Einerseits schade, andererseits jedoch…

Horsche: Aufgrund einer Empfehlung im famosen Blog des Herrn Hotfox: Muddy Waters – Folk Singer (1964).
Lesen: Zur Auffrischung über die Technik alter Fahrräder.
Essen & Trinken: Der erste Salat aus dem Garten, Nudeln aglio olio (eigenes Salbeiöl), trockener Primitivo.
Schaffe: Intermezzo mit alten Fahrrädern.
Gugge: Österreichischer Humor vom Besten: Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott (2010). Schallendes Gelächter garantiert!

Seit einigen Jahren warte ich auf eine erneute Aufführung von „Grimm – ein deutsches Märchen“. Die war auf den kommenden Freitag terminiert und fällt nun aus wegen der aktuellen Bestimmungen für Theater. Enttäuschung, ist ja klar. Aber das Gute an Ent-Täuschungen ist ja, dass sie den Blick dafür öffnen, was andernfalls garnicht erst gesehen worden wäre.

Der Jasmin draussen im Garten hat überlebt. Das war ihm im zeitigen Frühjahr nicht anzusehen. Im Gegenteil bot er einen mickrigen Anblick. Ein wohlüberlegter Standortwechsel ist ihm sichtlich gut bekommen und schon blüht er auf. Und duftet über die Massen.
Trotz des nächtlichen Eindringlings, haben ein paar Blüten der Federnelken sein Wüten überstanden. Und die duften nun ebenfalls mit einem betörenden Touch von Schokolade. Dieses Jahr scheint ein Rosenjahr zu sein. Hier im Garten erblühen mehrere hundert Knospen fast gleichzeitig und verwandeln die kleine Landschaft in ein wogendes Vielfarbenmeer.

Ein altes Lastenfahrrad bietet  eine angenehme Abwechslung zur mühseligen Arbeit am alten Fussboden. Komplette Zerlegung und Überholung zum Zwecke der späteren gewerbsmässigen Nutzung. (Mehr dazu vielleicht wenn es soweit sein wird).
Bei aller Reduktion bin selbst ich gegen Verführungen nicht gefeit. Ein altes blaues Fahrrad der Marke Bauer lief mir in die Ärmelgarage. Bis auf die Farbe gleicht es meinem Jugendfahrrad. Da werden alte Erinnerungen wach.
Und wenn es schon rund läuft, dann steht in einer fränkischen Stadt noch ein Bauer Sprint. Ein silberner Flitzer. Damals der Traum von uns Buben. Sein Besitzer war verstorben und die Erben woll(t)en das schöne Rad für eine Handvoll Euros verkaufen. Daraus wurde dann ein schöner Sonntagsausflug.
Zum Glück gibt es in der Nähe noch einen Fahrradladen, der zahlreiche alte Ersatzteile in den Schubladen hinter der Theke hat.
„Den Schlüssel für ein altes Speichenschloss? Haben Sie denn die Nummer?
„Ja, es ist ein Hebie, Nummer 433. Und für das Lastenrad suche ich die Nummer 315.“
Der Meister stellt die Schublade auf die Theke. Eine Wunderkiste. In einer Unterteilung befinden sich alte Schlösser, daneben sind in Drahtschlaufen die Schlüssel nach Nummern ordentlich aufgereiht.
„Hier haben wir ihn. 433.“
Weitersuchen, Ziffern murmeln. Schlüssel gleiten durch die flinken Finger.
„Nö, 315 habe ich nicht mehr. Ach hier, da ist ja noch ein 433er.“
„Den nehme ich gerne auch noch. So als Reserve.“

 

Abends in der Sommerküche. Wir nennen sie so. Es war der ehemalige Hundezwinger des Hauses. Nach zwei Seiten vom Drahtgeflecht befreit und die beiden anderen mit Winterjasmin bewachsen, ist es ein lauschiges Plätzchen geworden. Holz lagert zum Trocknen. Eingerichtet für die Zubereitung einfacher sommerlicher Speisen.
Derzeit laden wir abends gerne einen oder zwei Menschen zu einer kleinen hessischen Vesper ein. Mit gebührendem Abstand versteht sich. Bei den Gesprächen stellt sich heraus, dass fast alle Gäste materielle Einbussen hinnehmen müssen. (Beamte ausgenommen). Andererseits geniesst man die Ruhe, geradezu eine gewisse Beschaulichkeit schleicht in unsere Alltage. Kaum Fluglärm, fast angenehme Verkehrsverhältnisse.
Doch die Mehrheit der Menschen im Land wünscht sich offensichtlich zurück in die täglich zweimalige Stausteherei, um dann für zwei, drei Wochen im Jahr irgendwo hin zu fliegen. Der alltägliche Stress und die Hektik scheinen vielen zu fehlen. Ich verstehe es nicht.

Gestern vernahmen wir nach dem Abendessen ein auffälliges Rufen eines Vogels. Eher das zarte Schnarren eines Jungvogels, das von den Lockrufen der Alten beantwortet wurde. Wir wurden still, lauschten und beobachteten. Es war die Flugschule der Familie Gartenrotschwanz. Nur ein Junges? Eine ganze Weile flogen die drei auf die Dächer rund um den Garten und zuweilen auch zur Landung bei uns in den Garten. Ein Zeitchen später kam zu unserer Freude noch ein zweiter Jungvogel dazu. Seine Schwanzfedern waren noch sehr kurz. So glichen seine Flugversuche eher einem unbeholfenem Trudeln.
Vielleicht eine Stunde war vergangen und wir verliessen den Garten. Viele Gäste kommen gegen Abend, um hier zu trinken oder zu baden. Die Girlitze picken die Samen des verblühenden Rosmarinstrauchs. Insekten finden sich am Brunnen ein. Die Honigbienen bevorzugen die Borretschblüten.

Wo war ich stehengeblieben?
Ach ja, die Aufführung von „Grimm – ein deutsches Märchen“ wird leider ausfallen. Ob und eventuell wann die Aufführung nachgeholt werden wird, konnte die Dame vom Theater nicht sagen. Das ist bedauerlich. Aber wir haben hier ohnehin genug zu tun. Und die Lebensfreude heben diese Arbeiten auch.
Ich werde mich jetzt in der Werkstatt wieder dem Transportrad widmen.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Zeit. Machen Sie was draus.

 

 

 

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Gewinnverluste und Verlustgewinne

Horsche:  The Byrds – Turn!Turn!Turn! [1965]
Lesen: Bis auf weiteres keine Zeitungen
Essen & Trinken: Die erste hausgemachte Grie´Soss´ dieses Jahres, Kartoffeln, halbhartgekochte Eier. Apfelwein (sauergespritzt) aus der Kleinkelterei unserer Vertrauens.
Schaffe: Schutt (ja ja von der Bar) schleppen und den Garten einer alten Dame altersgerecht gestalten.
Gugge: Was wir heute wissen ist klein. Hier ist geht es um grosses Wissen: Doku auf arte.tv – Gotische Kathedralen.

Manchmal fliegen mich aus heiterem Himmel Gedanken und Erinnerungen an. Ich frage mich woher und warum. Es scheint aus jeglichem Zusammenhang gerissen; am Ende kann sich dennoch ein Bild daraus fügen.

Ein langes Wochenende im Jahr gab ihm seinen Namen. Kerweplatz. Am ersten Wochenende im September hatten die Schausteller dort ihre Geschäfte aufgebaut. Schiffschaukel, Kettenkarussell, Schiessbude, Losbude, AutoScooter und Süsswaren. Das übliche Programm einer Dorfkirmes. Jetzt fallen mir prompt einige Anekdoten ein. Aber darum geht es heute nicht.
Den Rest des Jahres nutzten Kinder den Platz für allerlei Spiele. Kleine Grüppchen spielten Fussball oder Murmeln. Ich war meistens bei den Murmelspielern. Klickerspiele. Wie ich drauf gekommen bin weiss ich nicht mehr.

Ich mag zehn oder elf Jahre alt gewesen sein. Da nahm ich mir einen Schuhkarton. An der Oberseite, wo Deckel liegt schnitt ich kleine Öffnungen aus. Drehte den Karton danach um und schrieb über die verschieden gross ausgeschnittenen Öffnungen Ziffern. Über das grösste Törchen eine eins, über das nächste, etwas kleinere eine zwei. Über dem fünften, dem kleinsten stand zehn. An einem Nachmittag stellte ich meinen Karton auf den Kerweplatz. Schon kam ein Junge und wollte wissen, was es damit auf sich habe.
Du zielst aus vier Metern Entfernung mit einem Klicker auf meinen Karton. Wenn du in eine Öffnung triffst, bekommst du so viele Klicker wie obendrüber steht.
Ich hatte einen ziemlich grossen roten Stoffbeutel für mein bescheidenes Häufchen Klicker. Doch schon am ersten Abend war der Beutel proppenvoll. Und zusätzlich auch noch die Taschen meiner Seppellederhose.
Ich habe damals nicht verstanden, was ich heute als Erfahrung intus habe. Manches in meinem Leben wäre anders verlaufen. Was mag aus meinem Klickerseckel, was aus der Unmenge meiner Glaskugeln dieses Sommers geworden sein?

Das mir wertvolle an diesem Erlebnis ist die Erinnerung daran. Erinnerungen und Erfahrungen sind für mich Lebenskräfte. Die guten Erinnerungen trösten. Die schlechten verblassen und spenden dabei Freude, denn die negativen Situationen habe ich überstanden. Und die Erfahrungen machen geistesgegenwärtiger im Umgang mit anderen Menschen.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern freudvolle Tage, denn bald werden wir wahrscheinlich in den gewohnten alltäglichen Irrsinn aus Lärm, Verkehrsstörungen, Konsumrausch und Stress zurückkehren.

 

 

 

Rückblicke beim Vanilleeis

Musik: Aphrodite´s Child – 666 (1971). Nach sanften Popsongs überraschten Demis Roussos und Vangelis mit diesem Album. Die Apokalypse des Johannes als progressives Rockkonzept.
Lektüre: Auf der Spur nach Kindheitsprägungen. Josephine Siebe : Kasperles Abenteuer in der Stadt.
Essen & Trinken: Eine Pfanne feinster Bratkartoffeln. Dazu Rohkostsalat. Apulischer Primitivo, Leitungswasser.
Arbeit: Historische Recherchen. Daneben eine quellenkritische Untersuchung eines Briefes von 1854.
Film: 1492, Die Eroberung des Paradieses. Wegen der Zurschaustellung von Gewalt nach füfnzehn Minuten beendet.

Wir sitzen im Garten. Jeder löffelt einen Tiegel mit Vanilleeis. Mit Schuss. Ich nehme heute Cointreau.
„Wie viele Urgrossmütter kann man auf natürlichem Wege eigentlich haben?“
„Ich hatte zwei. Eine mütterlicherseits und eine vom Vater her.“
„Ja, aber man müsste doch von beiden Seite je zwei haben. Das machte dann vier.“
„Stimmt, die Generationenfolge erweitert sich rückwärts betrachtet.“
„Wenn ich drüber nachdenke: die mir fehlenden Frauen und Männer sind auf Photographien abgelichtet.“

Der Schuss Cointreau nimmt dem Eis ein wenig von seiner Süsse, er verleiht eine fruchtige Note.
Ich kann mich bei meinen Urgrossmüttern bloss noch an wenige Begebenheiten erinnern. Sie starben als ich noch Kind war. Und sie tauchen heutzutage meist in Assoziationsketten aus dem Brunnen der Erinnerung wieder auf. Berta Brust (väterlicherseits) hatte einen schlanken schwarzen Gehstock. Die Zierde war der zierlich versilberte Griff mit einem prächtigen Jugendstilornament. Mit diesem Stock konnte sie behende umgehen; mindestens so schnell wie Zorro mit seinem Degen. Einmal, es war beim Geburtstagsfest meines Opas (ihres Sohnes), war ihr beim Toilettengang das Gebiss aus Mund gefallen. Als sie zurückkam blieb sie neben meinem Opa stehen. Der reagierte nicht gleich auf sie. Zzzwttt schnellte der Gehstock auf die Tischplatte. Zwischen Teller und Tassen, Sahnetopf und Kuchenplatte knallte der Stock auf das Tischtuch, ohne die geringste Beschädigung. Die Geburtstagsgesellschaft war verstummt.
„Robert, hol´ mir mal meine Zähne.“
Ich sehe die Szene noch heute lebhaft vor mir. Sie hatte den Tick, jedem zu erklären, dass man Eis nie pur essen solle. Die Kälte schade dem Magen. Sie war aber leidenschaftliche Eisesserin. Und hatte demzufolge immer eine Flasche Arrak, um, wie sie sagte, das Eis anzuwärmen, bevor es den Magen erreiche. Und nur dehalb habe sie einen so widerstandfähigen Magen. Immerhin wurde sie achtzig Jahre alt.

Meine zweite Urgrossmutter, Katharina Höhle, genannt Oma Kättsche, war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ich sehe sie in den ewig schwarzen Kleidern, dicken schwarzen Strümpfen und Männerschuhen. Darüber trug sie eine blaue Schürze mit einem Blumenmuster. Sie lebte in unserem Haushalt.
Ich sehe sie vor mir mit dem kleinen Knoten im Haar. Wie sie ihre wackelige Brille mit den randlosen Gläsern aufsetzte. Zum Abendessen trank sie meist Pfefferminztee und strich sich Schiebekäschen auf ihr Brot. Das waren die kleinen Käsedreiecke in Stanniol verpackt mit einem bunten Bildchen obendrauf.
Sie war die Auslöserin für meine erste schlimme Kinderqual. Andererseits sass ich als kleiner Junge auf ihrem Schoss. Während sie Gemüse putzte oder Kartoffeln schälte erzählte sie mir Grimms Märchen. Bei ihr habe ich gesehen, wie man einen Hefeteig ansetzt. Und Brombeergelee kocht. Fertigkeiten, die ich bis heute fast genauso mache. Weil sie einer vernünftigen Logik folgen. Sie hatte kein schönes Ende. Deshalb habe ich ihr schon lange ihre Ränke verziehen, die mir viel Leid eingebracht haben. Alleine durch die Märchen hat sie mir einen Kosmos eröffnet. Später, nach einer entsprechenden berufsbegleitenden Ausbildung, habe ich mit Märchen im professionellen Zusammenhang gearbeitet. Dafür werde ich ihr dankbar bleiben.

So leben die Vorfahren auf ihre Art in uns weiter. Ich weiss bis heute nicht, ob wir dabei wirklich die freie Wahl haben zu entscheiden, was von ihnen in uns weiterwirkt. Aus dem, was sie uns vorlebten, können wir jedenfalls unsere eigene Welt grösser machen. Wir alle haben viel mehr Möglichkeiten unser Leben schöner zu machen, als es uns oft auf den ersten Blick erscheinen mag.

 Ich wünschen allen Besuchern und Lesern beschauliche Ostertage

 

 

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Märchenhafte Zeiten

Musik: Der Blasinstrumentalist von Roxy Music. Andy Mackay – Resolving Contradictions (1978).
Lektüre: Josephine Siebe, Kasperle auf Burg Himmelhoch. Herold Verlag, 1965.
Essen & Trinken: Italienische Bratwurst, hausgemachte Bärlauchbutter, Bautzner Senf, Radicciosalat mit geraspeltem Apfel, Weissbrot, Spätburgunder aus Baden.
Arbeit: Ruhetag. Kleine Wanderung in verlassener Gegend. Kurze Radtour am späten Nachmittag.
Film: … .

Eine neue Woche beginnt. Und alle warten. Sowohl die Inhaber der geschlossenen Geschäfte als auch die Konsumenten. Die Konsumenten.
Alle warten auf das Ende der Beschränkungen.
Warten auf die Öffnung der Gastwirtschaften.
Warten auf die Öffnung der Friseurläden.
Warten auf die Öffnung der Sportarenen.
Warten auf die Öffnung der Kleidergeschäfte.
Warten auf die Öffnung der Spielhöllen.
Warten auf die Öffnung der Schwimmbäder.
Warten auf die Öffnung der Museen, Theater, Kinos und Konzerthallen.

Warten wir alle nicht ein wenig auf das Jetzt und Sofort?

Heute habe ich aussschliesslich uns Konsumenten im Blick. Warten können ist eine aussterbende Lebenskunst. Zumindest in unserem Kulturkreis. Wir sind Teil des elaborierten Zeitmanagements. Just-in-Time. Zeit ist Geld.
Dabei gibt es keine Zeit. Es gibt ein Werden und Vergehen. Die Zeit ist eine Hilfskonstruktion; eine Erfindung. Nichts weiter. Diese Erfindung macht es möglich, die Zeit zu zerstückeln und einzuteilen. Und damit unter anderem in Geldwerte umzurechnen. Andererseits kann man Zeiten nach Bedarf auch abschaffen.

Fast jeder Mensch hat im Deutschunterricht in der Schule von den Zeiten gehört. Gegenwart (Präsens), Vergangenheit (Imperfekt / Präteritum), abgeschlossene Vergangenheit (Perfekt), vorvollendete Vergangenheit (Plusquamperfekt). Zukunft (Futur I) und vollendete Zukunft (Futur II). Die deutschen Begriffe für diese Zeitformen variieren inzwischen, wenn sie nicht schon ganz im Verschwinden begriffen sind.

Welche dieser Zeitformen verwenden Sie denn heutzutage noch in Ihrer alltäglichen gesprochenen Kommunikation?

An einem bestimmten Punkt in meinem Leben bemerkte ich, dass ich fast nur noch im Präsens und im Perfekt sprach (wie übrigens die meisten meiner Zeitgenossen). Ich sprach im Jetzt und von dem, was vorbei und abgeschlossen war. Als mir nach längeren Recherchen klar geworden ist, dass ich Teil einer Strömung geworden war, habe ich durch bewusstes Training angefangen, mich gegen die „Räuber der grammatischen Zeiten“ zu wehren.

Um es an dem Beispiel der Vergangenheit (Imperfekt / Präteritum) und der Zukunft (Futur) zu erläutern. Wenn ich sprachlich statt der Zukunft nur die Gegenwart benutze, geschieht alles im Jetzt. Ich brauche auf nichts zu warten. Ich verlerne das Warten. Für die Heerscharen der Verkäufer tun sich dadurch Paradiese auf. Besonders dann, wenn ein ausgefeiltes Kreditwesen mit Plastikkarten zur Verfügung steht. Keine Wartezeiten mehr durch lästiges ansparen. Allerdings auch keine Vorfreude mehr. Verarmung an Lebenserfahrungen geht damit einher.
Hol´Dir jetzt !!! …. Sei der Erste !!! … Komm´gleich zu !!! … Wie oft werden die Köder für uns ausgeworfen?

Mit der einfachen Vergangenheit funktioniert es ähnlich. Aber mit dem gleichen Ziel. Gerade eben rutschte der letzte Bissen durch die Gurgel und schon sagen wir: ich habe gegessen. Perfekt. Abgeschlossen, fertig, aus und vorbei.
Die einfache Vergangenheit ist die zeitliche Verbindung zwischen der Gegenwart (Präsens) und der vollendeten Vergangenheit (Perfekt). Insofern wird durch das Imperfekt (lat.: noch nicht perfekt) ein Prozess ausgedrückt, der noch wirkend lebt.
Ich ass einen Apfel. Der Apfel ist zwar weg und verschluckt, aber ich schmecke das tolle Aroma noch immer. Eine grammatische Zeit der Entschleunigung. Die Verlängerung des Genusses. Zusammen mit der Überlegung zur wegfallenden Zukunft ergibt sich die Folgerung, dass man schneller wieder konsumbereit ist. Konsum von Waren, Attraktionen und „Zeitvertreibern“.

Es ist kein Zufall, dass die Prozesse (Entwicklungswege der Protagonisten) in europäischen Volksmärchen sowohl in ihren Originalsprachen wie auch in ihren Übersetzungen im Imperfekt geschrieben worden sind. Lebendige Prozesse sind von Anfang bis zum Ende erlebbar. Sie sind wandelbar. Und sie führen zu Reflektionen und Erkenntnissen. Sie sind, um es modern auszudrücken, ganzheitlich erfahrbar.

Der ruhige Fluss, in dem viele von uns derzeit dahinleben, schafft plötzlich Freiräume. Natürlich kann man diese Zeiten totschlagen. Man kann jedoch auch versuchen, Altgewohntes neu zu sehen. Oder etwas zu probieren, wofür man bisher „keine Zeit“ hatte. Vielleicht mögen Sie es mit den grammatischen Zeiten in Ihrem eigenen Sprachgebrauch einmal versuchen. Ich verspreche Ihnen, Sie werden staunen.

 

Ich hoffe, Sie meine Besucher, schliefen ruhig und träumten angenehm in der vergangenen Nacht. Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen erfreulichen Tag erleben werden.

 

 

 

 

Wenn man der Angst die Tore öffnet

Musik: The New Yardbirds – London Blues (1968) Die Band nannte sich nach diesem Album Led Zeppelin.
Lektüre: Leonard Cohen: Wem sonst als Dir / The book of mercy. März Verlag,1985.
Essen & Trinken: Die letzten Kohlrabi vom letzten Jahr als köstliche Suppe. Ein Glas Rotwein. Dazu dunkles Brot.
Arbeit: In Haus und Garten dem Frühling entgegen. Die Sonne ist zu warm, der Wind zu kalt; das machts anstrengend.
Film: Mal sehen heute Abend, welche Angebote verlockend genug sein werden.

Die mediale Dauerberieselung zeigt Wirkung. Bei manchen Menschen macht sich Furcht breit. Und bei anderen geht längst die Angst um. Die grosse Frage: wie wird es nach der Pandemie weitergehen? Kaltherzig und rosenwangig betrachtet ist diese Frage töricht. Denn niemand weiss genau, wie es weitergehen wird. Allenfalls, dass die weltweit agierenden Strippenzieher, die Gewinne an ihre Ufer ziehen werden. Die Zeche zahlen – wie übrigens immer, die Menschen ohne Macht und Lobby.

Als ich vor Jahrzehnten Deutschland verlassen hatte, um in Südamerika zu leben und zu arbeiten, war mein Einstieg Venezuela. Drei Wochen Urlaub, so als Akklimatisierung geplant. Drei Tage nach der Ankunft putschte der Militarist Hugo Chavez und errichtete eine Diktatur. Es wurde Ausländern geraten, Hotel, Wohnung oder Haus besser nicht zu verlassen. Die kleinen Läden rundum waren schnell geplündert. Chavez hat die „kleinen Leute“ aufgehetzt und bewaffnet, um ihre „Unterdrücker“ zu bestrafen. Die Asos aus den Slums nutzten die Gelegenheit und beschädigten ausgerechnet die kleinen Ladenbetreiber, die letztendlich genauso machtlos waren. Einige Lehren habe ich daraus gezogen; meine Vorübung sozusagen. Die Lage beruhigte sich ziemlich rasch und ich konnte in mein Zielland reisen.

Nach einem ruhigen Sommer brach am 3. November 2002 der Vulkan Reventador aus. Es wurde tagsüber dunkel und weisse Flocken segelten vom Himmel und bedeckten alles. Aschestaub mit Zementanteilen. Alle Blüten erstickten unter dem Belag und leichtere Stengel und Äste aller Pflanzen knickten unter dem Gewicht. Das Gewicht nahm durch den einsetzenden Regen noch zu. Ausnahmezustand.
Ich hatte Glück und war von Menschen umgehen, die Erfahrung hatten. Ich war aufgeregt; unerfahren mit Vulkanausbrüchen. Ich hatte die Lektion schnell gelernt: Du brauchst Trinkwasser, Benzin im Tank und Bargeld. (Und keinesfalls Klopapier!!!).

Zehn Jahre später. Mein Arbeitsantritt in Libyen verzögerte sich. Das Visum, die Papiere, die Stempel. Am Rand von Tunis wartete ich bereits seit fünf Wochen in dem geräumigen Hotelzimmer mit Kochgelegenheit auf meine Ausreise. Freitags mittags stand ich an der Zimmertür und rauchte eine Zigarette. Nebenan waren zwei italienische Geschäftsleute angekommen. Standen vor ihrem Zimmer und rauchten. Wir kamen ins Gespräch. Woher wohin? ZIgarette, Espresso?
Es hörte sich an wie eine Explosion. Noch eine. Weitere folgten. Im Umkreis stiegen Rauchsäulen auf. Schreie, Schüsse. Nach dem Freitagsgebet begann in Tunesien der sogenannte Arabische Frühling. Um es kurz zu machen: Trinkwasser, Papiere und Bargeld waren seit Ecuador immer vorrätig. Im Lauf der kommenden Woche wurde die Lage unübersichtlich. Ich hatte keine Sorge, Lebensmittel und Wasser waren vorhanden. (Und Toilettenpapier war verfügbar).
Ich kaufte freitags ein Flugticket für Samstag. Die innere Stimme. Freitags abends kam telefonisch die Empfehlung, dass man sicherheitshalber das Land verlassen solle. Samstags morgens am Flughafen herrschte Chaos. Es gab keine Flugtickets mehr. Alle Sitze waren besetzt, auf dem Fussboden lagerten ganze Familien. Um 13:00 Uhr landete mein Flieger in Frankfurt.

Was ich im Lauf der Jahre ebenfalls gelernt hatte: auf deine innere Stimme zu hören und danach zu handeln. Ist man unsicher, frage man sich, was ist das Allerschlimmste, was einem passieren kann. Man kann lernen, dass die innere Stimme zum eigenen Besten spricht.

Drei Jahre später. Mein letzter Auslandsstandort. Südosteuropa. Ein Erdbebengebiet. Trinkwasser, Benzin im Tank und Bargeld. Und eine gereifte innere Stimme. Ich wachte nachts auf. Zuerst hörte ich das bedrohliche Geklapper der grossen Schiebetüren des Kleiderschranks. Dann registrierte ich, dass mein Bett wackelte. Erdbeben! Angst! Raus aus dem Bett. Unter den Türsturz stellen. Dann raus aus dem Haus. Dazu braucht man sich nicht anzuziehen wie für den Opernball. Mir kommt eine halbe Minute lang bebende Erde vor wie eine Stunde. Endlos. Es ist die Angst und man kann nichts tun, weil man nicht weiss, was im nächsten Moment passieren wird. Die Angst lähmt und schwächt. Die innere Stimme zeigt Möglichkeiten und macht einen kreativ.

Und jetzt? Deutschland. Pandemie. Coronavirus. Ich habe einen halben Tank voll Sprit. Strom, Internet und Telefon funktonieren. Das Trinkwasser läuft wie immer. Die Regale in den Supermärkten sind wohl gefüllt. Niemand muss hungern. Im TV Dauerberieselung. Die Sammlungen vieler Museen kann man online besuchen. Man kann sogar belebende Spaziergänge draussen unternehmen. Oder eine kleine Radtour. Man kann mit anderen Menschen kommunizieren. Einzig auf den Abstand sollte man achten.

Die mediale Dauerberieselung zeigt Wirkung. Bei manchen Menschen macht sich Furcht breit. Und bei anderen geht längst die Angst um.
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Langeweile?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du nicht wie gewohnt schoppen und konsumieren kannst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du finanzielle Verluste erleiden wirst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Deine Kreuzfahrt ausfällt?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du am kommenden Wochenende nicht mit Freunden grillen kannst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann?. . . . .

Aber was ist denn jetzt wirklich das Schlimmste, was Dir passieren kann? Hier im Blog schon bald mehr darüber, wie man kreativ werden kann. Jeder Mensch auf seine Weise.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern kreative Ideen. Jetzt ist die Gelegenheit dafür günstig. Das Leben ist fantastisch.