Mit der Zeit . . .

Horsche: Eine Überraschung ist: Peter Kraus – Zeitensprung (2013). Eine eher matte Sache ist dagegen:  Die Ärzte – Hell (2020). Peter Kraus coverte Lieder, die durch seine Interpretation an Emotion gewonnen haben. Zwei, drei Ausnahmen ausgenommen. Musikalisch sind die Ärzte mitreissend, textlich hingegen hätte ich nach so vielen Jahren mehr erwartet.
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Eine köstliche Gemüsesuppe mit Karotten, Rettich, Rote Beete und Schnittsellerie aus dem Garten. Dazu schmeckte uns ein 2018er Château Cap L´Ousteau Haut-Medoc.
Schaffe: Planen, planen, planen. Renovierungs- und Umbaumassnahmen stehen an.
Gugge: „Tadellöser & Wolff“ (Mit einem schönen Dank an Herrn RYP für die Erinnerung).

 

Der Uhrmachermeister setzt alte Uhren instand. Er war mir schon öfter zu Diensten. Seine Art mag ich nicht, seine Arbeiten schätze ich. Und nur darauf kommt es ja an. Die silberne Taschenuhr Saxonia (System Glashütte) meines Urgrossvaters tat keinen Mucks mehr und war auch nicht aufzuziehen. Allein schon diese altehrwürdigen Bezeichungen. Saxonia (System Glashütte) verzücken mich.

Das wird länger dauern. Ich komme mit den Aufträgen nicht mehr nach.
Kein Problem. Ich habe Zeit. Sie können mich ja anrufen wenn die Uhr fertig ist.
Er kneift sich seine Uhrmacherlupe ins linke Auge. Öfnnet mit dem kleinen Taschenmesserchen die beiden Deckel auf der Rückseite der Uhr. Auf seiner Stirn wird eine senkrechte Steilfalte sichtbar.
Hundertfünfzig Euro müssen Sie rechnen.
(Mmh? das ist doppelt so viel wie vor sechs Jahren).
Gut, hier haben Sie meine Karte. Rufen Sie mich an wenn sie wieder richtig tickt.

Der Anruf kam nach fünf Wochen. Ich nahm die Uhr in Empfang und legte die Geldscheine auf die Theke. Auf der Fahrt nach Hause blieb die Uhr stehen. Ich schüttelte sachte und sie lief wieder. Und blieb wieder stehen. Am nächsten Tag stand ich wieder im Uhrenfachgeschäft.

Das kann nicht sein.
Ist aber so, wie ich Ihnen sage.
Ich kann jetzt nicht nachsehen. Sie müssen sie hierlassen. Nehmen Sie Ihren Zettel nochmals mit. Ich melde mich bei Ihnen.

Drei Wochen später kam der Anruf.
Ich habe nochmals alles kontrolliert. Ihre Uhr läuft einwandfrei.

Auf der Heimfahrt blieb sie wieder stehen.

Das gleiche Procedere wie soeben beschrieben fand noch zweimal statt.

Ich kann Ihnen jetzt auch nicht mehr weiterhelfen. Die Uhr ist ja auch schon über hundert Jahre alt. Ich habe jetzt sogar noch zwei neue Lagersteine kaufen und einbauen müssen. (Warum eigentlich erst jetzt und nicht gleich?) Ein mords Akt. Die gibts auch nicht mehr an jeder Ecke. Die haben mich fünfzig Euro gekostet. Nur Arbeit und ich habe nichts dran verdient.

Was voll ist und überlaufen will, das soll man erstmal laufen lassen.

Ja, aber ich habe hundertfünfzig Euro bezahlt für eine Reparatur. Und die Uhr läuft jetzt nicht.

Hier, ich gebe Ihnen hundert Euro zurück. Mehr geht nicht. Ich habe bei dieser Uhr ohnehin schon ordentlich draufgelegt.
Da kann man wohl nichts mehr machen.

Zuhause hängte ich die Uhr an den schönen Uhrenständer. Reiner Jugendstil. Mit dem Häkchen überm runden Samtkisschen. Damit die Uhr sich nachts nicht erkältet. Da hing sie dann weitere drei Wochen. Manchmal nahm ich sie in die Hand und schüttelte sanft. Dann lief sie. Zwei, drei Minuten. Und blieb wieder stehen.

Pech gehabt. Mit Zitronen gehandelt. Die Arschkarte gezogen. „Wir Zocker sagen immer: zahlen und fröhlich sein“ (Die toten Hosen). Vergiss es.

Die alte Taschenuhr hängt an ihrem Uhrenständer neben meinem Schreibplatz. Mir fehlte das morgendliche Ritual. Aufziehen. Ticken hören.

Monate später nahm ich sie eines Tages in die Hand. Das silberne Gehäuse war inzwischen wieder etwas angelaufen. Matt und stumpf sah sie aus. Ich nahm das Poliertuch zur Hand. Unterm Reiben leuchtete der noble kalte Glanz des reinen Silbers auf. Was sind schon hundert Jahre. Wahre Schönheit mag sich im Lauf der Zeit ändern. Aber sie vergeht nicht. Ich öffnete die beiden hinteren Deckel. Auf der Innenseite des oberen Deckels ist der Name meines Urgrossvaters eingraviert. Auf dem inneren Deckel hinterliessen Uhrmacher ihre Kritzelzeichen.
Ein Uhrwerk ist ein Wunder. Ein Instrument, das etwas anzeigt, was es eigentlich garnicht gibt. Zeit. Die kleine Nadel, mit der man die Ganggenauigkeit einstellen kann stand ziemlich weit nach links – retard. Vorsichtig schob ich mit dem Daumennagel das Zeigerchen nach rechts in Richtung avance.
Weisst Du, wenn Du schon hier herumhängst, nicht läufst und von mir nicht aufgezogen werden willst, dann lass Dich wenigstens in die Nullstellung bringen. Alles gut.
Ich verschloss die beiden hinteren Deckel und hängte dir Uhr zurück an den Ständer.

Ich wendete mich wieder einer Schreibarbeit zu. Kurze Zeit später in einer Pause sah ich zur Seite und zur Uhr hin. Ich traute meinen Augen nicht. Der Sekundenzeiger drehte sich ruhig. Die Uhr lief. Sie lief wieder wie ehedem. Und sie läuft seitdem. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen ziehe ich die Uhr auf. Alle zwei Wochen korrigiere ich die angezeigte Zeit. In diesem Zeitraum eilt die Uhr um eine Minute voraus. In zwei Wochen. Mir macht das nichts aus. Zeit gibt es ja garnicht. Ich glaube, dass die alte Uhr nur deshalb um eine Minute vorgeht, weil sie in die Hand genommen und ein bisschen beschmeichelt werden möchte.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein wundervolles Wochenende.

 


 

 

 

 

 

 

Beruf, Berufung, Karma oder Heringssalat in Tomatensauce?

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Die interessante Bedienungsanleitung für einen Kettennieter. Nützliche Hinweise zu Torpedo Dreigang-Schaltungen.
Essen & Trinken: Kohlrabigemüse mit Kerbel und dazu Bamberger Hörnchen. (Die Gurke aus dem Blumenkasten ist aromatisch und geschmacklich ein Kracher).
Schaffe: Planungen für weitere Modernisierungsmassnahmen am Haus.
Gugge: „Kundschafter des Friedens“ Ein schöner Film. Grandiose Besetzung. In memoriam Michael Gwisdek. Auf arte.de…

 

Phimbo. Scheriff. Pongo. Knüppel. Vogta. Käsje. De Ohm. Clemens B.. Kröner.

Die alte Garde.

Ich muss vorsichtig sein. Schliesslich habe ich selbst einige Jahre… Zu meiner Entschuldigung bringe ich vor, dass es reiner Zufall war. Damals auf dem Flughafen Schipol in Amsterdam.
Wir warteten auf den Rückflug nach Südamerika. Da sprach mich der Direktor einer Deutschen Schule an. Sie sind doch… und haben…
Meine Litanei von Ausreden. Ich bin eigentlich in Südamerika weil… Nein, zur Zeit arbeite ich mit kolumbianischen Exilanten… Nein, ursprünglich kam ich hierher, um … Ich bin unsicher, ob ich der Richtige…

Natürlich habe ich zwei Tage später mein CV abgegeben. Es gibt Verführungen und Herausforderungen (im positiven Sinne), denen ich kaum widerstehen kann. Und bin so aufgrund meiner Ausbildung und Studien Lehrer geworden. Ich sass im Lehrerzimmer und in Konferenzen.
Jahrelang hatte mich die Schulbank gedrückt und nun sass ich auf der anderen Seite. Ein Fremder neben merkwürdigen Menschen.

Ein Verräter an der Sache?

Kommt drauf an, welchen und vor allem wie man Unterricht gibt.

Meine Nachteile: mir fehlte ein Referendariat. Ich wusste nicht, wie man einen vorgegebenen Lehrplan umsetzt. Ich hatte überhaupt wenig Ahnung von diesem Geschäft.

Meine Vorteile: ich hatte das wirkliche Leben kennengelernt. Also nicht diesen seltsamen Lebenslauf: Schule, Hochschule, Schule. Sondern das wirkliche Leben. Eigenverantwortlich handeln. Für Fehler sofort abgewatscht werden. Keine Beförderung, kein Beamtentum, sondern stetige Leistung macht meinen persönlichen Erfolg.
Vor allem aber: ich hatte nie vergessen, dass ich selbst einmal Schüler war. Und ein grottenschlechter dazu. Ein Schulversager. Durch familiäre Erziehung und das Sahnehäubchen fürs Leben obendrauf – etliche meiner Lehrerinnen und Lehrer.

Eingangs schrieb ich einige ihrer Namen. So wurden sie von uns Schülern genannt. Schon Jahre vor meiner Schülerkarriere waren ihnen diese Spitznamen zugeschrieben worden. Manche Namen berechtigten sie durch ihr Verhalten, andere waren rückblickend ungerecht. Pongo konnte nichts für seine auffällige Progenie.
Der Scheriff hingegen war kriegsbedingt seelisch schwerbeschädigt. Wenn wir Sextaner – er war Oberschullehrer und hatte keine Lehrbefähigung für die Mittel- und Oberstufe – wenn wir Sextaner nur unruhig waren im Klassensaal hob er seine Aktentasche mit zwei Händen in die Höhe und schrie: “ ich werde Euch alle vernichten, Ihr Affenbande“. Dabei knallte er mit voller Wucht seine flache Aktentasche auf seinen Tisch, dass wir Kinder zusammenzuckten. Klar, dass die helleren Köpfe von uns nach drei Wochen schon heraushatten, wie man den Scheriff zum schreien bringen konnte. „Ihr Verbecher, ich werde Euch vernichten“.
Ein einziges Mal habe ich erlebt, wie er in einem seiner Schreianfälle schlagartig still geworden ist. Das war als sich die Schülerin V. vor Schreck unter die Bank übergeben hatte.

Der Knüppel, Mathe und Physik. Promovierter Gymnasiallehrer. Der ging im weissen Kittel, darunter Hemd und Krawatte, immer vor der Klasse auf und ab, nachdem er dieser eine Aufgabe gegeben hatte. Er bewegte im Auf-und-Abgang seine Lippen und murmelte unhörbar. Lag etwas in seiner Gangbahn (Gangway?) so kickte er es mit seinem Fuss zur Seite. Was nimmt es Wunder, einem solchen etwa einen Radiergummi auf dem Holzfussboden festzunageln. Und der Knüppel geht murmelnd hin und her und kriegt das Dingens am Boden nicht weg.
„Also, gill, so geht das nicht.“
In Hessen sagt man gelt oder treffender gell aber nicht gill. Auch heute noch erinnert man sich gerne an den Knüppel. Betonfrisur exakt wie der Wehrmachtsoffizier und spätere Bundeskanzler Schmidt. Allerdings in graumeliert.

Die Vogta, katholische Religion und Geschichte, Fräulein Doktor und das Käsje, Biologie und ebenfalls Fräulein Doktor. Welche Lebensglücke hätten diesen früh verhärteten Mädels erblühen können. Ein heute noch gerne zitierter Witz bei Zusammenkünften war der Eintrag ins Klassenbuch vom Käsje: Ärmel misshandelt die Türklinke.
Für die Jugend unter uns Lesern: damals als mich die Schulbank drückte, hielt ein Schüler oder eine Schülerin die Tür auf, wenn sich die Lehrkraft näherte. Als eines Tages das Käsje den Klassensaal betrat, liess ich die gedrückte Türklinke hochschnappen. Das reichte für einen Tadel im Klassenbuch.

Besser war der Kröner. Ein stiller Sadist. Evangelische Religion und ? :ich vermute Musik. Der hatte es drauf, das Ohr eines Schülers oben zwischen seinem zwei Fingernägeln anzupacken und langsam nach oben zu drehen. Der Delinquent drehte sich dann unter dem Schmerz zu seiner Drehung langsam aus der Bank hoch. Harmloser, weil etwas weniger schmerzhaft, waren dagegen seine Kopfnüsse mit einem Kreidestück. Er schaffte es mit passenden reden, dass Mitschüler entweder laut auflachten oder zumindest lächelten.

Harmlos war dagegen die Frau Franke. Die sammelte in der Klasse nur regelmässig für die damals noch existente Bewegung „Freiheit für Südtirol“. Zehn Pfennige reichten zum Freispruch und einen positiven Vermerk in ihrem roten Notenbuch. Ich bekam von zuhause kein Geld für diesen „Quatsch“ und erhielt entsprechende Noten.

Für Heiterkeit sorgte dagegen Frau Schmidt. Kunstlehrerin. Mit einem für uns Schulbuben geradezu unglaublich mächtigen Hinterteil. Sie fuhr ein Goggomobil TS 250. Allein der Anblick, den sie bot, wenn sie sich in das Wägelchen hinein- oder herausschraubte. Schülerspott kann grausam sein.

Immer die gleiche Show bei der Rückgabe der korrigierten Lateinarbeiten. Studienrat B. erinnerte in seiner Erscheinung an den Kaplan Kindlein (Rudolf Rhomberg) in der 1965 erschienenen Filmkomödie „Tante Frieda – Neue Lausbubengeschichten“. Etwas dicklich, irgendwie schwammig. Und dazu diese unheimlich sanfte Stimme. Ein Raubtier im Klassenzimmer. B. ging durch die Bänke und überreichte jedem Schüler, der dabei aufstehen musste, seine Klassenarbeit ohne einen weiteren Kommentar.
Bei den Spezialkandidaten, zu denen auch ich gehörte, behielt er das Heft in der Hand und fragte:
„Ärmel, kennst Du meinen Vornamen?“
Bereits im Aufstehen musste man dann lateinisch korrekt antworten: „Ja.Clemens, clementis. G
ütig, barmherzig.“
„Und deshalb habe ich Dir noch eine Fünf gegeben, obwohl Du…“ Liess das Heft auf die Schulbank fallen und stand schon am nächsten Tisch.
Mir machte das nichts weiter aus. Aufgrund meiner häuslichen Erziehungserfahrungen (oder vielleicht eines besonderen Gens) erkenne ich, seit ich ein grösseres Kind gewesen bin, lediglich echte Autoritäten an. Wer sich selbst als Autorität darstellt und sich damit Anerkennung verschaffen will, ist allenfalls ein läppischer Machtspieler. Wirkliche Autoritäten haben es nicht nötig, andere Menschen mit ihren Fähigkeiten oder gar verliehenen Titeln beeindrucken zu wollen.
Eines Tages blieb der gütige und barmherzige Studienrat vor einem Mitschüler stehen. Dieser war kein Kandidat sondern ein fleissiger Schüler. Der klassische Einserschüler. Unauffällig im Unterricht und doch jederzeit ansprechbar.
„Kennst Du meinen Vornamen?“ Auf dem Nachhauseweg stellte der Schüler sein Rad am Stamm eines Pflaumenbaums ab. Wir erfuhren erst einige Tage später, dass der Schüler aus dem Leben gegangen sei.

Ich habe diesen Bericht in der vorigen Woche unterbrochen auf der Suche nach einer positiven Wendung. Heute nun stelle ich fest, dass der 5. Oktober der Weltlehrertag ist. Das ist für mich der willkommene Anlass, all den Lehrern zu danken, die mir dazu verholfen haben, meine Horizonte und mein Weltwissen zu erweitern. Lehrer und Lehrerinnen, die über diesen arg seltenen feinen Humor verfügten, dass man sie als Schüler einfach anerkannte und achtete. Ohne dabei so recht zu wissen, warum und wofür man sie ohne weiteren Widerspruch respektierte. Bei manchen dieser Persönlichkeiten ist mir das erst Jahre später klar geworden.
Zu danken habe ich auch jenen Pädagogen, die es drauf hatten, dass mir nach anfänglichem Widerstreben selbst ihre verordneten Strafarbeiten Freude machten, weil mir der Sinn der Aufgaben während der Arbeit offenbar geworden ist.
Dankbar erinnere ich mich – wer von all meinen Lehrern in all den Klassen und verschiedenen Schulen mag wohl noch am Leben sein? – dankbar erinnere ich mich auch an die Pädagogen, die mit ihrem Unterricht gleich Hochseilartisten die Balance halten konnten zwischen Forderung und Förderung ihrer Schüler.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mir die Lehrkräfte, denen ich noch heute die Hand schütteln und ihnen herzlich danken möchte, geradezu willentlich aus meiner Erinnerung hervorrufen muss. Die anderen dagegen, die man gerne vergessen möchte, und in meinem Fall waren das merkwürdigerweise mehr Lererinnen als Lehrer, die drängen sich von Zeit zu Zeit bei entsprechenden Gelegenheiten noch immer ungebeten in den Vordergrund.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen goldenen Herbst mit herzerwärmenden menschlichen Begegnungen.

 

 

 

 

 

Ansichtssachen (XVII)

Das Gespräch im hesisschen Dialekt wird im folgenden transkribiert wiedergegeben.

Hallo?
Ich bins. Habt Ihr wieder Süsse?
Klar, wieviel braucht Ihr denn?
Wieviel habt Ihr denn?
Genug. Bring´ aber einen Kanister mit. Wegen den neuen Bestimmungen haben wir keine mehr. Ist viel zu teuer.
Alles klar, ich komme gleich vorbei.

 

 

Und, wie lange wird der halten?
Drei Tage. Dann hast Du Rauscher. Stell´ ihn halt kühl, dann hält er vier, vielleicht sogar fünf Tage.

 

Rauscher???

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einerseits schade, andererseits jedoch…

Horsche: Aufgrund einer Empfehlung im famosen Blog des Herrn Hotfox: Muddy Waters – Folk Singer (1964).
Lesen: Zur Auffrischung über die Technik alter Fahrräder.
Essen & Trinken: Der erste Salat aus dem Garten, Nudeln aglio olio (eigenes Salbeiöl), trockener Primitivo.
Schaffe: Intermezzo mit alten Fahrrädern.
Gugge: Österreichischer Humor vom Besten: Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott (2010). Schallendes Gelächter garantiert!

Seit einigen Jahren warte ich auf eine erneute Aufführung von „Grimm – ein deutsches Märchen“. Die war auf den kommenden Freitag terminiert und fällt nun aus wegen der aktuellen Bestimmungen für Theater. Enttäuschung, ist ja klar. Aber das Gute an Ent-Täuschungen ist ja, dass sie den Blick dafür öffnen, was andernfalls garnicht erst gesehen worden wäre.

Der Jasmin draussen im Garten hat überlebt. Das war ihm im zeitigen Frühjahr nicht anzusehen. Im Gegenteil bot er einen mickrigen Anblick. Ein wohlüberlegter Standortwechsel ist ihm sichtlich gut bekommen und schon blüht er auf. Und duftet über die Massen.
Trotz des nächtlichen Eindringlings, haben ein paar Blüten der Federnelken sein Wüten überstanden. Und die duften nun ebenfalls mit einem betörenden Touch von Schokolade. Dieses Jahr scheint ein Rosenjahr zu sein. Hier im Garten erblühen mehrere hundert Knospen fast gleichzeitig und verwandeln die kleine Landschaft in ein wogendes Vielfarbenmeer.

Ein altes Lastenfahrrad bietet  eine angenehme Abwechslung zur mühseligen Arbeit am alten Fussboden. Komplette Zerlegung und Überholung zum Zwecke der späteren gewerbsmässigen Nutzung. (Mehr dazu vielleicht wenn es soweit sein wird).
Bei aller Reduktion bin selbst ich gegen Verführungen nicht gefeit. Ein altes blaues Fahrrad der Marke Bauer lief mir in die Ärmelgarage. Bis auf die Farbe gleicht es meinem Jugendfahrrad. Da werden alte Erinnerungen wach.
Und wenn es schon rund läuft, dann steht in einer fränkischen Stadt noch ein Bauer Sprint. Ein silberner Flitzer. Damals der Traum von uns Buben. Sein Besitzer war verstorben und die Erben woll(t)en das schöne Rad für eine Handvoll Euros verkaufen. Daraus wurde dann ein schöner Sonntagsausflug.
Zum Glück gibt es in der Nähe noch einen Fahrradladen, der zahlreiche alte Ersatzteile in den Schubladen hinter der Theke hat.
„Den Schlüssel für ein altes Speichenschloss? Haben Sie denn die Nummer?
„Ja, es ist ein Hebie, Nummer 433. Und für das Lastenrad suche ich die Nummer 315.“
Der Meister stellt die Schublade auf die Theke. Eine Wunderkiste. In einer Unterteilung befinden sich alte Schlösser, daneben sind in Drahtschlaufen die Schlüssel nach Nummern ordentlich aufgereiht.
„Hier haben wir ihn. 433.“
Weitersuchen, Ziffern murmeln. Schlüssel gleiten durch die flinken Finger.
„Nö, 315 habe ich nicht mehr. Ach hier, da ist ja noch ein 433er.“
„Den nehme ich gerne auch noch. So als Reserve.“

 

Abends in der Sommerküche. Wir nennen sie so. Es war der ehemalige Hundezwinger des Hauses. Nach zwei Seiten vom Drahtgeflecht befreit und die beiden anderen mit Winterjasmin bewachsen, ist es ein lauschiges Plätzchen geworden. Holz lagert zum Trocknen. Eingerichtet für die Zubereitung einfacher sommerlicher Speisen.
Derzeit laden wir abends gerne einen oder zwei Menschen zu einer kleinen hessischen Vesper ein. Mit gebührendem Abstand versteht sich. Bei den Gesprächen stellt sich heraus, dass fast alle Gäste materielle Einbussen hinnehmen müssen. (Beamte ausgenommen). Andererseits geniesst man die Ruhe, geradezu eine gewisse Beschaulichkeit schleicht in unsere Alltage. Kaum Fluglärm, fast angenehme Verkehrsverhältnisse.
Doch die Mehrheit der Menschen im Land wünscht sich offensichtlich zurück in die täglich zweimalige Stausteherei, um dann für zwei, drei Wochen im Jahr irgendwo hin zu fliegen. Der alltägliche Stress und die Hektik scheinen vielen zu fehlen. Ich verstehe es nicht.

Gestern vernahmen wir nach dem Abendessen ein auffälliges Rufen eines Vogels. Eher das zarte Schnarren eines Jungvogels, das von den Lockrufen der Alten beantwortet wurde. Wir wurden still, lauschten und beobachteten. Es war die Flugschule der Familie Gartenrotschwanz. Nur ein Junges? Eine ganze Weile flogen die drei auf die Dächer rund um den Garten und zuweilen auch zur Landung bei uns in den Garten. Ein Zeitchen später kam zu unserer Freude noch ein zweiter Jungvogel dazu. Seine Schwanzfedern waren noch sehr kurz. So glichen seine Flugversuche eher einem unbeholfenem Trudeln.
Vielleicht eine Stunde war vergangen und wir verliessen den Garten. Viele Gäste kommen gegen Abend, um hier zu trinken oder zu baden. Die Girlitze picken die Samen des verblühenden Rosmarinstrauchs. Insekten finden sich am Brunnen ein. Die Honigbienen bevorzugen die Borretschblüten.

Wo war ich stehengeblieben?
Ach ja, die Aufführung von „Grimm – ein deutsches Märchen“ wird leider ausfallen. Ob und eventuell wann die Aufführung nachgeholt werden wird, konnte die Dame vom Theater nicht sagen. Das ist bedauerlich. Aber wir haben hier ohnehin genug zu tun. Und die Lebensfreude heben diese Arbeiten auch.
Ich werde mich jetzt in der Werkstatt wieder dem Transportrad widmen.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Zeit. Machen Sie was draus.

 

 

 

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Gewinnverluste und Verlustgewinne

Horsche:  The Byrds – Turn!Turn!Turn! [1965]
Lesen: Bis auf weiteres keine Zeitungen
Essen & Trinken: Die erste hausgemachte Grie´Soss´ dieses Jahres, Kartoffeln, halbhartgekochte Eier. Apfelwein (sauergespritzt) aus der Kleinkelterei unserer Vertrauens.
Schaffe: Schutt (ja ja von der Bar) schleppen und den Garten einer alten Dame altersgerecht gestalten.
Gugge: Was wir heute wissen ist klein. Hier ist geht es um grosses Wissen: Doku auf arte.tv – Gotische Kathedralen.

Manchmal fliegen mich aus heiterem Himmel Gedanken und Erinnerungen an. Ich frage mich woher und warum. Es scheint aus jeglichem Zusammenhang gerissen; am Ende kann sich dennoch ein Bild daraus fügen.

Ein langes Wochenende im Jahr gab ihm seinen Namen. Kerweplatz. Am ersten Wochenende im September hatten die Schausteller dort ihre Geschäfte aufgebaut. Schiffschaukel, Kettenkarussell, Schiessbude, Losbude, AutoScooter und Süsswaren. Das übliche Programm einer Dorfkirmes. Jetzt fallen mir prompt einige Anekdoten ein. Aber darum geht es heute nicht.
Den Rest des Jahres nutzten Kinder den Platz für allerlei Spiele. Kleine Grüppchen spielten Fussball oder Murmeln. Ich war meistens bei den Murmelspielern. Klickerspiele. Wie ich drauf gekommen bin weiss ich nicht mehr.

Ich mag zehn oder elf Jahre alt gewesen sein. Da nahm ich mir einen Schuhkarton. An der Oberseite, wo Deckel liegt schnitt ich kleine Öffnungen aus. Drehte den Karton danach um und schrieb über die verschieden gross ausgeschnittenen Öffnungen Ziffern. Über das grösste Törchen eine eins, über das nächste, etwas kleinere eine zwei. Über dem fünften, dem kleinsten stand zehn. An einem Nachmittag stellte ich meinen Karton auf den Kerweplatz. Schon kam ein Junge und wollte wissen, was es damit auf sich habe.
Du zielst aus vier Metern Entfernung mit einem Klicker auf meinen Karton. Wenn du in eine Öffnung triffst, bekommst du so viele Klicker wie obendrüber steht.
Ich hatte einen ziemlich grossen roten Stoffbeutel für mein bescheidenes Häufchen Klicker. Doch schon am ersten Abend war der Beutel proppenvoll. Und zusätzlich auch noch die Taschen meiner Seppellederhose.
Ich habe damals nicht verstanden, was ich heute als Erfahrung intus habe. Manches in meinem Leben wäre anders verlaufen. Was mag aus meinem Klickerseckel, was aus der Unmenge meiner Glaskugeln dieses Sommers geworden sein?

Das mir wertvolle an diesem Erlebnis ist die Erinnerung daran. Erinnerungen und Erfahrungen sind für mich Lebenskräfte. Die guten Erinnerungen trösten. Die schlechten verblassen und spenden dabei Freude, denn die negativen Situationen habe ich überstanden. Und die Erfahrungen machen geistesgegenwärtiger im Umgang mit anderen Menschen.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern freudvolle Tage, denn bald werden wir wahrscheinlich in den gewohnten alltäglichen Irrsinn aus Lärm, Verkehrsstörungen, Konsumrausch und Stress zurückkehren.

 

 

 

Rückblicke beim Vanilleeis

Musik: Aphrodite´s Child – 666 (1971). Nach sanften Popsongs überraschten Demis Roussos und Vangelis mit diesem Album. Die Apokalypse des Johannes als progressives Rockkonzept.
Lektüre: Auf der Spur nach Kindheitsprägungen. Josephine Siebe : Kasperles Abenteuer in der Stadt.
Essen & Trinken: Eine Pfanne feinster Bratkartoffeln. Dazu Rohkostsalat. Apulischer Primitivo, Leitungswasser.
Arbeit: Historische Recherchen. Daneben eine quellenkritische Untersuchung eines Briefes von 1854.
Film: 1492, Die Eroberung des Paradieses. Wegen der Zurschaustellung von Gewalt nach füfnzehn Minuten beendet.

Wir sitzen im Garten. Jeder löffelt einen Tiegel mit Vanilleeis. Mit Schuss. Ich nehme heute Cointreau.
„Wie viele Urgrossmütter kann man auf natürlichem Wege eigentlich haben?“
„Ich hatte zwei. Eine mütterlicherseits und eine vom Vater her.“
„Ja, aber man müsste doch von beiden Seite je zwei haben. Das machte dann vier.“
„Stimmt, die Generationenfolge erweitert sich rückwärts betrachtet.“
„Wenn ich drüber nachdenke: die mir fehlenden Frauen und Männer sind auf Photographien abgelichtet.“

Der Schuss Cointreau nimmt dem Eis ein wenig von seiner Süsse, er verleiht eine fruchtige Note.
Ich kann mich bei meinen Urgrossmüttern bloss noch an wenige Begebenheiten erinnern. Sie starben als ich noch Kind war. Und sie tauchen heutzutage meist in Assoziationsketten aus dem Brunnen der Erinnerung wieder auf. Berta Brust (väterlicherseits) hatte einen schlanken schwarzen Gehstock. Die Zierde war der zierlich versilberte Griff mit einem prächtigen Jugendstilornament. Mit diesem Stock konnte sie behende umgehen; mindestens so schnell wie Zorro mit seinem Degen. Einmal, es war beim Geburtstagsfest meines Opas (ihres Sohnes), war ihr beim Toilettengang das Gebiss aus Mund gefallen. Als sie zurückkam blieb sie neben meinem Opa stehen. Der reagierte nicht gleich auf sie. Zzzwttt schnellte der Gehstock auf die Tischplatte. Zwischen Teller und Tassen, Sahnetopf und Kuchenplatte knallte der Stock auf das Tischtuch, ohne die geringste Beschädigung. Die Geburtstagsgesellschaft war verstummt.
„Robert, hol´ mir mal meine Zähne.“
Ich sehe die Szene noch heute lebhaft vor mir. Sie hatte den Tick, jedem zu erklären, dass man Eis nie pur essen solle. Die Kälte schade dem Magen. Sie war aber leidenschaftliche Eisesserin. Und hatte demzufolge immer eine Flasche Arrak, um, wie sie sagte, das Eis anzuwärmen, bevor es den Magen erreiche. Und nur dehalb habe sie einen so widerstandfähigen Magen. Immerhin wurde sie achtzig Jahre alt.

Meine zweite Urgrossmutter, Katharina Höhle, genannt Oma Kättsche, war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ich sehe sie in den ewig schwarzen Kleidern, dicken schwarzen Strümpfen und Männerschuhen. Darüber trug sie eine blaue Schürze mit einem Blumenmuster. Sie lebte in unserem Haushalt.
Ich sehe sie vor mir mit dem kleinen Knoten im Haar. Wie sie ihre wackelige Brille mit den randlosen Gläsern aufsetzte. Zum Abendessen trank sie meist Pfefferminztee und strich sich Schiebekäschen auf ihr Brot. Das waren die kleinen Käsedreiecke in Stanniol verpackt mit einem bunten Bildchen obendrauf.
Sie war die Auslöserin für meine erste schlimme Kinderqual. Andererseits sass ich als kleiner Junge auf ihrem Schoss. Während sie Gemüse putzte oder Kartoffeln schälte erzählte sie mir Grimms Märchen. Bei ihr habe ich gesehen, wie man einen Hefeteig ansetzt. Und Brombeergelee kocht. Fertigkeiten, die ich bis heute fast genauso mache. Weil sie einer vernünftigen Logik folgen. Sie hatte kein schönes Ende. Deshalb habe ich ihr schon lange ihre Ränke verziehen, die mir viel Leid eingebracht haben. Alleine durch die Märchen hat sie mir einen Kosmos eröffnet. Später, nach einer entsprechenden berufsbegleitenden Ausbildung, habe ich mit Märchen im professionellen Zusammenhang gearbeitet. Dafür werde ich ihr dankbar bleiben.

So leben die Vorfahren auf ihre Art in uns weiter. Ich weiss bis heute nicht, ob wir dabei wirklich die freie Wahl haben zu entscheiden, was von ihnen in uns weiterwirkt. Aus dem, was sie uns vorlebten, können wir jedenfalls unsere eigene Welt grösser machen. Wir alle haben viel mehr Möglichkeiten unser Leben schöner zu machen, als es uns oft auf den ersten Blick erscheinen mag.

 Ich wünschen allen Besuchern und Lesern beschauliche Ostertage

 

 

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