Gedankenhinundrückflüge

Nachdem dem interessanten Hinweis des musikallwissenden Herrn Zaphod auf die Galoppelmusikserie der Bear Family muss doch wieder was handfestes her: Zappa / Mothers – Roxy and Elsewhere (1974 / Remastered 2012)…

Ich staune als ein Eichhorn den Ärmelgarten durchquert, mich ansieht, dann jedoch geradenwegs unter dem Haselbusch verschwindet. Die tote Amsel habe ich hinter die Eibe getragen und dort mit einem Berglein Sägemehl bedeckt. Ob Maden Sägemehl vertilgen?
Mein rechter Fuss schimmert im Blauspektrum nachdem beim Zerlegen eines Elchbettes eine der Seitenstreben auf eben jenem Fuss gelandet ist. Und auch die rechte Wade ist noch taub vom Knierutschen letzte Woche. Ein ältere Nachbarin versichert, dass sich das von alleine regeln würde. In einer Zukunft, die sie jedoch nicht näher bestimmen will oder kann. Sie ist bereits über siebzig. Da hat Zukunft eine andere Bedeutung.
Ich genehmige mir eine Flasche feinen Rotweins. Uwe Johnson kippte sich ab 17:00 drei Flaschen rein. Täglich. Neunundvierzig Jahre ist er geworden, dann versagte der Körper weitere Flüssigkeitsaufnahmen.
Meine Gedanken ziehen inzwischen in andere Räume. Die Arbeiten werden körperlich nicht annähernd so anstrengend sein. Die Energie wird für kreative Anstrengungen benötigt. Die Küche wird einfachst werden und dennoch soll ein lustvoll praktisches Werkeln möglich sein.
Heute nachmittags ein geschenktes kleines Waschbecken in Empfang nehmen dürfen. Im Tausch gegen sechs Flaschen Mineralwasser. Ich schätze diese (an sich uralten) neuen Tauschformen. Auf der kurzen Fahrt zum edlen Geber der klarste Herbstsonnenschein. Die Musik ist laut und der Kopf hängt halb aus dem Fenster. Die alte, kleine silberne Creole glitzert im Sonnenlicht. Vor Jahrzehnten in Barcelona hatten wir uns die geteilt bei einem Juwelier, der auch gleich die Ohrläppchen perforierte. Männer mit Ohrringen zu jener Zeit. Aber der Opa meines Jugendfreundes hatte einen richtig grossen goldenen Ohrring. Das war unser Argument.
Der Freund ist nun auch schon seit siebenundzwanzig Jahren in anderen Welten. Mein Aschenbecher vom Kaffee Wacker in Bembelland ist vom Tisch und in Scherben gefallen. Er war einer meiner Heimwehanker für viele Jahre. Das Rauchen werde ich deshalb nicht sein lassen. Vorerst jedenfalls.
Noch zwei weitere Ölungen der Dielen im Zimmer nebenan, dann werden wir in Richtung Schwarzen Berg starten. Ich bin gespannt auf die Fahrt. Mehr noch auf den Menschen, mit dem ich diese Fahrt unternehmen werde. Gedanken auch daran, ob ich vielleicht reisefiebrig werden könnte mit zunehmendem Alter. Bis auf den Proviant ist alles soweit vorbereitet.
Derweil liegt „Herz über Kopf“ neben meinem Bett. Neben der Matratze auf dem Boden, um genau zu sein. Vor dem Einschlafen zwei, drei Gedichte mit der vierfachen Menge Veilchenpastillen als Beigabe. Wie ist der Marcel R-R damals auf die Ulla Hahn geflogen.
Hellmuth Karasek ist gestorben. Ich mochte seinen Humor.

                                 (Fotos kann man gerne anklicken. Die werden auch grösser dadurch. Verwandt bin ich mit keinem der Herren)

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Museales hier wie da

Die Übersättigung spürte ich anfangs der 1980er Jahre. Es hatte den Anschein als fiele den Musikern nichts mehr ein. Die Musikalartisten der grossen Bands produzierten ihre Soloalben, unsere Klassiker verseichten im weichgespülten Synthiepop. Der Punk war endgültig zum Kassemachen verkommen, New Wave die Aufforderung zum Nasepudern – bis zum Grunge war es noch einige Jahre hin. Und dennoch gab es zwischendurch klangfunkelnde Sterne. Zum Beispiel diese Band hier:
Young Marble Giants – Colossal Youth (1980)…

Im Ärmelarchiv alle alten Kottans entdeckt. Als Krimis noch Krimis waren. Und Humor noch Humor. Zumindest österreichischer Humor. Ab Folge sechs spielt Lukas Resetarits den Major Kottan. Von da ab unbedingt sehenswert. Wenn der Einbeinige die Krücke zieht überkommen mich auch heute noch Lachanfälle.

Zugegeben, mir erscheinen die Reste vergangener Ärmelgenerationen überwiegend als lästige, zu entsorgende Überbleibsel. Gestern fand ich ein Elektroakupunkturgerät. Verstaubt im hinteren Winkel eines Schrankes. Auf Knopfdruck surrt das pistolenähnliche Apparätchen sogleich los. Rasches blättern in der Bedienungsanleitung. Die Landkarte der Meridianpunkte studieren. Wo tuts denn gerade weh, ey? Notizen machen, dass die Behandlung reibungslos vonstatten gehen kann. Oh Wunder. An den Meridianpunkten zozzelts und brizzelts energetisch. Die Batterien arbeiten auch nach fünfundzwanzig Jahren noch. Am Oberarm angesetzt fängt fast diagonal entgegengesetzt der Fuss an zu zappeln und mich überkommt fast ein Lachkrampf. Froh zu sein bedarf es wenig. Das passende Lied zum brauchbaren Gerümpel: www youtube.com/watch?v=s9MLPhTOps4

Horsche und gugge ist ein lebenserkraftendes Motto. In der Bembelstadt gibt es dazu reichlich Gelegenheiten. Am Museumsufer ist noch bis zum 15. April 2015 die Ausstellung Body Talks zu sehen. Eine Kulturgeschichte zum hundertsten Geburtstag des BHs.
Wem dieses Thema zu schlüpfrig ist (Schlüpfer gibt es im Museum für Kommunikation auch zu sehen), den spricht vielleicht die Bestattungskultur eher an. In Kassel gibt es das einzige Museum für Sepulkralkultur.
Bei alledem sei das gesunde Essen nicht vergessen. Wen es in das Land zwischen den Meeren verschlägt, den zieht es vielleicht in das einzige Bananenmuseum Deutschlands. Immer horsche immer gugge.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen wunderschönen Sonntag.

(Foto anklicken, Fenster öffnen und Blumentöpfe zählen hilft – fast immer) 

 

Herbst, Friedhof und die passende Begleitlektüre

Bei der Archivsichtung zufällig wieder entdeckt: Malicorne – Les Cathédrales De L’Industrie (1986)…

Karl Heinz Kramberg (1923-2007) kenne ich als Journalist in Diensten der Süddeutschen Zeitung. Seine Rezensionen zu den Werken zeitgenössischer Autoren haben mir wegen ihres Stils und Witzes gefallen.
In der Lummerländer Bibliothek fiel mir beiläufig eine der beiden Kompilationen wieder in die Hände, die Karl Heinz Kramberg zu Anfang der 1970er Jahre zusammenstellte. In „Vorletzte Worte“ sind die von zeitgenössischen Autoren selbst geschriebenen Nachrufe versammelt. Die Liste der Beiträger umfasst das damalige Spektrum

Bei der Recherche zu diesem Beitrag stelle ich fest, dass „Vorletzte Worte“ in den letzten zwanzig Jahren von verschiedenen Taschenbuchverlagen mehrfach nachgedruckt worden ist. Das Buches scheint sich demnach einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen. Der Selbstnnachruf von Johannes Mario Simmel jedenfalls ist für mich ~~~ wie dem auch sein, um interessierten Besuchern, Lesern und Guggern die Entdeckerfreude zu bewahren zähle ich die Namen der Schreibenden hier nicht auf.
Wem die Nachrufe dennoch zu melancholisch erscheinen im aufziehenden Herbst, der greife zu der anderen der beiden erwähnten Kompilationen: „34 x verbotene Liebe“. Darin versammelt Kramberg 34 erotische Beschreibungen aus der Weltliteratur, in denen die Liebe durch vermeintlich religiöse oder moralische Ansichten diskreditiert ist. Auch dieser Titel ist im Taschenbuch zugänglich.
Ich persönlich empfehle Kennern und Geniessern selbstredend die Originalausgaben.

Karl Heinz Kramberg: Vorletzte Worte. Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf. Frankfurt am Main, Bärmeier &. Nikel 1970,. 295 S.
Karl Heinz Kramberg: 34x Verbotene Liebe. Frankfurt am Main, Bärmeier &. Nikel 1969. 321 S.

Weitere Buchempfehlungen für die dunkel aufziehenden Jahreszeiten demnächst hier, wo Entdeckungen zu Lebenslust und Horizonterweiterungen noch möglich sind.

Listenschrein und triste Pein

Über Sachsenhausen ziehen die Flieger zur Landung. Die Domglocken haben sich wieder beruhigt. Eine erstaunliche Werbesendung der Radeberger Brauerei: Ben Becker liest Bert Brecht (2014)…

Koffer probehalber vorpacken. Gewichtsprobleme austarieren. Der letzte Tag vor der Rückkehr auf den Schwarzen Berg. Die Notizzettel ein letztes Mal prüfen. Listen. Früher hatte ich ständig Listen. Mittlerweile ändert sich das.
Es gab zwar bereits im Zweistromland systematiserte Aufzeichungen zur Kontrolle von Saatgütern, Ernten und Erträgen, also vornehmlich zu landwirtschaftlichen Zwecken. Darin liegt, vereinfacht gesagt, der Ursprung unserer heutigen Schrift.
Trockene formalisierte Listen sind jedoch eine urmilitärische Erfindung. Die alten Römer haben die Verschriftlichung der militärischen Verwaltung systematisiert und damit lernten sehr viele Menschen, die mit dem Militär in jeder nur erdenklichen Weise in Berührung kamen, das Lesen und Schreiben. Urlaubsanträge beispielsweise sind eine Erfindung der römischen Militärverwaltung. Mit dem Untergang des römischen Reiches breitete sich das Analphabetentum wieder aus. Im frühen Mittelalter verlor die Schrift zum Verwalten an Bedeutung.

Listenmeister gab es seitdem zu allen Zeiten. In der jüngsten Vergangenheit waren die braunen Horden Listengrossmeister. Bei der massenhaft abgewickelten Menschenvernichtung bedienten sie sich neben den handgeschriebenen Listen jedoch auch der Hilfe von IBM Rechnern.
Im Westen Frankfurts liegt der Friedhof Westhausen. Ein ruhiger schlichter Friedhof. Dort gibt es eine grosse Abteilung mit 4788 italienischen Kriegsgräbern. Die meisten Toten sind junge Männer, deren Leben gewaltsam zu Ende kam, bevor sie das dreissigste Lebensjahr erreicht hatten.
Wie kann es sein, dass es unbekannte Soldaten gibt. Bei all den perfektionierten Listen. Eine Metapher eventuell für die Entindividualisierung beim Militär, der Bedeutungslosigkeit eines Menschenlebens im Vorrat des kämpfenden Soldatenmaterials.
Im Gegensatz zum unbekannten Soldaten mit dem Maulwurfshügel zu seinen Füssen strahlt an einem anderen Grab das Schild rimpatriato – in die Heimat zurückgekehrt, eine geradezu erhabene Würde aus.

(Foto anklicken und gross gugge).

Normaler Donnerstag einer normalen Woche

 Im Archiv gewühlt und für gut befunden, ohne den Blues zu haben: Tony McPhee – I asked for Water she gave me Gasoline (1969)…

Menschlichen Krisen gegenüber bin ich aufgeschlossen. Selbst wenn es nur Kleinstkrisen sind. Fremden und eigenen gleichermassen.
Krisen sind Prozessschlüssel. Sie öffnen Türen, Tore, Portale und Zugänge ins wirkliche Leben. Nur Krisen ermöglichen Fortschritte im guten Sinn einer Weiterentwicklung. Satt und zufrieden in der Hängematte schaukelnd findet keine Entwicklung statt, allenfalls Verdaung.
Was lachst du denn. Klar, auch Verdauung ist ein Prozess. Hey, klasse dir so unvermutet zu begegnen. Wie bitte. Erzählen. Was soll ich dir denn erzählen. Ist ne ganze Weile, dass du mal vorbeigekommen bist.
Eine Bloggerin vermutet einen Hilferuf in einem anderen Blog. Stimmt, Blogs kennst du noch nicht. Stells dir vor wie ein öffentliches Tagebuch. Ein junger Mensch männlichen Geschlechts bloggt sich seinen Frust weg. So siehts jedenfalls aus. Kündigt seinen definitiven Abschied an. Und löst damit eine enorme Reaktion aus, die über die Kommentare weit hinausschäumt. Fast durchweg von Frauen sind die Kommentare. Wie, Kommentare – ach so: Kommentare kannst du dazu benutzen, mit dem Schreiber in Kontakt zu treten. Ja, ich weiss, wir hätten nichtmal privat so miteinander geredet. Die Zeiten haben sich geändert. Überleg´ mal, unsere letzten Gespräche fallen vielleicht in den Anfang dieser Veränderung.
Bezugnehmend auf einen seiner Sätze schreibe ich ihm zwei Sätze, also kommentiere. Posts werden gelöscht, Kommentare nicht freigegeben. Am späteren Abend veröffentlicht er wieder einen Eintrag. Ist beleidigt wie nur je ein vierjähriges Mädchen. Es wird interessant. Er greift die Menschen an, die um ihn besorgt waren. Bellt rum und teilt aus.
Was sagst du dazu, Alter? Noch heute nach mehr als einem Vierteljahrhundert ist mir dein hintergründig verschmitzter Augenaufschlag vertraut. Wie wärs dem Bürschchen in unserer WG wohl ergangen. Seis drum.
Ein Schauspieler hat sich umgebracht. Nein, keine Drogen. Das ist nach wie vor eher was für Musikalartisten. Obwohl, in letzter Zeit, auch hier in der Bravoquickbunterepublik. Also, er hat sich für den Strick entschieden. Soll depressiv gewesen sein. Erinnerst du dich noch an Brinckmann. Doch nicht der Trollprofessor aus dem Schwarzwald, du Knallkopp. Rolf Dieter, Dichter, der in London unters Auto gelaufen ist. Hat den Linksverkehr unterschätzt. Bei ihm glaube ich allerdings nicht, dass er absichtlich unters Auto lief. Nein, keine Sorge, ich fange jetzt nicht seinen Gedichten an.
Männer im Intenet zählen die Filme auf, die ihnen gefallen haben, Frauen dagegen sind berührt von seiner Selbstaufhängung. Ob der Schauspieler daran gedacht hat, was in jenen Menschen vorgeht, die ihn auffinden werden. Sein Anblick. Gegen die Gliedversteifung von Selbstaufhängern hilft auch kein Maskenbildner aus dem Hollywoodstudio. (Richter, Optatus Leopold Wilhelm: Handbuch des Straf-Verfahrens in den Königl. Preußischen Staaten, mit Ausnahme der Provinzen, in welchen noch französisches Recht gilt. Verlag Borngräber, Königsberg 1830. hier: Bd. 2, S. 364). Ja, lach du nur. Schon klar, mein ewiger Griff ins Regal. Lieber würde ich einen Äppler mit dir trinken., kannste mir schon glauben. Aber du…
Da fällt mir ein, einen seiner Filme haben wir jedenfalls zusammen gesehen. Good Morning Vietnam. Unsere Musik. Vietnam, das Thema. Im Zusammenhang mit den Bildern und seinen Texten hatte der Film schon was.
Wie? Ich verstehe dich zunehmend schlechter in den letzten Jahren, sags nochmal. Nee, da stimme ich dir sofort zu, gegen Donald Sutherland kam der Mann nie an. M*A*S*H war da ein ganz anderes Kaliber. Der spielte zwar in Korea, aber Krieg ist Krieg, da waren und sind wir uns einig.
Ja, leider, es kracht und rappelt noch immer und überall. Im Nordirak will die Quickregierung unserer Bunterepublik jetzt die Armee mit technischem Gerät unterstützen. Ich habs erst garnicht geschnallt. Decken, Zelte und Medikamente für die tausende Menschen auf der Flucht vor durchgeknallten fanatischen Religionsfaschisten, dafür spendet man. Ist doch logan.
Wieso aber brauchen diese Entkräfteten Panzerabwehrraketen? Als später die Nachrichten kamen, im Interview die Buntetagslabergeschütze auffuhren und Realitätsabwehrpolitiker losseierten habe sogar ich dann verstanden. England und Frankreich „unterstützen“ längst die irakische Armee.
Mensch, die Märkte von morgen. Du siehst, alles wir es kennen. Dass man es heute leichter rauskriegen kann, macht die Sache allerdings nicht leichter erträglich.
Aber weisst du, was mir im Lauf der Zeit immer mehr auf den Zeiger geht? Die Nachricht nach der Nachricht. Am 11. kam die Todesnachricht des Schauspielers. Am 12. war das Thema Depression der Aufmacher, er soll ja depressiv gewesen sein. Die Betroffen, die Depressiven, die Krankheit. Die Kosten für Krankenkassen. Da quellen prima Schlagzeilen aus dem Redaktionsendgedärm.
Die Pharmaindustrie wirds jedenfalls freuen. Die Glücklichpillenverkäufe werden in dieser Woche wohl zufriedenstellend steigen. Und das Umfeld. Was mir stinkt, ist, dass niemand vom Umfeld depressiver Menschen schreibt. Von den Menschen, die den Auswirkungen standhalten. Die haben keine Lobby und die Pharmaindustrie offensichtlich noch keine gewinnproduzierenden Aushaltedrogen.
Schon gut, du musst mich nicht erinnern. Ich bin halt nicht so cool wie du, nie gewesen. Wills auch garnicht sein, verdammt. Vielleicht hätte ich dich dann schon längst abgeschrieben und vergessen.
Heute in den Nachrichten das nächste Thema, dass er offensichtlich pleite war. Insidernachrichten. Insider aus Familienkreisen. Die Putzfrau vielleicht oder der Sekretär hat ausgepackt. Take your chance bevor sie andere ergreifen. It´s Dollarmakingtime man, so what.
Übrigens habe ich mir inzwischen die Beiträge auf dem Blog des jungen Mannes eingehender angesehen. Wie? Naja, so ein bisschen Neugier ist schon dabei. Und Texte zu untersuchen, erzeugt noch immer ein leichtes Kribbeln. Derrida und die Kristeva haben wir früher nicht gekannt. War vielleicht besser so. Die hätten manche unserer Lieblingsautoren mit der Kettensäge entzaubert. Aber hin und wieder ist die Kettensäge eben auch hilfreich.
Was sagst du – nix ist nur schlecht. Mann, Alter, und auf Regen folgt Sonnenschein. Hättest du noch deine Stimme, wir könnten jetzt die Witze erzählen, über die wir schon früher nicht gelacht haben.
Also die Kettensäge. Bei jenem Blog zum Beispiel. Schlauer Bube, der du bist, natürlich hast du ins Schwarze geraten. Er schreibt brav jeden Tag weiter. Hat ja seine Frauenschar um sich versammelt, die ihn am Schreiben hält.
Wie? Klar, ist das zum Lachen, einer der neueren Muttisammler, eine genügt ihm nicht. Und wie geschickt er die Schreiberinnen longiert. Dir kann ichs ja sagen. Zweimal habe ich mich ertappt mit neidischen Rückwärtsgedankennebeln beim Lesen. Was hätte ich in dem Alter dafür gegeben, die Mütter so geschickt um den Finger wickeln zu können. Nee, ich mache mich so wenig wie du über die Frauen lustig. Als Frau würde ich vielleicht genauso handeln. Kann man nie wissen. Ist vielleicht seine Rache. Von einem Vater ist bei ihm nichts zu lesen. Väter, das waren unsere Themen. Idioten verständnislose, Nixschnaller, Laberköppe und Feinde allesamt. Da habens die Alleinerzogenen heute schwerer sich ein scheibeneinfaches Weltbild hinzudengeln.
Nur eine der schreibenden Frauen, die imponierte mir sofort. Die bringt den kleinen Kacker in fast jedem ihrer Kommentare auf den Punkt. Schade, du hättest deine Freude, aber hast ja nun keine Augen mehr zum Lesen.  Und wie er sich dann rauswindet um nur nicht drauf eingehen zu müssen, keinesfalls konkret zu werden.
Mich berührt der Tod des Schauspielers nicht. Diese Woche begann übrigens auffällig wie jene Woche  damals. Erinnerst du dich noch als ich dich abholte. Als wir zum letzten Mal zurück ins Kaff fuhren. Ich kann mich nicht mehr an den Mann erinnern, der hinter mir sass. Der als Aufpasser mitfahren musste. Und du, die ganze Strecke auf dem runtergekurbelten Liegesitz.
Dieser Übergang vom Sommer zum frühen Herbst. Das widerlich schöne Wetter, so ekelhaft, dass dein Abschied einer einzigen wütenden Trotzreaktion glich. Aber von allen. Nix war zu machen gegen das verflixte Wetter. Ein metereologischer Zynismus zum Quadrat.
Was meinst du, muss man gesehen haben wie ein Mensch stirbt. Nein, nicht im Film. Dabeisein. In echt, jetzt mal. Eine Hand halten vielleicht und in einer langen letzten, ins schier Endlose gedehnten Einstellung spüren, wie die Kraft so langsam sanft entweicht, sich verflüchtigend ins Nirgendwo, dass man sich richtig anstrengen muss, um überhaupt noch etwas tastend wahrzunehmen.
Wie verändert das die Einstellung. Sag doch mal. Egal ob zum Leben oder zu Sterben. Was geschieht mit dem persönlichen Empfindungsarsenal. Was wandert ins Archiv und was entsteht neu.
Lauren Bacall ist gestorben und das berührt mich. Die Nachrichten nach der Nachricht sind bei Lauren Bacall aus anderen Worten gewebt. Die liefert nichts für billige Sensationen. Nicht mal als vierte Frau von Bogart. Und jetzt ists schon zwei Tage her.
Sie war halt eine Frau, die nicht ins gewohnt primitive Hollywoodfrauenbild passte. No handsome nice little woman, ya know. Die sagte ihre Meinung. Unmissverständlich.
Du hast Recht, jetzt fällts mir wieder ein. Als das los ging mit den Kommunalen Kinos. Zwei Käffer, zwei Kinos, zwei Mark Eintritt pro Film, bis zu zehn Filme pro Woche. Da habe ich mich in der Bogart Reihe virtuell in Lauren Bacall verschossen. „Anyboby get a match“ – ich bin fast in die Leinwand gesprungen. Ihr erster Satz im Film und der machte sie dann auch schlagartig berühmt.
Heute Nacht habe ich mir „Gangster in Key Largo“ angesehen und „To have and have not“. Originalton versteht sich: Anybody get a match. Private Abscheidszeremonie. Ein Genuss. Ein Fest des Sehens und Verstehens
Krisen setzen Energien frei. Da fällt mir ein, dass Wut auch eine Energie ist. Konstruktiv eingesetzt kann aus Wut Gutes werden. Ich bin mir nichtmal sicher, ob ich dich  wieder gerne einmal sehen möchte. Nur einen Tag vielleicht, oder eine Stunde. Wieso wir erst zu sprechen lernten miteinander als es fast zu spät war, die Frage lagert noch immer irgendwo.
Ich spekuliere manchmal darüber, in den letzten Jahren zugegeben seltener. Ich bin auch nicht traurig, dass ich die zahlreichen Fahrten in unserem letzten Jahr hin und zurück vor deinem Verschwinden zu verwechseln beginne. Unvergessen aber bleibt jener Sommer als wir mit unseren beiden italienischen Einzylinderinnen den Appenin durchkreuzten. Da lernten wir zu reden. Das behalte ich.
Irgendwas bleibt immer. Jetzt gerade der schale Lesenachgeschmack. Der Bursche hat die absolutierenden Wörter „immer“ und „nie“ zu oft gebraucht. Seine Texte damit geradezu versalzen. Nein, dabei bleibe ich, das ist keine Verhandlungsmasse. Und er strapaziert das Wort „total“. „Total“ und „fanatisch“ waren Goebbelswörter für uns. Unwörter. Unaussprechlich. Der hatte die massenkompatibel gemacht.
Letternkombinationen, zu Silben und Wörtern zusammensetzt und in Parolen verwoben, die anderen Menschen wie Mottenfrass im Gefühlsgewebe schadeten. („TOTAL [Lfg. 21,6],adj., adv., synonym mit älterem deutschen gesamt, gänzlich, ganz […] der affectgehalt, zu dem ein adjectiv der bedeutung ‚vollständig, gesamt‘ an sich neigt, erscheint im fremdwort noch gesteigert; es steht deshalb mit vorliebe bei begriffen, die eine affectbetonung nahelegen, vornehmlich, bei solchen negativer bedeutungsrichtung; der begriff erfährt dabei gewöhnlich eine graduelle steigerung, seltener eine quantitative ausweitung…“ (Grimm, Jakob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch Bd. 21 Sp.906).
Das hat sich der kleine grossmäulige Klumpfuss gut eingebaut in seine Propaganda. Wie der die Sprache verhunzt hat. Wir waren vorsichtig im Umgang mit den Wörtern. Zu vorsichtig. Wenn du mir doch endlich, nach all den vielen Jahren mal erklären könntest. Ich kann dich immer schlechter verstehen
. Ich will dir aber sagen, am besten finde ich immer noch, dass wir zusammen gelernt haben in unserer Jugend, sich nicht über andere Menschen leichtfertig zu erheben, trotz allem.
Dafür terrierscharf hinschauen und „Nanu“ sagfragen zu lernen. Ungenau, ich habs von dir gelernt.
Ja, ist ja gut, ich weiss, dass du weg musst. Musst du wirklich. Musste es so schnell sein.
Damals, als wir zusammensassen, sonntags nachmittags. Letztmalig. Die ungeduldige Frau. Mit dem dämlichen Klemmbrett vor sich. Die deinen Namen nicht verstand, vielleicht auch nicht verstehen wollte. Du machtest dir deinen Spass draus. Ich hatte endlich die Stationen von „Im Lauf der Zeit“ rausgefunden. Wir wollten die Route abklappern und dabei fotografieren. Ein, zwei Wochen später. Entlang der Grenze. Demnächst mit diesem Käfer oder jener Ente.
Du hast die Grenze aber vorher überwunden, hast dich aus dem Staub gemacht, ohne Auf Weidersehen zu sagen. Damals  geriet ich in eine Krise, wahrhaftig. Ich habe dann mehrere Jahre nicht mehr fotografiert. Einfach nichts mehr gesehen.
Es gibts jetzt wieder Quetschekuche. Darauf freue ich mich schon. Dieser verdammte letzte Sonntag. Bilderbuchsonntag. Mit allen Freunden und Bekannten. Du hattest dir Quetschekuche gewünscht, gefordert. Abschiedsessen. Pflaumenkuchen als Abschiedsessen.
Nein, ich will dich nicht aufhalten. Wollte und will nicht. Die sauber gezogene Hohlkehle deiner letzten Umarmung liegt mir noch immer auf den Schultern. Ich werde demnächst in Bembeltown sein. Ich werde uns eine Flasche Äppler mitbringen. Ohne Mund kannst du nicht trinken. Deine Hälfte lasse ich dann wie gehabt über deinen Grabstein laufen, ok? Was sagst du. Nö, zum Rauchen werde ich diesmal nichts mehr mitbringen…

Lebende & Tote

Durch ihn habe ich Hollywoods stereotypische Zuschreibungen für Mexikaner gelernt und mir daraufhin
meine eigenen Gedanken gemacht. El Loco, der Verrückte; el Lobo, der Wolf und natürlich auch  Tuco.
Auf dem Programm heute Abend zum Gedenken an Eli Wallach (1915 – 2014) – Zwei glorreiche Halunken (1966)…

Die Kirche des Hl. St. Georg ist eines der ganz wenigen erhaltenen Altertümer der Hauptstadt. Die
Wandgemälde sind
bis zu 400 Jahre alt. Hinter dem Friedhof zieht sich am Hang der alte Friedhof
hoch. Verwunschen zugewachsen. Viele Gräber sind zerstört worden in den Jahren. Als letzte Ruhestätte
wird der Ort schon lange nicht mehr genutzt. Umgestürzte Grabsteine. Abfälle. Da schützt kein Blitzableiter
gegen das nächtliche Treiben. Die kleinen Mausoleen und Grabstätten sind Treffpunkte für Leuten, auf ihre
Art ihre Existenz bereits zum Lebensriedhof machen.
Weggeworfene Löffel und zurückgelassene Spritzen
tun dies kund. Als ich den Schädel in einem offenen Grab beim
letzten Besuch sah, lag er friedlich in seiner
feuchten Grube. Jetzt hat man ihn offensichtlich mit Steinen beworfen. Dass mich das berührt hat mich überrascht.

                           (Foto anklicken für grössere Einblicke)