Zweiundvierzig Jahre später – im Jahr 29 nach der Grenzöffnung

„After all your soul will still surrender
After all don´t doubt your part
Be ready to be loved“ (Yes – To be over)

 

Vorspann zum 3. Oktober 2018 : Gundermann (2018) von Andreas Dresen
Anschliessend spielt die Musik: Alexander Scheer & Band : Gundermann – Die Musik zum Film (2018)
Hauptfilm : Im Lauf der Zeit (1976) von Wim Wenders
Und als Itinerar, das
Buch: Fritz Müller-Scherz, Wim Wenders [Hrsg.]: Im Lauf der Zeit. Bild für Bild, Dialogbuch, Materialien. Frankfurt, Zweitausendeins. 1976. 334S.

Die Idee besteht seit zweiundvierzig Jahren. Leuchtete hin und wieder auf. Lebte weitgehend im Verborgenen und entging so dem Vergessen. Diente manchmal auch zu einer imaginären Flucht aus schwer erträglichen Verhältnissen.
In meinem vorletzten Beitrag beschrieb ich bereits ein intensives Erlebnis meines Lebens im Zusammenhang mit dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Und jetzt bestand endlich die Möglichkeit auf den Wegen des Films nachzuvollziehen, wie sich Deutschland verändert hat in den vergangenen zweiundvierzig Jahren und im Jahr 29 nach der Grenzöffnung.

Die Reisegesellschaft ist paritätisch besetzt. Sozialisationen in der alten BRD und der ehemaligen DDR. Da ist für reichlich Austausch gesorgt. Fragen und Antworten. Und gegenseitiges Staunen. Keine Wettbewerbe oder schräge Vergleiche. Allenfalls die kritische Hinterfragung eigener Fehl- oder Vorurteile und deren mögliche Korrektur.
Die Reise soll dem Streckenverlauf des Films von Wenders folgen. Wie haben sich Dörfer, Städte und Landschaften verändert in den vergangenen Jahrzehnten.
Aber wir wollen uns auch die Freiheit nehmen zu Abstechern. Erstens ist der Eiserne Vorhang offen und zweitens scheint es zu simpel, lediglich eine Filmroute nachzufahren. Es bieten sich in diesem grossartigen Land viel mehr Möglichkeiten zum Entdecken und Kennenlernen.
Und weil es keine Zufälle gibt, begegneten uns nicht wenige auf dieser Reise zu unserer Verblüffung.

Im Film verlief die Reiseroute von der Elbe im Wendland bis nach Oberfranken entlang der damaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Jeweils ein Abstecher der beiden Hauptdarsteller führte nach Viechtach beziehungsweise auf eine Insel beim Rheinkilometer 544. Die gemeinsame Filmreise endete in Hof an der Saale.

Es handelt sich um ein klassisches Roadmovie. Zwei Männer begegnen sich, sind für eine Zeit zusammen unterwegs und dann trennen sich ihre Wege wieder. Der eine fährt und lebt in einem alten Möbellastwagen und klappert in Dörfern und Kleinstädten die verbliebenen Lichtspieltheater ab, um dort anfallende Reparaturen an den technischen Ausrüstungen der Kinos zu erledigen. Der andere kommt aus Genua zurück, wo er sich offenbar von seiner Frau getrennt hat. Sie treffen sich, als er mit seinem Auto über Feldwege rast und seinen VW Käfer neben dem LKW in der Elbe versenkt. Damit beginnt der eigentliche Film.

Aufgrund der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit, vom dreissigsten September bis zum dritten Oktober, war vereinbart, die Wegstrecke in zwei Etappen aufzuteilen. Unsere erste Etappe, von der hier berichtet werden wird, führt also vom Wendland bis in die hessische Rhön südlich von Bad Hersfeld. Die zweite Etappe soll dann im Frühjahr des kommenden Jahres in Angriff genommen werden.

Der dreissigste September.
Die Reise beginnt mit dem Auffinden des ersten Drehortes. Vor einigen Jahrzehnten noch ein fast unlösbares Unterfangen, ist es mit Hilfe heutiger technischer Möglichkeiten fast ein Leichtes. Die Freude ist dennoch gross, als wir etwas seitlich der zerschossenen Brücke über dem Elbeufer stehen. Die Eisenbahnbrücke beginnt irgendwo auf einem Deich und endet am Elbufer. Im Film war sie zwei Bögen länger und endete in der Mitte der Elbe. Dort verlief die ehemalige Grenze zwischen der BRD und der DDR. Davon sind, zumindest hier, heute keine Spuren mehr zu entdecken. .
Die alte Wiebke-Tankstelle mit dem Schild für den Deutz-Dienst gibt es nicht mehr. Bei näheren Hinsehen jedoch kann man Mauerreste des Gebäudes der ehemaligen Tankstelle sehen, die in dem jetzigen Einfamilienhaus verbaut worden sind.
Gorleben ist nur wenige Kilometer entfernt. Dort sitzen wir bei untergehender Sonne am Elbufer versammelt zu einem sommerlichen Picknick. Die geplanten Lager in Gorleben wurden erst 1977  von der niedersächsischen Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Ernst „Fury“ Albrecht, dem Vater der Ursula von der Leyen, beschlossen. Als wir auf der Rückfahrt nach Lüchow von der Hauptstrasse abbiegen und uns einem der massiv bewachten Einfahrtstore nähern, kommt umgehend ein schwerer Geländewagen auf das Tor zugefahren. Ein schneller Schnappschuss zur Erinnerung ist dennoch im Kasten.
Die erste Nacht unserer Reise verbringen wir sehr originell in einer ehemaligen Gastwirtschaft in Lüchow.

Der erste Oktober.
Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Suche nach den Lüchower Schauburg-Lichtspielen in der Kirchstrasse. Nichts an dem etwas vernachlässigten städtischen Fachwerkhaus lässt Spuren des ehemaligen Kinos erkennen. In der direkten Umgebung entdecken wir einige weitere Drehorte. Kaum verändert und mit ganz wenig Phantasie sind sie zu erkennen.
Während im Film Bruno, der King of the Road, in den Landkinos die technischen Apparaturen repariert und instandsetzt, liest Robert, der Kamikaze, die jeweiligen Lokalzeitungen, wo immer er sie findet (Die Erklärung dafür gibts im zweiten Teil der Reise). Die Elbe-Jeetzel-Zeitung können wir beim Frühstück in Lüchow noch kaufen. Vorweggenommen sei, dass zwar fast alle im Film gezeigten Kinos inzwischen zu anderen Zwecken umgewandelt oder geschlossen sind. Im Gegensatz dazu scheinen sich die lokalen Zeitungen besser erhalten zu haben.
Fans der englischen Musikgruppe The Rolling Stones sollten in Lüchow das grösste private Rolling Stones Museum besuchen. Schier unglaublich, was dieser beinharte Fan im Lauf der Zeit so alles zusammengetragen hat. An diesem Montagmorgen ist es leider geschlossen.

Da wir in der glücklichen Lage sind, die ehemalige Grenze in beiden Richtungen nach Belieben überqueren zu können, machen wir davon im Verlauf unserer Fahrt ausgiebig Gebrauch. Als wir das Dorf Waddekath verlassen, zweigt rechts ein gut erkennbarer ehemaliger Kolonnenweg ab. Wir folgen ihm und erreichen nach etwa einem Kilometer ein Stück ehemaliger Grenzmauer am Waldrand. Ein Wachthäuschen nebenbei. In dem Waldstück liegt wie vergessen eine Panzersperre und daneben steht der alte Grenzpfahl. Direkt angrenzend liegt ein bäuerliches Gut mit seinen Scheunen und Stallungen. Felder und Wiesen endeten früher an dieser Grenze. Der kleine Bach ist jetzt ausgetrocknet. Ob er in älteren Zeiten auch schon Grenzgraben hiess. Ganz gleich, wo die Reisenden sozialisiert sind, die Ergriffenheit wird durch die Stille in dieser sonnigen frühherbstlichen Landschaft noch verstärkt.
Bei der Fahrt durch die alte Hansestadt Salzwedel steht der Wunsch rasch fest, diese schöne Stadt bei einem zukünftigen Wochenendbesuch zu entdecken und näher kennenzulernen..

In Wittingen erhalten wir eine praktische Lehre in Sachen historischer Forschung und dem speziellen Fachgebiet der Oral History. Wir suchen die Viehwertung gegenüber einer Texaco Tankstelle. Im Bewusstsein, dass seit der Drehzeit des Films zweiundvierzig Jahre vergangen sind, sprechen wir ausschliesslich ältere Menschen an.
Ja, die Viehverwertung, sagt die ältere Dame, die gibts zwar nicht mehr, aber das Gebäude steht noch. Es folgt eine leicht nachvollziehbare Wegbeschreibung. Wir finden jedoch nichts und stimmen überein, eventuell der Wegbeschreibung nicht genau gefolgt zu sein. An einer Tankstelle fragen wir erneut. Der Tankwart kann sich erinnern, weist in die entgegengesetzte Richtung und sagt, die alte Viehverwertung sei abgerissen und dort befände sich jetzt ein Supermarkt. Vor der Tankstelle spricht inzwischen eine Reiseteilnehmerin einen andern älteren Herrn an, auch der weiss sofort Bescheid und fragt, welche der beiden Viehverwertungen sie denn meine.
Wir kurven über eine Stunde in der Kleinstadt herum und kennen bald alle Strassen. Zwar finden wir das Anwesen der früheren Viehverwertung mit der gegenüberliegenden Texaco Tankstelle nicht, aber dafür freuen wir uns über das Interesse an unseren Projekt und die hilfsbereiten Gespräche der von uns angesprochenen Menschen.

Die Strassen durch die Südheide zum Wolfsburger Bahnhof sind gut ausgeschildert. Dort wollten sich der King of the Road und Kamikze eigentlich trennen und jeder seines eigenen Weges weiterziehen. Das einst weitläufige Areal vor dem Bahnhof (jetzt Hauptbahnhof!) in Wolfsburg ist längst mit postmodern erscheinenwollender Architektur bebaut. Wie auch im Bahnhof tummeln sich auf dem Vorplatz Spielhöllen und Läden mit Schnellmahlzeiten und verstellen den Blick, wie wir ihn im Film sehen konnten.
Auf meinen persönlichen Wunsch hin machen wir einen Abstecher hin zum Salzteich, in dessen unmittelbarer Nähe ich vor vielen Jahren wunderschöne Wochen unbeschwerter Kindheit verleben durfte.

Da sich Kamikaze für keinen passenden Zug von Wolfsburg aus entscheiden kann, blieben die beiden Männer zusammen. Die nächste Station von Bruno, dem King of the Road, ist das Roxy Kino in Helmstedt. Die Eisenbahnlinie, die man auf der Fahrt dorthin im Film sieht, ist längst stillgelegt. Die deutsche Bahn ist inzwischen ein privatisiertes, auf Profit ausgerichtetes Unternehmen, das nach seiner Kalkulation unprofitable Linien stilllegt und den Gleiskörper abbaut. Der Bundesminister der Finanzen nimmt mit, was zu holen ist. Was bleibt, ist das Problem der Menschen in dieser Region. Das war schon so, als das Gebiet noch als  Zonenrandgebiet bezeichnet worden ist.
Das Roxy Kino gibts noch, obwohl wir es erst auf den zweiten Blick erkennen. Ein kleines Häuschen mit dem Schriftzug Roxy im Stil der Seventies im Giebel steht an der Durchfahrtsstrasse. Wir erkennen erst später, dass weiter hinten und etwas seitlich versetzt die alte erhaben geprägte Inschrift wie im Film auf dem hellen Putz des Giebels noch immer zu sehen ist. Und der alte Seitenaufgang zum Vorführraum ist noch immer da. Die nächste Station wird in Schöningen sein. Die Park Lichtspiele in der Bahnhofstrasse.

Ja, gleich hier neben, da war das Kino. Den Eingang können Sie auf der Rückseite noch sehen. Die leider sehr dunklen Fotos im Filmbuch zeigen den Eingang keinesfalls auf der Rückseite. Von hier hinten kann der Film, schon aus Platzgründen, unmöglich aufgenommen worden sein. Eine weitere Zeitzeugin erinnert ebenfalls einen rückwärtigen Eingang zum Kino. Er muss aber vorn zur Strasse hin gewesen sein. Eine genauere Untersuchung der vorderen Fassade lässt bauliche Veränderungen dort erkennen, wo ursprünglich tatsächlich ein breiterer Eingang gewesen ist. Über die Gründe, warum die angesprochenen Passanten, das ursprüngliche Portal auf der Rückseite erinnerten, lässt sich trefflich spekulieren. Am naheliegendsten erscheinen architektonische Umbaumassnahmen. Der ehemals grosse Kinosaal wurde der Länge nach geteilt. Zur Strassenseite hin befinden sich heute zwei Kegelbahnen. Den anderen, rückwärtigen Teil nimmt inzwischen der Gastraum eines Lokals ein. Dies könnte vormals ein den Umständen angepasster, kleinerer Kinosaal gewesen sein.

Der zweite Oktober.
Von Schöningen bewegte sich das Filmteam westlich des Harzes vorbei nach Nordhessen. Wir entscheiden uns für die östliche Route. Eine kleine Stadtrundfahrt unternehmen wir in Blankenburg. Quedlinburg und Wernigerode sind restauriert und aufgrund der ertragreichen Einkünfte aus dem Tourismus in den beiden Städten, wird entsprechend in Renovierungen und Erhaltungsmassnahmen investiert. Blankenburg hingegen erweckt nach umfangreichen Restaurierungsmassnahmen in der Zeit nach der Grenzöffnung mittlerweile  stellenweise wieder deutliche Spuren des Verfalls. Nach einer Zwischenstation zur Proviantauffüllung in einem bekannten Nordhausener Unternehmen passieren wir einige Dörfer im Gebiet der vormaligen Grenze. Es ist eine ruhige, fast behäbig wirkende Region, die nach wie vor landwirtschaftlich geprägt ist.
Einzig die Grösse der jeweiligen Ackerflächen lässt erkennen, wo ehemals die Grenze zwei Landesteile getrennt haben mag. Oder in der Giebelwand eines früheren Gehöfts das Schild „LPG Gute Zukunft“.

In Witzenhausen erleben wir eine feine Überraschung. Der Vorführer muss zwar nicht mehr über ein Flachdach in den Vorführraum einsteigen, aber dafür ist das Capitol noch wohlerhalten und in Betrieb. Der Vorraum mit der Theke atmet die traditonelle Atmosphäre längst vergangener Kinoarchitektur. Leider gelingt es uns nicht, mit der Kassiererin in ein Gespräch zu kommen. Dass gleich eine Sondervorstellung die Dokumentation „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders zeigt, nehmen wir als schönes Zeichen.

Wenige Kilometer südlich von Witzenhausen liegt abseits der Bundesstrasse das Dorf Wendershausen. Kamikaze wunderte sich beim Blick auf die Landkarte über Ortsnamen wie Machtlos oder Friedlos. Der King of the Road ergänzt, der Berg zwischen diesen Dörfern hiesse Toter Mann. In den östlich gelegenen Regionen Hessens gibt es neunzehn Ortsnamen, die auf los enden.

Was uns viel tiefer beeindruckt, ist ein historischer Gebietstausch. Nur wenige Kilometer entfernt grenzten die Besatzungszonen der Briten, Amerikaner und Sowjets aneinander. Besonders betroffen davon war die Bahnstrecke Bebra Göttingen. Dort mussten die westlichen Besatzer für einige Kilometer durch die sowjetische Zone fahren. Das war mit viel Bürokratie verbunden. Zur Vereinfachung einigte man sich auf einen Gebietstausch. Dabei fielen einige hessische Dörfer in den sowjetischen Verwaltungsbereich und einige thüringische kamen zu Hessen. Nach der Ratifizierung des Vertrages tauschten Russen und Amerikaner jeweils eine Flasche Wodka gegen eine Flasche Whisky. Die Bahnlinie wurde danach als Whisky-Wodka-Linie bekannt. Auch nach 1989 wurde dieser Gebietstausch nicht mehr rückgängig gemacht. Vielleicht erinnern sich auch nur noch ältere Menschen daran.

Nach 1945 wurden Dörfer nach den jeweiligen Interessen und Bedürfnissen der Besatzungsmächte ausgetauscht oder geteilt. Für mich ein besonders unmenschliches Beispiel ist die Hossfeldsche Druckerei in Philippstal ganz in der Nähe unserer Route. Im Zuge von Umbauten und Erweiterungen lag diese Druckerei ab 1924 zu je einem kleineren Teil in Thüringen und einem ´grösseren im preussischen Teil Nordhessens.
Durch die willkürliche neue Grenzziehung verlief der Zaun ab 1952 durch die Gebäude der Druckerei. Die Verbindungstür zum östlichen Teil des Gebäudes musste zugemauert werden. In Folge des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1972 wurde den Eigentümern ihr östlicher Gebäudeteil dann 1976 von der DDR wieder zurückgegeben. Die Grenze verlief seitdem im Abstand einiger Meter von der Hossfeldschen Druckerei.

Der dritte Oktober.
Nach einer Übernachtung in Bad Hersfeld finden wir bald ein im Film wichtiges Gebäude. Gegenüber davon befand sich ein, halb im Boden versenkter, weiss angestrichener LKW als Bratwurststand. Den Imbiss gibt es nicht mehr. Dafür steht dort heute ein Container, in dem Backwaren verkauft werden. So ändern sich die Speisestationen im Lauf der Zeit. Auffällig ist allerdings, dass die Umgebung um den weitgehend freien Platz nicht stimmt. Ideen, Anregungen und Überlegungen führen zu keinem Ergebnis. Die Lösung besteht in den Möglichkeiten des Filmschnitts, den wir nicht bedenken. Erst nach der Reise findet sich, dass die Szene am Bratwurststand an der B27 am Ortsausgang von Bad Hersfeld gedreht worden ist. Das scheinbar gegenüberliegende Eckhaus mit der Telefonzelle dagegen steht nur wenige Kilometer entfernt in einem kleinen Ort. Der erste Teil unserer Filmreise endet hier und unsere Reise zum Tag der deutschen Einheit beenden wir mit einem letzten Abstecher.

Der führt uns zum „Haus auf der Grenze“ zwischen den Dörfern Rasdorf (Hessen) und Geisa (Thüringen). Als eine von vielen Grenzgedenkstätten ist die dortige Ausstellung sehr informativ. Wobei mich persönlich die plötzlich in der Landschaft zu entdeckenden Artefakte viel mehr berühren.
Anschliessend überqueren wir auf dem Kolonnenweg einige hundert Meter bis zum Point Alpha im Fulda Gap. Die NATO erwartete während des vormaligen Kalten Krieges den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes an vier möglichen Lücken (Gaps). Eine davon befand sich nordöstlich von Fulda. Der sogenannte Point Alpha war eine usamerikanische Beobachtungsstation. Hier standen sich die jeweiligen Beobachtungsstationen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in unmittelbarer Nähe gegenüber. Mit unseren Eintrittskarten vom Haus auf der Grenze können wir auch diesen Erinnerungsort betreten. Seit 2008 verwaltet die Point Alpha Stiftung das Gelände.
Noch voll von Eindrücken aus dem Museum und dem schweigenden Gang auf dem Kolonnenweg, herrscht am Point Alpha Volksfeststimmung. Die bis 1991 von der amerikanischen Besatzungsmacht genutzten Einrichtungen sind zu besichtigen. Was uns etwas verwirrt, sind die Stände mit Rhöner Spezialitäten. Die Hüpfburg und die anderen Kinderbelustigungen. Als aus einem Festzelt der Chor und die Musikkapelle „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ anstimmen, verlassen wir das Gelände.

Als persönliches Resümee dieser kurzen und dennoch intensiven Reise bin ich dankbar für neue Erkenntnisse, Gedanken und Fragen. Diese werden mich sicherlich weiterhin beschäftigen.
Die Unmenschlichkeit, mit der eine Bevölkerung gehindert worden ist, sich individuell frei zu bewegen, wurde mir einmal mehr sehr deutlich vor Augen geführt.
Wie schwer das alltägliche Leben der Menschen in der Fünf-Kilometer-Zone gewesen sein muss, kann ich noch immer nicht greifbar nachvollziehen. Die Gespräche mit den Menschen unterwegs, ganz gleich in welchem Bundesland, waren angenehm und förderlich. Uns widerfuhr fast immer sehr  viel Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft, wenn wir unseren Spruch aufsagten von der Spurensuche nach mehr als vierzig Jahren und der Veränderung.
Nicht zu vergessen die Schönheit und historische Gewachsenheit vieler Dörfer und Städte, durch die ich gekommen bin. Und die wunderbaren Wechsel fantastischer Landstriche. 

Während der Gespräche wurde mir bewusst, dass es für mich an der Zeit ist, den sich landläufig einschleifenden Wortgebrauch zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Die Zuschreibungen Ossi oder Wessi will ich fürderhin in meinem Sprachgebrauch vermeiden. Sie sind nicht witzig sondern werden weitgehend abwertend gebraucht. Der Begriff der Wende wird dabei oftmals bilanzierend im Kontext mit den Wendeverlierern gebraucht. Damit werden meist Menschen in den neuen Bundesländern bezeichnet, die durch die Wende ihren Arbeitsplatz verloren haben. Dabei sollte man differenzieren zwischen den verschiedenen Bedingungen und Auswirkungen sogenannter Wendeverlierer. Und neben denen in den neuen Bundesländern auch diejenigen in den alten Bundesländern nicht vergessen.
Auch das strapazierte Wort Wiedervereinigung hat für mich inzwischen einen bitteren Geschmack. Man erinnere sich bloss an den schnellen Wechsel der Parolen seinerzeit.
Die Menschen, die zuerst auf die Strassen gingen und ihre Köpfe riskierten, taten das für einen politischen Wechsel in ihrem Land. Im Haus auf der Grenze ist ein frühes Flugblatt der Bewohner von Geisa ausgestellt. Die Menschen forderten einen demokratischen Sozialismus, Abbau der Partei-Bürokratie und der Sicherheitsdienste, mehr Geld für die Versorgung der Bevölkerung, Transparenz bei politischen Entscheidungen, freie Wahlen und Bewegungsfreiheit (Geisa lag in der Fünf-Kilometer-Zone). „Wir sind das Volk!“
An diese Rufe erinnere ich mich noch aus Nachrichtensendungen. Schnell ersetzte das Wörtchen ein das Vormalige das.
„Wir sind ein Volk!“ Da trauten sich die ersten Mitläufer mit ihren partikularen Privatinteressen mitzulaufen. Und noch schneller hörte man das „Deutschland, einige Vaterland!“ Das Ende vom Lied wurde angestimmt mit : „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann kommen wir zur D-Mark!“ Mit der D-Mark kam dann ziemlich rasch auch das Abwickelkommando der Treuhand. Und die bekannten Folgen.

Der Rest scheint bekannt. Und ist dennoch, wie ich immer wieder in Gesprächen feststelle, weitgehend unbekannt. Und das wird so bleiben, solange sich nicht Menschen mit den unterschiedlichen deutschen Sozialisationen zusammensetzen und miteinander sprechen. Ich will jedenfalls bereit sein und folge gerne dem Satz von Leslie Fiedler : „Cross the border, close the gap.“

 

(Auf Reisen tauchen mannigfaltig viele Bilder auf – hier ein für mich unerwarteter Anblick)

 

 

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Duft in verlockenden Scheiben

In der Bretagne zwischen Brest und Saint-Malo. Die Luft schmeckt salzig und ist erfüllt vom Aroma des köstlich spritzigen Cidre. Das ganze Dorf tanzt durch die Nacht beim alljährlichen Fest-Noz : Ar Re Yaouank – Fest-Noz Still Alive (1992)..

In der BRD nahezu unbekannt; in der ehemaligen DDR dagegen war er ein Idol. Lindner, Bernd et al. : Die drei Leben des Zeichners Johannes Hegenbarth. Nürnberg, Tesloff, 2015……

Deine Schilderung der zerbrochenen Scheiben gefällt mir. Ich habe recherchiert; finde jedoch keinen Hinweis in der nordischen Mythologie auf das Bild der zersprungenen Scheiben. Die beiden Hälften der beschädigten Scheiben symbolisieren die beiden Menschen, die auf der Welt unterwegs sind, um sich zu finden und so eins zu werden. Unsere am Ausgang des Mittelalters gestalteten Märchen nehmen dieses Motiv als glückliches Ende im Bild der königlichen Hochzeit wieder auf.

Der Wecker singt sein Liedchen um vier Uhr morgens. Es ist ein kurzer Abschied. Draussen ist es noch still. Ab fünf werden die Flieger im Landeanflug über den Garten donnern. Hinter dem Flughafen wird bald die Sonne über den Horizont steigen.
Die intensive Wässerung am Vorabend macht die spanischen Wegschnecken munter und keck. Mir erleichtert es das Einsammeln. Ich lege sie im Schatten am Bahndamm ab.
Die ebenso steinalte wie handfeste Gusti aus der Nachbarschaft findet das alles Humbug. Treffsicher zerteilt sie die Nacktschnecken mit dem Spaten. Wie die Gusti mit ihrem Ernst selig, so rein scheibenmässig zusammengepasst hat, das würde mich jetzt doch interessieren. Wie kann das hingehen eine Zeitspanne lang wenn die Verzahnungen der jeweiligen Bruchstellen nicht kongruent ineinanderpassen. Was schleift sich ab, was wird kraftvoll weggebrochen, damit es zumindest scheinbar sich zusammenfügt? Früher hat wahrscheinlich die Tradition geholfen; heute mit der weitgehenden Ausflösung tarditioneller Strukturen treten vielleicht die Therapeuten an ihre Stelle. Lassen sich damit in vielen mir bekannten Beziehungen die Machtspiele und Heckenscharmützel erklären? Ich weiss es nicht. Ich wüsste gerne, welche Einflüsse das Zusammenfinden zweier passgenauer Scheibhälften bedingen. Vielleicht ist dies dann glückliches Erleben.

Der Garten braucht in diesem Sommer viel Wasser. Glücklich, wer eine eigene Wasserversorgung im Haus hat. Nach der Wässerung duften die Tuberosen bis zu zehn Meter weit in die Umgebung. Auffällig, dass sie mehr Menschen als Insekten anlocken.

 

 

 

 

Das Reduktionsprojekt läuft und läuft

Wer im Glashaus sitzt trifft garantiert mit jedem Wurf : Gentle Giant – In a Glasshouse (1973). Anschliessend und weil es zum Thema passt : Billy Bragg – Back to the Basics (1987)…

Das Reduktionsprojekt läuft. Ein immaterieller Aspekt, der an Gewicht gewonnen hat, ist die zunehmende Distanz. Der Alltag liefert ständig Beispiele, die diesen Abstand hinsichtlich der eigenen seelischen Gesundheit nötig machen.

Seit zwei Jahren beobachte ich nun den Kundenverkehr in einem ausgesuchten Einzelhandelsfachgeschäft. Die Wahrnehmungen sind ernüchternd. Fachgeschäfte mit entsprechenden Fachkräften gibt es immer weniger in Zeiten, in denen Aushilfen in Bäckereiketten statt vom aufbacken vom backen reden. Das ist Irreführung der Kunden.
Aushilfen in sogenannten Boutiquen, denen bei der Anprobe eines Kunden nichts besseres einfällt als: „Das gefällt mir gut.“ Als würde es die Kundin interessieren was der Teilzeiterin gefällt. Der Preis ist heiss.
Der Einzelhandel „stirbt“ natürlich nicht, wie vielfach geäussert wird. Es sind lediglich die Strukturen, die sich radikal verändern und schon verändert worden sind. Weg vom Fachgeschäft hin zur Einzelhandelskette, zum Discounter und ab in die ShoppingCenter. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Konventionelle Einzelhändler, Discounter und Kunden haben alle ihren individuellen Anteil daran.
Mir fällt auf, dass die Kunden beim Betreten eines Einzelhandelsfachgeschäftes ihre Konsumattitüden nicht im Griff haben. Mir scheint, dass Ketten oder OutletZentren den Konsumenten längst das Hirn weichgekocht haben. Und die perfide Dauerparole einer Elektrokette, mit der eine der sieben Todsünden in eine Siegermedaille umgemünzt worden ist, wird voraussichtlich nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Gewissenlose Werbeleute arbeiten längst an noch unmenschlicheren Parolen.
Besonders auffällig sind die sprachlichen Äusserungen im Einzelhandelsfachgeschäft. Es werden Dinge verlangt, die augenscheinlich nicht vorrätig sind. Erkundigungen werden eingeholt, um anschliessend irgendwo anders auf Schnäppchenjagd zu gehen. Artikel werden geknipst ohne zu fragen; zuhause beginnt die dann die Suche im Internet nach dem besseren Preis. Den Gipfel bilden unverschämte Preisvorschläge trotz der Auszeichnung von Waren. Auf die Frage, ob man das Geschacher auch im Supermarkt versuchen würde, kommt die Antwort spontan: „Nein. Aber man kanns ja mal versuchen.“

Die derzeitige Propagandamaschine der deutschen Staatsmedien von ARD & ZDF ist enorm gut geschmiert und läuft auf Hochtouren. Was die Journaille zusammenschreibt, ist mir unbekannt. Die gepanschte Einheitssuppe ist längst ungeniessbar und das Niveau längst ranzig geworden. Mittlerweile ist sogar der SPIEGEL, die vormalige „Bild-Zeitung für Abiturienten“ vollends zu einem Hetzblatt verkommen. Wer einmal die Probe aufs Exempel machen möchte, liest im Spiegel zum Thema WM einen Artikel von 1962 oder 1966 und einen jetzt aktuellen.
Kein Wunder sind die gravierenden Unterschiede, wenn Chefredakteure beliebig von einem Chefsessel in den nächsten pupen. Geld und Karriere regieren das Denken und Handeln. Persönliche Überzeugungen sind da allenfalls hinderlich. Sie sind ohnehin käuflich geworden. Rückgrat – das braucht doch niemand mehr im Wachstumsmarkt der Physiotherapeuten und Wellnessoasen.

Nach dem Halbfinalspiel zwischen England und Kroatien wird der kroatische Co-Trainer der siegreichen Mannschaft als erstes gefragt : „Das ist jetzt das dritte Spiel ihrer Mannschaft, das in erst in der Verlängerung entschieden wurde. Was ist los?“ – dem Mann hätte man auch einfach zu dem Sieg gratulieren können. Aber er hat den Makel des Südosteuropäers. Kommt halt irgendwoher vom Balkan.
Und was und vor allem wie im Kontext der Fussballweltmeisterschaft über Russland berichtet wird, geht nicht mehr auf die Häute einer ganzen Kuhherde. Ein erhellender Bericht zu findet sich HIER.
Und immer wieder der Herr Putin. Hat man eigentlich auf dem Schirm, dass es noch 146.877.088 (Stand 2018) andere russische Menschen gibt. Menschen mit Plänen, Hoffnungen, Träumen und auch Ängsten. Menschen, die in russischen Lebensverhältnissen so gut zurechtkommen wie deutsche Menschen in deuten Verhältnissen. Und viele russische Menschen leben gerne in der russischen Föderation. Aber das kann und darf nicht sein im Kosmos deutscher Vorstellungswelt. Und die wird wie seit Jahrzehnten auch weiterhin fleissig beeinflusst von einer vorurteilsvollen Berichterstattung. Was muss eigentlich passieren, dass sich an dieser feindseligen Haltung etwas ändert?

Stattdessen werden Freunde hofiert, die noch nie Freunde Europas oder gar Deutschlands im Speziellen gewesen sind. Liest eigentlich ein Mensch, was dieser neue USBotschafter in Berlin so daher redet; wes Geistes Kind dieser Mensch ist? Geschenkt. Hauptsache wir dürfen unsere Scheuklappen aufbehalten. Auf der Handfessel wischen, die Knöpfe im Ohr und von schönen neuen Produkten träumen, die wir demnächst kaufen werden. Jedenfalls solange die Banken die Kreditlinien noch genehmigen.

„Amerika hat keine dauerhaften Freunde oder Feinde, nur Interessen.“ (Henry Kissinger : Imperialism and Expansionism in American History: A Social, Political, and Cultural Encyclopedia and Document Collection. Hrg. von Chris J. Magoc & David Bernstein, ABC-CLIO, 2015. S. 1236). Na, wer sagts denn. Solche Freunde wünscht man niemandem, nichtmal dem bösen Nachbarn.
Henry Kissinger ist der Mann vom 11. September. Nein, nicht vom 11.9.2001. Er war der Stratege hinter den Aktionen vom 11.9.1973. Da wurde ein demokratisch gewählter Präsident in Chile weggeputscht weil er usamerikanischen Interessen im Weg gestanden hat. Ausgetauscht wurde er gegen einen gewissenlosen Diktator und seine Junta, auf deren Konto Tausende von Gefolterten, Verschwundenen und Toten gehen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern vertrauenswürdige Freunde und ein feines Sommerwochenende.

(Photographien, nebenbei aufgenommen)

 

 

 

Immer wieder dienstags : Fragen und Antworten

Knackige Musik und feine Texte : Broilers – [sic!] (2017)…

In meiner Blogverfolgerliste bemerke ich zunehmend Blogs, die gelöscht worden sind. Die mildere Variante sind offensichtlich die Blogs, die nur noch auf Einladung bzw. Freischaltung des Blogbetreibers besucht werden können. Ich frage mich, inwiefern das mit der aktualisierten Datzenschutzverordnung zusammenhängen könnte.
Vielleicht sollte ich gerade aus diesem Grund ein bisschen persönlicher werden. In dieser weitgehend unpersönlichen Blogwelt. Und die nachstehenden Fragen sind mir eine Reflektion wert.
Im Zeitmagazin, einer Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde regelmässig ein Fragebogen von einer Person des öffentlichen Lebens beantwortet. Dieser Fragebogen geht angeblich auf Marcel Proust zurück und ist im Laufe der Jahrzehnte schon von vielen Menschen – prominent oder nicht – beantwortet worden.
 
Was ist für Sie das größte Unglück? – Die Verbindung von bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Wirtschaftsweise.

Wo möchten Sie leben? – Wo man Natur und Menschen begegnen kann, ohne ständige Habachtstellung.
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? – Darüber dachte ich als junger Mensch nach. Heute lebe ich glücklich.
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten? – Das hängt von den Folgen des Fehlers ab.
Ihre liebsten Romanhelden? – Von denen ich etwas für mein Leben lernen konnte: Wolf Larsen beispielsweise.
Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte? – Francesco Datini.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit? – Realen Heldinnen und Helden haftet eine gewisse Tragik an.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? – Gesine Cresspahl, Clarissa Lichtblau, Emma Bovary.
Ihr Lieblingsmaler? – Die Lieblingsmaler wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihr Lieblingskomponist? – Die Lieblingskomponisten wechseln mit meinen Stimmungen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Ihre Lieblingstugend? – Lebensfreude.
Ihre Lieblingsbeschäftigung? – Leben und wahrnehmen.
Wer oder was hätten Sie sein mögen? – Niemand anders, als nur ich selbst, das reicht allemal.
Ihr Hauptcharakterzug? – Konsequenz.
Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten? – Dass ich ihr Freund sein darf.
Ihr größter Fehler? – Gutgläubigkeit.
Ihr Traum vom Glück? – Das Leben hat mich reich beschenkt. Ich lebe im Glück und träume nicht davon.
Was wäre für Sie das größte Unglück? – Wenn meinen herzensinnigsten Menschen ein Unglück widerfahren würde.
Was möchten Sie sein? – Klug und humorvoll.
Ihre Lieblingsfarbe? – Die wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihre Lieblingsblume? – Ich mag keiner den Vorzug geben.
Ihr Lieblingsvogel? – Ich habe keinen Lieblingsvogel.
Ihr Lieblingsschriftsteller? – Zur Zeit keinen.
Ihr Lieblingslyriker? – Changierend zwischen Brecht und Benn.
Ihre Helden in der Wirklichkeit? – Die Söhne alleinerziehender Mütter.
Ihre Heldinnen in der Geschichte? – Frauen, die dennoch ihre Wege gegangen sind.
Ihr Lieblingsnamen? – Diejenigen, die zu den Menschen passen, die sie tragen.
Was verabscheuen Sie am meisten? – Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen an Menschen und der Natur.
Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten? – Männer und Frauen, die Kriege auslös(t)en und ihre Helfer, die blinden Befehlsausführer.
Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten? – Keine.
Welche Reform bewundern Sie am meisten? – Ansätze der Reformpädagogik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? – Geistesgegenwart.
Wie möchten Sie sterben? – Überhaupt nicht.
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung? – Fröhlich und klar.
Ihr Motto? – Suave in modo fortiter in re.  – – – – – – – – – – – –  .

Nachdenklich gestimmt hat mich die folgende Erkenntnis von einem, der es wissen muss. „In Amerika kann man alt werden, ohne erwachsen werden zu müssen.“ (Thomas Gottschalk im SWR Nachtcafé am 15. Oktober 2004). Ich nehme an, dass er aus diesem Grund ebendort lebt.
 
(Einige neuere Photographien)
 

 

 

 

Reflexionen anhand einer Bewirtungsliste

Ich habe drei, vier Scheiben, die sind vor Jahrzehnten jeweils an sehr heissen Nachmittagen auf meinen Plattenteller gesegelt. Und sie passen nach all den Jahren noch immer zu diesem ganz speziellen nachmittäglich sommerlichen Wetter. Unbeschwert schwebende Klänge, Texte zum mitträllern. Man hängt träge ab, obwohl noch einige Punkte auf der Agenda zu erledigen sind. Eine dieser Platten mit ein paar ganz feinen Balladen ist : Cockney Rebel – Psychomodo (1974)…

Am Wochenende wird das Ärmelhaus wieder lebensfroh bevölkert sein. Ich schreibe dafür gerade die Einkaufsliste. Bewirtungsliste ist doch das treffendere Wort. Während ich die einzelnen Artikel überlege, kreuzt ein Gedanke die Bewirtungsliste und meine Planung.

Merkwürdig, aber anhand des Wortes Bewirtungsliste fällt mir auf, dass ich in überfliessendem Luxus lebe.

Schüssel auf dem Dach, DVD-Spieler, Fernsehgerät, Grossflachbildschirm, Weihnachtsbaumbeleuchtung, Tablet, Navigationsgerät, Aktenvernichter, Insektenvernichter, Deckenventilator, tragbares Bluetooth Soundsystem, Funkwetterstation, Luftbefeuchter, Polster- und Teppichgeruchsauffrischungsgerät, Mikrowelle, Alukapselkaffeemaschine, Teeautomat, Dunstabzugshaube, Toaster, Tischgrill, Milchaufschäumgerät, Friteuse, Ananasaushöhler, Körnermühle, Eismachine, (Dampf)Entsafter,  Waffeleisen, Jogurtmaschine, Racletteapparat, Tiefkühlgerät, Lafer-Zauberstab, Eierkocher, Popcornmaschine, Massagegerät, Fön, Elektrozahnbürste, Maniküreset, Lockendreher, Wäschetrockner, Laubbläser und Laubsauger, Motorsense, Rasenkantenschneider, programmierbare Gartenberieselung, Heckenschere, Mähroboter…

Nicht eines dieser elektrisch betriebenen Geräte nenne ich mein Eigentum. Nicht einmal einen Fassadenkletternikolaus mit lustiger Beleuchtung hänge ich in der Weihnachtszeit an die Giebelwand.

Die ersehnte Blume kannte ich lediglich von verschiedenen frühneuzeitlichen Gemälden. Zum erstenmal in natura sah ich sie in dem Garten des Zisterzienserklosters St. Marienthal nahe Ostritz. Erfuhr dabei auch den Namen. Danach suchte ich die Zwiebeln und fand sie erst im späten Herbst. Anfang Dezember 2017 war die letzte ideale Pflanzzeit des vergangenen Jahres, die ich trotz des Risikos eines möglichen Ziwebelverlustes nutzte.
In dieser Woche entfaltete sich die Blütenpracht von drei der sechs gepflanzten Zwiebeln. Der Duft unterscheidet sich sehr von dem der bekannten weissen Lilien. Er ist ebenfalls stark, dabei aber wesentlich fruchtiger und subtiler. Ich setzte mich an den Rand des Beetes und liess mich vom Duft der Madonnenlilien einhüllen. Mir schien als stünde ich vor dem Isenheimer Altar des Mathias Grünewald.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein beglückendes Wochenende.

Die Bewirtungsliste steht: Spargel, verschiedene feine Schinken, Nachtschattengewächse, Grüne Sosse mit allem, was dazu gehört, Apfelwein satt. Leckereien für gediegene Frühstücke. Zum Glück brauchts nicht viel und vor allem keinen Maschinenpark.

 

 

DSGVerordnung weiterhin wirkungslos gegen Selbstschuld

Am vergangenen Wochenende waren wir auf dem 44. Open Ohr Festival. Wie seit all den Jahren stand es unter einem bestimmten Motto. Dazu viel Musik, Theateraufführungen, Filme und Diskussionsveranstaltungen. Und erfrischend anders auftretende und aussehende Menschen. Fast wie in den 1970er Jahren. Lange nicht gehört : Jethro Tull – Aqualung (1971)…

Was für eine grandiose Woche. Über allem schwebt das heutige Datum. Der 25. Mai. Und die DSGVO. Die sogenannte Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union. Das will auch erstmal fehlerfrei ausgesprochen werden. Dass es diese Verordnung bereits seit zwei Jahren gibt, hat sich in dieser Woche in Windeseile herumgesprochen. Um was geht es darin und was hat all das mit mir zu tun? Viel und wenig. Lachen und weinen abwechselnd. Man will mir mehr Transparenz hinsichtlich meiner im Internet kursierenden persönlichen Daten ermöglichen.
Da zog der Suckerberg seine kaugummiblasende Ammischau in Brüssel ab. Süss und hohl. Und die Eurokraten buckeln vor diesem antidemokratischen Datenhändler. Der darf bestimmen, wann, wie und was er gefragt wird. Da sollte sich im umgekehrten Fall einmal der Chef eines im Dax notierten deutschen Unternehmens im Fall einer behördlichen Befragung in USammiland trauen. Der würde mit einem satten Milliardenstrafzettel auf seinen Chefsessel zurückfliegen.
Die beste Veränderung in der DSGVO ist meines Erachtens das Recht auf „Vergessenwerden im Internet“. Das heisst komplette Datenlöschung, wenn ich mich beispielsweise in einem der desozialisierenden Netze abmelde.
Ich persönlich fand den überaus arroganten Stil des Suckerberg erhellend. Er zeigte nämlich, dass er genau der Ammi ist, für den ich ihn seit 2004 halte. Er war ein unaffälliger Student mit Dollarnoten in den Augen. Allenfalls durchschnittlich gebildet, was das Weltwissen betrifft. Dem räuspert sein kleiner Mann im Ohr zu: „Sammel doch mal die Daten deiner Kommilitonen. Lässt sich vielleicht was draus machen.“ Er bastelt sich eine Plattform und sammelt. Und die Trolls wollen mitspielen und schenken ihm ihre Daten. Und es werden immer mehr. Auch in anderen Ländern. Und endlich auch in Deutschland. Inzwischen gibts wahrscheinlich keinen Berliner Bundestagsabgeordneten der fünften Hinterbank, der kein Datenspender für den Suckerberg ist. Selbstredend alle Parteien sind seinem Netz. Handballvereine machen mit, Skatbrüder und Ballermänner sowieso. Und kein Unternehmen bewahrt klaren Verstand – alle meinen dabeisein zu müssen, sich präsentieren zu müssen. Freunde haben zu müssen. Kunden zu aquirieren.
Ach, und das Milliardenheer der einsamen Handfesselwischer. Heinz Jürgen mit seiner Modelleisenbahn genauso wie Babsi die Kaktusstrickerin. Bisschen Aufmerksamkeit, ein kleines bisschen gefühlte Anerkennung. Alles nur virtuell – mehr ist es nämlich nicht. Echte Anerkennung, wirkliches Miteinander funktioniert anders und fühlt sich ganz anders an.

Der Suckerberg ist nicht der böse Bube. Er war lediglich ein Ammistudi mit einer naiven Vision. Zu dem skrupellosen Datenhändler hat nicht er selbst sich gemacht.
Das waren und sind seine Datenspender weltweit. Und die sind nun in seinem Netz gefangen. Statt dem Netz zu entkommen, spenden sie offenbar lieber weiter ihre privaten Daten zum geschäftlichen Nutzen des Suckerberg Imperiums.

Jan-Philipp Albrecht, innen- und justizpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament und Parlamentsberichterstatter für die Datenschutz-Grundverordnung zeigte sich nach der Schau des Suckerberg in Interviews betroffen über dessen Auftritt in Brüssel. Denn auch seine Fragen wurden von dem befragten Suckerberg nicht konkret beantwortet. Und wie hat der grüne Albrecht darauf reagiert? Genau so! Er hat hinterher gejammert. Er beklagt überdies die europaweit einzigartige deutsche Abmahnkultur. Deutsche Anwälte mit entsprechenden Allüren scharren schon mit den Hufen und wetzen bereits ihre Abmahngebührenmesser.
Österreich, laut André Heller das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten, könnte jedoch Vorbild für unsere Regierung sein. In Österreich darf erst nach einem schriftlichen Hinweis und einer geregelten Zeitspanne tatsächlich abgemahnt werden. Aber unsere deutschen Politiker jeglicher Couleur haben für derlei Bevölkerungsschutz keine Zeit. Die sind gerade mit freiwilligen Datenejakulationen beschäftigt.
Es wird nach diesen Zeilen niemanden mehr verwundern, dass sowohl das Europäische Parlament als auch die Europäische Kommission ein Konto bei der Datensammelstelle des Suckerberg unterhalten.
Mich tröstet, dass sich in meinem persönlichen Umfeld Menschen tummeln, die sich den Netzen der Desozialisierung verweigern. Weiter so!

Wer darüber jammert, was mit den persönlichen Daten geschehen ist oder gerade eben jetzt geschieht, ist selbst schuld. Vor dem Datenspenden ein wenig Nachdenken erspart hinterher den Katzenjammer.
Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Bloggern zwei, drei echte Freunde oder Freundinnen. Virtuelle Netzwerke desozialisieren die Menschen und können abhängig machen.