Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

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Reduktionsvöllerei

Mein frühes Rock’n’Roll Idol hat das Zeitliche gesegnet. Chuck Berry 18.10.1926 – 18.3.2017. Hier läuft in Erinnerung an die Brilliant Peach Pomade und eine Schachtel Camel ohne, eingedreht im Ärmel eines T-Shirts:
Chuck Berry – The Chess Box (3CDs / 1988)…

In der letzten Woche beim Zwiebelschneiden abgerutscht. Ein tiefer Schnitt im linken Zeigefinger. Ich halte meine Messer stets scharf. Die erzwungen veränderte Handhaltung führte gestern zu einem nicht minder tiefen Schnitt in die linke Daumenkuppe. Den frischen Schnittlauch trifft keine Schuld. Abends beim Essen mit der kross gebackenen Kante eines Baguette ein leichter Schnitt in die Oberlippe.

Reduktion bedeutet nicht Weglassen oder abschneiden um jeden Preis. Wem nutzt die Blutpfütze wenn ein Finger fehlt?
Das Thema Fülle durch Reduktion beginnt auszuufern. Durch interessante Gespräche, Fragen, Anregungen und die Erfahrungen anderer Menschen. Wer reduziert was und warum. Krankheit oder materielle Engpässe fallen spontan ein. Die Gründe sind vielfältiger. Wer durch Schicksalsschläge zur Reduktion gezwungen ist, hat es ungleich schwerer. Dennoch ist es schwierig zu entscheiden, ob es leichter wird, wenn man aus freien Stücken reduziert. Bezieht sich Reduktion nur auf das materielle, konsumistische Verhalten? Welche Veränderungen von Reduktion werden im ideellen Kontext wahrnehmbar? Viele Fragen und noch mehr Aspekte. Aber darum geht es eigentlich garnicht.

Dieser Blog wurde angeregt durch einen befreundeten Blogger. Für Berichte und Fotografien aus einem anderen Land und Lebensumfeld. Zur Information und Unterhaltung im Familien- und Freundeskreis.  Durch die Rückkehr nach Deutschland war der ursprüngliche Sinn dieses Blogs somit erfüllt. Das Thema Fülle durch Reduktion sollte eine Art Abschluss werden, um danach etwas Neuem Platz zu machen.
Um den Besuchern und Lesern und mir langatmig graue Theorien zu ersparen – auch das ist eine Reduktion – werde ich diesen Blog weiterführen und in folgenden Berichten konkrete Beispiele zur Fülle durch Reduktion beschreiben. Wenn diese Beispiele für andere Menschen anregend oder gar motivierend wirken, oder sogar ein konstruktiver Austausch entsteht, würde ich mich glücklich schätzen. Der erste Bericht dazu wird gleich in der nächsten Woche folgen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

(Fotografien illustrieren Gedanken, die ihrerseits wieder neue Gedanken erschaffen)

 

Wegbegleitungen

Um von stillen Beschäftigungen auszuruhen passen lebhafte Rhythmen: The Real McKenzies – Two Devils will talk (2017) und anschliessend: Dropkick Murphys – 11 Short Stories of Pain and Glory (2017)…

Der vorherige Beitrag endete mit dem Hinweis auf meine menschlichen Lebenswegbegleiter. Umgangssprachlich gerne mit der Metapher Engel mehr verlegen um- als exakt beschrieben.
Ursprünglich wollte ich hier die für meinen Lebensweg bedeutsamen Menschen in ihrer Wirkung für mich kurz beschreiben. In der Reflektion wurde mir das Thema zunehmend komplexer und letztendlich zu ausufernd für einen Blogbeitrag.

Zudem wäre das Phänomen selbst damit nur unzureichend beschrieben. Denn im Lauf eines Menschenlebens verschieben sich Wertungen. Früher achtete ich die Menschen, die mir weitergeholfen haben in Dankbarkeit. Im Lauf der Zeit bemerkte ich jedoch, dass die gelegentlich mir unangenehmen Begegnungen mit diesen Menschen, manche ihrer verstörenden Sätze oder  ärgerlichen Zuschreibungen mich auf meinem Lebensweg weitergebracht hatten als die schmeichelhaften Komplimente.

Zudem war da das Wirken der sogenannten Schutzengel. Hilfen, die ebenso unverhofft wie unverdient in meinen Alltag eingegriffen haben und mich häufig vor Schlimmem bewahrt haben. Ein weiteres Kapitel, das zu vertiefen verdient hätte .

Mit Sartre zu reden, sind die Hölle ja immer die Anderen. Dabei tragen wir alle unsere eigenen, mehr oder weniger heissen Höllen in uns. Für mich sind andere Menschen mittlerweile Spiegel meiner eigenen Lebensweisen. Schwer fällt mir noch immer, zu begreifen und zu lernen, den Menschen am dankbarsten zu sein, die mir Stolpersteine zur Erkenntnis und Veränderung meiner Persönlichkeit sind. Deren, mir unangenehme oder störende Verhaltensweisen weisen lediglich auf mich selbst. So können sie mir zur kritischen Selbstbetrachtung dienen. Das setzt (m)einen entsprechenden Willen voraus.

Diese Menschen haben mir im Kontext meiner persönlichen Entwicklung hin zur Fülle durch Reduktion hilfreiche Dienste geleistet. Unabhängig davon, ob es einmalige, blitzlichtartige Begegnungen waren oder jahrelange Wegbegleitungen. Am Ende wurden mir dadurch auch neue Sichtweisen möglich auf wichtige Menschen meines Lebens, mit deren Wirken ich jahrelang gehadert hatte. Was ich als unselig und zerstörend interpretierte, stellte sich bei dieser Betrachtung als Quelle für die Kreativität zur individuellen Entwicklung heraus. Auf der Habenseite blieb unterm Strich Dankbarkeit und Lebensfreude zu verbuchen. Die Sollseite, das Leid und die Schmerzen sind dagegen zu vernachlässigen.

Demnächst werde ich den Kreis schliessen von diesen gedanklichen Beobachtungen hin zu der praktischen Seite der Fülle durch Reduktion.

Ich wünsche allen, die noch immer mit an Bord sind, ein vorfrühlingschönes Wochenende.

      (Einige Fotografien neueren Datums. Passend zum Thema. Anklicken und gross gugge funktioniert allemal)

 

 

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Wegbereitungen

Eine meiner Ewigkeitsballaden. A Louse is not a Home. Zu hören auf:
Peter Hammill – The silent Corner and the empty Stage (1974)…

Lebenskonzepte speisen sich aus vielen verschiedenen Ursprüngen. Die Herkunftsfamilie, menschliche Begegnungen und immer wieder besondere Ereignisse. Diese Melange prägt den Menschen über viele Jahre und schafft ihm Mittel und Werkzeuge, um ab einem gewissen Lebenszeitpunkt sein Leben weitgehend selbstbestimmt zu steuern und zu leben. Und für das eigene Denken, Fühlen und Handeln die Verantwortung zu übernehmen.

Meine Herkunftsfamilie entstammt jener Generation, die von einem ehemaligen Kanzler der Deutschen behaftet worden ist mit dem Etikett der Gnade der späten Geburt. Mir fallen die Pubertierenden und Heranwachsenden in jenen Jahren des Krieges ein. Die Jungs durchweg sozialisiert in der Jugend, benannt nach ihrem wahnsinnigen Führer. Die Mädels hatten ihren eigenen Verein. Verballhornt in Bubi drück mich (BdM). Kinder weitgehend beraubt ihrer Kindheit, Jugendliche beraubt ihrer Jugend. Verbogen, verdreht und belogen. Wie anders soll ich es mir erklären, dass damals Fünfzehnjährige Brücken und Kirchen in die Luft gesprengt haben ohne Bedauern. Auch notfalls nicht davor zurückschreckten, einen Menschen, der den Irrsinn nicht weiter mitmachen oder bloss zur Vernunft aufrufen wollte, hinzurichten in den letzten Tagen. Im Angesicht des Untergangs.
Es gab auch Ausnahmen. Da ist mir ein ganz besonderer Mensch bekannt, der zum Flakhelfer gezwungen worden ist. Unter seinen pflichttreuen Kameraden war durch seinen Mut und seine Taten jene bewundernswürdige Ausnahme, die die Regel nur bestätigt. Er hat den Krieg überlebt und arbeitete danach viele Jahre als anerkannter Arzt.

Aufgewachsen im zunehmend industrialisierten südlichen Bembelland. In einem alten Ortskern. Die Kirche gegenüber. Bauernhöfe rundum. Die Landwirte mit kleineren Höfen verkauften und verpachteten im Zug der Flurbereinigung nach und nach. Sie kamen als ungelernte Arbeiter in den umliegenden Fabriken unter. Noch war der Faselstall in Betrieb. Auf dem alten Rathaus wurde zuverlässig jedes Jahr das Storchennest besiedelt.
Im Herbst kam der Holzschneider mit dem Lanz Bulldog. Auf dem Traktor war hinten die Bandsäge montiert. Er schnitt den Bauern das Holz für den Winter. Die groben Stücke wurden auf dem Knittelkarren nach Hause geschafft und dort ordentlich in feine Scheite gehackt. Erscholl der Ruf „Ahl Eise, ahle Öfe“ oder gar „Zigeuner!“, dann wurde der Riegel des Hoftores vorgelegt. In unserem Hof erinnere ich mich an den alten Holztisch. In der Kirschen- oder Pflaumenzeit sassen Frauen drumherum. Vor ihnen angeschraubt an der Tischplatte die handbetriebenen Maschinchen zum Entkernen der jeweiligen Früchte. Samstags brachten Bauernfrauen ansehnliche quadratische Bleche in die Backstube. Die Kuchen darauf wurden in der letzten Hitze des mächtigen Backofens ausgebacken. In der Waschküche eines Hofes stand der grosse Kupferkessel. Von unten befeuert wurde darin das Schweinefutter gekocht, zu Zeiten auch die Wäsche gewaschen. Zur Pflaumenernte versammelten sich die Frauen, um in wechselnden Schichten den Latwersch, das Pflaumenmus, im Kupferkessel einzukochen. Im Spätjahr wurde geschlachtet. Wir Kinder waren dabei. Welcher Junge dem Metzger am besten zur Hand ging mit kleinen Diensten, dem schenkte er die Schweinsaugen. Es war ein bescheidenes Vergnügen, den kreischenden Mädchen die Augen nachzuwerfen. Psychologen traten ihren Dienst später wegen ganz anderer nicht zu vergessender Ereignisse an. So viele Geschichten schwimmen im Brunnen der Erinnerung.

Was ich als Kleinstärmel tief internalisiert haben muss, war das Wort artig. Artig sein. Und Sauberkeit. Auf alten Photographien sehe ich ein männliches Kind. Im Anzug oder verkleidet in bayerischer Maskerade. Die zweiteiligen, kratzigen Wollstrümpfe und das Tirolerhütchen sind auf keiner Photographie zu sehen. Meisthin mit einem Lächeln. Damals noch. Dass ich mich, der Familienerinnerung nach, im Alter von zwei Jahren geweigert habe, mich von Frauen anfassen zu lassen, es war vielleicht Instinkt. Ein Jahr später nahm mich eine Verwandte mit zum Einkaufen. Während ihres Schwätzchens mit der Inhaberin des Kolonialwarenladens nahm ich aus der Bonbonniere zwei kleine Kaugummis. Ohne zu fragen. Zuhause wurde auch ich nicht gefragt. Ohne weitere Erklärungen schritt man zur Tat. Mein drittes Lebensjahr, ich habe es überlebt. Und auch die weiteren kraftvollen Versuche, einen kleinen Menschen abzurichten und zu dressieren in Wort und Tat. Die Gnade der späten Geburt machte nicht wenige Eltern zu gnadenlosen Dompteuren. Unmenschlich und selbstgerecht.

Welche Wege wird ein Mensch beschreiten mit diesem Erbe seiner Herkunft. Das Leid der anderen Kinder in den Nachbarschaften war da kaum ein Trost. In der vierten Klasse überbrachte die Lehrerin die Nachricht. Ein Klassenkamerad hatte sich aufgehängt.
Viele Eltern blieben ohne Schulabschlüsse. Einige wenige, vorwiegend Männer, hatten ein Notabitur. Frauen betrieben häufig ohne Ausbildung die Familiengründung. Kleinbürgerliches Umfeld mit den üblichen Auffälligkeiten. Einblidung statt Ausbildung. Der Traum von der Reise nach Italien und dem jährlichen Mehr (sic!). Zur Arbeit noch immer mit dem Rad, aber nächstes Jahr mit dem NSU Quickly. Und als mit der hochspezialisierten, feinmechanischen deutschen Wertarbeit für einen weit entfernten Korea-Krieg das deutsche Wirtschaftswunder endlich begann, durfte man von einer 200er Zündapp träumen. Und endlich neue Möbel. Und so weiter. Fast jeder Mensch meines Alters, mit dem ich über diese Themen sprechen kann, kennt die gleichen geschusterten Legenden. Familiengeschichten gestrickt und gehäkelt.

Die Frage bleibt. Welche Wege wird ein Mensch beschreiten mit diesem Erbe seiner Herkunft? In meinem Fall war der Rucksack voll mit einem ganzen Arsenal an Verhaltensauffälligkeiten. Dies wiederum bedeutete Strafen, etliche Schulwechsel und immer wieder wechselnde Bezugsgruppen. Straucheln ohne zu fallen ist eine artistische Kunst. Artig und artistisch liegen nicht nur phonetisch dicht beeinander. Wer neben der Kümmernis und Qual (und die Lehrer und Lehrerinnen sollen bei dieser Gelegenheit genau erinnert werden) auch die kleinen Freuden erlebt und verinnerlicht hat, wer auch Gutherzigkeit, Milde und Humor erfahren durfte, der hat einiges Brauchbare für weite Horizonte späterhin.

Rettungen boten immer wieder die kleinen Fluchten. Anfänglich die verwirrend schönen Fieberträume während der jährlich zweimalig wiederkehrenden Halsentzündungen. Im Winter einmal ausgebüxt in Hausschuhen. Aufgetaucht und wiedergefunden in der Volksschule inmitten einer Meute lachender Kinder. Auch die geheimen Gänge in die Kirche gegenüber. Darin die Gemälde an den Wänden und der Decke bewundern und sich in Phantasien verlieren. Heute sind die Kirchen hier im Umkreis durchweg verschlossen. Ob Kindern ein gleichwertiger Ersatz geboten wird?
Dann die folgenschwere Begegnung mit der Literatur. Dieser Hang wurde im Ärmelhaus befeuert, ohne die möglichen Konsequenzen zu bedenken. Schliesslich las man selbst, war von Anfang an Kunde bei einem Lesering. Als man bemerkte, dass der eigene Spross ganz anderes als Ganghofer und Rosegger las und mit ganz anderen Auswirkungen war es zu spät. Die Dressur war misslungen. Man hatte sich eine Laus ins Haus gesetzt, die einem in allem und jedem widersprach und dabei kaltschnäuzig die Unzulänglichkeiten und Fehlleistungen nachwies. Und vor allem die Lebenslügen. Überlegenheitsgefühle in Gummiwänden. Nur allzu rasch verpuffte die Wirkung. Wer austeilen will muss auch einstecken können. Und wer schon als kleines Kind gelernt hat zu überleben, der kann viel einstecken.

Menschen ausserhalb der Familie waren auf meinen Wegen Überlebensretter und eine unschätzbare Hilfe gleichermassen. In anderen Zusammenhängen hier im Blog habe ich sie als meine menschlichen Engel beschrieben. Diese Menschen waren richtungsweisend. Sie haben mich vor Schlimmerem bewahrt. Ihre Impulse waren förderlich. Manche ihrer Sätze oder Ansichten haben mich verstört oder empört. Und sich dennoch Jahre später als richtig und berechtigt erwiesen. Mein Dank ihnen gegenüber währt lebenslänglich. Davon demnächst mehr.

Gelbschwarzrote Küche der Armen

Für viele, später weltberühmte Musiker waren er und seine sich stetig verändernde Band das Sprungbrett auf die grossen Bühnen. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er mein Interesse für den Blues geweckt hat. Auch im Alter von 83 Jahren ist nach wie vor präsent: John Mayall & The Bluesbreakers – Talk about that (2017)…

Gelb. Schwarz. Rot. Gelbe Umschläge, schwarze Schrift und in Rot der Name des Verlages. MÄRZ (Der Link führt zur informativen Webseite des Verlages). Der Verlag und sein Programm waren zwischen 1969 und ??? sind nicht weniger legendär als der Verleger Jörg Schröder.
Als junger Mann bekam ich in einem Antiquariat eher beiläufig die zahlreichen Rezensionsexemplare des Verlages für kleines Geld angeboten. Diese Bücher waren allesamt von einem seinerzeit bekannten Autoren dort verkauft worden.
Ein typischer linker Verlag mit der zeitgeistlich weiten Spanne von politischer Aufklärungsliteratur über die Werke junger Autoren bis hin zu pornografischen Werken. Im März Verlag erschienen einige Bücher Leonard Cohens erstmals in deutscher Sprache. Zeitgenössische amerkanische Autoren wurden dem deutschen Publikum präsentiert. So beispielsweise Carlos Castaneda, Ken Kesey oder Neil Postman. Aber auch junge deutsche Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Peter O. Chotjewitz, Paulus Böhmer oder Hermann Peter Piwitt fanden hier vorübergehend eine verlegerische Heimat. Der Verlag bot daneben noch Nachdrucke verschiedener politischer Klassiker an. Meine umfangreiche Sammlung von Titeln des März Verlages steht längst in fremden Bücherregalen. Einer der ganz wenigen mir verbliebenen ist:
Couffignal, Huguette: Die Küche der Armen. Mit über 300 Rezepten. Aus dem Französischen von Monika Junker-John und Helmut Junker. Frankfurt, März bei Zweitausendeins. 1977. OLn. OU aus Pergamin, DEA, 4°, 384 S.

Kaum ein Fernsehsender kommt derzeit ohne Kochsendung aus. Die bringen ordentliche Einschaltquoten. Dass die wenigsten Zuseher die Gerichte später selbst kochen ist in entsprechenden Untersuchungen inzwischen gut dokumentiert. Kochbücher werden auch gern gekauft als Verlegenheitsgeschenke.
In diesen Zeiten rasanten Konsums ist Die Küche der Armen so etwas wie eine kulinarische Atempause in der alltäglichen  Völlerei. Dieses Buch bietet neben den zahlreichen Rezepten einen fundierten Einblick in die Esskultur des grossen, ärmeren Teils der Weltbevölkerung. Was aus dem Mangel heraus an Kreativität entfaltet wird, um sättigende Speisen zuzubereiten, ist erstaunlich. Freilich mögen manche Speisen für mitteleuropäische Vorstellungen reichlich exotisch sein. Auch sind etliche Zutaten hierzulande garnicht erhältlich. Viele Rezepte machen jedoch schon beim Lesen Lust, sie selbst auszuprobieren. Und das nicht bloss, weil man an vielen Rezepten erkennen kann, wie einfach, gesund und preisgünstig man kochen und sich ernähren kann.

Die Vorstellung dieses Buches ist der Auftakt für kommende Beiträge in diesem Blog. Es geht dabei um die Fülle in der Reduktion. Jeder weiss um den Zustand der Welt, fast jeder beklagt ihn. Aber viel zu wenige Menschen sind bereit, bei ihrem eigenen Verhalten zu beginnen. Für die herrschenden Verhältnisse sind wir alle verantwortlich durch unsere Einstellungen und besonders durch unser Konsumverhalten.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Woche.

 

 

Aller Tage Abend? Keineswegs! (I)

Ich danke Ihnen, höchstwertgeschätzte Frau Knobloch, für die Bekanntmachung mit dieser norwegischen Band, die seit kurzer Zeit im Ärmelhaus häufig ertönt: Madrugada – Madrugada (2008)…

Zu dieser Zeit haben saisonal Bilanzen und Rückblicke Konjunktur. Wer zu den Quellen gelangen will, muss jedoch gegen den Strom schwimmen.  Und wenn es gut geht, halten sich dabei Rücksicht und Vorsicht im Gleichgewicht.
Ich freue mich auf das kommende Jahr und blicke aus diesem Grund lieber nach vorn. Schliesslich sind meine Augen auch vorn im Kopf angebracht.
Spannende Herausforderungen warten auf lebensfreudige Menschen. Nicht wenige dieser Menschen fangen nämlich wieder an, beim Sprechen und Schreiben alle grammatische Zeiten zu benutzen. Nicht einfach so zum Spass, dafür ist das Thema zu ernst.
Diese Zeiten sind von der Vergangenheit bis zur Zukunft: Plusquamperfekt (mehr als Perfekt) – Perfekt (gemacht, erledigt, gebongt) – Imperfekt (noch nicht erledigt, wirkt noch in die Gegenwart) – Präsens (die Gegenwart – jetzt) – Futur I (wird sein) – Futur II (wird dereinst gewesen sein).
Ein wichtiges Kennzeichen der bürgerlich kapitalistischen Endzeit ist die Abschaffung von Imperfekt (seit einigen Jahren strategisch ablenkend in Präteritum umbenannt) und Futur. Das Plusquamperfekt beherrscht ohnehin nur noch ein kleiner Teil der Muttersprachler in den europäischen Ländern und das Futur II findet sich selbst in der sogenannten Hochliteratur nur noch selten.
Unser Bewusstsein – und es drückt sich neben unserem Handeln vor allem in unserem Sprechen aus – ist mittlerweile weitgehend reduziert auf den scheuklapprigen Gebrauch von Perfekt und Präsens. Was bedeutet das?
Was vorbei ist, ist vorbei und alles andere findet jetzt statt. Wir werden dadurch von den zeitlichen Prozessen abgeschnitten. Bewusstseinsmässige Digitalisierung könnte man das auch nennen. On off. Ist gewesen oder findet statt. Sei dabei oder nicht. Was vorbei ist, ist vorbei.
An einem konkreten Beispiel sieht das in etwa so aus. Was ich kaufte oder trank (Imperfekt), beinhaltet den Prozess des Erwerbs oder Genusses, der noch nachwirkt in die Gegenwart (Präsens). Das Glücksgefühl des Kaufs oder den guten Geschmack des Getränks, an dem ich mich noch immer erfreue oder den ich noch immer schmecke. Was ich hingegen zur selben Zeit gekauft oder getrunken habe (Perfekt), ist bereits erledigt. Passé. Ich bin schon dabei, mir Gedanken zu machen, wie ich mit dem Kauf jetzt umgehe. Der Geschmack ist bereits verflogen./
Ich bin wieder bereit für den nächsten Prozess, den nächsten Kauf oder den nächsten Genuss.

Um dieses System der steten Bereitschaft nun für die Wirtschaft so richtig profitabel zu machen, muss man die Sprechenden dazu bringen, das Futur zu vermeiden. Oder noch besser, zu vergessen. Denn das Futur beschreibt Zeitspannen vom Jetzt in die Zukunft. Zum Beispiel das Abwarten oder das Sparen. Ein Vorgang oder ein Kauf wird in der Zukunft stattfinden. Für die Produzenten von Konsumartikeln, Reisen oder anderen Verkaufsangeboten ist dieses (ab)wartende Bewusstsein ebenso lästig wie für Dienstleister, ganz besonders trifft das für die Kreditverkaufsinstitute (Banken) zu. Die verdienen sehr viel Geld damit, dass Menschen nicht abwarten wollen oder können. Nicht abwarten, sondern gleich kaufen. Und zwar mit einem Kredit. Kauf jetzt! Sparen ist ein typisches Beispiel für einen zukunftsorientierten Prozess und damit besonders störend für die Wachstumswirtschaft. Nicht auszudenken, wenn Menschen in dieser Zeitspanne zu denken beginnen würden, oder sich mit anderen Menschen über ihre Konsumabsichten austauschen würden. Am Ende gar ihr Geld nicht für Nutz- oder Sinnloses wegwerfen würden. Ohne Konsum bricht unsere Wirtschaft zusammen. Also kauf´ jetzt, aber dalli. Was weg ist, ist weg. Sei doch endlich mal so blöd und hab Spass. Wer bis hierher gelesen hat, kann mal versuchen, den vorgehenden Satz im Futur auszusprechen.
Die römische Eins oben in der Klammer will auf weitere, kommende Ideen und Gedanken zu unserer derzeitigen Situation hinweisen.

                            Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen helleuchtenden vierten Advent