Längst fällige historische Horizonterweiterung

Beim Schreiben lief: The Doors – In Concert (1970). Einige Stücke ziehen noch immer. Aber insgesamt ist die Band überbewertet, besonders Morrisons Texte. Jetzt, damit die Abendruhe einkehrt: Michael W.F. Hensel – Chartres. Mythos der Rose (1992)…

In Hessen werden laut einer Umfrage des Einzelhandelverbands in den nächsten zwei Wochen 8,4 Milliarden Euro für den Kauf von Weihnachtsgeschenken erwartet. An erster Stelle stehen Spielwaren, gefolgt von chemokosmetischen Artikeln. Für ihre Einkäufe geben die Kosumenten durchschnittlich fünfhundert Euros aus.
Letztes Jahr habe ich limitierte Kalender mit meinen Fotografien zum Verkauf angeboten. Im Sinn des Reduktionsprojektes soll es in diesem Jahr jedoch auch anders gehen.
Etliche Bücher, CDS und DVDs sind derzeit unterwegs im Land. Überraschungssendungen für Menschen, von denen ich einige persönlich kenne. Andere kenne ich lediglich wegen der Beiträge ihrer Blogs. Meine Intention ist dabei nicht der Tausch von Waren gegen Geld, sondern die Schaffung (hoffentlich) beiderseitiger Freude. Ich habe einige Informationen über die Empfänger und überlege mir, was ihnen eventuell Freude bereiten könnte. Und meine Freude erblüht von selbst durch die Reduktion meiner Bestände.*
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Eine der positiven Folgen meiner Erziehung zeigt sich darin, dass ich seit meiner Jugend einfachen Antworten auf komplexe Prozesse gegenüber kritisch bin. Komplexe Prozesse haben schliesslich immer mehrere Facetten. Insofern habe ich auf das im Folgenden vorzustellende Buch seit vielen Jahren schon gewartet.

Die Autorin ist Historikerin und lehrt an der Universität Konstanz Neue und Neueste Geschichte. Ihr Anliegen ist die Korrektur weitverbreiteter historischer Irrtümer. Weiterhin stellt sie an zahlreichen Beispielen dar, wie es den Opfern, also überwiegend Frauen im Lauf der Nachkriegsgeschichte bis teilweise in die 1980er Jahre mit den Folgen ihrer Erlebnisse ergangen ist.

In ihrer Untersuchung „Als die Soldaten kamen“ präsentiert die Autorin „das ganze Ausmaß einer menschlichen Tragödie […], die auch in Friedenszeiten noch lange nicht vorbei war.“ Das Buch ist nach einer Einführung in das Thema in fünf Kapitel aufgeteilt.
Im ersten Kapitel wird der zeitliche Rahmen der Geschehnisse umrissen. Die Opfergruppen werden beschrieben. Neu war mir dabei die sexuelle Gewalt gegen Männer (Vergewaltigung als Unterwerfungsritual). Das Kapitel beschliesst Miriam Gebhardt, indem sie ihre verwendeten Methoden vorstellt und dabei auf die Quellenlage verweist und die besondere Vorsicht, die im Umgang mit ihnen geboten ist. Was die Zeitzeuginnen betrifft, so sind die meisten Gesprächspartnerinnen inzwischen hoch betagte Frauen. Und in einigen Jahren wird es keine lebenden Opfer mehr geben. Auch dies einer der Gründe, diese grausamen Ereignisse neuerer Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Im zweiten Kapitel werden die einmarschierenden Armeen aus dem Osten und das Verhalten der Soldaten der Roten Armee dargestellt. Dies geschieht am Beispiel Berlins. Hier wird herausgearbeitet, wie die deutschen Frauen durch Goebbels Propaganda indoktriniert und auf die russischen Untermenschen „vorbereitet“ waren. Da im Verlauf des Krieges durch die immensen Verluste innerhalb der Roten Armee immer neue Soldaten gebraucht worden sind, kamen diese Soldaten immer weiter aus der östlichen UdSSR Osten. Es ist auffällig, dass in den Quellen die Soldaten dunklerer Hautfarbe und asiatisch erscheinendem Aussehen in der negativen Beschreibung der Frauen den schwarzen Soldaten der Alliierten Armeen sehr ähnlich sind.

Im dritten Kapitel werden die Vergewaltigungen der alliierten Armeen, also der Amerikaner, der Briten und der Franzosen am Beispiel Süddeutschlands dargestellt. Über Vergewaltigungen britischer Besatzungssoldaten existieren offensichtlich so gut wie keine Quellen. Das bedeutet leider nicht, dass diese Soldaten sich deutschen Frauen gegenüber menschlicher hätten als ihre alliierten Mitstreiter.
Es ist aufschlussreich, wie unterschiedlich die jeweiligen Armeevorschriften hinsichtlich der Problematik der Fraternisierung waren. Diese haben schon zu einem frühen Zeitpunkt den verschiedenen Entnazifizierungsvorstellungen der Besatzungsmächte entsprochen. Und beeinflussten auch das Verhalten der Soldaten gegenüber der deutschen Bevölkerung. Schon rasch nach der Landung in der Normandie begannen die Massenvergewaltigungen britischer und us-amerikanischer Soldaten an französischen Frauen. Man kann aus dem Text erkennen, dass auf dem Vormarsch der Armeen die Frauen als Gruppe insgesamt ständig grosser Gefahr ausgesetzt waren. Ob siebenjähriges Mädchen oder siebzigjährige Frau, alle waren potentiell gefährdet. Auf deutschem Boden einmarschiert, benahmen sich die französischen Soldaten dann genauso entmenscht wie die anderen Soldaten.

Im vierten Kapitel behandelt Frau Gebhardt die Frage, wie mit den Frauen umgegangen worden ist, die Opfer von Vergewaltigung(en) geworden sind. Es ist kaum verwunderlich, dass von seiten der Besatzungsarmeen kein Interesse bestand, jeden einzelnen Fall zu klären. Das war in vielen Fällen schon deshalb nicht möglich, da sich Soldaten gegenseitig Alibis gegeben haben. Anfangs hatten die deutschen Behörden, allen voran die deutsche Polizei oder Justiz auch garkeine Befugnisse gegen Besatzungssoldaten vorzugehen. Geradezu beschämend ist allerdings, wie nach 1954, also nach Aufhebung des Besatzungstatuts, die deutschen Behörden in ekelhafter Weise deutsche Frauen vielfach abgefertigt haben. Dies war besonders oft der Fall, wenn soziale Unterstützungen beantragt worden sind. Hervorzuheben sind in diesem Kontext auch die Kirchen und die Ärzte, die sich oft besonders widerwärtig verhalten haben, wenn es beispielsweise um den Abbruch unerwünschter Schwangerschaften infolge von Vergewaltigungen ging.

Im abschliessenden fünften Kapitel werden die langzeitigen Folgen dieser massiven Gewalttätigkeite für die betroffenen Frauen aufgezeigt. Kritisch wird auch die deutsche Frauenbewegung beleuchtet, die dem Thema der kollektiven Vergewaltigungen nie eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat.
Im Anhang finden sich Anmerkungen, Quellenhinweise und ein Orts- und Personenregister.

Ich bin der Autorin dankbar für die schwierige und mühselige Recherche nach Fakten und der diffizilen quelllenkritischen Arbeit. Sie räumt auf mit dem hartnäckigen Vorurteil, dass nur die Soldaten der Roten Armee deutschen Frauen Gewalt angetan und obendrei noch geplündert hätten. Wie hätte ein einfacher russsicher Soldat seine „Kriegsbeute“ denn bei dem Vormarsch auf Berlin transportieren sollen? Und in der DDR wurde von Anfang viel unternommen, um den Umgang der deutschen Bevölkerung mit der Besatzungsarmee zu verhindern.
Dass sich das Vorurteil gegen die russichen Soldaten so hartnäckig hält, hängt unter anderem damit zusammen, dass die Vertriebenenverbände damit schon früh eine ertragreiche Politik gemacht haben. Und die einzige frühe Untersuchung zum Thema der Vergewaltigung deutscher Frauen gab ein Vertriebenenverband in Auftrag. Überdies nutzte dieses, im Lauf der Zeit ins Absurde gesteigerte, Feindbild der regierenden CDU, die unter ihrem Kanzler Adenauer unbedingt ein westliches Bündnis, die Wiederbewaffnung und damit natürlich auch den eigenen Machterhalt anstrebte.
Dass us-amerikanische Soldaten ebenso wenig zimperlich waren (und sind) wie andere Militärpersonen auch, ist nicht verwunderlich. Erschreckt hat mich aber doch das Ausmass us-amerikanischer Gewalt an der gesamten deutschen Bevölkerung. Die Herrschenden in BRD und DDR waren sich gleich in ihren Lobgesängen auf ihre Befreier. Die tatsächlichen Befreier vom Joch des Naziregimes waren allerdings die Soldaten der Roten Armee, die Berlin zu Fall brachten. Mit geschätzen 20 Millionen Opfern trugen sie die Hauptlast der Toten insgesamt. Ein besonderer Fakt ist die Faszination, die us-amerikanische Soldaten auf Menschen in ihrer Besatzungszone ausübten. Schokolade, Kaugummi oder Zigaretten waren in jenen Zeiten materieller Kümmernis eine gewaltige Verführung. Und die oft beschriebene Lässigkeit der Boys tat ein Übriges. Nicht selten wurden einer deutschen Frau nach erfolgter Vergewaltigung einige Zigaretten auf den Tisch gelegt oder ein Täfelchen Schokolade. Als Entschädigung quasi. Aus diesem Umgang hatten es die Frauen besonders schwer, Klage zu erheben. Es muss den meisten von ihnen unterstellt worden sein, sich nicht genug gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr gesetzt zu haben.

„Als die Soldaten kamen“ von Miriam Gebhardt stand längere Zeit auf den Bestsellerlisten. Das liegt am Thema und eventuell auch daran, dass es gut lesbar geschrieben ist und nicht in trockenem Historikerdeutsch daherkommt. Die Besprechungen waren entsprechend durchweg  positiv, egal ob von Rezensenten oder Rezensentinnen.
Neben neuen Fakten ist mir vor allem eines wieder deutlich vor Augen geführt worden. Geschichtsschreibung ist die Deutungsmacht der Herrschenden. Die historische Vielfalt wird in diesem Sinn eingeengt für die Interessen einiger Weniger.
Weiterhin muss es immer wieder klar ausgesprochen werden, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland angefangen worden ist. Das Regime erhielt bei den beiden letzten freien Wahlen 1932 jeweils deutliche Mehrheiten durch die Stimmen der Wahlberechtigten. Schätzungsweise fünfundfünfzig Millionen Tote und zahllose Frauen, die massive Massenvergewaltigungen erleiden mussten (und teilweise nicht überlebten) als ein Teil unermesslichen Leids sind das Ergebnis dieser Wahlergebnisse.

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2015. 351S.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erkenntnisfreudiges Wochenende.

* Wenn Sie auch gerne einen Umschlag mit einer Trouvaille aus den Ärmelsammelsurien zugesendet haben möchten, dann schreiben Sie mir gerne einige Zeilen dahingehend. Meine Mailadresse findet sich oben auf der Seite unter copyright. Sie machen mir eine Freude.

 

 

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Reduktion brennender Gehirne

Edgar Froboese lieferte seinerzeit die klingenden Folien, auf denen sich unter bestimmten Umständen bei nächtlichen Parties die fantastischsten Farben und irrsten Muster und Strukturen vor den eigenen Augen entwickelten. Als ferne Erinnerung an jene garnicht so leuchtenden Zeiten: Tangerine Dream – Reise durch ein brennendes Gehirn (1970)…

Es braucht heutzutage keine elektronische Musik, um brennende Hirne zu erleben. Man sieht es den Menschen an, ob sie noch selbst denken. Kritische Distanz wahren können im Abwägen, ohne hohle Phrasendrescherei. Brennend aus Begeisterung. Lodernd in Freude.
Dafür scheinen erloschene Hirne auf dem Vormarsch. Im Gleichschritt denken. Uffda Uffda Rammdada. Die Manmachtdassosager. Die Dasnehmichmitsager. Die Mangönntsichjasonstnichtssager.
Deren täglicher Löschvorgang schallt aus den einschlägigen regionalen Lall- und Labersendern. Dort werden die unwichtigsten Nachrichten zu Sensationen aufgebaut. Den Zuhörern wird suggeriert, dass da was am Laufen ist.
„Wir werden Sie selbstverständlich weiterhin auf dem Laufenden halten.“ Damit sollen einzig die Hörer am Sender gehalten werden. Meist werden die entsprechenden Nachrichten während des Tages noch einige Male wiederholt um dann im Sabbelmüll zu verschwinden. Nach zwei Tagen alles vergessen und vorbei. Neue Scheinsensationen, neue Fesseln.

Die Nachricht des heutigen Morgens: „Ein Mann in langem schwarzen Mantel, angetan mit Schottenrock und einem gehörnten Wikingerhelm hielt gestern mehrere Stunden die Polizei in Atem. Der Mann drohte mit einer Bombe. Nachdem einige Geschäfte der Innenstadt und ein Parkhaus evakuiert waren, wurde der Held im Jobcenter gestellt. Der mitgeführte blaue Rucksack wurde von Spezialisten des LKA untersucht. Die gaben nach einer Stunde Entwarnung. Im blauen Rucksack befand sich lediglich Schmutzwäsche. Kein Wort darüber, ob der Nordmann mit einer Streitaxt bewaffnet war.
Die betreffende Kleinstadt wurde in Hessen verortet, liegt jedoch in Rheinland-Pfalz.
Mensch Ärmel, musst nicht gleich wieder Erbsen zählen. Merkt doch eh niemand. Und der Moderator soll nicht denken sondern plappern.

Jamaika war kaum gescheitert, schon schickte die deutsche Automobilindustrie ihre gekauften Lakaien an die Front. Die stiessen in die Fanfaren und verkündeten prompt, dass Gedanken oder gar Planungen hinsichtlich elektrisch betriebener Kraftfahrzeuge für die deutsche Automobilindustrie bedenklich wenn nicht schädlich sei. Die Rohstoffe für die benötigten Batterien würden nämlich vornehmlich in nicht sicheren Staaten, also Diktaturen, gefördert. Demzufolge sei ungewiss, ob die benötigten Rohstoffe überhaupt planungssicher zu beziehen seien. Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, falls… wurde dabei noch nicht gedroht.
Fragen danach, ob die fossilen Rohstoffe zum Betrieb unserer derzeitigen Verbrennungsmotoren nicht auch aus Diktaturen bezogen würden blieben unbeantwortet. Die zukunfstweisende Frage, ob sich nicht aus dem Hirnschlamm deutscher Automobilmanager Brennstoffe destillieren liessen, wurde verneint; es handle sich dabei allenfalls um gefährlich kontaminierten Sondermüll.

„Und hier noch ein Hinweis für die Autofahrer: „Die B… in Richtung… bleibt wegen Bergungsarbeiten weiterhin gesperrt. Dort geriet die Fahrerin eines Ferrari aus bislang noch ungeklärten Gründen auf die Absenkung einer Leitplanke. Ihr Flug wurde durch einen Baum abrupt beendet und er Ferrari in drei Teile zerissen. Die Frau wurde mit Verletzungen aus dem Auto befreit. Der im Auto befindliche Hund überlebte den Anprall nicht.“
Und die Hundefreunde? Die jetzt trauern möchten. Warum verrät man ihnen weder den Namen noch die Rasse des vierbeinigen Beifahrers? Ob Ferrari oder sonstein Gefährt, das spielt doch die geringste Rolle.

Die chemokosmetischen Industrien wirds freuen. Laut einer Umfrage wollen 60% der Befragten bei ihren Weihnachtsgeschenkeinkäufen zu chemokosmetischen Erzeugnissen greifen. Dabei werden Preise von über hundert Euro pro Artikel in Betracht gezogen. Vielleicht sollte man in den Stink- und Schmierläden die Flüssigchemikalien statt auf Parfümprobierpapierchen den Interessenten mit zwei Spritzern in die eigenen Augen verabreichen. Schaden kann das ja nicht, da die Inhaltsstoffe bereits vorher ausgiebig in den Augen oder künstlich beigebrachten Wunden von Tieren ausgetestet worden sind.

Mitfahrgelegenheit am vergangenen Sonntag. Treffunkt. Uhrzeit. Alles perfekt. Freundlicher Fahrer. Vor uns liegen dreihundertfünfzig Kilometer auf der Autobahn. Oder fünfzig Kilometer weniger, dafür hundert Kilometer zügig zu befahrende, gut ausgebaute Landstrasse.
Ich bin die Landstrassenstrecke bereits mehrfach gefahren und sonntags sind dort keine LKWs unterwegs. Und der Landmann gönnt seinem Traktor Ruhe. Der jugendliche Fahrer wiegt nur kurz den Kopf und bedenkt sich noch kürzer und entgegnet meinem Vorschlag: „Ach, verlass´ mich lieber auf die Maschine, die weiss es eh besser als ich.“
Hundertzwanzig Kilometer später zeigt das Navigationsgerät einen Stau. Der wird seit Wochen auch rund um die Uhr von den Lall- und Sabbelsendern verkündet.
Irgendwann schaue ich auf meine Uhr. Vor mir liegen aber noch zwei Stunden.
Ich könnte jetzt zuhause sein. Beim Blick aus dem Autofenster dämmert mir, dass die brennenden Gehirne aussterben. Brennend aus Begeisterung. Lodernd in Freude. Selbst denken, logisch, zielgerichtet. Dennoch warmherzig und mit leuchtenden Augen, das findet sich zunehmend seltener.
Erloschene Hirne sind auf dem Vormarsch.

(Advent Advent, sei froh wenn Dein Gehirn noch brennt)

 

Wir fahrn fahrn fahrn … (alles nur ein Traum!)

Eine meiner ewigen Lieblingsbands. Paul Thompson, Phil Mazanera, Andy Mackay und Bryan Ferry. Von den zusätzlichen Musikanten hat mich die einmalige Lucy Wilkins (syn, vio.) am meisten beeindruckt. Sie ersetzt Brian Eno erstaunlich gut. Das letzte Konzert einer Wiedervereinigungstour wurde als DVD veröffentlicht. Also horsche und gugge: Roxy Music – Live at the Apollo (2.10.2001)…

Jamaika liegt nun mal nicht in Deutschland. Deutschland spiegelt sich auf der Autobahn. Im Rahmen eines Projektes bewege ich mich derzeit täglich auf dem Asphalt. Höre dabei sporadisch den Verkehrsfunk. Die Verhältnisse ändern sich in Minutenschnelle. Eben noch freie Fahrt und jetzt steht der vielgliedrige Blechundplastikdrache kilometerlang. Und die Meldung, „Achtung Autofahrer: auf der A… bei Kilometer … liegt eine Palette auf der linken Fahrspur. Fahren Sie dort bitte besonders vorsichtig.“

In den Heckscheiben ist eine neue Erscheinung zu bewundern.Nach all den Aufklebern mit Kindernamen on board sitzt nun  Opa Ernst am Steuer. Oder Omi Renate am Lenkrad. Vielleicht ist das bloss eine gut gemeinte Warnung.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… liegt ein Wildschein auf der Fahrbahn.“
Ich bezweifle, dass Neuwahlen die Verhältnisse im Land erneuern werden.

Die Hoffnungslosigkeit der Autofahrer zeigt sich unter anderem auch darin, nicht dem Verkehrsfluss entsprechend so zügig zu fahren wie es möglich wäre. Sie lassen sich auf der mittleren Spur bei Tempo 80 rechts überholen von den LKWs, die mit Tempo neunzig unterwegs sind.
„Auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … kam ein LKW ins Schleudern und hat die Mittelleitplanke durchbrochen.“

Seit wann ist es zulässig, dass die Lastwagenfahrer auf dem Standstreifen ihre Ruhepausen verbringen?
Ich bezweifle, dass die Wahlberechtigten sich bei möglichen Neuwahlen anders verhalten würden als im alltäglichen Strassenverkehr. Im Radio die Nachricht, dass die Sparte Güterverkehr der Deutschen Bahn ordentliche Gewinne eingefahren hat. Man denke über die Erweiterung des Streckennetzes nach. (Obwohl es seit Jahren Zug um Zug abgebaut wird.)
„Achtung Autofahrer, auf der A… kommt Ihnen ein Fahrzeug entgegen. Fahren Sie äusserst rechts und überholen Sie nicht. Wir informieren Sie, sobald die Gefahr vorüber ist.“

Parkplätze überhaupt. Werden Gerüchten zufolge demnächst in LKW Stellplätze umbenannt. Ich verspüre ein dringendes Bedürfnis. Da vorn, ein Parkplatz mit Toilette. Rücksichtslose LKW Fahrer. Die Einfahrt kreuz und quer zugestellt. Dann halt der nächste Parkplatz. Der Druck steigt merklich. Die Einfahrt ist von einem LKW Fahrer blockiert. Der nächste Parkplatz muss es sein. Beckenbodenübungen. Auch dieser Parkplatz ist dicht. LKWs stehen zurück bis auf den Standstreifen. Ich nehme die nächste reguläre Abfahrt. Erlösung. Keine LKWs. Und ein Gebüsch.
„Guten Morgen, es ist 6:45. Die A… bleibt nach einem schweren LKW Unfall zwischen … und … bis auf weiteres in beiden Richtungen gesperrt. Bitte umfahren Sie diesen Bereich grossräumig. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“
Vier LKWs und zwei oder drei PKWs sind sich im Baustellenbereich zu nahe gekommen. Zwei LKW Fahrer haben die Kollision nicht überlebt. Die überaus wichtige Nord-Süd-Verbindung blieb bis zum Abend gesperrt.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung… liegt ein Küchenschrank auf der Fahrbahn.“ 

Im Anfahren und Abbremsen in der Lawine kann man bestimmte wiederkehrende Verhaltensweisen erkennen. Ich sitze erhöht im Fahrzeug und nehme staunend wahr, wieviele Verkehrsteilnehmer auf ihren Handfesseln rumwischen. Bei manchen trifft der Begriff Verkehrsteilnehmer eigentlich garnicht mehr zu. Die schwimmen längst in einem Parallelkosmos. „Achtung Autofahrer, auf der A… befindet sich ein Auspuff auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befindet sich radfahrendes Kind auf dem Seitenstreifen. Fahren Sie bitte äusserst vorsichtig.“
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … sind mehrere Jogger unterwegs.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … schieben mehrere Personen ein Fahrzeug auf der Standspur.“ In den alten WG Zeiten haben wir öfter mal gemeinsam einen 2CV, einen Käfer oder einen R4 geschoben. Heute scheinen alle Autos allzeit und immer zu fahrbereit zu sein.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung steht ein defekter LKW in der Baustelle. Zur Zeit fünf Kilometer Stau. Sie müssen derzeit etwa fünfundvierzig Minuten mehr einplanen.“ Wer errechnet auf welcher Grundlage die zusätzlich benötigten Zeiten? Wo immer ich selbst davon betroffen war und eine solche Meldung hörte, die Zeiten haben nie gestimmt. Ob sich hier in diesem Land in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Von der Politik wohl kaum.

Der Anfang des Jahres sogenannte Schulzeffekt war das kollektiv erlösende Aufatmen über den Rückzug des Herrn Gabriel. Nach der beeindruckenden Wahlschlappe hat der Kleinstadtbürgermeister Schulz in der Berliner Runde seine Grenzen deutlich erkennen lassen.
Und nun nach den geplatzten Gesprächen zu einer möglichen Regierungsbildung scharren die Emporwollenden in den zweiten Reihen mit den Füssen. Merkel weg, Schulz weg. Das ergäbe Möglichkeiten. Nein, nicht zum Politikwechsel. Für neue Karrieren. Aber die Nochkanzlerin hat bereits ihre neuerliche Kandidatur über die Medien bekanntgeben lassen.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … liegt eine Stossstange auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… liegen zwei Wildschweine auf der Fahrbahn.“ Nein, das ist weder eine versehentliche Wiederholung noch sind die Durchsagen Erfindungen meinerseits. Alle Meldungen sind wörtliche Zitate. Aufgeschnappt und notiert während zwei Wochen unterwegs im Verkehrswahnsinn. Nicht gezählt habe ich die zahlreichen Reifenreste, die zur Zeit der Meldungen undefinierten Gegenstände und die Holz- oder Metallteile. Nicht zu vergessen die vielen defekten LKWs.
Soeben vernehme die letzte Meldung bevor ich das Fahrzeug verlasse.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befinden sich Steinewerfer am Fahrbahnrand. Fahren Sie äusserst vorsichtig. Wir informieren Sie selbstverständlich, sobald die Gefahr vorüber ist.“
Der Bundespräsident will sich heute mit den jamaikanischen Verhandlungsführern treffen. Und die nachmittäglichen zähflüssigen Verkehrsströme treffen so sicher ein wie das Amen in der Kirche. Vielleicht birgt der absehbare Verkehrsinfarkt die Erlösung in sich. Das wäre dann eine wirkliche Veränderung.

Pendler, die jeden Tag aus den umliegenden Mittelgebirgen bis zu zweihundert Kilometer zwischen ihrem Heim und der Arbeitsstelle zurücklegen. Mir hat einmal ein Bekannter erklärt, warum er das auf sich nimmt. Das erwünschte Haus hätte er sich in der Nähe seines Arbeitsplatzes nicht erlauben können. Fast wäre ich auf sein Argument reingefallen. Ich rechnete mal über den Daumen kurz hoch. Zehn Jahre Kredit für ein Haus abzahlen. Und was in dieser Zeit der erhöhte Fahrzeugverschleiss kostet, wie der verbrauchte Kraftstoff zu Buch schlägt. Und die Lebenszeit. Die masslose Verschwendung an Lebenszeit.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… befinden sich Pferde auf der Fahrbahn.“
Dass vor den Wahlen alle Parteien die Zukunft des Verbennungsmotors zusicherten war zumindest auffällig. In fünfundzwanzig Jahren wird es den privaten Autoverkehr, zumindest wie wir ihn kennen und gewohnt sind, ohnehin nicht mehr geben. Aber noch ist angeblich jeder dritte Arbeitsplatz in diesem Land direkt oder indirekt mit der Automobilindustrie verbunden. Und was die Politik nicht verändernd anpackt, das wird die Automobilindustrie für uns zu ihrem Gewinn richten.
„Guten Abend liebe Hörer, es ist 22:30 und die gute Nachricht zuerst: die Stauampel zeigt auf Grün.“

(Die Fotografien sind an der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt aufgenommen. Dort befindet sich das Mahnmal und der Gedenkstein für Bernd Rosemeyer. Der wurde 1938 bei einem Weltrekordversuch bei etwa 430 Kmh von einer Windbö erfasst und aus seinem Rennwagen geschleudert. Er war sofort tot.)

 

Die Reduktion der sogenannten bürgerlichen Mitte

Am vergangenen Wochenende wiederentdeckt: Frank Zappa – Hot Rats (1969)…

Das wahlberechtigte Volk hat gewählt. Ich auch. Und jetzt fragen sich viele, wer denn wohl der drittstärksten Partei seine Stimme gegeben haben mag. Ich nicht. Aber eigentlich, versteht sich, ist das doch fast jedem klar. Andererseits aber eben doch nicht, denn von den derzeit vorliegenden Statistiken wird fast jede dieser Spekulationen widerlegt.
Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich habe sowieso andere Fragen. Wer beispielsweise, der einigermassen sehenden Auges in die eigene Zukunft oder die seiner Kinder schaut, hat mit seiner Stimmmacht die Wiederauferstehung dieser allerüberflüssigsten gelben Partei ermöglicht? Denen Europa im hinteren unteren Süden vorbeigeht; die sich nichts sehnlicher wünscht als die Wiederkehr des wirtschaftsfeudalen Mittelalters. Denn dieses Ziel haben sie neben anderen in ihrem Wahlprogramm versprochen.

Von den Grünen kann man schweigen, denn deren Eliten arbeiten bekanntlich seit einigen Jahren bereits dafür, mit der Fähigkeit des Chamäleons endlich den eigenen Vorteilen zuliebe nach Belieben und Nutzen von grün zu gelb changieren zu können.
Bleibt die SPD mit ihrem Herrn Schulz. Ja dem, der mächtig retuschiert mit den eisblaukalten Augen von den Wahlplakaten stierte. Wer die Berliner Runde verfolgt und ihm zugehört hat, der weiss wie beleidigte Charaktere als Verlierer keifen und nachtreten können. Und vorgestern verkündete er im Seeheimer Kreis der SPD, dass man bei den nächsten Bundestagswahlen mindestens 40% holen werde. Dass manchen Sitzungsteilnehmern die Luft aus den schon vorher mächtig aufgeblasenen Backen entwichen ist, wen wunderts. In Sachsen, einst eine der Hochburgen der SPD gibt es Wahlkreise, da erreichte diese Partei nicht mal mehr 10%.
Ich fragte mich seinerzeit, warum der Mann, der als Präsident des Europäischen Parlamentes weit über eine Viertelmillion Euro im Jahr verdient (ohne Sonderzulagen versteht sich), warum der sich als Kanzler mit gerademal der Hälfte zufrieden geben will. Aber spätestens nach seinen beleidigten Reaktionen wurde es mir klarer. Der wollte ja ursprünglich Kommissionspräsident werden. Hat aber nicht hingehauen, den Posten hat sich Jean-Claude Duncker geschnappt. Manche Stimme lassen verlauten, dass er schon als Parlamentspräsident hoffnungslos überfordert gewesen sei. Aber Macht will mehr Macht. Vielleicht sollte der ehemalige Bürgermeister einer kleinen Stadt mit 38.962 Einwohnern (nach dem Stand vom 31.12.2015) wie der vielberufene Schuster bei seinem Leisten bleiben. Derzeit laufen schon Wetten, ob er im November überhaupt noch Chef der SPD bleiben wird.
Sodann ein Bundespräsident, der öffentlich allen Ernstes feststellte, dass „die Statik der Demokratie“ in diesem unseren Land nicht mehr stimmen würde. Und dass man erforschen müsse, was die Menschen so missmutig stimme. Hinter welchen Monden hat dieser Mensch in den letzten Jahren eigentlich gelebt? Seine Partei hat unter dem verhalten wohlgefallenen Nicken von CDU und FDP dem Sozialstaat endgültig den Garaus gemacht. Als Erstwähler damals vor Jahrzehnten bewunderten wir Willy Brandt und stimmten für seine SPD. Doch wie verkommen ist diese Partei inzwischen. Was ist geblieben vom Gothaer Programm oder gar vom Erfurter Programm? Ob diese Programme, ausser dem Namen nach, noch jemand kennt in der SPD?

Die Parteien an den Rändern legen zu, denn die Mitte unserer Gesellschaft ist weggebrochen. Gegen Ende der Weimarer Republik begann ein ähnlicher Prozess. Das Problem der Spaltung der Gesellschaft jedoch ist nicht das ewig bedauerte Wegbrechen der Mittelschicht, sondern die generelle Krise und der Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Angeheizt wird der beschleunigte Verfall durch den kranken Glauben an ein ewiges wirtschaftliches Wachstum. Fast jeder Mensch glaubt an das unausgesetzte Wachstum, weil es ihm vorgaukelt, er hätte die gleiche Chance wie die ewigen Gewinner. Hat er aber nicht. Und letztendlich fühlt es die Seele eines gesunden Menschen, dass wirtschaftliches Wachstum (oder mehr Wohlstand) nicht das Gleiche ist wie das Wachstum der eigenen Persönlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaftsform ist dabei das eigentliche Problem. Gerade mal zweihundert Jahre alt, hat sie, wie keine der früheren Gesellschaftsformen, unsere Erde und die Menschheit an den Abgrund gewirtschaftet.

Die Globalisierung ist reduziert auf rein wirtschaftliche Prozesse. Kolonisation mit anderen Mitteln als noch vor Jahrhunderten. Geschickter aber auch perfider. Rücksichtlose Ressourcenausbeutung. Privatisierung des Trinkwassers. Beispielsweise sind die Bodenschätze in Syrien längst verhökert – für prosperierende Geschäfte in der Zeit „danach“.
In unseren Breiten zum Beispiel ist das die knallharte und unmenschliche Ausbeutung der Arbeitskraft und Entrechtung der Arbeitnehmer. Und zwar in allen Etagen der Hierarchien. In allen? Nein, die Eliten sind davon selbstverständlich ausgenommen. Neben denen sind die Gewinner dieses sterbenden Systems seit Jahren nur die Eigentümer von Aktien und Schuldverschreibungen. Dem Rest der Menschen, im Grunde genommen die Milliarden Habenichtse rund um den Globus, wird nach Belieben mit Verarmung gedroht oder einfach das Geld entwertet. Und dies nicht bloss auf inflationären Wegen.
In Deutschland merkt man das erst jetzt ganz sanft. Einschnitte ins soziale Netz spüren die meisten Menschen hier noch garnicht am eigenen Leib. Das wird erst in den nächsten Jahren noch kommen. Stichwort Rentnerarmut. Aber das ist bloss der Anfang. Die Menschen werden jedoch medial schon dafür vorgeknetet. Damit man sie, wenn es dann soweit ist, leichter formen kann.
Und wie das mit den Menschen in unserem Land konkret veranstaltet wird, kann man am Programm und den Einschaltquoten der privaten Fernsehsender sehen und auf den meisten Radiosendern hören. Eine tagtäglich erbärmliche Wiederholung der stetigen Niveauabsenkung. Gezielte und gesteuerte Hirnerweichung und Seelenverbiegung.
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(Ich weiss zwar nicht, wer trommeln wird, gepfiffen jedoch wird bereits)

Freitagnachmittags einfach so

Aus Finnland an den Rhein gekommen: Wentus Blues Band feat. Phil Guy – The last of the big time spenders (2005)…

Das Internet soll ja angeblich nichts vergessen. Wenn dereinst jemand diesen Beitrag entdeckt, wird er sich fragen, von was denn da die Rede gewesen sei. Einzelhandel?
Den wirds in der gewohnten Form über kurz oder lang nicht mehr geben. Die heutigen Erstklässler werden schon bei ihrem Schulabschluss nicht mehr wissen, was ein Tante-Emma-Laden gewesen ist. Den haben die Konsumenten durch ihr Konsumverhalten bis dahin zum endgültigen Verschwinden gebracht. Mit ihren Ansprüchen. Dem was sie erwarten, haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Hohe Erwartungen, eine bandbreite Auswahl und das alles zum Minimalpreis. Unzufriedenheit ist ein fürchterlicher Treibstoff.
Ein europaweit sich vorfressendes Kettenunternehmen wirbt mit einem bestimmten Reizwort ausschliesslich in Deutschland. In deren Werbung in anderen europäischen Ländern findet man dieses Wort nicht. Dass dieses Alles-haben-wollen zum Kleinstpreis sich hierzulande mit sexuellen Begierden zusammenbringen lässt, wirft auf die deutschen Durchschnittskonsumenten ein merkwürdiges Licht.
Es gibt natürlich auch die Einzelhändler, denen ihr Kleinunternehmertum zu Kopf gestiegen ist. Die dadurch ihre Geschäfte selbst ruiniert haben. Zweifellos. Aber es ist das Verhalten der Masse der Konsumenten, die dafür sorgen, dass man über kurz oder lang nur noch bei Kettenläden kaufen können wird.
Es denkt sich doch längst kaum noch jemand etwas dabei, wenn die (meist) weibliche Aushilfe in der Bäckereifiliale also spricht: Ich werde später nochmal französisches Weissbrot backen. Wenn sie wenigstens aufbacken sagen würde zum dem Vorgang, wenn die Frosterware in den Heizofen geschoben wird.
Ein Jahr intensiver Beschäftigung mit Einzelhandelsfachgeschäften hat mein Bild von Konsumenten erheblich verändert. Deren unverschämtes Verhalten macht manchmal geradezu sprachlos.

Auf der vormals für kalte Büffets verwendeten grossen Platte fehlen verblühte gelbe Rosenblütenblätter. Rote, weisse, rosa und sogar violette Rosen blühen im Ärmelgarten. An gelben hingegen mangelt es.
Ich radle nach Mainz. Dort im Rosengarten gibt es Rosen in allen Farben und vielleicht habe ich Glück und gelbe Rosen sind am Verblühen.
In der Stadt genehmige ich mir ein Eis und schaue bei Oxfam vorbei. Draussen sehe ich das junge behinderte Paar. Der Mann kann nur mit grosser Mühe und mit Hilfe eines Gestells überhaupt gehen. Die Frau schafft es zwar ohne Hilfe, bewegt sich aber auch sehr wacklig. Ich verstehe aufgrund ihrer Artikulation nicht, über was sie sich unterhalten. Das ist aber nicht nötig. Denn etwa alle fünfzig Meter bleiben die beiden stehen. Ihre herzinniglichen Umarmungen sprechen dabei mehr als alle Worte. Ihr Anblick berührt mich.

Auf der Eisenbahnbrücke frage ich mich, wie oft wir darauf wohl schon gemeinsam den grossen Fluss mit dem Rad überquert haben. Das Wasser im Rhein ist weder golden noch ist es Wein (***). Der Rhein leuchtet heute in dunklem Türkis. Ich sehe dem Schifffahrtsverkehr zu und mir fällt dabei der Mann von vorgestern im Zug ein. Den mit dieser sonderbaren Zeitschrift. Es scheint mittlerweile für jede Überflüssigkeit und für jeden Konsumunsinn eine Zeitschrift zu erscheinen.
Drüben an der Mainspitze ist noch nichts los. Unter der Brücke gehen zwei Männer in schwarzen Badehosen flussaufwärts.
Zwanzig Minuten später sehe ich sie wieder flussabwärts in Richtung City schwimmend. Meine Badehose liegt zuhause im Schrank. Und mir fehlt eine Begleitung. Aber wer weiss, in den nächsten Tagen vielleicht. Im Rhein schwimmt man nicht alleine. Es braucht so wenig, damit die Lebensfreude aufblüht.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Sommerwochenende.

(Fotografien anklicken. Die Galerie öffnet sich rund um die Uhr)

Ehrenreduktion zur Scheuklappenerweiterung

Was den Mittelalterfans in England Cornwall ist, ist den Progrockfreunden die sogenannte Canterbury Szene. Softmachine, Egg, Matching Mole, Khan, Wilde Flowers, Gilgamesh, Soporifics, Delivery, Gong, National Health, Centipede, Hatfield & The North und wie die Bands alle hiessen. Im Zug des Reduktionsprozesses wird sich zeigen, von welcher Musik ich mich weiterhin begleiten lassen möchte. In den letzten Tagen wurde bereits viel Egotripspreu vom Klangweizen getrennt. Bleiben wird auf jeden Fall schon wegen der illustren Besetzung mit Mick Taylor, Steve Winwood und Mike Oldfield: Gong – Downwind (1979)…

Unter meinem Bürofenster treibts einen Efeu sonnenwärts. Eben bleibt die Ilse aus der Nachbarschaft daneben stehen. Eines ihrer vierbeinigen Lebendspielzeuge kackt in den Efeu. Der edle Kot bleibt natürlich liegen. Als nachbarschaftliches Geschenk vermutlich. Die Frau ist heftig tätowiert. Nicht unbedingt ästhetisch, dafür aber von Kopf bis Fuss gestochen und genagelt. Auf ihrem ebenso breiten wie freizügigen Dekolleté lese ich „Ehre im Herzen – Hass in den Fäusten.“

Wie oft ich wohl schon über den Begriff Ehre nachgedacht habe in meinem Leben. Als Kriegsdienstverweigerer begann es in einer Verhandlung. Da kam der Begriff auf und ich verstand ihn nicht. Verstehe ihn heute noch nicht richtig, zumindest in den Kontexten, in denen er zumeist gebraucht wird. Mir fehlt wahrscheinlich ein bestimmtes Gen in religiöser, nationalistischer oder rassistischer Scheuklapprigkeit.

Ich bin früh wach. Pfingstwochenende. Die Ausschüttung des Heiligen Geistes. In tausend Zungen reden. Harry Haller wünschte sich im Steppenwolf „O, dass ich tausend Zungen hätte“. Diese allerdings zu anderen Zwecken.
Ich freue mich auf den Besuch und bin schon sehr früh auf dem Weg zum Mainzer Markt. Die besten Kräuter für die Grie´ Soss´ gibts bei der Marktfrau meines Vertrauens. Ich bin noch zu früh. Alles irgendwo in Kisten.
Ich fahre runter zum Rheinufer. Enten dösen auf den Steinstufen. Jogger erschrecken gurrende Tauben. Das Marinedenkmal. Hundertmal wahrgenommen jedoch nie genauer in Augenschein genommen. Ich lese die eingemeisselten Texte auf den vier Seiten des Sockels. Und ich habe die Kamera nicht dabei. Also später nochmals in die Stadt radeln.

Auch bei den Inschriften gehts um Ehre und ehrenvoll. Wie kann ein Schiff ehrenvoll sinken und was soll ich mir unter der Ehre deutschen Kreuzergeistes vorstellen? Die S.M.S. Mainz war ein leichter Kreuzer. In die Schlacht mit englischen Schiffen geriet er wegen strategischer Fehler auf deutscher Seite.
Betrauert werden 163 Seeleute, die den Heldentod starben. Nicht erwähnt auf den Inschriften werden die 348 Seeleute der Besatzung, die von den Engländern gerettet werden können, obwohl die Deutschen ihr Schiff in letzter Minute noch versenken, um es den Engländern nicht in die Hände fallen zu lassen. Unter den Geretteten befand sich auch Wolfgang von Tirpitz. Der Sohn jenes Grossadmirals, dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. den Floh ins Hirn setzte, dass man sich nur mit einer starken Flotte zur Weltmacht aufspielen könne. Und der glaubte das nur zu gerne. Hatte er doch seinem Volke schon bei seiner Thronbesteigung 1892 versprochen: „Ich werde Euch herrlichen Tagen entgegenführen.“
Entsetzt hat mich allerdings die vierte, die zum Rhein hin sich befindende Inschrift. Darauf wird den nachfolgenden Geschlechtern ein „Nacheifern“ empfohlen. Kriegsverherrlichung. Wieso wird derlei nicht entfernt?
Vorbilder gibt es ja. Das deutsche Weintor beispielsweise. Wenn man heim ins Reich kam – damals – erblickte man den Adler recht über dem Portal. In seiner rechten Klaue hält er einen Lorbeerkranz. Und darin war das unselige verhakte Kreuz gemeisselt. Das Kreuz hat man wieder herausgehauen nach dem Untergang. Es ist zwar so gemacht, dass man es wieder zum Vorschein bringen könnte, aber wer schaut schon so genau hin.
Und die rheinwärts angebrachte Inschrift liest wahrscheinlich auch niemand, der eines der Ausflugsschiffe ins Mittelrheintal besteigt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass sie an diesem langen Wochenende von Pfingstochsen verschont bleiben möchten.

(Fotografien lassen sich durch Anklicken vergrössern)