Nichts neues – wie immer alles im Fluss

Ein Konzert, bei dem ich gerne dabeigewesen wäre. Wenn eine Band einen Klassiker Jahrzehnte später nochmals komplett auf der Bühne spielt, stehen die Chancen für ein positives Ergebnis 50:50. Die wirklichen Profis erkennt man an den 50 superklasse Prozent: The Rolling Stones – Sticky Fingers Live. Das Konzert kommt über den Hörer wie eine angenehme wegfetzende Welle…

Faulkner hatte irgendwie doch Recht mit seinem Bonmot, das mir mein Abreisskalender vor einigen Wochen präsentierte. „Die Vergangenheit ist nie tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“ Wer genau hinschaut, kann für sich selbst Beispiele finden.

Auf einem Gartenfest begegnete mir ein Gast, dem ich Jahre nicht mehr begegnet bin. Wir begrüssten uns. Merkwürdig anders als früher. Wir hatten damals immer zwei, drei auflockernde Sprüche drauf. Später am Abend erst erfuhr ich von anderer Seite, warum nur trockenes Wortholz aus dem Gast hervorbrach. Demenz, Tendenz rasch zunehmend. Ein anderer Gast war garnicht erst erschienen. Der klimatischen Verhältnisse wegen zusammengeklappt.
Und sie sind nur wenige Jahre älter als ich. Wohin wird meine Reise gehen?

Ich kam spät abends nach Hause. Hörte ein merkwürdig rhythmisches Geräusch. Mmfff mmfff mmfff. Das musste hinten irgendwo im Garten sein. Mmfff mmffff. Ich sah nichts. Alles lag im Dunkel. Mmfff. Das Licht der Strassenlampe fiel nicht in die Ecke, aus der das Geräusch zu kommen schien. Mmff. Mist, keine Taschenlampe. Aaahh, die elektronische Handfessel ist ja gleichzeitig auch eine Lampe. Mmfff mmfff mmfff. Etwa zwei Meter vor mir hatten zwei Igel Geschäfte. Revierkampf, Hochzeit oder was auch immer. Mmfff. Von meiner Beleuchtung liessen sie sich nicht beeindrucken. Mmfff mmfff. Erinnerungen stiegen auf. Mmfff. Der eine Igel war selbst hier im Blog schon einmal Thema. Er hatte also überlebt seit damals. Mmfff mmfff mmfff, der stumme Igel sucht das Weite. Wohin wird er getrippelt sein? Der Zurückgebliebene mmfffte nicht mehr.

Elio Fiorrucci († 20.7.2015) hats hinter sich gebracht. Zwanzig andere werden in seine Fussstapfen treten wollen. Das wird bei Dieter Moebius († 20.7.2015) kaum möglich sein. Der Mann war ein ausserordentlich innovativer Musiker. Vielleicht haben es hierzulande dehalb so wenige Menschen bemerkt. Im Ausland jedenfalls hatte er einen hervorragenden Ruf. Seine Musik wird weiterhin erklingen und das Wasser fliesst den Rhein hinunter.

Die Nacht war zu kurz. Der Tag floss zäh dahin. Termine und Gespräche. Die schwere körperliche Arbeit zwischendurch machte Freude, forderte jedoch ihren Tribut in längeren Verschnaufzeiten. Viel ist geschehen in den letzten Wochen. Die Bilder der Erinnerung daran formen fliessend sich zu Gedanken, die Gefühle klären und erkennbar machen.

Abends lag ich am Rheinufer. Einen gespritzten Äppler zum Tagesausklang. Schiffe schwammen vorbei.
Den alten Zollhafen in Mainz haben die Spekulanten übernommen. Projektieren für die, die sichs anschliessend leisten können, am Wasser wohnen zu wollen. Abends nach den Überstunden und dem Ausgelaugtsein.
Als ich vor Jahren dort eine Portraitserie mit Prinzessin Li Si machte, hatte im Hafenbecken gegenüber Das Binnenschiff „Palermo“ festgemacht. Meine innere Stimme rief mir zu: „drück den Auslöser.“ Ich unterliess es.
Kurze Zeit später war ich bei der Uraufführung des damals aktuellen Films von Wim Wenders „Palermo Shooting“ im Beisein des Regisseurs. In der Eröffnungssequenz des Streifens fuhr die „Palermo“ auf dem Rhein entlang.
Nichts vergeht wirklich. Die Leiden nicht und auch nicht die Freuden. Etwas bleibt immer. Für das Gepäck unserer Lebensreise. Unauslöschlich.
Und das Vergangene kehrt zurück zu seiner Zeit.

(Foto anklicken und die Galerie öffnet sich)

Advertisements

Das legendäre Badewannenrennen in Leipzig

Heute schweigt der Tangodiesel – keine Musik…

Nach einem stärkenden Frühstück schwangen wir uns auf die Sättel der Räder. Ziel war das Völkerschlachtdenkmal, jenes monumentale Monstrum aus Stein, das die Völkerschlacht 1813 und den Sieg über die napoleonischen Armeen verherrlichen sollte. Vor einem neuerlichen Krieg und den Untergang deutscher Armeen im Jahr nach seiner Einweihung hat es nicht bewahrt.
Unser Ziel ist jedenfalls das Bassin vor dem Völki. Dort soll das 23. und definitiv letzte Badewannenrennen stattfinden. Einen kurzen Zwischenhalt legen wir am Panometer ein.
Danach gehts zum Ort des Geschehens. Die ersten Wannen sind bereits zu Wasser gelassen. Keine ist beim Stapellauf untergegangen, was bei den vorherigen Veranstaltungen durchaus auch schon vorgekommen sein soll.
Folgende Teams in ihren kühnen Konstruktionen stellten sich zuversichtlich den Wettbewerben des Tages: Humanmediziner, die jungen Liberalen mit ihrem Pfandfreigefährt, Die Linke mit der roten Zora, Architekten im Betonboot, Schwarzes Leipzig in der Wanne des Todes, die Euterpiraten, die Azubis der Stadtwerke und der Froschkönig.

Nur allein schon der Ort des Geschehens. Man stelle sich eine andere Grossstadt in Deutschland vor, in der an einem solch geschichtsträchtig aufgeladenen Ort eine derartige Veranstaltung möglich wäre. Mir fiel keine ein. Das Publikum war vielfältig gemischt; jung und alt, alle soziale Schichten waren anwesend, viele junge, bunte Menschen. Die Stände rund ums Bassin erinnerten mich an Festivals in den frühen Jahren. Allerlei Selbstgemachtes wurde angeboten und selbst an den hochkommerziellen Ständen wurden lediglich Volkspreise verlangt – wo gibts das noch?
Die Teams mussten verschiedene Aufgaben bewältigen. Eine Zielfahrt zu Beginn, eine Regatta mit Hindernissen und als Höhepunkt das Wannenstechen. Dabei stand ein Mitstreiter auf einem äusserst wackligen Ponton vor der Wanne. Mit einer präparierten Lanze musste der gegnerische Kämpfer vom Ponton ins Brackwasser gestossen werden. Wer dabei sein Ponton verliess, hatte verloren. Begleitet wurden die Wettkämpfe von zwei Moderatoren. Ihre Kommentare waren bestes politisches Kabarett, und wenn sich bei manchen Sprüchen auch die Zuschauer vor Lachen krümmten, nie waren die Witze beleidigend oder gar unter die Gürtellinie. Meine Tränend(r)üsen arbeiteten im Akkord.
Meine Hochachtung für diese stundenlange, herausragende Arbeit der Moderatoren.

Was mir ebenfalls auffiel, war das Miteinander der verschiedenen Teams. Es war ein menschlich herzlicher und vor allem lustiger Wettbewerb. Dafür meinen Dank an die Teams, derlei sieht man nicht oft.
Ich habe meine Kameras wund fotografiert. Bei der Sichtung der Fotografien stellte ich allerdings fest, dass offensichtlich das Treiben und die Menschen rund um die Veranstaltung mindestens ebenso meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben wie die Wettbewerbe selbst. Für den Film am Ende dieses Beitrages, der die grossartige Atmosphäre besser vermittel als meine wenigen Worte und Fotografien es könnten, gebührt dem mir unbekannten Herrn Dirk Fischer ein heisser Dank. Ich habe nochmals schallend gelacht. Leider hat er das Wannenstechen nicht dokumentiert. Aber es gibt ja auch noch Fotografien.

PS: Ganz herzlichen Dank an meine tolle Gastgeberin für dieses einmalige Schauspiel.
PPS: Bei der Auswahl der Galerie entschied ich mich spontan für einen weiteren Beitrag mit Portraits von den Zuschauern)

                                              (Eine Fotografie anklicken und die Galerie öffnet sich sogleich)

 

Und hier das filmische Dokument von Herrn Fischer, das die Atmosphäre bestens vermittelt.
Vielen Dank Herr Fischer für Ihre Aufnahmen:

.

Hin und her, auf und nieder – der April

Hohe Erwartungen können tief enttäuscht werden. Der schlagzeugende Sohn vom Gitarristen der Yes versucht sich jazzend an David Bowies Berliner Werken: Dylan Howe – Subterranean New Designs on Bowie’s Berlin (2014). Und dann noch dieses Wetter. Da greife ich zu altbewährten Stimmungsaufhellern aus Krautrocklanden. Walpurgis – Queen of Saba (1972), Cravinkel – The Garden of Loneliness (1971) und danach Alcatraz – Vampire State Building (1971)…

Ich bin kein Seriengugger. Ich habe es zwar schon mehrfach (auch hier im Blog) behauptet, muss mich nun jedoch ein klein wenig korrigieren. Das stimmt so absolut nicht. Klar, früher habe ich viele Serien gesehen. (Und schon schreit die Jungfrau in meinen Sternen nach einer Auflistung). Aber auch in jüngerer Zeit gab und gibt es Serien, die ich mir ansehe. Wegen des miserablen Wetter und mehrerer sehr kurz geschlafener Nächte nutzte ich die Zeit zum Gugge. Für mich eine der genialsten Serien, die ich kenne. Heimat von Edgar Reitz. Ein Jahrhundert Deutschland. Die erste Staffel ist für mich Geschichtsunterricht. Vom Ende kenne ich einiges noch aus eigener Anschauung hier in Lummerland. Vieles von dem, was in der zweiten Staffel geschieht, habe ich mit einer gewissen altersbedingten Verzögerung so ähnlich selbst erlebt. Und bei der dritten Staffel war ich quasi als Zeitzeuge dabei. Bei jedem neuerlichen Anschauen fallen mir wieder andere Aspekte auf. Das geht mitunter nicht ohne Emotionen ab.

Weil Helmut Dietl ist gestorben ist, fällt mir Monaco Franze, der ewige Stenz wieder ein. Die Folgen dieser Serie hält Onkel Juhtjuhp bereit. Beim Wiedersehen der eine gedanke: so unschuldig waren 1980er Jahre. Und so weit weg von heute. Wenn ein Autor des 18. oder 19. Jahrhunderts in einem Roman die Antike thematisierte, war er dieser, sehr lange zurückliegenden Zeit näher als wir Heutigen der Zeit des Autors. Wie lange werden die Menschen die immer weiter zunehmende Beschleunigung noch aushalten können, ohne schlimmeren Schaden am Bewusstsein zu nehmen?

Nachts verwirrende Träume um Wörter. Entbinden. Warum die Zunft der Historiker fast überwiegend von Männern besetzt ist. Vielschichtige Betrachtungen um den Begriff Entbindung. Ich will an der Diskussion nicht teilnehmen. Habe Durst, mir ist kalt. Viel sinnleeres Geschwafel, mit akademischem Anstrich fein formuliert. Ätzend. Ich suche nach Boykottwitzen. Männer können bloss entbunden werden, nicht entbinden. Vielleicht können sie deswegen auch keine elektrischen Geräte erfinden, die gänzlich ohne Nabelschnur, äähh Kabel auskommen. Selbst ein Kraftfahrzeug muss über kurz oder lang wieder durch einen Schlauch an der Zapfsäule versorgt werden. Mir fallen immer weitere Beispiele ein. Oder mit Molly Bloom aus dem Ulysses zu reden: „Männer wollen immer wieder dorthin zurück, wo sie herkommen.“ Vielleicht ist aus diesem Grund die Geschichtsschreibung irgendwo in diesem defekten Gen eingeschrieben. Ich werde des Saales verwiesen. Endlich wird die Leinwand frei für andere Träume.

Ich kehre auch gerne an Orte zurück, die ich kenne. In das Kloster Eberbach zum Beispiel. (Foto anklicken und gross gugge)

Fremdgugge VI

Die neue Scheibe von Pink Floyd „The endless River“ begeistert mich keineswegs, die Stücke hören sich an wie ein Aufguss aus Altbekanntem. Ein ganz anderes Kaliber war das Konzert von Yes am 28.11. in Tokio, ganz grosses Ohrenkino. Auf die neue Scheibe von den Smashing Pumpkins – Monuments to an Elegy, die ich heute Abend als Vorabexemplar hören darf, bin ich schon gespannt…

Meine beiden fotografischen Entdeckungen für dieses Jahr stehen fest. Vivian Maier und Sebastiao Salgado. Zwei überaus bemerkenswerte Menschen und Fotografen. Für mich sind ihre Werke fotografische Solitäre. Einzigartig ist jedes für sich. Und trotz aller neuen Entdeckungen schaue ich mir bei Gelegenheit immer wieder gerne ältere Fotobücher an. Vor allem wegen der Technik. Über manche Hinweise lächelt man heute, moderne Kameras entheben den Lichtbildner von ausgebufften Improvisationen oder kühnen Hilfskonstruktionen. Aber um das Auge zu schulen, sind diese Bücher durch nichts zu ersetzen.
Von einem dieser frühen Meister habe ich ein kleines dünnes Bändchen mit dem Titel nakt, das 1952 erstmals erschienen ist. . Es geht darin um die Grundlagen der künstlerischen Aktfotografie im Gegensatz zu billigen Nacktaufnahmen.
Der Fotograf Willy Zielke (1902 – 1989) hatte da schon einen weiten Weg mit einer erstaunlichen Karriere zurückgelegt. Nach dem Studium der Fotografie an der Staatslehranstalt in München wurde er dort selbst rasch Lehrer. Seine radikal neue Art zu fotografieren machte ihn bald bekannt. Neben der Fotografie begann er sich für das Medium Film zu interessieren. Zum hundertjährigen Jubiläum der Eisenbahn drehte er im Auftrag der Reichsbahn den aufsehenerregenden Film „Das Stahltier“ (1935). Der Film wurde nach seiner Fertigstellung verboten. Heute ist der Film auf DVD erhältlich und gilt als Meisterwerk, kurze Schnipsel sind bei Onkel Juhtjuhp zu sehen. Ich kannte den Mann lediglich als Fotografen.
Kürzlich sah ich eine Folge der Dokumentationsserie „Vorfahren gesucht.“ Darin ging es um Willy Zielke. Nachdem Leni Riefenstahl seinen Eisenbahnfilm gesehen hatte, engagierte sie Zielke um die Einleitungssequenzen ihrer beiden Olympiafilme zu drehen. Die Eröffnungsszenen dieser Filme sind für die damaligen Verhältnisse künstlerisch sehr aufwändig gestaltet. Ich bestaunte früher den Einsatz der Weitwinkelobjektive und dachte die Riefenstahl hätte diese Ideen und den Blick dafür gehabt.
Der Gestalter war jedoch Willy Zielke. Wie sehr verschieden sein Weg nach der Zusammenarbeit von dem der Riefenstahl war, der er bei ihrer Karriere im Wege stand, belegt die Dokumentation eindrücklich. Wie einfach es in jenen Zeiten scheinbar gewesen ist einen Menschen verschwinden zu lassen. Und ihn wieder ins Leben zurück zu befördern. Dass Zielke in der Psychiatrie inzwischen zwangssterilisiert worden war, interessierte niemanden. Er wurde wieder freigelassen weil seine Fähigkeiten wieder gebraucht worden sind. Und zwar für enen Film von Leni Riefenstahl, die Zielke selbst aus der Psychiatrie abgeholt hat.
Beklemmend und vielleicht gerade deswegen auch sehenswert. (Die roten Textstellen sind Links, der vierte führt zu der Dokumentation.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges Wochenende.


Langlesung trotz Glühweinköpfen

Sowieso. Eine dreihundertsechsundsechzigtagelange Vorlesung hat etwas ganz besonderes. Finde ich. Rostock: eine Stadt liest. In diesem Jahr wäre der von mir geschätzte Schriftsteller Uwe Johnson (Johnson, wie man das schreibt, nicht Tschonnsen) achzig Jahre alt geworden. Sein Opus Magnum „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ spielt vom Montag, dem 21. August 1967 bis zum 20. August 1968. Vier Bände, 1981 Seiten.
Aus diesem grandiosen Werk wird nun für jeden Tag das entsprechende Kapitel vorgelesen. Wer mithören (oder nachhören) möchte, kann auf der Webseite des Projektes links im Menu beim Kalender mit dem 20. August beginnen…

Der Advent steht vor der Tür. Aus der Zeit der Besinnung und ruhigen Einkehr wird wie in jedem Jahr ein unsäglicher Konsumrummel werden. Weihnachtsmärkten wird ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Kommunen bescheinigt. Der traditionelle sechstägige Herbstmarkt einer Gemeinde, erhaben über dem Main gelegen, hinterliess der Stadtreinigung fünfundvierzig Tonnen Abfall. Fünfundvierzig Tonnen.
In Frankfurt ziehen sich die Buden und Verschläge der weihnachtlichen Vermarktung schon hoch bis zur Hauptwache hin. Den letzten Weihnachtsmarkt habe ich vor dem Hamburger Rathaus erlitten vor fünf Jahren. Als Gast macht man von seinem Gastrecht schwerlich Gebrauch. Heisse, stark gesüsste alkoholhaltige Gülle zur Bekämpfung des guten Geschmacks.
Auf dem Friedhof sitze ich und warte auf die Ansprache des Uniformierten mit dem gespaltenen Lätzchen vorm Kehlkopf. Der Vater eines Freundes liegt im Sarg. Irgendwo las ich einmal davon, wieviel Bäume sinnlos für Särge gefällt werden jedes Jahr, weil die Verstorbenen nach der Zeremonie verbrannt werden. Wiederverwendbare Särge, als Geschäftsidee wären sie noch zu erfinden. Überhaupt das Geschäft mit den Beerdigungen. Die Preisliste der Leistungen erinnert an den Kauf des neuen Personenkraftwagens mit dem Extraausstattungsschild in der Frontscheibe. Wer kann der kann.
Nachdem ich einige Filme von Leni Riefenstahl gesehen hatte, auch die aus dem Giftschrank der deutschen Geschichte, bewunderte ich den jeweiligen Gebrauch des Weitwinkelobjektivs. So wurden meines Wissens vorher die kurzen Brennweiten noch nicht als Mittel der Gestaltung verwendet. In der Folge hielt ich die Frau in dieser Hinsicht für innovativ. Für einen Betroffenen hatte Riefenstahls Arbeitsweise fatale Folgen. Man lernt doch immer noch dazu. Dem betroffenen Mann werde ich demnächst einen eigenen Beitrag widmen.
Räume, in denen man vorwiegend mit Büchern zu tun hat, sollten bleiverglast sein, die Scheibchen in dezentem Blau und Gelb geblasen.

(Foto anklicken und den Mainzer Dom betreten)

Cyberverknotete Blogplastik

Pink Floyd ist eigentlich ein alter Hut und nach Umma Gumma wurde es fade. Na gut, Atom Heart Mother war noch einmal ein kleiner Nachwurf. Heute dienen diese frühen Supergruppen den Geldschefflern der Musikindustrie quasi als Grabungsfeld für die Musikalarchäologen. Pink Floyd im Bossa Nova Stil, Pink Floyd als Heavy Metal mit kehligem Gewürgestöhnen. Es gibt allerdings auch bessere Beispiele. Viel bessere. Wenn Pink Floyd listitig verlisztet wird, dann kann man hören, dass Klaviermusik im Stil eines Keith Jarrett nicht nur perfekt gespielt sondern obendrein auch Spass machen kann:
AyseDeniz Gokcin – Live at the Piano Extravaganza Festival, Sofia, Bulgarien, 29.9.2013. Interessierte Horscher und Gugger folgen diesem Link

Neues aus dem Land der Plastiktüten. Wie Plastiktüten zugebunden, verschlossen oder verknotet werden. Zum ersten Mal fiel mir das Südamerika auf. Eigentlich liebe ich es Knoten zu entknoten. Seit Kinderzeiten schon. Damals in den Jahren in Südamerika konnte ich viele Tütenknoten nicht entwirren. Jawohl, wirr ist der richtige Begriff. Ich lernte, dass es verschiedene, logisch nicht nachvollziehbare Schlingtechniken zum Verschliessen einer Plastiktüte gibt. Ich schob meist einen Hals beim Öffnen und regelte für mich das Problem wie es die westliche Politik im Rest der Welt zu machen pflegt: naja, das ist halt auch einer der vielen Spiegel. Nichts funktionoiert im Land, warum soll sich da eine Tüte messerlos, gewaltfrei und vor allem wiederverwendbar zu öffnen lassen.
Auf dem Schwarzen Berg erklimme ich eine weitere Steigerung im Tütenknoten. Nach nunmehr fast drei Jahren kenne ich etliche Verkäuferinnen durch viele Einkäufe. Anfangs dachte ich noch, prima, ich habe ihre Knotentechnik durchschaut. Zehnmal hats funktioniert, beim elften Mal spätestens musste rohe Kraft oder das geschliffene Messer her. Hier beherrschen Verkäuferinnen offensichtlich virtuos mehrere Verschlusstechniken. Ich habe keine Neigung mehr zu Arroganz oder Ignoranz. Aber stinken tuts mir trotzdem, weil ich die Tüten weiterverwenden möchte.

Auf eine Empfehlung hin habe ich mir den Film Her (2013) von Spike Jonze ausgeliehen. Oscarprämiert. Die Story ist fad. Einsamer Mann, von seiner Frau getrennt lebend, chattet mit einer weiblichen Cyberstimme. Es entsteht zwischen dem Mann und der Stimme, was im Film mit dem Begriff Gefühl bezeichnet wird. Irgendwann kommt raus, dass die Cyberstimme nebenbei noch achttausend und ebbes mehr Kontakte hat. Der Mann ist am Boden. Inzwischen wurde seine Nachbarin von ihrem Lover verlassen und hat auch eine männliche Cyberstimmenbekanntschaft. Weil der Film nun schon fast zwei langweilige Stunden dauert und der Film endlich aufhören muss, beenden die beiden Cyberstimmen ihre Beziehungen zu den Menschen. Die beiden Menschen treffen sich im Flur und steigen auf das Dach des Hauses, in dem sie wohnen. Den Rücken dem Filmgugger zugewandt schauen in den fernen Himmel und der Zuschauer ist erlöst.
Angeblich handelt es sich bei dem Regisseur um eine Kultfigur. Mag sein, zumindest dem Namen nach. Aber selbst von so einem kann man offenbar nicht mehr erwarten sich der Filmpropagandaindustrie in Holliwut zu entziehen. Die platte Geschichte lehrt den entmenschten Soldaten in fernen Mohammedanerland, dass er ruhig chatten und Cybersex haben kann. Aber wenn ers tatsächlich lebend und geistig einigermassen beeinander zurück in die USofA schaffen sollte am Ende, steht doch die menschliche Verbindung. Und wenn die eigene Frau inzwischen weg ist, dann wenigstens eine mit der Nachbarin. Zwei Stunden Lebensdiebstahl nur weil ich auf den Kulturegisseur mit dem Oscar gewartet habe.

Soll einer behaupten er sei nicht eitel. Ich nicht. Heute im Morgengrauen einen Blick auf meine Blogstatistik fallen lassen. Plötzlich die Frage, welche Menschen sich hinter all meinen Blogverfolgern tummeln. Würde ich diese Menschen im wirklichen Leben kennenlernen wollen. Wie ihre Blogs präsentiert werden, welche Themen wichtig und mitteilungswürdig erscheinen. Die Bilder. Wie das alles auf mich wirkt..
Der Anfang eines Blogs erinnert mich in etwa an den Kauf einer Immobilie im Neubaugebiet. Da wird mit Freude und Elan eingerichtet und geschafft. Und auf dem Fleckchen Grundstück hinter dem Haus siehts so kahl aus wie in der ganzen Umgebung. Da müssen viele Hecken und Bäume her. Und wenns doppelt soviele Hecken sind, das Gärtchen wird nicht schneller zuwachsen. Nach zehn Jahren ist einem das zu viele Grünzeug in aller Regel über den Kopf gewachsen. So gehts auch mit den Blogrollen und der Blogverfolgerei. Ich werde in den nächsten Monaten einem strengen Zeitmanagement folgen. Meine Bloggeraktivitäten werden damit kollidieren. Das jedoch sehe ich positiv, denn so werde ich mich aktualisiert kritisch mit der Materie auseinandersetzen.

(Foto anklicken – gross gugge – F11 im Forefox Klicken – noch grösser gugge)