Sommergarten Schaubudensommer Sommernächte

Zur Zeit auf Abschiedstournee ist Eric Burdon. Er war und ist einer meiner musikalischen Hausgötter. Als ich aus meiner Kleinstadt nach Berlin gekommen bin zur Ausbildung fotografischer Fertigkeiten erschien gerade dieses Album mit einer genialen Neueinspielung eines meiner ewigen Lieblingslieder: „When I was young“. The Eric Burdon Band – Sun Secrets (1974)….

Im Garten blüht und wächst es. Kräuter, Salate und Gemüse. Schokoladencosmeen, Rosen und Clematis. Mädchenaugen in betörend leuchtendem Gelb. Violette Sonnenhüte, Farbige Vielfalt bei Löwenmäulchen und Kornblumen. Im Steinbecken der Schachtelhalm und dazwischen Rohrkolben. Libellen und Girlitze. Die kleinen Kröten bemerkt man erst, wenn sie aufgeregt davonhüpfen. Erdbienen laben sich am Borretsch, Holzbienen bohren fleissig Gänge für ihre Nester ins Altholz.
An den Tränken netzen sich die Wespen und die Libellen tanzen dazu. Und im täglich früher einsetzenden Nachtdunkel zickzacken Fledermäuse auf der Jagd nach Insekten. Der Amselmann besingt sein Revier vom höchsten First. Ich liebe den Sommer.

Dass derzeit einige heissere Tage den Schweiss treiben, besorgt mich weniger als die weltweit zunehmende Rodung von Wäldern. Die Bäume sind für die Erde, was die Haare auf dem Kopf eines Menschen sind. So sprach eine alte Frau vor Jahren. Denn Bäume beziehungsweise Wälder sind bewährte Windstopper. Wenn sie weniger werden, werden Brisen zu Winden und Winde zu Stürmen. Aus Waldbränden werden dann rasch Feuerstürme.

Es ist mir immer wieder erstaunlich, dass manche Bücher ihre Zeit brauchen. Nach über zwanzig Jahren las ich erneut „Der leidenschaftliche Gärtner“ von Rudolf Borchardt. Im Vorwort schreibt er, „man erwarte […] kein Buch, das, die Pfeife im Mund, die Gießkanne in der Hand und den Strohhut auf dem Kopf, entstanden ist, das nur eine stille, sanfte und freundliche Liebhaberei spiegelt.“
Es handelt sich um keine Anleitung zum säen, pflanzen oder anbauen. Borchardt trägt seine Kenntnisse und Erfahrungen in Form von essayistisch formulierten feinen Gedankengebäuden vor.

Borchardt verliess als Jude sicherheitshalber Deutschland bereits im 1933er Jahr. Er liess sich in Italien nieder und bewohnte alsdann vorwiegend Landhäuser mit entsprechenden Gärten, in denen er praktische Erfahrungen sammelte.
Aufschlussreich und für mich ungemein anregend finde ich seine folgende Überlegung. Die Geschichte der Menschheit beginnt in einem Garten. Gärten haben in verschiedenen Mythologien eine starke metaphorische Bedeutung. Die Menschheit ist jedoch durchweg nicht in der Lage, diese Gärten in angemessener Weise zu bewohnen. Daraufhin erfolgt ihre Vertreibung.
Nun versucht der Mensch, die Ordnung des verlorenen Gartens wieder herzustellen. Was natürlich nicht gelingen kann. Denn die Natur ist nicht ordentlich im menschlichen Sinne. Die Natur ist üppig und verbreitet sich chaotisch. Immer auf der Suche nach bestmöglicher Anpassung zur Erhaltung der eigenen Art. Davon zeugt auch die Vielfalt der Formen und Farben nur einer einzigen Art.
Wenn ich diese Gedanken weiterdenke und praktisch darauf anwende, wie wir heute mit der Natur – oder dem, was wir dafür halten, umgehen, dann schwindelt mir. Noch nie ist mir die Menschheit in diesem Treiben so überflüssig vorgekommen.

In der Hitze der Nacht. Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt. Wir warten lediglich noch auf die Mitternacht und die tägliche Überraschung. Gestern zogen wir einige Strassen weit hinter einer Musikkapelle her. An einer kleinen Kreuzung verharren die Musiker und zeigen auf die schräg gegenüber liegende Hausecke. Auf dem Geländer des Balkons im ersten Obergeschoss sitzen das Schwein Steffi und daneben das Wildschwein Torsten. Figuren des genialen Michael Hatzius. Es dauert keine Minute und das Pflaster dröhnt vom Gelächter der Zuschauer.

Aber heute geht kurz vor Mitternacht ein böses Wetter nieder. Viele Besucher verlassen schlagartig das originell dekorierte kleine Festivalgelände, das rund um die Kulturscheune aufgebaut ist.
Lass uns warten, bis das Unwetter aufhört, dann gehen wir bettwärts.
Geht noch ein Bier?
Ein Bier geht sicher noch!
Die Preise sind gemessen an anderen Festivals dieser Art durchweg günstig. Wir stehen und warten. Auf den Bierbringer. Und auf das Ende des Regengusses. In einer Ecke steht ein Akkordeon auf einem Stuhl. Die Bühne misst keine fünfzehn Quadratmeter. Eine Frau quietscht klarinett. Das Schlagwerk ist niedlich. Beeindruckend wie immer, der Kontrabass.
Wir trinken unser Bier und unterhalten uns. Kleine Gruppen und gute Gespräche brauche ich wie Wasser und Brot. Und wenn es dann noch so herzliebe Menschen sind. Ein kleine Frau ergreift die Violine. Ihre ersten Töne lassen aufhorchen. Das klingt irgendwo zwischen Jean-Luc Ponty und Jerry Goodman. Und schon legt das Quintett los. Die Beine wippen sofort mit.
Wer holt uns noch ein Bier?
Unsere Entdeckung in dieser musikalischen Nacht: Herje Mine.
Wir werden noch einige Biere zu uns nehmen in dieser Nacht.

W.G. Sebald schreibt in einem Essay, er habe in einer Studie Sigmund Freuds gelesen, „dass das innerste Geheimnis der Musik eine Geste sei zur Abwehr der Paranoia; dass wir Musik machen, um uns zur Wehr zu setzen gegen die Überflutung durch die Schrecken der Wirklichkeit.“ Wenn ich denke, wie mein Umgang mit Musik seit jeher ist. Und tanzen? Mähneschütteln vor Jahrzehnten und die unvermeidliche Luftgitarre. Aber geh mir weg mit einer Tanzstunde. Revanchistische bourgeoise Ablenkungen von den politischen Notwendigkeiten unseres Alltags. So sprachen wir Besserwisser und wusstens doch nicht besser.
Fernando, ein Exilkubaner, verdiente sich in Ecuador als Tanzlehrer sein Auskommen. Wir waren dort eine kleine international zusammengewürfelte Gruppe. Er wurde unser Salsalehrer. Europäer und Salsa. Eine merkwürdige Mischung. Ich sehe seine steilen Stirnfalten sofort vor mir. Und ich bin tanzunbegabt. Zumindest, was vorgeschriebene Schrittfolgen betrifft. Anarchie in Sachen Rhythmus.
Bei den Deutschen beispielsweise, meinte Fernando, kannst du an ihrer Art zu tanzen, erkennen, wie sie vögeln. Ich bin bei ihm beileibe kein Salsero geworden. Kapiert habe ich jedoch, dass beim Tanzen die Bewegungen zwischen dem Herz und Becken entstehen. Selbst bei stark normierten Tänzen. Daran dachte ich, als ich all die aufgeklärten Bühnenumsteher bei der vorwärts treibenden Musik von Herje Mine gesehen habe. Aber nur kurz. Denn wir tanzen zu der mitreissenden Musik und schwelgen in praller Lebensfreude. In unserem Nachtasyl können wir auch später noch einlaufen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein fantastisches Wochenende.

(Aufgenommen in der Dresdner Neustadt)

 

Lektüre:
Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner.
W.G. Sebald : Campo Santo.

Musik:
Herje Mine: Balkalagan (2018). Das ist ihre erste Scheibe. Und hoffentlich nicht ihre Letzte.

 

 

Werbeanzeigen

Reduzierte Einblicke in den alten Ortskern

Passend zu den Themen, die mich momentan umtreiben: Die Ärzte – They´ve given me Schrott (2019)…

Die Sommerferien dauerten länger als der Familienurlaub in Italien. Ein kleiner Junge im alten Ortskern. Sommerliche Hitze. Rundum die Bauernhöfe waren noch weitgehend intakt. So sah es jedenfalls für mich aus. Ein merkwürdiges Wort machte die Runde, für die meisten Kinder unverständlich: Flurbereinigung. Bei uns zuhause war es kein Thema, wenn die Urgrossmutter mit dem Bohner und Sigella Wachs aus der schrägen Plastiktube den Flur auf Hochglanz polierte.

Mit den Kindern von den Höfen rundum durfte man spielen. Leider mussten viele von ihnen in den Ferien auf den Feldern helfen. Aber auf den Höfen, in den Scheunen, da konnte man sich verstecken und seinen Fantasien spielerisch fast freien Lauf lassen. Die Grenzen waren jedoch klar gesteckt. Keines von den hiesigen Kindern ist geritten. (Ist ja auch richtig so – Pferde waren damals noch keine Spielzeuge für Mittelstandskinder). Zur Abschreckung hob fast jeder Landwirt einmal ein Kind auf den Rücken eines Pferdes oder einer Kuh. Das direkte Erlebnis dieses Schreckens wohnt bis heute bei mir in der tieferen Erinnerung.

Allein die Namen dieser Männer. De Eckspitz, die Datter, der Horniggel, de Schmittjahb. Jeder von denen eine Type für sich. Individualitäten und keine glattgebügelten Bürositzer mit weissem Kragen. Von den Frauen erinnere ich bloss noch die dick´ Berta. Eine wahrhaft mächtige Walküre. In einem Seitenstübchen ihrer Wirtschaft „Zur Krone“ gabs Eis in Papierwaffeln. Aber dafür in Muschelform. Das gab ein Sonntagseis, wenn nach dem Kindergottesdienst der Groschen (zehn Pfennigmünze-West) statt in den Opferstock in die breite Hand der dicken Berta verschwand. Waldmeister.
Gegenüber unseres Hauses befand sich die Kirche und daneben der Faselstall. Auf der anderen Strassenseite lag das Anwesen eines Altmetallhändlers. Und ein paar Häuser weiter war die Welt in dieser Richtung fast schon zu Ende. Am alten Ortsdamm. Im Winter diente er als Abfahrtstrecke mit dem Schlitten.
Auf einem Traktor mitfahren dürfen. Die Vibrationen des niedrigtourigen Dieselmotors im ganzen Körper spüren. Die Bauern sprachen nicht viel. Und ihre Ansprachen waren immer eindeutig. Da gabs keine Diskussionen. Und erklärt wurde auch nicht viel. Das kam später. Beim Flicken eines Fahrradschlauches etwa oder beim Beladen eines Wagens mit dem Mistgreifer. 

Hurra! Ein Bauer trieb sein Schwein zum Faselstall. Wir waren zur Stelle wenn der Ortseber dem Schwein zugeführt wurde.
Haut ab, Ihr Bangerte, Ihr habt hier nichts zu suchen.
Wie gesagt, die Ansagen der Erwachsenen waren unmissverständlich. In den Gebäuden des Faselstalls befanden sich auch die Feuerspitze und das erste Feuerwehrauto. Neben dem Eingang stand ein Turm. Darauf war ein Storchennest. In einem der Gebäude wohnte der „erste Ausländer“, mit dem wir KInder in Kontakt kamen. Georg, ein junger Grieche, der immer gut drauf war und uns mit seinen harmlosen Spässchen neckte. Für die Eltern war er einfach der Grieche.

Nach einem langen Tag, der viel zu früh endete, stand ich zuhause im Bad. Hemd und Hosen ausziehen. Nun kam der ungeliebte kalte Waschlappen zum Einsatz. Einmal liess meine Standfestigkeit bei dieser Prozedur zu wünschen übrig. Wie es meine Mutter entdeckte weiss ich nicht mehr. Wir waren nachmittags mit einer Bauernfamilie auf dem Feld. Nach der Rückkehr zum Hof waren wir Kinder durstig. Der gute Landmann gab uns in seiner Einfalt als Durstlöscher gespritzten Apfelwein. Einen bleibenden Schaden habe ich jedenfalls nicht davongetragen. Im Gegenteil, eine bessere Erfrischung als einen Sauergespritzten ist mir nicht bekannt.

Als Rennfahrer auf meinem blauen 20″ Tripad raste ich durch die verkehrsarmen Strassen. Ich war Fahrer und Kommentator in einem. Als Rennradfahrer hiess ich U Thant. Aber wieso legte ich mir ausgerechnet diesen Namen zu?
Ich war auf dem Weg vom Bäcker nachhause. Die Tasche mit dem Brot baumelte am Lenker. Und obwohl nach einem leichten Nieselregen das graue Katzenkopfpflaster etwas glitschig war, lag U-Thant nur wenige hundert Meter vorm Ziel um Haaresbreite vor dem gefährlicher Verfolger. Also noch fester in die Pedale treten. Leider kam dabei der Brotbeutel irgendwie ins Gehege mit den schnelldrehenden Speichen. Das Brot wurde durch den Abstieg mehr verformt als der verwegene kleine Rennradler.
Auch die tagelange Erwähnung des Namens Kennedy im 1963er Jahr. Weit weg. Bartsch, der Bubentotmacher. Namen, mit denen sich in der Vorstellungswelt sogleich Bilder verbinden. Wie kommen Kinder zu den daraus aufleuchtenden Phantasien, welche Namen prägen sich ein?

Gegen Ende der Sommerferien hielt gegenüber unseres Haus ein Traktor. Der hatte hinter dem Fahrersitz eine grosse Bandsäge montiert. Er schnitt den Bauern der Reihe nach den deren angeliefertes Holz. Das flog vom Wagen neben die Säge und wurde danach zerkleinert wieder aufgeladen. Im Hof wurden die Stücke dann mit dem Beil zu handgerechten Scheiten zerhackt und ordentlich aufgeschichtet.
Jeden Tag bei anderen Menschen. Und jeden Tag die vielen unterschiedlichen Arbeitsweisen gesehen und dennoch nicht bewusst wahrgenommen. Das wird erst einige Jahre später geschehen.

Ein Dorf in einer werdenden Metropolregion. Wir zogen vom alten Ortskern zwei Strassen weiter.  Dreiviertel der Bauern betrieben inzwischen Nebenerwerbslandwirtschaften. Die Männer mit den erlernten Berufen wurden zu Hilfsarbeitern oder Handlangern in den aufstrebenden regionalen Industriebetrieben. Zur Zeit meiner Geburt wurden im Dorf noch 243 Kühe gezählt. Das letzte Kälbchen wurde 1988 ans Licht gezogen und mit Stroh trocken gerieben. Drei Kühe standen damals noch in einem letzten Stall. Unseren täglichen Liter Milch bekamen wir bis im Sommer 1990.

Unzählige Erinnerungen. Nach dem Umzug verloren sich die alten Kontakte zwangsläufig. Eine fremde, neue Gegend. Wenn auch nur zwei Strassen entfernt. Andere Kinder. Andere Spiele. Das Gebiet am Güterbahnhof. Jeden Tag draussen. In allen vier Jahreszeiten. Der vitale Ausgleich für die dumpfe kleine Familienwelt. Scheuklappen wie Scheunentore.

Ärzte raten den jungen Eltern, ihre Kinder auf den Bauch zu legen. Aufs Kreuz werden sie noch früh genug gelegt. Um die Schäden der jeweiligen Erziehungsmassnahmen zu reparieren, braucht man gute Füsse für die Wege durchs Leben.
Da spielt es keine Rolle, ob man auf Feldwegen, Boulevards, Schotterpfaden oder unter Alleen wandelt. Und kein Kind kommt davon. Von Glück reden können diejenigen, die sich als junge Erwachsene mit der Frage auseinandersetzen, warum sie sich gerade die Eltern ausgesucht haben, denen sie in die Hände gelegt worden sind. Für mich sind diese Gedanken die Leitplanken meines Lebens geblieben. Insofern hat jeder Mensch eine Chance zur Entwicklung. Vorausgesetzt, er ergreift seine ihm innewohnenden Möglichkeiten. Dahingehend ist tatsächlich jeder Mensch der Künstler seiner eigenen Lebensskulptur.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein fantastisches Wochenende.

 

(Noch immer tauglich und nützlich im täglichen Allerlei)

 

 

 

Reflektionen im Morgengrauen

Wenig Musik gehört in den letzten Wochen. Dafür viel gelesen.
Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit.
Van Bo Le-Mentzel – Der kleine Professor.
Und zur Zeit: Erwin Strittmatter – Der Laden.
Klingende Töne zum Frühstück: Dead Can Dance – Dionysus (2018)…

Leere Läden in der Innenstadt. Ein Vorurteil. Es gibt in fast jeder Strasse ein Nagelmalerstudio, einen Tätowierladen oder eine Piercingwerkstatt als letzte Instanzen, wo für das breite Publikum noch eine echte Kommunkation stattfindet. Oder man hält sich einen Hund.
Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Gebrauchshunde. Jagdhunde, Wachhunde. Folglich stehen sie mir noch immer näher als Katzen. Die Sympathie bekommt jedoch zusehends Risse. An den Hunden liegt das meist nicht. Zumindest so lange sie an der kurzen Leine geführt werden.
Es sind Leinenhalter, die sich Hunde anschaffen. Als lebendige Spielzeuge, Partner- oder Kinderersatz. Und natürlich auch als Einsamkeitsvertreiber. Irgendeine Ansprache auf der emotionalen Ebene braucht schliesslich jeder Mensch. Und so hört sich das dann gelegentlich an.
Kannst du das nicht mal lassen? Wie oft muss ich dir das denn noch sagen? Jetzt merk´ dir das doch endlich mal!
Im urbanen Raum werden immer mehr Flächen verdichtet. Grünflächen für Hundescheisse und -pisse werden rar. Einziger Vorteil, Hundebesitzer haben durch ihren vierbeinigen Besitz sogleich ein Gesprächsthema. In manchen Städten werden mittlerweile Hochbeete für Blumen oder kleine Bäume angelegt. Ein wichtiger Grund dafür liegt auf der Hand. Was den unsozialen Hundebesitzer natürlich nicht abhält. Er nimmt seine Fusshupe oder die frisch gestriegelte Flohschleuder in die Hand und setzt das Tier zum Kacken hoch ins Beet. Da machens die grossen Tölen ihren Besitzern leichter. Die hüpfen alleine hoch. Es ist widerlich, wie einige öffentliche Anlagen inzwischen aussehen.

An der Strassenseite des Ärmelhauses zieht sich ein flachwüchsiger Efeu am Sockel entlang. Seit Jahren trotzt er tapfer der täglich auf ihn hinrieselnden Hundepisse und den stinkenden Tretminen der Köter.
Wir könnten die freien Stellen unten am Sockel mit grossen Kieselsteinen belegen und dazwischen Steinbrech und andere unempfindliche Pflanzen anwachsen lassen.
Und die Hundebesitzer, frage ich stirnrunzelnd.
Wir könnens ja mal versuchen.
Das Ergebnis sieht gut aus. Inzwischen haben einige Wurzeln den Weg zwischen den Fugen der Verbundsteine hinunter ins Erdreich gefunden. Dadurch fühlen sich manche Zeitgenossen offensichtlich aufgefordert die grossen Kieselsteine als Steine zum Anstossen zu nehmen. Also werde ich in den kommenden Tagen die Steine in ein Zementbett legen müssen. Wer blaue Zehen begehrt, dem soll dieser Wunsch erfüllt werden.

Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Der Nachbar arbeitet zielstrebig an seiner Karriere als Deppchef. Er wohnt einige Häuser weiter auf der gegenüber liegenden Strassenseite. Und hat einen Hund. Er kommt die Strasse runter mit seinem Tier an der Leine. Bleibt genau gegenüber stehen. Der Hund muss sitzen machen. Das dauert. Ich vermute, der Hund will einfach weiterlaufen. Wie mit den anderen Familienmitgliedern auch. Hunde sind Gewohnheitstiere. (Welcher Bremer Stadtmusikant gibt den Rhythmus mit der Pauke vor?). Endlich sitzt das Tier befehlsmässig. Es erhält seine Kaubelohnung. Der Nachbar quert die Strasse mit seinem Hund. Und führt ihn zum Pissen zielstrebig an den Efeu. Ich bin ein untypischer deutscher Nachbar. Streit übers Hoftor liegt mir nicht.
Ich beobachte lieber und lerne dazu. Erfahrungen sind fruchtbarer als Streiterien.
Zufällig sehe ich den Deppchef, als er just die Strasse überquert. Schlagartig kratzt er die Kurve, als er mich wahrnimmt. Das Ärmelhaus ist ein Eckhaus und so biegt er mit seinem Tier in die andere Strasse. Letzthin öffnete ich frühmorgens die Jalousie. Er schien mich nicht zu bemerken. Sportlich reisse ich das Fenster auf. Der Deppchef reisst nicht minder sportlich an der Leine und kläfft seinen Hund an.
Musst du immer dahin laufen. Das ist doch alles schön gemacht. Kommst du jetzt wohl.
Vorige Woche standen wir uns Auge in Auge gegenüber und er sagt lobend:
Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Ebendrum, weil es keine Pinkelecke ist.
Aber der Efeu. Irgendwas hat der, dass der Hund da immer hin will.
Ja klar, weil jeder seinen Hund in den Efeu pinkeln lässt. Ist doch wie Zeitunglesen für Hunde.
Aber ihr habts schön gemacht. Sieht richtig klasse aus.
Genau, deshalb hoffen wir auch, dass die Pinkelei aufhört, weil es so ansehnlich ist.
Ach so. Es gibt Gesichtsausdrücke, die kann man nicht beschreiben…

In der Einführungsvorlesung stellt der Professor für Gestaltung digitaler Medien den Studenten eine Frage.
Welche elektronischen Aparaturen nutzen für Ihr Studium?
Ein einziger Studi verwendet zuhause noch einen Computer. Etwa ein Drittel der Studierenden nutzt Notebooks oder Tablets. Der grosse Rest benutzt hauptsächlich die elektronische Handfessel. Und die ersten schielen bereits nach dem Armband zur Sebst- und/oder Fremdüberwachung. Mit dem man der Welt zeigen und mit-teilen kann, was wirklich zählt im Leben, zum Beispiel wieviele Schritte noch fehlen zur Erreichung des individuellen Tagespensums.
Bei den Studierenden ist diese frappierende Naivität auffallend. Es gibt kaum einmal eine kritische Nachfrage zu den Vorlesungen der Dozenten. Zukünftige akademische Hilfsarbeiter, die immer unnötigere neue Apps erfinden. Mit denen sollen die Internetnutzer vom Wesentlichen abgelenkt werden. Das Rotkäppchensyndrom. Konsumartikelhersteller und Dienstleistungsanbieter als reissende Wölfe. Und hier werden ihre willfährigen Knechte herangezogen. Deren Grosseltern waren noch Handwerker, Bauern oder Büroangestellte. Haben Dinge hergestellt oder bearbeitet, die für die meisten Menschen weitgehend nutzbringend gewesen sind.

Früher habe ich mir vor Wahlen manchmal die Reden von Politikern vor Ort angehört. Es waren nicht viele Reden und es ist lange her. Zu viel fette Sahne statt handfestem Eintopf mit deftigem Schwarzbrot.
Eher zufällig wurde ich vor zwei Jahren Zeuge eines Auftritts des Spitzenkandidaten der Demokratischen Union Deutschlands. Fünfzig, seine floskelnden Schlagworte beklatschende Nichtdenker zollten Beifall für Luftballons und Kugelschreiber. Der Wahlkrampfmanager hatte den Tourbus der Wasserträger mit Parolen verzieren lassen. Ausgerechnet genau zwischen den Rücklichtern prangte die nichterfüllende Prophezeiung: „NRW – nie wieder Schlusslicht“. Obs daran lag, jedenfalls hat seine Partei die bis dahin regierende vormals sozial Demokratische Partei ab. Schlusslicht ist das Bundesland auch nach dem Regierungsparteienwechsel geblieben.

Die für meine diesjährige Wahl zum europäischen Parlament entscheidende Wahlkampfrede habe ich, wie mir scheint,  bereits mehrmals gehört und in meinem Herzen wohl bewegt. Die Namen und einige Phänomene mögen sich geändert haben, die grundlegenden Probleme sind geblieben. Und neue sind hinzugekommen. Das Gift der politischen Korrektheit wird allerorten versprüht.

Man könnte fast verzweifeln angesichts dieser einst schleichenden und jetzt masslos beschleunigten  Veränderungen. Gäbe es da nicht die verbliebenen Inseln der Menschlichkeit.
In dieser Woche waren wir in einer der letzten echten Frankfurter Apfelweinwirtschaft. Wir betraten das Lokal gegen achtzehn Uhr. Sechs Tische. Fünf lange Tische mit Bänken auf beiden Seiten. Auf dem runden Tisch verweist ein Schild auf den Stammtisch. Auf drei anderen Tischen stehen Klappschilder mit der Aufschrift reserviert. Wir setzen uns zu den alten Männern.
Der Abend war so grandios, dass wir danach Gästerezensionen im Internet suchten. Von stürmischer Begeisterung bis hin zu eindringlichen Warnungen waren die Bewertungen. Allein diese Bandbreite ist mir ein positives Qualitätsmerkmal. Wo alle begeistert sind, kann etwas nicht stimmen. Wo mehrheitlich gewarnt wird, werde ich jedoch vorsichtig.
Da wird vor dem maulfaulen Wirt gewarnt. Der Mann ist sechsundachtzig und arbeitet seit fast siebzig Jahren hinter der Theke. Bei einem meiner ersten Besuche sprach er uns an und fragte, woher wir kämen. Es entspann sich ein Gespräch, in dessen Verlauf er uns viel von sich und seiner Wirtschaft erzählte.
Von bösartigen alten Männern und deren Sprüchen kann man in den anonymen Kritiken lesen. In der Tat erinnern manche an Waldorf und Statler aus der Sesamstrasse. Neben uns die beiden haben diese Lachfältchen, die Gutes verheissen. Eine aufgemöbelte Blondine betritt den Schankraum.
Der Alte neben uns bemerkt grinsend: Siebzehn Jahr´ blondes Haar.
Eher zweimal siebzehn wenn nicht dreimal, entgegne ich. Wir lachen herhaft. Immer mehr Gäste kommen herein. Nach und nach werden die Reserviertschilder von den Tischen genommen. Es ist auffällig, dass keine Handtelefone auf den Tischen liegen. Das liegt nicht nur am Durchschnittsalter der Gäste. Hier sitzt man zusammen an langen Tischen und spricht miteinander. Es wird lauter. Die Beiz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der Wirt nimmt immer wieder den Zehn-Liter-Bembel aus dem Schwingestell auf der Theke und füllt ihn erneut. Bier steht hier nicht auf der Getränkekarte.
Neben uns sitzt jetzt ein anderer älterer Herr. Er kommt aus dem bayrischen. Hat früher lange in Frankfurt gearbeitet. Als Steinmetz hat er ein bekanntes Kunstwerk an markanter Stelle geschaffen. Seit einigen Jahren ist er Witwer. Kommt immer wieder hierher. Kann von der Stadt und dieser Wirtschaft nicht lassen.
Uns gegenüber nehmen zwei Frauen Platz. Ihre Berufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Leben seit vielen Jahren in einer Fernbeziehung. Die Gespräche werden persönlicher. Wie gesagt, hier liegen keine Handfesseln auf den Tischen. Und spätestens sollte erkennbar sein, warum anfangs die Reserviertschilder auf den Tischen stehen.
Besonders kritischer Bewertungen erfreut sich der Kellner. Kein Mann für Gelaber. Ist dein Glas leer, tauscht er es gegen ein volles Glas aus. Unaufgefordert. Wer nichts mehr mag, legt seinen Deckel aufs Glas. Hin und wieder können seine Sprüche verwirren. Einmal standen Gäste unter der Tür. Suchten offensichtlich freie Tische. Es waren freie Pläte vorhanden. Der Kellner sprach sie an. Sie würden einen freien Tisch suchen. Er zeigte auf freie Plätze. Sie schienen unentschieden. Er sagte kurz: Also, wenn Ihr schauen wollt, dann geht am besten ins Museum.
Als ich einst einen „Äppler“ bestellte. fuhr er mich an: Wenn du Äppler willst, den gibts drüben am Kiosk. Hier gibts Apfelwein. Dazu muss man wissen, Äppler ist ein Kunstwort, das in der Marketingabteilung einer industriellen Apfelweinmosterei erfunden worden ist. Und leider immer mehr Verbreitung findet. Besonders bei Leuten, die nicht von hier sind. Uffgeplackte.
Und es fällt auf, dass in dieser Wirtschaft vorwiegend Einheimische verkehren. Südhessischer Humor ist nicht jedermanns Sache. Es wird immer lauter. Kreuz und quer wird durch das Lokal geredet und gerufen.
Mir fällt eine Szene ein, die ich vor Jahren hier erlebte und die mir die Atmosphäre in dieser Wirtschaft so kostbar macht.
Zwei Jungkarrieristen mit engen blauen Anzugshosen und langen brauen Spitzschuhen betreten das Lokal. (Braun und blau kleidet die Sau – auch das war so eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter). Die beiden Typen schauen sich um. Nehmen schliesslich Platz neben einem Mann mit gelber Armbinde. Der trinkt seinen Schoppen. Sein Hund liegt ruhig zu seinen Füssen. Die beiden fühlen unsicher in dieser realen Umgebung. Rundum Gebabbel und Gelächter.
Schliesslich meint einer der beiden den Blinden ansprechen zu müssen und schnörkelt los: Ein schönes Tier haben Sie da. Das hat doch sicher eine gute Ausbildung.
Freilich, entgegnet der Angesprochene, der ist gelernter Industriekaufmann.

Bei dem Alter des Wirtes stellt sich immer häufiger die bange Frage, wielange es dieses Lokal noch geben wird. Wie das weitere Schicksal solcher Lokalitäten aussieht, ist sattsam bekannt. Wir wissen, dass nichts bleibt und bedauern es oft.

Wir verlassen nach den mächtigen Rippchen mit Kraut und etlichen Schoppen mit den beiden Frauen das Lokal und fahren nach Bornheim. Wir verabschieden uns voneinander, denn unser Weg führt zu einem letzten Schoppen in eine andere (vormals )legendäre Frankfurter Apfelweinkneipe. Auch dort ergab sich rasch ein Gespräch. Aber das würde den Rahmen sprengen.

Nichts bleibt? Doch. Die Menschlichkeit und der Humor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

 

 

In den Zeiten als das Wünschen noch geholfen hat

Samstagmorgen, geduscht, erfrischt und zu einem frugalen Frühstück die passende Mussigg. Leider fand ich bloss dieses eine Stück. Deshalb anschliessend, einer Bekanntmachung folgend: Prinzip – Der Steher (1980)…

 

Eine Chronik schreibt nur Derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist. (J.W. v. Goethe, Maximen und Reflexionen)

i) In der Küche. Die Urgrossmutter Kättche sitzt in ihrer blauen Kittelschürze am Küchentisch. Auf ihrem Schoss hält sie die weisse Emailschüssel. Sie schnippelt Bohnen. Grüne Bohnen. Meine Erinnerung will mich auf ihrem Schoss sitzend sehen. Einerseits stand da aber bereits die Schüssel. Andererseits waren die älteren Frauen zu wahrhaft artistischen Meisterleistungen imstande. Mit einem scharfen Messer bewaffnet, einen mächtigen Laib Brot an sich geklemmt, schnitten sie eine Scheibe Brot akkurat ab, ohne sich selbst dabei eine Brust zu amputieren.
Neben dem Küchenfenster die Balkontür wies nach Osten. Mein Blick endete an den Bauernhöfen im alten Ortskern.
Die Greisin ging bedächtig ihrer Beschäftigung nach. Es war ruhig in der Küche. Sie räusperte sich ein, zwei Male. Dann begann sie zu erzählen: Es war einmal…
Die an manchen Stellen welligen Ziegeldächer und das schiefe Fachwerk jahrhundertealter Giebelwände verschwammen vor meinem Blick und auf meiner inneren Leinwand schaute ich die famosen Bilder der Märchen, die sie mir erzählte. Immer und immer wieder. Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen und das mir liebste Märchen: Tischlein deck dich. Sie schöpfte die Sprache aus ihrem Inneren und half mir nichtsahnend dabei, grossartige Bilder aus meinem kindlichen Inneren zu schöpfen.
Ihre Stimme glitt episch getragen im Erzählstrom. Ohne Aufregung oder gar Dramatisierung. Ich sah dabei Bilder, die mir guttaten. Manche kann ich noch heute aus meinen Tiefen aufsteigen lassen. Das siebte Geisslein im Uhrenkasten. Die geschorene Ziege. Rotkäppchen und die Grossmutter, wie sie aus dem Bauch des Wolfs springen. Die anschliessende Operation des Wolfs durch den Jäger hat sich mir nie zu einem sichtbaren Bild geformt. Von wegen Brutalität im Märchen. Die findet allenfalls in der Vorstellungswelt von Erwachsenen statt.

ii) Später lernte ich lesen in dem alten Märchenbuch mit den Illustrationen von Else Wenz-Vietor. Im Untertitel versprach es Die fünfzig schönsten Märchen von Grimm, Andersen, Bechstein und aus Tausendundeiner Nacht. Wie es in unser Haus kam konnte mir niemand mehr sagen. Wie es Jahre später hingegen verschwand, das weiss ich noch. Mein jugendliches Bücherbrett wurde zu schmal für die Neuzugänge. Und so musste ich Entscheidungen treffen.

iii) Als Schulkind entschwanden mir die Märchen. Josephine Siebe ist heute allenfalls Kinderbuchsammlern noch ein Begriff. Bis vor etwa dreissig Jahren noch wurden ihre erfolgreichen Kasperlebücher immer wieder neu aufgelegt. Eine hölzerne Kasperlefigur erwacht zum Leben. Die zeitlich abfolgende Geschichte in den Büchern unterscheidet sich trotz der scheinbaren Nähe zu Pinocchio erheblich in ihren Motiven und Handlungssträngen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft ich diese Bücher gelesen, ja geradezu verschlungen habe. Habe mich mitgefreut und habe mitgelitten. Hier habe ich ausdauerndes Lesen gelernt. Und dabei Trost gefunden in einer oftmals grausamen Kindheit.

iv) Spätpubertät. Einige Mitbewohner in unserer WG lasen ebenfalls sehr viel. Mit entsprechend progressivem Bewusstsein versteht sich. Eines Tages lag auf dem Küchentisch ein Taschenbuch. Iring Fetscher – Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Die Halbwertzeit der von Fetscher umgedeuteten Märchen war relativ kurz. Die bourgeoisen Herrschaftsträume des tapferen Schneiderleins oder die Deflorationsphobie von Dornröschens Vater waren wenig bildmächtig. Am ehesten trafen den Lachmuskel noch die Bremer Stadtmusikanten als ein Rentnerkollektiv, das ein Haus besetzt. Vielleicht auch nur, weil wir selbst gelegentlich Leute in besetzten Häusern besuchten oder unterstützten.
Mein erstes Studium habe ich mit einer Diplomarbeit zum Thema Märchen abgeschlossen.

v) Die eigenen Kinder waren mittlerweile ins Märchenalter gekommen und das alte Interesse erwachte erneut. Nebenberuflich begann ich eine Ausbildung zum Märchenerzähler. Bei verschiedenen Gelegenheiten erzählte ich auch öffentlich Märchen. Lustig war ein Flash Mob (ein Wort, das zu jener Zeit noch garnicht existierte) als wir in einer Gruppe den Eisenhans vor der Kirche einer Kleinstadt aufführten.
Was mich bei alledem jedoch am meisten interessierte, waren einerseits die Bilder in den Märchen und andererseits die Strukturen der Texte. Dies führte zu Fragen, z.B. warum in manchen Kulturen eher Tiere oder Pflanzen im Mittelpunkt der Erzählung stehen, in anderen hingegen Menschen auftreten. Der Tor zur Märchenarbeit mit Erwachsenen stand nun offen.

vi) Mit meinem Interesse und der Beschäftigung mit Volksmärchen war ich nicht allein. In den 1980er Jahren fanden die Märchen eine neuerliche rege Beachtung. Psychologische Ausdeutungen oder esoterische Sichtweisen wurden hoffähig. Ein Markt bildete sich und Konsumenten waren rasch bereit, glänzendes Gold hinzugeben für stumpfes Salbadern oder mysteriöse Auslegungen.
Ich habe Gesprächsgruppen geleitet. Kindergärtnerinnen versucht zu motivieren, in ihren Gruppen Märchen zu erzählen. Und in persönlichen Coachings wirkten die (vermeintlich harmlosen) Märchenbilder enorm kraftvoll.

vii) Was mich derzeit intensiv beschäftigt, ist das Thema der Verwünschung. In den Volksmärchen werden ganz verschiedene Arten der Verwünschung dargestellt. Diese Verwünschungen als Bild an sich betrachtet sind weder positiv noch negativ. Sie stellen oftmals die Initialzündungen für sich anbahnende Entwicklungsprozesse dar. Häufig sind diese Verwünschungen als solche garnicht zu erkennen. Auch das Verhalten der verwünschten Protagonisten ist in vielfacher Weise literarisch ausgestaltet. Zu beachten ist jedoch, dass in keinem mir bekannten Märchen alle Aspekte einer Verwünschungen detailliert geschildert werden. Dagegen werden bestimmte Facetten augenscheinlich vorgeführt, wie das auch bei anderen Themen in den Märchen meisthin der Fall ist.
Meine Frage ist, ob es möglich sein könnte, dass Eltern oder andere direkte Bezugspersonen in ihrem Zusammenleben mit Kindern oder auch Jugendlichen, diese bewusst oder unbewusst verwünschen (müssen), um damit eine Entwicklung zur autonomen Persönlichkeit anzustossen. Die extremen Handlungsweisen der Erwachsenen, ob schwere Misshandlungen oder Helikoptereltern, lasse ich hierbei ausser Acht, da ich darüber noch nicht genügend Material habe.

In einem folgenden Beitrag könn(t)en eigene Erlebnisse und Erfahrungen als konkrete Beispiele dienen.
Dieser heutige Bericht versteht sich als Handübung der Erinnerung. Er ist ein weiterer Baustein zu einem autobiografischen Plan. Einige Berichte des vorigen Jahres zählen ebenso dazu.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein märchenhaftes Wochenende.

Ich-Denkmal von Hans Traxler am Mainufer

 

 

Gedanken Winter Wochenende

Am 26.1.2019 starb der legendäre Tastenspieler Ingo Bischof. Langjähriger Mitspieler bei Karthago und Kraan. Ingo Bischof hörte und sah ich erstmals mit Karthago live bei der Eröffnung des Roxy in Berlin. Das war im Januar 1976. Aus diesem Grund laut im Ärmelhaus: Karthago – Live at the Roxy. (endlich die komplette Aufnahme, 2011 )…

Langsam aber sicher sammeln sich die Entwürfe im Archiv. Anfänge oder Mittelteile oder Enden von noch zu vollendenden Beiträgen für meinen Blog. Für manche Erinnerungen ist es noch zu früh.
Das grosse Thema über jene, mich seit Jahren beschäftigende, Generation, der einmal der fatale Scheinfreispruch von der „Gnade der späten Geburt“ attestiert worden ist muss warten, so sehr er sich auch vordrängeln mag. Zu viele dieser Menschen mit ihren verkorksten Biografien und den daraus folgenden merkwürdigen Abirrungen leben noch in meinem Umfeld. Zudem sind nach dem Mauerfall noch einige Biografien aus dem Osten des Landes hinzugekommen.

Eine weitere auffälige Gruppe, über die in einem Beitrag zu berichten ist, sind Menschen meines Alters, die sich vor dem Mauerfall auf ehrerbietige Weise mit Institutionen der untergegangenen Deutschen Republik im Osten eingelassen haben. Dadurch haben sie sich ein Anrecht erworben auf bestimmte staatsnahe Berufe. Manche von denen, die sich zu dienstfertig erwiesen haben, müssen sich seit dreissig Jahren eingestehen, dass jene Institutionen sie sitzengelassen haben wie man schal gewordene Partner sitzen lässt. Die Lenker jener Institutionen hingegen weiden ihre Schäfchen auf den fruchtbaren Wiesen inmitten blühender Landschaften. Auch dafür gibt es Gründe, halbfertige Beiträge weiter zu fund(ament)ieren.

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher aus dem Bereich der Belletristik gelesen. Ich kann Texte jenseits der Fachliteratur  wieder leidlich geniessen. Nach Jahren der Stagnation. Die intensivere literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Erzähltheorien hat mich dem reinen Lesegenuss entfremdet. Potz Lotman und Kristeva. Und Genette als Fundament. Fokalisierungen, Diegesen, Metalepsen und auktoriale Erzähler – geh mir weg damit. Das hat mir die beim Lesen aufsteigenden Bilder vernebelt. Trotz aller Kritik aus der poststrukturalistischen Ecke haben diese Theorien jedoch einen gewissen Reiz. Man muss halt ein gerüttelt Mass an kritischer Distanz wahren.
Andererseits entlarvt das erworbene Wissen natürlich die Texte. Auch meine eigenen, versteht sich. In vielen Blogs lese ich aufgrund dieser Einsichten immer weniger. Und wenn dann beim Leser noch einige psychologische Grundweisheiten vorhanden sind, entblättern sich die Erzähler in ihren Beiträgen vor dem Leser. Und am Ende kann es sogar peinlich sein, die eigenen Texte unter bestimmten Aspekten zu beleuchten.
Auch dies ist für mich also ein Grund vorsichtiger oder eben in längeren Abständen zu posten. Und nebenbei diejenigen zu beneiden, die ihre Beiträge von woanders her kopieren. Keine eigene kreative Leistung zwar, aber auch diese Menschen vermitteln helle Selbstbilder – wenn man genauer hinschaut.

Gelesen habe ich in den letzten Tagen mit Genuss:
Eine Menge Reportagen von Gabriele Goettle (Davon sind fünf Bände in der Anderen Bibliothek erschienen).
Ben Witter – Müssiggang ist allen Glückes Anfang.
Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone.
Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind. Da freue ich mich von gleichen Autor auf das Nachfolgewerk „Alle sieben Wellen“, mit dem ich jetzt gleich beginnen werde.

An meinen begonnenen Texten werde ich dennoch weiterschreiben. Manchmal träume ich davon, ein Buch daraus zu machen. Machen zu lassen. Aber wie Mr. Wakeup beim träumenden Little Nemo ruft mir sofort eine Stimme zu: wieso?…und noch deutlicher in Versalien: WIESO.
Wieso sollte die Welt ausgerechnet solche Geschichten wie die Deinen brauchen? Mach´ besser was nützliches.
Was nützliches?
Koche ein unspektakuläres Gericht und lade liebe Menschen zu einem Mahl ein.
Lege Dir einen Nutzgarten an.
Geh´ hinaus an die Randgebiete und sammle Holz. Mit ein wenig Tapferkeit widerstehst Du Waldbesitzern und Feldschützen.
Restauriere einen alten gusseisernen Kanonenofen. Dazu brauchst Du nämlich viel Geduld.
Und bei allem: Sei eigensinnig und bleibe dennoch menschlich.
???

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe“ (Hermann Hesse).

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Winterwochenende.

(Das Bild des Ofens wird wahrscheinlich schon bald folgen)

 

 

 

 

Auch in diesem Jahr wieder : Zu guter Letzt

Es ist an der Zeit, das 2018er Jahr zu verabschieden. Von einigen Menschen musste ich mich traurigerweise in diesem Jahr verabschieden, von anderen habe ich mich erleichtert verabschiedet. Ebenfalls in diesem Jahr ist der legendäre Schlagzeuger Jon Hiseman verstorben. Sein letztes Album : JCM – Heroes (2018)…

In diesem Jahr habe ich begonnen, an meiner Lebensbuchführung zu arbeiten. Meine zahlreichen Begegnungen und Kollisionen mit Menschen und Orten. Eher eine Inventur als eine Bilanz wird irgendwann daraus werden.
Ein erstes Beispiel dafür war der vorherige Beitrag  über die Musikapparaturen, die mein Leben begleitet haben. Ich habe einen hölzernen Karteikasten angelegt, in welchem ich auf Kärtchen die entsprechenden Details notiere. Erinnerungen an Menschen, denen ich besondere Erfahrungen verdanke. Orte, die ich kennenlernen durfte, an welchen mehr oder weniger berühmte Menschen gelebt oder gewirkt hatten. Stoff genug für ernste und auch heitere Denkwürdigkeiten, über die hier zu berichten sein könnte.

Die Berichte im kommenden Jahr werden weniger, dafür jedoch persönlicher werden. Die Zeiten für ein ausdruckslos einsames Blendamed-Lächeln sind ebenso vorüber wie das insolvente Bloggeschäft mit der unverbindlichen Hingabe für Hergabe Mentalität.
Im Sinne der Reduktion scheint mir das nur folgerichtig. Mit meinen Photographien werde ich versuchen, die Texte noch treffender zu illustrieren. Ich verweigere mich der Massenware an nichtssagenden Fotos und belangleeren Berichte.

Vermehrte und intensivere Begegnungen mit körperlich oder seelisch-geistig beeinträchtigten Menschen erinnern mich täglich aufs Neue daran, wie gut es mir geht. Wie privilegiert ich bin. Über welche Autonomien ich verfügen kann. Wie frei ich eigentlich bin.

Auch in diesem Jahr konnte ich eines der mich seit vielen Jahren begleitenden Rätsel meines Lebens nicht lösen. Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe. Warum wollte ich als Kind und später als Jugendlicher nie irgendetwas werden, hatte keine Vorstellung von einem Traumberuf. Also kein Pilot, Feuerwehrmann oder gar Schauspieler. Nicht mal Bademeister. In diesem Jahr leuchtete mir erstmals der Gedanke auf, die Antwort darauf sei vermutlich belanglos.
Viel wichtiger ist dagegen, dass ich in diesem Jahr öfter gut geliebt als schlecht geschlafen habe. Und das am Horizont immer deutlicher erkennbare neue Projekt befeuert die Lebensfreude zunehmend.

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern, ein lichtes 2019er Jahr mit erhellenden Einsichten und erfreulichen Aussichten. Die Zeiten sollen angeblich rauer werden. Und so will das private Lebensglück sorgfältig und kraftvoll erarbeitet werden, denn keinem Menschen wird es geschenkt werden.

„Aber wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer : Parerga und Paralipomena, 1851. 1. Band, 5. Kap.: Paränesen und Maximen).

Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für ihre Aufmerksamkeit und das Interesse an meinem Blog.