Puschei savoir vivre und Muschebubu dazu

Musikalisch brauchts manchmal wieder den Griff in die Raritätenkiste.. Vor Jahren zum letzten Mal erklang:
Kiev Stingl – Hart wie Mozart (1979)…

Wer bestimmt denn, welche Kunstwerke wertvoll, gut oder anspruchsvoll sind? Welche Kriterien spielen bei der Bewertung eine Rolle? Ist eine objektive Bewertung überhaupt möglich?
Ich entsinne mich noch der endlosen Diskussionen in frühen Zeiten. Nächtelang. Wader oder Wecker. Joan oder Buffy. Beatles oder Stones. . . Das ist lange her. Zum Glück, zumindest in dieser Hinsicht, werde ich älter. Heutzutage empfehlen wir uns gegenseitig Musiken, Literaturen oder Ausstellungen. Keine scheinbar objektiven Kriterien aus dem Hut zaubern. Stattdessen spielen und machen wir uns einfach nichts mehr vor. Wertvoll, gut oder anspruchsvoll ist nun endlich, was den Kopf anregt, das Herz berührt oder einfach gute Laune entfacht. Im besten Fall natürlich alles zusammen.

Der Mainstream gaukelt den Breitengeschmack vor. Dabei handelt es sich allenfalls um die Fahrbahn in einer Richtung. Keine Gegenspur. Ich ziehe die weiten Landschaften diesseits und jenseits dieser Einbahnstrasse vor. Dort entfaltet sich das Leben in all seiner bunten vielfältigen Schönheit.

Zwei Stunden im Garten sitzen und die fleissigen Weinbergschnecken beobachten. Bei all meinem naturkundlichen Unwissen gebe ich mich der Freude hin über Wachstum, Farben und Vielfalt. Die eine oder andere botanische Bezeichnung kann ich mir doch noch merken. Und eine sachkundig grossartige Hilfe steht mir zur Seite.
Die rudimentären Französischkenntnisse auffrischen und erweitern. Die Freude am Lernen bleibt. Mit Freunden und Herzensmenschen zusammensitzen und sprechen. Vielleicht liegt darin der tiefere Sinn pfingstlichen Geschehens weit über die konfessionellen Einengungen hinaus.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern feine Pfingsttage

(Photographien, selbstredend. Anklicken und die Galerie öffnet sich)

 

 

 

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Der Himmel soll nicht täuschen

Endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte; die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet : Fischer-Z – Building Bridges (2017)…

Vielleicht erinnern sich manche Besucher, Leser oder Gugger noch an meinen Beitrag, in dem ich mein persönliches Verhältnis zur Stadt Berlin schilderte. Der Bericht im Jahr 2012 war motiviert durch das verfallende Hotel Stadt Berlin in Bad Muskau. Bad Muskau besuche ich seit über zwanzig Jahren hin und wieder wegen des grossartigen Landschaftsparks des Fürsten Pückler. Das neue Schloss habe ich erstmal gesehen, da war es in einem ähnlich ruinösen Zustand wie das Hotel Stadt Berlin. Inzwischen ist es fein restauriert und schon dieses prachtvolle Gebäude mit seinem interessanten Museum lohnt einen Besuch.
Kürzlich hatte ich wieder einmal das Glück, diesen einzigartigen Park besuchen zu dürfen. Vor der Rückfahrt nahm ich eine aktuelle Photographie des wiedererstandenen Hotels auf.
Man muss nicht unbedingt in diesem Hotel übernachten. Es gibt zahlreiche bequeme und günstige Gelegenheiten in Bad Muskau und der nächsten Umgebung.
Was man sich als bewusst wahrnehmender Mensch hingegen unbedingt gönnen sollte, ist ein Besuch des wundervollen Parks des Fürsten Pückler.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

 

(Photographien zum Vergleich : Anklicken lohnt)

.

Keine Reduktion der Lebensfreude

Auf meiner Inselplattenliste seit über vierzig Jahren ganz weit oben : Frank Zappa – Over-nite Sensation (1973)…


„Aber sterben! Gehn, wer weiß wohin,

daliegen, kalt und regungslos, und faulen!
Dies lebenswarme fühlende Bewegen
verschrumpft zum Kloß! Und der entzückte Geist
getaucht in Feuerfluten oder schaudernd
umstarrt von Wüsten ewiger Eisesmassen!
Gekerkert sein in unsichtbare Stürme
und mit rastloser Wut gejagt rings um
die schwebende Erde! Oder Schlimmeres werden,
als selbst das Schlimmste,
was Fantasie wild schwärmend, zügellos,
heulend erfindet : Das ist zu entsetzlich!
Das schwerste, jammervollste irdische Leben,
das Alter, Armut, Schmerz, Gefangenschaft
dem Menschen auferlegt, ist ein Paradies
gegen das, was wir vom Tode fürchten!“

(William Shakespeare : Maass für Maass oder Wie einer misst so wird ihm wieder gemessen. III,1)

 

Ich bedanke mich herzlich für die Bekanntmachung mit dem abgelichteten Orte. Die besondere Atmosphäre dieser Stätte, die Kühle des Sonntagvormittags am Abhang eines Waldrandes. Der Gegensatz zwischen diesem verlassenen Platz der Trauer und dem aufbrechenden Frühling.
Manche Gebäude betritt man gelegentlich durch den Hintereingang, weil man eben aus dieser Richtung sich angenähert hat. Hier wurden in vergangenen Zeiten die Verstorbenen hereingetragen. Die schon vor vielen Jahren von den Leichnamen geleerten Gefache mahnen an die manchmal prall gefüllten Schubladen eigener Vorurteile und Erwartungen.
Im Verweilen beginnen
Räume ihren eigenen, auf ersten Blick meist verborgenen Charakter zu offenbaren. Wenn man sich ergreifen lässt, genügen einige rasche Wische und das schlichte Mosaik eines Fussbodens zeigt sich.
Wie viele Menschen mögen sich am Ende eines Tages gegenseitig anblicken und mit leuchten Augen freudvoll sagen können : „das war unser Tag!“ ?
Es war gut, das Mausoleum durch den Haupteingang zu verlassen angesichts des
Imperativs zu beiden Seiten des Portals.

(Diesmal präsentiere ich ausnahmsweise wieder acht Photographien. Interessant sind die statistischen Anzeigen bezüglich meiner Galerien. Die ersten Photos werden ganz oft angeklickt, die letzten einer Galerie auffallend wenig. Ich werde darüber nachdenken.)

 

 

Es ist soweit, dass es wieder soweit ist

Turbulente Winterendzeiten. Stürmisch genug wars ja in den letzten Tagen. Vielleicht deshalb wechseln sich hier zwei sehr unterschiedliche Musikalartisten ab in den Lautsprecherboxen: Erja Lyytinen – Stolen Hearts (2017) und Hannes Wader – Kleines Testament (1976)…

Es stimmt, ich schreibe weniger. Die Erklärungen sind ebenso einfach wie schlicht.
Die schönen Erlebnisse teile ich gerne mündlich mit und die alltäglichen sind hier kaum angemessen zu veröffentlichen. Weil ich gegen die politische Korrektheit verstossen würde mit dem, was ich verbreiten möchte. Und die darauf einsetzenden Reaktionen (die ich im kleinen Ausbrüchen bereits erleben durfte) möchte ich mir und den (politisch korrekt sich geben wollenden) Reaktoren und Reakteusen ersparen.
Diese sogenannte politische Korrektheit ist meiner Meinung nach ein ebenso brachiales wie primitives Machtinstrument. Ein Zensur- und Kommunikationstotschlaginstrument. Kommt scheinbar harmlos daher, verkleidet als Menschlichkeit und dient denen, die über die entsprechende Bezeichnungsmacht verfügen, lediglich zur persönlichen Vorteilsnahme.
Damals wurde der Begriff noch nicht verwendet. Aber der kleine (leicht hinkende) Mann im Ledermantel und den zurückgekämmten Haaren, der würde diesen Begriff heutzutage virtuos handhaben.
Meiner Beobachtung und Überzeugung nach ist die seit einigen Jahren propagierte politische Korrektheit lediglich die perfide schleichende Vorbereitung zu einem Faschimus durch die Hintertür. Auf diese Weise kann man inzwischen wieder Menschen kaltstellen, die ihre Meinung frei äussern.
Die „politisch Korrekten“, die ich in den letzten Jahren persönlich kennenlernen und zeitweise ertragen musste, waren im Grunde meist unglückliche Menschen. Kleinbürger der übleren Sorte. Hinterhältig auf der Suche nach Macht, Geld oder Liebe. Und dies je nach Mangel und Befinden in allen möglichen Kombinationen.
Dennoch erkennbar immer irgendwie auf dem Weg dorthin, wo das Unglück schon auf sie wartet. Aber wenn die entsprechenden Themen zur Sprache kommen, flackert es irre in ihren Augen. Und der ätzende Dunst ihrer kleinlichen Machtgelüste wabert durch den Raum.
Dass ich so falsch nicht liege mit meiner Einschätzung, zeigt sich an den Erfolgen einer Partei, die bis auf die geschäftstüchtigen Führer keiner mag, ausser ihren Wählern versteht sich. Dass es den Führern dieser Partei um ihre eigenen Geschäfte geht, ist den Wählern dabei egal. Sie kommen ihre eigene Schau.
Mir ist all das nicht gleichgültig. Denn ich sehe, dass die Wähler unter anderem dadurch angelockt werden, weil die Führer dieser Partei fast täglich gegen politische Korrektheiten verstossen. Das gefällt vielen Menschen. Denn es wird ihnen aus den Herzen gesprochen. So sehr leider, dass der Kopf einschläft dabei.
Ich würde auch öfter gerne gegen so manche politische Korrektheit verstossen. Aber ich möchte weder mit den Führern dieser Partei noch mit denen, die sie wählen verwechselt oder gar in einen Topf geworfen werden. Ich jammere nicht, den diesbezüglichen verbalen Maulkorb habe ich mir selbst angeschnallt.
Aber zu meinem ganz grossen Glück gehört eben auch, dass ich mehr Zeit mit persönlichen Gesprächen verbringe. Und da gibt es keine Maulkörbe. Die Themen werden sachlich und fundiert besprochen und diskutiert.

Gerade singt Hannes Wader wieder. Das war eine Freude seinerzeit, als der Tankerkönig auf dem Kleinen Testament eine Fortsetzung fand. Der Putsch (Tankerkönig Teil 2). Daraus stammt die folgende Pasage. Ein zweiundvierzigjähriger Zeitsprung – es ist wieder soweit.

„Der Mann war klein, mager, mit zurückgekämmten Haaren und trug einen dunklen Ledermantel. Wie er da so stand, schien er mir irgendwie unvollständig, wie verkrüppelt –
Bis ich darauf kam, dass der Typ Mensch niemals ohne Schäferhund bei Fuß und Hundepeitsche in der Hand vorkommt.
Und richtig! – Der Mann pfiff leise durch die Zähne, da kroch auch schon ein riesiger Schäferhund unter dem Sofa vor, mit einer Hundepeitsche zwischen den Zähnen.
Das Hinterteil eingeknickt wie bei einer Hyäne, rutsche er winselnd auf dem Boden entlang und legte seinem Herrchen die Peitsche  vor die Füße. Und schon begann die Vorstellung! […]
Indem er eine Schallplatte auflegte, erklärte er, der Hund würde uns nun etwas vorsingen. Schon nach den ersten Takten wurde die Melodie von allen erkannt – Es war die Internationale!
Es wurde scharf protestiert, so einen Dreck wolle man hier nicht hören und ähnliches.
Aber der Hundeführer beruhigte die Leute und sagte, sie möchten doch bitte auf den Hund achten.
Das arme Vieh hatte gleich als es den ersten Ton hörte, versucht sich zu verkriechen, klebte aber wie festgefroren am Boden, zitterte am ganzen Leibe, fletschte die Zähne und röchelte nur. Dabei tropfte ihm der Geifer von den Lefzen.
Mit blutunterlaufenen Augen starrte der Hund wie wahnsinnig vor Angst und Hass auf den Plattenspieler.
Dann – als ich dachte, er müsste gleich ersticken vor Entsetzen – hob er plötzlich den Kopf und fing an zu singen. . .
Das heißt, sein ersticktes Röcheln löste sich plötzlich in erbärmlichen Jaultönen. Die Wirkung auf die Zuschauer war gespenstisch!
Wie hypnotisiert glotzten alle auf den Hund. Ich sah, wie sich bei einigen die Nackenhaare sträubten, manche knurrten richtig, verdrehten die Augen, legten die Ohren an und jaulten dann mit gespitzten Mündern gemeinsam mit dem Hund gegen die verhasste Musik an, bis die Platte endlich abgespielt war.
Vollkommen  erschöpft und tief ergriffen soffen sie alle bis zum Morgengrauen weiter und verließen das Haus laut grölend wieder durch das Kellerfenster – obwohl inzwischen jemand die Haustür ausgehängt hatte!
Ich war nun wieder allein mit dem Chef.
Er war äußerst zufrieden mit allem und sagte zu mir: „Hast du die Nummer mit dem Hund gesehen, du Ratte? Sowas nenne ich angewandte Politik!“
Ich fragte, „wieso  angewandte Politik?“
„Na, ganz einfach“, meinte er, „Der Hundeführer quält den Hund mit Elektroschocks und lässt gleichzeitig die Platte laufen. Also richtet der Hund seine ganze Wut gegen die Musik.
Der Hundeführer tritt nur in Erscheinung, um den Hund wieder von seiner Folter zu erlösen, und der leckt ihm auch noch aus Dankbarkeit die Füße! Ich sage Dir, die Menschen sind genau so dämlich wie dieser Köter.
Denk an meine Worte, wenn wir erst an der Macht sind!“             (aus : Hannes Wader – Der Putsch [Tankerkönig II] 1976)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Fotografien passend zum Text. Und zum Anklicken zum Grossgugge)

 

 

 

Bücherarnos leuchtende Erinnerungseruptionen

Aus den alten Archiven aufgetaucht. Eine der Bands des Schlagzeugers Jon Hiseman. Tempest – Tempest (1973), Live in London (1973) und Living in Fear (1974). Danach war aus wirtschaftlichen Gründen Schluss. Bis auf wenige Stücke meistenteils nachvollziehbar aus meiner heutigen Sicht, trotz der erstklassigen Musikanten…

„Booksellers are all rascals…“, sagte Charles Dickens. Und der hatte mit seiner umfangreichen literarischen Produktion reichlich Erfahrungen gesammelt mit seinen Verlegern. Die Beispiele, die mir von Autoren persönlich erzählt worden sind, stützen diese Aussage. Dennoch müssen nicht alle Menschen Schlitzohren sein, die Bücher herstellen oder mit gebrauchten Büchern handeln.
Die Preisvorschläge einiger Antiquare für Bücher aus der Ärmelbibliothek dienten wahrscheinlich der Prüfung meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit. Als ernstgemeinte Verhandlungsgrundlagen waren sie absurd und ich lehnte sie folglich rundweg ab.
Inzwischen verkaufe ich über eine Plattform für Literatur und es läuft. Nicht wie geschmiert, aber es läuft durchaus zufriedenstellend. Interessant sind bei den Verkäufen die persönlichen Begegnungen mit Käufern, die ihre Schnäppchen im Ärmelhaus abholen. Heutzutage werden mehr und mehr dieser privaten Geschäfte weitgehend anonym abgewickelt. Das eröffnet fraglos für beide Seiten erweiternde Möglichkeiten.
Aber die direkten menschlichen Kontakte ziehe ich dennoch vor. Die sich dabei unter Umständen ergebenden Gespräche erbringen meist interessante Aspekte.
Der Mann, der letzthin ein kleines Konvolut von Arno Schmidt gekauft hat. Das anregende Gespräch hat mich direkt zurückkatapultiert. Die Frage ist wieder aufgetaucht, warum sich in Arno Schmidts privater Bibliothek so viele Werke von Friedrich Spielhagen finden und wo sich überhaupt der Niederschlag dieser Lektüre in seinen eigenen Werken auffinden lässt. Dieser Frage bin ich schon einmal vor fast drei Jahrzehnten nachgegangen. Ohne Erfolg.

Ein früherer Schulkamerad rief letzthin an. Wir haben uns vor etlichen Jahren beiläufig auf einer Kirmes gesehen. Hatten nach der kurzen gemeinsamen Schulzeit reichlich Kontakt wegen des gemeinsamen Hobbies. Dann liefen die Lebenswege auseinander. Nun wechseln einige Mails. Photographien ehemaliger Klassenkameraden werden versendet. (Mannomann sehen da manche alt aus). Sofort fallen mir Namen von Schülern und Lehrern ein. Anekdoten auch. Und Bands und deren Musiken, die eine gewisse Rolle gespielt haben. Jon Hiseman beispielsweise. Colosseum, Colosseum II, Tempest, Barbara Thompson´s Paraphernalia. Jede Menge Musikernamen tauchen schagartig wieder auf. Und : die Qualität der Musik ist rein subjektiv und an entsprechende Kontexte gebunden.

Es geht nichts Erlebtes wirklich verloren in einem Menschenleben.

Und auch manche (seit langem ersehnten) lichtbringenden Gegenstände aus der Dingwelt sind wieder beschaffbar, selbst wenn Gesetze und Vorschriften im Interesse der Wachstumswirtschaft das gerne verhindern woll(t)en. Es werde Licht (wie früher). Und auch so lange brennbar. Für einige Cents.

Es muss ein karmisches Einwirken sein, dass ich in der Nähe einer der Narrenhochburgen mein Leben verbringe. Gut, als Kind auf dem Kindermaskenball zu den Rhythmen einer viertklassigen Dorfbeatband verlegen herumhüpfen oder später als Jugendlicher auf dem Rosenmontagszug mitfeiern, das gehörte damals dazu. Aber wenn dann das Schicksal ernst in die moralische Instanz spricht, macht man einen grossen Bogen um das ganze höchst überflüssige Geschehen.
Ich besuchte in diesem Jahr an Fastnacht ein Museum. Bis in die Ausstellungsräume wummerdonnerten die Teschnoklänge des Umzuges. Lärm und Mussestörung als Strafe für die Vernünftigen.
Ausruhend an einem Geländer, schaute ich in die Tiefe. Und wurde dabei des Tändelns eines Pärchens gewahr. Und oh Wunder, nicht ich alleine. Über eine komplizierte Spiegelkonstruktion bemerkte ich eine Person, die mir irgendwie bekannt vorkam, und die die ganze Szenerie ablichtete.
Geehrte Besucher, Leser und Gugger : Nehmen Sie sich vor Lichtbildnern in Acht. Deren Wahrnehmungen können unberechenbar überall sein. Auch ohne Helau Geschrei. Ganz im Gegenteil.

(Photographie anklicken. Es werden dann zwar keine Kamellen aus dem Bildschirm geworfen, dafür kann man gross gugge)

 

 

Reduktionsgewinne

In der weitgehenden Auflösung der Bibliothek tönen zur Arbeit die Stimmen der Vorleser. Zwischendurch die leise aufsteigenden Zweifel. Sie gehören zum Training. Reduktion beschenkt reichlich, sie will jedoch eifrig umworben werden.
Max Volkert Martens liest ausdauernde 2350 Minuten lang das Opus Magnum Uwe Johnsons : Jahrestage. Langeweile kommt nicht auf…

Das Herz des Rechenknechtes gab den Geist auf. Schon nach der Abgabe in der sogenannten PC-Klinik stellte sich in mir eine auffällige Gelassenheit ein. Ich vergass zu fragen, wie lange eine Reparatur wohl dauern könne. Tageweise brachten die Telefonate missliebigere Neuigkeiten. Na und, es ist wie es ist. Generationen schauen mir über die Schulter aus Vergangenheiten, in denen der private Umgang und der mit einer weiteren Öffentlichkeit in ganz anderen, jedenfalls persönlicheren Formen stattgefunden hatte.

Und jetzt sitzt Du neben mir und wir fahren zurück von den Freunden weiter nördlich. Am Rand der Heide klagt man nicht über das Wetter. Man erwartet kein anderes. Wie so viele Künstler hat auch der Herr Hundertwasser nicht weggeschaut, wenn Geld knisterte. Der Bahnhof wäre eine Diskussion wert.
Die Bundesstrasse 4 pflügt durch nebeldumpfe Gegenden, vorwiegend waldicht. Neben Uwe Johnson schiebt sich Arno Schmidt in meine Gedanken. Wir fahren langsam. Ich erzähle einiges von meinem vormaligen Lieblingsautor. Seine ländlichen Erzählungen handeln hier in dieser Gegend. Als Kind war ich öfter hier. An Wochenenden mit Tante und Onkel. Ich habe eine Vorstellung von der Heidelandschaft. Und zahlreiche Erinnerungen. In all das mischen Bilder aus den ländlichen Erzählungen. Die teilweise ätzenden Sprüche gegen die hiesige Landbevölkerung. Ihre Verschwiegenheit und ihre Verschlagenheit.
Dir liegt weniger an Heidelandschaften. Bist in einer anderen Heide gross geworden in diesem Land, deren stille Abwechslungslosigkeit noch nachzuwirken scheint.
Mensch, da sind jede Menge Teiche auf der Karte. Sicher gibts da auch eine Fischräucherei. Ich hätte Lust auf ein feinfrisches Fischbrötchen. Wer mit Landkarten reist hat den besseren Überblick und erspart sich die nervendes Geplapper aus dem Maschinchen.
Da vorn rechts. In der Tat. Du hast Recht mit deiner Mutung. Zuverlässig wie gewohnt. Du vermutest dich nur selten. Die Auswahl in dem kleinen, altmodisch schlichten Ladenlokal lässt nur eine Wahl. Die Fischbrötchen sind aber auch sowas von lecker.
Gugg´ mal, die Räucheraale. Hier mit diesem Prachtexemplar würde das Abendmahl zu einem kleinen Fest.
Sag mal, ganz hier in der Nähe steht das Haus von Arno Schmidt. (Man stelle sich vor: auf der Generalkarte aus den 1990er Jahren ist an der Ecke B4 – B244 noch immer Großer Kain zu lesen. Auch dies der Titel eines Feinkleinwerkes von Arno Schmidt.)
Wir hatten zwar eine andere Route geplant. Aber die kleinen Abenteuer ergeben sich auf Umwegen.
Ich war ewig nicht mehr in Bargfeld. Verfahre mich auch prompt. Aber in einem Kaff mit vier Strassen ist das ein zu vernachlässigendes Problem.
Mensch, ist das Grundstück eingewachsen. Man sieht das Holzhaus fast garnicht mehr. Wart mal, ich dreh um, dann steigen wir mal aus für ein paar Fotos.
Du vermutest dich wirklich sehr selten. Es war diese vermaledeite kleine Kante zwischen Weg und Acker. Der Wagen sitzt fest. Mir fallen sofort einige Anekdoten ein. Wie Arno Schmidt sich auslassen konnte über Leute, die an seinem Zaun entlang waberten. Bissig konnte er sein, der Solipsist in der Heide.
Nach einigen Versuchen steht fest, dass wir alleine die Karre nicht freikriegen würden. Klinkenputzen und klingeln.
Ja, da fragen Sie am besten beim Nachbarn.
Oh, ich würde Sie gerne rausziehen. Ich mach das ja immer gerne. (Immer? Klingt da Schadenfreude mit?) Aber unser Trekker ist in der Werkstatt.
Wen würden Sie uns denn empfehlen?
Joh, versuchen Sie das mal bei …
Wo mag sich das Landvolk am frühen Nachmittag wohl aufhalten. Nichts rührt sich nach den verschiedenen Klingeln. Dort vielleicht? Unfreundliche Windböen und der fisselige Nieselregen. Da, plötzlich kommt ein Lärm näher. Ein Monstrum von einem Traktor holperbrüllt um die Ecke. Stampft eilends auf uns zu. Der Fahrer scheint unser Winken zu ignorieren. Nochmal vierhändig. Vollbremsung. Genau neben uns. Wir erklären. Fragen und bitten. Ohne Kommentar donnert er mit seinem Ungetüm auf den Hof. Holt den Wagen aus der Garage. So richtig verstanden haben wir beide nicht, was da jetzt abgeht. Verschwindet mit dem Wagen irgendwo hinten auf dem Hof. Stille. Siestazeit in einem Heidenest. Wieso kommt der nicht mit einem Traktor zum Rausziehen?
Zackig kommt er plötzlich im PKW vom Hof und rasant auf uns zugedüst. Wir steigen ein. Der Mann fährt wirklich schnittig. Redet nichts. Wozu auch. (Das sind die Ahnungslosen aus der Stadt, die zu diesem verrückten Schreiberling pilgern) Holt die schwere Kette aus dem Kofferraum. Ein Klacks für einen Profi.
Vielen Dank. Wir möchten uns gerne erkenntlich…
Er schneidet mir das Wort ab: Macht zehn Euro!! Ich zahle und bekomme verabschiedend noch den kostenlosen Hinweis: Und machenSe das nich wieder.
Leicht durchnässt aber froh setzen wir unsere Reise fort. Der Aal zum Abendessen war ein natürlich Gedicht.

Der Rechenknecht muss wieder neu eingerichtet werden. Mit dem, was nicht verloren gegangen ist. Manches lässt sich wieder rekonstruieren. Anderes nicht. Auf dem Bau habe ich schon als Schüler gelernt: ein bisschen Schwund ist immer. Schadet ja auch nichts. Wenn ich mir bei den langweiligen Arbeiten nicht Uwe Johnson vorlesen lasse, lese ich selbst. Arno Schmidt? – Allerdings! Die kleineren Stücke. Aus der Inselstrasse. Oder die Stürenburg Geschichten. Und natürlich die ländlichen Erzählungen.
Im Zug der Reduktion steht die teure Vorzugsausgabe zum Verkauf. Heute Morgen erst fand ein erfolgreiches Verkaufsgespräch statt in Sachen der dritten Werkgruppe der Bargfelder Ausgabe. Ich habe letzthin in einem öffentlichen Bücherschrank einige der alten, lieblos gemachten Taschenbücher des Fischer Verlages gefunden. Die zerfleddern zuverlässig beim umblättern der Seiten.
Das macht aber nichts, weisst du. Wenn wir wieder einmal zusammen auf eine Entdeckungsfahrt gehen, stecke ich mir eins oder zwei davon in den Rucksack. Und wenn ich den Wagen dann wieder in einer Feuchtwiese versenken sollte entgegen deiner Mutung und es obendrein draussen regnet, dann lese ich dir eine dieser kleinen Schmidtchen Paradestückchen vor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein aufs Wesentliche reduziertes Wochenende.

(Photographien OoC, da sich meine Bildbearbeitungsprogramme beim Festplattentod grusslos verabschiedet haben)