Gedankenhinundrückflüge

Nachdem dem interessanten Hinweis des musikallwissenden Herrn Zaphod auf die Galoppelmusikserie der Bear Family muss doch wieder was handfestes her: Zappa / Mothers – Roxy and Elsewhere (1974 / Remastered 2012)…

Ich staune als ein Eichhorn den Ärmelgarten durchquert, mich ansieht, dann jedoch geradenwegs unter dem Haselbusch verschwindet. Die tote Amsel habe ich hinter die Eibe getragen und dort mit einem Berglein Sägemehl bedeckt. Ob Maden Sägemehl vertilgen?
Mein rechter Fuss schimmert im Blauspektrum nachdem beim Zerlegen eines Elchbettes eine der Seitenstreben auf eben jenem Fuss gelandet ist. Und auch die rechte Wade ist noch taub vom Knierutschen letzte Woche. Ein ältere Nachbarin versichert, dass sich das von alleine regeln würde. In einer Zukunft, die sie jedoch nicht näher bestimmen will oder kann. Sie ist bereits über siebzig. Da hat Zukunft eine andere Bedeutung.
Ich genehmige mir eine Flasche feinen Rotweins. Uwe Johnson kippte sich ab 17:00 drei Flaschen rein. Täglich. Neunundvierzig Jahre ist er geworden, dann versagte der Körper weitere Flüssigkeitsaufnahmen.
Meine Gedanken ziehen inzwischen in andere Räume. Die Arbeiten werden körperlich nicht annähernd so anstrengend sein. Die Energie wird für kreative Anstrengungen benötigt. Die Küche wird einfachst werden und dennoch soll ein lustvoll praktisches Werkeln möglich sein.
Heute nachmittags ein geschenktes kleines Waschbecken in Empfang nehmen dürfen. Im Tausch gegen sechs Flaschen Mineralwasser. Ich schätze diese (an sich uralten) neuen Tauschformen. Auf der kurzen Fahrt zum edlen Geber der klarste Herbstsonnenschein. Die Musik ist laut und der Kopf hängt halb aus dem Fenster. Die alte, kleine silberne Creole glitzert im Sonnenlicht. Vor Jahrzehnten in Barcelona hatten wir uns die geteilt bei einem Juwelier, der auch gleich die Ohrläppchen perforierte. Männer mit Ohrringen zu jener Zeit. Aber der Opa meines Jugendfreundes hatte einen richtig grossen goldenen Ohrring. Das war unser Argument.
Der Freund ist nun auch schon seit siebenundzwanzig Jahren in anderen Welten. Mein Aschenbecher vom Kaffee Wacker in Bembelland ist vom Tisch und in Scherben gefallen. Er war einer meiner Heimwehanker für viele Jahre. Das Rauchen werde ich deshalb nicht sein lassen. Vorerst jedenfalls.
Noch zwei weitere Ölungen der Dielen im Zimmer nebenan, dann werden wir in Richtung Schwarzen Berg starten. Ich bin gespannt auf die Fahrt. Mehr noch auf den Menschen, mit dem ich diese Fahrt unternehmen werde. Gedanken auch daran, ob ich vielleicht reisefiebrig werden könnte mit zunehmendem Alter. Bis auf den Proviant ist alles soweit vorbereitet.
Derweil liegt „Herz über Kopf“ neben meinem Bett. Neben der Matratze auf dem Boden, um genau zu sein. Vor dem Einschlafen zwei, drei Gedichte mit der vierfachen Menge Veilchenpastillen als Beigabe. Wie ist der Marcel R-R damals auf die Ulla Hahn geflogen.
Hellmuth Karasek ist gestorben. Ich mochte seinen Humor.

                                 (Fotos kann man gerne anklicken. Die werden auch grösser dadurch. Verwandt bin ich mit keinem der Herren)

Geschliffener Feierfeierabend (Musik tönt starklaut)

Von mir aus könnte es auch Lied 5 heissen. Vielleicht weil ich es heute fünfmal lautmitsingend gehört habe. Warum fünfmal? Davon einige Zeilen weiter. Blur – Song 2 (1997)…

Jetzt die ganze Geschichte. Zusammenhänge in Geschichten erzählen sich besser, wenn Resultate vorweisbar sind. Ob die Geschichten gut oder schlecht ausgehen, tut dabei nichts zur Sache. Von den Schiefgehenden lebt mittlerweile eine ganze Generation den eigenen Bauch pinselnder Autoren. Und Rinnen natürlich auch.
Nachdem klar war, dass das Linoleum wegen seines Zustandes nicht restaurierbar sein würde, wurde wie mitgeteilt, der hölzerne Fussboden aus dem Jahr 1880 in Augenschein genommen. Dabei wurden Feuchtigkeitsschäden festgestellt. Handeln war so oder so angesagt. Mir schebt schliesslich ein anderes wohnliches Idyll vor als das von von Ulrich Roski.

Feuchtes Holz klingt dumpf. Als Fachmann auf meinen Gebieten vertraue ich selbstverständlich auf Fachleute anderer Gebiete. Ein gerümpfte Nase und die steile Falte über der Nasenwurzel lassen schlimmes ahnen. Der Boden muss komplett freigelegt werden. Und dann probehalber geschliffen werden. Danach erst lässt sich mit Sicherheit mehr sagen.
Das bedeutet enorm viel Arbeit und eine monetäre Investition ohne klare Renditeaussichten. Genau, sagt der Meister und grinst verhalten, du hast die Wahl. Wenn die Schleifmaschine die betroffenen Dielen frisst, müssen die Bretter und auch der Unterbau raus. Oder du reisst gleich alles raus. Dann hast du wieder eine Wahl. Entweder wir bauen dir einen richtigen Dielenboden oder du gehst zum Elchkaufhaus und besorgst dir diese dünnen Furnierbrettchen, die wie ein Holzfussboden aussehen. Kommt sich am langen Ende preislich in etwa gleich, sagt der Meister und grinst  etwas dreister.

Ich entscheide mich für eine Woche auf den Knien. Ohne Risiko keine Freude. Ich hatte mir den Wecker gestellt und bin dennoch eine halbe Stunde vor dem Gebimsel wach. Gehe in den Garten und suche den Mond. Aha. Den kann ich auch aus dem Dachfenster prima beobachten und dabei gleich früh-stücken. Während ich mir noch überlege das Geraffel aufzubauen, fällt mir der geschätzte Herr Autopict ein. Auf den wird Verlass sein. In der Tat. Ich pendle den Holzboden aus und werfe zwischendurch Blicke zum Mond. Die Meldungen in der Tageszeitung regen mich auf. Ich will mich doch nicht ablenken. Lieber noch einen starken schwarzen Tee.

Kaum dreht sich der Schlüssel im Schloss, stehe ich an der Theke und ordere eine Schleifmaschine. Kurz vor Ladenschluss gebe ich sie zurück und zahle den geforderten Tarif plus verbrauchtem Material. Eine geringe Investition.
Auf der Fahrt dorthin läuft der Song 2 von Blur. Fünfmal. Ist ja nicht weit bis in die Stadt.

Morgen wird der gerettete Boden seine erste Ölung erhalten. Neben mir steht eine Flasche Bardolino. Feine Provenienz. Feierabend, Feiertag.
Der Herbst gehört seit dem Ärmeljugendende nicht mehr zu meinen bevorzugten Jahreszeiten. Und dieses Jahr ohnehin nicht. Morgen wird die Müllabfuhr kommen. Die Mülltonnen in der Nachbarschaft sind alle randvoll. Meist mit Gartenabfällen. Und ich habe noch zwölf Tüten rumstehen mit den Bruchstücken der Ausgleichsmasse. Aber ich habe Zeit. Und vielleicht wird mir der Winter dieses Jahr wieder lieber werden. Wenn die Tonnen der Nachbarn nur halbvoll sind.

Die Fotografien habe ich auf dem grössten Freidhof Europas aufgenommen. Hamburg Ohlsdorf. Die Hinfahrt mit dem Ehepaar aus dem Schwäbischen ist eine andere Geschichte. Und die Rückfahrt mit dem jungen Syrer auch.

                                                                            (Foto anklicken öffnet die Galerie)

Mangelradio und Landschaft

In Deutschland muss per Zwang für Medien bezahlt werden, die kein Mensch wirklich braucht. Ähnlich nichtssagende Radioprogramme verschiedener Namen strahlen den immer gleichen Klangschmodder und das gleiche unbedeutende Gesabbel aus. Beim Autofahren bleiben als Trost zwei Kultursender übrig. Leider sind diese Sender auf einer Fahrt vom Norden Deutschlands ins Herz des Bembellandes nicht durchgehend einwandfrei zu empfangen. Warum ist das nicht möglich?…

Ohne viele Worte. Das Pariser Massaker der irren Religionsfaschisten lässt mich verstummen. Terroristen wollen die Horizonte kleiner machen. Und herrschende Eliten dankens ihnen. Unsere Überwachung wird weiter zunehmen.

Einige weitere Fotografien (m)einer gestrigen Runde durch den Duvenstedter Brook. Heute in Farbe. Anklicken vergrössert. Ein Klick auf F11 im Firefox vergrössert noch mehr.

Silvester im Norden. Auf dem Wasser. In der Kälte.

Mein heutiges Musikprogramm spielt ausser Haus. Genauer, ums Haus herum. Ein Duett von Wind & Sturm. Selbst armstarke Äste werden mühelos auf ihre Maximalelastizität gebogen. Wipfelgewackel in lebhaftem Rhythmus. Der fast volle Bleichmond hat die Dunstlarve vorgezogen. Der hats besser, der kann sich das Konzert von oben ansehen. Ich bin im Norden und bin mit ausreichend wärmedämmender Kleidung versorgt…

Auf der Fahrt nach Norden steht ein Mann an der Strasse. Hinter der hessischen Grenze dort wo das Land ebenso hügelig wie feucht und waldicht wird. Schwere Lederjacke, kleines Gepäck, freundlicher Blick und ein handliches Reisegeraffel an der Seite. Ich halte an und frage ihn nach seinem Ziel. Ein Wunder zum Jahresende. Wir haben das gleiche Ziel: unseren Gastgeber für ein ganz exquisites Silvesterereignis.
Nach der herzlichen Begrüssung und einem ebensolchen Bierchen entern wir die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach neunzig Minuten Fahrt und einem anschliessend fünfzehnminütigen Fussmarsch erreichen wir die Wasserkante. Die südliche Grenze des grossen Hafens. Dort hat die MS Omka angelegt. Ein Schlepper Baujahr 1926, in zehnjähriger Arbeit restauriert von Käptn Stefan. Der steht an der Reling und begrüsst jeden der etwa zwanzig Fahrgäste mit einem kräftigen Handschlag. Es folgt eine kleine Ansprache über den weiteren Verlauf des Abends und schon legen wir ab.
Der Harburger Hafen erscheint in der Dunkelheit als unübersichtliches Labyrinth. Vorbei an tollen Hausbooten, machen wir in einem Seitenbecken fest. Es gibt heisse Suppe für die Besatzung, d.h. für alle Gäste. Nach dieser Stärkung gehts durch eine mächtige Schleuse und vorbei am Kohlekraftwerk Moorburg. Unter einer beeindruckenden Brücke hindurch, die extra für unsere Durchfahrt angehoben wird. Irgendwo in der vor uns liegenden Dunkelheit fliesst die Elbe, die wir bald darauf erreichen.
Wir fahren stromaufwärts zu den Landungsbrücken. Wir sind just gegenüber des alten Elbtunnels, da bricht das Leuchtinferno über der Stadt aus. Von Mitternacht an eine ganze Stunde ununterbrochenes Geballer, Gezische und Geknalle. Eine unüberschaubare Menschenmasse bevölkert die Landungsbrücken. Auf dem Wasser ist auch viel los. Boote und Schiffe aller Grössen fahren hin und her. Kühne Schlangelinien dazwischen fährt ein blauweisses LaLüBoot.
Wir sind beeindruckt von dem Spektakel und mittlerweile auch ordentlich durchgefroren, sodass ein einziges Bierchen für diese Silvesternacht ausreicht. Auf dem Weg zurück zum Anlegeplatz gibts sehr leckeren Kirschkuchen. An dieser Stelle mein Kompliment und meinen Dank an die Frau des Käptns, die für unsere schmackhafte Verköstigung sorgte.
Da ich vorn in der Kajüte stehe, überlässt er mir kurzerhand das Steuer. Hier, willste mal fahren? Gerne, Käptn. Immer an den roten und grünen Signallampen orientieren. Ey ey Käptn. Lichtscheine und Reflektionen auf asphaltierten Strassen bin ich gewohnt, aber das irllichternde Geglitzer auf einer Wasserobfläche ist verwirrend. Und es leuchtet und flackert überall. Das Steuern macht Freude aber als deutscher Mensch taucht mir die Frage auf, ob ich meinen Lappen verlieren würde, wenn ich jetzt hier mitten in der Nacht auf dem Wasser ohne Käpitänspatent erwischt werden würde. So weit isses schon.
Um 2:30 Uhr verlassen wir die MS Omka. Etwas ermüdet laufen wir zur Bahn und erreichen endlich das Nachtasyl unseres freundlichen Gastgebers. Ein ganz besonderes Erlebnis war das. Dafür hat sich die Silvesternacht sehr gelohnt.

(Die Fotos sind direkt aus der Kamera ohne Anspruch auf Qualität. Halberfrorene Hände und ein schaukelndes Schiff…, naja)

Herr Ärmel allein in der Stadt

Wer spricht noch von Musik – die Geräuschkulisse der Stadt ist alles…
(0der vielleicht doch: Klaus Hoffmann – Was fang´ ich an in dieser Stadt)


Auf die wenigen Tage, die vor mir liegen, freue ich mich schon lange und vor allem wie ein Schneekönig. Denn erstens erwartet mich der best friend Don Blech und zweitens werde ich vorher den geschätzten Herrn Zaphod treffen. Zusammen durch die Hansestadt streifen, fotografieren, ein Bierchen, eine Currywurst (Mr. Zaphod gilt als die graue Eminenz der Currywurstkenner) und zum Abschluss vielleicht im Lightroom noch eine Hopfenkaltschale. So male ich mir das aus. Danach an den Nordrand Hamburgs zum Grenzübertritt ins Land zwischen den Meeren hin zu Don Blech. Best Friend seit Jahrzehnten, da ist man aneinander gewöhnt, kennt sich aus und hat seine Traditionen. Unsere heisst ganz schlicht Road Movie. Fahren, meist in Richtung Osten, reden, lecker Fisch oder auch Fischbrötchen werden gerne genommen; Bierchen zwischendurch muss sein zur Gesunderhaltung der alternden Physis sein. (Davon jedoch später).
Vor all dem Wohlleben und Plaisir steht die Hürde der Bahn. Fährt sie oder nicht und vor allem: hält sie ihren eigenen Fahrplan ein. Um fünf Uhr bin auf dem Perron des Bahnhofs Lummerland. Die Bahn fährt pünktlich ein, im Umsteigebahnhof Bembeltown jedoch will sie schon im Morgengrauen alle bösen Vorurteile redlich bestätigen. Kein Bahnsteiglautsprecher ohne die süsse Stimme der Verspätungsansagerin. Für jeden zweiten Zug wird eigens um Verständnis und Entschuldigung gebeten. Ich drücke der Stimme die daumen, bestimmt lässt sich die Verspätungsquote noch erhöhen.
Endlich im ICE. Leider sind ausser mir noch drei Passagiere im Wagen, so kann ich mich nicht frei über Sitze und Tische bewegen. Ich suche das optimale Licht für einige Versuchsreihen.
Der Zug läuft fast pünktlich am Ziel ein. Fast – immerhin. Ich ziehe meine elektronische Handfessel und wähle Herrn Zaphods Nummer. Vorgewarnt war ich immerhin. Als sich (s)eine Stimme meldete, vermutete ich ein kleines dürres Männchen in den letzten Zügen. Das Leben kann eine Ratte sein, aber Viren und Bakterien sind auch nicht ohne. Also ziehe ich alleine los, ich habe viele Stunden Zeit; Don Blech ist erst am Abend spassbereit.
Um es kurz zu machen und den Herren Hippolyte und Pappenheimer (aka xs) zu kund und Wissen. Eure Fotografien eures Hamburger Vergnügungswochenendes mit Herrn Zaphod sind wahrlich beeindruckend. Wo um alles in der Welt aber seid in Wahrheit gewesen? Auf fast allen euren Fotos ist Wasser zu sehen, von der Pfütze, über die Alster, Elbe bis hin zum Hafen. Ich sehe kein Wasser in dieser Stadt. Nichts als Backsteine und spiegelwirre Hauswände. Wo immer ich mich umsehe und wen immer ich um Auskunft bitte: Schiffe gibts und Fische – aber Wasser… Ich wünsche mir in all dem Lärm (Hamburg ist unheimlich laut!) und der optischen Wirrsal spontan ein Fahrrad.
Immerhin tröstet mich (und meine Füsse) nach Stunden eine Feuerlilie in Planten und Blomen. Bitter notwendig wird am späten Nachmittag der Besuch im Curry-Club. Die Worscht schmeckt doppelt so gut zu einem einsamen Astra. Die einzigen wellenwogenden Bewegungen, die mir zu Augen kommen sind in einem gelben Blumenmeer zu sehen. Am Ende des Tages sehen selbst die Treppen schief aus. Gerade rechtzeitig schlägt die elektronische Handfessel an. Don Blech empfiehlt ebenso mitfühlend wie lebenspraktisch das Landhaus Ohlstedt als Treffpunkt für ein gemeinsames erstes Abendbierchen. Nach dem sonnigheissen Tag genau das Richtige. Während wir noch überlegen ob es unter den Umständen ein zweites Bierchen sein dürfte, zieht jemand das grosse graue Tuch vor den hanseatischen Himmel. Es beginnt zu regnen. Die Wettervorhersage spricht von blauen Himmeln im Osten für den nächsten Tag. (besser als Versprechungen von blühenden Landschaften, die dann doch nicht eingehalten werden). Davon dann später mehr.
PS: Die Feuerlilie sei für Frau Waas gepflückt. 

      (Wer die Fotos gross gugge mag, soll einfach ein Foto anklicken)


Hoch im Norden

Nach verbalen Eruptionen absurder Güte kommt die Musik zur Erholung livehaftig von der Strasse…

Fronleichnam ist schuld. Beim Online-buchen hat mich der Feiertag im Süden bzw. der Arbeitstag im Norden irgendwie verwirrt. Das Ergebnis, richtiger die Ergebnisse: 1. Ich habe die Platzreservierung unterlassen und 2. war der Zug völlig überbucht, sodass ich mit einigen hundert anderen „Fahrgästen“ die vierstündige Reise von Bembeltown ins Venedig des Nordens stehend in der rasenden Zigarre zubrachte. Was andererseits den Vorteil hatte, im Grossraumwagen rundum schauen zu können. Das tat auch Not, denn einerseits war ich in einer Art Gegenwelt aufgeschlagen und andererseits konnte ich mich so hin und wieder vom Grauen vor meinen Augen erholen.
Aufgrund u.a. des Feiertags reiste eine Menge Volks nach Hamburg um dortselbst ein langes Wochenende zu verbringen.
Meine Aufmerksamkeit wurde anfangs hauptsächlich von den, wie ich sie für mich getauft habe, „Glorreichen Sieben“ angezogen. Ein Gruppe lustiger Vögel, der regionalen Dialektfärbung nach verortete ich sie in der Gegend um Offenbach. Direkt nach Inbeschlagnahme der Sitzplätze ploppten die ersten Kronkorken. Einer öffnete die grossdimensionierte Jutetasche und verteilte Brötchen: „Kennder gugge, sinn Blut- unn Lewwerworschdweck. Die Weck hunn isch selwer gebagge heid moin um sechs“.
„Geh fordd, mach ka Sache“, meinte ein anderer.
„Klar um sechs hodd doch noch kaan Bäcker uff“, gab der erste zurück
„Wo hosde die dann gebagge, in deim Hasestall vielleicht?“ Gröhlendes Gelächter von erneut ploppenden Kronkroken begleitet. Das erste Bier morgens um acht soll ja angeblich das erfrischenste sein. Nach der kräftigenden Sättigung wurden die Karten gemischt. Vier kloppten Skat, drei pokerten, Sprüche kloppten sie alle lautstark und ausdauernd.
Oma, Mutter und drei Kinder aus dem Saargebiet. Seit „Heinz Becker“ amüsiere ich mich gerne an dieser kühnen Dialektartistik, die nicht nur Endungen von Verben in den Vergangenheitsformen abschneidet, sondern Frauen und Mädchen auch gerne mit dem sächlichen Geschlecht (Neutrum) belegt. Die reisende Familie hatte das überaus starke Bedürfnis, die Mitreisenden im überfüllten Grossraumabteil an ihrer Privatkommunikation teilnehmen zu lassen. Die explosive Mischung aus Cholerik und Grobschlächtigkeit wurde gekonnt in die Sprache gelegt. Das mobile Telefon der vielleicht 35-jährigen Mutter geräuschte. „Joh? – Ach du bischd dahs.“
„Wer issesen?“, schepperte die Oma dazwischen.
„Ess Gabi“, schnauzte die Tochter zurück. Es Gabi, also nicht das Gabi, sondern die Gabi ist damit gemeint.
„Joh, hoschdede Zeddel nedd gefunn?“, fragte die Tochter.
„Wannden nedd finne duhschsd, dann hosschde Pesch gehabt, dann werrschde de Weesch nedd finne“. Die Oma will offensichtlich mitreden, was die Tochter aus dem Konzept bringt und zur plärrenden Anmache veranlasst.
„Joh, den Zeddel hunn isch derr in die rechd Hosedasch geduh, wannde die Hosse nedd agezooch hoschsd, bischde selwer schuld“…. Und so weiter – ad.lib.
Und dann die beiden Pärchen aus dem südhessischen, angetreten mit dem Aussehen und Benehmen alle landläufig gängigen Vorurteile zu bestätigen. Begannen auch gleich hinter Frankfurt mit dem Vorglühen in ein spassiges Hamburger Wochenende. Captain Morgan. Aus der den Dosen. In Kassel musste der Treibstoff Hungergefühle ausgelöst haben. Zwei grosse Ringel Fleischwurst und übergrosse Brötchen machten die Runde. Die guten Leute wurden zunehmend munterer und ab Göttingen wurde der Captain Morgan entlassen und dafür kam Rotkäppchen zu der Gesellschaft. Also erstmal zwei Flaschen Rotkäppchen Sekt. Im gleichen Masse wie die Glorreichen Sieben leiser wurden – bei steigendem Alkoholkonsum muss man sich bekanntlich beim Kartenspiel besser konzentrieren – stiegen bei den beiden Pärchen Pegel, Laune und Lautstärke. Und alles untermalt vom schimpfenden und belfernden Begleitgeräusch aus dem Saargebiet.
Von der Unterhaltung der Pärchen hakte sich dieser sinntiefe Merkspruch unauslöschlich in meinen Erinnerungskasten.
„Mir hawwe jetzt neierdings um fünf Feierowend“. Der Mann von Pärchen 1.
Die Frau von Pärchen 2 erwiderte kindlich flötend: „Mir könne jetzt schunn um vier gehe. Unn warum?“
Darauf alle gemeinsam singend: „Weil merrs könne“. Ausgelassen prustendes Gelächter. Anstossen. Das fiel mir besonders auf, das jeweilige und vor allem vielmalige Anstossen mit Blechbüchsen und Plastikbechern. Wie dem auch sei. Ich war froh, als der Zug im Zielbahnhof einfuhr. Die Glorreichen Sieben waren einfach nur gut drauf. Die fünfköpfige Familie aus dem Saargebiet blaffte sich gegenseitig an und die beiden Pärchen hatten erfolgreich die 1Promille Hürde für ein gediegenes Hamburger Spasswochenende überwunden.

Ich bin froh als ich meinen besten Freund und Abholer im Gewühl des Bahnhofs entdecke. Ich bin wieder auf dem Boden meiner Wirklichkeit angekommen. Freude, Hunger, Durst und überhaupt.
In der Spittalerstrasse höre ich vertraute Töne. Dort steht Abi Wallenstein. Welche Freude. Wir wechseln einige Sätze und dann legt Abi die Hand auf die Saiten und singt mit seiner wunderbaren Reibeisenstimme einen gefühlvollen Blues dazu. Mit meinem Freund gehe ich traditionsgemäss zu Daniel Wischer. Goldbarsch, Kartoffelsalat und eine grosse Fassbrause (Hamburger National) sind schon fast ein Muss. Danach schlendern wir ein wenig an der Binnenalster, durch die Colonnaden und über den Neuen Wall. Am Neuen Wall ist der Teufel los mit Fernsehteam und Menschenmassen. Sebastian Vettel soll kommen sagt einer aufgeregt und knipst mit weit hochgehaltenem Handy ziellos über die Köpfe. Am Ballindamm kommen uns tatsächlich Rennwagen entgegen. Ob einen davon allerdings Vettel pilotiert, ist uns schnurz. 
Es gibt viel und vor allem wichtigeres zu erzählen.
Und später gehts dann in die Residenz derer Friedriche. Paul-Friedrich, Friedrich-Wilhelm, Adolf-Friedrich, Friedrich-Franz – – Georg… 

     (Foddo kligge unn gross gugge. Foto anklicken öffnet die Galerie. Alle Fotos OoC)