Auch in diesem Jahr – auf ein neues Jahr

Feiner deutscher Jazz-Rock aus längst vergangenen Tagen: Os Mundi – 43 Minuten (1973)…

„Na Herr Ärmel, sind Sie gut ins neue Jahr gekommen“, fragt die Nachbarin.
„Ja, ich habe gut geschlafen.“ Worauf die Frau fast tröstend entgegnet: „das kann passieren.“
„Holla Ärmel, bist Du gut reingerutscht?“
Das sind solche Fragen, bei denen in mir sofort Bilder aufsteigen. Und die wollen die Frager wahrscheinlich lieber nicht sehen oder gar beschrieben haben.
Dabei ist das neue Jahr mit böigen Windstössen und Regenstürmen lediglich in die Fussstapfen seines Vorgängers getreten. Zuvor sassen wir zusammen, haben gut gegessen und getrunken und anhand zahlreicher Fotografien das vergangene Jahr nochmals Revue passieren lassen. Bis wir müde wurden und uns zur Ruhe legten für anregendere Erlebnisse.

Die beiden ersten Januartage verbrachten wir folglich in Museen. Im Frankfurter Städel sind (derzeit noch) zwei Sonderausstellungen zu sehen. Die Pflanzenmalereien der Maria Sybilla Merian im historischen Kontext. Und die Künstlerfreundschaft zwischen Pierre Bonnard und Henri Matisse wird dokumentiert in zahlreichen Gemälden. Beide Ausstellungen sind schon aufgrund der gezeigten Werke einzigartig. Da vergeht ein Tag wie im Flug.
Am folgenden Tag dann eine Begehung der Mathildenhöhe in Darmstadt. Dem ehemaligen Zentrum des deutschen Jugendstils. Anschliessend im Landesmuseum den Block Beuys erkunden, die weltweit grösste Ansammlung seiner Werke. Um danach die vielfältigen Eindrücke abzurunden, abschliessend ein Gang durch die Abteilung Erd- und Lebensgeschichte. Was für ein grossartiger und erhebender Jahresbeginn.

Ein Satz von Alexander von Humboldt auf einer der Texttafeln machte mich nachdenklich:
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben.“

Berichten will ich in den kommenden Beiträgen von Schönheiten und Möglichkeiten. Scheinkritische Nörgelfreddys, die alles runterziehen und dabei keine positiven Aspekte aufzeigen und betroffensülzende Lappalienfriseusen, die auch die kleinste Unwichtigkeit noch ondulieren und auftoupieren gibt es ohnehin zu viele.
Was mir in diesem Jahr erneut ein Wegweiser zur Lebensfreude sein wird, ist die Erkenntnis der vergangenen Jahre: Je mehr man auf vernünftige Weise reduziert, desto grösser wird das Staunen über die Vielfalt des Daseins..

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Jahr mit wundervollen Begegnungen aller Art. Und ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen Lesern und Guggern für die Aufmerksamkeit für meinen Blog, auch wenn ich ihren Blogs aus zeitlichen Gründen nicht folgen kann.

(Wer mag: Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Advertisements

Sich selbst oder anderen Menschen mit Freude (einen) Druck machen

Eine private Kompilation und ewig nicht mehr gehört. Und berührt noch immer: Pearl Jam – A Bunch of Covers…

Es spricht sich allmählich herum, dass ich derzeit auf ungewöhnliche Weise meine Bibliothek verkleinere. Ich verschenke meine Bücher hauptsächlich. Dabei fällt mir hin und wieder ein lange nicht beachtetes Exemplar in die Hände.
Aber darum geht es in diesem Beitrag (noch) garnicht.

Ich habe beim Buchhändler meines Vertrauens ein höchst originelles und überaus brauchbares Buch gefunden. Fast schon ein bibliophiles Juwel. Es vereinigt in sich dreierlei Eigenschaften, die sonst nur zu selten gleichzeitig zu finden sind.
Erstens ist es überaus liebevoll und ästhetisch gestaltet. Es leitet zweitens zu ebenso kreativem wie originellen Tun an. Und drittens wird dies auf sehr anschauliche Weise vermittelt.

Die beiden Autoren zeigen, wie in ihrer eigenen Küche eine Druckerwerkstatt entsteht. Und sie demonstrieren, wie feine Drucke auch ohne komplizierte Prozesse, ohne teure Druckerpressen oder gefährliche Chemikalien zuhause in der eigenen Küche entstehen können. Und sehr preiswert ist die Herstellung der Drucke obendrein. Insofern kann man das Werk ein praktisches Handbuch nennen. Oder eine hervorragend gestaltete Druckanleitung.

Die beiden Künstler führen vor, wie nach ihrer Methode Papier kunstvoll bedruckt werden kann. Postkarten, Bilder, Einladungen, Geschenkpapiere, Pappkartons, Sticker, Notizhefte, Buttons, Girlanden et cetera pp. Postergrosse Formate sind ebenso wenig ein Hexenwerk wie mehrfarbige Drucke.
Aber nicht nur Papier kann man auf diese Weise bedrucken. Nach der gleichen Methode lassen sich auch Textilien verschönern und individualisieren. Shirts, Stofftaschen, Kissenbezüge oder alle möglichen Tücher für verschiedene Zwecke sind nur einige Beispiele.
Selbst Holz kann man bedrucken. Und sogar Luftballons lassen sich auf diese Weise noch origineller gestalten.
Im Text wird zu den einzelnen Druckarten jeweils auf spezifische Besonderheiten der Trägermaterialien hingewiesen. und darüberhinaus gibts noch jede Menge praktischer Tipps zur handwerklichen Arbeit.
Überraschend war für mich, dass man auch in der Badewanne oder auf Fensterscheiben drucken kann. Ganz im Ernst.

Die Macher sind junge Gestalter bzw. Illustratoren, die ihr Handwerk in einem soliden Studium erlernt haben. Im Netz finde ich Informationen, dass sie mit ihrem Buch auch auf der frankfurter Buchmesse positives Aufsehen erregt haben, sodass sie bereits mehrfach in regionalen Fernsehsendungen ihr Buch und praktische Beispiele daraus präsentieren konnten. Ausserdem geben sie Seminare für ganz unterschiedliche Zielgruppen.

Wer also auf ganz besondere Art und Weise kreativ schaffen möchte, alleine oder mit anderen, der schaffe sich dieses Buch an. Überhaupt ist das Buch auch eine prima Geschenkidee.

Laura Sofie Hantke, Lucas Grassmann: In unsrer Küche wird gedruckt. Kreative Kleinauflagen handgemacht. Verlag Hermann Schmidt, Mainz. 115 S., 2016.

Der Webauftritt von Hantke und Grassmann: www.studio-lula.com
Der Webseite entnehme ich, dass schon am kommenden Samstag ein Seminar in Köln stattfinden wird.

(Am liebsten hätte ich hier das ganze Buch fotografisch abgebildet, so gut gemacht und anschaulich finde ich es. Aber das geht natürlich nicht und so müssen einige Eindrücke genügen)

 

Das gute Leben zwischen Mark und Rinde

Seinerzeit, als ich Dir erstmals gegenüberstand, erklang von irgendwo aus dem Hintergrund diese zauberhaft verwunschene Musik. Und jedes Mal wenn die Musik ertönt, steigt dieses erste Bild erneut vor mir auf: Dead Can Dance – Spleen And Ideal (1986)…

Der historischen Rückblickspalte des wöchtlich erscheinenden lokalen Blättchens entnehme ich, dass im Jahr 1952 bei der örtlichen Schweinezählung 513 Stück festgestellt worden sind. Das waren 46 mehr als noch im Jahr zuvor.
Demnächst werden auch in diesem, unserem Lande wieder Scheine gezählt werden. Wahlscheine. Ich habe bereits vor Wochen im örtlichen Wahlbüro meine beiden Stimmen abgegeben. Einem Rest von demokratischer Kontrolle will ich mich auch weiterhin vergewissern.
Die noch existierenden Bauern leben und arbeiten heutzutage ausserorts. Die Vermietung von Pferdeboxen und die Unterhaltung einer Reithalle sind lukrativer. Solange man noch zum privaten Spass Tiere missbraucht und dafür mehr Geld auszugeben bereit ist, als für ordentlich produzierte Lebensmittel, hält unser Kulturschiff weiterhin den Kurs Richtung Untergang.

Ich trenne mich von Träumen. Der Spaziergang nach Syrakus auf den Spuren Johann Gottfried Seumes beschäftigt mich nun schon seit Jahrzehnten. Die grosse Kladde mit der umfänglichen Sammlung von zahlreichen Fakten, Details und Informationen zu dieser Fussreise ist obsolet geworden. Andere Reiseintentionen und -ziele sind reizvoller geworden.
Es ist die Reduktion auf die kleinen Sensationen, wie beispielsweise die kurze Reise im letzten Bericht. Es ist das Abendessen mit Freunden. Die Freude über eine wohlgelungene Fotografie.
Und vor allem die Begegnungen mit fremden Menschen. Die Annäherung an ein Leben und wenn alles gut geht, der gestattete Blick hinter die Rinde ins Innenleben. Die wirkliche Welt eben und nicht das Gegenteil davon; die virtuelle Scheinwelt, die von nicht wenigen Menschen ebenso hartnäckig wie falsch mit der Realität verwechselt wird.

(Fotografien verschiedener Baumrinden – anklicken öffnet die Galerie)

 

 

 

Manchmal ganz einfach

Das Archiv erneut um hunderte Scheiben erleichtert. Die Klänge sind stumpf geworden. Erleichterung. Leichte Begleitmusik:
Bad News Reunion – The easiest Way (1980)…

Die kleine Reisegruppe ist paritätisch besetzt. Neu und alt oder auch Ost und West. Die Interessen sind auf zwei Haltepunkte der kleinen Reise fixiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Mittelpunkt steht der Austausch über die jeweiligen Wahrnehmungen und Erkenntnisse. Mögliche neue Entdeckungen. Die gegenseitige Ergänzung des individuellen Wissens. Im guten Fall die solide Horizonterweiterung der Mitreisenden.

Zuerst eintauchen in die Welt der Geraden, der rechten Winkel und der damals neuen Materialien. Die Moderne, die wir heute die klassische Moderne zu nennen pflegen. Die planende und konstruierende Gedankenwelt. Kalt und zielgerichtet. Die Übernachtungen im ehemaligen Atelierhaus stilgerecht rekonstruiert. Die Räume sind auf den Zweck reduziert. Karg ohne Überflüssigkeiten. Schlicht und schön. Konzentrationsräume. Die Führungen sind sachlich, informativ und punktuell erfreulich humorvoll. Ich bin gerne offen für moderne Entwicklungen wenn dabei der Mensch mit seinen ursprünglichen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Das geschieht bedauerlicherweise immer seltener.
Beim Besuch der ehemaligen Meisterhäuser flackern zunächst unbestimmbare Emotionen In der Struktur unserer Gedanken auf. Meist bleiben unsere Gefühle im Spinnwust von Sympathie und Antipathie, Gefallen oder Nichtgefallen gefangen.
Vom Wohnzimmer Paul Klees hinaus in den Garten zu blicken. Die goldene Wandnische im Haus Wassily Kandinskys. Ist das Erhabenheit?  Interessant jedenfalls die Hinweise auf Mängel der Planung und Gestaltung. Noch deutlicher wahrzunehmen in der Siedlung Törten. Die Planer haben ihre ehrgeizigen Ziele häufig über die alltäglichen Lebensanforderungen der Arbeiter gestellt. Die Schattenseiten der l´art pour l´art. Nie zuvor stärker wahrnehmbar als in unserer Zeit.

Hunderte kilometerweite Fahrten durch die Dome alter Alleen. Die leichten Kurven der Landstrassen besänftigen die Gedankensphären der Reisenden. Quer durch den Fläming, die südöstliche Fortsetzung der Lüneburger Heide Richtung Nordosten. Die mässig hügelige, sanft gewellte Landschaft schafft die harmonisierende Gleichwertigkeit von Gedanken und Gefühlen. Wir sind auf dem Weg in die am dünnsten besiedelte Region Deutschlands. Wasserlandschaften. Endlos scheinende Wasserflächen, ewig in Bewegung. Fliessen, mäandern, unregelmässige Formen natürlicher Gestaltung. Logische Pläne, deren Wissen uns seit Jahrhunderten schon verloren gegangen ist. Gefühlswallungen statt lebendigem Wissen. Wie weit mögen wir die Fähigkeit, unsere Mitte zu bewahren, bereits verloren haben. Wir haben den Bogen weit gespannt. Zufriedenheit und Glück erfüllen das von alltäglichen Ablenkungen ermattete Gemüt.

Abends an einem Fluss sitzen. Eine Flasche Wein begleitet die Reflexionen, das nachwirkende Tagesgeschehen. Traumverwoben verschwimmt das Ufer in der Dämmerung. Fledermäuse stossen zackig in die Nacht.
Mit der aufgehenden Sonne am anderen Morgen wabern die Nebel über der Wasseroberfläche. Ein heisser Tee begleitet die Beobachtungen der sich stetig ändernden Lichter. Wie Wasser strömen wir dahin auf unseren Lebenswegen.
Ein anderes sind die Orte, die wir streiften und nicht besuchten. Sie sind aufbewahrt in Wünschen für kommende Reisen. Die vielen Begegnungen mit den Menschen wirken nach und werden sich vielleicht erzählen lassen zu ihrer Zeit.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende.

(Fotografie anklicken und alle Sinne öffnen…)

 

 

 

 

 

Reduktion? Nicht bei Herzensfreude und Schönheit

Wetter fast wie im April. Nur heisser. Passend dazu: Peter Hammill – All that might have been (2014). Die fetzigen Nummern für das Matratzenlager im nachtschwülen Partykeller: Knockout Rockin´ (Collector CD. Thanks to RYP). Nach über einem Jahrzehnt erneut eine solide Facharbeit: Procol Harum – Novum (2017)…

Die Ausstellung ist nun beendet. Vor den Organisatoren und beteiligten Künstlern ziehe ich meinen Hut und danke allen Machern und Mitmachern herzlich für ihr grosses Engagement. Sponsoren unterstützten die Vernissage und Ausstellung grosszügig. Das Interesse des Publikums in dem begrenzten Umfeld war beeindruckend. Positive Presseberichte waren erfreulich zu lesen. Wenn während der Ausstellungstage zudem Kunstwerke verkauft worden sind oder Anschlussaufträge folgten, dann war die Freude perfekt.
Die Aussenwand mit dem grossen Graffiti wird noch bis zum Abbruch des vormaligen Supermarktes zu bewundern sein. Über einen dauerhaften Standort wird derzeit nachgedacht. Das Sprühteam um Manuel Gerullis hat mit seiner künstlerischen Street-Art in diesem Jahr zudem den Kulturpreis der Stadt Wiesbaden gewonnen.

Mich haben die Gespräche inspiriert. Sowohl die mit den Künstlern als auch mit interessierten Guggern. Natürlich gibts da auch merkwürdige Begegnungen. Aber das sind für mich dann die eigentlichen Sahnehäubchen. So beispielsweise eine kenntnisreiche ältere Dame angesichts eines meiner Wasserbilder.

Das ist aber schön gemalt. Das ist mit Photoshop, gell?
Das ist eine Fotografie. Alles ohne Photoshop.
Doch, das ist Photoshop.
Das ist eine ganz normale Fotografie. Da ist nichts zusätzlich manipuliert.
Ja, das sehe ich auch, dass Sie das abfotografiert haben. Aber es ist trotzdem schön gemalt.
Das ist kein Gemälde. Ich habe das so fotografiert, wie ich es gesehen habe. Es ist die Spiegelung einer Wasser – –
Ja nein!, aber…
(manchmal kehrt die Stille von selbst ein).

Allzu still wirds jedoch nicht werden. Die Vorbereitungen für eine Einzelausstellung zu Beginn des nächsten Jahres werden schon in Kürze beginnen.

(Fotografien. Die obere und die untere sind Einzelbilder. In der Mitte ist es wie gewohnt eine Galerie. Anklicken und gross gugge)

Keine Ahnung, welcher Titel da passen könnte

Es ist eine Erinnerung an damals. An jenen heissen Sommernachmittag. In der Plastiktüte eine Doppellangspielplatte. Den Tonarm aufgelegt. Und schon die ersten Töne kamen aus einer anderen, noch unbekannten Welt: Pink Floyd – Umma Gumma (1969)…

Abends am Ufer stehen. Die Familie Kanadagans ist noch vollzählig. Sechs Jungvögel. Eine Junggans hat offensichtlich Probleme mit den Flügeln. Sie kann ihre Flügel zwar aussstrecken, aber an der Stelle des „Ellenbogens“ stimmt etwas nicht. Vielleicht handelt es sich um einen Geburtsfehler. Vorbeigeher äussern bei ihrem Anblick sogleich und lautstark Mitleid. Da muss man doch was tun. Da muss jemand bei der Stadt anrufen. (immer sollen oder müssen die anderen etwas tun, versteht sich) Aufschlussreich, wenn man mit diesen Mitleidenden ins Gespräch kommt. Ihre Denkweisen kennenlernt.
Diesselben emotionalisierten Menschen verzehren heisshungrig Hühnchen und denken sich nichts dabei, dass alle kleinen Hähnchen spätestens bei der Geschlechtsreife anderweitig verarbeitet oder vernichtet werden. Von den Kälbern werden die männlichen rasch verzehrt bis auf wenige Ausnahmen; nur die weiblichen Tiere werden als Milch- und Fleischlieferanten am Leben gelassen. Mit der Geschlechtsreife bekommen die männlichen Tiere einen Hautgout der besonderen Art, einen unerwünschten Geschmack.
Wir haben uns kollektiv soweit von der Natur entfernt, dass vielfach die einfachsten Zusammenhänge nicht mehr verstanden werden.
Die Junggans mit den verdrehten Flügeln tut sich mittlerweile schwer beim schwimmen. Durch ihr Gewicht hängen die abstehenden Federn im Wasser wie eine Bremse. Und irgendwann wird man das alte Lied singen von dem Fuchs, der die Gans geholt hat.

Zur Zeit erhitzt man sich in den Kulturabteilungen der Zeitungen und in den Literaturblogs über die literarische Seifenoper in Klagenfurt. Ob Busunfälle, Amokläufe, G-20 oder Literaturshows – Hauptsache das Publikum wird vom Wesentlichen abgelenkt. Und somit Jedem das seine und Jeder das ihre.  Während dieser Tage wirft sich die Bachmann in ihrem Brandgrab wahrscheinlich einige Pillen ein und spült sie mit teurem Kognac runter. Ach herrjeh. Und die Schreiberlinge und die Literaturkennerlinge und die Publikumlinge. Und ihr affektiertes und wichtigtuerisches Gewäsch und Geschnatter. Sie sind verzichtbar, da sie nichts leisten für den Fortschritt der Menschheit.
Eines meiner diesjährigen Geburtagsgeschenke waren die Tagebücher 2002 – 2012 von Fritz J. Raddatz. Auf dem Schutzumschlag ist er posend abgelichtet als schillernder Fatzke in diesem Geschäft der Blender. Sechshundertzweiundneunzig Seiten glatt gebügelte Eitelkeit in Pomade. Eine Kostprobe gefällig?
„Ich hatte immer gedacht, eine Geschichte des Rowohlt Verlages kann man, was die 60er Jahre betrifft, nicht schreiben ohne ein GROSSES, tragendes FJR-Kapitel. Kann man aber. Viel mehr als ein Portier war ich dort also nicht.“ (Raddatz, Fritz J.: Tagebücher 2002 – 2012. Rowohlt, Reinbeck, 20142, S.427.)
Und hinter der Nebelwand dieser Scheinwelt regiert das knallharte Geschäft, die Kalkulation, die schmierigen Seilschaften und das faulige Geschacher. Ist das nicht zutiefst lächerlich? Da schätze ich manche Texte in den kleinen Blogs viel mehr. So richtig aus dem Leben eines Menschen aus der wirklichen Welt, dass ich fast vergesse und es mir gleichgültig wird, ob sie wahr oder erfunden sind.

Die Bildung unterteilt die Menschen in Gruppen. Das Geld trennt jeden Menschen von seinen Mitmenschen. Soziale Arbeit? Meine ist derzeit neben anderen das wöchentliche Aufräumen im öffentlichen Bücherschrank meiner Gemeinde. Wie sehr drängt es manche Menschen ihre Bücher loswerden zu müssen? Bücher werden roh in den Schrank gestopft. Andere wühlen und grapschen wahllos. Ich habe darin unlängst einen kleinen Pappband gefunden. Die folgenden Zitate sind daraus: Tucholsky, Kurt: Schnipsel. Reinbeck, Rowohlt, 1973.

„Deutschlands Schicksal: Vor dem Schalter zu stehen. Deutschlands Ideal: Hinter dem Schalter zu sitzen.“

„Zwischenstaatlich organisiert sind in Europa nur das Verbrechen und der Kapitalismus.“

„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“

„Wenn sich in Rußland auch nur ein Achtel der Entführungen, Erpressergeschichten, Bandenüberfälle und Gewalttaten ereignete wie in Amerika –: das Geschrei der sittlich entrüsteten Amerikaner möchte ich mal hören! Sie sollten wirklich bei sich selber Ordnung machen, sich auf Reisen anständiger benehmen und im übrigen den Schnabel halten.“

„Ein Künstler braucht keinen Erfolg zu haben. Aber ein Zahnarzt, der nicht von Schmerzen befreit; ein General, der dauernd Prügel bekommt, und ein Wirtschaftskapitän, der nicht weiß, wo Gott wohnt –: diese drei dürften nicht ganz das Richtige sein.“

Erfolgreiche Künstler verdienen freilich mehr. Und wen bewundert man mehr? Denjenigen, dem alles zufliegt, der glatt durchkommt und glänzend dasteht? Oder denjenigen, der aus den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und gegen alle Schwierigkeiten einige Fertigkeiten sich erringt? Umdenken tut Not. Diringend!
Aber in Zeiten des Internet und des Allesumsonsthabenwollen relativiert sich das alles. Um Kunst zu produzieren muss man nicht mehr lange üben, Berge versetzen, Flüsse durchschwimmen oder Brücken bauen und überqueren. Im Notfall erledigt der rücksichtslose Einsatz des Wischtelefons das alles ohne Kosten und Anstrengungen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende mit leuchtenden Erkenntissen.

(Fotografien zur Illustration des Textes. Foto anklicken für einen deutlicheren Hinblick)

.