Puschei savoir vivre und Muschebubu dazu

Musikalisch brauchts manchmal wieder den Griff in die Raritätenkiste.. Vor Jahren zum letzten Mal erklang:
Kiev Stingl – Hart wie Mozart (1979)…

Wer bestimmt denn, welche Kunstwerke wertvoll, gut oder anspruchsvoll sind? Welche Kriterien spielen bei der Bewertung eine Rolle? Ist eine objektive Bewertung überhaupt möglich?
Ich entsinne mich noch der endlosen Diskussionen in frühen Zeiten. Nächtelang. Wader oder Wecker. Joan oder Buffy. Beatles oder Stones. . . Das ist lange her. Zum Glück, zumindest in dieser Hinsicht, werde ich älter. Heutzutage empfehlen wir uns gegenseitig Musiken, Literaturen oder Ausstellungen. Keine scheinbar objektiven Kriterien aus dem Hut zaubern. Stattdessen spielen und machen wir uns einfach nichts mehr vor. Wertvoll, gut oder anspruchsvoll ist nun endlich, was den Kopf anregt, das Herz berührt oder einfach gute Laune entfacht. Im besten Fall natürlich alles zusammen.

Der Mainstream gaukelt den Breitengeschmack vor. Dabei handelt es sich allenfalls um die Fahrbahn in einer Richtung. Keine Gegenspur. Ich ziehe die weiten Landschaften diesseits und jenseits dieser Einbahnstrasse vor. Dort entfaltet sich das Leben in all seiner bunten vielfältigen Schönheit.

Zwei Stunden im Garten sitzen und die fleissigen Weinbergschnecken beobachten. Bei all meinem naturkundlichen Unwissen gebe ich mich der Freude hin über Wachstum, Farben und Vielfalt. Die eine oder andere botanische Bezeichnung kann ich mir doch noch merken. Und eine sachkundig grossartige Hilfe steht mir zur Seite.
Die rudimentären Französischkenntnisse auffrischen und erweitern. Die Freude am Lernen bleibt. Mit Freunden und Herzensmenschen zusammensitzen und sprechen. Vielleicht liegt darin der tiefere Sinn pfingstlichen Geschehens weit über die konfessionellen Einengungen hinaus.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern feine Pfingsttage

(Photographien, selbstredend. Anklicken und die Galerie öffnet sich)

 

 

 

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Gedankenbrücken zu möglichen Blogreduktionen

Gilt noch immer, wie beim letzten Beitrag : endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte. Die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet :
Fischer-Z – Building Bridges (2017).
Abends beim Stadtrundgang der Dauerrotationsunterbrecher. Musik mit einem K? Musik for the kitchen ! Eine Viermannkapelle mit einer Bandbreite von Rage against the Machine bis Klezmer, vom Volkslied bis zur Filmmusik. Die akustisch dargebotene Musik (mit K !!) zieht das Publikum in ihren Bann. Extraklasse.

Seit gefühlt ewigen Zeiten endlich wieder eine frühmorgendliche Siebenbrückentour auf dem Rad gefahren. Aus Übermut die Kamera im Rucksack. Der winterträge Körper arbeitet schwer trotz des eher geruhsamen Tempos.
Die Siebenbrückentour hat hier eine Tradition. Die Alten nennen sie noch immer Fünfbrückentour. Weil man für die kleine Rundtour in früheren Zeiten nur fünf Brücken überqueren musste. Ich nannte sie selbst in älteren Beiträgen hier im Blog auch Fünfbrückentour. Bis ich die Brücken einmal gezählt habe. Manchmal kommt man weiter, wenn man scheinbar feste Tatsachen überprüft. Alles verändert sich und der Horizont kann sich dadurch weiten.

Viele Fragen kursieren derzeit hinsichtlich neuer europäischer Datenschutzbestimmungen. Einige Blogger sind bereits heftig am Programmieren. Und von denen mit den bescheideneren Kenntnissen, zu denen ich mich zähle, also das Heer der Umsonst- und Billigblogger, die warten erstmal ab. Manche hoffen gar, eine Firma wie WP würde viel ändern.
Dass ich nicht lache. Solche Firmen wurden gegründet, um Kohle zu machen. Verändert wird nur, was die Kasse schriller klingeln lässt. Knete, Asche : umso mehr desto besser. Da gehts nicht drum, Menschen Freude zu bereiten – das ist allenfalls ein Abfallprodukt, das noch nicht monetarisierbar ist.
Ich habe fast dreissig Jahre lang sehr eng mit einer Firma aus den Staaten gearbeitet. Wir hatten eindeutige Verträge. Die Ammis hatten das Recht und die anderen europäischen Geschäftspartner die Pflichten.
Nach dem Mauerfall fragte mich der Senior Export Sales Manager bei einem Lunch in Frankfurt: „Sag´ mal, liegt Frankfurt eigentlich in East Germany or in the West?“
„West-Germany.“
„Und East-Germany hat etwa ein Viertel der Bevölkerung von West-Germany?“
„Wonderful! Dann schaffst Du nächstes Jahr fünfundzwanzig Prozent mehr Umsatz!“
„Wir werden dieses Feld erst nach einem gründlichem research beackern.“
Und dieser Mann kannte für us-amerikanische Verhältnisse viel von der Welt. Sehr viel.
„Ich habe derzeit noch ein ganz anderes Problem : was habt Ihr denn eigentlich hinsichtlich der Verbesserung der Qualität erreicht?“
„Well, gut dass Du fragst. Wir arbeiten hart daran und sich ein Stück weiter gekommen.“
Dabei handelte es sich damals um den „grünen Punkt“, den sie aus Kostengründen nicht auf ihre Verpackungen drucken wollten. Als ich meine Frage stellte, waren bereits zwei Jahre seit der deutschen Neuregelung vergangen. Der böse Bube war ich, denn ich verkaufte weiterhin die Waren in Deutschland. Wäre ich aufgefallen und haftbar gemacht worden, hätten die Ammis sich mit keiner Deutschmark an der Strafe beteiligt. Am Ende haben wir das Problem selbst hier im Land geklärt und gelöst. Von wegen support – wenn ich dieses Wort aus einem Ammimund schon höre.
Daran kann man erkennen, aus welchem grobstofflichem Denktextil dieses Schacherpack gewebt ist. Und wenn ich mich hier kritisch zu dieser Bevölkerung und ihrer Mentalität äussere (und geäussert habe), dann beruht das auf langen eigenen Erfahrungen. Und nicht auf Plattitüden á la: die Ammis haben keine Kultur. Denn eine Kultur haben sie, wenn auch leider eine imperialistische mit dem Ziel, sich die Welt zu unterwerfen, um dann der Welt ihre qualitativ noch immer weitgehend miserablen Produkte zu verhökern.

Zurück zu dem, was meinen Blog betrifft. Wenn bis zum 25. Mai keine befriedigende Lösung in Aussicht steht, werde ich meine Bloggerei nach meinem derzeitigen Kenntnisstand wahrscheinlich einstellen. Bis dahin werde ich zumindest das Kontrollprogramm gravatar so weit als möglich deaktivieren. Denn solche Programme sind im Fokus der neuen europäischen Regelungen. Und die machen in der Tat Sinn.
Was ich dann machen werde?
Ich werde mir wieder mit Menschen Briefe oder Ansichtskarten schreiben. Abends intensive Telefonate führen. Mich mündlich austauschen bei einem Bier – oder zweidreivier.
Zusammensitzen und gemeinsam etwas tun. Sich gegenseitig helfen. Zusammen kochen, essen und trinken. Also dem wirklichen Leben wieder mehr Zeit geben als der virtuellen Scheinwelt.
Wenn ich dies so spontan hinschreibe, freue ich mich schon richtig drauf.
Am vergangenen Wochenende haben wir gemeinsam in einem Garten gearbeitet. Und in Kürze werden wir verreisen und interessanten Menschen begegnen und neue Orte und Wunder entdecken.
Ganz ohne die Wischtastatur einer elektronischen Handfessel, die einen von den eigentlich wichtigen Momenten ablenkt und in einem kleinen Bistrôt den Anblick eines rustikal eingedeckten Tisches versaut.

 

 

(Photographien anklicken : die Galerie öffnet sich selbsttätig)

 

Hinsehen und lernen. Sich helfen lassen und dafür danken

Ich habs vorhin schon einmal geschrieben, aber es gilt noch immer. Endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte; die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet : Fischer-Z – Building Bridges (2017)..

Ich liebe sie. Und die Liebe wächst, ja mehr ich über sie erfahre und lerne.
Ich bin ihnen dankbar, denn sie fressen mir die verrottenden Abfälle auf den Beeten und halten mir so viele Bereiche im Garten sauber. Bodendecker erscheinen ansehnlicher. Und den Weinbergschnecken zuzusehen, beruhigt und macht Freude. Ich bewundere ihre enorme und doch so sanfte Kraft und ihre Geschicklichkeit.
Fünf neue Bewohner sind vorgestern hinzugekommen. Die orientieren sich nun in neuen Revieren. Untersuchen die unbekannten Futtergründe. Die schon länger hier ansässig sind, wollen beeindrucken und trumpfen auf mit Stabhochsprung und Stielklettern. Manche der Neuen scheinen noch ein wenig scheu und sitzen zuweilen unter Blättern. Senta Schneck hingegen präsentiert sich den Neuankömmlingen geschmückt mit blauen Blüten. Dabei ist sie garnicht blaublütig. Und über die beiden auf der letzten Photographie breiten wir schweigend das dichte Blätterdach.

(Photographien lassen der Phantasie freien Raum. Anklicken ist Voraussetzung)

 

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Längst fällige historische Horizonterweiterung

Beim Schreiben lief: The Doors – In Concert (1970). Einige Stücke ziehen noch immer. Aber insgesamt ist die Band überbewertet, besonders Morrisons Texte. Jetzt, damit die Abendruhe einkehrt: Michael W.F. Hensel – Chartres. Mythos der Rose (1992)…

In Hessen werden laut einer Umfrage des Einzelhandelverbands in den nächsten zwei Wochen 8,4 Milliarden Euro für den Kauf von Weihnachtsgeschenken erwartet. An erster Stelle stehen Spielwaren, gefolgt von chemokosmetischen Artikeln. Für ihre Einkäufe geben die Kosumenten durchschnittlich fünfhundert Euros aus.
Letztes Jahr habe ich limitierte Kalender mit meinen Fotografien zum Verkauf angeboten. Im Sinn des Reduktionsprojektes soll es in diesem Jahr jedoch auch anders gehen.
Etliche Bücher, CDS und DVDs sind derzeit unterwegs im Land. Überraschungssendungen für Menschen, von denen ich einige persönlich kenne. Andere kenne ich lediglich wegen der Beiträge ihrer Blogs. Meine Intention ist dabei nicht der Tausch von Waren gegen Geld, sondern die Schaffung (hoffentlich) beiderseitiger Freude. Ich habe einige Informationen über die Empfänger und überlege mir, was ihnen eventuell Freude bereiten könnte. Und meine Freude erblüht von selbst durch die Reduktion meiner Bestände.*
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Eine der positiven Folgen meiner Erziehung zeigt sich darin, dass ich seit meiner Jugend einfachen Antworten auf komplexe Prozesse gegenüber kritisch bin. Komplexe Prozesse haben schliesslich immer mehrere Facetten. Insofern habe ich auf das im Folgenden vorzustellende Buch seit vielen Jahren schon gewartet.

Die Autorin ist Historikerin und lehrt an der Universität Konstanz Neue und Neueste Geschichte. Ihr Anliegen ist die Korrektur weitverbreiteter historischer Irrtümer. Weiterhin stellt sie an zahlreichen Beispielen dar, wie es den Opfern, also überwiegend Frauen im Lauf der Nachkriegsgeschichte bis teilweise in die 1980er Jahre mit den Folgen ihrer Erlebnisse ergangen ist.

In ihrer Untersuchung „Als die Soldaten kamen“ präsentiert die Autorin „das ganze Ausmaß einer menschlichen Tragödie […], die auch in Friedenszeiten noch lange nicht vorbei war.“ Das Buch ist nach einer Einführung in das Thema in fünf Kapitel aufgeteilt.
Im ersten Kapitel wird der zeitliche Rahmen der Geschehnisse umrissen. Die Opfergruppen werden beschrieben. Neu war mir dabei die sexuelle Gewalt gegen Männer (Vergewaltigung als Unterwerfungsritual). Das Kapitel beschliesst Miriam Gebhardt, indem sie ihre verwendeten Methoden vorstellt und dabei auf die Quellenlage verweist und die besondere Vorsicht, die im Umgang mit ihnen geboten ist. Was die Zeitzeuginnen betrifft, so sind die meisten Gesprächspartnerinnen inzwischen hoch betagte Frauen. Und in einigen Jahren wird es keine lebenden Opfer mehr geben. Auch dies einer der Gründe, diese grausamen Ereignisse neuerer Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Im zweiten Kapitel werden die einmarschierenden Armeen aus dem Osten und das Verhalten der Soldaten der Roten Armee dargestellt. Dies geschieht am Beispiel Berlins. Hier wird herausgearbeitet, wie die deutschen Frauen durch Goebbels Propaganda indoktriniert und auf die russischen Untermenschen „vorbereitet“ waren. Da im Verlauf des Krieges durch die immensen Verluste innerhalb der Roten Armee immer neue Soldaten gebraucht worden sind, kamen diese Soldaten immer weiter aus der östlichen UdSSR Osten. Es ist auffällig, dass in den Quellen die Soldaten dunklerer Hautfarbe und asiatisch erscheinendem Aussehen in der negativen Beschreibung der Frauen den schwarzen Soldaten der Alliierten Armeen sehr ähnlich sind.

Im dritten Kapitel werden die Vergewaltigungen der alliierten Armeen, also der Amerikaner, der Briten und der Franzosen am Beispiel Süddeutschlands dargestellt. Über Vergewaltigungen britischer Besatzungssoldaten existieren offensichtlich so gut wie keine Quellen. Das bedeutet leider nicht, dass diese Soldaten sich deutschen Frauen gegenüber menschlicher hätten als ihre alliierten Mitstreiter.
Es ist aufschlussreich, wie unterschiedlich die jeweiligen Armeevorschriften hinsichtlich der Problematik der Fraternisierung waren. Diese haben schon zu einem frühen Zeitpunkt den verschiedenen Entnazifizierungsvorstellungen der Besatzungsmächte entsprochen. Und beeinflussten auch das Verhalten der Soldaten gegenüber der deutschen Bevölkerung. Schon rasch nach der Landung in der Normandie begannen die Massenvergewaltigungen britischer und us-amerikanischer Soldaten an französischen Frauen. Man kann aus dem Text erkennen, dass auf dem Vormarsch der Armeen die Frauen als Gruppe insgesamt ständig grosser Gefahr ausgesetzt waren. Ob siebenjähriges Mädchen oder siebzigjährige Frau, alle waren potentiell gefährdet. Auf deutschem Boden einmarschiert, benahmen sich die französischen Soldaten dann genauso entmenscht wie die anderen Soldaten.

Im vierten Kapitel behandelt Frau Gebhardt die Frage, wie mit den Frauen umgegangen worden ist, die Opfer von Vergewaltigung(en) geworden sind. Es ist kaum verwunderlich, dass von seiten der Besatzungsarmeen kein Interesse bestand, jeden einzelnen Fall zu klären. Das war in vielen Fällen schon deshalb nicht möglich, da sich Soldaten gegenseitig Alibis gegeben haben. Anfangs hatten die deutschen Behörden, allen voran die deutsche Polizei oder Justiz auch garkeine Befugnisse gegen Besatzungssoldaten vorzugehen. Geradezu beschämend ist allerdings, wie nach 1954, also nach Aufhebung des Besatzungstatuts, die deutschen Behörden in ekelhafter Weise deutsche Frauen vielfach abgefertigt haben. Dies war besonders oft der Fall, wenn soziale Unterstützungen beantragt worden sind. Hervorzuheben sind in diesem Kontext auch die Kirchen und die Ärzte, die sich oft besonders widerwärtig verhalten haben, wenn es beispielsweise um den Abbruch unerwünschter Schwangerschaften infolge von Vergewaltigungen ging.

Im abschliessenden fünften Kapitel werden die langzeitigen Folgen dieser massiven Gewalttätigkeite für die betroffenen Frauen aufgezeigt. Kritisch wird auch die deutsche Frauenbewegung beleuchtet, die dem Thema der kollektiven Vergewaltigungen nie eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat.
Im Anhang finden sich Anmerkungen, Quellenhinweise und ein Orts- und Personenregister.

Ich bin der Autorin dankbar für die schwierige und mühselige Recherche nach Fakten und der diffizilen quelllenkritischen Arbeit. Sie räumt auf mit dem hartnäckigen Vorurteil, dass nur die Soldaten der Roten Armee deutschen Frauen Gewalt angetan und obendrei noch geplündert hätten. Wie hätte ein einfacher russsicher Soldat seine „Kriegsbeute“ denn bei dem Vormarsch auf Berlin transportieren sollen? Und in der DDR wurde von Anfang viel unternommen, um den Umgang der deutschen Bevölkerung mit der Besatzungsarmee zu verhindern.
Dass sich das Vorurteil gegen die russichen Soldaten so hartnäckig hält, hängt unter anderem damit zusammen, dass die Vertriebenenverbände damit schon früh eine ertragreiche Politik gemacht haben. Und die einzige frühe Untersuchung zum Thema der Vergewaltigung deutscher Frauen gab ein Vertriebenenverband in Auftrag. Überdies nutzte dieses, im Lauf der Zeit ins Absurde gesteigerte, Feindbild der regierenden CDU, die unter ihrem Kanzler Adenauer unbedingt ein westliches Bündnis, die Wiederbewaffnung und damit natürlich auch den eigenen Machterhalt anstrebte.
Dass us-amerikanische Soldaten ebenso wenig zimperlich waren (und sind) wie andere Militärpersonen auch, ist nicht verwunderlich. Erschreckt hat mich aber doch das Ausmass us-amerikanischer Gewalt an der gesamten deutschen Bevölkerung. Die Herrschenden in BRD und DDR waren sich gleich in ihren Lobgesängen auf ihre Befreier. Die tatsächlichen Befreier vom Joch des Naziregimes waren allerdings die Soldaten der Roten Armee, die Berlin zu Fall brachten. Mit geschätzen 20 Millionen Opfern trugen sie die Hauptlast der Toten insgesamt. Ein besonderer Fakt ist die Faszination, die us-amerikanische Soldaten auf Menschen in ihrer Besatzungszone ausübten. Schokolade, Kaugummi oder Zigaretten waren in jenen Zeiten materieller Kümmernis eine gewaltige Verführung. Und die oft beschriebene Lässigkeit der Boys tat ein Übriges. Nicht selten wurden einer deutschen Frau nach erfolgter Vergewaltigung einige Zigaretten auf den Tisch gelegt oder ein Täfelchen Schokolade. Als Entschädigung quasi. Aus diesem Umgang hatten es die Frauen besonders schwer, Klage zu erheben. Es muss den meisten von ihnen unterstellt worden sein, sich nicht genug gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr gesetzt zu haben.

„Als die Soldaten kamen“ von Miriam Gebhardt stand längere Zeit auf den Bestsellerlisten. Das liegt am Thema und eventuell auch daran, dass es gut lesbar geschrieben ist und nicht in trockenem Historikerdeutsch daherkommt. Die Besprechungen waren entsprechend durchweg  positiv, egal ob von Rezensenten oder Rezensentinnen.
Neben neuen Fakten ist mir vor allem eines wieder deutlich vor Augen geführt worden. Geschichtsschreibung ist die Deutungsmacht der Herrschenden. Die historische Vielfalt wird in diesem Sinn eingeengt für die Interessen einiger Weniger.
Weiterhin muss es immer wieder klar ausgesprochen werden, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland angefangen worden ist. Das Regime erhielt bei den beiden letzten freien Wahlen 1932 jeweils deutliche Mehrheiten durch die Stimmen der Wahlberechtigten. Schätzungsweise fünfundfünfzig Millionen Tote und zahllose Frauen, die massive Massenvergewaltigungen erleiden mussten (und teilweise nicht überlebten) als ein Teil unermesslichen Leids sind das Ergebnis dieser Wahlergebnisse.

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2015. 351S.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erkenntnisfreudiges Wochenende.

* Wenn Sie auch gerne einen Umschlag mit einer Trouvaille aus den Ärmelsammelsurien zugesendet haben möchten, dann schreiben Sie mir gerne einige Zeilen dahingehend. Meine Mailadresse findet sich oben auf der Seite unter copyright. Sie machen mir eine Freude.

 

 

Sich selbst oder anderen Menschen mit Freude (einen) Druck machen

Eine private Kompilation und ewig nicht mehr gehört. Und berührt noch immer: Pearl Jam – A Bunch of Covers…

Es spricht sich allmählich herum, dass ich derzeit auf ungewöhnliche Weise meine Bibliothek verkleinere. Ich verschenke meine Bücher hauptsächlich. Dabei fällt mir hin und wieder ein lange nicht beachtetes Exemplar in die Hände.
Aber darum geht es in diesem Beitrag (noch) garnicht.

Ich habe beim Buchhändler meines Vertrauens ein höchst originelles und überaus brauchbares Buch gefunden. Fast schon ein bibliophiles Juwel. Es vereinigt in sich dreierlei Eigenschaften, die sonst nur zu selten gleichzeitig zu finden sind.
Erstens ist es überaus liebevoll und ästhetisch gestaltet. Es leitet zweitens zu ebenso kreativem wie originellen Tun an. Und drittens wird dies auf sehr anschauliche Weise vermittelt.

Die beiden Autoren zeigen, wie in ihrer eigenen Küche eine Druckerwerkstatt entsteht. Und sie demonstrieren, wie feine Drucke auch ohne komplizierte Prozesse, ohne teure Druckerpressen oder gefährliche Chemikalien zuhause in der eigenen Küche entstehen können. Und sehr preiswert ist die Herstellung der Drucke obendrein. Insofern kann man das Werk ein praktisches Handbuch nennen. Oder eine hervorragend gestaltete Druckanleitung.

Die beiden Künstler führen vor, wie nach ihrer Methode Papier kunstvoll bedruckt werden kann. Postkarten, Bilder, Einladungen, Geschenkpapiere, Pappkartons, Sticker, Notizhefte, Buttons, Girlanden et cetera pp. Postergrosse Formate sind ebenso wenig ein Hexenwerk wie mehrfarbige Drucke.
Aber nicht nur Papier kann man auf diese Weise bedrucken. Nach der gleichen Methode lassen sich auch Textilien verschönern und individualisieren. Shirts, Stofftaschen, Kissenbezüge oder alle möglichen Tücher für verschiedene Zwecke sind nur einige Beispiele.
Selbst Holz kann man bedrucken. Und sogar Luftballons lassen sich auf diese Weise noch origineller gestalten.
Im Text wird zu den einzelnen Druckarten jeweils auf spezifische Besonderheiten der Trägermaterialien hingewiesen. und darüberhinaus gibts noch jede Menge praktischer Tipps zur handwerklichen Arbeit.
Überraschend war für mich, dass man auch in der Badewanne oder auf Fensterscheiben drucken kann. Ganz im Ernst.

Die Macher sind junge Gestalter bzw. Illustratoren, die ihr Handwerk in einem soliden Studium erlernt haben. Im Netz finde ich Informationen, dass sie mit ihrem Buch auch auf der frankfurter Buchmesse positives Aufsehen erregt haben, sodass sie bereits mehrfach in regionalen Fernsehsendungen ihr Buch und praktische Beispiele daraus präsentieren konnten. Ausserdem geben sie Seminare für ganz unterschiedliche Zielgruppen.

Wer also auf ganz besondere Art und Weise kreativ schaffen möchte, alleine oder mit anderen, der schaffe sich dieses Buch an. Überhaupt ist das Buch auch eine prima Geschenkidee.

Laura Sofie Hantke, Lucas Grassmann: In unsrer Küche wird gedruckt. Kreative Kleinauflagen handgemacht. Verlag Hermann Schmidt, Mainz. 115 S., 2016.

Der Webauftritt von Hantke und Grassmann: www.studio-lula.com
Der Webseite entnehme ich, dass schon am kommenden Samstag ein Seminar in Köln stattfinden wird.

(Am liebsten hätte ich hier das ganze Buch fotografisch abgebildet, so gut gemacht und anschaulich finde ich es. Aber das geht natürlich nicht und so müssen einige Eindrücke genügen)

 

Bei aller Reduktion sinnliche Fülle beispielsweise

Massenveranstaltungen und Aufmärsche werden mir zusehends befremdlicher. Ein Fest im Kreis herzoffener Menschen liegt mir näher. Kleinststädte und Flüsse, die sinds. Da komme ich her. Carl Orff – Carmina Burana (André Previn + Wiener Philharmoniker)…

Die lichten Stunden des Tages werden kürzer. Erntezeit. Letzte wärmende Sonnenstrahlen. Fast gleichzeitig regnet es in den Sonnenschein. Verschwenderisch buntes Blattleuchten, umkränzt von Regenbögen. Windböen zausen Büsche und Bäume. Treiben das Laub stossweise vor sich her wie es ihnen gefällt.
Abschied von den Sommerwirten am Steindamm nach einem leichten Mahl. Die Sonne, mittagsüdlich überm breiten Strom wärmt noch immer ganz angenehm gegen die kalten Windstösse im Rücken. An der ungemähten Streuobstwiese die Räder an knorrigen Baumstämmen anlehnen. Am Wegrand angebissenes und sogleich weggeworfenes Obst. Dabei liegen die reifen saftigen Birnen im hohen Gras griffbereit um den Stamm herum. Man braucht sich bloss zu bücken. Einem labyrinthisch verzweigten Apfelbaum hat jemand einen armstarken Ast abgebrochen.
Kein gutes Jahr für Walnüsse, dieses Jahr. Aber immerhin. Die mitgebrachten handlichen Tüten füllen sich.
Beim Nüssesammeln fragt eine Frau nach dem Tun.

Na, Nüsse sammeln.
Und was machen Sie dann damit?
Was man damit macht? – essen natürlich.
Die kann man tatsächlich essen?
Aber sicher, die sind sehr lecker…

So weit sind wir also schon gekommen. Mögen solche Menschen lebenslang von Hunger, Kälte und Wassermangel verschont bleiben, Nicht auszudenken, was wäre wenn.
Die Herbstwinde haben den uralten Apfelbaum befreit von seiner reifen Überfülle. Es liegen mehr Äpfel am Boden als ich aufnehmen kann. Das ist auch in Ordnung so, denn Tiere sollen auch noch Futter finden.

Ein letzter Blick in die Tiefe der alten Allee. An ihrem Ende befindet sich der lange Strand. In der dunklen Jahreszeit werden wir hier nicht im Sand liegen. Allenfalls Flippflitschsteine über kabbelnde Wellen tanzen lassen. Schon jetzt liegt dieser Teil der Aue verwaist. Die Ruhe wird sich jetzt mehr und mehr ausbreiten. Zur besinnlichen Rückkehr in ein kleines Paradies. Wir werden nicht frieren im kommenden Winter. Gespräche mit Menschen. Gemeinsam essen und trinken. Musik, Bücher und Filme. Sichere Herzenswärme gegen auszehrend kalte Einsamkeit.
Spaziergänge und Radfahrten. Jakobsberger Au. Langenau. Nonnenau. Und die Rabeninsel.

Die alte Fähre wird gleich kommen und uns übersetzen. Nur ein paar Kilometer noch und die prall gefüllte Satteltasche wird ihrer fruchtigsauren saftigen Last entledigt. Kurz darauf schon breitet sich im Ärmelhaus der verführerische Duft des sanft dämpfenden Apfelkompotts aus.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern goldenes Oktoberwochenende.

(Fotografien der Fülle – anklicken und die Grösse geniessen)