Zum ersten, zum zweiten und… zum vorletzten

Horsche: Van der Graaf Generator – Still Life (1976). Unverwüstliche Texte. Eine meiner Inselplatten.
Lesen: Weiter bei Alice Schmidt – Tagebuch 1955.
Essen & Trinken: Im Spätherbst und Winter ist Eintopf- und Suppenzeit. Eine kräftige Elsässer Zwiebelsuppe und dazu einen feinfruchtigen Riesling.
Schaffe: Man wirds zum letztmal hier lesen: weiter gehts Zentimeter für Zentimeter mit der Entfernung der alten Ausgleichsmasse, um den 140 Jahre alten Dielenboden freizulegen. In den Räumen soll man wieder atmen können. Und wir wollen darin Menschen begrüssen.
Gugge: Eine Doku auf arte.de. Bryan Ferry : Don´t stop the Music / 2019. Eine Art filmischer Biographie. Ich bin Roxy Music Fan der ersten Stunde. Seine Soloalben gefallen mir weniger. Dafür imponiert er mir als Mensch umso mehr. 

 

Der vorletzte Beitrag dieses Jahres. Statt einer vertieften Analyse eher eine Aufzählung von Wahrnehmungen. Was mit der  momentanen geistigen Situation korreliert. Hans Wollschlägers klugen Essay „In diesen geistfernen Zeiten“ könnte ich wieder einmal lesen.

Ganz klar beherrscht das Thema Nummer eins das gesellschaftliche Klima und nimmt einen breiten Raum ein in diesem Jahr.

Von einer Landeszentrale für politische Bildung erhalte ich per Mail eine Einladung zu einem Online-Vortrag „Geschlechtergerechte Klimapolitik“. Eine menschengerechte Klimapolitik wäre wahrscheinlich zu wenig.
Überhaupt besteht aus der Krise heraus die Chance, dass die Verantwortung tragenden Politiker beginnen, den politischen Willen am Bedarf der Umwelt und der Bevölkerung auszurichten und nicht an den Bedürfnissen einiger weniger Konzernherren und Spekulanten. Wachstum ist sowas von out. Denn es gibt keinen lebenden (Wirtschafts)Organismus, der stets nur wächst. Ausser der Krebskrankheit vielleicht. Alle natürlichen Organismen existieren im Werden und Vergehen.

Wer das noch immer nicht glauben will – und ein weiser Satz lautet: Irgendwann muss jeder mal dran glauben – der lese zur Ergötzung die „Grill-Bibel“ eines Herstellers von hochpreisigen Freizeitapparaturen zur erhitzten Speiseherstellung.

Wer das Pech hat, während einer Autofahrt die Werbungen nicht rechtzeitig wegzuschalten, wird angeschrieen. Da werden die möglichen Kunden nicht mehr angesprochen, sondern mit aggressiv erhobener Stimme regelrecht unter Druck gesetzt. Kaufenkaufenkaufen.
Ich korrigiere mich. Eine neuere Werbung ist mir in Erinnerung geblieben, wegen der ruhigen Stimme, mit der eine Frau den Werbetext vortrug. Und besonders wegen des letzten Satzes. Es ging um ein Schlafmittel. Im letzten Satz sagte die Frauenstimme: „Schlafmittel, ich danke Dir.“ (Der Name des Mittels tut hier nichts zur Sache). „Schlafmittel, ich danke Dir“.

Selbst aus dem von mir geschätzten Fernsehkanal arte ergiesst sich neuerdings eine wahre Flut von Serienfilmen. Und ich dachte bisher, dass dieser Fernsehsender eher für künstlerisch oder dokumentarisch anspruchsvollere Formate stünde.

Es nimmt nicht Wunder, dass sich sonderbare Phänomene auch in der virtuellen Welt der Blogs offenbaren. Ich vermisse die Beiträge einiger kluger Blogger. Vor ein paar Jahren bereits zogen sich manche zurück. Immerhin konnte der Interessierte die Gründe für das virtuelle Schweigen in Erfahrung bringen. Das änderte sich in diesem Jahr sehr. Über die Beweggründe kann man allenfalls spekulieren. Andererseits sitze ich in gewisser Weise mit in diesem Boot.
Seit mehreren Jahren schreibe ich immer weniger Beiträge. Lese in mehr Blogs als ich abonniert habe. Das hat in diesem Jahr nochmals kräftig abgenommen. Ich bewege mich selbst auf dem Weg hin zum Abschied.
Ich habe durch die vielen persönlichen Begegnungen immer weniger Zeit im virtuellen Raum zugebracht. Und wenn, dann aus anderen Gründen, als in Blogs zu lesen. Zumal auch dort das Thema Nummer eins sehr viele Virtuellkommunikatoren auf unterschiedliche Weise beschäftigt.

Was mich intensiver beschäftigt, sind die Vorteile und Chancen, die sich aus der Pandemie ergeben. In unseren zahlreichen Gesprächen mit Freunden, Bekannten und auch mit Arbeitskollegen oder Kunden konnten wir erfahren, dass sie alle zumindest einige persönliche Vorteile und konkrete Wünsche zukünftiger Veränderungen benannten. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich in den letzten Jahren überhaupt mit so vielen Menschen, darunter auch gänzlich fremden, über das tagesaktuelle Thema intensiver ausgetauscht habe.

Zurück zum ersten Absatz. Stichwort Wachstumsfanatiker. Heute hörte ich die ersten Wirtschaftsprognosen. Am frühen Morgen bereits die Zahl von vierhundert Milliarden (Vierzehn Nullen will ich nicht tippen) Euro, die in diesem Jahr zum BiP fehlen würden. Wer diese Zahl errechnet hat und auf welchen Grundlagen wurde nicht gesagt (Stattdessen lullt der Sender die Hörer mit dem wiederkehrenden Satz ein: „Mit uns sind Sie immer gut informiert“). Wenige Stunden später verkündete ein anderer Wissender, dass „die Verluste der Wirtschaftskraft dieses Jahres wahrscheinlich schon im ersten Quartal 2021 wieder ausgeglichen sein werden“. Woher der Mann das bereits weiss, wurde nicht gesagt. Sie ahnen es: „Mit uns sind Sie immer gut informiert“.

Die Situation ist neu. Aber es gibt doch erkennbare Strukturen, die einen versichern, dass sich noch vieles ändern muss.
Die fetten Geldsäcke haben selbst in (an?) dieser globalen Krise hervorragend verdient. Es steht nicht zu erwarten, dass diese Menschen freiwillig etwas abgeben werden, von dem, von dem sie ohnehin zu viel haben. Soweit die materiellen „Sorgen & Ängste“ dieser Leute.
Fast noch bedauerlicher finde ich, dass die Menschen, die reichlich versorgt sind mit Haus, Garten und vielen (Wohlstands)Bequemlichkeiten, die ihnen mannigfaltige (Bewegungs)Freiheiten ermöglichen, dass von dieser Gruppe ein lautes Klagegeschrei ertönt, weil sie nicht fähig oder Willens sind, sich auch nur vorübergehend ein wenig einzuschränken in ihren egoistischen Wünschen.
Deren Gezeter ist ein Faustschlag ins Gesicht all der Menschen, die mit dem Wenigen, was sie haben, irgendwie auskommen müssen. Die in einem Vielfamilienhaus wohnen und nicht über Gärten oder Wochenendimmobilien als Ausweichquartiere verfügen. In Hessen wurde heute ein verschärfter lock-down beschlossen. Wir haben das Glück, über ein Haus und einen Garten zu verfügen.

 

Ich persönlich habe in diesem Jahr so viel Glück erlebt. Ich bin gesund, kann arbeiten und geniesse mein Lieben mit meinen Herzensmenschen. Ich habe neue Bekanntschaften gemacht und uralte Verbindungen wurden wie zufällig neu geknüpft. Ich habe viel Neues gelernt und manch anderes Wissen vertieft.
Diesen Blog habe ich aufgrund des Wunsches eines Bekannten begonnen. Er inspirierte mich dazu, Berichte über mein Leben und Arbeiten in anderen Ländern, meine Reisen, illustriert mit meinen Photographien zu publizieren. Viele Menschen haben diesen Blog verfolgt. Sogar private Freundschaften sind aus diesem Medium heraus entstanden. Darüber freue ich mich und dafür bin ich sehr dankbar. Ich lebe wieder in Deutschland. Dieser Blog hat seinen ursprünglichen Zweck erfüllt.
Nach meinem traditionellen Jahresendbericht (folgt demnächst) werde ich diesen Blog schliessen. In einem neuen Webprojekt werde ich ausschliesslich über Menschen berichten. Allesamt bin ich ihnen persönlich begegnet. Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Herkunft, auf ganz unterschiedlichen Situationen und auf verschiedenen Kontinenten. Sie alle haben mich durch unser Zusammentreffen auf ihre ganz persönliche Art berührt und beeindruckt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliche Adventszeit. Passen Sie auf sich auf und lassen Sie sich weder viral noch geistig infizieren. Von einer der eben erwähnten Persönlichkeiten habe ich einen Satz erhalten, der für mein Leben gilt: „Geh´ Deinen eigenen Weg, alles andere ist Irrweg“.

 

 

 

 

 

Advent und Endspurt

Horsche: Arno Schmidt liest aus seinen eigenen Werken. Was und wie er liest ist hörenswert. Daneben lösche ich weiterhin tüchtig aus dem Musikarchiv. Bei manchen Musikern bleibt allenfalls eine Zusammenstellung übrig. So viel verliert an Bedeutung.
Lesen: Alice Schmidt : Tagebuch aus dem Jahr 1955. Die Frau Arno Schmidts notierte das Alltagsleben des Paares sehr eindrücklich.
Essen & Trinken: Gestern wurden die aller(vor?)letzten neben der Heizung erröteten Tomaten zu einer köstlichen Tomatensauce gekocht. Dazu gabs feine Safrannüdelchen.
Schaffe: Und immer weiter gehts Zentimeter für Zentimeter mit der Entfernung der Ausgleichsmasse, um den 140 Jahre alten Dielenboden freizulegen.
Gugge: Unbewegte Bilder diesmal. Photographien aus einem sogenannten Auschwitz-Album. Keine Brutalität ist zu sehen. Scheinbar beiläufig aufgenommene Dokumente, die mich innerlich um so mehr bewegten.

Ein absolut aussergewöhnliches Jahr läuft auf sein Ende zu. Ein Jahr mit dreizehn Vollmonden. Wir haben die Verwirrungen im Garten erlebt. Die „frühen Karotten“ waren gegen Ende September bereit zur Ernte. Zucchini verfaulten im frühen Stadium der Reife. Die Schokoladencosmeen blühten wie noch nie: allerdings erst ab Oktober.

Viele Menschen erkannten es und sprachen es seit Jahren aus: So kann es mit dem Wohlstand und dem Zustand der Welt nicht mehr weitergehen. Es muss sich etwas ändern! Auch ich habe in dieser Art gesprochen.
Niemand ahnte jedoch, wie die Veränderungen stattfinden sollten. Niemand sprach das Wort Krieg laut aus. Vor allen Veränderungen stellen sich Unsicherheiten und Ängste ein. Es gibt eben nicht viel Veränderung oder nur ein bisschen Veränderung. Veränderung ist Veränderung. Und umso grösser, desto unverhoffter kommt die Veränderung. Und jeder hofft, dass kommende Veränderungen im eigenen Leben keine Nachteile oder gar Unbequemlichkeiten verursachen. Schon beginnt die Suche nach den Schlupflöchern.

Die Realitätsgestörten, die bereits jetzt von einer Diktatur bellen, bringen sie selbst herbei. Sie verhalten sich asozial und verantwortungslos mit ihren quer“gedachten“ Aufmärschen. Wo immer sie erscheinen in ihrer grenzenlosen Rücksichtslosigkeit, wird der Ort danach zu einem neuen Hotspot. Und sie kapieren nichts.
Eine Nachbarin radikalisiert sich. Spricht von der kommenden „Impfdiktatur“. Weiss nichts über Impfstoffe und deren Zulassung. Nichts vom kommenden Procedere. Nichts von den Zeitplänen. Nichts von den Kosten. Weiss nichts ausser, dass da eine Impfdiktatur kommen werde. Dass sie nur williges Werkzeug zur Errichtung einer möglichen Diktatur wird, ahnt sie in ihrer Verblendung nicht.
Die konstruktiv und klar denkenden Menschen mit ihrem Verantwortungsgefühl und ihrem sozialen Tun mögen uns vor dem Querdenkergesindel, den Ewiggestrigen, den Vergnügungssüchtigen, den Konsumabhängigen und den Faschisten von rechts und links bewahren.

 

Es wird sich noch viel mehr verändern in den kommenden Jahren, als sich viele Menschen derzeit vorstellen können oder wollen. Der Corona Virus ist ein Anfang in körperlicher Hinsicht. Die sich anschliessenden sozialen Auswirkungen erleben wir in ihren Anfängen. Die Bundesregierung unterstützt mit Geldern. Es wurde schnell klar, dass die Inhaber von Kleinbetrieben finanzielle Hilfe brauchen. Ebenso der gesamte Bereich der Kulturschaffenden. Wie lange das ausreichen wird bevor es zu einer Katastrophe kommt, hängt beträchtlich auch vom Verhalten der sogenannten quer“denkenden“ antisozialen Fraktion ab.

Ich hoffe, ich kann alle meine Familienmitglieder in der Weihnachtswoche hier empfangen. Der Reihe nach versteht sich. Wir haben Verabredungen getroffen, dass wir uns in diesem Jahr nicht alle gleichzeitig treffen werden können.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine wache Adventszeit und genügend Abwehrkräfte gegen den Blödsprech hier und dort. Soziales Miteinander ist ein uverzichtbares Lebensmittel.

 

(Irgendwo in diesem Lande : Querdenkers zukünftiges Traumhaus)

 

 

 

 

 

 

Sprichwörter im Lauf des Lebens

Horsche: Kettcar – …und das geht so (2019).
Lesen: Johannes Roth : Gartenlust. Fünfzig Bumenstücke und Anleitungen zur gärtnerischen Kurzweil. München, Keysersche Verlagsbuchhandlung. 1989.
Essen & Trinken: Heute werden die letzten neben der Heizung erröteten Tomaten zu einer köstlichen Tomatensauce gekocht.
Schaffe: Fertigstellung der kompletten Zerlegung und Überarbeitung eines fast siebzig Jahre alten Damenrades.
Gugge: Beeindruckende Dokumentationen über das Oder-Delta und den letzten Rheinfischer. „Altes Land“ – ein Zweiteiler mit schlapper Handlung, dafür aber grossartige Schauspieler und imposante Bilder.

 

Auf auf jetzt! Alle LemmKonsumlinge in die Startlöcher. Und kräftig hecheln und sabbern nicht vergessen. Der schwarze Freitag naht. Im Autoradio schreit es immer lauter und auf/eindringlicher. Kaufen kaufen kaufen. Weh denen, die jetzt nicht zuschlagen und dafür zahlen. Die werden ihre Unzufriedenheiten und Aggressionen (wo)anders oder an anderen loswerden müssen. Zum Beispiel hier.

„Not macht erfinderisch.“ Ein altbekannte Spruchweisheit. Ihren Ursprung konnte ich noch nicht herausfinden. Was mir ergänzend dazu jedoch immer deutlicher vor Augen tritt ist dies: Wohlstand macht träge und verblödet.
Seit Jahren hören ich in unterschiedlichen Zusammenhängen und von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Bildung den fast immer gleichlautenden Satz: Das kann ja so nicht weitergehen. Gemeint ist die kommerzielle und gesellschaftliche Entwicklung unserer Gesellschaft und der Welt ganz allgemein.
Und jetzt bietet eine globale Ausnahmesituation eine Menge Gelegenheiten, manches zu ändern. Und zwar grundlegend. Stattdessen formieren sich Leute, die sich Querdenker nennen. Ein Sammelsurium von Interessen und Überzeugungen, die man niemandem zum Nachbarn wünscht. Faschisten von rechts und links, unbedarfte aber dennoch gefährliche Träumer, die sich in einer  Diktatur wähnen und angeblich seit Monaten im Widerstand leben. Wirrköpfe auf dem Partymarathon. Und diese krude Mischung geht Hand in Hand demonstrieren.
Mir sind Menschen, die aufgrund kritisch hinterfragter Informationen logisch und gradlinig denken lieber. Quer geht der Krebs. Und seine Scheren zwicken unerbärmlich schmerzhaft.

 

„Zusammengezählt wird am Schluss.“ Diese Lebensweisheit begleitet mich seit Jahrzehnten. Deren Herkunft ist mir bekannt. Damals fuhr ich noch Motorrad. Anfänglich alte zentnerschwere Eisenhaufen, die man sich auch als Schüler für kleines Geld aus Schuppen oder Scheunen ziehen konnte. Die Eigentümer hatten längst einen Kraftwagen in der Garage stehen. (Und ihre Frauen freuten sich, dass die stinkenden Knatterdinger endlich aus dem Haus kamen. Da fallen mir gleich einige famose Erlebnisse ein).
Aber es gab auch die älteren Männer, die unbeirrt weiterhin ihr Krad bewegten. Sei es, weil sie keine Fahrerlaubnis für Kraftwagen besassen, oder weil sie eben „schon immer“ Motorrad gefahren sind. Das bedeutete nicht selten, sie waren Kradmelder im letzten Krieg.
Einer ist mir noch gut erinnerlich. Der trieb ein Wehrmachtsgespann von BMW hinter der Front. Aufgepflanztes MG auf dem Seitenwagen. In meiner Jugendzeit fuhr der Mann eine BMW R69. Wenn er die angetreten hatte und auf dem Sattel sass, verwandelten sich für ihn die Strassen zwischen unseren Dörfern in schlammige russische Wege und die Felder ringsum in die Taiga. Ich bewunderte ihn für seine Gleichmässigkeit. Die immer gleiche vorsichtige Fahrweise, die gleichen Kleidungen im Sommer und im Winter, die immer gleiche Sitzhaltung auf dem Bock. Er kannte den Spruch auch. Wenn auch in einem anderen Kontext.

Wir fuhren mit unseren Motorrädern gelegentlich zu Veteranentreffen. Manche fanden auf bekannten Rennstrecken statt. Da konnte man ehedem bekannten Rennfahrern begegnen, die auf alten Rennmaschinen ihre Runden drehten. Und dann die „Benzingespräche“ zwischendurch. Wer weiss, wo man diesen Vergaser oder jene Zündspule für meine Zündapp noch finden kann? Wie löst man dieses oder jenes Problem mit der Schwinge einer 350er DKW? Es gab viel zu lernen.
Einmal sprach mich einer dieser alten Helden wegen meiner kleinen 450er Ducati Desmo an. Technik. Fragen und Antworten. Ob ich wohl einige Runden drehen würde. Ich verneinte. Ich wolle die Maschine (und mich) nicht schrotten. Es ging noch ein wenig hin und her. Im Verlauf unseres Gespräches – und ich erinnere den Zusammenhang nicht mehr – sagte er: „Zusammengezählt wird immer am Schluss“.

In scheinbar tiefster Vergangenheit, also vor etwa siebzig Jahren, waren selbst hubraumgewaltige Rennmotorräder behäbig und langsam im Vergleich zu einer durchschnittlichen Maschine heutzutage. Stürzte ein Fahrer im Rennen und verletzte sich dabei nicht folgenschwer, so konnte er häufig das Rennen fortsetzen. Und mit Können und etwas Glück sogar noch gewinnen. Deshalb wussten es die Rennfahrer damals. Zusammengezählt wird am Schluss.

Im Lauf meines Lebens hat sich dieser Satz so oft bewahrheitet, dass er für mich fast schon zu einem Lebensmotto geworden ist. Er scheint auch treffender als ein anderer Satz, der nur scheinbar das gleiche meint. „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“. In jungen Jahren zitierte ich diesen Satz bei manchen Gelegenheiten. Heute erkenne ich einen fundamentalen Unterschied. Im Zusammenzählen steckt Arbeit und abwarten können; geduldig sein und dranbleiben. Er bezieht sich auf mich.
Im Satz vom zuletzt Lachen steckt zwar auch das Abwarten. Aber wo immer man diesen Satz hört, schwingt doch etwas von Rache oder zumindest Häme mit. Es geht nicht nur um den eigenen Sieg sondern auch um die Niederlage des Gegners.

 

Die französische Fahrradindustrie experimentierte seit den 1930er Jahren mit verschiedenen Rahmenformen. Eine davon hatte ein doppeltes Oberrohr. Die nahe Hanau am Main ansässige Fahrradfabrik Bauer bewarb diese Form als „französisches Modell“. Zusätzlich wurden andere Attribute übernommen, die als französische Eigenschaften wahrgenommen wurden. Diese Fahrräder hatten ein sportliches Design, tief heruntergezogene Schutzbleche aus Aluminium, rutschsichere Pedale aus Metall, serienmässig keinen Ständer und andere Details. Sie waren als Tourensporträder ausgelegt. Seit den 1970er Jahren prägte man den Begriff Mixte für diese spezielle Rahmenform.
Die Fotografien zeigen ein Damenrad. Ein guter Freund war im vergangenen Sommer so freundlich, es beim Verkäufer abzuholen und bei sich zwischenzulagern bis zur Abholung. Nach der kompletten Zerlegung und Überarbeitung ist es wieder fahrbereit. Und es geht auch ohne Gangschaltung ab wie die Luzi. Die optischen Blessuren verschweigen ein langes Leben nicht. Und sie sollen es auch nicht. Anhand der Rahmennummer wurde das Fahrrad 1952 oder 53 produziert.
Sollte einer meiner geschätzten Besucher, Leser oder Gugger ein entsprechendes Herrenfahrrad sichten, so bitte ich um eine umgehende Benachrichtigung.

 

 

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern Gesundheit und eine erfreuliche Zeit. Mit klarem Blick versteht sich. Denn zusammengezählt wird am Schluss.

 

 

Beruf, Berufung, Karma oder Heringssalat in Tomatensauce?

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Die interessante Bedienungsanleitung für einen Kettennieter. Nützliche Hinweise zu Torpedo Dreigang-Schaltungen.
Essen & Trinken: Kohlrabigemüse mit Kerbel und dazu Bamberger Hörnchen. (Die Gurke aus dem Blumenkasten ist aromatisch und geschmacklich ein Kracher).
Schaffe: Planungen für weitere Modernisierungsmassnahmen am Haus.
Gugge: „Kundschafter des Friedens“ Ein schöner Film. Grandiose Besetzung. In memoriam Michael Gwisdek. Auf arte.de…

 

Phimbo. Scheriff. Pongo. Knüppel. Vogta. Käsje. De Ohm. Clemens B.. Kröner.

Die alte Garde.

Ich muss vorsichtig sein. Schliesslich habe ich selbst einige Jahre… Zu meiner Entschuldigung bringe ich vor, dass es reiner Zufall war. Damals auf dem Flughafen Schipol in Amsterdam.
Wir warteten auf den Rückflug nach Südamerika. Da sprach mich der Direktor einer Deutschen Schule an. Sie sind doch… und haben…
Meine Litanei von Ausreden. Ich bin eigentlich in Südamerika weil… Nein, zur Zeit arbeite ich mit kolumbianischen Exilanten… Nein, ursprünglich kam ich hierher, um … Ich bin unsicher, ob ich der Richtige…

Natürlich habe ich zwei Tage später mein CV abgegeben. Es gibt Verführungen und Herausforderungen (im positiven Sinne), denen ich kaum widerstehen kann. Und bin so aufgrund meiner Ausbildung und Studien Lehrer geworden. Ich sass im Lehrerzimmer und in Konferenzen.
Jahrelang hatte mich die Schulbank gedrückt und nun sass ich auf der anderen Seite. Ein Fremder neben merkwürdigen Menschen.

Ein Verräter an der Sache?

Kommt drauf an, welchen und vor allem wie man Unterricht gibt.

Meine Nachteile: mir fehlte ein Referendariat. Ich wusste nicht, wie man einen vorgegebenen Lehrplan umsetzt. Ich hatte überhaupt wenig Ahnung von diesem Geschäft.

Meine Vorteile: ich hatte das wirkliche Leben kennengelernt. Also nicht diesen seltsamen Lebenslauf: Schule, Hochschule, Schule. Sondern das wirkliche Leben. Eigenverantwortlich handeln. Für Fehler sofort abgewatscht werden. Keine Beförderung, kein Beamtentum, sondern stetige Leistung macht meinen persönlichen Erfolg.
Vor allem aber: ich hatte nie vergessen, dass ich selbst einmal Schüler war. Und ein grottenschlechter dazu. Ein Schulversager. Durch familiäre Erziehung und das Sahnehäubchen fürs Leben obendrauf – etliche meiner Lehrerinnen und Lehrer.

Eingangs schrieb ich einige ihrer Namen. So wurden sie von uns Schülern genannt. Schon Jahre vor meiner Schülerkarriere waren ihnen diese Spitznamen zugeschrieben worden. Manche Namen berechtigten sie durch ihr Verhalten, andere waren rückblickend ungerecht. Pongo konnte nichts für seine auffällige Progenie.
Der Scheriff hingegen war kriegsbedingt seelisch schwerbeschädigt. Wenn wir Sextaner – er war Oberschullehrer und hatte keine Lehrbefähigung für die Mittel- und Oberstufe – wenn wir Sextaner nur unruhig waren im Klassensaal hob er seine Aktentasche mit zwei Händen in die Höhe und schrie: “ ich werde Euch alle vernichten, Ihr Affenbande“. Dabei knallte er mit voller Wucht seine flache Aktentasche auf seinen Tisch, dass wir Kinder zusammenzuckten. Klar, dass die helleren Köpfe von uns nach drei Wochen schon heraushatten, wie man den Scheriff zum schreien bringen konnte. „Ihr Verbecher, ich werde Euch vernichten“.
Ein einziges Mal habe ich erlebt, wie er in einem seiner Schreianfälle schlagartig still geworden ist. Das war als sich die Schülerin V. vor Schreck unter die Bank übergeben hatte.

Der Knüppel, Mathe und Physik. Promovierter Gymnasiallehrer. Der ging im weissen Kittel, darunter Hemd und Krawatte, immer vor der Klasse auf und ab, nachdem er dieser eine Aufgabe gegeben hatte. Er bewegte im Auf-und-Abgang seine Lippen und murmelte unhörbar. Lag etwas in seiner Gangbahn (Gangway?) so kickte er es mit seinem Fuss zur Seite. Was nimmt es Wunder, einem solchen etwa einen Radiergummi auf dem Holzfussboden festzunageln. Und der Knüppel geht murmelnd hin und her und kriegt das Dingens am Boden nicht weg.
„Also, gill, so geht das nicht.“
In Hessen sagt man gelt oder treffender gell aber nicht gill. Auch heute noch erinnert man sich gerne an den Knüppel. Betonfrisur exakt wie der Wehrmachtsoffizier und spätere Bundeskanzler Schmidt. Allerdings in graumeliert.

Die Vogta, katholische Religion und Geschichte, Fräulein Doktor und das Käsje, Biologie und ebenfalls Fräulein Doktor. Welche Lebensglücke hätten diesen früh verhärteten Mädels erblühen können. Ein heute noch gerne zitierter Witz bei Zusammenkünften war der Eintrag ins Klassenbuch vom Käsje: Ärmel misshandelt die Türklinke.
Für die Jugend unter uns Lesern: damals als mich die Schulbank drückte, hielt ein Schüler oder eine Schülerin die Tür auf, wenn sich die Lehrkraft näherte. Als eines Tages das Käsje den Klassensaal betrat, liess ich die gedrückte Türklinke hochschnappen. Das reichte für einen Tadel im Klassenbuch.

Besser war der Kröner. Ein stiller Sadist. Evangelische Religion und ? :ich vermute Musik. Der hatte es drauf, das Ohr eines Schülers oben zwischen seinem zwei Fingernägeln anzupacken und langsam nach oben zu drehen. Der Delinquent drehte sich dann unter dem Schmerz zu seiner Drehung langsam aus der Bank hoch. Harmloser, weil etwas weniger schmerzhaft, waren dagegen seine Kopfnüsse mit einem Kreidestück. Er schaffte es mit passenden reden, dass Mitschüler entweder laut auflachten oder zumindest lächelten.

Harmlos war dagegen die Frau Franke. Die sammelte in der Klasse nur regelmässig für die damals noch existente Bewegung „Freiheit für Südtirol“. Zehn Pfennige reichten zum Freispruch und einen positiven Vermerk in ihrem roten Notenbuch. Ich bekam von zuhause kein Geld für diesen „Quatsch“ und erhielt entsprechende Noten.

Für Heiterkeit sorgte dagegen Frau Schmidt. Kunstlehrerin. Mit einem für uns Schulbuben geradezu unglaublich mächtigen Hinterteil. Sie fuhr ein Goggomobil TS 250. Allein der Anblick, den sie bot, wenn sie sich in das Wägelchen hinein- oder herausschraubte. Schülerspott kann grausam sein.

Immer die gleiche Show bei der Rückgabe der korrigierten Lateinarbeiten. Studienrat B. erinnerte in seiner Erscheinung an den Kaplan Kindlein (Rudolf Rhomberg) in der 1965 erschienenen Filmkomödie „Tante Frieda – Neue Lausbubengeschichten“. Etwas dicklich, irgendwie schwammig. Und dazu diese unheimlich sanfte Stimme. Ein Raubtier im Klassenzimmer. B. ging durch die Bänke und überreichte jedem Schüler, der dabei aufstehen musste, seine Klassenarbeit ohne einen weiteren Kommentar.
Bei den Spezialkandidaten, zu denen auch ich gehörte, behielt er das Heft in der Hand und fragte:
„Ärmel, kennst Du meinen Vornamen?“
Bereits im Aufstehen musste man dann lateinisch korrekt antworten: „Ja.Clemens, clementis. G
ütig, barmherzig.“
„Und deshalb habe ich Dir noch eine Fünf gegeben, obwohl Du…“ Liess das Heft auf die Schulbank fallen und stand schon am nächsten Tisch.
Mir machte das nichts weiter aus. Aufgrund meiner häuslichen Erziehungserfahrungen (oder vielleicht eines besonderen Gens) erkenne ich, seit ich ein grösseres Kind gewesen bin, lediglich echte Autoritäten an. Wer sich selbst als Autorität darstellt und sich damit Anerkennung verschaffen will, ist allenfalls ein läppischer Machtspieler. Wirkliche Autoritäten haben es nicht nötig, andere Menschen mit ihren Fähigkeiten oder gar verliehenen Titeln beeindrucken zu wollen.
Eines Tages blieb der gütige und barmherzige Studienrat vor einem Mitschüler stehen. Dieser war kein Kandidat sondern ein fleissiger Schüler. Der klassische Einserschüler. Unauffällig im Unterricht und doch jederzeit ansprechbar.
„Kennst Du meinen Vornamen?“ Auf dem Nachhauseweg stellte der Schüler sein Rad am Stamm eines Pflaumenbaums ab. Wir erfuhren erst einige Tage später, dass der Schüler aus dem Leben gegangen sei.

Ich habe diesen Bericht in der vorigen Woche unterbrochen auf der Suche nach einer positiven Wendung. Heute nun stelle ich fest, dass der 5. Oktober der Weltlehrertag ist. Das ist für mich der willkommene Anlass, all den Lehrern zu danken, die mir dazu verholfen haben, meine Horizonte und mein Weltwissen zu erweitern. Lehrer und Lehrerinnen, die über diesen arg seltenen feinen Humor verfügten, dass man sie als Schüler einfach anerkannte und achtete. Ohne dabei so recht zu wissen, warum und wofür man sie ohne weiteren Widerspruch respektierte. Bei manchen dieser Persönlichkeiten ist mir das erst Jahre später klar geworden.
Zu danken habe ich auch jenen Pädagogen, die es drauf hatten, dass mir nach anfänglichem Widerstreben selbst ihre verordneten Strafarbeiten Freude machten, weil mir der Sinn der Aufgaben während der Arbeit offenbar geworden ist.
Dankbar erinnere ich mich – wer von all meinen Lehrern in all den Klassen und verschiedenen Schulen mag wohl noch am Leben sein? – dankbar erinnere ich mich auch an die Pädagogen, die mit ihrem Unterricht gleich Hochseilartisten die Balance halten konnten zwischen Forderung und Förderung ihrer Schüler.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mir die Lehrkräfte, denen ich noch heute die Hand schütteln und ihnen herzlich danken möchte, geradezu willentlich aus meiner Erinnerung hervorrufen muss. Die anderen dagegen, die man gerne vergessen möchte, und in meinem Fall waren das merkwürdigerweise mehr Lererinnen als Lehrer, die drängen sich von Zeit zu Zeit bei entsprechenden Gelegenheiten noch immer ungebeten in den Vordergrund.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen goldenen Herbst mit herzerwärmenden menschlichen Begegnungen.

 

 

 

 

 

Herbstanfängliche Gedanken

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Das neue Werk von Patti Smith: Im Jahr des Affen. 2020, 204 S..
Essen & Trinken: Diese Blüte im Blumenkasten vor dem Fenster??? Wer hätte das gedacht: eine köstliche Gurke. Und dann noch eine und… Zu den Safrannudeln eine aromatische Tomatensauce. Tomaten und Kräuter frisch aus dem Garten.
Schaffe: Es gibt immer was zu tun. Derzeit sogar viel.
Gugge: Der Flussbaumeister – Wie Tulla den Rhein begradigte„. Ein interessante Dokumentation auf arte.de…

Mike Schloemer hatte sich 1995 auf den Weg gemacht. Er folgte der Route von Wim Wenders Film „Im Lauf der Zeit“. Das Ergebnis war ein Dokumentarfilm. Der Schwerpunkt lag im Gegensatz zu unserer Reise lediglich auf den Kinos, die auch in Wenders Film gezeigt worden waren. In der Doku sprachen viele Menschen. Kinobesitzer, eine Platzanweiserin, Nachbarn und andere Zeitzeugen. Wir hingegen waren an den Veränderungen an sich interessiert.
Da der Film nirgends zu erwerben war, kontaktierte ich Herrn Schloemer. Als er von unserer Reise erfuhr, bot er spontan an, eine Kopie seines Films zu schicken. Herzlichen Dank dafür Herr Schloemer.

Ich habe es hier schon mehrfach erwähnt. Es gab diese Untersuchung, wie sich Menschen auf neue Situationen einstellen und sie anschliessend in ihren Alltag integrieren. Maximal acht Monate braucht es, um sich auch in extrem unwirtliche Situationen einzufinden. Im Fall von Corona wabert das Virus demnächst im achten Monat. Und die Warenproduzenten haben ihre Produktpaletten dahingehend bereits erweitert. Das ist jedoch nichts Neues, sehen Sie sich die Photographien weiter unten an.
Jetzt kommt wieder die Zeit für andere Themen, mit denen wir auf Trab gehalten werden sollen.

Zum Beispiel Weissrussland. Während im Fall von Corona manche wegen der Maskenpflicht von „Diktatur“ reden, schwingen die wahren Diktatoren schon wieder ihre Gesinnungsschwerter. Weissrussland soll nach deren Machtgelüsten von sofort an Belarus heissen.
Was mag in deren Köpfen vorgehen? Bjela heisst weiss und die Silbe rus erklärt sich von selbst. Dass die weissrussische Bevölkerung von jeher russlandfreundlich war, soll vergessen gemacht werden. Selbsternannte Demokratiefreunde in den westlichen Ländern beziehen Stellung. Natürlich ohne vertiefte Kenntnis der tatsächlichen Sachverhalte.
Die ersetzt man durch Betroffenheitsszenarien.
Weissrussland verlor im Zweiten Weltkrieg 25% seiner Bevölkerung. Die deutschen Schlächter der SS haben dort mit fachkundiger Hilfe der Wehrmacht zugeschlagen. Ein Drittel aller Kommunen wurde abgefackelt. Inklusive der Menschen, die man vorher in Kirchen gesperrt hatte.
Im Westen sollte man endlich erkennen, dass unsere Zukunft im Osten liegt. Von dort wurden in der Geschichte keine Angriffskriege nach Westen begonnen. Die Menschen im Osten sind trotz aller Unmenschlichkeiten, die ihnen gerade auch von deutscher Seite zugefügt worden, noch immer aufgeschlossener und freundlicher, als unsere angeblichen Freunde jenseits des Atlantiks. Überdies liegen im Osten die Rohstoffe, die unsere europäische Zukunft sichern.

Ein anderes Beispiel, mit welchem wir in nächster Zukunft rund um die Uhr zugedröhnt werden, sind die Wahlen in den Vereinigten Staaten. Genau besehen, sind die für uns in der Tat wichtiger als die in Russland. Weil man nie wissen kann, welche Pläne die Kräfte, die den Präsidenten steuern, für die kommenden Jahre planen.
Also schiebt man den Präsidenten ins Rampenlicht. Als er seine erste Regentschaft antrat, wurde er weltweit verlacht oder zumindest lächerlich gemacht.
Ich wünsche ihm eine zweite Wahlperiode. Kein Präsident vor ihm hat sein Land so zielgerichtet auf den Abgrund zugesteuert. Die sozialen Standards in seinem Land sind so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. Er ist am Rest der Welt kaum interessiert. Keine neuen Kriege. Besatzungssoldaten wurden aus Deutschland abgezogen.

Die wirklich entscheidenden Fragen, die uns betreffen, liegen unter dem Deckmantel medialen Schweigens. Wieso hat die hiesige Autoindustrie mehr Macht als unsere Regierung? Wie umgeht die Lebensmittelindustrie die neuen Bestimmungen zum Arbeits- und Tierschutz? Wer wird den Bauern Einhalt gebieten mit ihrer Bodenvergifterei? Wieso dürfen die Rollrasenproduzenten mit ihrer massiven Wasserverschwendung den Grundwasserspiegel in den Ballungsräumen senken, ohne dafür zu zahlen? Preisabsprachen seien nicht nachzuweisen. So so. Wieso kommt es dann, dass die Benzinpreise deutschlandweit von morgens bis nachmittags systematisch billiger werden und der Unterschied zwischen Diesel und Normalbenzin seit Monaten konstant bei etwa 25 Cents liegt?

Ich höre ja schon auf. Die Antworten auf die wirklich dringlichen Fragen sind vielen Menschen ohnehin unwichtig. Fünf Minuten Betroffenheitsschreie, dann ist der Druck wieder weg.

Trotz alledem: ich freue mich, in einer grossen Zeit zu leben. In meinem persönlichen Umfeld bewegen sich Menschen, die mich berühren. Die mich erfreuen und auch zum Nachdenken anregen. Wir treffen uns, sitzen zusammen, essen und trinken, sprechen miteinander und tauschen uns aus. Und lassen uns sein in unseren jeweiligen Unterschiedlichkeiten.
Diese Lebensqualität wünsche ich auch allen Besuchern, Lesern und Guggern.

(In den Jahren 1957/58 wurde das heute sehr seltene Modell „Adria“ von der Firma Bauer produziert. Sportlich schnittig, selbst die Luftpumpe in rot und auch sonst optisch aufgeppt. Für alle die Menschen, die von einer Reise nach Italien nur träumen konnten. Oder für Jugendliche als Vorstufe zur eigenen Vespa… [Das Rad harrt noch der Restaurierung])

Wenn die Perle schimmert

Horsche: Van der Graaf : The Quiet Zone – The Pleasure Dome (1977).
Lesen: Über die Funktionsweisen und Bauarten verschiedener Schaltungen bei Fahrrädern.
Essen & Trinken: Abwechslungsreich aus dem Garten. Eine gewisse Demut erweitert den eigenen Horizont, wenn einem klar wird, was es bedeutet, Gemüse und Kräuter aus dem eigenen Garten ernten zu dürfen. In der Erde wirken Kräfte und Energien zur Erhaltung unserer Lebensgrundlage.
Schaffe: Es gibt immer was zu tun.
Gugge: „Heimat“ von Edgar Reitz. Die erste Staffel. Und noch immer gibt es neues zu entdecken…

Am Ende kommt es oft auf das richtige Mass an. Im Garten zu viel anpflanzen oder lieber doch weniger. Bei den Nachbarn soll hinterm neuen Häuschen der Garten sogleich grünen und blühen. Rollrasen ist ein Marktschlager. Schneller kann man den brutal verdichteten Boden nicht hinrichten. Nichtmal mit der ganzen Agrochemie. Weil Rollrasenfelder bei der Herstellung Unmengen Wasser verbrauchen, sinkt der Grundwasserspiegel unaufhörlich. Bauern, die derbsten Artenvernichter und Boderzerstörer stellen grüne Kreuze auf ihre Felder. Demonstrieren dafür, weil sie rücksichtslos Gifte einsetzen wollen.
Gestern sahen wir eine kleine Bauerndemo. Blockieren mit Riesentraktoren volle Landstrassen. Wenn wir schon nicht die Erde vergiften dürfen, dann sollt Ihr wenigstens die Luft verpesten. So in etwa mag mancher Autofahrer angesichts der langen Autoschlange denken. Es scheint, dass bei vielen Landwirten jegliches vernünftige Mass abhanden gekommen ist. Und der Hofladen im vormaligen Kuhstall ist verkommen zu einem Gemüsekleinhandel aus der Grossmarkthalle.
Mir fällt dazu ein Zitat von Arno Schmidt ein: „Zehn Ochsen und ein Bauer sind zwölf Stück Rindvieh.“

 

Die wunderschöne La Perle ist fahrbereit. Über diese ehemalige kleine Fahrradmanufaktur finden sich im Netz bedauerlich wenige Informationen. Die Räder wurden ab etwa 1930 in der Rue du Pont de Créteil 33, Saint-Maur-des-Fossés hergestellt. In einem Vorort von Paris. Rennräder von La Perle erschienen ab 1935 bei französischen Strassenrennen. Der Schweizer Radfahrer Hugo Koblet gewann die Tour de France 1951 auf La Perle. Zu weiterer Berühmtheit verhalf der Marke der französische Rennfahrer Jacques Anquetil. Er gewann im Alter von neunzehn Jahren die französische Meisterschaft des Jahres 1953. Bereits 1955 meldete die kleine Manufaktur Konkurs an.
Wir hatten das heruntergekommene Fahrrad aus einer Scheune gekauft. Der Plan war, es wieder herzurichten. Und schon dabei stellen sich Fragen. In welcher Form sollte es fahrbereit gemacht werden. Von der schlichten Reinigung und einigen Tropfen Öl auf die beweglichen Teile bis zu einer originalgetreuen Restauration ist alles möglich. Es ist lediglich eine Kosten- und Zeitfrage. Auch in diesem Fall gilt die Aufmerksamkeit dem Mass. Darüber lässt sich trefflich debattieren.
Die Entscheidung fiel zugegunsten einer sachten Aufarbeitung aus. Konkret bedeutet das die Zerlegung und anschliessende Überholung der Lager, der Bremsen sowie der Erneuerung der Kette, sämtlicher Züge und Hüllen. Das Finden mancher Teile erforderte Geduld. Schwarz-weisse Reifen in 27,5 Zoll findet man nicht an jeder Ecke. Viele Schrauben haben Spezialgewinde und sind nicht einfach austauschbar. Das wäre dem Rad nicht angemessen.
Die erste Probefahrt verlief zufriedenstellend. Dieses Velo ist siebzig Jahre alt. Es wurde wurde nach unseren Recherchen um 1950 gebaut. Es ist erstaunlich leicht und handlich. Und entsprechend flott unterwegs. Die Bremsen beissen fest zu. Lediglich der originale New Watson Nr.4 Dynamo fehlt noch zur Komplettierung. Doch das mindert den Fahrspass keineswegs.

 

Über das derzeitige Thema Nummer eins diskutiere ich nicht mehr. Ich bin weder Virologe noch Epidemiologe. Ich verfüge allenfalls über Informationen aus dritter Hand. Mittlerweile scheint mir in dieser Frage ohnehin jedes vernünftige Mass abhanden gekommen zu sein. Jeder versucht sein eigenes Süppchen zu kochen. Befürworter, Leugner, Rechtsradikale – ein ganzes Heer von Ahnungslosen ist in den verschiedenen Medien unterwegs, die nicht mehr Herr (oder Frau) ihrer eigenen Gefühlswelt sind. Am Ende läufts ohnehin auf den eigenen Egoismus hinaus.

 

Bei der Wanderung auf dem Rheinsteig (Etappe acht von St. Goarshausen nach Wellmich) grüssen wir die Entgegenkommenden und werden gegrüsst. Es geht also noch. Auch ein Lächeln erhellt dabei die Welt. Als wir durch einen kleinen Ort kommen, lesen wir die sinnige Aufforderung auf dem Schild an einem Garagentor: „Freiheit aushalten“.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern viel Schönheit im Alltag. Lassen Sie sich nicht verrückt machen – von niemandem und bleiben Sie wohlauf.

 

(Foto anklicken öffnet die Galerie)

 

 

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