Beiläufig : Tendenzen gleichbleibend bis steigend

Ein kerniges Müsli ziehe ich einer glibberigen Himbeergarnichtgöttlichspeise allemal vor. Statt René Rilke also Gottfried Benn : Ausschnitte des kompletten von ihm selbst gelesenen Hörwerks. Manche seiner Gedichte stelle ich mir als die vorletzte Rettung vor auf einer einsamen Insel:

„Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.“

Tendenz steigend: Agression und Tumbheit. In der dreissiger Zone entdecke ich in entgegengesetzter Fahrtrichtung eine mobile Radarkontrolle. Ein Stück weiter kommt mir ein grosser Wagen entgegen. Ich gebe ein warnendes Lichtzeichen und die allseits bekannte Flachhandbewegung. Die sofort folgende Lichtschau des Autos verblitzt mir die Augen, sodass ich dem todbringenden Hassblick des sportlichen Fahrers gerade noch entgehe. Als ich die Augen blinzelnd wieder öffne, blitzt das Radarlicht hellrot hinter mir auf.
Kurz darauf muss ich an einer Ampel anhalten. In der Querrichtung rechts die Ampel schaltet auf Grün. Der Motorradfahrer will links abbiegen. Legt seine Maschine locker schräg und setzt sich fast neben die Sitzbank. Ganz so, wie wir es vom Motorradrennen kennen. Prima After Breakfast Show. Während ich noch denke, dass er jetzt ganz viel Glück braucht, um seine Gedankenlosigkeit auszugleichen, schrappt auch schon haufenweise Plastik über den morgenfeuchten Asphalt. Der Fahrer rollt waagrecht hinterher. Aufrecht stehend wäre das eine aufsehenerregende Pirouette geworden…

Tendenz steigend : Telefontricks mit Rentnern. In Hessen sind diese perfiden Betrügereien 2017 im Vergleich zu 2016 von 3,8 Miillionen Euro Schaden auf 6,8 Millionen angestiegen. Man kann sich fragen, wieso Rentner so leichtfertig dermassen viel Geld hergeben. Ich frage mich jedoch eher, wie hoch der Betrag wohl sein mag, den Banken durch raffinierte Beratungstricks von alten Menschen absahnen.
Die betagte Dame nebenan wollte seinerzeit eine Sterbeversicherung abschliessen, um den Nachkommen die Beerdigungskosten zu ersparen. Nach fast zehn Jahren muss sie jetzt feststellen, dass sie wesentlich mehr eingezahlt hat, als ihr bzw. ihren nachkommen jemals ausgezahlt werden würde. Es dauerte eine Weile, ihr zu erklären, was geschehen ist. Schliesslich vertrauen ältere Menschen „ihrem Bankbeamten“ noch. Sie hatte aufgrund der „Beratung“ eine Risikolebensversicherung abgeschlossen. Und vertrauensvoll unterschrieben, dass sie alles verstanden hätte bei der Beratung (wer gibt schon gerne zu, nichts verstanden zu haben). Dazu gehört das volle Risiko eines massiven Geldverlustes versteht sich. Und die fettere und sichere Vermittlungsgebühr für die Bank. Nein, sie musste kein Gesundheitszeugnis vorlegen, wie das Gesetz es vorsieht für Menschen, die bei Vertragsabschluss einer Risikolebensversicherung älter als siebzig Jahre sind. Warum?
Ganz einfach, die Versicherungsumme lag knapp unter dem gesetzlichen Grenzwert. Ich habe im Namen der Dame an die Bank geschrieben. Das Antwortschreiben für die alte Dame habe ich gelesen. Der kalte Zynismus. Die Unterschrift lässt eine jüngere Angestellte vermuten. Was soll man diesem bedeutungslosen Bankrädchen wünschen, das früher oder später ohnehin ausgetauscht werden wird im Sinne wirtschaftlichen Gewinnstrebens.
Die Schmuckelemente des kapitalistischen Systems sind die Verblendungszusammenhänge.

Tendenz unverändert: Die Mauer in den Köpfen. Anfangs, so vor fünfundzwanzig Jahren dachte ich angesichts der Berichte über unerwünscht anreisender Verwandter aus dem Osten, dass die Mauerköpfe vornehmlich im Westen siedeln. Dass echte Westdeutsche noch heute die neuen Bundesländer meiden, macht nichts. Die haben dort ihre eigenen Dumpfbacken, die brauchen die aus den alten Bundesländern nicht.
Klar, da gabs noch rote Socken, die in der ehemaligen deutschen Republik ein fettes Leben lebten, dass nun vorbei war. Inzwischen habe ich jedoch schmerzlich lernen müssen, dass man wahrscheinlich prozentual nicht weniger Pfosten im Osten findet. Menschen, die noch immer nicht in der gesellschaftlichen Gegenwart angekommen sind.
Interessanter ist meines Erachtens eine Dissertation, die Mitte des Jahres erscheinen wird. Die Historikerin Konstanze Soch recherchierte zum Thema Paketverschickung zwischen DDR und BRD. Ostpakete und Westpakete. Dass Pakete auf dem Weg zu den Empfängern in den Osten regelmässig geröngt (ab etwa Mitte der 1980er Jahre) und durchsucht worden sind von eifrigen Mitarbeitern wissen wir Wessis. Wir waren medial dabei und habens also mit eigenen Augen gesehen.
Was aber nicht einmal Sudel-Ede wusste, waren die Untersuchungen von Brief- und Paketsendungen beim Versand von Ost nach West. Die Westpakete wurden zwar auch stichprobenmässig von Organen der DDR kontroliert. Aber auch in der BRD wurden in der Zeit zwischen 1961 und 1989 massenweise Pakete, Päckchen und Briefsendungen widerrechtlich geöffnet und untersucht vom Militärischen Abschirmdienst (MAD / ich liebe diese Abkürzung) und vom Bundesnachrichtendienst (BND). Dazu gab es verschiedene Standorte, z.B. in Hamburg, Hannover oder Bad Hersfeld. In Hannover sollen etwa 40 – 100 Pakete und bis zu 2000 Briefsendungen täglich untersucht worden sein. Eine eigene Logistik sorgte für die Abholung in den entsprechenden Postämtern. Im Bundestag war diese massive Verletzung des §10 Abs.1 des Grundgesetzes kaum bekannt.
Dass man die geöffneten oder beschädigten Sendungen allenfalls notdürftig wieder verschloss, hatte Methode. Man konnte sich darauf verlassen, dass ohnehin jeder Empfänger in der BRD davon ausginge, dass die Stasi alles und jedes öffnete und beschnüffelte. Die Recherchen zu dieser Promotionsarbeit wurden durch das sogenannte Bundesarchivbestandsgesetz erschwert. Dadurch sind zahlreiche Unterlagen noch immer unter Verschluss und nicht einsehbar.
Aber bei uns im besseren Deutschland gings und gehts doch demokratisch zu. Ein dreckiger deutscher Geheimdienst? Klar, gabs den mal : damals in der DDR. Bei uns arbeiten die vielen Staatsschutzdienste zu unserer demokratischen Sicherheit und in jedem Fall auf dem Boden des Grundgesetzes. Das muss mal klar gesagt werden, nicht wahr. Und wenns Ihnen hier nicht passt, dass gehen Sie doch rü—- äähhhh : aber die Strasse vor Ihrem Haus könnten Sie doch wenigstens mal wieder kehren…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Photographien : vom Warten auf den Frühling / Tendenz steigend. Beiläufiges Anklicken macht Bilder gross)

Und jetzt erklingt die Musik: Young Marble Giants – Colossal Youth (1980)

 

 

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Salzig die Kehle wenn die Welle an Land läuft

Es gab Bands damals, die hatten eigens einen Texter für ihre Lieder. Deren Texte waren für uns Schüler arge Herausforderungen. Wir nahmen damals wörtlich, was wir uns anders garnicht denken konnten. Eine dieser Bands war Procol Harum. Die lyrische Poesie von Keith Reid fasziniert mich. Das Lied gab der ganzen Langspielplatte ihren Titel: Procol Harum – A Salty Dog (1969)…

„Ey, machst mir noch einen?“
„Aber klar. Zum Wohl.“

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne die alten vertonten Gedichte. Übertrage auch manche gerne. Es geht eher um die Stimmung dabei, die Atmosphäre, die vom Text durch die Musik ausströmt. Weniger um den angeblichen tieferen Sinn. Was uns der Dichter damit sagen will? Kopfgesteuerte Interpretationen zerpflügen das Gefühl. Eine schöne Geschichte hat Udo Lindenberg vor Jahrzehnten bereits aus diesem Lied gemacht.

„Das Gleiche nochmal?“
„Yepp. Aber mach´ mirnen Doppelten.“

„Alle Mann an Deck – wir laufen auf Grund!“
Ich höre den Käpt´n schrei´n
„Durchsucht das Schiff, löst den Koch ab:
Lasst keinen am Leben.“
Durch alle Meerengen, rund um Kap Hoorn:
Wie weit können Matrosen fahren?
Vertrackte Strömung, qualvoller Kurs,
Lebend kommt keiner davon.

Wir segelten in Gegenden, die niemand vor uns sah, dahin,
Wo Schiffe heimkommen zum Sterben
Keine vornehme Piek, auch keine steile Klippe
kam dem Auge unsres Käpt´ns gleich
Nach sieben Tagen Seekrankheit liefen wir einen Hafen an
So weiss der Sand und die See so blau –
Kein guter Ort zum sterben

Wir haben Kanonen abgefeuert, Masten abgefackelt und
Pullten vom Schiff zum Strand
Der Käpt´n flennte, wir Seeleute weinten:
Unsere Tränen waren Freudentränen
Das ist viele Monde her und noch mehr Juninächte
Seit wir an Land festmachten
Ein salty Dog, des Seemanns Logbuch,
Euer Zeuge meine eigene Hand….

„Einen nehme ich noch. Der rollt so schön wie eine sanfte Welle die Dünung runter.“
„Gerne. Du weisst ja, was ich für deinen nehme: 4cl Wodka, 8cl Grapefruchtsaft und zerstossenes Eis ganz wie es in deine Strömung passt….“
„Leg doch nochmal den Tonarm in die Rille
„Na denn…“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen guten Wind in den Segeln.

 

 

 

Du erinnerst Dich doch: Ebereschen

Heute Abend dampft das Radio: stone.fm….

 

      Ebereschen  (Gottfried Benn)

Ebereschen – noch nicht ganz rot
von jenem Farbton, wo sie sich entwickeln
zu Nachglut, Vogelbeere, Herbst und Tod.

Ebereschen – noch etwas fahl,
doch siehe schon zu einem Strauß gebunden
ankündigend halbtief die Abschiedsstunden:
vielleicht nie mehr, vielleicht dies letzte Mal.

Ebereschen – dies Jahr und Jahre immerzu
in fahlen Tönen erst und dann in roten
gefärbt, gefüllt, gereift, zu Gott geboten −
wo aber fülltest, färbtest, reiftest du −?

 

 

Oktober wars gestern noch

Ian Anderson ist in meinem musikalischen Kosmos eine feste Grösse. Ich bewundere seine enorme Musikalität und hervorragende Qualitäten als Songschreiber. Egal ob solo oder als Kapellmeister von Jethro Tull. Sein letztes Soloalbum ist ein Streifzug durch die englische Geschichte in fünzehn Liedern: Ian Anderson – Homo Erraticus (2014)…

Also, ich bin ja in dem Nest hier gross geworden. Was waren wir Jungs froh, wenns endlich Frühjahr wurde und auf den Bächen das Eis brach dort drunten im Wiesengrund. Dann konnten wir endlich die Angeln ausm Schuppen holen. Wir sind auf Schleien und kleine Barsche gegangen.
Und im Sommer kam jedes Jahr wieder der fahle Jim Youlden aus Halesworth mit seinem Traktor vorbei, der hatte hinten dran sonen Aufbau, weisst du, wo die heute ihren Überrollbügel haben. So nen Aufbau hatte der, das warne Bandsäge. Der hielt gerade hier gegenüber am Anger und sägte gegen kleinen Lohn den Bauern ihr Holz für den kommenden Winter.
Auch den paar Angestellten, die drüben in der kleinen Fabrik arbeiteten. Die hatten ja nix in den Muckis, verstehst du. Die Arbeiter, die hackten ihr Holz, akkurat in kleinen Scheiten, die sie in ihren Ställchen aufschichteten.
Sei doch mal ruhig, Jack!

Na und im August kochten die alten Weiber im kupfernen Waschkessel das Pflaumenmus, das musste drei Tage und Nächte ununterbrochen gerührt werden. Dass den alten Frauen die Arme dabei nicht einschliefen, dafür wechselten die sich ab. Aber so müde die manchmal auch waren, die schwätzten und schwabbelten tagelang.
Da sind wir einmal drüben in die Waschküche von dem Wilburn, der lebt ja nun auch seit Jahren nicht mehr. Dort hatten wir dummen Schlingel von unten den Kessel nachgeheizt und die Alten haben nichts mitgekriegt, so waren die am salbadern, nachdem sie sich über Kathys Geistermärchen entsetzlich erschrocken hatten. Und auf einmal gabs ein Mordsgeschrei weils plötzlich so sehr im Kessel dampfte und das Mus zu kochen anfing. Das ist uns der olle Wilburn vielleicht mit der Mistgabel nach.
Iss ja gut, alter Junge, die Pfeife ist eh gleich aus.

Naja und dann um diese Zeit im Oktober kam jahrein jahraus der Krautschneider. Der ging mit seinem Gehäcksel von Hof zu Hof und schnitt den Bauern hier das Kraut, das die Frauen dann in die Fässer einlegten. Das weiss ja heute keiner mehr. Klar gabs hier jede Menge Kraut zu essen. Das wird gerne vergessen. Nachher im ersten Krieg wurden die verdammten Deutschen zu den Krauts, die sie heute noch sind. Und da gabs tatsächlich Leute hier, die lieber Kohldampf schoben (woher kommt dieses Wort eigentlich?) als den verdammten Kohl zu essen.

So verging das Jahr und hatte seinen eigenen Rhythmus. Dauernd war was los, ununterbrochen musste man rackern um über die Runden zu kommen. Und die schweren Pferde waren der Stolz jedes Bauern. An Kirchweih wurden sie gestriegelt und geschmückt. Das schönste Kaltblut wurde gekürt und sein Besitzer durfte sich zwei Tage lang umsonst die Kanne geben.
Für euch jungen Leute wollten wir ja, dass das alles mal einfacher werden sollte. Das war nämlich manchmal ganz schön hart hier und am Ende hattest du nicht mal nen Schilling, um im „Postillion und Hufeisen“ nen Pint und nen Gin zu nehmen am Sonntag nach der Kirche.
Brr, steh doch mal ruhig, alter Junge.

Ich mag diese Jahreszeit im Oktober am liebsten, wenn morgens die Nebelschwaden so richtig nassfeucht aus den Feldern aufsteigen. Die letzten Äcker sind gepflügt. Die Geräte werden danach überholt. Der Winter mit seinen harten Winden fegt noch nicht übers Land. Es wird schon früher dunkel aber an einem sonnigen Tag leuchtet das bunte Laub und erhellt dir deine Seele für die langen Wintertage.

Der alte Jack hier, der mag den Winter auch nicht gerne, der geht lieber raus und arbeitet so wie ers schon sein ganzes langes Leben lang getan hat, nicht wahr, Jack. Er ist jetzt das letzte Kaltblut hier im Dorf. Er ist ein Shire, schau mal, er spürt, dass wir von ihm reden, der hat ein Stockmass von einem Meter sechsundneunzig. Hey, und ich bin ein Mann von aufrechten einsvierundachzig. Aber gegen Jack bin geradezu ein Männchen.
So, ich muss jetzt aber wirklich weiter. Ich will nachsehen, ob die Kühe noch einige Nächte draussen bleiben können. Jack braucht auch noch seinen kleinen Ausritt am Abend. Vielleicht treffen wir uns ja nachher noch mal im „Postillion und Hufeisen.“
Dann singen wir gemeinsam das Lied von den stolzen englischen Pferden – von den Kaltblütern – – –
Hüü Jack, komm alter Junge, iss ja gut . . . .

Kaltblüter – Jethro Tull (1978)

Eisenbeschlagen, leichtfüssig, trabstaubwirbelnd,
Ein Oktobertag, gegen Abend
Schweissig erhabene Adern stemmen sich stolz gegen den Pflug
Auf dem mächtigen Brustkorb trocknet Salz an der Luft
Letzter eines Schlages – nach ehrlicher Tagesmüh´
pflügst du die Scholle unter
Feuerstein an der Fessel, ackerst und schaffst
Fliegen fleddern an deinen Nüstern
Der Suffolk, der Clydesdale, der Percheron sie wetteifern

neben dem Shire mit seiner wehenden Mähne
Nadelholz in die Abenddämmerung schleppziehend
um dann auf einem warmen Lager aus Stroh zu ruhen

Kaltblüter, bewegt die Erde unter mir
Hinten rackert der Pflug rutschend und schiebend
Nur wenige sind jetzt noch übrig
Es gibt nichts mehr zu schaffen
Der Traktor ist auf dem Vormarsch

Lass mich dir ein Stutenfohlen finden für deinen würdigen Samen,
um den alten Schlag zu erhalten
Und wir werden Seite an Seite stehen tief im Wald,
hinten wo die jungen Bäume wachsen
Um dich
vor den Blicken zu verbergen, die sich über deine Grösse lustig machen
und dein Stockmass über einsneunzig
Und eines Tages wenn die Ölbarone auf dem Trockenen sitzen und

Die Nächte draussen kälter aufziehen
Dann werden sie um deine Stärke bitten und deine sanfte Kraft
deine edle Anmut und deine Haltung
Und du wirst dich noch einmal ins Zeug legen zum Gesang der Möwen
im Geschirr vor dem Tiefpflug, furchpflügend.

Wie Panzer auf der Kuppe des Hügels stehend
Aufrecht dem kalten Wind offen zugewandt
in steifem Zuggeschirr, erdverbunden
Gegen die niedrige Sonne weit ausgreifend
Bringt mir ein Rad aus eichenem Holz,
Zügel von poliertem Leder,
Ein Kaltblut und einen aufgewühlten Himmel,
der schweres Wetter zusammenbraut
Bringt ein Lied für den Abend,
Blank gewienertes Messing blitzt im Morgengrauen
über  glitzrige Äcker wie Dunst auf einem Wiesenteppich
In diesen dunklen Städtchen liegt das Volk im Schlaf
wenn die Kaltblüter vorbeidonnern,
um die niedergehende Kleinstadt wach zu rütteln
durch den herzbeseelten Schrei des Reiters

Die alten Hände beleben sich augenblicklich – – –
Bring´  Hufkratzer, Strohbündel und Striegel
Begeistere dich an all den Klängen,
Die Kaltblüter kommen nach Hause.

Originaltext: Ian Anderson
Das Lied ist erschienen auf: Jethro Tull – Heavy Horses (1978)

PS:  Wer sich für Pferde interessiert, kann im Netz nach Fotos vom Shire Horse, Clydesdale, Percheron oder Suffolk suchen. Das sind die klassischen englischen Kaltblutrassen. Das Shire Horse ist die grösste Pferdrasse mit einem Stockmass bis über 2,00 Meter. Ian Anderson setzt sich neben seinen anderen Umweltaktivitäten auch für den Erhalt der alten Kaltblüter ein.

Mit Goethe und Trotzki am Wasserhäuschen vorbei

Zur Einstimmung auf die heutige Landratswahl und weils für die meisten Politiker, ganz pauschal gesprochen, leider noch immer zutrifft:
Mountain – Masters of War (2007)…

Für einige Tage  war Frau Waas im neuen Ärmelhaus. Das passte prima zum Testen aller Installationen nach den Renovierungsarbeiten. An einem Tag waren wir in Frankfurt. Sie hatte dort Verpflichtungen und ich begleitete sie. Als wir hochfuhren in den Norden der Stadt und an Bockenheim vorbei, fiel mir das Wasserhäuschen in der Leipzigerstrasse ein.

Das gibt es schon lange nicht mehr. Frankfurter Wasserhäuschen sind eine Institution. Mittlerweile werden sie schon in Büchern gewürdigt und so vor dem Vergessen bewahrt. Wenn man sich auskennt in der Stadt, kann man da und dort noch eines der alten Wasserhäuschen sehen. Das Warenangebot ist den modernen Zeiten angepasst. Die Inhaber sind jünger geworden. Zu schnell wechseln heute die Anwohner und mit ihnen ihre Bedürfnisse. Die alten Betreiber kannten ihre Kunden und deren Wünsche.

Einer, der sich an den Wasserhäuschen seinen Nachschub gegen den Durst besorgte auf seinen nächtlichen Streifzügen durch die schlafende Stadt, war der Dichter Jörg Fauser. Dort fand er dann gelegentlich auch Anregungen für ein Gedicht. Warum auch immer, eines seiner Gedichte fiel mir wieder ein, als ich im Wagen auf Frau Waas wartete, die eine weitere Erledigung auf ihrer Liste abhakte.
Den Wasserhäuschen ergeht es wie den traditionellen Apfelweinwirtschaften. Es werden von Jahr zu Jahr weniger. Im Stadtteil Bornheim, wo Fauser zuletzt wohnte, sind vielleicht noch die meisten zu finden. Immerhin.
Jörg Fauser kam in der Nacht seines 43. Geburtstages ums Leben.

Die Tage werden wieder kürzer…

…und das schon mitten im Hochsommer. Und der Schnitter beginnt, die Erntekränze zu binden…

Erntelied             (Clemens Brentano)

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Er mäht das Korn, wenn’s Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Dass schneidend sie glänze,
Bald wird er dich schneiden,
Du musst es nur leiden;
Musst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Was heut noch frisch und blühend steht
Wird morgen schon hinweg gemäht,
Ihr edlen Narzissen,
Ihr süßen Melissen,
Ihr sehnenden Winden,
Ihr Leid-Hyazinthen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ohne Zahl,
Ihr sinket durch der Sense Stahl,
Weh Rosen, weh Lilien,
Weh krause Basilien!
Selbst euch Kaiserkronen
Wird er nicht verschonen;
Ihr müsst zum Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du himmelfarben Ehrenpreis,
Du Träumer, Mohn, rot, gelb und weiß,
Aurikeln, Ranunkeln,
Und Nelken, die funkeln,
Und Malven und Narden
Braucht nicht lang zu warten;
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du farbentrunkner Tulpenflor,
Du tausendschöner Floramor,
Ihr Blutes-Verwandten,
Ihr Glut-Amaranthen,
Ihr Veilchen, ihr stillen,
Ihr frommen Kamillen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du stolzer, blauer Rittersporn,
Ihr Klapperrosen in dem Korn,
Ihr Röslein Adonis,
Ihr Siegel Salomonis,
Ihr blauen Cyanen,
Braucht ihn nicht zu mahnen.
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Lieb Denkeli, Vergissmeinnicht,
Er weiß schon, was dein Name spricht,
Dich seufzerumschwirrte
Brautkränzende Myrte,
Selbst euch Immortellen
Wird alle er fällen!
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Frühlings Schatz und Waffensaal
Ihr Kronen, Zepter ohne Zahl,
Ihr Schwerter und Pfeile,
Ihr Speere und Keile,
Ihr Helme und Fahnen
Unzähliger Ahnen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Maies Brautschmuck auf der Au,
Ihr Kränzlein reich von Perlentau,
Ihr Herzen umschlungen,
Ihr Flammen und Zungen,
Ihr Händlein in Schlingen
Von schimmernden Ringen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr samtnen Rosen-Miederlein,
Ihr seidnen Lilien-Schleierlein,
Ihr lockenden Glocken,
Ihr Schräubchen und Flocken,
Ihr Träubchen, ihr Becher,
Ihr Häubchen, ihr Fächer,
Musst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Herz, tröste dich, schon kömmt die Zeit,
Die von der Marter dich befreit,
Ihr Schlangen, ihr Drachen,
Ihr Zähne, ihr Rachen,
Ihr Nägel, ihr Kerzen,
Sinnbilder der Schmerzen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O heimlich Weh halt dich bereit!
Bald nimmt man dir dein Trostgeschmeid,
Das duftende Sehnen
Der Kelche voll Tränen,
Das hoffende Ranken
Der kranken Gedanken
Muss in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr Bienlein ziehet aus dem Feld,
Man bricht euch ab das Honigzelt,
Die Bronnen der Wonnen,
Die Augen, die Sonnen,
Der Erdsterne Wunder,
Sie sinken jetzt unter,
All in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Den Kranz helft mir winden,
Die Garbe helft binden,
Kein Blümlein darf fehlen,
Jed‘ Körnlein wird zählen
Der Herr auf seiner Tenne rein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Schneidige Musik auch im Ärmelasühl: Love Scultpure – Forms and Feelings (1969)
Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich eine einträgliche Woche.