Reduktionsmeldungen

Viel gearbeitet in den letzten Wochen. Zeitweise wenig Musik gehört. Neu im Musikalarchiv: Kultur Shock – IX (2014)…

Die blutroten Kelche der stets üppig blühenden Kamelie sind eine Wucht. Der Jasmin neben der Haustür verströmt seinen unverschämten Duft. Nur der mächtige Schachtelhalm macht mir Sorgen. Er ist zwar gut durch den Winter gekommen, aber nun werden die Spitzen braun. Verschiedene Ursachen werden geprüft. Inzwischen habe ich die bräunlich weissen Enden sorgfältig zurückgeschnitten. Die Sommerküche ist bereit. Das Leben verlagert sich zusehends ins Freie.

Ungewollt höre ich ein Gespräch zwischen dem Lehrstuhlinhaber und einem Mathematikprofessor. Studenten hatten sich über die hohe Durchfallquote der letzten Klausur beschwert. Er wurde dazu befragt. Der Mathematiker erklärte seinem Chef, dass das Niveau von Semester zu Semester immer weiter absinken würde. Eine Klausur, die er vor zehn Jahren noch mit hoher Bestehensquote schreiben liess, hätte heute eine Durchfallquote von etwa 80%.
Und ich habe jetzt zum zweitenmal seine Einführungsansprache gehört. Er flehte die Studenten fast schon an, in seinen Übungen zu erscheinen. Auch zuhause verschiedene Aufgaben zu üben. Einem Studenten entfährt das Wort Spass.Wie oft habe ich selbst von Eltern hören müssen, dass Lernen bitteschön Spass machen solle. Mir ist kein Mitschüler begegnet, der aus Spass französische Vokabeln gepault hätte. So geht’s weiter bergab. Langsam vielleicht, aber stetig. Das Schulsystem der ehemaligen Deutschen Republik hatte da eindeutige Vorteile. Da kam es nachprüfbar mehr auf Leistung an als bei den Klassenfeinden der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft.

Überhaupt habe ich öfter den Eindruck, dass manches auf dem Kopf steht.
Häuser sollen mit Styropormänteln verkleidet werden. Wegen der Energieeinsparung. Inzwischen kann sich jeder informieren, dass die entsprechende Investition sich erst nach ungefähr dreissig Jahren amortisiert. Die Häuser brauchen wegen der Abdichtung zusätzliche Belüftungen. Das treibt die Heizkosten jedoch in die Höhe. Auf dreissig Jahre umgerechnet . . . Ich frage mich, ob die Beteiligten noch ganz dicht sind. Bestraft werden jedenfalls die Vernünftigen. Die machen ihr Haus dort dicht, wo die meiste Energie verloren geht wird. Bei Türen, Fenstern und dem Dach. Zur Strafe kriegen sie keinen Energieausweis und können gegebenenfalls ihr Haus nur schlechter verkaufen.

Beispiele für diesen Wahnsinn nehmen rasant zu. Assistenzsysteme im Kraftfahrzeug. Sie sollen den Lenkern viele Dinge abnehmen. Klingt gut. Vor allem sehe ich im alltäglichen Strassenverkehr jedoch, dass andere Verkehrsteilnehmer ständig den Knecht für diese Systeme machen. Programmieren, individualisieren und kontrollieren. Wollen oder müssen – auf jeden Fall ist es eine Ablenkung und stellt eine Gefahrenquelle im Strassenverkehr dar.
Von den elektronischen Handfesseln und ihren immer neuen, und meist überflüssigen, Spielereien ganz zu schweigen. Spielladen. So heisst doch die Abholstation für die meist sinnlosen Kaufanreize. Unglaublich, mit welch hanebüchenen Rechtfertigungen manche Menschen anschliessend ihre Käufe begründen wollen.

Dabei bietet das Leben mit zunehmender Reduktion immer mehr Freiräume. Der bedeutsamste ist der Zeitgewinn. Zeit sei Geld hört man immer wieder. Dabei wird eher andersrum ein lebenstauglicher Schuh draus. Zeit ist die Abwesenheit von Geld. Und Zeit meint immer auch Lebenszeit. Das ist weder ein Aufruf zu Askese oder gar Armut. Besinnung ist der treffende Begriff.
Dass Autonomie und herzenswarme Lebensfreude ebenfalls enorm anwachsen können, habe ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können.

Vor über zwei Jahren begann das waghalsige Experiment. Das Ladenlokal mit dem kleinen angrenzenden Areal sollte als Arbeitsstätte und Wohnung gleichermassen dienen. Reduktion als alltägliches Erlebnis. Was anfangs wie ein Traumgespinst klang, funktionierte am Ende tatsächlich. Aus dem Verkaufsraum wurde je nach Bedarf und Tageszeit die Küche und der Lebensraum. Zu allen Jahreszeiten.
Ohne die üblichen Einrichtungen, die angeblich für ein behagliches Leben unverzichtbar sein sollen. Heizkörper und fliessend kaltes Wasser aus zwei Hähnen standen zur Verfügung. Dem Wasserkocher, der sich am Ende aufgelöst hat, danke ich dafür, dass er bis zum Ende durchgehalten hat. Zugegeben, eine Waschmaschine diente an einem anderen Ort der Bequemlichkeit. Und im Keller summte ein geschenkter Minikühlschrank.
Dieses manchmal abenteuerlich anmutende Projekt ist beendet worden. Die einfache Kochstelle mit der Gasflasche und einigen Gerätschaften bilden jetzt die  hiesige Sommerküche. Fliessend warmes Wasser erscheint mir inzwischen als Luxus. Und die Dusche grenzt bereits an Überfluss. Jetzt gilt es, die erworbenen Fähigkeiten zu erhalten und zu erweitern.

Am vergangenen Sonntag war ich seit Jahrzehnten wieder einmal in der hiesigen Eisdiele. Die alte Musikbox war nicht mehr da. Da haben wir gesessen nachmittagelang. Mit zu wenig Geld in der Tasche und viel zu viel Zukunft im Kopf. So nuckelten wir schier ewig an unseren Milchmixen, bis wir irgendwann zum Gehen aufgefordert worden sind. Mit einigen früheren Klassenkameraden war ich letzte Woche wieder einmal an jenem Erinnerungsort meiner Jugend.
Die Bestellung: „Einen Milchmix Nuss, bitte“, verstand die junge Bedienung nicht. Kein Wunder, heute muss man Milkshake sagen, wenn man verstanden werden will. Und Schmirgelpapier in der Nase haben, wenn einem vom aufdringlichen Parfum der jungen Frau nicht gleich schlecht werden soll. Ausserdem hatte sie die zur Zeit modischen, jede Körperfalte abzeichnenden Gummihosen an statt eines weissen Schürzchens und des unverzichtbaren weissen Kränzchens im Haar.
Nie wieder in eine Eisdiele oder eine Milchbar – alles im Leben hat seine Zeit. Überhaupt die Veränderungen allerorten.

Die Zauberflöte in der Semperoper war ein ganz besonderes Erlebnis. Sowohl das Gebäude wie auch die Aufführung. Klasse fand ich, dass am linken oberen Bühnenrand die Texte eingeblendet wurden. Was mich vom Besuch von Opern meist abhält, ist, dass ich häufig kein Wort der Gesänge verstehe.
In diesem Fall waren die eingeblendeten Texte geradezu verführerisch. Und so sang ich manche Arie schön leise mit. Ich bin mir schliesslich bewusst, dass das Publikum nicht wegen mir in diese Vorstellung gekommen ist. Dennoch murmelte ich offensichtlich nicht leise genug. Der Chinese neben mir zischte mich mit feindseligem Blick an: Mister, don´t sing please!
Ich verstummte augenblicklich. Und stellte mir vor, was der überaus humorvolle Herr Mozart an meiner Stelle dem humorlosen Mann mit der wichtigen Umhängetasche wohl entgegnet haben mochte.

Nichts bleibt wie es war. Aber auch nichts wird wirklich vergessen. Vor zwei Wochen war ich weiter nördlich unterwegs. Wollte bei dieser Gelegenheit auch im famosen Hinterhof vorbeischauen. Dort fand im vergangenen Jahr ein rauschendes Jubiläumsfest statt. Die Gittertür war an diesem Samstag verschlossen. Im verlassenen Hof standen einige Mülltonnen verloren herum. Die Schaufenster waren verwaist.
Frau Knobloch bitte melden Sie sich !

Einige andere erstaunliche Begebenheiten wären erzählenswert. Aber das Wetter ist verlockend schön. Der Garten einladend. Und ein kühler Apfelwein im Gerippten lässt mich nicht länger zögern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Frühlingstage

 

(Der zahnlose Löwe mit dem Löwenzahn)

 

 

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Die schräge Messerschiene – Hirndesign und Menschenliebe

Die Vorgeschichte wäre einen eigenen Beitrag wert. Zu Weihnachten lag die einjährige Freundschaft zu einem Radiosender im Internet auf dem Gabentisch. Fast hundert Moderatoren. Alle mit Erfahrungen als Radiomacher, Musikjournalisten oder Musikern. Teilweise legendäre Namen. Leute, die wissen, von was sie reden. Alle Richtungen der populären Musik der letzten hundert Jahre. Und vor allem keine Werbung und nicht die Jammergesänge kindischer Jungfrauen und alleinerzogener weinerlicher Jüngelchen. Jeder kann die täglichen Sendungen hören. Nur Freunde haben allerdings Zutritt zum Archiv – byte.fm. Und das hats wahrlich in sich…

Die gepflegte Dame mittleren Alters sah sich suchend in der kleinen, sehr einfach eingerichteten Küche um.
„Und an dem Preis wollen Sie unbedingt festhalten?“
Der Grossteil des vormals teuren Geschirrs war bereits anderweitig verkauft. Die wenigen verbliebenen Stücke bot ich als sehr preisgünstiges Konvolut an. Fundstücke für Sammler oder Benutzer. Die Fabrikation des Geschirrs war vor Jahren schon eingestellt worden. Einzelne Stücke erzielen auf dem Markt mitunter anständige Preise. Da sie fast alle restlichen Teile kaufen wollte, machte ich ihr einen schönen runden Verkaufspreis. Ein gutes und schnelles Geschäft für beide Seiten.

Gleich beim ersten abschätzenden Ansehen und Betasten der Teller und Tassen erwähnte sie, dass sie im Kulturmanagement beschäftigt sei. Design läge ihr am Herzen und sei wichtig für Ihr ästhetisches Wohlbefinden. Nur seien leider die meisten Angebote preislich überhöht, wenn nicht unverschämt. Mir fiel beim Anblick ihres flachrosa Twinsets aus Angora im Design von Jil Sander der Text eines Songs von Achim Reichel ein. 

„Und nimm aus dem Schlafzimmerschrank deine Röcke und Twinsets und deine Goldjäckchen,
Nimm deine Spitzenblusen und deine Schuhe und Schühchen, mit den Pfennigsabsätzen
Und die mit den Gold und Silber Aufsätzen
Und nimm deine Büstenhalter und Slips mit
Und lass deine Nylonstrümpfe nicht liegen

wenn ich sie anfassen muss, bekomme ich ´ne Gänsehaut.“
(Achim Reichel – Am besten, Du gehst)

„Und mit dem Preis wollen Sie mir nicht noch etwas entgegenkommen?“ Als ich auf ihr Verlangen nicht weiter reagierte, sah sie sich wieder suchend um. Im Lauf der Zeit lernt man das Verhalten von Käufern kennen. Sie gehörte offensichtlich zur Kategorie Nachschlag. Wenn das Preisdrücken nicht hinhaut, soll wenigstens ein Naturalrabatt herausspringen. Im Lauf des Lebens lernt man Erwiderungsstrategien. Ihrer Sorte Käufer begegnet am besten mit der goldenen Regel erfolgreicher Schweizer Verkäufer: Schweigen. Sie betastete ein Stück hier und besah ein anderes dort. Zeitraub und zu viel Aufwand für kleines Geld.

„Es handelt sich nicht um eine Haushaltsauflösung“, merkte ich nebenbei an. Aber sie war offenbar fündig geworden.
„Was ist denn hier mit der Designerschiene?“ Aus dem Munde mancher Menschen lassen die Worte Design oder Designer Widerwillen in mir aufsteigen. Es passt nicht zusammen. Nicht zu den zu engen Ballerinas denn diese stehen im krassen Gegensatz zur Frisur. Geduld wurde zur Energieleistung.

„Von welcher Schiene sprechen Sie?“ Sie zeigte mit einer Handbewegung zwischen nonchalant und wegwerfend auf die magnetische Halterung für die Küchenmesser.
„Die gibts doch für Kleingeld beim Elchkaufhaus“. Sie lächelte süffisant. Vielleicht über meinen Wortwitz.
„Ja, das weiss ich schon. Aber dort gibts nur noch die waagrechte Ausführung.“

 

Als ich seinerzeit aus Berlin zurückkam, machte ich mich auf die Suche nach einer Arbeit. Dürre Zeiten. Ausgebrannt vom tagtäglichen stundenlangen Fotografieren und der nicht endenwollenden Arbeit in der Dunkelkammer. Ausserdem war ich ziemlich abgebrannt. Der Sommer ging zu Ende und ich brauchte ein Dach überm Kopf. Gesucht wurden allenfalls Filmverkäufer oder Passbildknipser. Keine Ducati in der Garage. Keine Freundin. Keine WG. Musikalisch reichlich desorientiert. Damals passte meine Habe in den geräumigen Kofferraum eines Mittelklassefahrzeugs. Klamotten, Schallplatten, Bücher und Bettzeug.

Eines Abends wich die Ratlosigkeit neuen Aussichten in meiner alten WG. Natürlich hatte jeder eine Idee parat. Und jeder meinte die für mich beste auf Lager zu haben. Der folgende und alle sich anschliessenden Dialoge wurden im Dialekt gesprochen. Schliesslich waren wir alle Dorfbuben aus dem alten Ortskern.

„Du kannst meinen alten Kadett haben. Schenk ich dir. Hat noch TÜV bis Februar.“ Für eine Überraschung war Horst immer gut. Wir lachten lauthals von tief unterm Herzen heraus. Und von ihm stammten Ausdrücke, die ich noch heute gerne verwende. Lutscher oder Fratzemacher zum Beispiel. Im Dialekt gebraucht für einen Schwätzer und einen aufgeblasenen Angeber.

„Geschenkt? Und was soll die Wohltat unterm Strich kosten?“
„Nix. Musst halt wegen der Beifahrertür ein bisschen aufpassen.“

Einige Bierchen später war auch das Wohnungsproblem geklärt. Wobei Wohnung nun wirklich übertrieben ist. Horst stammte von einem Bauernhof. Ich hatte das Gehöft im Vorbeifahren schon einige Male gesehen. In den 1970er Jahren gab es in der ganzen Gegend zahlreiche, etwas heruntergekommene bäuerliche Anwesen. Der letzte Schritt hin zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Nach der Flurbereinigung wurden viele landwirtschaftliche Betriebe nur noch als Nebenerwerbsquelle bewirtschaftet. Eine oder zwei Kühe zum Milchverkauf, Hühnerhaltung oder Spargelanbau erbrachten den monatlichen Grundbedarf. Die Bauern arbeiteten derweil als LKWfahrer oder Lagerarbeiter in den Firmen der näheren Umgebung. Wenige Landwirte, risikobereit oder bauernschlau sei dahingestellt, zogen als Aussiedler vor die Ortschaften und kauften oder pachteten Land von den Kleinbauern.
Manche Kleinbetriebe öffneten ihre Hoftore in den 1980er Jahren wieder. Die grüne Bewegung der Bildungsbürger sorgte für neue Einkommensmöglichkeiten. Im Morgengrauen kauften die vormaligen Bauern landwirtschaftliche Produkte auf dem nahen Grossmarkt. Beim Bauern, der längst Händler geworden war, einkaufen fürs umweltbewusste Gewissen und im Glauben an die eigene Unsterblichkeit.

„Musst halt mit meinem Vater klarkommen“, meinte Horst, „dann kannst du die frühere Knechtkammer überm ehemaligen Stall haben. Da steht vielleicht sogar noch ein Ofen drin.“ Was für ein Angebot. Ich brachte meine Habseligkeiten die schmale Treppe hoch in den kleinen Raum.
Die Anlage zur Beschallung war rasch aufgebaut. Eine Matratze. Ein Kasten Apfelwein. Und schon sassen die ersten Compañeros in der Kammer. Horsts Vater begegnete ich nicht. Im hinteren Teil sah das Anwesen etwas verwildert aus. Der Misthaufen schien seit Jahrzehnten zu liegen. Hin und wieder lief ein Huhn über das Pflaster des Hofes. Vielleicht auch zwei.

Ein schöner Spätsommermorgen. Ich schaute frühmorgens aus dem kleinen Fenster hinunter in den Hof. Ein altes Herrenrad lehnte da an der Mauer. Was mochte die zweite Stange unter dem Oberrohr bedeuten? Ich ging runter in den Hof. Ich musste für meine Morgentoilette sowieso zur Pumpe. Zwei kleine Kordeln hielten den Stiel einer Harke unterm Oberrohr. Es wird eine Erklärung dafür geben, dachte ich mir. Und ging zur Pumpe für eine erfrischende Waschung. Im Tran hatte ich mein Handtuch oben vergessen. Und so stand ich da vornüber gebeugt. Aus meinen damals langen Haaren liess ich das Wasser ablaufen. Durch diesen haarigen Vorhang vor meinen Augen sah ich auf zwei Beine. Ich wrang die Haare aus. Der ältere Mann neben mir hatte zwei Eier in der Hand.

„Guude. Bist Du dem Ärmel sein Bub? Der Horst hat mir da was gesagt.“
„Guten Morgen. Ja, das stimmt. Ich habe mir oben das Zimmer eingerichtet. Übergangsweise.“
„Zimmer. Dass ich nicht lache. Eine Knechtkammer iss das. Du kommst nachher mal zu mir in die Küche zum reden.“
„Klar. Ich brauche etwa zehn Minuten.“
„Von zehn Minuten habe ich nichts gesagt. Ich habe gesagt : nachher.“
„Also gut, nachher.“

Das alte Fachwerkhaus hatte schon den dreissigjährigen Krieg und manche spätere Katastrophe erlebt. War niemals niedergebrannt. Kleine Fenster und niedrige Decken. In der Küche war es finster. Meine Tritte wurden durch einen nicht näher erkennbaren Teppich gedämpft. Eine karge Einrichtung. Der alte Eisenofen mit dem mächtigen Ofenrohr und dem seitlichen Wasserschiff. Auf dem Tisch lag allerlei herum.

„Kannst Dich da hinsetzen.“ Ich rückte den Stuhl vor den freien Platz auf der Tischplatte. Horsts Vater nahm mir gegenüber Platz. Mit dem Unterarm fegte er den Platz vor sich frei. Meine Augen hatten sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Ich sah, dass er die Schalen von der Tischplatte auf den Boden gewischt hatte. Der Boden am Tisch war übersät von Schalen.
Zu meinem Erstaunen fiel mir auf, dass ein angenehmer Geruch die Küche durchzog.

„Ich muss jeden Morgen die Eier von den beiden Hühnern suchen. Die streunen im Hof und legen, wo es ihnen gefällt. Zum pissen kannst Du auf den Mist gehen. Dort legen sie nicht.“ Bei diesen Worten schenkte er mir eine trübe Flüssigkeit ins Glas.
„Apfelwein. Selbst gekeltert. Ich putze sogar meine Zähne damit.“
„Ich habe noch nicht gefrühstückt. Später vielleicht.“
„Ach was, red´ keinen Unsinn. Hier…,“ und damit liess er den Deckel von dem grossen Topf auf diese gusseiserne Herdplatte scheppern. Er griff in den Topf und reichte mir eine sauber geschälte goldgelbe Kartoffel.
„Ich leb´ von Kartoffeln und Äpfeln. Und ich trink´ Apfelwein. Mich bringt nix um.“
„Leider.“
Dieses nachgeschobene Leider verwirrte mich. Ich griff die Kartoffel und biss hinein. Spülte mit dem Selbstgekelterten nach. Es war eine unwirkliche Situation. Sowas kommt doch bloss in Romanen vor.
Die lauwarme Kartoffel schmeckte prima. Der Apfelwein hätte etwas kühler sein dürfen. Aber einen Kühlschrank habe ich in der Küche nicht gesehen.
Ich habe den alten Bauern nach diesem morgendlichen Gespräch nicht wieder gesprochen. Ich sah ihn manchmal, wie er den Hof mit seinem Rad und der angebundenen Harke verliess. Oder wie er es gegen Abend an die Wand lehnte und den alten, offenschtlich schweren Jägerrucksack vom Gepäckträger nahm.

„Und, klappts mit Euch beiden“, fragte Horst Monate später.
„Kann nicht klagen“, erwiderte ich, „ganz am Anfang hatte er mich mal in die Küche bestellt und mir einige Fragen gestellt. Aber sonst begegnen wir uns nicht.“
„Der macht seine Sache. Will seine Ruhe haben und lässt andere in Ruhe.“
„Sag´ mal, Dein Vater schwingt sich morgens aufs Rad und kommt nachmittags mit seinem Rucksack wieder heim. Was macht er denn den ganzen Tag über?“
„Och, der radelt rum und kümmert sich um sein Essen. Je nach Jahreszeit.“

Ich wollte mehr wissen, aber Horst wurde maulfaul. Er wurde geradezu einsilbig. So kannte ich ihn bis dahin nicht. Einige Tage später, ich machte gerade das Hoftor hinter mit zu, sprach mich ein Nachbar an.
„Du bist doch dem Ärmel aus L*** sein Sohn?“ Ich bejahte.
„Wohnst Du etwa hier beim Horst seinem Vater?“ Ich bejahte.

Der Nachbar wurde redselig. Er kannte meinen Vater vom Fussballspielen. Sofort spulte er einige abgestandene Schwänke aus deren gemeinsamen alten Zeiten ab. Mit manchen Menschen ist es wie mit Motoren. Man muss sie warmlaufen lassen, dann kann man Gas geben.
„Horsts Vater hat ziemlich merkwürdige Lebensgewohnheiten“, eröffnete ich.
„Hast Du Dir den Hof schon mal genauer angeschaut“, erwiderte er. Und er begann zu erzählen. Darauf hatte ich gewartet. Damals fing das an. Seit jenen Zeiten warte ich immer auf die Geschichten der Alten.

Die Frau des Bauern war unverhältnismässig jung bereits gestorben. Den Mann sprang die Trauer so ungestüm an über den jähen Verlust seiner geliebten Frau, dass ihm sein Lebensplan durcheinander geriet. Er stürzte in sich selbst und versank darin. Vernachlässigte seine Arbeit. Die verbliebenen Felder. Das Vieh. Als die beiden Kühe schrieen weil die prallen Euter schmerzten, halfen die Nachbarn ohne viele Fragen. Im Kaff kennt einer den anderen. Da muss man nicht viel fragen. Nach und nach wurde das Inventar verkauft. Die Tiere, der mächtige Lanz Bulldog. Kleinigkeiten, die noch brauchbar waren.
Zurück blieb ein gebrochener Mann. Aber er begann zu schwimmen, stellte sich gegen seine Trauer ohne dagegen anzukämpfen.
Ich denke ihn mir in seiner Trauer unverstanden von der Nachbarschaft. Aber man liess ihn gewähren. In einem kleinen Dorf kann einem das Leben schwer werden. Und dennoch kann man sicher aufgehoben sein. Wenn man ein wenig Glück hat.
Ich hätte es damals nicht beschreiben können, aber ich konnte den Mann irgendwie verstehen. Er imponierte mir.
Er fuhr mit seinem Rad über die Äcker und besorgte sich, was er zu seiner Notdurft brauchte. Im Herbst vor allem Kartoffeln und Äpfel. Er schien tatsächlich ausschliesslich davon zu leben. Man liess ihn machen. Die wenigen Kartoffeln, die er sich von fremden Äckern holte waren zu verschmerzen. Selbst der bei uns seit unserer Kindheit gefürchtete Feldschütz kratzte sich hinterm Ohr und winkte dann ab wenn Horsts Vater ihm in der Gemarkung zufällig vor sein Dienstmoped lief.

Im kommenden Frühjahr bezog ich die Mehlkammer und die Stuben der Bäckerburschen eines ehemaligen Backhauses. Was aus dem alten Bauern geworden ist, weiss ich nicht. Wir waren nichts als jung. Horst ging in eine andere Stadt zu seinem Studium. Ich hörte Jahre später, dass er irgendwo Karriere gemacht haben soll.
Im folgenden Frühjahr fuhr ich den Kadett zum TÜV. Die Beifahrertür war mit dem angeschweissten Riegel einer Stalltür gesichert. Das ging damals noch durch. Wir lebten schliesslich auf dem Land. Damals noch. In der Grube  klopfte der Prüfer von unten mit dem Hämmerchen gegen den Boden des Autos. Und klopfte nochmals.
„Ich kenne doch das Geräusch. Ich weiss nicht, was Sie da gemacht haben, aber der Boden ist dicht.“ Er hämmerte noch mehrmals. Man musste ihm schliesslich nicht offenbaren, dass der durchgerostete Unterboden weitgehend mit Fertigbeton zugeschmiert und abgedichtet
worden war.
Horsts Vater wurde in gewisser Weise ein Vorbild für mich. Er lebte absolut reduziert. Kümmerte sich mit seinem Rad und seiner Harke um seine Nahrung. Ich bin unsicher, ob er darüber nachgedacht haben mag, was Liebe sei. Gelebt hat er sie jedenfalls bedingungslos. Es muss ihn am Leben gehalten haben, dass im schmerzlichen Leiden und in tiefer Trauer doch ein verborgenes Glück liegen kann, das einem am Leben festhalten lässt. Auch wenn man es nicht erkennt oder versteht.

 

Und dann verstand ich, dass sie nichts verstanden hatte, (Nun gehts weiter in gepflegtem Hochdeutsch.)
„Es gibt keine verschiedenen Ausführungen – – “ Sie unterbrach mich kalt.
„Doch, es gab eine waagrechte und eine schräge Ausführung. Das weiss ich genau, ich habe es im Katalog gesehen.“ Es gibt Menschen, denen ist nur mit der Wahrheit zu helfen.
„Sie sehen es doch selbst. Ich habe wegen des Platzmangels an der Wand die Magnetschiene schräg angebracht.“ Ein Moment der Stille. Ein letzter schnippischer Widerspruch.
„Ich habe aber auch die schräge Magnetschiene gesehen. Und die ist jetzt nicht mehr im Programm. Vielleicht wollen Sie mir Ihre ja nur nicht verkaufen.“
„Beim Elch können Sie diese kaufen. Die Löcher schräg gebohrt. Machen Sie es so und Sie haben auch eine schräge Designerschiene.“
Sie zahlte den vereinbarten Betrag mit frostiger Miene. Ich öffnete ihr das Hoftor. Sie verstaute mit schmallippigem Gruss die Geschirrteile in ihrem Auto.

Design? Dass ich nicht lache. Die meisten Produkte, von namhaften Desigern entworfen, taugen nicht fürs wirkliche Leben und keineswegs für den alltäglichen Gebrauch. Das wirkliche Leben hängt nicht an einer schrägen Messerschiene.
Horsts Vater. Das Wort Design ist dem Mann zeitlebens nicht über die Lippen gekommen. Alles Schabbes, hätte er wahrscheinlich bemerkt. Den Verlust eines herzinnigst geliebten Menschen zu betrauern und dennoch weiter seinen Lebensweg zu gehen. Das ist das wirkliche Leben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges Wochenende.

 

 

Zweiundvierzig Jahre später – im Jahr 29 nach der Grenzöffnung

„After all your soul will still surrender
After all don´t doubt your part
Be ready to be loved“ (Yes – To be over)

 

Vorspann zum 3. Oktober 2018 : Gundermann (2018) von Andreas Dresen
Anschliessend spielt die Musik: Alexander Scheer & Band : Gundermann – Die Musik zum Film (2018)
Hauptfilm : Im Lauf der Zeit (1976) von Wim Wenders
Und als Itinerar, das
Buch: Fritz Müller-Scherz, Wim Wenders [Hrsg.]: Im Lauf der Zeit. Bild für Bild, Dialogbuch, Materialien. Frankfurt, Zweitausendeins. 1976. 334S.

Die Idee besteht seit zweiundvierzig Jahren. Leuchtete hin und wieder auf. Lebte weitgehend im Verborgenen und entging so dem Vergessen. Diente manchmal auch zu einer imaginären Flucht aus schwer erträglichen Verhältnissen.
In meinem vorletzten Beitrag beschrieb ich bereits ein intensives Erlebnis meines Lebens im Zusammenhang mit dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Und jetzt bestand endlich die Möglichkeit auf den Wegen des Films nachzuvollziehen, wie sich Deutschland verändert hat in den vergangenen zweiundvierzig Jahren und im Jahr 29 nach der Grenzöffnung.

Die Reisegesellschaft ist paritätisch besetzt. Sozialisationen in der alten BRD und der ehemaligen DDR. Da ist für reichlich Austausch gesorgt. Fragen und Antworten. Und gegenseitiges Staunen. Keine Wettbewerbe oder schräge Vergleiche. Allenfalls die kritische Hinterfragung eigener Fehl- oder Vorurteile und deren mögliche Korrektur.
Die Reise soll dem Streckenverlauf des Films von Wenders folgen. Wie haben sich Dörfer, Städte und Landschaften verändert in den vergangenen Jahrzehnten.
Aber wir wollen uns auch die Freiheit nehmen zu Abstechern. Erstens ist der Eiserne Vorhang offen und zweitens scheint es zu simpel, lediglich eine Filmroute nachzufahren. Es bieten sich in diesem grossartigen Land viel mehr Möglichkeiten zum Entdecken und Kennenlernen.
Und weil es keine Zufälle gibt, begegneten uns nicht wenige auf dieser Reise zu unserer Verblüffung.

Im Film verlief die Reiseroute von der Elbe im Wendland bis nach Oberfranken entlang der damaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Jeweils ein Abstecher der beiden Hauptdarsteller führte nach Viechtach beziehungsweise auf eine Insel beim Rheinkilometer 544. Die gemeinsame Filmreise endete in Hof an der Saale.

Es handelt sich um ein klassisches Roadmovie. Zwei Männer begegnen sich, sind für eine Zeit zusammen unterwegs und dann trennen sich ihre Wege wieder. Der eine fährt und lebt in einem alten Möbellastwagen und klappert in Dörfern und Kleinstädten die verbliebenen Lichtspieltheater ab, um dort anfallende Reparaturen an den technischen Ausrüstungen der Kinos zu erledigen. Der andere kommt aus Genua zurück, wo er sich offenbar von seiner Frau getrennt hat. Sie treffen sich, als er mit seinem Auto über Feldwege rast und seinen VW Käfer neben dem LKW in der Elbe versenkt. Damit beginnt der eigentliche Film.

Aufgrund der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit, vom dreissigsten September bis zum dritten Oktober, war vereinbart, die Wegstrecke in zwei Etappen aufzuteilen. Unsere erste Etappe, von der hier berichtet werden wird, führt also vom Wendland bis in die hessische Rhön südlich von Bad Hersfeld. Die zweite Etappe soll dann im Frühjahr des kommenden Jahres in Angriff genommen werden.

Der dreissigste September.
Die Reise beginnt mit dem Auffinden des ersten Drehortes. Vor einigen Jahrzehnten noch ein fast unlösbares Unterfangen, ist es mit Hilfe heutiger technischer Möglichkeiten fast ein Leichtes. Die Freude ist dennoch gross, als wir etwas seitlich der zerschossenen Brücke über dem Elbeufer stehen. Die Eisenbahnbrücke beginnt irgendwo auf einem Deich und endet am Elbufer. Im Film war sie zwei Bögen länger und endete in der Mitte der Elbe. Dort verlief die ehemalige Grenze zwischen der BRD und der DDR. Davon sind, zumindest hier, heute keine Spuren mehr zu entdecken. .
Die alte Wiebke-Tankstelle mit dem Schild für den Deutz-Dienst gibt es nicht mehr. Bei näheren Hinsehen jedoch kann man Mauerreste des Gebäudes der ehemaligen Tankstelle sehen, die in dem jetzigen Einfamilienhaus verbaut worden sind.
Gorleben ist nur wenige Kilometer entfernt. Dort sitzen wir bei untergehender Sonne am Elbufer versammelt zu einem sommerlichen Picknick. Die geplanten Lager in Gorleben wurden erst 1977  von der niedersächsischen Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Ernst „Fury“ Albrecht, dem Vater der Ursula von der Leyen, beschlossen. Als wir auf der Rückfahrt nach Lüchow von der Hauptstrasse abbiegen und uns einem der massiv bewachten Einfahrtstore nähern, kommt umgehend ein schwerer Geländewagen auf das Tor zugefahren. Ein schneller Schnappschuss zur Erinnerung ist dennoch im Kasten.
Die erste Nacht unserer Reise verbringen wir sehr originell in einer ehemaligen Gastwirtschaft in Lüchow.

Der erste Oktober.
Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Suche nach den Lüchower Schauburg-Lichtspielen in der Kirchstrasse. Nichts an dem etwas vernachlässigten städtischen Fachwerkhaus lässt Spuren des ehemaligen Kinos erkennen. In der direkten Umgebung entdecken wir einige weitere Drehorte. Kaum verändert und mit ganz wenig Phantasie sind sie zu erkennen.
Während im Film Bruno, der King of the Road, in den Landkinos die technischen Apparaturen repariert und instandsetzt, liest Robert, der Kamikaze, die jeweiligen Lokalzeitungen, wo immer er sie findet (Die Erklärung dafür gibts im zweiten Teil der Reise). Die Elbe-Jeetzel-Zeitung können wir beim Frühstück in Lüchow noch kaufen. Vorweggenommen sei, dass zwar fast alle im Film gezeigten Kinos inzwischen zu anderen Zwecken umgewandelt oder geschlossen sind. Im Gegensatz dazu scheinen sich die lokalen Zeitungen besser erhalten zu haben.
Fans der englischen Musikgruppe The Rolling Stones sollten in Lüchow das grösste private Rolling Stones Museum besuchen. Schier unglaublich, was dieser beinharte Fan im Lauf der Zeit so alles zusammengetragen hat. An diesem Montagmorgen ist es leider geschlossen.

Da wir in der glücklichen Lage sind, die ehemalige Grenze in beiden Richtungen nach Belieben überqueren zu können, machen wir davon im Verlauf unserer Fahrt ausgiebig Gebrauch. Als wir das Dorf Waddekath verlassen, zweigt rechts ein gut erkennbarer ehemaliger Kolonnenweg ab. Wir folgen ihm und erreichen nach etwa einem Kilometer ein Stück ehemaliger Grenzmauer am Waldrand. Ein Wachthäuschen nebenbei. In dem Waldstück liegt wie vergessen eine Panzersperre und daneben steht der alte Grenzpfahl. Direkt angrenzend liegt ein bäuerliches Gut mit seinen Scheunen und Stallungen. Felder und Wiesen endeten früher an dieser Grenze. Der kleine Bach ist jetzt ausgetrocknet. Ob er in älteren Zeiten auch schon Grenzgraben hiess. Ganz gleich, wo die Reisenden sozialisiert sind, die Ergriffenheit wird durch die Stille in dieser sonnigen frühherbstlichen Landschaft noch verstärkt.
Bei der Fahrt durch die alte Hansestadt Salzwedel steht der Wunsch rasch fest, diese schöne Stadt bei einem zukünftigen Wochenendbesuch zu entdecken und näher kennenzulernen..

In Wittingen erhalten wir eine praktische Lehre in Sachen historischer Forschung und dem speziellen Fachgebiet der Oral History. Wir suchen die Viehwertung gegenüber einer Texaco Tankstelle. Im Bewusstsein, dass seit der Drehzeit des Films zweiundvierzig Jahre vergangen sind, sprechen wir ausschliesslich ältere Menschen an.
Ja, die Viehverwertung, sagt die ältere Dame, die gibts zwar nicht mehr, aber das Gebäude steht noch. Es folgt eine leicht nachvollziehbare Wegbeschreibung. Wir finden jedoch nichts und stimmen überein, eventuell der Wegbeschreibung nicht genau gefolgt zu sein. An einer Tankstelle fragen wir erneut. Der Tankwart kann sich erinnern, weist in die entgegengesetzte Richtung und sagt, die alte Viehverwertung sei abgerissen und dort befände sich jetzt ein Supermarkt. Vor der Tankstelle spricht inzwischen eine Reiseteilnehmerin einen andern älteren Herrn an, auch der weiss sofort Bescheid und fragt, welche der beiden Viehverwertungen sie denn meine.
Wir kurven über eine Stunde in der Kleinstadt herum und kennen bald alle Strassen. Zwar finden wir das Anwesen der früheren Viehverwertung mit der gegenüberliegenden Texaco Tankstelle nicht, aber dafür freuen wir uns über das Interesse an unseren Projekt und die hilfsbereiten Gespräche der von uns angesprochenen Menschen.

Die Strassen durch die Südheide zum Wolfsburger Bahnhof sind gut ausgeschildert. Dort wollten sich der King of the Road und Kamikze eigentlich trennen und jeder seines eigenen Weges weiterziehen. Das einst weitläufige Areal vor dem Bahnhof (jetzt Hauptbahnhof!) in Wolfsburg ist längst mit postmodern erscheinenwollender Architektur bebaut. Wie auch im Bahnhof tummeln sich auf dem Vorplatz Spielhöllen und Läden mit Schnellmahlzeiten und verstellen den Blick, wie wir ihn im Film sehen konnten.
Auf meinen persönlichen Wunsch hin machen wir einen Abstecher hin zum Salzteich, in dessen unmittelbarer Nähe ich vor vielen Jahren wunderschöne Wochen unbeschwerter Kindheit verleben durfte.

Da sich Kamikaze für keinen passenden Zug von Wolfsburg aus entscheiden kann, blieben die beiden Männer zusammen. Die nächste Station von Bruno, dem King of the Road, ist das Roxy Kino in Helmstedt. Die Eisenbahnlinie, die man auf der Fahrt dorthin im Film sieht, ist längst stillgelegt. Die deutsche Bahn ist inzwischen ein privatisiertes, auf Profit ausgerichtetes Unternehmen, das nach seiner Kalkulation unprofitable Linien stilllegt und den Gleiskörper abbaut. Der Bundesminister der Finanzen nimmt mit, was zu holen ist. Was bleibt, ist das Problem der Menschen in dieser Region. Das war schon so, als das Gebiet noch als  Zonenrandgebiet bezeichnet worden ist.
Das Roxy Kino gibts noch, obwohl wir es erst auf den zweiten Blick erkennen. Ein kleines Häuschen mit dem Schriftzug Roxy im Stil der Seventies im Giebel steht an der Durchfahrtsstrasse. Wir erkennen erst später, dass weiter hinten und etwas seitlich versetzt die alte erhaben geprägte Inschrift wie im Film auf dem hellen Putz des Giebels noch immer zu sehen ist. Und der alte Seitenaufgang zum Vorführraum ist noch immer da. Die nächste Station wird in Schöningen sein. Die Park Lichtspiele in der Bahnhofstrasse.

Ja, gleich hier neben, da war das Kino. Den Eingang können Sie auf der Rückseite noch sehen. Die leider sehr dunklen Fotos im Filmbuch zeigen den Eingang keinesfalls auf der Rückseite. Von hier hinten kann der Film, schon aus Platzgründen, unmöglich aufgenommen worden sein. Eine weitere Zeitzeugin erinnert ebenfalls einen rückwärtigen Eingang zum Kino. Er muss aber vorn zur Strasse hin gewesen sein. Eine genauere Untersuchung der vorderen Fassade lässt bauliche Veränderungen dort erkennen, wo ursprünglich tatsächlich ein breiterer Eingang gewesen ist. Über die Gründe, warum die angesprochenen Passanten, das ursprüngliche Portal auf der Rückseite erinnerten, lässt sich trefflich spekulieren. Am naheliegendsten erscheinen architektonische Umbaumassnahmen. Der ehemals grosse Kinosaal wurde der Länge nach geteilt. Zur Strassenseite hin befinden sich heute zwei Kegelbahnen. Den anderen, rückwärtigen Teil nimmt inzwischen der Gastraum eines Lokals ein. Dies könnte vormals ein den Umständen angepasster, kleinerer Kinosaal gewesen sein.

Der zweite Oktober.
Von Schöningen bewegte sich das Filmteam westlich des Harzes vorbei nach Nordhessen. Wir entscheiden uns für die östliche Route. Eine kleine Stadtrundfahrt unternehmen wir in Blankenburg. Quedlinburg und Wernigerode sind restauriert und aufgrund der ertragreichen Einkünfte aus dem Tourismus in den beiden Städten, wird entsprechend in Renovierungen und Erhaltungsmassnahmen investiert. Blankenburg hingegen erweckt nach umfangreichen Restaurierungsmassnahmen in der Zeit nach der Grenzöffnung mittlerweile  stellenweise wieder deutliche Spuren des Verfalls. Nach einer Zwischenstation zur Proviantauffüllung in einem bekannten Nordhausener Unternehmen passieren wir einige Dörfer im Gebiet der vormaligen Grenze. Es ist eine ruhige, fast behäbig wirkende Region, die nach wie vor landwirtschaftlich geprägt ist.
Einzig die Grösse der jeweiligen Ackerflächen lässt erkennen, wo ehemals die Grenze zwei Landesteile getrennt haben mag. Oder in der Giebelwand eines früheren Gehöfts das Schild „LPG Gute Zukunft“.

In Witzenhausen erleben wir eine feine Überraschung. Der Vorführer muss zwar nicht mehr über ein Flachdach in den Vorführraum einsteigen, aber dafür ist das Capitol noch wohlerhalten und in Betrieb. Der Vorraum mit der Theke atmet die traditonelle Atmosphäre längst vergangener Kinoarchitektur. Leider gelingt es uns nicht, mit der Kassiererin in ein Gespräch zu kommen. Dass gleich eine Sondervorstellung die Dokumentation „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders zeigt, nehmen wir als schönes Zeichen.

Wenige Kilometer südlich von Witzenhausen liegt abseits der Bundesstrasse das Dorf Wendershausen. Kamikaze wunderte sich beim Blick auf die Landkarte über Ortsnamen wie Machtlos oder Friedlos. Der King of the Road ergänzt, der Berg zwischen diesen Dörfern hiesse Toter Mann. In den östlich gelegenen Regionen Hessens gibt es neunzehn Ortsnamen, die auf los enden.

Was uns viel tiefer beeindruckt, ist ein historischer Gebietstausch. Nur wenige Kilometer entfernt grenzten die Besatzungszonen der Briten, Amerikaner und Sowjets aneinander. Besonders betroffen davon war die Bahnstrecke Bebra Göttingen. Dort mussten die westlichen Besatzer für einige Kilometer durch die sowjetische Zone fahren. Das war mit viel Bürokratie verbunden. Zur Vereinfachung einigte man sich auf einen Gebietstausch. Dabei fielen einige hessische Dörfer in den sowjetischen Verwaltungsbereich und einige thüringische kamen zu Hessen. Nach der Ratifizierung des Vertrages tauschten Russen und Amerikaner jeweils eine Flasche Wodka gegen eine Flasche Whisky. Die Bahnlinie wurde danach als Whisky-Wodka-Linie bekannt. Auch nach 1989 wurde dieser Gebietstausch nicht mehr rückgängig gemacht. Vielleicht erinnern sich auch nur noch ältere Menschen daran.

Nach 1945 wurden Dörfer nach den jeweiligen Interessen und Bedürfnissen der Besatzungsmächte ausgetauscht oder geteilt. Für mich ein besonders unmenschliches Beispiel ist die Hossfeldsche Druckerei in Philippstal ganz in der Nähe unserer Route. Im Zuge von Umbauten und Erweiterungen lag diese Druckerei ab 1924 zu je einem kleineren Teil in Thüringen und einem ´grösseren im preussischen Teil Nordhessens.
Durch die willkürliche neue Grenzziehung verlief der Zaun ab 1952 durch die Gebäude der Druckerei. Die Verbindungstür zum östlichen Teil des Gebäudes musste zugemauert werden. In Folge des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1972 wurde den Eigentümern ihr östlicher Gebäudeteil dann 1976 von der DDR wieder zurückgegeben. Die Grenze verlief seitdem im Abstand einiger Meter von der Hossfeldschen Druckerei.

Der dritte Oktober.
Nach einer Übernachtung in Bad Hersfeld finden wir bald ein im Film wichtiges Gebäude. Gegenüber davon befand sich ein, halb im Boden versenkter, weiss angestrichener LKW als Bratwurststand. Den Imbiss gibt es nicht mehr. Dafür steht dort heute ein Container, in dem Backwaren verkauft werden. So ändern sich die Speisestationen im Lauf der Zeit. Auffällig ist allerdings, dass die Umgebung um den weitgehend freien Platz nicht stimmt. Ideen, Anregungen und Überlegungen führen zu keinem Ergebnis. Die Lösung besteht in den Möglichkeiten des Filmschnitts, den wir nicht bedenken. Erst nach der Reise findet sich, dass die Szene am Bratwurststand an der B27 am Ortsausgang von Bad Hersfeld gedreht worden ist. Das scheinbar gegenüberliegende Eckhaus mit der Telefonzelle dagegen steht nur wenige Kilometer entfernt in einem kleinen Ort. Der erste Teil unserer Filmreise endet hier und unsere Reise zum Tag der deutschen Einheit beenden wir mit einem letzten Abstecher.

Der führt uns zum „Haus auf der Grenze“ zwischen den Dörfern Rasdorf (Hessen) und Geisa (Thüringen). Als eine von vielen Grenzgedenkstätten ist die dortige Ausstellung sehr informativ. Wobei mich persönlich die plötzlich in der Landschaft zu entdeckenden Artefakte viel mehr berühren.
Anschliessend überqueren wir auf dem Kolonnenweg einige hundert Meter bis zum Point Alpha im Fulda Gap. Die NATO erwartete während des vormaligen Kalten Krieges den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes an vier möglichen Lücken (Gaps). Eine davon befand sich nordöstlich von Fulda. Der sogenannte Point Alpha war eine usamerikanische Beobachtungsstation. Hier standen sich die jeweiligen Beobachtungsstationen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in unmittelbarer Nähe gegenüber. Mit unseren Eintrittskarten vom Haus auf der Grenze können wir auch diesen Erinnerungsort betreten. Seit 2008 verwaltet die Point Alpha Stiftung das Gelände.
Noch voll von Eindrücken aus dem Museum und dem schweigenden Gang auf dem Kolonnenweg, herrscht am Point Alpha Volksfeststimmung. Die bis 1991 von der amerikanischen Besatzungsmacht genutzten Einrichtungen sind zu besichtigen. Was uns etwas verwirrt, sind die Stände mit Rhöner Spezialitäten. Die Hüpfburg und die anderen Kinderbelustigungen. Als aus einem Festzelt der Chor und die Musikkapelle „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ anstimmen, verlassen wir das Gelände.

Als persönliches Resümee dieser kurzen und dennoch intensiven Reise bin ich dankbar für neue Erkenntnisse, Gedanken und Fragen. Diese werden mich sicherlich weiterhin beschäftigen.
Die Unmenschlichkeit, mit der eine Bevölkerung gehindert worden ist, sich individuell frei zu bewegen, wurde mir einmal mehr sehr deutlich vor Augen geführt.
Wie schwer das alltägliche Leben der Menschen in der Fünf-Kilometer-Zone gewesen sein muss, kann ich noch immer nicht greifbar nachvollziehen. Die Gespräche mit den Menschen unterwegs, ganz gleich in welchem Bundesland, waren angenehm und förderlich. Uns widerfuhr fast immer sehr  viel Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft, wenn wir unseren Spruch aufsagten von der Spurensuche nach mehr als vierzig Jahren und der Veränderung.
Nicht zu vergessen die Schönheit und historische Gewachsenheit vieler Dörfer und Städte, durch die ich gekommen bin. Und die wunderbaren Wechsel fantastischer Landstriche. 

Während der Gespräche wurde mir bewusst, dass es für mich an der Zeit ist, den sich landläufig einschleifenden Wortgebrauch zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Die Zuschreibungen Ossi oder Wessi will ich fürderhin in meinem Sprachgebrauch vermeiden. Sie sind nicht witzig sondern werden weitgehend abwertend gebraucht. Der Begriff der Wende wird dabei oftmals bilanzierend im Kontext mit den Wendeverlierern gebraucht. Damit werden meist Menschen in den neuen Bundesländern bezeichnet, die durch die Wende ihren Arbeitsplatz verloren haben. Dabei sollte man differenzieren zwischen den verschiedenen Bedingungen und Auswirkungen sogenannter Wendeverlierer. Und neben denen in den neuen Bundesländern auch diejenigen in den alten Bundesländern nicht vergessen.
Auch das strapazierte Wort Wiedervereinigung hat für mich inzwischen einen bitteren Geschmack. Man erinnere sich bloss an den schnellen Wechsel der Parolen seinerzeit.
Die Menschen, die zuerst auf die Strassen gingen und ihre Köpfe riskierten, taten das für einen politischen Wechsel in ihrem Land. Im Haus auf der Grenze ist ein frühes Flugblatt der Bewohner von Geisa ausgestellt. Die Menschen forderten einen demokratischen Sozialismus, Abbau der Partei-Bürokratie und der Sicherheitsdienste, mehr Geld für die Versorgung der Bevölkerung, Transparenz bei politischen Entscheidungen, freie Wahlen und Bewegungsfreiheit (Geisa lag in der Fünf-Kilometer-Zone). „Wir sind das Volk!“
An diese Rufe erinnere ich mich noch aus Nachrichtensendungen. Schnell ersetzte das Wörtchen ein das Vormalige das.
„Wir sind ein Volk!“ Da trauten sich die ersten Mitläufer mit ihren partikularen Privatinteressen mitzulaufen. Und noch schneller hörte man das „Deutschland, einige Vaterland!“ Das Ende vom Lied wurde angestimmt mit : „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann kommen wir zur D-Mark!“ Mit der D-Mark kam dann ziemlich rasch auch das Abwickelkommando der Treuhand. Und die bekannten Folgen.

Der Rest scheint bekannt. Und ist dennoch, wie ich immer wieder in Gesprächen feststelle, weitgehend unbekannt. Und das wird so bleiben, solange sich nicht Menschen mit den unterschiedlichen deutschen Sozialisationen zusammensetzen und miteinander sprechen. Ich will jedenfalls bereit sein und folge gerne dem Satz von Leslie Fiedler : „Cross the border, close the gap.“

 

(Auf Reisen tauchen mannigfaltig viele Bilder auf – hier ein für mich unerwarteter Anblick)

 

 

In reduzierter Form : Klartext

Auf die Vorgruppen haben wir gerne verzichtet. Und damit auch das Riesengedränge an den Einlassschleusen. Wir  gehen hin weil wir die beiden letzten Bands beim City Riot Festival erleben wollen. Und die Post ging wirklich mächtig ab bei Flogging Molly und den Broilers. Flogging Molly stammen nicht aus Schottland und die Broilers kommen aus Düsseldorf…

Einige neuere Notizen aus meiner Kladde.

Die immer raschere Beschleunigung der alltäglichen Lebensprozesse reisst uns alle mit. Und immer mehr Menschen fliegen dabei aus ihren Lebenskurven.

Die deutsche Machthaberin Merkel wurde bei der Ankunft in Ghana dem Protokoll entsprechend musikalisch mit der deutschen Nationalhymne empfangen! Danach erklang „Schöne Maid“ und anschliessend „Ja, mir san midm Radl da“. Fröhlich gehts zu in der Welt der von den Bevölkerungen weit entfernt lebenden Herrschern.

Früher war es ein Privileg, einen schlechten Geschmack zu haben. Heute hat ihn fast jeder. (Falls ein Leser die Quelle dieses bonmots kennt, möge er mir diese bitte nennen).

In den Medien waren wieder Stimmen der sogenannten Wirtschaftsweisen zu hören. Das sind die ebenso hochbezahlten wie überflüssigen Weisskragen, die am Anfang eines Jahres in ihre Prognosenposaune stossen, um am Ende des gleichen Jahres mit schöner Regelmässigkeit zu erklären, warum fast alles nun doch wieder anders gekommen ist.
Mein Fazit : solche und ähnliche unnützen und viel zu teuren Posten umgehend abschaffen und das eingesparte Geld in Bildungseinrichtungen investieren.

Die Grünen haben wieder mächtig Aufwind, sagt mein Nachbar. Ich bin mir nicht sicher, was er wählen wird demnächst. Die Grünen etwa? Ich beachte diese zum FDP-Ersatzverein verkommene Gruppierung allenfalls noch als Kriegstreiberpartei. Ohne deren Zustimmung damals in den Konflikten in Südosteuropa, hätte Gerd „Körriwurst“ Schröder keine Mehrheit für das kriegerische Mitstreiten in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo bekommen. Die Mehrheit beschaffte ihm seinerzeit Fischers tarngrüner Verein.
Und heutzutage wird über immer neue Kriegsbeteiligungen deutscher Militärs in aller Welt nachgedacht. Oder schon geplant? Mir fällt dazu unweigerlich das Grundgesetz ein. Warum?

Weil es da den Art.26, Abs.1 gibt : Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.

Mit zunehmendem Alter schauen wir immer öfter zurück. Ganz so, als könnten wir Vergangenes anders als in der Erinnerung behalten. Dabei verlieren wir leicht die Zukunft aus dem Blick. Denn „der Tod ist ein Pfeil aus der Zukunft, der auf Dich zufliegt“. (Der Tod in : Palermo Shooting /2008.)

Wenn Sauna, Schnaps und Teer nicht heilen, dann führt die Krankheit zum Tod. (Finnisches Sprichwort)

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

Immer wieder dienstags : Fragen und Antworten

Knackige Musik und feine Texte : Broilers – [sic!] (2017)…

In meiner Blogverfolgerliste bemerke ich zunehmend Blogs, die gelöscht worden sind. Die mildere Variante sind offensichtlich die Blogs, die nur noch auf Einladung bzw. Freischaltung des Blogbetreibers besucht werden können. Ich frage mich, inwiefern das mit der aktualisierten Datzenschutzverordnung zusammenhängen könnte.
Vielleicht sollte ich gerade aus diesem Grund ein bisschen persönlicher werden. In dieser weitgehend unpersönlichen Blogwelt. Und die nachstehenden Fragen sind mir eine Reflektion wert.
Im Zeitmagazin, einer Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde regelmässig ein Fragebogen von einer Person des öffentlichen Lebens beantwortet. Dieser Fragebogen geht angeblich auf Marcel Proust zurück und ist im Laufe der Jahrzehnte schon von vielen Menschen – prominent oder nicht – beantwortet worden.
 
Was ist für Sie das größte Unglück? – Die Verbindung von bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Wirtschaftsweise.

Wo möchten Sie leben? – Wo man Natur und Menschen begegnen kann, ohne ständige Habachtstellung.
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? – Darüber dachte ich als junger Mensch nach. Heute lebe ich glücklich.
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten? – Das hängt von den Folgen des Fehlers ab.
Ihre liebsten Romanhelden? – Von denen ich etwas für mein Leben lernen konnte: Wolf Larsen beispielsweise.
Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte? – Francesco Datini.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit? – Realen Heldinnen und Helden haftet eine gewisse Tragik an.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? – Gesine Cresspahl, Clarissa Lichtblau, Emma Bovary.
Ihr Lieblingsmaler? – Die Lieblingsmaler wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihr Lieblingskomponist? – Die Lieblingskomponisten wechseln mit meinen Stimmungen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Ihre Lieblingstugend? – Lebensfreude.
Ihre Lieblingsbeschäftigung? – Leben und wahrnehmen.
Wer oder was hätten Sie sein mögen? – Niemand anders, als nur ich selbst, das reicht allemal.
Ihr Hauptcharakterzug? – Konsequenz.
Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten? – Dass ich ihr Freund sein darf.
Ihr größter Fehler? – Gutgläubigkeit.
Ihr Traum vom Glück? – Das Leben hat mich reich beschenkt. Ich lebe im Glück und träume nicht davon.
Was wäre für Sie das größte Unglück? – Wenn meinen herzensinnigsten Menschen ein Unglück widerfahren würde.
Was möchten Sie sein? – Klug und humorvoll.
Ihre Lieblingsfarbe? – Die wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihre Lieblingsblume? – Ich mag keiner den Vorzug geben.
Ihr Lieblingsvogel? – Ich habe keinen Lieblingsvogel.
Ihr Lieblingsschriftsteller? – Zur Zeit keinen.
Ihr Lieblingslyriker? – Changierend zwischen Brecht und Benn.
Ihre Helden in der Wirklichkeit? – Die Söhne alleinerziehender Mütter.
Ihre Heldinnen in der Geschichte? – Frauen, die dennoch ihre Wege gegangen sind.
Ihr Lieblingsnamen? – Diejenigen, die zu den Menschen passen, die sie tragen.
Was verabscheuen Sie am meisten? – Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen an Menschen und der Natur.
Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten? – Männer und Frauen, die Kriege auslös(t)en und ihre Helfer, die blinden Befehlsausführer.
Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten? – Keine.
Welche Reform bewundern Sie am meisten? – Ansätze der Reformpädagogik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? – Geistesgegenwart.
Wie möchten Sie sterben? – Überhaupt nicht.
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung? – Fröhlich und klar.
Ihr Motto? – Suave in modo fortiter in re.  – – – – – – – – – – – –  .

Nachdenklich gestimmt hat mich die folgende Erkenntnis von einem, der es wissen muss. „In Amerika kann man alt werden, ohne erwachsen werden zu müssen.“ (Thomas Gottschalk im SWR Nachtcafé am 15. Oktober 2004). Ich nehme an, dass er aus diesem Grund ebendort lebt.
 
(Einige neuere Photographien)
 

 

 

 

Dies und jenes wäre noch zu sagen

Frühe Morgenfrische, strahlender Sonnenschein, knusprige Croissants mit hausgemachter Konfitüre, der Blick auf die kleinen Gepäckstücke auf den ungehobelten hölzernen Bodenbrettern : Police – Message in a Box (1993)…

Die Tuberosen sind angegangen und gedeihen prächtig. Die Rosen treiben zahlreiche Blüten aus. Und die Madonnenlilien spriessen. Die Freude über die Gartenarbeit. Die Weinbergschnecken sind fleissig.
Wo wir in die Natur gehen, stören wir. Ahnungslose, denen die Feinsinne für die Wirkkräfte pflanzlicher und tierischer Systeme und Energien abgestorben sind. Wir haben uns die Zeit nehmen lassen, den lebensinteressanten Prozessen nachzuspüren. Dafür werden wir geschäftstüchtig mit punktgenauen Jubiläen im Schach gehalten. Wer Glück hat, muss sich nicht wie schon vor einem halben Jahrhundert von einer aufgeblasenen Lachfigur wie Langhans eine Klinke an die Backe labern lassen.

In diesem Jahr feiert man das 50-jährige der Achtundsechziger. Das nun auch dieses Ereignis mit viel Brimborium begangen wird hätte ich nicht für möglich gehalten.
Ich habs innerhalb von vier, fünf Minuten realisiert als ich an einem laufenden Fernsehgerät vorbeigelaufen bin. Durch
diese CSU-Politikerin, die da in einer Babbelschau zum Thema ´68 durch ihr dümmliches Gerede hinterher noch tagelang für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Diese Person hat offenbar noch immer nicht verstanden, dass sie erst durch die Folgen der Veränderungen ihre heutige berufliche Position innehat. Wenns nämlich nach der ewiggestrigen Partei, der sie angehört gegangen wäre, würde sie wahrscheinlich noch heute zweimal am Tag auf dem Melkschemel sitzen, ansonsten dem Ehemann die karierten Hemden bügeln und vor der Vesper dem Pater beichten.

Überhaupt lässt sich am Beispiel des 68er Jubiläums wieder einmal wunderbar sehen, wie Geschichtsklitterung betrieben wird. So ganz nach der soliden Grundregel : Vereinfache radikal, das vermeidet Denkschmerzen und zeige die immer gleichen Bilder. Dann wird das Gewohnheitshämmerchen das Bewusstsein schon schmieden.
Weil das Thema auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder gerne einmal aufgefrischt wird, möchte ich ihnen allen, ob nördlich oder südlich des Äquators, ob diesseits oder jenseits der Elbe, einige Stichpunkte aufzeigen zur Illusionsreduktion der sogenannten 68er.
Das Jahr 1968 war lediglich der Kulminationspunkt von bürgerlichen Emazipationsbewegungen davor und danach. Die Protestbewegungen in der BRD begannen bereits in 1950er Jahren. Gegen die Wiederbewaffnung (Bundeswehr), den Beitritt zur Nato und zur Anti-Atombewegung zogen mehr Menschen auf die Strassen als bei den grossen Demonstrationen im Jahr 1968.
Die Präsentation der immer gleichen Bilder schafft eine verzerrte Ikonographie. Dadurch entsteht eine ungerechtfertigte Männerlastigkeit – die damaligen Medien, und die heutigen sind es anscheinend noch immer, waren Ansicht, Revolutionäre müssten Männer sein. Ausnahmen waren gewaltbereite Frauen wie Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin.
Als photographischer Chronist der Zeit gilt Michael Ruetz. Sein Bildband „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht sehen“ – APO Berlin 1966 – 1969. (Zweitausendeins, Frankfurt/M., 1980) legt ein anderes Zeugnis ab. Schon auf dem Titelbild sind drei Frauen zu sehen, die von Polizisten abgeführt werden. Dass aber auch in dem Bildband von Ruetz insgesamt mehr Männer als Frauen zu sehen sind, hat zwei simple Ursachen.
Erstens studierten zu jener Zeit deutlich weniger Frauen und zweitens verblieben selbst studierende Frauen anfangs noch in der traditionellen Geschlechterrolle. Sie agierten eher im Hintergrund, indem sie beispielsweise Flugblätter tippten, die „müden Revolutionäre“ nach deren Demos ernährten etc.. Sehr schnell änderten sie jedoch das traditionelle Rollenverständnis. Männer kümmerten sich vermehrt um die Kinder oder halfen im Haushalt. Daraus entstanden in den folgenden Jahren veränderte Familienstrukturen, z.B. Kinderläden, familiäre Wohngemeinschaften.
Die positiven Folgen der immensen medialen Aufmerksamkeit, die (heute) mit dem Jahr 1968 verbunden werden, sind die schichtenübergreifenden Emanzipationsgewinne gegenüber der jeweils herrschenden Klasse in vielen sozialen Bereichen. Und ein nicht zu unterschätzender Demokratisierungsgewinn zeigt sich in der Entstehung und Entwicklung der Bürgeriniativen.

Die Legende von den studierenden Kindern, die ihre Eltern mit deren Nazivergangenheiten konfrontierten, wird weit überbewertet. Es gab einige wenige berühmte Ausnahmen. Stelvertretend sei Bernward Vesper genannt, der Sohn des obersten Naziliteraturkritikers und Dichters Will Vesper, machte den Vater-Sohn-Konflikt in seinem Romanessay „Die Reise“ (März bei Zweitausendeins, Frankfurt, 1977) öffentlich.  Beim grossen Rest herrschte vermutlich Schweigen zu diesem Thema, denn die Eltern finanzierten schliesslich das Studium und die Studentenbude ihrer Sprösslinge
Soviel zu diesem Thema. Ich muss mir selbst einzelne Punkte gelegentlich korrigierend bewusst machen. Zu stark ist die macht der plattmachenden Vereinfachung.

Der Himmel draussen ist stahlblau. An diesem sechsten Mai zweitausendachtzehn. Wozu die vergangenen Wege fremder Menschen nachgehen? Sich ansehen, was übrig geblieben ist von ihnen. Von ihren Werken.
Komm, nimm´ Deine Sense und pack´uns eine Futterlischke. Ich habe schon einiges Werkzeug verstaut. Wenn wir bald losfahren können wir schon Morgen beginnen. Im Garten von Forni Cerato.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Frühlingswoche.

(Zwei aktuelle Photographien, den obigen Beitrag illustrierend. Anklicken und gross gugge)