Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)

Mrs. Turner piep´ einmal…

Frische, luftige Melodien und zum Fliegen schön: Rich Hopkins & Lisa Novak – Loveland (2008)…

Das zarte Stimmengewirr schien aus etwa drei Metern über uns zu kommen. Es gehört nicht zu meinen Angewohnheiten andere Gespräche zu belauschen. Bald wurde es auch wieder ruhiger. Kommunikationswogen. Stimmen wurden lauter, dann ebbten sie wieder ab. Mrs. Turner sollten wir erst später persönlich kennenlernen.

Ich habe mich von einem weiteren Blogmenschen verabschiedet. Über die Kommentare hinaus entspann sich ein privater, lockerer Mailwechsel. Ich kann den Zeitpunkt nicht genau benennen, aber irgendwann wurde es richtig unangenehm. Höflichkeit und Respekt sind auf das menschliche Gegenüber bezogen. Wenn die Selbstbezogenheit und Geschwätzigkeit überhand nimmt, beginnen Anzüglichkeiten und Übergriffe. Geben und Nehmen bilden Harmonien, Einseitigkeiten stören die Balance in den menschlichen Beziehungen.

Schon vor dem Frühstück war der lebhafte Austausch bereits wieder zu vernehmen. Wir schauten nach oben. Ja, von dort scheinen die Laute zu kommen. Waren sie verhaltener als gestern? Da sahen wir vor unseren Füssen die kleine Amsel liegen. Das Köpfchen unmässig nach hinten verdreht. Genickbruch als Folge des Sturzes aus dem Nest.

Aber da war noch ein Fiepen aus einer anderen Richtung zu hören.
Und richtig, es ertönte aus dem Korbgestell unten am Boden. Da sass zwischen Pflanzbehältern und der Keramikschnecke eine andere kleine Amsel. Ein kleine Flaumkugel. Wir nahmen uns gegenseitig wahr. Es war eher Offenheit und Verwunderung als Vertrauen. Jetzt nur vorsichtig sein. Annäherung lediglich aus sicherer Entfernung mit einem Teleobjektiv. Mrs. Turner soll sich keinesfalls erschrecken. Und die alten Amseln müssen hier im Hof in der Lage bleiben, ihren Nachwuchs zu füttern.

Es ist der Respekt und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Nur das zu nehmen, was der andere zu geben bereit ist. Es fällt natürlich schwer, auf einen anderen Standpunkt zu verzichten, der eine schönere Bildkomposition erlauben würde. Aber dadurch würde das kleine Lebewesen unnötig erschreckt werden. Im Verlauf von drei, vier Tagen wächst die Achtsamkeit für das junge Vögelchen. Wenn jemand mit einem Hund den Hof betritt, ist ein Hinweis notwendig; ebenso bei Menschen, die scheinbar blind und taub für ihre nächste Umgebung sind.

Den Geschwistervogel von Mrs. Turner sehen wir nicht. Da Amseln immer mehrere Nester bauen, haben ihn seine Eltern in ein anderes Nest im Hof des Nachbarn gelockt. Von dort sind seine Rufe nach Futter zu hören. Mrs. Turner wird schnell beweglicher. Hüpft auf dem Boden herum. Sitzt manchmal vor der Tür zum Ladenlokal. Dann heisst es aufpassen auf Menschen, die nichts sehen als das Konsumziel.

Die weitgehend reduzierte Wahrnehmung, in diesem Fall auf ein schützenswertes Lebewesen, öffnet andererseits die Sinne ungemein. Eine Woche mit einem kleinen Vogel ersetzt ein teures Meditationsseminar in romantischer Umgebung und mit allerlei Tamtam drumrum. Selbst das Geraffel beschränkt sich bloss auf die Kamera mit dem leichten Teleobjektiv. Da die Amselmutter sehr zutraulich ist, überträgt sich das offensichtlich auf Mrs. Turner.
Die ersten Flugversuche erscheinen den Menschen belustigend. Da die Schwanzfedern noch nicht ausgebildet sind, sind nur kurze Geradausflüge möglich. Aber dennoch gelingen schon erste, wacklige Landungen im raschelnden Efeu.

Iiiiieeeersch. Ein langer, durchdringend schriller Schrei. Im Hof stehen zwei Frauen. Könnten dem Aussehen nach Mutter und Tochter sein. Iiiiieeeersch. Noch länger und gellender diesmal. Die beiden Frauen schauen zu der Bank, auf deren Lehne Mrs. Turner gerne schläft. Ich fahre auf und sehe den kleinen Irrwisch, wie er im Schreien nun nach Mrs. Turner tritt und sie nur knapp verfehlt. Mutter und Grossmutter schauen stumm zu und erschrecken genauso wie der kleine Bankert als ich die Ladentür aufreisse und ihn anschreie, dass man nicht nach einm Tier tritt. Nun erwacht die Mutter endlich und sagt dem Sohn, dass der kleine Vogel vielleicht krank ist. In all den Wundern, die wir in den wenigen Tagen erleben dürfen, wohnen auch immer die schattigen Anteile des richtigen Lebens. Wo es hell leuchtet und Erkenntnis möglich ist, lebt um die Ecke der dumpfe Mief der Gleichgültigkeit.

Mrs. Turner beginnt ihren Flaum zu verlieren, indem sie sich putzt. Flügel oder Beine nach hinten zu strecken erfordert Gleichgewichtsgefühl, sonst fällt man um. Diese Entwicklungsschritte erledigen sich ungemein rasch. Reinlichkeit und Beweglichkeit greifen Hand in Hand. Uns fallen dazu die klaren Gedanken ein, die Voraussetzung sind für ein seelisches Gleichgewicht. Im blossen Wahrnehmen und Beobachten von Mrs. Turner fallen uns alle mögliche Metaphern zum menschlichen Verhalten ein. Mrs. Turners Verhalten und Entwicklung zu beobachten wird für uns zu einem bereichernden Lehrstück.

Bleiben am Morgen die gewohnten zarten Rufe aus, stellt sich ein sanftes Vermissen ein. Am Abend zuvor stellte Mrs. Turner ihre ersten Höhenflugversuche an. Die Schwanzfedern sind jetzt etwa zwei bis drei Zentimeter lang. Einem Menschen im Hof konnte sie nachmittags bereits in einem eleganten Bogen ausweichen.
Amseln sind Nestflüchter. Wenn der Amselvater aufhört mit dem Füttern, wird er beginnen, sein Revier zu markieren. Er zwitscherschimpft ohnehin zunehmend.

Zurück im Ärmelhaus rufe ich an, um mich nach Mrs. Turner zu erkundigen. Die Amselmutter lockte Mrs. Turner im höher. Auf eine Stromleitung. Von dort zu einer Dachrinne. Auf das zugehörige Vordach. Und höher auf den Giebel des Nachbarhauses. Es sei wieder ruhig geworden im Hof. Einzig die vielen kleinen Hinterlassenschaften erinnerten noch an Mrs. Turner.
Amseln brüten bis zu drei Mal im Jahr. Sollte es sich also fügen zu einem weiteren Besuch.
Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns dann nochmals den wunderbaren Film Mr. Turner ansehen. Der Gesichtsausdruck und Blick des Schauspielers Timothy Spall und seine häufig lediglich tonalen Äusserungen regten uns zur Amselbenamung an.

(Fotografie anklicken und grösser sehen. Die Fotografien sind alle freihand bei teilweise trüben Lichtverhältnissen aufgenommen. Insofern zählt hier nur der dokumentarische Charakter. Olympus OM-D E-5 Mk II, Zuiko 40-150, 1:4 – 5,6)

Radikalrengdeng-iiiiiihhhh-wemmdeng ~~~ dengdeng!

Beim heutigen Thema wäre ein ruhiger, getragener Trauermarsch angemessen. Stattdessen doch lieber frühlingslebhafter:
Beatsteaks – Muffensausen (2013)…

Es ist nicht mehr zu übersehen. Beim Anblick dieser eigenartigen Reduktion will sich bei mir keine bereichernde Fülle einstellen. Doch, halt – meine Fragen mehren sich. Man kann diese Form der Reduktion sehen als Minderung. Auf hundert Kilometer entlang der Autobahn. An anderen Strassenrändern auch. In Wäldern und an deren Säumen. Neben Gehwegen, öffentlichen Grünanlagen und in Parks. Selbst an Garagenauffahrten. Es geht ein Kahlschlag sondergleichen um im Land.

Einige werden sich an der Stirn kratzen. Kettensägenaktien. Das wärs gewesen. Denn Deutschland probt den Kahlschlag. Da wird gesägt, gehackt und gefällt auf Deibel komm raus.
Dass Kulturlandschaften der Pflege bedürfen ist nur natürlich. Die Frage stellt sich allerdings, wie die Pflegemassnahmen gestaltet werden. Hat man einen Spreissel im Finger, muss nicht gleich der Unterarm amputiert werden.
Genau diesen Eindruck aber vermitteln viele Bäume beim näheren Hinsehen. Denn die meisten Bäume, die ich selbst in Augenschein genommen habe, waren kerngesund. Im ursprünglichen Sinn des Wortes. Zudem fällt unangenehm auf, dass manche Bäume als meterhohe Stammleichen enden. Wer denkt sich diesen Irrsinn aus?
Merkwürdig finde ich überdies, dass man in verschiedenen Bundesländern die gleichen traurigen Resultate dieser Kettensägenmassaker sehen kann. Hinter dem infernalischen Radau könnte man eine konzertierte Aktion vermuten.

In den Momenten weichenden Entsetzens frage ich mich inzwischen, ob es irgendeinen Zusammenhang geben mag zwischen den Wahnsinnsrodungen und den Instandsetzungen beschädigter Brücken. Es scheint, in Deutschland sei derzeit jede zweite Brücke vom Einsturz bedroht. Die Kettensägenarmeen dienen dabei vielleicht zur Kompensation in Bau- und Grünämtern. Wenn schon alle Brücken beschädigt sind und folglich instandgesetzt werden müssen, da wollen wir doch mal der Natur und besonders den Bäumen zeigen, wer die Herren der Sägen sind. Nur der Erfolg wird bewundert. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.
Es mag metapyhsisch klingen, aber vielleicht handelt es sich auch um eine Geräterevolution der Kettensägen gegen die überhandnehmende Herrschaft von Laubbläsern und -saugern. Dabei werden die Sägenbediener durch das schrille Kreischen der Sägen zu nervösem Aktionismus verführt. Wer weiss schon gemau, was in den Seelen einer Motorsäge vor sich geht.

Am Rand eines Kurparks wurde eine ganze Reihe kerngesunder Eiben ohne Hirn und Verstand wirr zusammengesägt. Am tiefsten beeindruckt hat mich dort eine amputierte Eibe. Ein fühlender Mensch hat einen schlichten Blumenstrauss auf dem noch lebenden Stumpf abgelegt. Und die Eibe begann zu weinen.

Beim letzten Waldspaziergang in Begleitung eines Liebmenschen war es immerhin ein kleiner Trost,  recht merkwürdigen Gestalten zu begegnen. Knolliger Erdrauch, Zottelhose und Donnerfluch, so die Namen der Gesellen. Und die Schönheit des Frauenschüchleins konnte bei allem Liebreiz ihr giftiges Wesen nicht verbergen. So eine falsche Osterluzei aber auch.

(Die Trauergalerie öffnet sich beim Anklicken einer Fotografie)

 

Wegbereitungen

Eine meiner Ewigkeitsballaden. A Louse is not a Home. Zu hören auf:
Peter Hammill – The silent Corner and the empty Stage (1974)…

Lebenskonzepte speisen sich aus vielen verschiedenen Ursprüngen. Die Herkunftsfamilie, menschliche Begegnungen und immer wieder besondere Ereignisse. Diese Melange prägt den Menschen über viele Jahre und schafft ihm Mittel und Werkzeuge, um ab einem gewissen Lebenszeitpunkt sein Leben weitgehend selbstbestimmt zu steuern und zu leben. Und für das eigene Denken, Fühlen und Handeln die Verantwortung zu übernehmen.

Meine Herkunftsfamilie entstammt jener Generation, die von einem ehemaligen Kanzler der Deutschen behaftet worden ist mit dem Etikett der Gnade der späten Geburt. Mir fallen die Pubertierenden und Heranwachsenden in jenen Jahren des Krieges ein. Die Jungs durchweg sozialisiert in der Jugend, benannt nach ihrem wahnsinnigen Führer. Die Mädels hatten ihren eigenen Verein. Verballhornt in Bubi drück mich (BdM). Kinder weitgehend beraubt ihrer Kindheit, Jugendliche beraubt ihrer Jugend. Verbogen, verdreht und belogen. Wie anders soll ich es mir erklären, dass damals Fünfzehnjährige Brücken und Kirchen in die Luft gesprengt haben ohne Bedauern. Auch notfalls nicht davor zurückschreckten, einen Menschen, der den Irrsinn nicht weiter mitmachen oder bloss zur Vernunft aufrufen wollte, hinzurichten in den letzten Tagen. Im Angesicht des Untergangs.
Es gab auch Ausnahmen. Da ist mir ein ganz besonderer Mensch bekannt, der zum Flakhelfer gezwungen worden ist. Unter seinen pflichttreuen Kameraden war durch seinen Mut und seine Taten jene bewundernswürdige Ausnahme, die die Regel nur bestätigt. Er hat den Krieg überlebt und arbeitete danach viele Jahre als anerkannter Arzt.

Aufgewachsen im zunehmend industrialisierten südlichen Bembelland. In einem alten Ortskern. Die Kirche gegenüber. Bauernhöfe rundum. Die Landwirte mit kleineren Höfen verkauften und verpachteten im Zug der Flurbereinigung nach und nach. Sie kamen als ungelernte Arbeiter in den umliegenden Fabriken unter. Noch war der Faselstall in Betrieb. Auf dem alten Rathaus wurde zuverlässig jedes Jahr das Storchennest besiedelt.
Im Herbst kam der Holzschneider mit dem Lanz Bulldog. Auf dem Traktor war hinten die Bandsäge montiert. Er schnitt den Bauern das Holz für den Winter. Die groben Stücke wurden auf dem Knittelkarren nach Hause geschafft und dort ordentlich in feine Scheite gehackt. Erscholl der Ruf „Ahl Eise, ahle Öfe“ oder gar „Zigeuner!“, dann wurde der Riegel des Hoftores vorgelegt. In unserem Hof erinnere ich mich an den alten Holztisch. In der Kirschen- oder Pflaumenzeit sassen Frauen drumherum. Vor ihnen angeschraubt an der Tischplatte die handbetriebenen Maschinchen zum Entkernen der jeweiligen Früchte. Samstags brachten Bauernfrauen ansehnliche quadratische Bleche in die Backstube. Die Kuchen darauf wurden in der letzten Hitze des mächtigen Backofens ausgebacken. In der Waschküche eines Hofes stand der grosse Kupferkessel. Von unten befeuert wurde darin das Schweinefutter gekocht, zu Zeiten auch die Wäsche gewaschen. Zur Pflaumenernte versammelten sich die Frauen, um in wechselnden Schichten den Latwersch, das Pflaumenmus, im Kupferkessel einzukochen. Im Spätjahr wurde geschlachtet. Wir Kinder waren dabei. Welcher Junge dem Metzger am besten zur Hand ging mit kleinen Diensten, dem schenkte er die Schweinsaugen. Es war ein bescheidenes Vergnügen, den kreischenden Mädchen die Augen nachzuwerfen. Psychologen traten ihren Dienst später wegen ganz anderer nicht zu vergessender Ereignisse an. So viele Geschichten schwimmen im Brunnen der Erinnerung.

Was ich als Kleinstärmel tief internalisiert haben muss, war das Wort artig. Artig sein. Und Sauberkeit. Auf alten Photographien sehe ich ein männliches Kind. Im Anzug oder verkleidet in bayerischer Maskerade. Die zweiteiligen, kratzigen Wollstrümpfe und das Tirolerhütchen sind auf keiner Photographie zu sehen. Meisthin mit einem Lächeln. Damals noch. Dass ich mich, der Familienerinnerung nach, im Alter von zwei Jahren geweigert habe, mich von Frauen anfassen zu lassen, es war vielleicht Instinkt. Ein Jahr später nahm mich eine Verwandte mit zum Einkaufen. Während ihres Schwätzchens mit der Inhaberin des Kolonialwarenladens nahm ich aus der Bonbonniere zwei kleine Kaugummis. Ohne zu fragen. Zuhause wurde auch ich nicht gefragt. Ohne weitere Erklärungen schritt man zur Tat. Mein drittes Lebensjahr, ich habe es überlebt. Und auch die weiteren kraftvollen Versuche, einen kleinen Menschen abzurichten und zu dressieren in Wort und Tat. Die Gnade der späten Geburt machte nicht wenige Eltern zu gnadenlosen Dompteuren. Unmenschlich und selbstgerecht.

Welche Wege wird ein Mensch beschreiten mit diesem Erbe seiner Herkunft. Das Leid der anderen Kinder in den Nachbarschaften war da kaum ein Trost. In der vierten Klasse überbrachte die Lehrerin die Nachricht. Ein Klassenkamerad hatte sich aufgehängt.
Viele Eltern blieben ohne Schulabschlüsse. Einige wenige, vorwiegend Männer, hatten ein Notabitur. Frauen betrieben häufig ohne Ausbildung die Familiengründung. Kleinbürgerliches Umfeld mit den üblichen Auffälligkeiten. Einblidung statt Ausbildung. Der Traum von der Reise nach Italien und dem jährlichen Mehr (sic!). Zur Arbeit noch immer mit dem Rad, aber nächstes Jahr mit dem NSU Quickly. Und als mit der hochspezialisierten, feinmechanischen deutschen Wertarbeit für einen weit entfernten Korea-Krieg das deutsche Wirtschaftswunder endlich begann, durfte man von einer 200er Zündapp träumen. Und endlich neue Möbel. Und so weiter. Fast jeder Mensch meines Alters, mit dem ich über diese Themen sprechen kann, kennt die gleichen geschusterten Legenden. Familiengeschichten gestrickt und gehäkelt.

Die Frage bleibt. Welche Wege wird ein Mensch beschreiten mit diesem Erbe seiner Herkunft? In meinem Fall war der Rucksack voll mit einem ganzen Arsenal an Verhaltensauffälligkeiten. Dies wiederum bedeutete Strafen, etliche Schulwechsel und immer wieder wechselnde Bezugsgruppen. Straucheln ohne zu fallen ist eine artistische Kunst. Artig und artistisch liegen nicht nur phonetisch dicht beeinander. Wer neben der Kümmernis und Qual (und die Lehrer und Lehrerinnen sollen bei dieser Gelegenheit genau erinnert werden) auch die kleinen Freuden erlebt und verinnerlicht hat, wer auch Gutherzigkeit, Milde und Humor erfahren durfte, der hat einiges Brauchbare für weite Horizonte späterhin.

Rettungen boten immer wieder die kleinen Fluchten. Anfänglich die verwirrend schönen Fieberträume während der jährlich zweimalig wiederkehrenden Halsentzündungen. Im Winter einmal ausgebüxt in Hausschuhen. Aufgetaucht und wiedergefunden in der Volksschule inmitten einer Meute lachender Kinder. Auch die geheimen Gänge in die Kirche gegenüber. Darin die Gemälde an den Wänden und der Decke bewundern und sich in Phantasien verlieren. Heute sind die Kirchen hier im Umkreis durchweg verschlossen. Ob Kindern ein gleichwertiger Ersatz geboten wird?
Dann die folgenschwere Begegnung mit der Literatur. Dieser Hang wurde im Ärmelhaus befeuert, ohne die möglichen Konsequenzen zu bedenken. Schliesslich las man selbst, war von Anfang an Kunde bei einem Lesering. Als man bemerkte, dass der eigene Spross ganz anderes als Ganghofer und Rosegger las und mit ganz anderen Auswirkungen war es zu spät. Die Dressur war misslungen. Man hatte sich eine Laus ins Haus gesetzt, die einem in allem und jedem widersprach und dabei kaltschnäuzig die Unzulänglichkeiten und Fehlleistungen nachwies. Und vor allem die Lebenslügen. Überlegenheitsgefühle in Gummiwänden. Nur allzu rasch verpuffte die Wirkung. Wer austeilen will muss auch einstecken können. Und wer schon als kleines Kind gelernt hat zu überleben, der kann viel einstecken.

Menschen ausserhalb der Familie waren auf meinen Wegen Überlebensretter und eine unschätzbare Hilfe gleichermassen. In anderen Zusammenhängen hier im Blog habe ich sie als meine menschlichen Engel beschrieben. Diese Menschen waren richtungsweisend. Sie haben mich vor Schlimmerem bewahrt. Ihre Impulse waren förderlich. Manche ihrer Sätze oder Ansichten haben mich verstört oder empört. Und sich dennoch Jahre später als richtig und berechtigt erwiesen. Mein Dank ihnen gegenüber währt lebenslänglich. Davon demnächst mehr.

Rahmenabsteckung

Ich werde mich daran gewöhnen müssen, diese unerwünschten Nachrichten als naturgegeben hinzunehmen. Meine musikalischen Helden kommen in die Jahre. Family, King Crimson, Roxy Music, Phil Manzanera (801), U.K., Uriah Heep oder Wishbone Ash waren die vielleicht bekanntesten Gruppen, für die John Wetton (12.6.1949 – 31.1.2017) den Bass zupfte…

Meine gegenwärtige Lebensphase wird geprägt von einem Projekt unter dem Titel Fülle durch Reduktion. Wie kommt man zu dem Begriff oder der Metapher von der Fülle durch Reduktion? In meinem Fall stehen dafür individuelle Prägungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir auf meinem eigenen Lebensweg zuteil geworden sind. Insofern wird es in weiteren Beiträgen nicht um komplizierte theoretische Blasen gehen oder abstraktes Geschwurbel. Es wird um die Praxis meines Alltags gehen. Um die darin auffindbaren Möglichkeiten und die Grenzen des individuell Machbaren.
Insofern wird es hier in diesem Blog persönlicher werden. Dazu ermutigt haben mich neben zahlreichen persönlichen Gesprächen auch die Mehrzahl der letzten Kommentare. Wenn Menschen, die in der nächsten Zeit hier vorbeischauen, für sich eine brauchbare Anregung in den Themen finden sollten, dann wäre das ein erfreulicher Erfolg für alle Beteiligten.

Bei der Fülle durch Reduktion handelt es sich um einen grundlegenden Paradigmenwechsel von quantitativen hin (oder zurück) zu qualitativen Werten. Jeder, der das weltweite Geschehen aufmerksam beobachtet, kann bemerken, dass der Masse Mensch qualitatives Wertedenken durch ein Quantitatives weitgehend bereits ersetzt worden ist. Dieser Prozess ist gesteuert. Interessiert sind dabei nicht nur Konsumartikelproduzenten. Die herrschenden Eliten im allgemeinen haben daran ein Interesse. Ihr Werkzeug dabei ist der Wettbewerb um jeden Preis. Jeder gegen jeden. Und dabei die Marionettenspieler und Strippenzieher nicht erkennen.

Dreh- und Angelpunkt für die sich weltweit zuspitzende Notlage jedes einzelnen Menschen ist für mich das bürgerliche Gesellschaftssystem im demokratischen Gewand. Nicht umsonst wird in unserem Land bei jeder sich bietenden Gelegenheit den bürgerlichen Werten, dem Wettbewerb und der Demokratie das Wort geredet. Die böse Dreieinigkeit vor der kein Entkommen möglich scheint. Es fehlt die Möglichkeit einer Alternative. Das kommunistische System, das ebenfalls ein bürgerliches System gewesen ist, war zum Untergang bloss früher als das kapitalistische System verurteilt. Und die jetzigen Populisten denken ebenso wenig an die Menschen, es geht ihnen um Macht und Geld.

Jeder kann es wissen, kaum jemand will es wahrhaben und über allem schweben die Hoffnung, von allem Üblen verschont zu bleiben und der gleichzeitige Wunsch nach ein wenig „Mehr“ bitteschön. Etwas mehr Luxus, ein besseres Gehalt, Immobilieneigentum, das neue Kraftfahrzeug, Hobbies. Mehr mehr mehr.
Auch ich stelle schmerzlich fest, immer wieder von „Verbesserungswünschen“ heimgesucht zu werden. Einziger Trost dabei ist mir die Wahrnehmung, noch immer ein Teil meiner menschlichen Umgebungen zu sein.
Optimierung lautet ohnehin die Parole. Politik und Industrien machen es deutlich. Die entscheidenden Fragen beginnen nicht mit warum sondern mit wie. Wie machen wir das? Statt, warum wir machen das? Das ob wird dabei gleich mitabgeschafft. Beispiele dafür kann man in jedem Moment Dutzende finden. Kritische Einwände, ob dies oder jenes sinnvoll ist oder ob es überhaupt der Menschheit dient, werden handstreichartig weggewischt. Man wird verdächtigt, zurück ins Mittelalter zu wollen. Wird überschüttet mit Häme.
Ich hätte nichts gegen bestimmte Formen mittelalterliches Lebens. Der feudale Haushalt, Oikos (daher kommt das Wort Ökonomie), war vereinfacht gesagt eine primitive Art sozialstaatlichen Handelns. In etwa also das, was die bürgerlichen Parteien bei uns gerade restlos am vernichten sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist gewollt.
Ich empfinde mich aber gleichsam in der griechischen Antike lebend. In einer derartigen Demokratie. Damals hatte mitnichten das Volk ein Mitspracherecht an den politischen Prozessen. Es waren lediglich die Freien, d.h. diejeinigen Menschen, die nicht um ihre alltägliche Notdurft arbeiten mussten. Diese reiche Elite, und nur sie hatte ein wirkliches Mitspracherecht an politischen Entscheidungen. Der grosse Rest waren Unfreie und Halbfreie, denen grundlegende Rechte fehlten. Das wird heute gerne verschwiegen. In Deutschland gibt es noch immer nicht das Instrument des Volksentscheids.
Damit ist der grosse Rahmen abgesteckt, indem sich meine Motivation entfaltet hat, manches wenigstens versuchsweise zu verändern. Aussteigen kann ohnehin niemand mehr. Das beste Beispiel dafür liefern prominente Aussteiger selbst. Und wenn sich ein Exkommunarde und Schaulinker wie Rainer Langhans im Dschungelcamp für Geld produziert, dann pfeifens die Spatzen von den Dächern.

                    Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein mittelwinterlich herzfrostfreies Wochenende.

 

2017 – immer horsche immer gugge – egal wo und wann

Ich freue mich aus mir unerfindlichen Gründen auf die erste Scheibe mit dem Jahresaufdruck 2017. Dabei gibt es wahrlich genug Musik im Ärmelarchiv. Bis dahin: Magic Sam – West Side Soul 1967)…

Das neue Jahr beginnt. Ich misstraue den guten Vorsätzen in der Silvesternacht. Aus eigener Erfahrung und in der Erinnerung an die Vorsätze anderer Menschen. Die Halbwertzeit dieser Vornehmungen ist bedauerlich kurz.
Dagegen vertraue ich auf andauernde Metamorphosen. Verwandlungen, umso langfristiger desto besser.

Machsten du an Silvester?
S gibt verschiedene Einladungen. Lust hätte ich auf was ganz Ruhiges.
Zwei Silvester habe ich auf Intensivstationen verbracht. Nicht wegen eines Abusus gleich welchen Ursprungs. Davon ist etwas geblieben.
Und du?
Wie gewohnt. Mit Freunden, die das Haus auf der Insel haben.
Na, das wird sicher wieder stimmungsvoll. Viel Spass dabei. Wir werden telefonieren.

Klar, gerne. Fein, lass uns was zusammen machen. Auf schön ruhig freue ich mich.
Wir können uns was kochen. Prima Musik. Lecker Getränke.
Lass uns ein schlichtes Menu ausdenken.
Klasse Idee.

Was ist denn los? Ist dir nicht gut?

Silvester im Krankenhaus geht garnicht. In besagtem Krankenhaus sind ab einundzwanzig Uhr keine Besuche(r) mehr erlaubt. Auch nicht an Weihnachten oder Silvester. Schliesslich ist ein Krankenhaus heutzutage ein betriebswirtschaftlich organisiertes Unternehmen. Wirtschaftsgegenstand sind Menschen und deren Krankheiten. Damit wird Geld verdient. Und mit dem Geld werden Arbeitsplätze geschaffen und erhalten. Oder auch abgebaut.
Der kranke Mensch ist der eine Aspekt in diesem Wirtschaftskreislauf. Und die Zertifizierungen des Medizinalunternehmens der andere, der entscheidende Aspekt.

Die Beobachtungen der letzten Woche, das Horsche und Gugge in der Abteilung jenes Kranken Hauses reichten inzwischen fast für eine groteske Novelle. Wenn die Essenausgabe nach Zertifikat fast schon zu vielfältig – patientenorientiert versteht sich – ist, aber dafür völlig unsystematisch über den Flur und in die Zimmer verteilt wird; das wirft beim stillen Beobachter Fragen auf. Der Reihe nach von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett ginge schneller und ruhiger. Aber das ist eben nicht zertifiziert.
Der – nach eigener Aussage – wegen multiplem Krebs todgeweihte jüngere Mann im Zimmer quer gegenüber erhält Besuch.
Hallihallo, ich bin Melanie vom Wundmanagement, ich bin angerufen worden, um nach Ihrer Braunüle zu sehen. Warum sie nach ihrer Vorstellung wie ein Füllen wiehern muss – hühühühü – wird ihr zertifiziertes Geheimnis bleiben.
Wer beruflich noch unentschlossen ist, sollte sich vielleicht erkundigen, wo man sich zum zertifizierten Wundmanager ausbilden lassen kann. Wundmanager! In welchem Hirn wuchern solche Begriffe?
Mit der älterem Dame im Zimmer gegenüber habe ich mich gerne unterhalten. Sie ist offenbar verwirrt. Ständig gut gekleidet und zur Abreise bereit. Ihre Tasche steht bereits nach dem Frühstück perfekt gepackt auf ihrem ordentlich gemachten Bett. Ich kann mich ganz ernsthaft mit ihr bereden. Über ihre Sorge etwa, ob die Tischdecke jetzt zu gut ihrem Tisch passt. Da liegt zwar keine Tischdecke drauf, ich sehe sie trotzdem und gratuliere ihr zu ihrer guten Wahl.
Die Dame bringt mit ihrer Erscheinung eine angenehme Ruhe in die blau-weiss-kittelige Aufgeregtheit und Wichtigtuerei. Die Assistenzärztin kann nur in Fremdworten. Profilneurosen benötigen keine Zertifizierung. Ich habe das kleine Latinum und einen Internetzugang. Ich höre ihrem aufgeblasenen Gerede zu. Ob sie vom Blasen die geringste Ahnung hat – ich will es lieber nicht wissen, und unzertifiziert tuten braucht sie auch nicht.
Dr. Wichtig beispielsweise. Wahrscheinlich heisst der kaum fünfunddreissigjährige, einsneunzig grosse Mann mit dem Ziegenbart und der intelligent sein wollenden Brille ganz schlicht Müller-Wuppertal. Ständig schnellschrittig von hier nach dort. Ewig gehetzt. Zimmer rein, Zimmer raus. Wichtiger Aktentransporteur auch dem Karriereweg zur Zertifizierung.
Mit vierzig vermutlich selbst Patient in der Kardiologie. Es gibt Menschen, die mit Lichtenberg zu reden, meinen, alles was man mit einem ernsten Gesicht tut, wäre auch eine ernste Sache. Wie lange werden Wichtigtuer noch Konjunktur haben?

Wieso heisst es Krankenschwester aber Krankenpfleger und nicht Krankenbruder oder Krankenpflegerin? Die jungen Krankenbrüder waren durchweg freundlicher im Umgang mit den Patienten als die Krankenschwestern. Das ist mir positiv aufgefallen.

Ich habe viele weitere Beobachtungen sammeln dürfen. Oder müssen. Alles eine Frage des Standpunkts. Mir ist jedoch die grundsätzlich die Gesundheit näher. Gerne auch unzertifiziert.

Das neue Jahr hat begonnen. Es wird ein Gutes werden. Da bin ich mir sicher.
Und nächstes Silvester werden wir mit einem einfachen Menu feiern. Versprochen.
Eigentlich wollte ich das neue Jahr mit einem Beitrag zu einem Kochbuch beginnen. Der wird auch kommen. Zu seiner Zeit.

                                                              (Foto anklicken und gross gugge)