nur noch ältere Menschen daran.

Nach 1945 wurden Dörfer nach den jeweiligen Interessen und Bedürfnissen der Besatzungsmächte ausgetauscht oder geteilt. Für mich ein besonders unmenschliches Beispiel ist die Hossfeldsche Druckerei in Philippstal ganz in der Nähe unserer Route. Im Zuge von Umbauten und Erweiterungen lag diese Druckerei ab 1924 zu je einem kleineren Teil in Thüringen und einem ´grösseren im preussischen Teil Nordhessens.
Durch die willkürliche neue Grenzziehung verlief der Zaun ab 1952 durch die Gebäude der Druckerei. Die Verbindungstür zum östlichen Teil des Gebäudes musste zugemauert werden. In Folge des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1972 wurde den Eigentümern ihr östlicher Gebäudeteil dann 1976 von der DDR wieder zurückgegeben. Die Grenze verlief seitdem im Abstand einiger Meter von der Hossfeldschen Druckerei.

Der dritte Oktober.
Nach einer Übernachtung in Bad Hersfeld finden wir bald ein im Film wichtiges Gebäude. Gegenüber davon befand sich ein, halb im Boden versenkter, weiss angestrichener LKW als Bratwurststand. Den Imbiss gibt es nicht mehr. Dafür steht dort heute ein Container, in dem Backwaren verkauft werden. So ändern sich die Speisestationen im Lauf der Zeit. Auffällig ist allerdings, dass die Umgebung um den weitgehend freien Platz nicht stimmt. Ideen, Anregungen und Überlegungen führen zu keinem Ergebnis. Die Lösung besteht in den Möglichkeiten des Filmschnitts, den wir nicht bedenken. Erst nach der Reise findet sich, dass die Szene am Bratwurststand an der B27 am Ortsausgang von Bad Hersfeld gedreht worden ist. Das scheinbar gegenüberliegende Eckhaus mit der Telefonzelle dagegen steht nur wenige Kilometer entfernt in einem kleinen Ort. Der erste Teil unserer Filmreise endet hier und unsere Reise zum Tag der deutschen Einheit beenden wir mit einem letzten Abstecher.

Der führt uns zum „Haus auf der Grenze“ zwischen den Dörfern Rasdorf (Hessen) und Geisa (Thüringen). Als eine von vielen Grenzgedenkstätten ist die dortige Ausstellung sehr informativ. Wobei mich persönlich die plötzlich in der Landschaft zu entdeckenden Artefakte viel mehr berühren.
Anschliessend überqueren wir auf dem Kolonnenweg einige hundert Meter bis zum Point Alpha im Fulda Gap. Die NATO erwartete während des vormaligen Kalten Krieges den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes an vier möglichen Lücken (Gaps). Eine davon befand sich nordöstlich von Fulda. Der sogenannte Point Alpha war eine usamerikanische Beobachtungsstation. Hier standen sich die jeweiligen Beobachtungsstationen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in unmittelbarer Nähe gegenüber. Mit unseren Eintrittskarten vom Haus auf der Grenze können wir auch diesen Erinnerungsort betreten. Seit 2008 verwaltet die Point Alpha Stiftung das Gelände.
Noch voll von Eindrücken aus dem Museum und dem schweigenden Gang auf dem Kolonnenweg, herrscht am Point Alpha Volksfeststimmung. Die bis 1991 von der amerikanischen Besatzungsmacht genutzten Einrichtungen sind zu besichtigen. Was uns etwas verwirrt, sind die Stände mit Rhöner Spezialitäten. Die Hüpfburg und die anderen Kinderbelustigungen. Als aus einem Festzelt der Chor und die Musikkapelle „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ anstimmen, verlassen wir das Gelände.

Als persönliches Resümee dieser kurzen und dennoch intensiven Reise bin ich dankbar für neue Erkenntnisse, Gedanken und Fragen. Diese werden mich sicherlich weiterhin beschäftigen.
Die Unmenschlichkeit, mit der eine Bevölkerung gehindert worden ist, sich individuell frei zu bewegen, wurde mir einmal mehr sehr deutlich vor Augen geführt.
Wie schwer das alltägliche Leben der Menschen in der Fünf-Kilometer-Zone gewesen sein muss, kann ich noch immer nicht greifbar nachvollziehen. Die Gespräche mit den Menschen unterwegs, ganz gleich in welchem Bundesland, waren angenehm und förderlich. Uns widerfuhr fast immer sehr  viel Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft, wenn wir unseren Spruch aufsagten von der Spurensuche nach mehr als vierzig Jahren und der Veränderung.
Nicht zu vergessen die Schönheit und historische Gewachsenheit vieler Dörfer und Städte, durch die ich gekommen bin. Und die wunderbaren Wechsel fantastischer Landstriche. 

Während der Gespräche wurde mir bewusst, dass es für mich an der Zeit ist, den sich landläufig einschleifenden Wortgebrauch zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Die Zuschreibungen Ossi oder Wessi will ich fürderhin in meinem Sprachgebrauch vermeiden. Sie sind nicht witzig sondern werden weitgehend abwertend gebraucht. Der Begriff der Wende wird dabei oftmals bilanzierend im Kontext mit den Wendeverlierern gebraucht. Damit werden meist Menschen in den neuen Bundesländern bezeichnet, die durch die Wende ihren Arbeitsplatz verloren haben. Dabei sollte man differenzieren zwischen den verschiedenen Bedingungen und Auswirkungen sogenannter Wendeverlierer. Und neben denen in den neuen Bundesländern auch diejenigen in den alten Bundesländern nicht vergessen.
Auch das strapazierte Wort Wiedervereinigung hat für mich inzwischen einen bitteren Geschmack. Man erinnere sich bloss an den schnellen Wechsel der Parolen seinerzeit.
Die Menschen, die zuerst auf die Strassen gingen und ihre Köpfe riskierten, taten das für einen politischen Wechsel in ihrem Land. Im Haus auf der Grenze ist ein frühes Flugblatt der Bewohner von Geisa ausgestellt. Die Menschen forderten einen demokratischen Sozialismus, Abbau der Partei-Bürokratie und der Sicherheitsdienste, mehr Geld für die Versorgung der Bevölkerung, Transparenz bei politischen Entscheidungen, freie Wahlen und Bewegungsfreiheit (Geisa lag in der Fünf-Kilometer-Zone). „Wir sind das Volk!“
An diese Rufe erinnere ich mich noch aus Nachrichtensendungen. Schnell ersetzte das Wörtchen ein das Vormalige das.
„Wir sind ein Volk!“ Da trauten sich die ersten Mitläufer mit ihren partikularen Privatinteressen mitzulaufen. Und noch schneller hörte man das „Deutschland, einige Vaterland!“ Das Ende vom Lied wurde angestimmt mit : „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann kommen wir zur D-Mark!“ Mit der D-Mark kam dann ziemlich rasch auch das Abwickelkommando der Treuhand. Und die bekannten Folgen.

Der Rest scheint bekannt. Und ist dennoch, wie ich immer wieder in Gesprächen feststelle, weitgehend unbekannt. Und das wird so bleiben, solange sich nicht Menschen mit den unterschiedlichen deutschen Sozialisationen zusammensetzen und miteinander sprechen. Ich will jedenfalls bereit sein und folge gerne dem Satz von Leslie Fiedler : „Cross the border, close the gap.“

 

(Auf Reisen tauchen mannigfaltig viele Bilder auf – hier ein für mich unerwarteter Anblick)

 

 

Advertisements

Reduktion – Alles verändert sich, wenn Du es veränderst!

Die DoppelLP wurde gespielt bis sie fast durchsichtig geworden war : Klaus Hoffmann – Ich will Gesang, will Spiel und Tanz (1977). Viele Texte sind für mich auch heute noch gültig…

Am Strassenrand gefunden und mitgenommen : Langenscheidts Kurzgrammatik Lateinisch. Langenscheidt, Berlin etc. 1996, 13. Auflage. Immer wieder mal nachschauen lohnt sich meist für mich. Auf merkwürdigen Wegen fand dieses Buch den Weg zu mir :
Max u. Gerda Mezger : Meine Frau die Gärtnerin. Verlag Hans Dulk, Hamburg 1955. …

Wollen wir ein paar Scheiben von dem Wacholderschinken nehmen?
Klar, gerne.
Darfs noch etwas sein?
Mh, hättest du auch Lust auf diese Wurst da?
Oh ja, die sieht lecker aus.
Legen Sie uns bitte das kleine Stück da noch dazu.
Gerne. Haben Sie noch andere Wünsche?
Nein, das reicht, vielen Dank…
Später beim Frühstück hältst du plötzlich inne und sagst mehr zu dir selbst als in die Runde : Wie privilegiert sind wir doch, dass wir in einem Geschäft mit vollem Angebot einfach auswählen können, was wir möchten. Dein Blick, als du das sagtest, durchfuhr mich wie ein leichter Stromschlag. Wenn wir über die Zustände in diesem Land sprechen wissen wir, es muss sich etwas verändern.

Der Film Im Lauf der Zeit von Wim Wenders wurde gedreht in elf Wochen zwischen dem 1. Juli und dem 31. Oktober 1975, zwischen Lüneburg und Hof, entlang der Grenze zur DDR. Die Premiere fand am 4. März 1976 im Kino Kurbel in Berlin statt. An einem der darauffolgenden Wochenenden warst du zu Besuch bei uns in Berlin. Wir haben den Film wahrscheinlich in der Filmkunst 66 in der Bleibtreustrasse gesehen, denn das war eines meiner Stammkinos in Berlin. Nach der Vorstellung verliessen wir das Kino schweigend. Unsere Blicke waren jedoch vielsagend. Aber das wurde mir erst zwölf Jahre später bewusst.

Das war auch so ein typisches Erlebnis am letzten Sonntag. Wir stoppelten auf dem abgeernteten Zwiebelfeld, was liegengeblieben war und von der Erntemaschine nicht aufgenommen wurde. Die kleinen Zwiebelchen mit dem feinen starken Aroma. Im Nu hatten wir drei, vier Kilo gesammelt. Am Feldrand radelte eine Gruppe Ausflügler vorbei. Einer schrie vom Sattel seines Elektrohobels aus zu uns herüber aufs Feld : Ein Kilo kostet sechzig Cent. Im nächsten Supermarkt wahrscheinlich.
Wir schauen uns an und verstehen uns wortlos. So vielen Menschen sind inzwischen die finanziellen Aspekte wesentlich wichtiger als das wahrnehmende Erleben. Sich miteinander vergnügen statt miteinander zu arbeiten. Vergnügen am liebsten als Dauerprozess. Und möglich bequem und preiswert. Und risikolos, versteht sich. Die Verantwortung tragen die anderen. Dabei wird der Konsum in der Freizeit mit Freiheit verwechselt. Statt wenigstens einmal auszuprobieren in einer gemeinsamen Arbeit Lebensfreude zu empfinden und anschliessend den Erfolg zu geniessen.

Das Internet erleichtert viele Recherchen. Wenn ich daran denke, wie viel Arbeit es bereitete und welche Wege man gehen musste, um seinerzeit die Fahrtstrecke in dem Film von Wenders zu rekonstruieren. Anfangs wollten wir sie noch auf unseren Motorrädern abfahren. Doch zuerst kam dies dazwischen und dann jenes. Aufgeschobene Zeiten. Macht ja nichts, es fehlen noch immer einzelne Teilstücke der Strecke. Und ausserdem haben wir ja noch ewig Zeit.
Sprachlosigkeiten in der WG trennten sich unsere Wege für zwei Jahre. Was jedoch stets gültig blieb, war dieser eine (zumindest für mich) bedeutende und entsprechend bei jeder Gelegenheit bis zur Floskel von uns allen, die den Film gesehen hatten, zitierte Satz : „es muss alles anders werden“. Eigentlich aber sprachen wir vorwiegend über irgendetwas statt von uns. Ändern müssen es die anderen, wir waren doch die grossen Durchblicker.

Ich freue mich auf dieses Wochenende. Wir haben fleissig Samen gesammelt von Malven, Mohn, Wicken und Nigella und werden ihn aussäen. Für die kommenden Tage hat gestern die Pflanzzeit begonnen. Leider ist keine gute Erntezeit für Früchte. Aber unser frisch gekochtes Birnenfeigenkompott wird uns vorzüglich schmecken.
Wenn wir zusammen essen, sagen wir uns oft lachend, dass Essen unsere Lieblingsspeise ist. Wir sind uns einig darin, dass wir die Zustände um uns herum nur dadurch verändern, dass wir uns selbst ändern. Der Satz „es muss alles anders werden“ verlagert lediglich die Verantwortung ins Irgendwo. Global denken und regional handeln als erste Richtschnur. Bei sich selbst anfangen.

Als ich dich aus der schweizer Klinik abholte war klar, dass der Sand jetzt schneller durch die Uhr rinnen wird. Wieso konnten wir jetzt so einfach miteinander sprechen? Ohne wenn und aber. In den folgenden zwei Wochen. Lang, persönlich und essentiell. Und auch, dass sich alles ändern müsse; dass man alles selbst ändern müsse. Ich hatte inzwischen die letzten fehlenden Wegstrecken so einigermassen herausfinden können. Als du sonntags überraschend ins Krankenhaus gefahren wurdest, sprachen wir nochmals über die Strecke. Am späteren Abend hast du dann das Bewusstsein verloren. In vier Wochen auf den Tag wird es dreissig Jahre her sein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die erkaltete wächserne Hand eines toten Menschen in meiner Hand hielt.
Als sich im Film die Wege der beiden Männer trennen, pinnt Robert aussen an der Tür einen Zettel an : es muss alles anders werden. Das solong ist mir bis heute geblieben.

Wir haben nicht den Schlüssel zum Paradies. Wir wissen aber, dass der Weg vor uns, vor unseren Augen liegt. Und dass er Arbeit ist. Nicht zurück in Anklagen schielen, um die Verantwortung für unsere Bequemlichkeit anderen als Schuld zuzuschieben. Den Eltern, Geschwistern, Schulkameraden, Lehrern oder anderen Menschen. Ich bin dankbar für die Menschen um mich herum, die versuchen, sich täglich ein wenig zu ändern. Die gelegentlich stolpern dabei und dennoch ihr Lächeln nicht verloren haben. Die mir Vorbild und Ansporn sind dafür; andere, noch unbekannte Wege zu gehen.
Entweder wir arbeiten aktiv mit an notwendigen Veränderungen oder wir werden von den Umständen zwangsweise verändert werden.

„Wieder eine Nacht, wieder eine Nacht,
die wir mit reden zugebracht,
wir haben festgestellt, haben festgestellt,
dass nur die Tat uns Beine macht,
und wir merken jeder Tag ist Arbeit und wir sehen ein,
jeder Schritt zurück muss neuer Anfang sein,
wir sind doch viel zu viele um allein zu sein….“ (Klaus Hoffmann – Ein neuer Anfang)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

 

(Das erste Bild ist ein Schnappschuss aus dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Das zweite Bild ist eine Photographie von heute Mittag, als ein schwacher Orkan hier durchgezogen ist.)

 

 

 

 

Nichts neues – wie immer alles im Fluss

Ein Konzert, bei dem ich gerne dabeigewesen wäre. Wenn eine Band einen Klassiker Jahrzehnte später nochmals komplett auf der Bühne spielt, stehen die Chancen für ein positives Ergebnis 50:50. Die wirklichen Profis erkennt man an den 50 superklasse Prozent: The Rolling Stones – Sticky Fingers Live. Das Konzert kommt über den Hörer wie eine angenehme wegfetzende Welle…

Faulkner hatte irgendwie doch Recht mit seinem Bonmot, das mir mein Abreisskalender vor einigen Wochen präsentierte. „Die Vergangenheit ist nie tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“ Wer genau hinschaut, kann für sich selbst Beispiele finden.

Auf einem Gartenfest begegnete mir ein Gast, dem ich Jahre nicht mehr begegnet bin. Wir begrüssten uns. Merkwürdig anders als früher. Wir hatten damals immer zwei, drei auflockernde Sprüche drauf. Später am Abend erst erfuhr ich von anderer Seite, warum nur trockenes Wortholz aus dem Gast hervorbrach. Demenz, Tendenz rasch zunehmend. Ein anderer Gast war garnicht erst erschienen. Der klimatischen Verhältnisse wegen zusammengeklappt.
Und sie sind nur wenige Jahre älter als ich. Wohin wird meine Reise gehen?

Ich kam spät abends nach Hause. Hörte ein merkwürdig rhythmisches Geräusch. Mmfff mmfff mmfff. Das musste hinten irgendwo im Garten sein. Mmfff mmffff. Ich sah nichts. Alles lag im Dunkel. Mmfff. Das Licht der Strassenlampe fiel nicht in die Ecke, aus der das Geräusch zu kommen schien. Mmff. Mist, keine Taschenlampe. Aaahh, die elektronische Handfessel ist ja gleichzeitig auch eine Lampe. Mmfff mmfff mmfff. Etwa zwei Meter vor mir hatten zwei Igel Geschäfte. Revierkampf, Hochzeit oder was auch immer. Mmfff. Von meiner Beleuchtung liessen sie sich nicht beeindrucken. Mmfff mmfff. Erinnerungen stiegen auf. Mmfff. Der eine Igel war selbst hier im Blog schon einmal Thema. Er hatte also überlebt seit damals. Mmfff mmfff mmfff, der stumme Igel sucht das Weite. Wohin wird er getrippelt sein? Der Zurückgebliebene mmfffte nicht mehr.

Elio Fiorrucci († 20.7.2015) hats hinter sich gebracht. Zwanzig andere werden in seine Fussstapfen treten wollen. Das wird bei Dieter Moebius († 20.7.2015) kaum möglich sein. Der Mann war ein ausserordentlich innovativer Musiker. Vielleicht haben es hierzulande dehalb so wenige Menschen bemerkt. Im Ausland jedenfalls hatte er einen hervorragenden Ruf. Seine Musik wird weiterhin erklingen und das Wasser fliesst den Rhein hinunter.

Die Nacht war zu kurz. Der Tag floss zäh dahin. Termine und Gespräche. Die schwere körperliche Arbeit zwischendurch machte Freude, forderte jedoch ihren Tribut in längeren Verschnaufzeiten. Viel ist geschehen in den letzten Wochen. Die Bilder der Erinnerung daran formen fliessend sich zu Gedanken, die Gefühle klären und erkennbar machen.

Abends lag ich am Rheinufer. Einen gespritzten Äppler zum Tagesausklang. Schiffe schwammen vorbei.
Den alten Zollhafen in Mainz haben die Spekulanten übernommen. Projektieren für die, die sichs anschliessend leisten können, am Wasser wohnen zu wollen. Abends nach den Überstunden und dem Ausgelaugtsein.
Als ich vor Jahren dort eine Portraitserie mit Prinzessin Li Si machte, hatte im Hafenbecken gegenüber Das Binnenschiff „Palermo“ festgemacht. Meine innere Stimme rief mir zu: „drück den Auslöser.“ Ich unterliess es.
Kurze Zeit später war ich bei der Uraufführung des damals aktuellen Films von Wim Wenders „Palermo Shooting“ im Beisein des Regisseurs. In der Eröffnungssequenz des Streifens fuhr die „Palermo“ auf dem Rhein entlang.
Nichts vergeht wirklich. Die Leiden nicht und auch nicht die Freuden. Etwas bleibt immer. Für das Gepäck unserer Lebensreise. Unauslöschlich.
Und das Vergangene kehrt zurück zu seiner Zeit.

(Foto anklicken und die Galerie öffnet sich)

Das legendäre Badewannenrennen in Leipzig

Heute schweigt der Tangodiesel – keine Musik…

Nach einem stärkenden Frühstück schwangen wir uns auf die Sättel der Räder. Ziel war das Völkerschlachtdenkmal, jenes monumentale Monstrum aus Stein, das die Völkerschlacht 1813 und den Sieg über die napoleonischen Armeen verherrlichen sollte. Vor einem neuerlichen Krieg und den Untergang deutscher Armeen im Jahr nach seiner Einweihung hat es nicht bewahrt.
Unser Ziel ist jedenfalls das Bassin vor dem Völki. Dort soll das 23. und definitiv letzte Badewannenrennen stattfinden. Einen kurzen Zwischenhalt legen wir am Panometer ein.
Danach gehts zum Ort des Geschehens. Die ersten Wannen sind bereits zu Wasser gelassen. Keine ist beim Stapellauf untergegangen, was bei den vorherigen Veranstaltungen durchaus auch schon vorgekommen sein soll.
Folgende Teams in ihren kühnen Konstruktionen stellten sich zuversichtlich den Wettbewerben des Tages: Humanmediziner, die jungen Liberalen mit ihrem Pfandfreigefährt, Die Linke mit der roten Zora, Architekten im Betonboot, Schwarzes Leipzig in der Wanne des Todes, die Euterpiraten, die Azubis der Stadtwerke und der Froschkönig.

Nur allein schon der Ort des Geschehens. Man stelle sich eine andere Grossstadt in Deutschland vor, in der an einem solch geschichtsträchtig aufgeladenen Ort eine derartige Veranstaltung möglich wäre. Mir fiel keine ein. Das Publikum war vielfältig gemischt; jung und alt, alle soziale Schichten waren anwesend, viele junge, bunte Menschen. Die Stände rund ums Bassin erinnerten mich an Festivals in den frühen Jahren. Allerlei Selbstgemachtes wurde angeboten und selbst an den hochkommerziellen Ständen wurden lediglich Volkspreise verlangt – wo gibts das noch?
Die Teams mussten verschiedene Aufgaben bewältigen. Eine Zielfahrt zu Beginn, eine Regatta mit Hindernissen und als Höhepunkt das Wannenstechen. Dabei stand ein Mitstreiter auf einem äusserst wackligen Ponton vor der Wanne. Mit einer präparierten Lanze musste der gegnerische Kämpfer vom Ponton ins Brackwasser gestossen werden. Wer dabei sein Ponton verliess, hatte verloren. Begleitet wurden die Wettkämpfe von zwei Moderatoren. Ihre Kommentare waren bestes politisches Kabarett, und wenn sich bei manchen Sprüchen auch die Zuschauer vor Lachen krümmten, nie waren die Witze beleidigend oder gar unter die Gürtellinie. Meine Tränend(r)üsen arbeiteten im Akkord.
Meine Hochachtung für diese stundenlange, herausragende Arbeit der Moderatoren.

Was mir ebenfalls auffiel, war das Miteinander der verschiedenen Teams. Es war ein menschlich herzlicher und vor allem lustiger Wettbewerb. Dafür meinen Dank an die Teams, derlei sieht man nicht oft.
Ich habe meine Kameras wund fotografiert. Bei der Sichtung der Fotografien stellte ich allerdings fest, dass offensichtlich das Treiben und die Menschen rund um die Veranstaltung mindestens ebenso meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben wie die Wettbewerbe selbst. Für den Film am Ende dieses Beitrages, der die grossartige Atmosphäre besser vermittel als meine wenigen Worte und Fotografien es könnten, gebührt dem mir unbekannten Herrn Dirk Fischer ein heisser Dank. Ich habe nochmals schallend gelacht. Leider hat er das Wannenstechen nicht dokumentiert. Aber es gibt ja auch noch Fotografien.

PS: Ganz herzlichen Dank an meine tolle Gastgeberin für dieses einmalige Schauspiel.
PPS: Bei der Auswahl der Galerie entschied ich mich spontan für einen weiteren Beitrag mit Portraits von den Zuschauern)

                                              (Eine Fotografie anklicken und die Galerie öffnet sich sogleich)

 

Und hier das filmische Dokument von Herrn Fischer, das die Atmosphäre bestens vermittelt.
Vielen Dank Herr Fischer für Ihre Aufnahmen:

.

Hin und her, auf und nieder – der April

Hohe Erwartungen können tief enttäuscht werden. Der schlagzeugende Sohn vom Gitarristen der Yes versucht sich jazzend an David Bowies Berliner Werken: Dylan Howe – Subterranean New Designs on Bowie’s Berlin (2014). Und dann noch dieses Wetter. Da greife ich zu altbewährten Stimmungsaufhellern aus Krautrocklanden. Walpurgis – Queen of Saba (1972), Cravinkel – The Garden of Loneliness (1971) und danach Alcatraz – Vampire State Building (1971)…

Ich bin kein Seriengugger. Ich habe es zwar schon mehrfach (auch hier im Blog) behauptet, muss mich nun jedoch ein klein wenig korrigieren. Das stimmt so absolut nicht. Klar, früher habe ich viele Serien gesehen. (Und schon schreit die Jungfrau in meinen Sternen nach einer Auflistung). Aber auch in jüngerer Zeit gab und gibt es Serien, die ich mir ansehe. Wegen des miserablen Wetter und mehrerer sehr kurz geschlafener Nächte nutzte ich die Zeit zum Gugge. Für mich eine der genialsten Serien, die ich kenne. Heimat von Edgar Reitz. Ein Jahrhundert Deutschland. Die erste Staffel ist für mich Geschichtsunterricht. Vom Ende kenne ich einiges noch aus eigener Anschauung hier in Lummerland. Vieles von dem, was in der zweiten Staffel geschieht, habe ich mit einer gewissen altersbedingten Verzögerung so ähnlich selbst erlebt. Und bei der dritten Staffel war ich quasi als Zeitzeuge dabei. Bei jedem neuerlichen Anschauen fallen mir wieder andere Aspekte auf. Das geht mitunter nicht ohne Emotionen ab.

Weil Helmut Dietl ist gestorben ist, fällt mir Monaco Franze, der ewige Stenz wieder ein. Die Folgen dieser Serie hält Onkel Juhtjuhp bereit. Beim Wiedersehen der eine gedanke: so unschuldig waren 1980er Jahre. Und so weit weg von heute. Wenn ein Autor des 18. oder 19. Jahrhunderts in einem Roman die Antike thematisierte, war er dieser, sehr lange zurückliegenden Zeit näher als wir Heutigen der Zeit des Autors. Wie lange werden die Menschen die immer weiter zunehmende Beschleunigung noch aushalten können, ohne schlimmeren Schaden am Bewusstsein zu nehmen?

Nachts verwirrende Träume um Wörter. Entbinden. Warum die Zunft der Historiker fast überwiegend von Männern besetzt ist. Vielschichtige Betrachtungen um den Begriff Entbindung. Ich will an der Diskussion nicht teilnehmen. Habe Durst, mir ist kalt. Viel sinnleeres Geschwafel, mit akademischem Anstrich fein formuliert. Ätzend. Ich suche nach Boykottwitzen. Männer können bloss entbunden werden, nicht entbinden. Vielleicht können sie deswegen auch keine elektrischen Geräte erfinden, die gänzlich ohne Nabelschnur, äähh Kabel auskommen. Selbst ein Kraftfahrzeug muss über kurz oder lang wieder durch einen Schlauch an der Zapfsäule versorgt werden. Mir fallen immer weitere Beispiele ein. Oder mit Molly Bloom aus dem Ulysses zu reden: „Männer wollen immer wieder dorthin zurück, wo sie herkommen.“ Vielleicht ist aus diesem Grund die Geschichtsschreibung irgendwo in diesem defekten Gen eingeschrieben. Ich werde des Saales verwiesen. Endlich wird die Leinwand frei für andere Träume.

Ich kehre auch gerne an Orte zurück, die ich kenne. In das Kloster Eberbach zum Beispiel. (Foto anklicken und gross gugge)

Fremdgugge VI

Die neue Scheibe von Pink Floyd „The endless River“ begeistert mich keineswegs, die Stücke hören sich an wie ein Aufguss aus Altbekanntem. Ein ganz anderes Kaliber war das Konzert von Yes am 28.11. in Tokio, ganz grosses Ohrenkino. Auf die neue Scheibe von den Smashing Pumpkins – Monuments to an Elegy, die ich heute Abend als Vorabexemplar hören darf, bin ich schon gespannt…

Meine beiden fotografischen Entdeckungen für dieses Jahr stehen fest. Vivian Maier und Sebastiao Salgado. Zwei überaus bemerkenswerte Menschen und Fotografen. Für mich sind ihre Werke fotografische Solitäre. Einzigartig ist jedes für sich. Und trotz aller neuen Entdeckungen schaue ich mir bei Gelegenheit immer wieder gerne ältere Fotobücher an. Vor allem wegen der Technik. Über manche Hinweise lächelt man heute, moderne Kameras entheben den Lichtbildner von ausgebufften Improvisationen oder kühnen Hilfskonstruktionen. Aber um das Auge zu schulen, sind diese Bücher durch nichts zu ersetzen.
Von einem dieser frühen Meister habe ich ein kleines dünnes Bändchen mit dem Titel nakt, das 1952 erstmals erschienen ist. . Es geht darin um die Grundlagen der künstlerischen Aktfotografie im Gegensatz zu billigen Nacktaufnahmen.
Der Fotograf Willy Zielke (1902 – 1989) hatte da schon einen weiten Weg mit einer erstaunlichen Karriere zurückgelegt. Nach dem Studium der Fotografie an der Staatslehranstalt in München wurde er dort selbst rasch Lehrer. Seine radikal neue Art zu fotografieren machte ihn bald bekannt. Neben der Fotografie begann er sich für das Medium Film zu interessieren. Zum hundertjährigen Jubiläum der Eisenbahn drehte er im Auftrag der Reichsbahn den aufsehenerregenden Film „Das Stahltier“ (1935). Der Film wurde nach seiner Fertigstellung verboten. Heute ist der Film auf DVD erhältlich und gilt als Meisterwerk, kurze Schnipsel sind bei Onkel Juhtjuhp zu sehen. Ich kannte den Mann lediglich als Fotografen.
Kürzlich sah ich eine Folge der Dokumentationsserie „Vorfahren gesucht.“ Darin ging es um Willy Zielke. Nachdem Leni Riefenstahl seinen Eisenbahnfilm gesehen hatte, engagierte sie Zielke um die Einleitungssequenzen ihrer beiden Olympiafilme zu drehen. Die Eröffnungsszenen dieser Filme sind für die damaligen Verhältnisse künstlerisch sehr aufwändig gestaltet. Ich bestaunte früher den Einsatz der Weitwinkelobjektive und dachte die Riefenstahl hätte diese Ideen und den Blick dafür gehabt.
Der Gestalter war jedoch Willy Zielke. Wie sehr verschieden sein Weg nach der Zusammenarbeit von dem der Riefenstahl war, der er bei ihrer Karriere im Wege stand, belegt die Dokumentation eindrücklich. Wie einfach es in jenen Zeiten scheinbar gewesen ist einen Menschen verschwinden zu lassen. Und ihn wieder ins Leben zurück zu befördern. Dass Zielke in der Psychiatrie inzwischen zwangssterilisiert worden war, interessierte niemanden. Er wurde wieder freigelassen weil seine Fähigkeiten wieder gebraucht worden sind. Und zwar für enen Film von Leni Riefenstahl, die Zielke selbst aus der Psychiatrie abgeholt hat.
Beklemmend und vielleicht gerade deswegen auch sehenswert. (Die roten Textstellen sind Links, der vierte führt zu der Dokumentation.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges Wochenende.