Cyberverknotete Blogplastik

Pink Floyd ist eigentlich ein alter Hut und nach Umma Gumma wurde es fade. Na gut, Atom Heart Mother war noch einmal ein kleiner Nachwurf. Heute dienen diese frühen Supergruppen den Geldschefflern der Musikindustrie quasi als Grabungsfeld für die Musikalarchäologen. Pink Floyd im Bossa Nova Stil, Pink Floyd als Heavy Metal mit kehligem Gewürgestöhnen. Es gibt allerdings auch bessere Beispiele. Viel bessere. Wenn Pink Floyd listitig verlisztet wird, dann kann man hören, dass Klaviermusik im Stil eines Keith Jarrett nicht nur perfekt gespielt sondern obendrein auch Spass machen kann:
AyseDeniz Gokcin – Live at the Piano Extravaganza Festival, Sofia, Bulgarien, 29.9.2013. Interessierte Horscher und Gugger folgen diesem Link

Neues aus dem Land der Plastiktüten. Wie Plastiktüten zugebunden, verschlossen oder verknotet werden. Zum ersten Mal fiel mir das Südamerika auf. Eigentlich liebe ich es Knoten zu entknoten. Seit Kinderzeiten schon. Damals in den Jahren in Südamerika konnte ich viele Tütenknoten nicht entwirren. Jawohl, wirr ist der richtige Begriff. Ich lernte, dass es verschiedene, logisch nicht nachvollziehbare Schlingtechniken zum Verschliessen einer Plastiktüte gibt. Ich schob meist einen Hals beim Öffnen und regelte für mich das Problem wie es die westliche Politik im Rest der Welt zu machen pflegt: naja, das ist halt auch einer der vielen Spiegel. Nichts funktionoiert im Land, warum soll sich da eine Tüte messerlos, gewaltfrei und vor allem wiederverwendbar zu öffnen lassen.
Auf dem Schwarzen Berg erklimme ich eine weitere Steigerung im Tütenknoten. Nach nunmehr fast drei Jahren kenne ich etliche Verkäuferinnen durch viele Einkäufe. Anfangs dachte ich noch, prima, ich habe ihre Knotentechnik durchschaut. Zehnmal hats funktioniert, beim elften Mal spätestens musste rohe Kraft oder das geschliffene Messer her. Hier beherrschen Verkäuferinnen offensichtlich virtuos mehrere Verschlusstechniken. Ich habe keine Neigung mehr zu Arroganz oder Ignoranz. Aber stinken tuts mir trotzdem, weil ich die Tüten weiterverwenden möchte.

Auf eine Empfehlung hin habe ich mir den Film Her (2013) von Spike Jonze ausgeliehen. Oscarprämiert. Die Story ist fad. Einsamer Mann, von seiner Frau getrennt lebend, chattet mit einer weiblichen Cyberstimme. Es entsteht zwischen dem Mann und der Stimme, was im Film mit dem Begriff Gefühl bezeichnet wird. Irgendwann kommt raus, dass die Cyberstimme nebenbei noch achttausend und ebbes mehr Kontakte hat. Der Mann ist am Boden. Inzwischen wurde seine Nachbarin von ihrem Lover verlassen und hat auch eine männliche Cyberstimmenbekanntschaft. Weil der Film nun schon fast zwei langweilige Stunden dauert und der Film endlich aufhören muss, beenden die beiden Cyberstimmen ihre Beziehungen zu den Menschen. Die beiden Menschen treffen sich im Flur und steigen auf das Dach des Hauses, in dem sie wohnen. Den Rücken dem Filmgugger zugewandt schauen in den fernen Himmel und der Zuschauer ist erlöst.
Angeblich handelt es sich bei dem Regisseur um eine Kultfigur. Mag sein, zumindest dem Namen nach. Aber selbst von so einem kann man offenbar nicht mehr erwarten sich der Filmpropagandaindustrie in Holliwut zu entziehen. Die platte Geschichte lehrt den entmenschten Soldaten in fernen Mohammedanerland, dass er ruhig chatten und Cybersex haben kann. Aber wenn ers tatsächlich lebend und geistig einigermassen beeinander zurück in die USofA schaffen sollte am Ende, steht doch die menschliche Verbindung. Und wenn die eigene Frau inzwischen weg ist, dann wenigstens eine mit der Nachbarin. Zwei Stunden Lebensdiebstahl nur weil ich auf den Kulturegisseur mit dem Oscar gewartet habe.

Soll einer behaupten er sei nicht eitel. Ich nicht. Heute im Morgengrauen einen Blick auf meine Blogstatistik fallen lassen. Plötzlich die Frage, welche Menschen sich hinter all meinen Blogverfolgern tummeln. Würde ich diese Menschen im wirklichen Leben kennenlernen wollen. Wie ihre Blogs präsentiert werden, welche Themen wichtig und mitteilungswürdig erscheinen. Die Bilder. Wie das alles auf mich wirkt..
Der Anfang eines Blogs erinnert mich in etwa an den Kauf einer Immobilie im Neubaugebiet. Da wird mit Freude und Elan eingerichtet und geschafft. Und auf dem Fleckchen Grundstück hinter dem Haus siehts so kahl aus wie in der ganzen Umgebung. Da müssen viele Hecken und Bäume her. Und wenns doppelt soviele Hecken sind, das Gärtchen wird nicht schneller zuwachsen. Nach zehn Jahren ist einem das zu viele Grünzeug in aller Regel über den Kopf gewachsen. So gehts auch mit den Blogrollen und der Blogverfolgerei. Ich werde in den nächsten Monaten einem strengen Zeitmanagement folgen. Meine Bloggeraktivitäten werden damit kollidieren. Das jedoch sehe ich positiv, denn so werde ich mich aktualisiert kritisch mit der Materie auseinandersetzen.

(Foto anklicken – gross gugge – F11 im Forefox Klicken – noch grösser gugge)

Advertisements

Guggerkatapult

Der musikalische Treibstoff zum Wochenanfang: David Bowie – The Man who sold the World (1970)…

Ich halte mich zurück bei meinem Nachbarn. Besonders an dem enormen Regal mit den Filmen. Der Nachbar holt Wasser und ich lasse den Blick unschlüssig im Raum umherschweifen. Beiläufig fällt mein Blick auf den kleinen Tisch. Leeres Glas, voller Aschenbecher, eine knittrige Zeitung und kleine Stapelchen mit DVDs. Baal kannte ich dem Titel nach aus dem Deutschunterricht. Ein Theaterstück von Bertold Brecht, 1969 verfilmt von Volker Schlöndorff. Nach der Ausstrahlung im Fernsehen setzte Helene Weigel, Brechts Witwe die Hebel in Bewegung und erreichte, dass der Film nicht mehr öffentlich gezeigt werden durfte. Im Frühjahr 2014 wurde der Film als DVD nach über vierzig Jahren nun endlich dem Publikum zugänglich gemacht.
Wenn Kinder gross und zu Jugendlichen werden sind sie, vorerst noch unbewusst, mit der Fähigkeit begabt, die Wahrheit hinter gesprochenen Worten, Parolen oder Weisheiten zu sehen. Dadurch können sie besonders ihre Eltern, Lehrer oder Nachbarn im wahren Sinn des Wortes durchschauen. Wird der Heranwachsende in dieser Phase seiner Entwicklung überdies bekannt mit Literatur, Kunst, Musik oder auch Filmen, die zu tiefergehenden Fragen anregen, so kann sich darauf ein tragendes Fundament für das ganze Leben ausbilden.
Ob das schon ziemlich grosse Kind Ärmel die Vorführung des Films Baal am 7. Januar 1970 im hessischen dritten Programm oder am 21. April des gleichen Jahres in der ARD gesehen hat, ist nicht mehr festzustellen. Erinnerlich ist mir jedoch die Wirkung des Films. Die Verlorenheit, da ich vieles schlicht nicht verstanden hatte. Andererseits war da jedoch eine unerklärliche Faszination durch die Bilder, die Sprache und die Atmosphäre, die der Film vermittelte. Was ich allerdings klar und deutlich erkannte war die dargestellte kleinbürgerliche Verlogenheit.
So ein Typ wie der Hauptdarsteller Rainer Werner Fassbinder als Baal war zwar irgendwo in der Stadt zu sehen, aber nicht in einem Film als Schauspieler. Und Hanna Schygulla mit ihrer sanften Sprache ähnelte unheimlich der heimlich verehrten älteren Schwester eines Schulfreundes.
In den 87 Minuten, die der Film dauerte, war mein Seharsenal, waren meine bisherigen Filmhelden unwiederbringlich in einer Nebelwolke der Belanglosigkeit davongestoben. Ich war dermassen angestochen, dass ich von da an für einige Jahre fast täglich die Fernsehzeitschrift konsultierte. Filme von Schlöndorff, Fassbinder, Schaaf, Geissendörfer, Herzog, Syberberg, Reitz, Hauff, Schroeter oder Wenders formierten in jenen Jahren mein ideelles Weltbild.
Mit dem Aufkommen der kommunalen Kinos und den auch für Schüler erschwinglichen Eintrittspreisen lernte ich in den kommenden Jahren nach und nach alle sogenannten Klassiker kennen. In jenen Jahren vor der Wiederkehr des moralisch-kulturellen Mittelalters unter einem sehr dicken Saltorückwärtskanzler wurden deutsche Filme von den Sendeanstalten grosszügig gefördert. Baal, Jaider der einsame Jäger, Jakob von Gunten, Trotta, Wildwechsel, Der plötzliche Reichtum der armen Leute vom Kombach, Jagdszenen aus Niederbayern, Liebe ist kälter als der Tod, Jeder für sich und Gott gegen alle. Filme, die meine Sehgewohnheiten ebenso prägten wie meine Denkgewohnheiten. Und vor allem dazu motivierte Fragen zu stellen.
Die Fotografie wurde gestern unten am Strand aufgenommen.

Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich eine herbstlich bunte Woche.

Vorhang auf – Film ab!

Das passend kraftvollkrachende Multikultimusikgemisch: Kasbah Rockers with Bill Laswell – Untitled (2008)…

Das 20. Film-Festival von Sarajevo war der eigentliche Anlass für die kurze Reise. Bei der Recherche zur Geschichte des Festivals tauchen sogleich Unstimmigkeiten auf. Wann fand das erste Festival statt? Lokale Mythenbildung und Wikidemikerwissen weichen gleichweit voneinander ab.
Im Nationalmuseum sehe ich ein Plakat von 1993. Fest steht jedenfalls, dass das erste Festival noch während der Belagerung stattfand. Mit einem Film. Fünfzehn Zuschauer sollen sich in einem abgedunkelten Raum getroffen haben. Ein mexikanischer Film soll dabei gezeigt worden sein. Und wahrscheinlich wurde dabei auch die Idee zu einem Festival geboren.
Widerstand als Überlebensform kreativer Menschen. Mexikanische Filmkunst hat traditionell einen festen Platz im Programm. Ausgezeichnet werden übrigens nur Filme südosteuropäischer Produtkion.
Es geht erfreulich locker zu. Sarajevo ist nicht Cannes, Berlin oder Venedig. Menschlichkeit statt eitlem Getue. Natürlich gibt es den Laufsteg mit rotem Teppich vor dem Nationaltheater. bei ankommenden Grössen des Geschäfts wird wenig Hallo und Herrjeh gemacht. Die Eintrittskarten kosten etwa sechs KM also etwa drei Euro. Für jedes Kino auf allen Plätzen.
Gleich nach der Ankunft gehe ich zum Kino. Noch etwas Zeit für einen Tee zuvor. Das Publikum sieht so normal aus, dass jede fantasiereich wirren Vorstellungen an eine internationales Festival verfliegt. Einzig manche Menschen haben sich originell hergerichtet. Überhaupt scheint Kreativität in Sarajevo eine gewisse Rolle zu spielen. Man kann das an Menschen, ebenso wahrnehmen wie an Geschäftsausstattungen oder Kneipeneinrichtungen.
Eine halbe Stunde später sitze ich im Kinosaal und sehe meinen ersten Film. Mr. Turner, der die letzten 25 Lebensjahre des Malers William Turner behandelt. Für Augenmenschen ein absolut sehenswertes Werk. Die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Timothy Spall hat mich schwer beeindruckt. Soll in Deutschland ab November anlaufen. Im Anschluss muss ich zu einem anderen Aufführungsort. Dort werden Filme offenluftig gezeigt.. Soll nur zwei Strassen entfernt sein. Frau Waas, informiert wie eh & je, hat eine SMS gesendet: Film verlegt wegen Regen. Ich verlasse das Kino und bin innerhalb weniger Minuten nass. Hetze durch die Stadt und suiche das andere Kino. Frage Passanten. Gut, wenn man wenigstens einige Sprachbrocken beherrscht. Schlecht, wenn die Befragten mit Kino nichts am Hut haben. Ich finde das Kino nicht und verpasse 20000 Days on Earth, eine Dokumentation um den Musikus Nick Cave.
Am nächsten Abend läuft ein Film im Offenluftkino. Kraftidioten ist eine pechrabenschwarze Satire aus Norwegen. Bruno Ganz spielt in einer Nebenrolle einen serbischen Gangsterboss. Freunde sowohl des Nordens als auch des abseitigen Humors werden aufs beste bedient.
Zu viele Filme am Stück verkrafte ich schon seit Jahren nicht mehr. Mich übersättigen hunderte von kleinen und Kleinstdetails, die ich erst wieder verdauen muss. Also ist ein Film pro Tag, maximal zwei Filme, eine angemessene Dosis. Am folgenden Nachmittag stand 24 Hour Party People auf meinem Programm, ein Film über die Manchester Szene ab Mitte der 1970er Jahre. Dokumentarisch aufbereitet von Michael Winterbottom. Am letzten Tag, direkt vor der Rückfahrt auf den Schwarzen Berg hatten wir uns gemeinsam für ein Road-Movie entschieden. Wir haben nach einer Weile das Kino wegen der Unerträglichkeit des Films verlassen. Der erste Nichtammifilm meines Lebens, den ich vorzeitig ausblendete.
Mein Resumee: nächstes Jahr gerne wieder zum 21. internationalen Film-Festival nach Sarajevo!

Und diese drei Filme zum Thema Sarajevo, die ich allen interessierten Besuchern, Lesern und Guggern gerne empfehle, werde ich mir in den nächsten Tagen ansehen:

Esmas Geheimnis – Grbavica (Europ. Koproduktion, 2006) Regie: Jasmila Žbanić

Welcome to Sarajevo (GB, USA, 1997) Regie: Michael Wnterbottom

No Man´s Land (Europ. Koproduktion, 2001) Regie: Danis Tanović

Hinter allen rot gedruckten Wörtern befinden sich weiterführende Links – anklicken bildet und kostet nichts!

(Fotos rund ums 20. internationale Film-Festival Sarajevo – Foto anklicken öffnet die grosse Leinwand)

Sarajevo (Сарајево)

Aufgrund eines schlichtweg unwiderstehlichen Hinweises: Gasandji – Gasandji (2013)…

Sarajevo (serb. Сарајево, türk. Saraybosna) ist die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Sarajevo ist gekettet, verbunden wäre eine lässliche Untertreibung, an historisch tragische Daten. Das Attentat von Gavrilo Princip auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914. Und die martialisch unmenschliche Besetzung Sarajevos in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992 bis zum 29. Februar 1996. Aber Sarajevo ist vielmehr. In Sarajevo wurden die XIV. Olympischen Winterspiele vom 8. – 19. Februar 1984 ausgetragen. (Eine Silbermedaille ging dabei an die Mannschaft Jugoslawiens). Vor nicht allzu langer Zeit war Sarajevo noch das Zentrum der jugoslawischen Rockmusik. Deutsche Partnerstädte Sarajevos sind Friedrichshafen (seit 1972), Magdeburg (seit 1977) und Wolfsburg (seit 1985). Überhaupt beeindruckt den Besucher die kulturelle Vielfältigkeit dieser Stadt. Mich bezaubert die Stadt seit meinem ersten Besuch im vergangenen Jahr und zieht mich auch in diesem Jahr sofort wieder in ihren Bann. (Die beiden „roten Hinweise“ führen zu meinen Eindrücken im letzten Jahr. Sie sind nicht aktualisiert! – was sie jedoch nicht uninteressanter macht)
Nachdem Frau Waas seit ihrem Besuch des letztjährigen Festivals jedesmal von Neuem ins Schwärmen gerät, bin auch ich in diesem Jahr hier um das 20. Internationale Filmfestival zu besuchen. Das Festival findet jedes Jahr im August statt. Wir sind leider bloss für ein verlängertes Wochenende in Sarajevo, aber immerhin. Und doch ist auch dieser Besuch wieder ebenso eindrücklich wie faszinierend.
Zu berichten wird also sein von dem Filmfestival mit Hinweisen auf Filme, die mir gut gefallen haben; der Belagerung und den Rosen von Sarajevo, dem ergreifenden Besuch einer Buchhandlung, einer Offen-Luft-Ausstellung am Ufer der Miljacka (spr: Miljazka), Menschen mit unwahrscheinlicher Zivilcourage, sowie allgemeinen Eindrücken aus der Stadt. Keine langen Besinnungsaufsätze also für Besucher und Leser. Es sind meine spontanen Gedanken und Gefühle. Wer sich für den Komplex Sarajevo interessiert muss die Stadt besuchen und ordentlich recherchieren. Nicht so einfach, denn das Netz bietet viel ideologischen Flachkram. Das Thema Sarajevo oder gar der Bosnienkrieg ist dermassen verwickelt und kompliziert, dass ich auch nach über zwei Jahren meiner Beschäftigung nur relativ unsicher im Thema unterwegs bin.
Die Nur-Gugger werden hoffentlich ihren Gewinn ziehen aus den präsentierten Fotografien. Los gehts also mit ersten Eindrücken. Dobro došli und herzlich willkommen!

(Foto ankligge – gross gugge, F11 reisst dem Feuerfux zusätzlich die Augen auf)

Ich habe noch einen Koffer

Nächtlich lange Archivsichtungen können ausarten bei all den Los Rockeros, Los York´s, Los Mirlos, Los 007, Los Locos, Los Apson, Los Pumas, Los Locos del Ritmo, Los Rocking Boys, Los Peyotes und wie sie alle hiessen von Venezuela, Bolivien, Kolumbien, Peru bis runter nach Chile, die Latinobeatbands der 1960er Jahre. Jetzt muss es krachen zum Köfferchenpacken. An den Stahlsaiten zerren spanische Gitarreros: Michelle – Rock’n´Roll Babilonia (2007)…

Heute morgen in den Medien litt der aufgehängte Schauspieler angeblich an Parkinson. Was werden sie uns noch alles servieren? Dass der Schauspieler Günter Junghans gestorben ist, bedeutet einen Verlust sicher nicht nur für mich.
Die Reaktionen auf meinen gestrigen Post beeindrucken mich. Sowohl die direkten Kommentare als auch die per Elektrobriefknecht privat zugestellten Anmerkungen. Das ermutigt mich zu weiteren Wagnissen.
Demnächst, weil, jetzt gehts erstmal wieder ans Kleinköfferchenpacken. Und diesmal muss auch ausreichend Geraffel mitgenommen werden.
Sarajevo, die wunderbare Stadt mit der einzigartigen Atmosphäre lädt zum Internationalen Filmfestival ein.
Einen Bericht und Fotografien vom Festival werden demnächst auf diesem Blog zu sehen sein. Vorab noch einige Fotos vom vergangenen Jahr. Die Vergangenheit ist lebendig in Sarajevo. Nicht bloss wegen dem verrückten Thronfolgermörder vor 100 Jahren. Die Spuren der feigen serbischen Heckenschützen sind noch allgegenwärtig. Die andere Seite dieser Stadt, die weltoffen liberale, die künstlerische und wunderschöne werde ich in der nächsten Woche hier präsentieren.

Jetzt wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern ein schillerndschönes Wochenende.
(Foto anklicken und genau gugge – und nicht mehr vergessen!).

 

Normaler Donnerstag einer normalen Woche

 Im Archiv gewühlt und für gut befunden, ohne den Blues zu haben: Tony McPhee – I asked for Water she gave me Gasoline (1969)…

Menschlichen Krisen gegenüber bin ich aufgeschlossen. Selbst wenn es nur Kleinstkrisen sind. Fremden und eigenen gleichermassen.
Krisen sind Prozessschlüssel. Sie öffnen Türen, Tore, Portale und Zugänge ins wirkliche Leben. Nur Krisen ermöglichen Fortschritte im guten Sinn einer Weiterentwicklung. Satt und zufrieden in der Hängematte schaukelnd findet keine Entwicklung statt, allenfalls Verdaung.
Was lachst du denn. Klar, auch Verdauung ist ein Prozess. Hey, klasse dir so unvermutet zu begegnen. Wie bitte. Erzählen. Was soll ich dir denn erzählen. Ist ne ganze Weile, dass du mal vorbeigekommen bist.
Eine Bloggerin vermutet einen Hilferuf in einem anderen Blog. Stimmt, Blogs kennst du noch nicht. Stells dir vor wie ein öffentliches Tagebuch. Ein junger Mensch männlichen Geschlechts bloggt sich seinen Frust weg. So siehts jedenfalls aus. Kündigt seinen definitiven Abschied an. Und löst damit eine enorme Reaktion aus, die über die Kommentare weit hinausschäumt. Fast durchweg von Frauen sind die Kommentare. Wie, Kommentare – ach so: Kommentare kannst du dazu benutzen, mit dem Schreiber in Kontakt zu treten. Ja, ich weiss, wir hätten nichtmal privat so miteinander geredet. Die Zeiten haben sich geändert. Überleg´ mal, unsere letzten Gespräche fallen vielleicht in den Anfang dieser Veränderung.
Bezugnehmend auf einen seiner Sätze schreibe ich ihm zwei Sätze, also kommentiere. Posts werden gelöscht, Kommentare nicht freigegeben. Am späteren Abend veröffentlicht er wieder einen Eintrag. Ist beleidigt wie nur je ein vierjähriges Mädchen. Es wird interessant. Er greift die Menschen an, die um ihn besorgt waren. Bellt rum und teilt aus.
Was sagst du dazu, Alter? Noch heute nach mehr als einem Vierteljahrhundert ist mir dein hintergründig verschmitzter Augenaufschlag vertraut. Wie wärs dem Bürschchen in unserer WG wohl ergangen. Seis drum.
Ein Schauspieler hat sich umgebracht. Nein, keine Drogen. Das ist nach wie vor eher was für Musikalartisten. Obwohl, in letzter Zeit, auch hier in der Bravoquickbunterepublik. Also, er hat sich für den Strick entschieden. Soll depressiv gewesen sein. Erinnerst du dich noch an Brinckmann. Doch nicht der Trollprofessor aus dem Schwarzwald, du Knallkopp. Rolf Dieter, Dichter, der in London unters Auto gelaufen ist. Hat den Linksverkehr unterschätzt. Bei ihm glaube ich allerdings nicht, dass er absichtlich unters Auto lief. Nein, keine Sorge, ich fange jetzt nicht seinen Gedichten an.
Männer im Intenet zählen die Filme auf, die ihnen gefallen haben, Frauen dagegen sind berührt von seiner Selbstaufhängung. Ob der Schauspieler daran gedacht hat, was in jenen Menschen vorgeht, die ihn auffinden werden. Sein Anblick. Gegen die Gliedversteifung von Selbstaufhängern hilft auch kein Maskenbildner aus dem Hollywoodstudio. (Richter, Optatus Leopold Wilhelm: Handbuch des Straf-Verfahrens in den Königl. Preußischen Staaten, mit Ausnahme der Provinzen, in welchen noch französisches Recht gilt. Verlag Borngräber, Königsberg 1830. hier: Bd. 2, S. 364). Ja, lach du nur. Schon klar, mein ewiger Griff ins Regal. Lieber würde ich einen Äppler mit dir trinken., kannste mir schon glauben. Aber du…
Da fällt mir ein, einen seiner Filme haben wir jedenfalls zusammen gesehen. Good Morning Vietnam. Unsere Musik. Vietnam, das Thema. Im Zusammenhang mit den Bildern und seinen Texten hatte der Film schon was.
Wie? Ich verstehe dich zunehmend schlechter in den letzten Jahren, sags nochmal. Nee, da stimme ich dir sofort zu, gegen Donald Sutherland kam der Mann nie an. M*A*S*H war da ein ganz anderes Kaliber. Der spielte zwar in Korea, aber Krieg ist Krieg, da waren und sind wir uns einig.
Ja, leider, es kracht und rappelt noch immer und überall. Im Nordirak will die Quickregierung unserer Bunterepublik jetzt die Armee mit technischem Gerät unterstützen. Ich habs erst garnicht geschnallt. Decken, Zelte und Medikamente für die tausende Menschen auf der Flucht vor durchgeknallten fanatischen Religionsfaschisten, dafür spendet man. Ist doch logan.
Wieso aber brauchen diese Entkräfteten Panzerabwehrraketen? Als später die Nachrichten kamen, im Interview die Buntetagslabergeschütze auffuhren und Realitätsabwehrpolitiker losseierten habe sogar ich dann verstanden. England und Frankreich „unterstützen“ längst die irakische Armee.
Mensch, die Märkte von morgen. Du siehst, alles wir es kennen. Dass man es heute leichter rauskriegen kann, macht die Sache allerdings nicht leichter erträglich.
Aber weisst du, was mir im Lauf der Zeit immer mehr auf den Zeiger geht? Die Nachricht nach der Nachricht. Am 11. kam die Todesnachricht des Schauspielers. Am 12. war das Thema Depression der Aufmacher, er soll ja depressiv gewesen sein. Die Betroffen, die Depressiven, die Krankheit. Die Kosten für Krankenkassen. Da quellen prima Schlagzeilen aus dem Redaktionsendgedärm.
Die Pharmaindustrie wirds jedenfalls freuen. Die Glücklichpillenverkäufe werden in dieser Woche wohl zufriedenstellend steigen. Und das Umfeld. Was mir stinkt, ist, dass niemand vom Umfeld depressiver Menschen schreibt. Von den Menschen, die den Auswirkungen standhalten. Die haben keine Lobby und die Pharmaindustrie offensichtlich noch keine gewinnproduzierenden Aushaltedrogen.
Schon gut, du musst mich nicht erinnern. Ich bin halt nicht so cool wie du, nie gewesen. Wills auch garnicht sein, verdammt. Vielleicht hätte ich dich dann schon längst abgeschrieben und vergessen.
Heute in den Nachrichten das nächste Thema, dass er offensichtlich pleite war. Insidernachrichten. Insider aus Familienkreisen. Die Putzfrau vielleicht oder der Sekretär hat ausgepackt. Take your chance bevor sie andere ergreifen. It´s Dollarmakingtime man, so what.
Übrigens habe ich mir inzwischen die Beiträge auf dem Blog des jungen Mannes eingehender angesehen. Wie? Naja, so ein bisschen Neugier ist schon dabei. Und Texte zu untersuchen, erzeugt noch immer ein leichtes Kribbeln. Derrida und die Kristeva haben wir früher nicht gekannt. War vielleicht besser so. Die hätten manche unserer Lieblingsautoren mit der Kettensäge entzaubert. Aber hin und wieder ist die Kettensäge eben auch hilfreich.
Was sagst du – nix ist nur schlecht. Mann, Alter, und auf Regen folgt Sonnenschein. Hättest du noch deine Stimme, wir könnten jetzt die Witze erzählen, über die wir schon früher nicht gelacht haben.
Also die Kettensäge. Bei jenem Blog zum Beispiel. Schlauer Bube, der du bist, natürlich hast du ins Schwarze geraten. Er schreibt brav jeden Tag weiter. Hat ja seine Frauenschar um sich versammelt, die ihn am Schreiben hält.
Wie? Klar, ist das zum Lachen, einer der neueren Muttisammler, eine genügt ihm nicht. Und wie geschickt er die Schreiberinnen longiert. Dir kann ichs ja sagen. Zweimal habe ich mich ertappt mit neidischen Rückwärtsgedankennebeln beim Lesen. Was hätte ich in dem Alter dafür gegeben, die Mütter so geschickt um den Finger wickeln zu können. Nee, ich mache mich so wenig wie du über die Frauen lustig. Als Frau würde ich vielleicht genauso handeln. Kann man nie wissen. Ist vielleicht seine Rache. Von einem Vater ist bei ihm nichts zu lesen. Väter, das waren unsere Themen. Idioten verständnislose, Nixschnaller, Laberköppe und Feinde allesamt. Da habens die Alleinerzogenen heute schwerer sich ein scheibeneinfaches Weltbild hinzudengeln.
Nur eine der schreibenden Frauen, die imponierte mir sofort. Die bringt den kleinen Kacker in fast jedem ihrer Kommentare auf den Punkt. Schade, du hättest deine Freude, aber hast ja nun keine Augen mehr zum Lesen.  Und wie er sich dann rauswindet um nur nicht drauf eingehen zu müssen, keinesfalls konkret zu werden.
Mich berührt der Tod des Schauspielers nicht. Diese Woche begann übrigens auffällig wie jene Woche  damals. Erinnerst du dich noch als ich dich abholte. Als wir zum letzten Mal zurück ins Kaff fuhren. Ich kann mich nicht mehr an den Mann erinnern, der hinter mir sass. Der als Aufpasser mitfahren musste. Und du, die ganze Strecke auf dem runtergekurbelten Liegesitz.
Dieser Übergang vom Sommer zum frühen Herbst. Das widerlich schöne Wetter, so ekelhaft, dass dein Abschied einer einzigen wütenden Trotzreaktion glich. Aber von allen. Nix war zu machen gegen das verflixte Wetter. Ein metereologischer Zynismus zum Quadrat.
Was meinst du, muss man gesehen haben wie ein Mensch stirbt. Nein, nicht im Film. Dabeisein. In echt, jetzt mal. Eine Hand halten vielleicht und in einer langen letzten, ins schier Endlose gedehnten Einstellung spüren, wie die Kraft so langsam sanft entweicht, sich verflüchtigend ins Nirgendwo, dass man sich richtig anstrengen muss, um überhaupt noch etwas tastend wahrzunehmen.
Wie verändert das die Einstellung. Sag doch mal. Egal ob zum Leben oder zu Sterben. Was geschieht mit dem persönlichen Empfindungsarsenal. Was wandert ins Archiv und was entsteht neu.
Lauren Bacall ist gestorben und das berührt mich. Die Nachrichten nach der Nachricht sind bei Lauren Bacall aus anderen Worten gewebt. Die liefert nichts für billige Sensationen. Nicht mal als vierte Frau von Bogart. Und jetzt ists schon zwei Tage her.
Sie war halt eine Frau, die nicht ins gewohnt primitive Hollywoodfrauenbild passte. No handsome nice little woman, ya know. Die sagte ihre Meinung. Unmissverständlich.
Du hast Recht, jetzt fällts mir wieder ein. Als das los ging mit den Kommunalen Kinos. Zwei Käffer, zwei Kinos, zwei Mark Eintritt pro Film, bis zu zehn Filme pro Woche. Da habe ich mich in der Bogart Reihe virtuell in Lauren Bacall verschossen. „Anyboby get a match“ – ich bin fast in die Leinwand gesprungen. Ihr erster Satz im Film und der machte sie dann auch schlagartig berühmt.
Heute Nacht habe ich mir „Gangster in Key Largo“ angesehen und „To have and have not“. Originalton versteht sich: Anybody get a match. Private Abscheidszeremonie. Ein Genuss. Ein Fest des Sehens und Verstehens
Krisen setzen Energien frei. Da fällt mir ein, dass Wut auch eine Energie ist. Konstruktiv eingesetzt kann aus Wut Gutes werden. Ich bin mir nichtmal sicher, ob ich dich  wieder gerne einmal sehen möchte. Nur einen Tag vielleicht, oder eine Stunde. Wieso wir erst zu sprechen lernten miteinander als es fast zu spät war, die Frage lagert noch immer irgendwo.
Ich spekuliere manchmal darüber, in den letzten Jahren zugegeben seltener. Ich bin auch nicht traurig, dass ich die zahlreichen Fahrten in unserem letzten Jahr hin und zurück vor deinem Verschwinden zu verwechseln beginne. Unvergessen aber bleibt jener Sommer als wir mit unseren beiden italienischen Einzylinderinnen den Appenin durchkreuzten. Da lernten wir zu reden. Das behalte ich.
Irgendwas bleibt immer. Jetzt gerade der schale Lesenachgeschmack. Der Bursche hat die absolutierenden Wörter „immer“ und „nie“ zu oft gebraucht. Seine Texte damit geradezu versalzen. Nein, dabei bleibe ich, das ist keine Verhandlungsmasse. Und er strapaziert das Wort „total“. „Total“ und „fanatisch“ waren Goebbelswörter für uns. Unwörter. Unaussprechlich. Der hatte die massenkompatibel gemacht.
Letternkombinationen, zu Silben und Wörtern zusammensetzt und in Parolen verwoben, die anderen Menschen wie Mottenfrass im Gefühlsgewebe schadeten. („TOTAL [Lfg. 21,6],adj., adv., synonym mit älterem deutschen gesamt, gänzlich, ganz […] der affectgehalt, zu dem ein adjectiv der bedeutung ‚vollständig, gesamt‘ an sich neigt, erscheint im fremdwort noch gesteigert; es steht deshalb mit vorliebe bei begriffen, die eine affectbetonung nahelegen, vornehmlich, bei solchen negativer bedeutungsrichtung; der begriff erfährt dabei gewöhnlich eine graduelle steigerung, seltener eine quantitative ausweitung…“ (Grimm, Jakob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch Bd. 21 Sp.906).
Das hat sich der kleine grossmäulige Klumpfuss gut eingebaut in seine Propaganda. Wie der die Sprache verhunzt hat. Wir waren vorsichtig im Umgang mit den Wörtern. Zu vorsichtig. Wenn du mir doch endlich, nach all den vielen Jahren mal erklären könntest. Ich kann dich immer schlechter verstehen
. Ich will dir aber sagen, am besten finde ich immer noch, dass wir zusammen gelernt haben in unserer Jugend, sich nicht über andere Menschen leichtfertig zu erheben, trotz allem.
Dafür terrierscharf hinschauen und „Nanu“ sagfragen zu lernen. Ungenau, ich habs von dir gelernt.
Ja, ist ja gut, ich weiss, dass du weg musst. Musst du wirklich. Musste es so schnell sein.
Damals, als wir zusammensassen, sonntags nachmittags. Letztmalig. Die ungeduldige Frau. Mit dem dämlichen Klemmbrett vor sich. Die deinen Namen nicht verstand, vielleicht auch nicht verstehen wollte. Du machtest dir deinen Spass draus. Ich hatte endlich die Stationen von „Im Lauf der Zeit“ rausgefunden. Wir wollten die Route abklappern und dabei fotografieren. Ein, zwei Wochen später. Entlang der Grenze. Demnächst mit diesem Käfer oder jener Ente.
Du hast die Grenze aber vorher überwunden, hast dich aus dem Staub gemacht, ohne Auf Weidersehen zu sagen. Damals  geriet ich in eine Krise, wahrhaftig. Ich habe dann mehrere Jahre nicht mehr fotografiert. Einfach nichts mehr gesehen.
Es gibts jetzt wieder Quetschekuche. Darauf freue ich mich schon. Dieser verdammte letzte Sonntag. Bilderbuchsonntag. Mit allen Freunden und Bekannten. Du hattest dir Quetschekuche gewünscht, gefordert. Abschiedsessen. Pflaumenkuchen als Abschiedsessen.
Nein, ich will dich nicht aufhalten. Wollte und will nicht. Die sauber gezogene Hohlkehle deiner letzten Umarmung liegt mir noch immer auf den Schultern. Ich werde demnächst in Bembeltown sein. Ich werde uns eine Flasche Äppler mitbringen. Ohne Mund kannst du nicht trinken. Deine Hälfte lasse ich dann wie gehabt über deinen Grabstein laufen, ok? Was sagst du. Nö, zum Rauchen werde ich diesmal nichts mehr mitbringen…