Oktober wars gestern noch

Ian Anderson ist in meinem musikalischen Kosmos eine feste Grösse. Ich bewundere seine enorme Musikalität und hervorragende Qualitäten als Songschreiber. Egal ob solo oder als Kapellmeister von Jethro Tull. Sein letztes Soloalbum ist ein Streifzug durch die englische Geschichte in fünzehn Liedern: Ian Anderson – Homo Erraticus (2014)…

Also, ich bin ja in dem Nest hier gross geworden. Was waren wir Jungs froh, wenns endlich Frühjahr wurde und auf den Bächen das Eis brach dort drunten im Wiesengrund. Dann konnten wir endlich die Angeln ausm Schuppen holen. Wir sind auf Schleien und kleine Barsche gegangen.
Und im Sommer kam jedes Jahr wieder der fahle Jim Youlden aus Halesworth mit seinem Traktor vorbei, der hatte hinten dran sonen Aufbau, weisst du, wo die heute ihren Überrollbügel haben. So nen Aufbau hatte der, das warne Bandsäge. Der hielt gerade hier gegenüber am Anger und sägte gegen kleinen Lohn den Bauern ihr Holz für den kommenden Winter.
Auch den paar Angestellten, die drüben in der kleinen Fabrik arbeiteten. Die hatten ja nix in den Muckis, verstehst du. Die Arbeiter, die hackten ihr Holz, akkurat in kleinen Scheiten, die sie in ihren Ställchen aufschichteten.
Sei doch mal ruhig, Jack!

Na und im August kochten die alten Weiber im kupfernen Waschkessel das Pflaumenmus, das musste drei Tage und Nächte ununterbrochen gerührt werden. Dass den alten Frauen die Arme dabei nicht einschliefen, dafür wechselten die sich ab. Aber so müde die manchmal auch waren, die schwätzten und schwabbelten tagelang.
Da sind wir einmal drüben in die Waschküche von dem Wilburn, der lebt ja nun auch seit Jahren nicht mehr. Dort hatten wir dummen Schlingel von unten den Kessel nachgeheizt und die Alten haben nichts mitgekriegt, so waren die am salbadern, nachdem sie sich über Kathys Geistermärchen entsetzlich erschrocken hatten. Und auf einmal gabs ein Mordsgeschrei weils plötzlich so sehr im Kessel dampfte und das Mus zu kochen anfing. Das ist uns der olle Wilburn vielleicht mit der Mistgabel nach.
Iss ja gut, alter Junge, die Pfeife ist eh gleich aus.

Naja und dann um diese Zeit im Oktober kam jahrein jahraus der Krautschneider. Der ging mit seinem Gehäcksel von Hof zu Hof und schnitt den Bauern hier das Kraut, das die Frauen dann in die Fässer einlegten. Das weiss ja heute keiner mehr. Klar gabs hier jede Menge Kraut zu essen. Das wird gerne vergessen. Nachher im ersten Krieg wurden die verdammten Deutschen zu den Krauts, die sie heute noch sind. Und da gabs tatsächlich Leute hier, die lieber Kohldampf schoben (woher kommt dieses Wort eigentlich?) als den verdammten Kohl zu essen.

So verging das Jahr und hatte seinen eigenen Rhythmus. Dauernd war was los, ununterbrochen musste man rackern um über die Runden zu kommen. Und die schweren Pferde waren der Stolz jedes Bauern. An Kirchweih wurden sie gestriegelt und geschmückt. Das schönste Kaltblut wurde gekürt und sein Besitzer durfte sich zwei Tage lang umsonst die Kanne geben.
Für euch jungen Leute wollten wir ja, dass das alles mal einfacher werden sollte. Das war nämlich manchmal ganz schön hart hier und am Ende hattest du nicht mal nen Schilling, um im „Postillion und Hufeisen“ nen Pint und nen Gin zu nehmen am Sonntag nach der Kirche.
Brr, steh doch mal ruhig, alter Junge.

Ich mag diese Jahreszeit im Oktober am liebsten, wenn morgens die Nebelschwaden so richtig nassfeucht aus den Feldern aufsteigen. Die letzten Äcker sind gepflügt. Die Geräte werden danach überholt. Der Winter mit seinen harten Winden fegt noch nicht übers Land. Es wird schon früher dunkel aber an einem sonnigen Tag leuchtet das bunte Laub und erhellt dir deine Seele für die langen Wintertage.

Der alte Jack hier, der mag den Winter auch nicht gerne, der geht lieber raus und arbeitet so wie ers schon sein ganzes langes Leben lang getan hat, nicht wahr, Jack. Er ist jetzt das letzte Kaltblut hier im Dorf. Er ist ein Shire, schau mal, er spürt, dass wir von ihm reden, der hat ein Stockmass von einem Meter sechsundneunzig. Hey, und ich bin ein Mann von aufrechten einsvierundachzig. Aber gegen Jack bin geradezu ein Männchen.
So, ich muss jetzt aber wirklich weiter. Ich will nachsehen, ob die Kühe noch einige Nächte draussen bleiben können. Jack braucht auch noch seinen kleinen Ausritt am Abend. Vielleicht treffen wir uns ja nachher noch mal im „Postillion und Hufeisen.“
Dann singen wir gemeinsam das Lied von den stolzen englischen Pferden – von den Kaltblütern – – –
Hüü Jack, komm alter Junge, iss ja gut . . . .

Kaltblüter – Jethro Tull (1978)

Eisenbeschlagen, leichtfüssig, trabstaubwirbelnd,
Ein Oktobertag, gegen Abend
Schweissig erhabene Adern stemmen sich stolz gegen den Pflug
Auf dem mächtigen Brustkorb trocknet Salz an der Luft
Letzter eines Schlages – nach ehrlicher Tagesmüh´
pflügst du die Scholle unter
Feuerstein an der Fessel, ackerst und schaffst
Fliegen fleddern an deinen Nüstern
Der Suffolk, der Clydesdale, der Percheron sie wetteifern

neben dem Shire mit seiner wehenden Mähne
Nadelholz in die Abenddämmerung schleppziehend
um dann auf einem warmen Lager aus Stroh zu ruhen

Kaltblüter, bewegt die Erde unter mir
Hinten rackert der Pflug rutschend und schiebend
Nur wenige sind jetzt noch übrig
Es gibt nichts mehr zu schaffen
Der Traktor ist auf dem Vormarsch

Lass mich dir ein Stutenfohlen finden für deinen würdigen Samen,
um den alten Schlag zu erhalten
Und wir werden Seite an Seite stehen tief im Wald,
hinten wo die jungen Bäume wachsen
Um dich
vor den Blicken zu verbergen, die sich über deine Grösse lustig machen
und dein Stockmass über einsneunzig
Und eines Tages wenn die Ölbarone auf dem Trockenen sitzen und

Die Nächte draussen kälter aufziehen
Dann werden sie um deine Stärke bitten und deine sanfte Kraft
deine edle Anmut und deine Haltung
Und du wirst dich noch einmal ins Zeug legen zum Gesang der Möwen
im Geschirr vor dem Tiefpflug, furchpflügend.

Wie Panzer auf der Kuppe des Hügels stehend
Aufrecht dem kalten Wind offen zugewandt
in steifem Zuggeschirr, erdverbunden
Gegen die niedrige Sonne weit ausgreifend
Bringt mir ein Rad aus eichenem Holz,
Zügel von poliertem Leder,
Ein Kaltblut und einen aufgewühlten Himmel,
der schweres Wetter zusammenbraut
Bringt ein Lied für den Abend,
Blank gewienertes Messing blitzt im Morgengrauen
über  glitzrige Äcker wie Dunst auf einem Wiesenteppich
In diesen dunklen Städtchen liegt das Volk im Schlaf
wenn die Kaltblüter vorbeidonnern,
um die niedergehende Kleinstadt wach zu rütteln
durch den herzbeseelten Schrei des Reiters

Die alten Hände beleben sich augenblicklich – – –
Bring´  Hufkratzer, Strohbündel und Striegel
Begeistere dich an all den Klängen,
Die Kaltblüter kommen nach Hause.

Originaltext: Ian Anderson
Das Lied ist erschienen auf: Jethro Tull – Heavy Horses (1978)

PS:  Wer sich für Pferde interessiert, kann im Netz nach Fotos vom Shire Horse, Clydesdale, Percheron oder Suffolk suchen. Das sind die klassischen englischen Kaltblutrassen. Das Shire Horse ist die grösste Pferdrasse mit einem Stockmass bis über 2,00 Meter. Ian Anderson setzt sich neben seinen anderen Umweltaktivitäten auch für den Erhalt der alten Kaltblüter ein.

Mit Goethe und Trotzki am Wasserhäuschen vorbei

Zur Einstimmung auf die heutige Landratswahl und weils für die meisten Politiker, ganz pauschal gesprochen, leider noch immer zutrifft:
Mountain – Masters of War (2007)…

Für einige Tage  war Frau Waas im neuen Ärmelhaus. Das passte prima zum Testen aller Installationen nach den Renovierungsarbeiten. An einem Tag waren wir in Frankfurt. Sie hatte dort Verpflichtungen und ich begleitete sie. Als wir hochfuhren in den Norden der Stadt und an Bockenheim vorbei, fiel mir das Wasserhäuschen in der Leipzigerstrasse ein.

Das gibt es schon lange nicht mehr. Frankfurter Wasserhäuschen sind eine Institution. Mittlerweile werden sie schon in Büchern gewürdigt und so vor dem Vergessen bewahrt. Wenn man sich auskennt in der Stadt, kann man da und dort noch eines der alten Wasserhäuschen sehen. Das Warenangebot ist den modernen Zeiten angepasst. Die Inhaber sind jünger geworden. Zu schnell wechseln heute die Anwohner und mit ihnen ihre Bedürfnisse. Die alten Betreiber kannten ihre Kunden und deren Wünsche.

Einer, der sich an den Wasserhäuschen seinen Nachschub gegen den Durst besorgte auf seinen nächtlichen Streifzügen durch die schlafende Stadt, war der Dichter Jörg Fauser. Dort fand er dann gelegentlich auch Anregungen für ein Gedicht. Warum auch immer, eines seiner Gedichte fiel mir wieder ein, als ich im Wagen auf Frau Waas wartete, die eine weitere Erledigung auf ihrer Liste abhakte.
Den Wasserhäuschen ergeht es wie den traditionellen Apfelweinwirtschaften. Es werden von Jahr zu Jahr weniger. Im Stadtteil Bornheim, wo Fauser zuletzt wohnte, sind vielleicht noch die meisten zu finden. Immerhin.
Jörg Fauser kam in der Nacht seines 43. Geburtstages ums Leben.

Die Tage werden wieder kürzer…

…und das schon mitten im Hochsommer. Und der Schnitter beginnt, die Erntekränze zu binden…

Erntelied             (Clemens Brentano)

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Er mäht das Korn, wenn’s Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Dass schneidend sie glänze,
Bald wird er dich schneiden,
Du musst es nur leiden;
Musst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Was heut noch frisch und blühend steht
Wird morgen schon hinweg gemäht,
Ihr edlen Narzissen,
Ihr süßen Melissen,
Ihr sehnenden Winden,
Ihr Leid-Hyazinthen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ohne Zahl,
Ihr sinket durch der Sense Stahl,
Weh Rosen, weh Lilien,
Weh krause Basilien!
Selbst euch Kaiserkronen
Wird er nicht verschonen;
Ihr müsst zum Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du himmelfarben Ehrenpreis,
Du Träumer, Mohn, rot, gelb und weiß,
Aurikeln, Ranunkeln,
Und Nelken, die funkeln,
Und Malven und Narden
Braucht nicht lang zu warten;
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du farbentrunkner Tulpenflor,
Du tausendschöner Floramor,
Ihr Blutes-Verwandten,
Ihr Glut-Amaranthen,
Ihr Veilchen, ihr stillen,
Ihr frommen Kamillen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du stolzer, blauer Rittersporn,
Ihr Klapperrosen in dem Korn,
Ihr Röslein Adonis,
Ihr Siegel Salomonis,
Ihr blauen Cyanen,
Braucht ihn nicht zu mahnen.
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Lieb Denkeli, Vergissmeinnicht,
Er weiß schon, was dein Name spricht,
Dich seufzerumschwirrte
Brautkränzende Myrte,
Selbst euch Immortellen
Wird alle er fällen!
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Frühlings Schatz und Waffensaal
Ihr Kronen, Zepter ohne Zahl,
Ihr Schwerter und Pfeile,
Ihr Speere und Keile,
Ihr Helme und Fahnen
Unzähliger Ahnen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Maies Brautschmuck auf der Au,
Ihr Kränzlein reich von Perlentau,
Ihr Herzen umschlungen,
Ihr Flammen und Zungen,
Ihr Händlein in Schlingen
Von schimmernden Ringen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr samtnen Rosen-Miederlein,
Ihr seidnen Lilien-Schleierlein,
Ihr lockenden Glocken,
Ihr Schräubchen und Flocken,
Ihr Träubchen, ihr Becher,
Ihr Häubchen, ihr Fächer,
Musst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Herz, tröste dich, schon kömmt die Zeit,
Die von der Marter dich befreit,
Ihr Schlangen, ihr Drachen,
Ihr Zähne, ihr Rachen,
Ihr Nägel, ihr Kerzen,
Sinnbilder der Schmerzen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O heimlich Weh halt dich bereit!
Bald nimmt man dir dein Trostgeschmeid,
Das duftende Sehnen
Der Kelche voll Tränen,
Das hoffende Ranken
Der kranken Gedanken
Muss in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr Bienlein ziehet aus dem Feld,
Man bricht euch ab das Honigzelt,
Die Bronnen der Wonnen,
Die Augen, die Sonnen,
Der Erdsterne Wunder,
Sie sinken jetzt unter,
All in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Den Kranz helft mir winden,
Die Garbe helft binden,
Kein Blümlein darf fehlen,
Jed‘ Körnlein wird zählen
Der Herr auf seiner Tenne rein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Schneidige Musik auch im Ärmelasühl: Love Scultpure – Forms and Feelings (1969)
Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich eine einträgliche Woche.

Bei Schattenseiten durchaus auch sonnig

Eine der damen, die immer wieder aufhorchen lassen: Marianne Faithfull – GIve my Love to London (2014). Zeit werde ich dieser Scheibe gegen müssen: Kayo Dot – Coffins on Io (2014). Das im Text zitierte Gedicht findet man auch musikalisch verarbeitet bei: Vangelis – China (1978)…

Wen es interessiert, welche Schattenspuren man im Netz ratzfatz hinterlässt, der schaut sich seine eigenen auf „me and my shadow trackography.org“ an.
Zum Trost dazu ein Gedicht ganz anderer Qualität, das mich seit vielen Jahren begleitet:

Ich nehme eine Flasche Wein und gehe hin sie zu trinken zwischen Blumen.
Wir sind immer zu Dritt – mit meinem Schatten und meinem Freund dem schimmernden Mond.
Glücklicherweise weiss der Mond nichts von meinem Trinken und mein Schatten ist niemals durstig.
Wenn ich singe hört mir der Mond schweigend zu.
Wenn ich tanze tanzt mein Schatten mit mir.
Nach allen Festlichkeiten müssen die Gäste Abschied nehmen;
Diese Traurigkeit kenne ich nicht.
Wenn ich nach Hause gehe begleitet mich der Mond und mein Schatten folgt mir.
(Li Tai Po *701 – †761)

Für einige Tage hatte ich das Glück, auf dem Schwarzen Berg zu sein. Der Kracher war der erste Strandtag des Jahres. In Begleitung von Frau Waas auf den Kieseln liegen und die spürbar kräftige Sonne zu geniessen. Vom Meer blies die würzig frische Brise die nase und den Geist frei.
Und hier und heute im Bembelland die griesgraue Trübsal des Februars. Schneeregen obendrauf. Die schnellen Wechsel nehme ich als unwirklich wahr. Unnatürlich zum mindesten. Die immer schnelleren Wechsel bei stetig zunehmender Drehzahl. Mir scheint es nur normal, dass immer mehr Menschen dabei durchdrehen. Gesund ist das jedoch keinesfalls.

Heute begann der Prozess gegen den Edathy. Im Vorfeld ist alles schief gelaufen im ursprünglichen Sinn des Wortes. Ich bin grundsätzlich dafür, dass jeglicher Umgang mit kinderpornografischem Material, ob Herstellung, Vertrieb, Handel oder Konsum bestraft wird. Ich frage mich inzwischen allerdings, ob der Beschuldigte und mittlerweile Beklagte wirklich kinderpornografisches gekauft hat. Immerhin war er Vorsitzender des NSU Untersuchungsausschusses. Dort sind Behörden in ein ihnen sehr unangenehmes Zwielicht geraten. Ich kann mir vorstellen, dass man mittlerweile mit einem Vorwurf wegen Kinderpornografie jemanden schneller erledigen als wegen antisemitischer Äusserungen.

Man sagt meist ohne darüber nachzudenken: „Im wahrsten Sinn des Wortes.“ Als gäbe es graduell unterschiedliche Wahrheiten. Gibt es einen weniger wahren Sinn des Wortes? Noch dümmlicher finde ich allerdings die Einleitung: „Jetzt lass´ uns mal ganz ehrlich reden.“ Soll man sich bei einem Menschen, der einen auf diese Weise anspricht, fragen was er einem bis jetzt verschwiegen hat oder ob er bisher gar die Unwahrheit gesagt haben könnte.

Während ich meine virtuellen Aktivitäten in Bloggerlanden zunehmend reduziere, will ich dennoch gerne auf Sleepersblog hinweisen, der sich nach seinem Umzug  bei Onkel Wortpresse niedergelassen hat.

(Fotos anklicken und gross gugge)

Digitales Bleistiftstummelmedium

Stiller Morgen. Zufriedenheit und Einverstandensein. Gut ausgeschlafen. Klare kalte Luft und blauer Himmel Solides Frühstück. Die innere Harmonie, der ausgeglichene Rhythmus ist Musik für sich selbst…

Altes Medium

Was Sie vor Augen haben,
meine Damen und Herren,
dieses Gewimmel,
das sind Buchstaben.
Entschuldigen Sie.
Entschuldigen Sie.
Schwer zu entziffern,
ich weiss, ich weiss.
Eine Zumutung.
Sie hätten es lieber audiovisuell,
digital und in Farbe.

Aber wem es wirklich ernst ist
mit virtual reality,
sagen wir mal:

Füllest wieder Busch und Tal,
oder: Einsamer nie
als im August, oder auch:
Die Nacht schwingt ihre Fahn´,
der kommt mit wenig aus.
Sechsundzwanzig dieser Tänzer,
ganz ohne Graphik-Display
und CD-ROM,
als Hardware ein Bleistiftstummel –
das ist alles.

Entschuldigen Sie.
Entschuldigen Sie bitte.
Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.
Aber Sie wissen ja wie das ist:
Manche verlernen es nie.           (Hans Magnus Enzensberger)

                                                                (Foto anklicken hilft gegen graue Stare)

 

Gedichtgraffiti zum Bartwickelmaschinenstreik

Wohlgesetzte Sätze, die sich zu eindrücklichen Bildern verdichten in einer überaus amüsanten Vorlesung: Mond, Nebel & Regen erste Qualität – Arno Schmidt in Bargfeld (2013)…

Herbstgedichte? Hör´ mir auf mit den Ewiggleichen von RilkeChamissoHesseFontane. Tief im Keller rattert die Bartwickelmaschine. ~|~|~|~|||||||| .
In diesem Jahr schmückt mir jenes feinskizzierte Silbenwortsatzteilgemälde die seelenherbstlichen Befindlichkeiten:

Beobachtet,
wie auch Ihr
beobachtet werdet!
:
Regen
nagt.
Das
klappernde
Geräusch;
alle Büsche
fächeln sich
mit
nässenden
Gebärden.   (Arno Schmidt)

Zu den Fotos: Die Graffities stammen aus einer Unterführung an der Strecke der 1858 erbauten Hessischen Ludwigsbahn, der sogenannten Rheon-Main Bahn von Darmstadt nach Mainz. nach dem Bau der Eisenbahnbrücke über den Rhein (1863) wurde die Gleisstrecke bis nach Bingen verlängert.
Foto anklicken und gross gugge!