Dies und jenes wäre noch zu sagen

Frühe Morgenfrische, strahlender Sonnenschein, knusprige Croissants mit hausgemachter Konfitüre, der Blick auf die kleinen Gepäckstücke auf den ungehobelten hölzernen Bodenbrettern : Police – Message in a Box (1993)…

Die Tuberosen sind angegangen und gedeihen prächtig. Die Rosen treiben zahlreiche Blüten aus. Und die Madonnenlilien spriessen. Die Freude über die Gartenarbeit. Die Weinbergschnecken sind fleissig.
Wo wir in die Natur gehen, stören wir. Ahnungslose, denen die Feinsinne für die Wirkkräfte pflanzlicher und tierischer Systeme und Energien abgestorben sind. Wir haben uns die Zeit nehmen lassen, den lebensinteressanten Prozessen nachzuspüren. Dafür werden wir geschäftstüchtig mit punktgenauen Jubiläen im Schach gehalten. Wer Glück hat, muss sich nicht wie schon vor einem halben Jahrhundert von einer aufgeblasenen Lachfigur wie Langhans eine Klinke an die Backe labern lassen.

In diesem Jahr feiert man das 50-jährige der Achtundsechziger. Das nun auch dieses Ereignis mit viel Brimborium begangen wird hätte ich nicht für möglich gehalten.
Ich habs innerhalb von vier, fünf Minuten realisiert als ich an einem laufenden Fernsehgerät vorbeigelaufen bin. Durch
diese CSU-Politikerin, die da in einer Babbelschau zum Thema ´68 durch ihr dümmliches Gerede hinterher noch tagelang für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Diese Person hat offenbar noch immer nicht verstanden, dass sie erst durch die Folgen der Veränderungen ihre heutige berufliche Position innehat. Wenns nämlich nach der ewiggestrigen Partei, der sie angehört gegangen wäre, würde sie wahrscheinlich noch heute zweimal am Tag auf dem Melkschemel sitzen, ansonsten dem Ehemann die karierten Hemden bügeln und vor der Vesper dem Pater beichten.

Überhaupt lässt sich am Beispiel des 68er Jubiläums wieder einmal wunderbar sehen, wie Geschichtsklitterung betrieben wird. So ganz nach der soliden Grundregel : Vereinfache radikal, das vermeidet Denkschmerzen und zeige die immer gleichen Bilder. Dann wird das Gewohnheitshämmerchen das Bewusstsein schon schmieden.
Weil das Thema auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder gerne einmal aufgefrischt wird, möchte ich ihnen allen, ob nördlich oder südlich des Äquators, ob diesseits oder jenseits der Elbe, einige Stichpunkte aufzeigen zur Illusionsreduktion der sogenannten 68er.
Das Jahr 1968 war lediglich der Kulminationspunkt von bürgerlichen Emazipationsbewegungen davor und danach. Die Protestbewegungen in der BRD begannen bereits in 1950er Jahren. Gegen die Wiederbewaffnung (Bundeswehr), den Beitritt zur Nato und zur Anti-Atombewegung zogen mehr Menschen auf die Strassen als bei den grossen Demonstrationen im Jahr 1968.
Die Präsentation der immer gleichen Bilder schafft eine verzerrte Ikonographie. Dadurch entsteht eine ungerechtfertigte Männerlastigkeit – die damaligen Medien, und die heutigen sind es anscheinend noch immer, waren Ansicht, Revolutionäre müssten Männer sein. Ausnahmen waren gewaltbereite Frauen wie Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin.
Als photographischer Chronist der Zeit gilt Michael Ruetz. Sein Bildband „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht sehen“ – APO Berlin 1966 – 1969. (Zweitausendeins, Frankfurt/M., 1980) legt ein anderes Zeugnis ab. Schon auf dem Titelbild sind drei Frauen zu sehen, die von Polizisten abgeführt werden. Dass aber auch in dem Bildband von Ruetz insgesamt mehr Männer als Frauen zu sehen sind, hat zwei simple Ursachen.
Erstens studierten zu jener Zeit deutlich weniger Frauen und zweitens verblieben selbst studierende Frauen anfangs noch in der traditionellen Geschlechterrolle. Sie agierten eher im Hintergrund, indem sie beispielsweise Flugblätter tippten, die „müden Revolutionäre“ nach deren Demos ernährten etc.. Sehr schnell änderten sie jedoch das traditionelle Rollenverständnis. Männer kümmerten sich vermehrt um die Kinder oder halfen im Haushalt. Daraus entstanden in den folgenden Jahren veränderte Familienstrukturen, z.B. Kinderläden, familiäre Wohngemeinschaften.
Die positiven Folgen der immensen medialen Aufmerksamkeit, die (heute) mit dem Jahr 1968 verbunden werden, sind die schichtenübergreifenden Emanzipationsgewinne gegenüber der jeweils herrschenden Klasse in vielen sozialen Bereichen. Und ein nicht zu unterschätzender Demokratisierungsgewinn zeigt sich in der Entstehung und Entwicklung der Bürgeriniativen.

Die Legende von den studierenden Kindern, die ihre Eltern mit deren Nazivergangenheiten konfrontierten, wird weit überbewertet. Es gab einige wenige berühmte Ausnahmen. Stelvertretend sei Bernward Vesper genannt, der Sohn des obersten Naziliteraturkritikers und Dichters Will Vesper, machte den Vater-Sohn-Konflikt in seinem Romanessay „Die Reise“ (März bei Zweitausendeins, Frankfurt, 1977) öffentlich.  Beim grossen Rest herrschte vermutlich Schweigen zu diesem Thema, denn die Eltern finanzierten schliesslich das Studium und die Studentenbude ihrer Sprösslinge
Soviel zu diesem Thema. Ich muss mir selbst einzelne Punkte gelegentlich korrigierend bewusst machen. Zu stark ist die macht der plattmachenden Vereinfachung.

Der Himmel draussen ist stahlblau. An diesem sechsten Mai zweitausendachtzehn. Wozu die vergangenen Wege fremder Menschen nachgehen? Sich ansehen, was übrig geblieben ist von ihnen. Von ihren Werken.
Komm, nimm´ Deine Sense und pack´uns eine Futterlischke. Ich habe schon einiges Werkzeug verstaut. Wenn wir bald losfahren können wir schon Morgen beginnen. Im Garten von Forni Cerato.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Frühlingswoche.

(Zwei aktuelle Photographien, den obigen Beitrag illustrierend. Anklicken und gross gugge)

 

 

 

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Der Himmel soll nicht täuschen

Endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte; die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet : Fischer-Z – Building Bridges (2017)…

Vielleicht erinnern sich manche Besucher, Leser oder Gugger noch an meinen Beitrag, in dem ich mein persönliches Verhältnis zur Stadt Berlin schilderte. Der Bericht im Jahr 2012 war motiviert durch das verfallende Hotel Stadt Berlin in Bad Muskau. Bad Muskau besuche ich seit über zwanzig Jahren hin und wieder wegen des grossartigen Landschaftsparks des Fürsten Pückler. Das neue Schloss habe ich erstmal gesehen, da war es in einem ähnlich ruinösen Zustand wie das Hotel Stadt Berlin. Inzwischen ist es fein restauriert und schon dieses prachtvolle Gebäude mit seinem interessanten Museum lohnt einen Besuch.
Kürzlich hatte ich wieder einmal das Glück, diesen einzigartigen Park besuchen zu dürfen. Vor der Rückfahrt nahm ich eine aktuelle Photographie des wiedererstandenen Hotels auf.
Man muss nicht unbedingt in diesem Hotel übernachten. Es gibt zahlreiche bequeme und günstige Gelegenheiten in Bad Muskau und der nächsten Umgebung.
Was man sich als bewusst wahrnehmender Mensch hingegen unbedingt gönnen sollte, ist ein Besuch des wundervollen Parks des Fürsten Pückler.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

 

(Photographien zum Vergleich : Anklicken lohnt)

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Beiläufig : Tendenzen gleichbleibend bis steigend

Ein kerniges Müsli ziehe ich einer glibberigen Himbeergarnichtgöttlichspeise allemal vor. Statt René Rilke also Gottfried Benn : Ausschnitte des kompletten von ihm selbst gelesenen Hörwerks. Manche seiner Gedichte stelle ich mir als die vorletzte Rettung vor auf einer einsamen Insel:

„Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.“

Tendenz steigend: Agression und Tumbheit. In der dreissiger Zone entdecke ich in entgegengesetzter Fahrtrichtung eine mobile Radarkontrolle. Ein Stück weiter kommt mir ein grosser Wagen entgegen. Ich gebe ein warnendes Lichtzeichen und die allseits bekannte Flachhandbewegung. Die sofort folgende Lichtschau des Autos verblitzt mir die Augen, sodass ich dem todbringenden Hassblick des sportlichen Fahrers gerade noch entgehe. Als ich die Augen blinzelnd wieder öffne, blitzt das Radarlicht hellrot hinter mir auf.
Kurz darauf muss ich an einer Ampel anhalten. In der Querrichtung rechts die Ampel schaltet auf Grün. Der Motorradfahrer will links abbiegen. Legt seine Maschine locker schräg und setzt sich fast neben die Sitzbank. Ganz so, wie wir es vom Motorradrennen kennen. Prima After Breakfast Show. Während ich noch denke, dass er jetzt ganz viel Glück braucht, um seine Gedankenlosigkeit auszugleichen, schrappt auch schon haufenweise Plastik über den morgenfeuchten Asphalt. Der Fahrer rollt waagrecht hinterher. Aufrecht stehend wäre das eine aufsehenerregende Pirouette geworden…

Tendenz steigend : Telefontricks mit Rentnern. In Hessen sind diese perfiden Betrügereien 2017 im Vergleich zu 2016 von 3,8 Miillionen Euro Schaden auf 6,8 Millionen angestiegen. Man kann sich fragen, wieso Rentner so leichtfertig dermassen viel Geld hergeben. Ich frage mich jedoch eher, wie hoch der Betrag wohl sein mag, den Banken durch raffinierte Beratungstricks von alten Menschen absahnen.
Die betagte Dame nebenan wollte seinerzeit eine Sterbeversicherung abschliessen, um den Nachkommen die Beerdigungskosten zu ersparen. Nach fast zehn Jahren muss sie jetzt feststellen, dass sie wesentlich mehr eingezahlt hat, als ihr bzw. ihren nachkommen jemals ausgezahlt werden würde. Es dauerte eine Weile, ihr zu erklären, was geschehen ist. Schliesslich vertrauen ältere Menschen „ihrem Bankbeamten“ noch. Sie hatte aufgrund der „Beratung“ eine Risikolebensversicherung abgeschlossen. Und vertrauensvoll unterschrieben, dass sie alles verstanden hätte bei der Beratung (wer gibt schon gerne zu, nichts verstanden zu haben). Dazu gehört das volle Risiko eines massiven Geldverlustes versteht sich. Und die fettere und sichere Vermittlungsgebühr für die Bank. Nein, sie musste kein Gesundheitszeugnis vorlegen, wie das Gesetz es vorsieht für Menschen, die bei Vertragsabschluss einer Risikolebensversicherung älter als siebzig Jahre sind. Warum?
Ganz einfach, die Versicherungsumme lag knapp unter dem gesetzlichen Grenzwert. Ich habe im Namen der Dame an die Bank geschrieben. Das Antwortschreiben für die alte Dame habe ich gelesen. Der kalte Zynismus. Die Unterschrift lässt eine jüngere Angestellte vermuten. Was soll man diesem bedeutungslosen Bankrädchen wünschen, das früher oder später ohnehin ausgetauscht werden wird im Sinne wirtschaftlichen Gewinnstrebens.
Die Schmuckelemente des kapitalistischen Systems sind die Verblendungszusammenhänge.

Tendenz unverändert: Die Mauer in den Köpfen. Anfangs, so vor fünfundzwanzig Jahren dachte ich angesichts der Berichte über unerwünscht anreisender Verwandter aus dem Osten, dass die Mauerköpfe vornehmlich im Westen siedeln. Dass echte Westdeutsche noch heute die neuen Bundesländer meiden, macht nichts. Die haben dort ihre eigenen Dumpfbacken, die brauchen die aus den alten Bundesländern nicht.
Klar, da gabs noch rote Socken, die in der ehemaligen deutschen Republik ein fettes Leben lebten, dass nun vorbei war. Inzwischen habe ich jedoch schmerzlich lernen müssen, dass man wahrscheinlich prozentual nicht weniger Pfosten im Osten findet. Menschen, die noch immer nicht in der gesellschaftlichen Gegenwart angekommen sind.
Interessanter ist meines Erachtens eine Dissertation, die Mitte des Jahres erscheinen wird. Die Historikerin Konstanze Soch recherchierte zum Thema Paketverschickung zwischen DDR und BRD. Ostpakete und Westpakete. Dass Pakete auf dem Weg zu den Empfängern in den Osten regelmässig geröngt (ab etwa Mitte der 1980er Jahre) und durchsucht worden sind von eifrigen Mitarbeitern wissen wir Wessis. Wir waren medial dabei und habens also mit eigenen Augen gesehen.
Was aber nicht einmal Sudel-Ede wusste, waren die Untersuchungen von Brief- und Paketsendungen beim Versand von Ost nach West. Die Westpakete wurden zwar auch stichprobenmässig von Organen der DDR kontroliert. Aber auch in der BRD wurden in der Zeit zwischen 1961 und 1989 massenweise Pakete, Päckchen und Briefsendungen widerrechtlich geöffnet und untersucht vom Militärischen Abschirmdienst (MAD / ich liebe diese Abkürzung) und vom Bundesnachrichtendienst (BND). Dazu gab es verschiedene Standorte, z.B. in Hamburg, Hannover oder Bad Hersfeld. In Hannover sollen etwa 40 – 100 Pakete und bis zu 2000 Briefsendungen täglich untersucht worden sein. Eine eigene Logistik sorgte für die Abholung in den entsprechenden Postämtern. Im Bundestag war diese massive Verletzung des §10 Abs.1 des Grundgesetzes kaum bekannt.
Dass man die geöffneten oder beschädigten Sendungen allenfalls notdürftig wieder verschloss, hatte Methode. Man konnte sich darauf verlassen, dass ohnehin jeder Empfänger in der BRD davon ausginge, dass die Stasi alles und jedes öffnete und beschnüffelte. Die Recherchen zu dieser Promotionsarbeit wurden durch das sogenannte Bundesarchivbestandsgesetz erschwert. Dadurch sind zahlreiche Unterlagen noch immer unter Verschluss und nicht einsehbar.
Aber bei uns im besseren Deutschland gings und gehts doch demokratisch zu. Ein dreckiger deutscher Geheimdienst? Klar, gabs den mal : damals in der DDR. Bei uns arbeiten die vielen Staatsschutzdienste zu unserer demokratischen Sicherheit und in jedem Fall auf dem Boden des Grundgesetzes. Das muss mal klar gesagt werden, nicht wahr. Und wenns Ihnen hier nicht passt, dass gehen Sie doch rü—- äähhhh : aber die Strasse vor Ihrem Haus könnten Sie doch wenigstens mal wieder kehren…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Photographien : vom Warten auf den Frühling / Tendenz steigend. Beiläufiges Anklicken macht Bilder gross)

Und jetzt erklingt die Musik: Young Marble Giants – Colossal Youth (1980)

 

 

Unterhaltungsliteraturreduktion : Vollkornbrot statt Kaffeestückchen

Fast drei Stunden habe ich für den folgenden Beitrag gesessen. Und dabei ganz die Musik vergessen.
Aber dafür solls jetzt klingen : Doc Schoko – Stadt der Lieder (2018)…

Es gab Zeiten (gibt es die noch?), da gehörte es zum Bildungskanon gymnasialer Oberstufen, dem Candide zu begegnen.  François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, schrieb Candide, ou le optimisme (1759) als satirische Antwort auf den Essai de théodicée (1710) von Gottfried Wilhelm Leibnitz. In diesem Essay über die Gerechtigkeit Gottes, die folglich Anlass zum Optimismus sei, findet sich der berühmte Satz von der „besten aller möglichen Welten“, in der wir leben würden.
Voltaire nimmt  diesen Gedanken auf. Um ihn satirisch zu widerlegen, lässt er seinen Candide in die Welt ziehen. Dabei stossen dem Helden zahlreiche Unfälle zu, er muss Qualen erdulden und stolpert so von einem Unglück ins nächste. Ganz im Sinn der Aufklärung gelingt es Voltaire auf diese Weise, sich kritisch mit dem Gedankengebäude von Leibnitz auseinanderzusetzen. Am Ende zieht sich Candide mit einigen wenigen Menschen ins Private zurück, um „seinen Garten zu bestellen.“

Wenn ich mir den Zustand der Welt um mich herum ansehe, finde ich allenfalls noch den Schluss des Candide vor. Den Rückzug ins Private. Diesen letzten kleinen Schutzraum, in dem es sich noch einigermassen ruhig und sicher leben lässt.
Bei genauerem Hinsehen muss ich jedoch feststellen, dass auch dieses vermeintlich letzte Refugium inzwischen sehr instabil und bedenklich fragil geworden ist. Manche Prozesse des alltäglichen, öffentlichen Lebens möchte ich bald garnicht mehr auf ihr Ende hin denken. Ab einem gewissen Punkt stellt sich Schauder und Abscheu ein.
Die Zahl der Beispiele dafür steigt ständig, besondern in folgenden Bereichen: politisches Handeln an den lebenswichtigen Bedürfnissen der Menschen vorbei, unersättliche Geldgier der Konzerne, massive Umweltausbeutung und -zerstörung, unerhört grausame Tierquälereien durch die Industrien der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelherstellung und der pharmazeutischen „Forschung“, bedenklich zunehmende Bildungsferne – Stichwort: Halb- und Wiki“wissen“ – in weiten Bevökerungskreisen, verantwortungsfreie Spassgesellschaft, irrationaler Konsumwahn, propagandistisch verseuchte Fernseh- und Radioprogramme (und nicht bloss der Privaten), rasanter Anstieg von roher physischer Gewalt selbst bei kleinsten Meinungsverschiedenheiten. Weitere Beispiele kann jeder aus seinem eigenen Lebensumfeld ergänzen.

Ich könnte mir angesichts dieser Wahrnehmungen die Beschäftigung mit den beiden genannten Werken durchaus ersparen und sie abtun als belanglose literarische Altertümer. Mir stattdessen das aktuell zu vermarktende Werk eines zeitgenössischen Autors anzutun? In verschiedenen Medienhitlisten hochgejubelt und obendrein in einer niveaulosen Fernsehschau gepriesen, ein Buch, das in wenigen Monaten schon wieder irgendwo verramscht wird, ist dagegen keine Alternative für mich.

Was bleibt einem also als interessierter Leser?
Während sowohl die Theodizee von Leibnitz als auch Voltaires Candide noch einigen Lesern bekannt sein dürften, ist dritte Werk im Bunde weitgehend vergessen.
Sein Autor Johann Karl Wezel (1747 – 1819), Aufklärer und Zeitgenosse der deutschen Klassiker, schrieb den Roman „Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ (1776). In diesem Werk rechnet Wezel ab mit dem Leibnitzschen Optimismus und macht dabei nebenbei noch die Satire Voltaires lächerlich.
In seinem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ lobte Arno Schmidt das Werk als eines der drei Bücher „ehrwürdigsten Gott-, Welt- und Menschenhasses“, die das 18. Jahrhundert hervorgebracht habe. (Als drittes Buch neben dem Candide nannte Schmidt den Gulliver von Jonathan Swift).
Interessant auch, dass in der späten DDR die Kulturbestimmer begannen, Johann Karl Wezel als radikalen Aufklärer zu einem eigenen Klassiker aufzubauen, der aufgrund seiner Kritik an feudalen Verhältnissen und seines Atheismus durch die politischen Umstände seiner Epoche unterdrückt worden sei. Für literaturhistorische Identität der DDR eignete sich Wezel gut als eine Art Gegen-Goethe. Im Prinzip geschah es ähnlich, wie es mit Thomas Müntzer als wahrem Reformator (DDR) gegenüber dem Bauernverräter Martin Luther (BRD) in der Historiographie der 1960er geschehen war.

Wer satirische Stoffe mag, auch ältliche anmutende Formulierungen schätzt und vor beissender Ironie nicht zurückschreckt – kurz, wer gute und intelligente Unterhaltung liebt, ist mit Wezel allemal gut bedient. Im folgenden einige Anfangssätze seiner Romane, die zu seiner Zeit hohe Wellen schlugen.

Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne (1776) :
»Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger!« rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stößen mit dem rechten Fuße zur Thüre hinaus…“

Hermann und Ulrike. Ein komischer Roman (1780):
„Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige Topés, die Herren große Hüte und kleine Haarbeutel, und Niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es bezahlen zu können, wurde auf dem Schlosse des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen,…“

Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte (1784): (Es handelt sich um Prosa, die Eingangsrede des Kakerlak hingegen ist gereimt)
„Hinweg mit euch, ihr sogenannten Weisen!
Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation
Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Thron,
Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter reisen,
Mit euerm Maulwurfsblick das Rädchen auszuspähn,
Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn.
Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen,
Wo die Natur mit nie erschöpfter Kraft
Den Dingen Form, den Geistern Leiber schafft.
Ihr wollt mit schweren Gänseschwingen
Bis über Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit dringen,
Und fragt man euch: »Was habt ihr dort gesehn?«,
Dann wißt ihr ebendas zu sagen,
Als die der Dummheit Los ganz philosophisch tragen
Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehn….“

Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt: aus Familiennachrichten gesammelt (1774) :
„In einem der unbekanntesten Winkel Deutschlands, nicht weit vom Thüringer Walde, lebte ein Schulmeister, dessen vollständiger Name eigentlich Christian Knaut war und den wegen eines roten Kopfs, womit einer seiner Urgrossväter die Familie verunehrt hatte, das sämtliche Kirchspiel, selbst den vornehmern Teil desselben nicht ausgenommen, Rotkopfs Christel zu nennen pflegte. Er hatte soweit er denken konnte, von der Welt niemals mehr oder weniger kennengelernt als den kleinen Fleck, worauf er seine natürlichen Bedürfnisse abwartete…“

Einige seiner Werke sind im Gutenberg-Projekt digital verfügbar. Andere hingegen liegen nur in gedruckter Form vor. Als junger Leser und Wezel begeistert, erfuhr ich von einem Roman Wezels, der 1969 in der Edition Leipzig erschienen sein sollte. Das lag einige Jahre zurück und ich machte mich antiquarisch auf die Suche. Erfolglos. Jahrelang. Erst kürzlich wurde ich fündig. Und ich freue mich nun auf eine kurzweilige Lektüre.

Peter Marcks. Die wilde Betty. Eine Ehestandgeschichte (1779) :
„Die wilde Betty, das Gegenbild zur Ehestandgeschichte des Herrn Marcks sollte schon in der Michaelsmesse vorigen Jahrs erscheinen […] Als der wohlehrsame Philipp Peter Marcks auf den Einfall gerathen war, Ihnen, hochgeehrtester Herr, die Geschichte seines mühseligen Ehestandes anzuvertrauen, um durch Sie zu seiner Schande der Welt kund zu machen, dass er gutherzige Einfalt genug besessen hat, sich von fünf Weibern nach Herzenslust zum Narren haben zu lassen, so wurde…“


(Photographie eines Buches von mächtigen Ausmassen an einer stillgelegten Eisenbahnbrücke über die Nahe)

 

 

Längst fällige historische Horizonterweiterung

Beim Schreiben lief: The Doors – In Concert (1970). Einige Stücke ziehen noch immer. Aber insgesamt ist die Band überbewertet, besonders Morrisons Texte. Jetzt, damit die Abendruhe einkehrt: Michael W.F. Hensel – Chartres. Mythos der Rose (1992)…

In Hessen werden laut einer Umfrage des Einzelhandelverbands in den nächsten zwei Wochen 8,4 Milliarden Euro für den Kauf von Weihnachtsgeschenken erwartet. An erster Stelle stehen Spielwaren, gefolgt von chemokosmetischen Artikeln. Für ihre Einkäufe geben die Kosumenten durchschnittlich fünfhundert Euros aus.
Letztes Jahr habe ich limitierte Kalender mit meinen Fotografien zum Verkauf angeboten. Im Sinn des Reduktionsprojektes soll es in diesem Jahr jedoch auch anders gehen.
Etliche Bücher, CDS und DVDs sind derzeit unterwegs im Land. Überraschungssendungen für Menschen, von denen ich einige persönlich kenne. Andere kenne ich lediglich wegen der Beiträge ihrer Blogs. Meine Intention ist dabei nicht der Tausch von Waren gegen Geld, sondern die Schaffung (hoffentlich) beiderseitiger Freude. Ich habe einige Informationen über die Empfänger und überlege mir, was ihnen eventuell Freude bereiten könnte. Und meine Freude erblüht von selbst durch die Reduktion meiner Bestände.*
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Eine der positiven Folgen meiner Erziehung zeigt sich darin, dass ich seit meiner Jugend einfachen Antworten auf komplexe Prozesse gegenüber kritisch bin. Komplexe Prozesse haben schliesslich immer mehrere Facetten. Insofern habe ich auf das im Folgenden vorzustellende Buch seit vielen Jahren schon gewartet.

Die Autorin ist Historikerin und lehrt an der Universität Konstanz Neue und Neueste Geschichte. Ihr Anliegen ist die Korrektur weitverbreiteter historischer Irrtümer. Weiterhin stellt sie an zahlreichen Beispielen dar, wie es den Opfern, also überwiegend Frauen im Lauf der Nachkriegsgeschichte bis teilweise in die 1980er Jahre mit den Folgen ihrer Erlebnisse ergangen ist.

In ihrer Untersuchung „Als die Soldaten kamen“ präsentiert die Autorin „das ganze Ausmaß einer menschlichen Tragödie […], die auch in Friedenszeiten noch lange nicht vorbei war.“ Das Buch ist nach einer Einführung in das Thema in fünf Kapitel aufgeteilt.
Im ersten Kapitel wird der zeitliche Rahmen der Geschehnisse umrissen. Die Opfergruppen werden beschrieben. Neu war mir dabei die sexuelle Gewalt gegen Männer (Vergewaltigung als Unterwerfungsritual). Das Kapitel beschliesst Miriam Gebhardt, indem sie ihre verwendeten Methoden vorstellt und dabei auf die Quellenlage verweist und die besondere Vorsicht, die im Umgang mit ihnen geboten ist. Was die Zeitzeuginnen betrifft, so sind die meisten Gesprächspartnerinnen inzwischen hoch betagte Frauen. Und in einigen Jahren wird es keine lebenden Opfer mehr geben. Auch dies einer der Gründe, diese grausamen Ereignisse neuerer Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Im zweiten Kapitel werden die einmarschierenden Armeen aus dem Osten und das Verhalten der Soldaten der Roten Armee dargestellt. Dies geschieht am Beispiel Berlins. Hier wird herausgearbeitet, wie die deutschen Frauen durch Goebbels Propaganda indoktriniert und auf die russischen Untermenschen „vorbereitet“ waren. Da im Verlauf des Krieges durch die immensen Verluste innerhalb der Roten Armee immer neue Soldaten gebraucht worden sind, kamen diese Soldaten immer weiter aus der östlichen UdSSR Osten. Es ist auffällig, dass in den Quellen die Soldaten dunklerer Hautfarbe und asiatisch erscheinendem Aussehen in der negativen Beschreibung der Frauen den schwarzen Soldaten der Alliierten Armeen sehr ähnlich sind.

Im dritten Kapitel werden die Vergewaltigungen der alliierten Armeen, also der Amerikaner, der Briten und der Franzosen am Beispiel Süddeutschlands dargestellt. Über Vergewaltigungen britischer Besatzungssoldaten existieren offensichtlich so gut wie keine Quellen. Das bedeutet leider nicht, dass diese Soldaten sich deutschen Frauen gegenüber menschlicher hätten als ihre alliierten Mitstreiter.
Es ist aufschlussreich, wie unterschiedlich die jeweiligen Armeevorschriften hinsichtlich der Problematik der Fraternisierung waren. Diese haben schon zu einem frühen Zeitpunkt den verschiedenen Entnazifizierungsvorstellungen der Besatzungsmächte entsprochen. Und beeinflussten auch das Verhalten der Soldaten gegenüber der deutschen Bevölkerung. Schon rasch nach der Landung in der Normandie begannen die Massenvergewaltigungen britischer und us-amerikanischer Soldaten an französischen Frauen. Man kann aus dem Text erkennen, dass auf dem Vormarsch der Armeen die Frauen als Gruppe insgesamt ständig grosser Gefahr ausgesetzt waren. Ob siebenjähriges Mädchen oder siebzigjährige Frau, alle waren potentiell gefährdet. Auf deutschem Boden einmarschiert, benahmen sich die französischen Soldaten dann genauso entmenscht wie die anderen Soldaten.

Im vierten Kapitel behandelt Frau Gebhardt die Frage, wie mit den Frauen umgegangen worden ist, die Opfer von Vergewaltigung(en) geworden sind. Es ist kaum verwunderlich, dass von seiten der Besatzungsarmeen kein Interesse bestand, jeden einzelnen Fall zu klären. Das war in vielen Fällen schon deshalb nicht möglich, da sich Soldaten gegenseitig Alibis gegeben haben. Anfangs hatten die deutschen Behörden, allen voran die deutsche Polizei oder Justiz auch garkeine Befugnisse gegen Besatzungssoldaten vorzugehen. Geradezu beschämend ist allerdings, wie nach 1954, also nach Aufhebung des Besatzungstatuts, die deutschen Behörden in ekelhafter Weise deutsche Frauen vielfach abgefertigt haben. Dies war besonders oft der Fall, wenn soziale Unterstützungen beantragt worden sind. Hervorzuheben sind in diesem Kontext auch die Kirchen und die Ärzte, die sich oft besonders widerwärtig verhalten haben, wenn es beispielsweise um den Abbruch unerwünschter Schwangerschaften infolge von Vergewaltigungen ging.

Im abschliessenden fünften Kapitel werden die langzeitigen Folgen dieser massiven Gewalttätigkeite für die betroffenen Frauen aufgezeigt. Kritisch wird auch die deutsche Frauenbewegung beleuchtet, die dem Thema der kollektiven Vergewaltigungen nie eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat.
Im Anhang finden sich Anmerkungen, Quellenhinweise und ein Orts- und Personenregister.

Ich bin der Autorin dankbar für die schwierige und mühselige Recherche nach Fakten und der diffizilen quelllenkritischen Arbeit. Sie räumt auf mit dem hartnäckigen Vorurteil, dass nur die Soldaten der Roten Armee deutschen Frauen Gewalt angetan und obendrei noch geplündert hätten. Wie hätte ein einfacher russsicher Soldat seine „Kriegsbeute“ denn bei dem Vormarsch auf Berlin transportieren sollen? Und in der DDR wurde von Anfang viel unternommen, um den Umgang der deutschen Bevölkerung mit der Besatzungsarmee zu verhindern.
Dass sich das Vorurteil gegen die russichen Soldaten so hartnäckig hält, hängt unter anderem damit zusammen, dass die Vertriebenenverbände damit schon früh eine ertragreiche Politik gemacht haben. Und die einzige frühe Untersuchung zum Thema der Vergewaltigung deutscher Frauen gab ein Vertriebenenverband in Auftrag. Überdies nutzte dieses, im Lauf der Zeit ins Absurde gesteigerte, Feindbild der regierenden CDU, die unter ihrem Kanzler Adenauer unbedingt ein westliches Bündnis, die Wiederbewaffnung und damit natürlich auch den eigenen Machterhalt anstrebte.
Dass us-amerikanische Soldaten ebenso wenig zimperlich waren (und sind) wie andere Militärpersonen auch, ist nicht verwunderlich. Erschreckt hat mich aber doch das Ausmass us-amerikanischer Gewalt an der gesamten deutschen Bevölkerung. Die Herrschenden in BRD und DDR waren sich gleich in ihren Lobgesängen auf ihre Befreier. Die tatsächlichen Befreier vom Joch des Naziregimes waren allerdings die Soldaten der Roten Armee, die Berlin zu Fall brachten. Mit geschätzen 20 Millionen Opfern trugen sie die Hauptlast der Toten insgesamt. Ein besonderer Fakt ist die Faszination, die us-amerikanische Soldaten auf Menschen in ihrer Besatzungszone ausübten. Schokolade, Kaugummi oder Zigaretten waren in jenen Zeiten materieller Kümmernis eine gewaltige Verführung. Und die oft beschriebene Lässigkeit der Boys tat ein Übriges. Nicht selten wurden einer deutschen Frau nach erfolgter Vergewaltigung einige Zigaretten auf den Tisch gelegt oder ein Täfelchen Schokolade. Als Entschädigung quasi. Aus diesem Umgang hatten es die Frauen besonders schwer, Klage zu erheben. Es muss den meisten von ihnen unterstellt worden sein, sich nicht genug gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr gesetzt zu haben.

„Als die Soldaten kamen“ von Miriam Gebhardt stand längere Zeit auf den Bestsellerlisten. Das liegt am Thema und eventuell auch daran, dass es gut lesbar geschrieben ist und nicht in trockenem Historikerdeutsch daherkommt. Die Besprechungen waren entsprechend durchweg  positiv, egal ob von Rezensenten oder Rezensentinnen.
Neben neuen Fakten ist mir vor allem eines wieder deutlich vor Augen geführt worden. Geschichtsschreibung ist die Deutungsmacht der Herrschenden. Die historische Vielfalt wird in diesem Sinn eingeengt für die Interessen einiger Weniger.
Weiterhin muss es immer wieder klar ausgesprochen werden, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland angefangen worden ist. Das Regime erhielt bei den beiden letzten freien Wahlen 1932 jeweils deutliche Mehrheiten durch die Stimmen der Wahlberechtigten. Schätzungsweise fünfundfünfzig Millionen Tote und zahllose Frauen, die massive Massenvergewaltigungen erleiden mussten (und teilweise nicht überlebten) als ein Teil unermesslichen Leids sind das Ergebnis dieser Wahlergebnisse.

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2015. 351S.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erkenntnisfreudiges Wochenende.

* Wenn Sie auch gerne einen Umschlag mit einer Trouvaille aus den Ärmelsammelsurien zugesendet haben möchten, dann schreiben Sie mir gerne einige Zeilen dahingehend. Meine Mailadresse findet sich oben auf der Seite unter copyright. Sie machen mir eine Freude.

 

 

Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

Französische Bands waren und sind hierzulande leider weitgehend unbekannt. Während des Schreiben dieses Beitrages: Ange – Le Cimitière des Arlequins (1973). Danach, ebenfalls aus dem Jahr 1973: Magma – Mekanïk Destruktïw Kommandöh …

Dem Buch fehlt der Schutzumschlag. Das helle blaugrüne Leinen weist etliche Flecken auf, der Rücken ist nur minimal lichtrandig. Das Büchlein im Format Klein8° passt gerade recht in die Hände eines elfjährigen Jungen. Nach Hinweisen zum Autor suche ich vergeblich. Das Buch wandert seit Jahrzehnten in und mit meiner Bibliothek.
Eine spannende Pfadfindergeschichte. Ich war selbst lange Jahre bei den Pfadfindern. Das Buch mag ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten gewesen sein. Von wem es mir geschenkt worden sein mag, ich erinnere es nicht mehr. Erschienen ist es im Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris.
Lange vor der Schaffung der EWG, der Vorläuferin der EU, kam den führenden Politikern beider Länder der glorreiche Gedanke, dass zukünftige Kriege zu vermeiden seien, wenn die Jugend sich kennenlernen und miteinander im Austausch wäre. Im Rahmen des Elysèe Vertrages wurde auch die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) beschlossen. Schon bald danach begann ein gegenseitiger Jugendaustausch.

Meine erste lange Urlaubsfahrt mit Freunden verbrachte ich in Frankreich. Jahre waren seit der Gründung des DFJW vergangen. Wir entdeckten Frankreich auf eigene Faust. Im Elsass kam es durchaus noch vor, dass man als deutscher Jugendlicher, zudem mit längerem Haupthaar, als boche beschimpft worden ist.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, aber meine Freunde waren bereits etwas älter. Mit einer Citroen Dyane 6 und einem Opel Kadett A fuhren wir Richtung Süden. In der Nähe von Marseille zelteten wir auf dem steinigen Boden hoch über dem azurblauen Meer. Spontan sind mir an diese Reise nur wenige Tatsachen erinnerlich. Baguette, Käse, südfranzösische Pizza und die für unsere Verhältnisse chaotischen Verkehrsverhältnisse. Pastis, den man immer weiter wasserverdünnen konnte, bis uns der Wirt scheel anschaute. Rotwein und Gauloises. Damals noch zum Schülertraumpreis. Die bezaubernd fremde Lebensart. Und die nervigen Grenzkontrollen dort wie hier. Seitdem war ich viele Male in Frankreich und kenne fast alle Gegenden.

Im Jahr 1914 wurde in Saint-Denis für die CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits) mit der Fertigungsnummer 2419D einer von über zwanzig Speisewagen hergestellt. Während des bald darauf beginnenden Ersten Weltkriegs diente dieser Wagen im Befehlszug des Maréchal Ferdinand Foch nach einem Umbau als sein mobiles Büro.
In diesem rollenden Raum wurde am 11. November 1918 die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches ratifiziert.
Danach wurde der Wagen im Ehrenhof des Armeemuseums in Paris ausgestellt.

Wenn Du das Elsass und die Vogesen noch nicht kennst, so ist es mir eine Freude, Dir in dieser einmaligen Kulturlandschaft viel Sehenswertes zu zeigen und näherbringen. Die kleinen malerischen Dörfer und Städtchen. Flammkuchen und Edelzwicker. Den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar. Kugelhopff und Baeckeoffe. Das Kloster auf dem Odilienberg. Und das nicht weit davon entfernte ehemalige Konzentrationslager Natzweiler Struthof. Die kultivierte Lebensart liegt hier so nah bei der rohesten Barbarei, dass man es kaum fassen kann. Auf dem Lingenkopf lagen die beiden Schützengräben nur zwölf Meter von einander entfernt. Musste ein Soldat austreten, so rief er dies dem militärischen Gegner zu und erbat sich damit freies Geleit. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht. Kriegshandlungen sind nicht vorausschaubar.

Als die Deutsche Wehrmacht 1940 Frankreich einen Waffenstillstand aufzwang, wurde der Eisenbahnwagen auf Befehl Hitlers vaus dem Aremeemuseum geholt und an die gleiche Stelle im Wald von Compiègne gebracht, um darin den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen.
Danach wurde der Wagen per Eisenbahn nach Berlin spediert, da er nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde er kurzfristig ausgestellt und anschliessend in einem Magazin eingelagert. Im Jahr 1944 wurde er aus Sicherheitsgründen nach Thüringen verbracht. In den letzten Kriegstagen wurde der Wagen dort durch ein Feuer beschädigt. In der Geschichtswissenschaft gibt es noch immer verschiedene Meinungen über die Urheberschaft der Zerstörung.

Auf der Fahrt von Colmar in die Vogesen werden wir an einem kleinen Ort vorbeikommen. An der dortigen Kirche ist eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an einundfünfzig Mitbürger, die zu Reichsdeutschen erklärt worden sind und somit in die deutsche Wehrmacht oder die SS gezwungen worden sind.
Mir fällt da eine kleine Auberge in der Nähe ein, in der es bescheidene Zimmer und eine typisch elsässer Küche gibt. Jetzt ist die Zeit der feinen Wildgerichte. Heisse Maronen und Pilze. Morgen könnten wir dann eine kleine Rundfahrt in den Vogesen machen oder eine Kleinstadt besuchen. Oder beides.

Der Unterbau des Waggons überstand den Brandanschlag und wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, zu einem Werkstattwagen umgebaut und entspechend genutzt. Seine letzte Verwendung war als Werkswagen Nr.17 im Weichenwerk in Gotha. „Aufgrund seiner weichen Federung erhielt er dabei den Spitznamen Kanapee.“ Nach einer neuerlichen Beschädigung wurde der betagte Eisenbahnwaggon im Jahr 1986 verschrottet.

Was mir beim Rundgang durch eine Kleinstadt wie Obernai auffällt, ist diese wohltuende Nichtperfektion. Nichts ist überrestauriert. Man sieht den Gebäuden an, dass sie belebt sind. Das pulsierende Leben selbst in den ruhigen Nebenstrassen überträgt sich auf den Reisenden. Wie wärs mit einer Einkehr in einem Salon de Thé? Oh, da gibts frische Eclairs. Welche Creme magst Du lieber, Schokolade oder Vanille? Ich nehme bloss einen petit noir.
Hier lässt es sich leben. Die Böden sind ungemein fruchtbar. Selbst jüngere Menschen sprechen wieder den elsässischen Dialekt. Vielleicht finden wir später ein gemütliches Resaturant. Einen Baeckeoffe habe ich ewig nicht mehr gegessen.
Mit der Vergangenheit und den historischen Orten geht man in Frankreich nicht anders um als in anderen Ländern.
Das Konzentrationslager Le Struthof ist anschaulicher instandgesetzt, als ich das von deutschen Konzentrationslagern kenne. Aber hier soll nicht aufgerechnet werden, wie mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wird. Es ist unwürdig und unpassend.

Strassburg? Auf dem Weg dorthin werden wir Mutzig passieren. Auf einem Hügel neben der Stadt liegt die angeblich grösste Militärfestung Europas. Die Feste Wilhelm II. für siebentausend Soldaten. Nach heutigem Geld soll der Bau eine Viertelmilliarde Euro verschlungen haben.
Es kann sein, dass in Strassburg ziemlich viel los sein wird, nach der Ruhe hier am Rand der Vogesen. Vor dem Münster schieben und drängen sich die Menschenmengen. Himmelstrebende gotische Baukunst, die sich auf einen schnellen Blick nicht erfassen lässt.
Martialisch aussehende Männer der Antiterroreinheiten patroullieren und zeigen überall Präsenz. Beim Eintritt in jegliche öffentliche Gebäude muss man den Inhalt seiner Taschen und Rucksäcke präsentieren. Lass uns lieber in ein ruhigeres Viertel gehen. Jetzt ist die Jahreszeit für moules frites. Schau, das kleine Restaurant dort drüben sieht gut aus. Die Muscheln, zubereitet á la marinière, sind ebenso delikat wie schmackhaft.
Aber nun nichts wie weg aus diesem Getümmel. Die Feuerwehr stellt auf der berühmten place Kléber einen fündundzwanzig Meter hohen Weihnachtsbaum auf. Menschenmassen in der Herbstsonne. Eine kleine Tüte heisse Kastanien für auf den Weg. Die verschmitzt schauenden Augen des lächelnden Maronenmannes lindern den inneren Aufruhr der vielfältig verwirrenden Eindrücke.

Der Roman „Lichter am Grenzhof“ von Jürgen Rauser hielt mich seinerzeit in Atem. In den Sommerferien haben die Gruppenführer einer deutschen und einer französischen Pfadfindergruppe eine Begegnung zwischen ihren Buben vereinbart. Die Jungs wissen nichts voneinander und lernen sich in den Vogesen durch geheimnisvolle Begebenheiten und Zwischenfälle kennen und kommen sich im Verlauf der Ferien näher.
Am Ende entwickeln daraus sich Freundschaften. In dem Buch steht vor dem Text eine gedruckte Widmung:
„Der Jugend Deutschlands und Frankreichs, die eine Versöhnung aufgerichtet hat
über der blutdurchtränkten Erde des Grenzlandes, –
Eine Gemeinsamkeit, die so sehr erfahren ist,
dass sie nie wieder im Hass der Völker verbrennen darf.“

Es bleibt angesichts der Geschichte des vormals prominenten Eisenbahnwagens zu wünschen und zu hoffen, dass zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig nie mehr Kapitulationen zu unterzeichnen sein werden.
Und mit einer Reisebegleitung wie Dir würde ich jetzt sofort ins Elsass fahren. Zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr zur Blütezeit. Oder in der Hitze des Sommers zum Picknick an einen Wasserfall. Grenzüberschreitend.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein friedvolles herbstliches Wochenende.

(Eine Fotografie anklicken. Die Galerie öffnet selbsttätig)

 

 

 PS: Das im Beitrag erwähnte Buch: Rauser, Jürgen: Lichter am Grenzhof. Illustrationen Irene u. Rolf Scharwächter. Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris, 1965. 191 S.