Mitte Oktober gegen Abend…

Horsche: Die Lichtung des Musikalarchivs schreitet voran. Erneute Anhörungen und Aussortierungen.
Lesen: Anmerkungen über Kuhkapellen in Rheinhessen..
Essen & Trinken: Zur Nacht das frisch gebackene Walnussbrot mit reifem, sehr würzigem Brie. Dazu passte die leckere Quittenkonfitüre (siehe darunter).
Schaffe: Quitten verarbeiten und Brot backen. Ausserdem Reifen wechseln am neuen Bauer Sprint (Bj.1967).
Gugge: „Grenzland – Vom Baltikum zur Akropolis“. Eine interessante Reise in Bildern. Leider zu knapp und obendrein scheinen die (ab)wertenden Kommentare gegen osteuropäische Lebensgewohnheiten unvermeidbar. Habt Ihr vergessen, dass die Russen uns vom Joch der deutschen Nazibarbaren befreit haben ?!

 

So beiläufig habe ich erfahren, dass eine gewisse Louise Glück den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Den Namen habe zuvor nie gehört. Bei meiner schnellen Recherche fiel mir auf, dass bei dieser sehr sonderbaren Stockholmer Jury in der Disziplin Schreiben die USofA offensichtlich „mal wieder dran waren“. Weiss der Geier, wen die aus dem Hut zaubern würden, um bloss dem Thomas Pynchon keinen Preis zuerkennen zu müssen. Und der hötte ihn aufgrund seiner literarischen Leistungen schon längst verdient. Er wird ja auch immer wieder vorgeschlagen.

Seis drum. Ich lese seit Jahren ohnehin fast ausschliesslich Fachliteratur..

In Frau Beyers lesenswertem Bericht über die Buchemesse erfahre ich: „Denis Schenk endete seine Buchvorstellung mit den Worten „Vertrauen Sie keiner Literaturkritik, vertrauen Sie keiner Literaturkritikerin, sondern vertrauen Sie Ihrer eigenen literarischen Intelligenz, die Bücher sind dazu da, dieselbe an ihr zu schärfen.“
Wohl wahr. Mit diesen Gedanken kann man sich die meiste Prosa und Lyrik  (er)sparen. Die eigene Lebenszeit ist zu kostbar. Das meiste, was man heute an „neuerer Literatur“ liest, verschwimmt nach einem halben Jahr und spätestens zwei, drei Jahre danach ists dann vergessen. Mit diesem Wissen kaufen die Verlage ihre jeweiligen Plätze auf den Bestsellerlisten der verschiedenen Medien. Was wunderts, dass selbst wirkliche literarische Bestverkäufer heutzutage recht flott im Ramsch vermarktet werden.

Trotzdem finde ich lesen immer noch sinnvoller als, sagen wir, Dauerseriengugger zu werden oder ein Wochenende in einem Vergnügungspark zu verbringen. Oder mit einem Motorrad spasseshalber in der Landschaft die Luft zu verpesten. Nö, wer liest, geht dabei seinen Mitmenschen wenigstens nicht direkt auf den Senkel. Und eine der besseren Fluchtmöglichkeiten vor den Unbilden des Alltags ist es allemal. Es stinkt zwar nicht wie Tabak, ist weniger gefährlich als der Strassenverkehr, dennoch wohnt auch dem Lesen eine gewisse Suchtgefahr inne.

Ich weiss, wovon ich hier schreibe. Den sogenannten bürgerlichen Bildungskanon habe ich mir angelesen. Und einige der heute üblichen Listen, zum Beispiel – „1000 Bücher, die man gelesen haben muss, bevor man ins Grab versenkt wird“ – habe ich auch abgearbeitet. Die ellenlange Namensliste tut hier nichts zur Sache. Was ist davon geblieben?

Nach dem Mann ohne Eigenschaften, dem einzigen Dickroman, den ich nicht zuende gelesen habe, änderte sich meine Einstellung zur Prosa. Daneben war die Beschäftigung mit der Literaturwissenschaft schliesslich der Tritt aufs Bremspedal. Zum Glück entdeckte ich die sogenannten (deutschen) Volksbücher. So ging ich der Unterhaltungsliteratur nicht ganz verloren.
Wer einmal „Die Historie von Tristan und Isalde [sic!], herausgegeben nach dem ältesten Druck bei Anton Sorg, Augsburg, 1484, gelesen hat, der kennt nach der Lektüre im Prinzip alle Beziehungsmöglichkeiten zwischen Männern und Frauen. Alles, was danach und bis heute zu diesem Thema literarisch verarbeitet wurde, ist bestenfalls die literarische Ausarbeitung von Teilaspekten. Und seit etwa fünfzig Jahren breiten die Autoren hauptsächlich ihre eigenen Befindlichkeiten vor dem Lesepublikum aus.
Das spricht natürlich nicht gegen den Genuss der literarisch ausgefeilten, schärfsten Kutschenfahrt des 19. Jahrhunderts. Aber das Schicksal der Passagierin in der Kutsche ist in Tristan und Isalde im Grundzug schon angelegt.

Wenn Sie also Zeit und Musse haben, dann schauen Sie sich um. Im alten Diederichs Verlag sind einige Volksbücher in ansprechender Aufmachung erschienen. Tristan und Isalde, Die sieben weisen Meister, die Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstlern oder die Historie von Fortunati Glückseckel und Wunschhütlein und andere. Die Reihe ist vom Verlag bedauerlicherweise nie komplettiert worden. Inzwischen sind sogar sogar wissenschaftlich kommentierte Ausgaben erhältlich.
Deren Lektüre kann Ihnen fürderhin manche Stunde ersparen, in der Sie sich mit Freunden oder Bekannten zu einem Gespräch treffen können. Zusammensitzen und miteinander sprechen. Die Lebenszeit ist kurz für lediglich vorübergehend gültige Literatur. Laut einer Berechnung Arno Schmidts schafft man zwischen seinem sechsten und seinem siebzigsten Lebensjahr ohnehin höchstens sechstausend Bücher, wenn man wöchentlich zwei Romane liest. Wer aber ist der Lage, diese Leseleistung zu erbringen?

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass die zweite Welle nicht über Ihren Köpfen zusammenschlagen möge. Wählen Sie inzwischen Ihre Lektüren sorgsam aus.

 

Ich hatte ursprünglich ein ganz anderes Thema auf dem Schirm. Aber auch das Geschäft mit der Literatur verdient, dass es gelegentlich beleuchtet wird.

 

(Manche haltens für Spass. anything goes lautet die Devise.
„…Abendland, wir sind aus dir geboren, wir fahren auf deinem Narrenschiff dem Abschied entgegen…“ [Andre Heller])

 

 

Wertverdrehungen da und dort

Für graue Februartage ebenso stimmig wie in einer lauen mexikanischen Nacht. Die Königin der Rancheras:
Chavela Vargas – ¡Por Mi Culpa! (2010)…

Durch jahrelanges Viellesen und -schreiben wird eine Korrektur meiner optischen Prothese erforderlich. In den Ländern, in denen ich für Jahre lebte, waren die Überprüfungen kein Problem. Ich war beim Optiker. Professionelles Equipment, Vermessung, Kontrollprüfungen. Alles wie erwartet. Dann das „empfohlene“ Brillenglas. Und der Preis dafür. Mein Blick liess die Frau ein anderes Glas zu einem niedrigeren Preis nennen. Das spielten wir einige Male durch, bis der Preis akzeptabel war.
„Jetzt brauchen wir nur noch das Rezept für den Zuschuss von der Krankenkasse“, sprach die Fachfrau, „das brauchen Sie nur bei einem Augenarzt abzuholen mit dem Hinweis auf die hier erfolgte Überprüfung.“
„Wieso sollte der Augenarzt das machen ohne Augenkontrolle?“
„Tja, die verdienen da heutzutage nichts mehr dran.“ – Gutgläubigkeit gehört bestraft. Und die Strafe folgt auf dem Fuss. Keiner der telefonisch kontaktierten Augenärzte ist bereit ein Rezept zu geben ohne zuvor erfolgte Kontrolle.
Die Mitarbeiterin des ortsansässigen Optikers hat mir fünfundvierzig Minuten meines Lebens gestohlen. Was sind die wert im Vergleich zu zwei neuen Brillengläsern?

Die ersten Schreibübungen für den Lebensweg eines deutschen Menschen. Der verflixte erste Satz. Die Materialfülle ist immens. Zur Verifizierung mancher Fakten und Daten stehen immer weniger Zeitzeugen zur Verfügung. Altersgemässer Schwund. Und die neuerlich unangenehme Erkenntnis, dass man bei nötigen Rückblenden ständig mit beiden Füssen im braunen deutschen Sumpf landet. Es ist mir mittlerweile unerträglich, von Opfern des „Nationalsozialismus“ oder des „Naziterrors“ zu lesen. Der „Nationalsozialismus“ und der „Naziterror“ wurde durch deutsche Menschen gelebt und realisiert. Und im Moment muss man diese Verharmlosungen wieder tagtäglich hören und lesen. Wann wird man endlich beginnen von den Tätern konkret zu sprechen und zu schreiben. Es waren deutsche Männer und Frauen nationalsozialistischer Gesinnung, die europaweit andere Menschen entwürdigt, beraubt, gedemütigt, terrorisiert und letztendlich ermordet haben.

Die grandiose Ausstellung im Frankfurter Städel. Making Van Gogh. Fünfzig Werke. Leihgaben von weltberühmten Museen. In dieser Zusamenstellung einmalig. Enormer Andrang. Eine mehr als hundert Meter lange Schlange vor dem Eingang. Wir haben eine Reservierung und dürfen direkt zum Eingang. Innen fast die Entmutigung angesichts des Gedränges. Aber gugge und lernen kann man überall. Meine famose Begleiterin hat die grandiose Idee, im Windschatten den geführten Gruppen zu folgen. Wenn diese ein Gemälde verlassen, haben wir die Möglichkeit dieses Werk aus nächster Nähe anzuschauen. Van Goghs Farbpalette berauscht die Pupillen. Es handelt sich entgegen der Werbung („aus allen Schaffensperioden“) fast ausschliesslich um Gemälde seiner letzten Lebensjahre. Und das „Making“ erklärt am Rande, wie ein Marketing zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts funktioniert hat. Van Gogh wurde von deutschen Kunsthändlern gehypt, wie man heute sagen würde. Van Gogh starb 1890 im Alter von 37 Jahren. Seine Bilder waren zu diesem Zeitpunkt fast unverkäuflich. Aber bereits um 1910 kostete ein Gemälde zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark.
Das interessiert nur wenige Besucher. Die meisten treibt anderes um. Man könnte es das Ich & Van Gogh Syndrom nennen. Mit dem Rücken zu einem Bild, um mit gezückter Handfessel ein Selbstportrait zu schiessen. Darüber kann man sich als Zuschauer lustig machen. Aber weitaus befremdlicher waren die vielen Kultursimulanten, die sich einem Gemälde näherten, das Kunstwerk mit der Handfessel anvisierten, abdrückten und beim Weiterziehen das Bild auf dem klitzekleinen Bildschirm betrachteten. Offensichtlich hat für diese Menschen das Abbild einen grösseren Wert als das Kunstwerk an sich. Ich denke an Walter Benjamins Essay von 1935 „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Die von ihm darin beklagte „Zertrümmerung der Aura“, hier findet sie in ungeheurem Ausmass statt. Ich finde es bedauerlich, wie wenig Wertschätzung diesen Kunstwerken entgegengebracht wird..

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen hellen Februar.

 

(Die Fotografien wurden freundlicherweise von meiner bonfortionösen Begleiterin zur Verfügung gestellt)

 

 

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Dienstags? Als weiter… was will merr mache…

Die Gründe sind verschieden. Hier laufen die alten Scheiben, mit denen ich als junger Bursche meine Plattensammlung angefangen habe. Heute erklingen hauptsächlich die Werke von Family und Colosseum…

Nichts los auf dem Markt. Es ist bereits halbneun. Schon klar, die Kauftempel öffnen erst um zehn Uhr. Davor hat man seine Ruhe in der Stadt und findet ohne weiteres einen Parkplatz.

Wir haben unsere Siebensachen rasch zusammen. Aber die Zwetschen.
Ob ich vielleicht nicht doch mal… Pflaumenblau trifft Grünauge.
Die sehen genau richtig aus. Soll ich oder soll ich?

Zwei Kilo, bitte.
In der Sommerküche steht der uralte gusseiserne Bräter (von Märklin Göppingen) auf dem kleinen Gasherd. Für zwei Kilo Zwetschen, die hier herum Quetsche genannt werden, sind hundert Gramm Zucker ausreichend. Und eine Prise frisches Zimtpulver sorgt für den Pfiff im Aroma.
Drei Stunden langsam einköcheln lassen und gelegentlich umrühren. Dann ist er fertig, der Latwersch oder die Latweje. So wird im südhessischen Ried das fast schwarze Pflaumenmus genannt.

Als Begleitmusik dazu passt dieses herzige Heimatlied.

Es ist zu einer lieben Gewohnheit geworden. Dienstags treffen wir uns in der Äppelweinbeiz. Der Wirt sieht seinem 88. Geburtstag entgegen. Und die Gäste befürchten danach das Ende einer der letzten wirklich typischen Apfelweinwirtschaften. Bereits in der letzten Woche waren die Fensterläden heruntergelassen. Am Laden der Eingangstür hing ein Papierstreifen. Vorübergehend geschlossen. Wie lange dauert vorübergehend? In der Beiz gegenüber trafen wir einige Stammkunden. Ahnungslosigkeit. Spekulationen.
Gestern hing dieser vermaledeite Schrieb noch immer
am runtergelassenen Fensterladen. Wir also gegenüber eingekehrt. Im Eichkatzerl die üblichen Stammgäste von gegenüber angetroffen. Mit denen wir „immer“ einen Tisch teilen. Die haben auch keine Ahnung. Nach zwei Schoppen und einem kleinen Gebabbel sind wir weitergezogen. Im Dax andere Stammgäste getroffen.
Was gibts Neues?
Nix neues. Prost!

Wir werden an den kommenden Dienstagen den gleichen Weg einschlagen. Wir hoffen auf hochgezogene Rollläden. Notfalls gibts in der näheren Umgebung noch andere Lokalitäten. Nicht unbedingt solche, an denen wir gestern das Schauspiel mitverfolgten, wie drei Busladungen chinesische Touristen durch eine Toreinfahrt in den offenen Hof einer Gastwirtschaft eingesaugt worden sind. Viele alte Wirtschaften mit dem ursprünglichen Flair gibts nicht mehr. Und Wirte, die noch selbst keltern, kann man bald an einer Hand abzählen.

Was wollte ich noch schreiben?

Ach ja, die im Bräter eingekochten zwei Kilo Zwetschen ergaben je ein grosses und ein kleines Glas schwarzer Latwersch. Die Bäurin am Rande des alten Ortskerns meinte ganz lapidar, unter zwanzig Kilo würde sie erst garnicht anfangen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern erfreuliche Spätsommertage.

(Ein Bembel im Dax in Sachsenhausen)

 

 

 

 

Trotz aller Reduktion eine überaus lebendige Woche

In der Schublade mit der Aufschrift Krautrock gibts zunehmend grössere Lücken. Vieles scheint mir heute lediglich exaltiert und substanzlos. Was bleiben wird ist das Solowerk des Schlagzeugers der Gruppe Krokodil : Düde Dürst – Krokodil Solo (1971)…

Montags morgens hat man die Naherholungsgebiete der Metropolregionen fast für sich allein. Paradiesisch verlassen. Man ist unterwegs auf den Dämmen entlang eines Flusses oder auf stillen Waldwegen.
Wenn man am Mönchbruch den Wald verlässt, öffnet sich eine kilometerlang gerodete Fläche. Wir halten an und schauen auf die vierfach gesicherte Umzäunung. Stacheldraht oben, Natodraht am Boden. Zwischen den beiden vorderen Zaunreihen befinden sich abgedeckte Laufflächen. Hier hat selbst Unkraut nicht die kleinste Chance. Weiter hinten ein Asphaltband für Einsatzfahrzeuge. So eine Art Kolonnenweg. Nein, Selbstschussanlagen sind nicht installiert.
Ich mache die Kamera fertig, um einen startenden Flieger zu fotografieren. Wir sind an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Im unsäglichen Lärm der Düsentriebwerke bemerke ich das Polizeiauto garnicht, das kurz anhält neben mir. Offensichtlich fahren sie noch immer Streife an den Zäunen.
Erinnerungen an alte Zeiten werden wach. Die verzweifelte Kampf gegen die berechtigten Interessen der Bevölkerung. Polizeigewalt. Und ein vom Betonierer aufgestiegener SPD Landeschef, der kundtat, wie er mit den Demonstranten am liebsten umgehen würde: „Ich bedauere, daß es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins auf die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt.“ (Frankfurter Rundschau 22.5.1982).
Und heute schafft es grüner Verkehrsminister nicht, dass eine billige irische Luftfahrtfirma die Nachtflugregelung einhält.

Der Vorsommer legt eine Pause ein. Genüsslich erholsame Spaziergänge für den urbanen Flaneur. Bei der Hitze der vergangenen Wochen waren in den Innenstädten manche Menschen allzu dekoratief und geradezu enthemd unterwegs.
Immer mehr Einzelhandelsgeschäfte werden geschlossen. Mangelnde Rentabilität durch steigende Kosten und rückläufige Käufe. Fehlende Nachfolger. Ich bemerke, dass sogar Wischtelefonläden schliessen. Das ist jedoch kein Trost in dieser trostlosen Situation. Ob aber Geiz wirklich geil ist bezweifle ich zunehmend.

„TSA-Schlösser können von Beamten am Flughafen gewaltfrei geöffnet werden. Für alle anderen bleibt Ihr Koffer verschlossen. Das macht die Trolleys zum idealen Begleiter für USA-Reisen.“ So verkündet es das Angebot von Aldi Nord am 14.6.2018.
Im Jahr 2005 war ich letztmalig in den Junaititt S-tehts. Aus offiziellen Anlass, Ich habe das Land nie vermisst seitdem. Und doch wäre ich jetzt gerne dabei, wenn der Präsident vor einem Publikum auftritt. Im Gegensatz zu vielen Spöttern mag ich den Mann, der mit seiner Politik dafür sorgt, dass wir den wirtschaftlichen und politischen Blick endlich einmal intensiver nach Osten wenden. Denn dort liegt in den kommenden Jahren unsere wirtschaftliche Zukunft.

Seit einigen Tagen kann ich in anderen Blogs nicht mehr kommentieren. Vielleicht handelt es sich dabei lediglich um einen technischen Fehler. Auch anderen Bloggern soll das passiert sein und hin und wieder passieren.
Aktualisierter Nachsatz : dass manche Blogger auf anderen Blogs nicht kommentieren können, könnte mit dem Askimet Angeblichspamvermeider zusammenhängen. Gut möglich, dass Kommentare von mir von diesem Programm geschluckt werden.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein gediegen illustres Wochenende.

(Fotografieren kann jeder. Meinen viele jedenfalls)

 

Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

Dienstagnachmittags in der Stadt

Neue Werke. Ein Reinfall ist die Santana IV (2016). Die Originalmusiker der Scheiben I bis III täuschen nicht über den abgestandenen Wein in uraltrissigen Schläuchen hinweg. Wirklich neu und originell klingen: Jeff Beck – Loud Hailer (2016) und die stimmgewaltige Lila Downs – Balas y chocolate (2015)…

Isses Recht so innerer Stund´?
Innerer Stund´?
Ei, fürn erste Probedruck.
Des basst! Innerer Stund´ also.
Eine Stunde Zeit. Das bedeutet, die Leipziger hoch zum öffentlichen Bücherschrank. Ich habe einige Werke im Rucksack dabei zur Weiterverteilung. Rasch die Bücher in den öffentlichen Schrank einstellen. Und selbst mal einen kurzen Blick riskieren. Robert Gernhardt – Was gibts denn da zu lachen? Das Buch wandert in den Rucksack.
Nach kurzer Handfesselbedienung stellt sich heraus, dass in der alten Kaffeerösterei heute auf lila Tellern serviert wird, aber eine Lilafrau nicht unterwegs sein wird. Ein Milchkaffee darfs sein. Aus dem Hinterhofcafé heraus kann man die Menschen draussen vorbeiflanieren sehen. Zwei junge Buben hip aufgestylt, frischfrisiert. Ihr Gang strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Ein Fingerschnipser lässt die ganze Geste der Youngster in sich zusammenstürzen. Von der Frau gegenüber beispielsweise, ebenso knapp wie aufrührerisch schwarz gekleidet, ja genau, die mit der tätowierten Blutspur von der Achselhöhle bis zum Rippenbogen. Überhaupt scheinen Tätowierungen so eine Art Muss zu werden im kollektiven Bewusstsein. Bei manchen Dreissigjährigen möchte man die mitwachsenden Bilder in dreissig Jahren lieber nicht sehen.

Es wird viel fotografiert in der Stadt. Wer schaut sich die Bilder hinterher mehr als drei Mal an? Wer schaut überhaupt hin beim Fotografieren.
Viele Blaulichter sind unterwegs. Ältere Menschen leiden in dieser drückenden Schwüle. An der Konsti ist es rappelvoll. Brauchst du was zum ziehen? Der Geruch ist der Wegweiser. Eine ältere Frau lässt eine Münze in der Becher der südosteuropäischen Frau fallen. Was ist menschlicher? Diese kleine Gabe oder nichts zu geben, um damit das organisierte Bettelsystem zu erschweren. Die Bettelnden müssen auf diese Weise ihre Reisekosten nach Deutschland zurückzahlen. Auch später gibt es oft kein Entkommen. Bettelsklaven für die Bosse mit dem dickem Ring am kleinen Finger im Fond eines exklusiven Automobils.

Blicke nach hier und dort. Radfahrer sind viele unterwegs. Im Sattel oder mit der Aktentasche in der Hand. Ob du sicher bist oder verkauft wirst, das merkst du erst am langen Ende. Der Schnitt dieser Latzhose und die Schlangenlederstiefel drunter. Mein Blick muss ein Blitzschlag zu lang gewesen sein. Wir blicken uns an und kommen ins Gespräch. Die ältere Dame ist Nachbarin der berühmten Fotografin K****, Frankfurter Urgestein. Also über Fotografie und überhaupt. Die Marke der Kamera scheint vielen Menschen überaus wichtig zu sein. Wir verabschieden uns laut lachend und mit gegenseitig besten Wünschen. Meine Bitte um eine Fotografie habe ich dabei vergessen.

Aus einer Stunde werden schnell drei bei so viel horsche un gugge. In der Fussgängerzone und auf den Plätzen ist viel Gedränge und Geschiebe. Viele Berührungen aber keine Begegnungen, schon garkeine Anlehnungen. Vielen Menschen steht ihre Einsamkeit ins Gesicht geschrieben. Da ist es ein schöner Ausgleich auch das Glück anderer zu sehen. Zwei Menschen, die sich etwas zu erzählen haben. Gegenseitige Aufmerksamkeit und Zuneigung gibt es noch, die Wahrnehmung über das Eigeninteresse hinaus. Dem Nebenmenschen sein Glück gönnen können macht einen selbst glücklich. Ich denke an einen gemeinsamen Dienstag und lächle unwillkürlich.
Ein schneller Blick nochmals in den öffentlichen Bücherschrank. Meine Bücher haben bereits andere Leser gefunden.

                                                                      (Schnellschnappschüsse. Anklicken vergrössert)