Perlen auf Rädern

Horsche: Dies und das von allem was – zwischendurch und im Vorübergehn.
Lesen: Heimatmuseum Neukölln (Hrsg.): Kringeldreher + Strampelbrüder. Radfahren in Neukölln. Begleitheft zu einer Ausstellung über Strassen- und Bahnrennen in Neukölln.1997. Sehr famos.
Essen & Trinken: Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Frisches aus dem Garten. Es ist ein Wunder, was aus einem Samen entsteht und wie fein das schmeckt.
Schaffe: In der Werkstatt Fahrräder zerlegen und zusammenbauen. Gespräche darüber, wie das weitergehen soll. Es kommt ein Rad nach dem anderen…
Gugge: Ein Liveauftritt der russischen Band Otava Yo – Live im Glavclub St. Petersburg, 22.5.2015. Da geht angenehm die Post ab. Sollte am 5.11. das Konzert in Stralsund staffinden, wäre das eine kurze Reise wert…

 

Der Grossvater värtlicherseits soll auf der alten Opelrennbahn sonntags an Opel Laubfrosch Rennen teilgenommen haben. Ich konnte ihn dazu nicht befragen, als er starb war ich noch zu jung. Von dem anderen Grossvater sind durch photographische Aufnahmen sportliche Erfolge verbürgt. Deutsche Meistertitel im Kunstradfahren in den 1920er Jahren. Überhaupt war er in verschiedenen Disziplinen auf zwei Rädern unterwegs. Der Mann verlor bereits Jahre vor meiner Geburt sein junges Leben.

Vielleicht kommt von diesen Vorfahren meine gewisse Affinität zur Bewegung auf Rädern. Autos passen kaum noch in unsere Zeit. Meine Traumautos aus Kinder- und Jugendzeiten konnte ich mir erfüllen bis auf den Bentley Continental S2 2-Door Saloon mit der bildschönen Karosserie von H.J. Mulliner. Als ich einen von den knapp hundert produzierten Exemplaren gefunden hatte in England und mit dem Händler fast handelseinig war, setzte mein privater Vermögensverlust ein, der andere Aktivitäten von mir verlangte.

Schon viel früher hatte ich wegen meiner Kinder meine kleine Ansammlung von Ducatis und der grossen Moto Guzzi verkauft. Eine neue Fahrradwelle kam Mitte der 1980er Jahre auf. Die sogenannten Mountain Bikes. Zwei Kuwaharas stehen im Ställchen seit über dreissig Jahren. Lediglich Reifen und Bremsklötze wurden während dieser Zeit gewechselt. Und sie laufen wie am Anfang.

Mit der Idee, ein Transportrad aufzubauen, fielen mir meine früheren Erlebnisse mit meinen Rädern wieder ein. Und ein Bauer Sport stand in der Nähe zum Verkauf. In der Ausführung mit dem Herrenrahmen. Nun, wie das Leben so spielt. Im Nachbarort war das passende Damenmodell abgängig.
Das Transportrad bekam sein Firmenschild und wird von seiner erfreuten Eigentümerin nun zu entsprechenden Arbeiten eingesetzt.
In unserer kleinen Werkstatt tummeln sich inzwischen sechs Bauer Räder. Und einige weitere stehen noch in der Warteschleife hier und dort. Ich bin gespannt was aus dieser Entwicklung noch werden wird.
Ich kann mir vorstellen, interessierten Menschen diese schlichten Maschinen der Fortbewegung nach ihren Wünschen zu gestalten und zu bauen. Individuelle Fahrräder. Fast unhörbar in der Bewegung und nur geringer Pflege und Aufmerksamkeit bedürftig. Anschaffungen für lange Zeiten. Treue Begleiter.

Wenn ich an die Elektrofahrräder denke oder diese neumodischen meterlangen Transportvehikel. Zuhause kaum zu selbst reparieren. Zu heben nur von Schwerathleten. Tausende von Talern in der Anschaffung und nach einigen Jahren gibt es dringend benötigte Ersatzteile schon nicht mehr. Und so grob sie aussehen, so werden viele auch im Strassenverkehr bewegt.

Wie fein dagegen die Handwerkskunst an dieser Perle. La Perle war eine kleine französische Fahrradmanufaktur. Mit einer Perle im Steuerkopfschild. Produziert wurden Räder zwischen Mitte der 1930er bis gegen Ende der 1960er Jahre. Im Netz sind nur wenige Information findbar. Vor meinem inneren Auge sehe ich dieses feine Fahrrad aus einer Scheune im Taunus bereits wieder in seiner alten Pracht. Amélie wird ihre Runden drehen.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein angenehm bewegtes Leben.

 

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Drei Männer an der Strassenecke

Horsche: Fischer-Z – Red Skies over Paradise
Lesen: Keine Zeit und Energie.
Essen & Trinken: Halberstädter Bockwürste, Butterbrot, Apfelwein sauergespritzt
Schaffe: Immer weiter – einen hundertvierzig Jahre alten Holzfussboden von der fürchterlichen Ausgleichsmasse befreien.
Gugge: Dokus auf arte: Eric Burdon – Rock´n´Roll Animal, Françoise Hardy – Die Diskrete und zum Feierabend The Kinks, die bösen Jungs des Rock’n‘ Rolls..

Bei uns in de Gass´

Drei Männer stehen zusammen. Nachbarn. Sprechen im Dialekt.

„Und?“
„Ausgleichsmasse wegmache.“
„Abschleife?“
„Weichholzdielen. Mit Spachtel und vorsichtig mit dem Hammer.“
„E Scheissarbeit.“
„Des kannste laut sage.“
„Und dann?“
Schulterzucken. Rumkucken.
„Also mir macht des Corona nix.“
„Vielleicht ein Bad einbauen.“
„Mit dem Corona ist es schön ruhig hier. Ich vermiss´ die Fliescher nachts nedd.“
Ei, mei Bawett schläft neuerdings wieder wie en Ratz.“

„Wer ist den euern Installateur?“
„Und wen habt Ihr?“
„Ach so.“
„Mir hawwe de Leiberger.“
„De Leiberger? De alte Theo iss doch gestorwe. Taugt denn dem sein Schwiegersohn überhaupt was?“
„Ich lass hinten im Hof die Anschlüsse jetzt neu machen. Da werrn merr des sehe, was der kann.“
„De Theo hat bei uns des Bad gemacht. Astrein, sag ich dir..“
„Ja ja, de Theo, der war en klasse Handwerker.“

„Genau, wie de Astheimer Walter.“
„Unn sei Schwester, die Gertrud.“
Hinten war die Schlosserei. Und vorn das Haushaltswarengeschäft. Auf der Theke stand nur brauchbares, nicht wie heutzutage an den Tankstellen und in den Apotheken.
„In dem Laden haste alles gekriegt. Und was sie nedd hatten, haste ned gebraucht.“
Auf der Theke stand eine Waage und dahinter war die Schubladenwand. Unzählige kleine Schublädchen. Schrauben oder Nägel gabs einzeln oder handvollweise, die wurden abgewogen.
„Und über der Wand mit dene Schublade hawwe die Gerippte gestanden. Wie sichs gehört, nulldreier Gläser.“
„Der Walter hat vielleicht e bissche länger gebraucht, aber die Arbeit war tiptop.“
Das Haus ist verkauft worden. Und aus dem grossen Schaufenster ist ein grosses Wohnzimmerfenster geworden.
„Jedesmal wenn dran vorbeigeh´ unn seh´ den Vorhang, fang´ ich an zu frieren.“

Drei Männer stehen an der Strassenecke. Jeder denkt sich seinen Teil

 

Ich bin zwei Strassen weit von hier geboren. Im alten Ortskern. Die paar hundert Menschen innerhalb des alten Ortsdamms waren Bauern, einige Handwerker und eine Handvoll Angestellte. Man arbeitete in der Nähe. Alles fussläufig oder mit dem Rad erreichbar. Die Bauern litten teilweise schwer unter den strukturellen Veränderungen. Aus Vollerwerbsbauern wurden Nebenerwerbsbauern; später Hilfsarbeiter. Allenfalls LKWfahrer weil sie erforderlichen den Führerschein dafür hatten.
Ich bin glücklich, diese scheinbar uralten Zeiten noch erlebt zu haben. Wenn der Bauer angespannt hat. Halt, davor hat er sich meist noch an den Mist gestellt. Die Frauen hatten viel Arbeit zu leisten. Aber es waren vielfältige, abwechslungsreiche Tätigkeiten. Und bei den Männern war es ebenso. Nicht wenige Arbeiten wurden gemeinsam verrichtet. Man half sich gegenseitig, weil man alleine nicht alles bewerkstelligen konnte.

Mit uns Kindern wurde nicht verhandelt. Mit uns wurde eindeutig gesprochen. Und die Erziehung war konsequent. Manchmal übersprang sie auch die Grenze und wurde sehr hart. Ich habe meine Kindheit überlebt.

Nachfolgend einige Zurufe, Titulierungen und Warnungen. Wo notwendig folgt die Übersetzung in Klammern.

Ihr Bälsch (Ihr Bälger), die Streigerung Ihr Dreckbälsch (Ihr Schmutzbälger). Das galt für die Buben. Ein Mädchen rief man Du Oos (du Aas), Die Steigerung war das Schinnoos (das Schindaas). Lärmten die Kinder zu arg als der Opa seinen Mittagsschlaf abhielt, so schrie er: Die Eeser (Plural von Oos) und die Bälsch gewwe kaa Ruh. Ich geh gleich raus unn schlaach deene uffs Kapital dass die Zinse waggele. (Ich gehe gleich nach draussen und schlage ihnen aufs Kapital dass die Zinsen wackeln). Für manche dieser Worte oder Sprüche habe ich lange gebraucht, um sie konkret zu verstehen.

Du Läusert (du Lausbub.) Du Lumbeanna (du Lumpenanna für ein schmuddeliges Mädchen). Die Steigerung dazu war das Dreckmensch. Du Daachdieb (du Tagdieb), du Faulenzer, du Fleschmaddigger (du Phlegmatiker). Du Fleebutz (?), so ein Simbel (so ein Simpel / Steigerung: Hutsimpel)…  Da fallen mir jetzt noch einige ein.
Interessanter waren allemal die Sprüche. Der ist zu blöd um einen Nagel in ein Pfund Butter zu schlagen. Dem kann man im Laufen die Schuhe besohlen. Du Krischer hast heut´ wieder nah´ ans Wasser gebaut (für einen weinerlichen Jungen). Dir schlaach ich mit der falschen Hand geje de Kehlbacke (Dir schlage ich mit der Rückhand gegen den seitlichen Hals). Du werrst verknibbelt, dassde in kein Sasch mehr passt (Du wirst verprügelt [geknüppelt] bis du in keinen Sarg mehr passt). Dem Dunischtgut (Tunichtgut) muss mer de Wille breche. Des kloa Dreckmensch willem alles ufftroyern (das kleine freche Mädchen will einem alles (auf)oktroyieren. Dir willisch Mores lern (dich will ich die Moral lehren). Du bist so bled wie die ganz anner Woch´(Du bist so blöde wie die ganze andere Woche).
Hier würden nun die sinnreichen Mantren der Erniedrungessprüche kommen. Aber draussen scheint die Sonne so schön. Und es ist herrlich ruhig.

Mir fiele im Moment keiner der Jungs in meinem Alter ein, der diese Erziehungsmassnahmen so gänzlich unbeschadet überstanden hat. Bei manchen merkt und sieht man es deutlich. Bei anderen weniger. Die Masse schwimmt in der Mitte, eher unauffällig. Die meisten warten darauf, dass „Corona aufhört“.
Der Bekleidungseinzelhandel wirbt mit Rabatten bis zu 70% und der Parole „wir sind zurück“. Der sie vertretende Verband hat herausgefunden, dass die Kauflust der Konsumenten „im Keller sei“. Das finde ich gesund. Weniger ist ohnehin mehr.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern gute Tage voller Lebensfreude.

 

 

Ansichtssachen (VIII)

Die Generation meiner Eltern – also die zwischen etwa 1920 und 1940 Geborenen – beschäftigt mich seit geraumer Zeit. Auch kulturwissenschaftlich. Sollte ich einen durchschnittlichen Mann dieser Generation allegorisch abbilden, dann etwa so wie in den beiden Photographien. Mehr dazu in einem späteren Beitrag

 

 

 

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Gewinnverluste und Verlustgewinne

Horsche:  The Byrds – Turn!Turn!Turn! [1965]
Lesen: Bis auf weiteres keine Zeitungen
Essen & Trinken: Die erste hausgemachte Grie´Soss´ dieses Jahres, Kartoffeln, halbhartgekochte Eier. Apfelwein (sauergespritzt) aus der Kleinkelterei unserer Vertrauens.
Schaffe: Schutt (ja ja von der Bar) schleppen und den Garten einer alten Dame altersgerecht gestalten.
Gugge: Was wir heute wissen ist klein. Hier ist geht es um grosses Wissen: Doku auf arte.tv – Gotische Kathedralen.

Manchmal fliegen mich aus heiterem Himmel Gedanken und Erinnerungen an. Ich frage mich woher und warum. Es scheint aus jeglichem Zusammenhang gerissen; am Ende kann sich dennoch ein Bild daraus fügen.

Ein langes Wochenende im Jahr gab ihm seinen Namen. Kerweplatz. Am ersten Wochenende im September hatten die Schausteller dort ihre Geschäfte aufgebaut. Schiffschaukel, Kettenkarussell, Schiessbude, Losbude, AutoScooter und Süsswaren. Das übliche Programm einer Dorfkirmes. Jetzt fallen mir prompt einige Anekdoten ein. Aber darum geht es heute nicht.
Den Rest des Jahres nutzten Kinder den Platz für allerlei Spiele. Kleine Grüppchen spielten Fussball oder Murmeln. Ich war meistens bei den Murmelspielern. Klickerspiele. Wie ich drauf gekommen bin weiss ich nicht mehr.

Ich mag zehn oder elf Jahre alt gewesen sein. Da nahm ich mir einen Schuhkarton. An der Oberseite, wo Deckel liegt schnitt ich kleine Öffnungen aus. Drehte den Karton danach um und schrieb über die verschieden gross ausgeschnittenen Öffnungen Ziffern. Über das grösste Törchen eine eins, über das nächste, etwas kleinere eine zwei. Über dem fünften, dem kleinsten stand zehn. An einem Nachmittag stellte ich meinen Karton auf den Kerweplatz. Schon kam ein Junge und wollte wissen, was es damit auf sich habe.
Du zielst aus vier Metern Entfernung mit einem Klicker auf meinen Karton. Wenn du in eine Öffnung triffst, bekommst du so viele Klicker wie obendrüber steht.
Ich hatte einen ziemlich grossen roten Stoffbeutel für mein bescheidenes Häufchen Klicker. Doch schon am ersten Abend war der Beutel proppenvoll. Und zusätzlich auch noch die Taschen meiner Seppellederhose.
Ich habe damals nicht verstanden, was ich heute als Erfahrung intus habe. Manches in meinem Leben wäre anders verlaufen. Was mag aus meinem Klickerseckel, was aus der Unmenge meiner Glaskugeln dieses Sommers geworden sein?

Das mir wertvolle an diesem Erlebnis ist die Erinnerung daran. Erinnerungen und Erfahrungen sind für mich Lebenskräfte. Die guten Erinnerungen trösten. Die schlechten verblassen und spenden dabei Freude, denn die negativen Situationen habe ich überstanden. Und die Erfahrungen machen geistesgegenwärtiger im Umgang mit anderen Menschen.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern freudvolle Tage, denn bald werden wir wahrscheinlich in den gewohnten alltäglichen Irrsinn aus Lärm, Verkehrsstörungen, Konsumrausch und Stress zurückkehren.

 

 

 

Für den Frieden ist jeder verantwortlich

Musik: .Klaus Schulze & Lisa Gerrard – Rheingold (2008).
Lektüre:
Essen & Trinken: Normannischer Apfelkuchen, Milchkaffee, Leitungswasser.
Arbeit: Einen Blogbericht schreiben.
Film: … –

Es gibt diese ganz besonderen Zeiten. Und gelegentlich die einmaligen Tage. In den ersten Monaten des Jahres 1990 war ich in Sachen deutscher Wiiedervereinigung noch euphorisch gestimmt. Im Oktober dieses Jahres wurde jedoch die Treuhandanstalt (THA) als Anstalt des öffentlichen Rechts gegründet. Sie sollte nach den Grundsätzen der sogenannten sozialen Marktwirtschaft arbeiten. Im Klartext bedeutete das, die Betriebe der DDR zu privatisieren. In der Realität wurden VEBs, LPGs, HOs und was sich irgendwie „vermarkten“ liess, kurzerhand verscherbelt oder abgewickelt. Für die untergehende DDR wurde die zukünftige Geschichtschreibung bereits verfasst. Reduziert auf Begriffe wie Diktatur, Stasi und Mangelwirtschaft wurde die unmenschliche Abwicklung rechtfertigt und ein Keil zwischen die beiden deutschen Bevölkerungen getrieben, der noch heute fest sitzt. Es soll Westdeutsche geben, die sich noch immer nicht vorstellen können, dass in DDR die Sonne geschienen und Menschen fröhlich und zufrieden gelebt haben sollen.

Die Grenzöffnung erlebte ich ebenso ergriffen wie freudig. Anfänglich erschien mir die Berichterstattung über die sich rasch entwickelnden Ereignisse unglaublich. Aufgewachsen mit den Impfstoffen der kalten Krieger, war mir die deutsche Teilung eine endgültige Angelegenheit.
Auch meine privaten Angelegenheiten gerieten in eine bedenkliche Schieflage.

Aber noch strahlte die Sonne hell in jenem Sommer 1990. In Ungarn sollte ein Festival für Kultur und Wirtschaft stattfinden. Begegnungen zwischen Ost und West. Das Programm war vielversprechend. Vorträge in Wort und Musik. Künstlerische Übungen, Diskussionsgruppen. Viele der angekündigten Redner und Künstler sagten mir nichts. Und die mir bekannten Namen versprachen eine grosse Bandbreite.
Wir fuhren zu fünft nach Budapest und checkten in einem Studentenwohnheim ein. Der Ort aller Veranstaltungen war die altehrwürdige Konzerthalle Vigadó nahe der Elisabethbrücke. Die Luft war leicht. Aufbruchstimmung. Der Kalte Krieg war vorüber.
Der slowenische Geiger enthüllt uns Takt für Takt die Geheimnisse einer Sonate von Béla Bartók. Erklärt ihre radikale Modernität, die gerade jetzt Motivation und Aufforderung sein kann. Ein würdiger alter Mann betritt die Bühne, altmodisch vornehm gekleidet, erhofft er sich vom Rednerpult aus, dass die Unterbrechung einiger Jahrzehnte beendet sei. Österreich und Ungarn mögen vielleicht doch bald wieder vereint sein. Da runzelten manche Zuhörer die Stirn.
Ich hörte mir die Vorträge eines Herrn an, von dem ich zwei seiner Werke kannte. Ein Wissenschaftler, der seine Professur in Budapest niedergelegt hatte und auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie arbeitete. Er konnte seine Bücher nur unter Pseudonym veröffentlichen. Jetzt wurde er bei seinem richtigen Namen genannt.
In einer Veranstaltung wurde aquarelliert. Es ging vordergründig darum, wie man Farbverläufe malt, und was man dabei erleben kann. Ein Verlauf von oben nach unten, ein anderer entgegengesetzt. Abschliessend ein Bild, bei dem sich beide Farbverläufe in der Mitte des Papiers begegnen. Egoismus, Altruismus und Auferstehung.

Ich genoss den Aufenthalt in Budapest. Besuche in Cafés. Man traf sich mit anderen Menschen. Austausch und Gespräche über dies und jenes. Ich hatte im Vorjahr meine berufsbegleitende Ausbildung zum Thema Märchen beendet. Durchstreifte die Antiquariate. In einem fand ich einen kleinen Band Grimms Märchen. Auffällig war die merkwürdige Auswahl der Märchen und der Illustrationen. Am hinteren Buchdeckel von einer Kinderhand geschrieben stand der Name György Székely.
„Na, bist Du wieder fündig geworden?“
„Ich habe nicht weiter gesucht, aber ein sonderbares Märchenbuch gefunden.“
Es geht von Hand zu Hand. Die Illustrationen fallen auf, einem auch die Zusammenstellung der Märchen.
„Das kannst Du dem Georg mal zeigen.“
„?“
„Der Kühlewind heisst doch György Székely.“
„Klar dieser Name ist in Ungarn genauso selten wie bei uns Hans Müller.“
Der Freund liess nicht locker. Als wir zurückkamen ins Vigadó begegnete uns Georg Kühlewind im Entrée. Ein leichter Rippenstoss traf mich von der Seite. Ich sprach ihn an und zeigte ihm das Buch. Er nahm es und blätterte direkt zum hinteren Umschlagdeckel. Schaute danach mich an und fragte, ob er sich das Buch bis morgen ausleihen dürfe. Ich erwiderte, wenn es sein Buch sei, dann gehöre es ihm doch auch.
Abends beim Wein freuten wir Freunde uns über diese Episode. Und redeten über das Buch „Vom Normalen zum Gesunden“ von Kühlewind, das damals bei uns die Runde machte und für Gesprächsstoff sorgte. Kühlewind wurde als junger Mann von deutschen Besatzern zum Arbeitsdienst gezwungen und überlebte kurz vor Kriegsende das Konzentrationslager Buchenwald.

Nach vier Tagen und zahlreichen eindrücklichen Erlebnissen fand die Schlussveranstaltung statt. Als letzter Redner sprach György Székely. Er bedankte sich beim Publikum und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass Ost und West nun wieder zusammenwachsen mögen. Zum Schuss hob er das wiedergefundene Märchenbuch in Höhe und erzählte, wie es ihm bei seiner Verhaftung abgenommen worden sei. Nun halte er es wieder in seinen Händen. Für ihn persönlich sei dies ein Zeichen, dass der Krieg nun zuende sei.

Unten im Keller liegt eine Flasche Pommery & Greno Jahrgang 1945. Die liegt da, für wenn endlich Frieden sein wird.

 

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern friedvolle Tage.

 

 

Rückblicke beim Vanilleeis

Musik: Aphrodite´s Child – 666 (1971). Nach sanften Popsongs überraschten Demis Roussos und Vangelis mit diesem Album. Die Apokalypse des Johannes als progressives Rockkonzept.
Lektüre: Auf der Spur nach Kindheitsprägungen. Josephine Siebe : Kasperles Abenteuer in der Stadt.
Essen & Trinken: Eine Pfanne feinster Bratkartoffeln. Dazu Rohkostsalat. Apulischer Primitivo, Leitungswasser.
Arbeit: Historische Recherchen. Daneben eine quellenkritische Untersuchung eines Briefes von 1854.
Film: 1492, Die Eroberung des Paradieses. Wegen der Zurschaustellung von Gewalt nach füfnzehn Minuten beendet.

Wir sitzen im Garten. Jeder löffelt einen Tiegel mit Vanilleeis. Mit Schuss. Ich nehme heute Cointreau.
„Wie viele Urgrossmütter kann man auf natürlichem Wege eigentlich haben?“
„Ich hatte zwei. Eine mütterlicherseits und eine vom Vater her.“
„Ja, aber man müsste doch von beiden Seite je zwei haben. Das machte dann vier.“
„Stimmt, die Generationenfolge erweitert sich rückwärts betrachtet.“
„Wenn ich drüber nachdenke: die mir fehlenden Frauen und Männer sind auf Photographien abgelichtet.“

Der Schuss Cointreau nimmt dem Eis ein wenig von seiner Süsse, er verleiht eine fruchtige Note.
Ich kann mich bei meinen Urgrossmüttern bloss noch an wenige Begebenheiten erinnern. Sie starben als ich noch Kind war. Und sie tauchen heutzutage meist in Assoziationsketten aus dem Brunnen der Erinnerung wieder auf. Berta Brust (väterlicherseits) hatte einen schlanken schwarzen Gehstock. Die Zierde war der zierlich versilberte Griff mit einem prächtigen Jugendstilornament. Mit diesem Stock konnte sie behende umgehen; mindestens so schnell wie Zorro mit seinem Degen. Einmal, es war beim Geburtstagsfest meines Opas (ihres Sohnes), war ihr beim Toilettengang das Gebiss aus Mund gefallen. Als sie zurückkam blieb sie neben meinem Opa stehen. Der reagierte nicht gleich auf sie. Zzzwttt schnellte der Gehstock auf die Tischplatte. Zwischen Teller und Tassen, Sahnetopf und Kuchenplatte knallte der Stock auf das Tischtuch, ohne die geringste Beschädigung. Die Geburtstagsgesellschaft war verstummt.
„Robert, hol´ mir mal meine Zähne.“
Ich sehe die Szene noch heute lebhaft vor mir. Sie hatte den Tick, jedem zu erklären, dass man Eis nie pur essen solle. Die Kälte schade dem Magen. Sie war aber leidenschaftliche Eisesserin. Und hatte demzufolge immer eine Flasche Arrak, um, wie sie sagte, das Eis anzuwärmen, bevor es den Magen erreiche. Und nur dehalb habe sie einen so widerstandfähigen Magen. Immerhin wurde sie achtzig Jahre alt.

Meine zweite Urgrossmutter, Katharina Höhle, genannt Oma Kättsche, war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ich sehe sie in den ewig schwarzen Kleidern, dicken schwarzen Strümpfen und Männerschuhen. Darüber trug sie eine blaue Schürze mit einem Blumenmuster. Sie lebte in unserem Haushalt.
Ich sehe sie vor mir mit dem kleinen Knoten im Haar. Wie sie ihre wackelige Brille mit den randlosen Gläsern aufsetzte. Zum Abendessen trank sie meist Pfefferminztee und strich sich Schiebekäschen auf ihr Brot. Das waren die kleinen Käsedreiecke in Stanniol verpackt mit einem bunten Bildchen obendrauf.
Sie war die Auslöserin für meine erste schlimme Kinderqual. Andererseits sass ich als kleiner Junge auf ihrem Schoss. Während sie Gemüse putzte oder Kartoffeln schälte erzählte sie mir Grimms Märchen. Bei ihr habe ich gesehen, wie man einen Hefeteig ansetzt. Und Brombeergelee kocht. Fertigkeiten, die ich bis heute fast genauso mache. Weil sie einer vernünftigen Logik folgen. Sie hatte kein schönes Ende. Deshalb habe ich ihr schon lange ihre Ränke verziehen, die mir viel Leid eingebracht haben. Alleine durch die Märchen hat sie mir einen Kosmos eröffnet. Später, nach einer entsprechenden berufsbegleitenden Ausbildung, habe ich mit Märchen im professionellen Zusammenhang gearbeitet. Dafür werde ich ihr dankbar bleiben.

So leben die Vorfahren auf ihre Art in uns weiter. Ich weiss bis heute nicht, ob wir dabei wirklich die freie Wahl haben zu entscheiden, was von ihnen in uns weiterwirkt. Aus dem, was sie uns vorlebten, können wir jedenfalls unsere eigene Welt grösser machen. Wir alle haben viel mehr Möglichkeiten unser Leben schöner zu machen, als es uns oft auf den ersten Blick erscheinen mag.

 Ich wünschen allen Besuchern und Lesern beschauliche Ostertage

 

 

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