Märchenhafte Zeiten

Musik: Der Blasinstrumentalist von Roxy Music. Andy Mackay – Resolving Contradictions (1978).
Lektüre: Josephine Siebe, Kasperle auf Burg Himmelhoch. Herold Verlag, 1965.
Essen & Trinken: Italienische Bratwurst, hausgemachte Bärlauchbutter, Bautzner Senf, Radicciosalat mit geraspeltem Apfel, Weissbrot, Spätburgunder aus Baden.
Arbeit: Ruhetag. Kleine Wanderung in verlassener Gegend. Kurze Radtour am späten Nachmittag.
Film: … .

Eine neue Woche beginnt. Und alle warten. Sowohl die Inhaber der geschlossenen Geschäfte als auch die Konsumenten. Die Konsumenten.
Alle warten auf das Ende der Beschränkungen.
Warten auf die Öffnung der Gastwirtschaften.
Warten auf die Öffnung der Friseurläden.
Warten auf die Öffnung der Sportarenen.
Warten auf die Öffnung der Kleidergeschäfte.
Warten auf die Öffnung der Spielhöllen.
Warten auf die Öffnung der Schwimmbäder.
Warten auf die Öffnung der Museen, Theater, Kinos und Konzerthallen.

Warten wir alle nicht ein wenig auf das Jetzt und Sofort?

Heute habe ich aussschliesslich uns Konsumenten im Blick. Warten können ist eine aussterbende Lebenskunst. Zumindest in unserem Kulturkreis. Wir sind Teil des elaborierten Zeitmanagements. Just-in-Time. Zeit ist Geld.
Dabei gibt es keine Zeit. Es gibt ein Werden und Vergehen. Die Zeit ist eine Hilfskonstruktion; eine Erfindung. Nichts weiter. Diese Erfindung macht es möglich, die Zeit zu zerstückeln und einzuteilen. Und damit unter anderem in Geldwerte umzurechnen. Andererseits kann man Zeiten nach Bedarf auch abschaffen.

Fast jeder Mensch hat im Deutschunterricht in der Schule von den Zeiten gehört. Gegenwart (Präsens), Vergangenheit (Imperfekt / Präteritum), abgeschlossene Vergangenheit (Perfekt), vorvollendete Vergangenheit (Plusquamperfekt). Zukunft (Futur I) und vollendete Zukunft (Futur II). Die deutschen Begriffe für diese Zeitformen variieren inzwischen, wenn sie nicht schon ganz im Verschwinden begriffen sind.

Welche dieser Zeitformen verwenden Sie denn heutzutage noch in Ihrer alltäglichen gesprochenen Kommunikation?

An einem bestimmten Punkt in meinem Leben bemerkte ich, dass ich fast nur noch im Präsens und im Perfekt sprach (wie übrigens die meisten meiner Zeitgenossen). Ich sprach im Jetzt und von dem, was vorbei und abgeschlossen war. Als mir nach längeren Recherchen klar geworden ist, dass ich Teil einer Strömung geworden war, habe ich durch bewusstes Training angefangen, mich gegen die „Räuber der grammatischen Zeiten“ zu wehren.

Um es an dem Beispiel der Vergangenheit (Imperfekt / Präteritum) und der Zukunft (Futur) zu erläutern. Wenn ich sprachlich statt der Zukunft nur die Gegenwart benutze, geschieht alles im Jetzt. Ich brauche auf nichts zu warten. Ich verlerne das Warten. Für die Heerscharen der Verkäufer tun sich dadurch Paradiese auf. Besonders dann, wenn ein ausgefeiltes Kreditwesen mit Plastikkarten zur Verfügung steht. Keine Wartezeiten mehr durch lästiges ansparen. Allerdings auch keine Vorfreude mehr. Verarmung an Lebenserfahrungen geht damit einher.
Hol´Dir jetzt !!! …. Sei der Erste !!! … Komm´gleich zu !!! … Wie oft werden die Köder für uns ausgeworfen?

Mit der einfachen Vergangenheit funktioniert es ähnlich. Aber mit dem gleichen Ziel. Gerade eben rutschte der letzte Bissen durch die Gurgel und schon sagen wir: ich habe gegessen. Perfekt. Abgeschlossen, fertig, aus und vorbei.
Die einfache Vergangenheit ist die zeitliche Verbindung zwischen der Gegenwart (Präsens) und der vollendeten Vergangenheit (Perfekt). Insofern wird durch das Imperfekt (lat.: noch nicht perfekt) ein Prozess ausgedrückt, der noch wirkend lebt.
Ich ass einen Apfel. Der Apfel ist zwar weg und verschluckt, aber ich schmecke das tolle Aroma noch immer. Eine grammatische Zeit der Entschleunigung. Die Verlängerung des Genusses. Zusammen mit der Überlegung zur wegfallenden Zukunft ergibt sich die Folgerung, dass man schneller wieder konsumbereit ist. Konsum von Waren, Attraktionen und „Zeitvertreibern“.

Es ist kein Zufall, dass die Prozesse (Entwicklungswege der Protagonisten) in europäischen Volksmärchen sowohl in ihren Originalsprachen wie auch in ihren Übersetzungen im Imperfekt geschrieben worden sind. Lebendige Prozesse sind von Anfang bis zum Ende erlebbar. Sie sind wandelbar. Und sie führen zu Reflektionen und Erkenntnissen. Sie sind, um es modern auszudrücken, ganzheitlich erfahrbar.

Der ruhige Fluss, in dem viele von uns derzeit dahinleben, schafft plötzlich Freiräume. Natürlich kann man diese Zeiten totschlagen. Man kann jedoch auch versuchen, Altgewohntes neu zu sehen. Oder etwas zu probieren, wofür man bisher „keine Zeit“ hatte. Vielleicht mögen Sie es mit den grammatischen Zeiten in Ihrem eigenen Sprachgebrauch einmal versuchen. Ich verspreche Ihnen, Sie werden staunen.

 

Ich hoffe, Sie meine Besucher, schliefen ruhig und träumten angenehm in der vergangenen Nacht. Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen erfreulichen Tag erleben werden.

 

 

 

 

Wenn man der Angst die Tore öffnet

Musik: The New Yardbirds – London Blues (1968) Die Band nannte sich nach diesem Album Led Zeppelin.
Lektüre: Leonard Cohen: Wem sonst als Dir / The book of mercy. März Verlag,1985.
Essen & Trinken: Die letzten Kohlrabi vom letzten Jahr als köstliche Suppe. Ein Glas Rotwein. Dazu dunkles Brot.
Arbeit: In Haus und Garten dem Frühling entgegen. Die Sonne ist zu warm, der Wind zu kalt; das machts anstrengend.
Film: Mal sehen heute Abend, welche Angebote verlockend genug sein werden.

Die mediale Dauerberieselung zeigt Wirkung. Bei manchen Menschen macht sich Furcht breit. Und bei anderen geht längst die Angst um. Die grosse Frage: wie wird es nach der Pandemie weitergehen? Kaltherzig und rosenwangig betrachtet ist diese Frage töricht. Denn niemand weiss genau, wie es weitergehen wird. Allenfalls, dass die weltweit agierenden Strippenzieher, die Gewinne an ihre Ufer ziehen werden. Die Zeche zahlen – wie übrigens immer, die Menschen ohne Macht und Lobby.

Als ich vor Jahrzehnten Deutschland verlassen hatte, um in Südamerika zu leben und zu arbeiten, war mein Einstieg Venezuela. Drei Wochen Urlaub, so als Akklimatisierung geplant. Drei Tage nach der Ankunft putschte der Militarist Hugo Chavez und errichtete eine Diktatur. Es wurde Ausländern geraten, Hotel, Wohnung oder Haus besser nicht zu verlassen. Die kleinen Läden rundum waren schnell geplündert. Chavez hat die „kleinen Leute“ aufgehetzt und bewaffnet, um ihre „Unterdrücker“ zu bestrafen. Die Asos aus den Slums nutzten die Gelegenheit und beschädigten ausgerechnet die kleinen Ladenbetreiber, die letztendlich genauso machtlos waren. Einige Lehren habe ich daraus gezogen; meine Vorübung sozusagen. Die Lage beruhigte sich ziemlich rasch und ich konnte in mein Zielland reisen.

Nach einem ruhigen Sommer brach am 3. November 2002 der Vulkan Reventador aus. Es wurde tagsüber dunkel und weisse Flocken segelten vom Himmel und bedeckten alles. Aschestaub mit Zementanteilen. Alle Blüten erstickten unter dem Belag und leichtere Stengel und Äste aller Pflanzen knickten unter dem Gewicht. Das Gewicht nahm durch den einsetzenden Regen noch zu. Ausnahmezustand.
Ich hatte Glück und war von Menschen umgehen, die Erfahrung hatten. Ich war aufgeregt; unerfahren mit Vulkanausbrüchen. Ich hatte die Lektion schnell gelernt: Du brauchst Trinkwasser, Benzin im Tank und Bargeld. (Und keinesfalls Klopapier!!!).

Zehn Jahre später. Mein Arbeitsantritt in Libyen verzögerte sich. Das Visum, die Papiere, die Stempel. Am Rand von Tunis wartete ich bereits seit fünf Wochen in dem geräumigen Hotelzimmer mit Kochgelegenheit auf meine Ausreise. Freitags mittags stand ich an der Zimmertür und rauchte eine Zigarette. Nebenan waren zwei italienische Geschäftsleute angekommen. Standen vor ihrem Zimmer und rauchten. Wir kamen ins Gespräch. Woher wohin? ZIgarette, Espresso?
Es hörte sich an wie eine Explosion. Noch eine. Weitere folgten. Im Umkreis stiegen Rauchsäulen auf. Schreie, Schüsse. Nach dem Freitagsgebet begann in Tunesien der sogenannte Arabische Frühling. Um es kurz zu machen: Trinkwasser, Papiere und Bargeld waren seit Ecuador immer vorrätig. Im Lauf der kommenden Woche wurde die Lage unübersichtlich. Ich hatte keine Sorge, Lebensmittel und Wasser waren vorhanden. (Und Toilettenpapier war verfügbar).
Ich kaufte freitags ein Flugticket für Samstag. Die innere Stimme. Freitags abends kam telefonisch die Empfehlung, dass man sicherheitshalber das Land verlassen solle. Samstags morgens am Flughafen herrschte Chaos. Es gab keine Flugtickets mehr. Alle Sitze waren besetzt, auf dem Fussboden lagerten ganze Familien. Um 13:00 Uhr landete mein Flieger in Frankfurt.

Was ich im Lauf der Jahre ebenfalls gelernt hatte: auf deine innere Stimme zu hören und danach zu handeln. Ist man unsicher, frage man sich, was ist das Allerschlimmste, was einem passieren kann. Man kann lernen, dass die innere Stimme zum eigenen Besten spricht.

Drei Jahre später. Mein letzter Auslandsstandort. Südosteuropa. Ein Erdbebengebiet. Trinkwasser, Benzin im Tank und Bargeld. Und eine gereifte innere Stimme. Ich wachte nachts auf. Zuerst hörte ich das bedrohliche Geklapper der grossen Schiebetüren des Kleiderschranks. Dann registrierte ich, dass mein Bett wackelte. Erdbeben! Angst! Raus aus dem Bett. Unter den Türsturz stellen. Dann raus aus dem Haus. Dazu braucht man sich nicht anzuziehen wie für den Opernball. Mir kommt eine halbe Minute lang bebende Erde vor wie eine Stunde. Endlos. Es ist die Angst und man kann nichts tun, weil man nicht weiss, was im nächsten Moment passieren wird. Die Angst lähmt und schwächt. Die innere Stimme zeigt Möglichkeiten und macht einen kreativ.

Und jetzt? Deutschland. Pandemie. Coronavirus. Ich habe einen halben Tank voll Sprit. Strom, Internet und Telefon funktonieren. Das Trinkwasser läuft wie immer. Die Regale in den Supermärkten sind wohl gefüllt. Niemand muss hungern. Im TV Dauerberieselung. Die Sammlungen vieler Museen kann man online besuchen. Man kann sogar belebende Spaziergänge draussen unternehmen. Oder eine kleine Radtour. Man kann mit anderen Menschen kommunizieren. Einzig auf den Abstand sollte man achten.

Die mediale Dauerberieselung zeigt Wirkung. Bei manchen Menschen macht sich Furcht breit. Und bei anderen geht längst die Angst um.
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Langeweile?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du nicht wie gewohnt schoppen und konsumieren kannst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du finanzielle Verluste erleiden wirst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Deine Kreuzfahrt ausfällt?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du am kommenden Wochenende nicht mit Freunden grillen kannst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann?. . . . .

Aber was ist denn jetzt wirklich das Schlimmste, was Dir passieren kann? Hier im Blog schon bald mehr darüber, wie man kreativ werden kann. Jeder Mensch auf seine Weise.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern kreative Ideen. Jetzt ist die Gelegenheit dafür günstig. Das Leben ist fantastisch.

 

 

Mittwochs an der Krise vorbei

Musik: Hier knacken und knistern alte 78er Platten. Ein Riesenarchiv ist online zum stöbern und hören.
Lektüre: Beiträge in verschiedenen Blogs und die dazugehörigen Kommentare.
Essen & Trinken: Seit Wochen keine Süssigkeiten.
Arbeit: Die Handwerker im Haus – no comment.
Film: In der Mediathek des MDR (mdr.de) gibts jedes Menge schöne Filme und interessante Dokus aus späten DDR Produktionen.

Ich werde gefragt, warum ich derzeit fast täglich einen Beitrag in meinem Blog veröffentliche.
„Du hast doch selbst gesagt wegen Deiner Reduktion und so. Schreibst dann kaum noch und jetzt gehts da ab wie die Luzi.“
„Ich richte mich nach Notwendigkeiten. Und die erfordern es, jetzt ein Gegengewicht zu setzen gegen die mediale Verdummungs- und Angstverbreitungsmaschinerie.“
Menschen sollte man Mut machen und Chancen und Wege aufzeigen. Jeder sollte nach seinen Möglichkeiten seinen individuellen Lebensweg finden und gehen.
Zu viele Interessen wollen uns zu einer hirnlosen Herde zusammentreiben. Nicht denken, sondern konsumieren. Verunsichern und Angst machen, das fördert den Konsum. So in etwa ist ihre dumme Dauerdevise.

Die regionale Mainzer Allgemeine Zeitung titelt heute Morgen: „Sterberate wird steigen – Derzeit überleben 0,8 Prozent der nachweislich Infizierten Covid-19 nicht.“
Wie mag es in dem Hirn des verantwortlichen Menschen zugehen, der so etwas schreibt anstatt, „Sterberate fast konstant – Derzeit überleben 99,2 Prozent der nachweislich Infizierten Covid-19.“

Der Schreibknecht hat sich rechts und links eine ordentliche Maulschelle redlich verdient. Ich lese noch zwei, drei weitere Titel und keinesfalls die Berichte – da fällt einem frühmorgens schon der Mageninhalt aus dem Gesicht. Das Panikblatt erscheint im mit anderen Blättern ähnlichen dumpfen Inhalts im VRM. Ich vermute, das bedeutet Völlig runtergekommene Miesmedien. Ich gebe dem Nachbarn seinen Papiermüll mit einem Kopfschütteln zurück.

Ich habe gut geschlafen heute Nacht. An Träume kann ich micht erinnern. Allenfalls nebulöse Fetzen und unscharfe Bilder  sind hängengeblieben. Ausdrücke und Namen schwirren im Gedächtnis.
Oder haben Sie mal was von Fridays for Future gehört? Arbeitslosenzahlen – was will mir das sagen? Eine Landschaft, vielleicht ein Sumpf und darin eine Menge Menschen, davor so eine Art Zaun mit einem Bettuch dran; darauf Buchstaben gemalt: Mirantn oder so. Irgendein Mensch, wahrscheinlich eine junge Frau nannte sich Greta. Die hielt ein Mikrophon in der Hand. Das wollte ihr eine Art Strohpuppe entreissen. Es gelang schliesslich und der Strohkopf schrie ganz hysterisch Brexitbrexitbrexit. Was immer das bedeuten mag. Ein anderes Wort war sowas von sonderbar, das habe ich behalten und gleich nach dem Aufwachen notiert: Bundeswehrberaterskandale. Anderes mehr ist in Waberschwaden entschwunden.

Nicht, dass Sie jetzt denken. Ich weiss auch nicht, woher solche Sachen kommen. Oder haben Sie schon mal solche Bilder gesehen oder solche Worte gehört?
Untersuchen lasse ich mich natürlich nicht. Ich fühle mich ganz wohl in Gesellschaft der 99.8 Prozent meiner hiesigen Mitmenschen.

Ich wünschen Ihnen einen erfreulichen Tag und dass Sie die Kraft haben dem Irrsinn zu widerstehen. Auch Sie zählen wahrscheinlich zu den 99.2 Prozent. Wir wissen nichts. Die meisten von uns sind keine Mediziner. Und keine strippenziehenden Politiker. Und keine miesen Geschäftemacher, die diese Situation für ihre Raffgier ausnutzen. Bleiben Sie Mensch. Es gibt viele von uns.

 

Und wenn die Vergnügungen auch klein sein mögen – möglich sind sie

Musik: Aus der „Canterbury Scene“ spielen auf: Steve Hillage, Arzachel, Khan und Egg.
Lektüre: Beiträge in verschiedenen Blogs und die dazugehörigen Kommentare.
Essen: Grüne Bohnen aus dem Garten. In gebratenen Schinkenstreifen und Zwiebelchen geschwenkt, kräftiges Bauernweissbrot mit Olivenöl und Herbes de Provence aus dem Backofen. Und dazu wieder ein Stralsunder Bier: Störtebecker Atlantic Ale.
Arbeit: Heute ruhte die Arbeit.
Film: Grüne Hochzeit, 1988. In der Mediathek von mdr.de laufen sehr viele sehenswerte Filme und Dokumentationen.

Eine neue Woche beginnt. Im Ärmelhaus werden alle Heizkörper ausgetauscht werden. Aber danach werden wir wieder angenehm heizen können. Viel Arbeit steht also ins Haus. Reisen vermisse ich derzeit nicht. Eher den ausbleibenden Wechsel der Jahreszeiten. Dafür erwarte ich im Briefkasten ein antiquarisch wiedergefundenes Buch.
Ich will mich an den vergnüglichen Aspekten und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten orientieren und erfreuen.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern eine erfreuliche Woche.

 

Vergnügungen  (Bertolt Brecht, 1954)

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen

Das wiedergefundene alte Buch

Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten

Die Zeitung

Der Hund

Die Dialektik

Duschen, Schwimmen

Alte Musik

Bequeme Schuhe

Begreifen

Neue Musik

Schreiben, Pflanzen

Reisen

Singen

Freundlich sein.

 

 

 

Rekurs auf den Laden. (Von wegen Reduktion)

Schallplatten, die ich in der Mittagshitze nach der Schule gekauft habe, und deren Klänge mir bei ähnlichen Temperaturen noch heutzutage ähnlich angenehme Gefühle wachrufen wie damals: Pink Floyd – Umma Gumma (1. LP, 1969). Und wenn jetzt gleich die Fenster für einen Hauch Frischluft geöffnet werden: Roxy Music – For your Pleasure (1973). Und danach noch Cockney Rebel – The Psychomodo (1974)…

Ich habe heute den letzten Band von Erwin Strittmatters Trilogie „Der Laden“ beendet. Wer sich für das dörfliche Leben zwischen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, ist mit den vielfältigen und detailreichen Schilderungen gut bedient.
Die Trilogie wurde auch verfilmt. Die ersten beiden Teile sind nahe an den beiden Büchern. Sie lassen erahnen, dass die Lektüre dennoch lohnt. Die Verfilmung des dritten Bandes ging meiner Meinung nach in die Hose. Da wurden Inhalte derart umgearbeitet, dass manche Szenen wie aus dem Zusammenhang gerissen scheinen.

Mir hat die Fabel der poetisierten Selbstlebensbeschreibung von Erwin Strittmatter (1912 – 1994) insgesamt sehr gut gefallen. Ich werde weitere Werke von Strittmatter lesen. Seinerzeit war er einer der auflagenstärksten Autoren in der DDR. Ebenso hoch dekoriert wie umstritten. Allein das stärkt den Wunsch nach mehr Material.
Beim Lesen wurden die eigenen Schleusen der Erinnerung zunehmend geöffnet. Kindheits- und Jugenderlebnisse leuchteten plastisch vor dem inneren Auge auf. Freuden, Ängste. Erste Verliebtheiten und die Auffahrt zur Landstrasse der Erwachsenen.

Es mag durch die bereits hochsommerlichen Temoeraturen hervorgerufen worden sein. Die frühen Urlaubsfahrten nach Italien. Genauer nach Fano, seinerzeit das bevorzugte Seebad des Imperators Augustus (63 v.Chr. – 14 n.Chr.).
Schon die Autofahrten dorthin. Heute schafft man mit einigen grünen Ampeln die 1000 Kilometer lange Strecke in einem halben Tag. Damals. Morgens um drei Uhr aufstehen. Cholerik und Aufregungen. Endlich war die Karawane aus mehreren Familien am Treffpunkt versammelt. Routenbesprechungen und Zigarettenqualm.
Der Innendruck in unserem Wagen nahm während der Fahrt regelmässig zu. Meine erste Magenentleerung füllte mein Strohhütchen vom letzten Jahr. Anhalten unmöglich, das hätte auf den Reisegeschwindigkeitsdurchschnitt gedrückt und die Karawane bedenklich auseinandergebracht. Jährlich verschiedene Routen wählten die jungen Familien der Abwechslung zuliebe. Die Fahrer wahrscheinlich auch, um an den Hochalpenpassstrassenüberquerungen ihre Fahrkünste unter Beweis zu stellen. Einige Strassen waren vor Mitte der 1960er noch nicht asphaltiert. Staubwolken. Kraftwagen mit Bremsausfällen oder kochenden Kühlern waren häufig am Strassenrand zu sehen. Grenzkontrollen. Benzingutscheine. Obstverkäufer am heissen Asphaltrand.

Auf den Fahrten lernte ich Orte und Namen kennen, an die ich mich noch heute gut erinnern kann. In Salurn (Salorno) gibts den Schwarzen Adler (Aquila nera) noch immer. In der Bar habe ich in den 1980er Jahren mit meiner Ducati eine längere Rast eingelegt. Como Milano Bologna Pescara Rimini Ancona. Nummerschilder merken. Automarken. Fiat Alfa Romeo Lancia. Einen Maserati oder Ferrari habe ich nie gesehen. Vom Kauf eines Maserati Ghibli GT habe ich später aus Vernunftgründen Abstand genommen. Das ehemalige Ställchen mit meinen Ducatis beschert mir noch heute schöne Erinnerungen. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?.

Und dann Fano. Der Albergo Giardinetto. Der erste Besitzer, mit dem wir in Kontakt kamen, fuhr einen Fiat Topolino. Er bediente die Gäste bei den Mahlzeiten. Pasta Asciutta. Lasagne. Minestrone. Gelati Motta.
Pizza lernte ich erst einige Jahre später in Deutschland kennen. Meine Patentante war italienverzückt. Abends waren Gäste eingeladen. Zur Musik von Rocco Granada (buona notte) oder Robertino (Tintarella di Luna) gabs selbstgebackene Pizza. Die italienischen Gastarbeiter schufteten da noch auf dem Bau oder bei Opel. Die erste Pizzeria hier am Ort öffnete ungefähr 1966.
Agip Supercortemaggiore – alleine dieses Wort fehlerfrei auszusprechen verlieh die Kraft des fuerspeienden sechsbeinigen Hundes auf dem Logo. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?

Das Strandleben. Dauernde Einölereien gegen Sonnenverbrennungen waren lästig. Das Spiel mit anderen, vorwiegend einheimischen Kindern. Man machte einfach mit. Es gab diese Plastikugeln. Im Durchmesser etwas kleiner als Tischtennisbälle. Die untere Hälfte war farbig. Rot, grün, gelb oder blau. Die obere Hälfte war transparent. In der Mitte war ein Bildchen mit dem Portrait eines Radrennfahrers eingelegt. Ich wusste nichts davon. Anquetil? Als ich im Jahr darauf im Wuschellädchen eine Kugel mit dem Portrait von Rudi Altig erwischte, da dämmerte es mir. Jacques Anquetil.

Eine kleine Horde von fünf bis zehn Buben traf sich morgens am Strand. Dann wurde eine Rennbahn im Sand gebaut. Mit Ausdauer, Geschick und viel Gerede. Die zwei, drei Touristenbuben wurden als Mitspieler stillschweigend akzeptiert. Weniger als Bahnbauer. Aber beim Spielen gabs keine Querelen. Die Sandbahn mit Brücken und kleinen Tunneln ähnelte einer Bobbahn mit erhöhten Rändern. Wer an der Reihe war, legte schnippte seine Kugel vom erhöhten Rand in den Rundkurs. Eine immer wiederkehrende Freude in Jahren meiner Kindheit. Gewonnen habe ich niemals ein Rennen. Was löst sie aus, die Liebe zu einem Land?

Der Hotelier organisierte für die Gäste seines kleinen Albergo jedes Jahr einen Ausflug ins Landesinnere. Da ging es mit einem Bus im Tal des Metauro hoch in Richtung Urbino. Auf einem halbverlassenen Bauernhof (fattoria oder masseria?) wurde angehalten. Zwei lange Tischreihen im Freien. An Spiessen überm offen Feuer schmurgelten Hühner und Fleischstücke. Karaffen mit Rotwein. Wasserkrüge. Essen, Trinken, Lachen und mit einbrechender Dunkelheit spielten ein paar Musikanten zum Tanz auf. Aranciata für die Kinder. Die kleinen Kugelflaschen gibt es seit Ewigkeiten nicht mehr. Eltern konnten von ihrem Kind enorme Leistungen für ein Fläschchen fordern. Welche Bilder befördern die Liebe zu einem Land?

Die sehr vornehme römische Familie trafen wir auch mehrere Urlaube lang jedes Jahr. Die Tochter war sicherlich einige Jahre älter als ich. Das wurde mir aber erst anfang der 1970er Jahre bewusst, als ich eher durch Zufall noch einmal meine Ferien im Albergo Giardinetto verbrachte. Die Tochter war jedenfalls wunderschön. Noch heute denke ich unwillkürlich an diese feine Jugendliche wenn ich die „Iphigenie“ von Anselm Feuerbach sehe. Was befeuert die Zuneigung zu einem Land?

Eines morgens muss das Sandbahnspiel am Strand besonders spannend gewesen sein. Die Rufe meiner Mutter hatte ich nicht gehört. Wohl aber die beiden schallenden Ohrfeigen.
Die hatte ich wohl gespürt. Aber einige ältere Frauen hatten gesehen, was da einem kleinen Jungen geschieht. In schwarzen Kleidern mit nackten Füssen sprangen sie aus ihren Liegenstühlen und keiften meine Mutter an. Lautstark. So laustark, dass sich Publikum ansammelte. Mein Vater und seine Freunde nahmen vielleicht einen Campari am Morgen. Von denen war keiner da. Die älteren Frauen waren klasse.
In den folgenden Jahren hatte ich in der italienischen Öffentlichkeit keine weiteren Schwierigkeiten mit meinen Eltern. Selbst dann nicht, als ich zwei Jahre später beim Muschelsammeln versehentlich auch eine noch halblebende für die Rückfahrt mit einpackte. Es stank schon einige Zeit. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis man in Koffern und Taschen räumte und die Quelle des Übelgeruchs fand. Das Strohhütchen von der Herfahrt war nicht mehr zu retten. Im nächsten sollte es ein neues geben. Oder ein paar Schuhe. Echt italienische Herstellung.

Es gibt eine Liebe, die macht weder hungrig noch durstig. Mit der geht man auch ohne Schuhe durchs Leben.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Tage.

 

(So wenig wie in diesem Jahr habe ich schon lange nicht mehr fotografiert.)