Bei aller Reduktion – Fundstücke sammeln sich weiterhin an

Musikalische Fundstücke aus dem Archiv sind derzeit alte Labelsampler. In den lange vergangenen Schülerzeiten kamen diese Zusammenstellungen der notorischen Dürre  im Sparschwein gerade recht. Einen meiner ersten Sampler im 69er Jahr präsentierte vor einigen Tagen der famose Herr Riffmaster. Hier und jetzt laufen von Polydor: Supergroups Vol. 1 (1969), Pop-Sound ’70 (1970), Pot-End (1970)…

Etliche Rückfälle in meine eigene Vergangenheit. Auslöser dafür waren Lesereisen in die Biographien anderer Menschen. Ich verfolge mit allerwenigsten Ausnahmen nur noch Blogs, in denen Menschen von sich schreiben. Umso direkter desto lieber verweile ich. Wenn ich mich schon im virtuellen, also menschenleeren Raum aufhalte, dann möchte ich Menschen wenigstens auf ihren Lebenswegen begegnen. Alles andere erscheint mir inzwischen fast schon wie Zeitraub. Natürlich ohne Bezahlung versteht sich. Wie schrieb mir eine befreundete Bloggerin: Und im Internet, was ist da schon noch los? Recht hat sie.
Man findet durch eine vertrauenswürdige Empfehlung oder auch mit etwas Glück schon noch den einen oder anderen Blog, der die Aufmerksamkeit lohnt.

Fundstücke aller Orten.

Ich notiere seit einiger Zeit viele Details aus meiner Vergangenheit. Den Turbo angetreten hat der dreiteilige Roman von Erwin Strittmatter : Der Laden. Publiziert in der DDR in den 1980er Jahren. Eine schier unermessliche Menge an Mikrodetails erinnert der Mann und schreibt sie auf. Für mich werden beim Lesen zahlreiche eigene Erinnerungen wachgerufen. Und das Bedürfnis, die eigene Vergangenheit aufzuschreiben. Dafür könnte dieser Blog ein geeignetes Medium sein. Andererseits leben noch etliche Menschen, die ihre Begegnungen mit mir, bzw. das, was die bei mir auslösten, nicht gerne lesen möchten. Da bin ich ganz sicher um Unsicheren. Also weiterhin Details sammeln und aufschreiben. Und abwarten. Die Zeit läuft zu meinen Gunsten.
Der Laden wurde dreiteilig verfilmt. Atmosphärisch dicht. Prominente Besetzung. Dass von den vielen Details wenig übriggeblieben ist, muss in Kauf genomen werden. Und trotzdem ist die Verfilmung eine Empfehlung wert.

Vor einiger Zeit habe ich einen Blogger gefunden, dessen Blogroll eine Kopie meiner eigenen, längst nicht mehr aktuellen Blogroll war.
In einer regionalen Zeitung eines meiner Fotos gefunden. Der Urheberhinweis in Klammern lautete: Privat. Aha.
Zwei Wochen später unter einem Beitrag zum gleichen Thema in der gleichen Zeitung das gleiche Foto. Der Urheberhinweis in Klammern unter dem Foto verwies auf meinen Namen. Die erste Veröffentlichung fällt unter §2, Abs.5 des UrhG. Das Urheberrechtsgesetz. Teuer ist das Vergehen nicht. Unangenehm ist dafür die Kostennote des Anwalts. Ich habe jedoch eine Idee für einen Kompromiss, bei dem beide Seiten etwas gewinnen können.

Manche neueren Fundstücke sind ebenfalls nicht eingehender beschreibbar. Lehrstuhl für Medien und Informatik. Durch die Fotografie stehen mir die Medienleute naturgemäss näher. Im Kontext zur Informatik bilden sie jedoch rasch eine Art Gegenwelt. Die Rückseite des Mondes bewohnen offenbar die Informatiker. Programmierer lassen sie sich nur ungern nennen. Lieber ist ihnen die Zuschreibung Developer. Ach ja.
Der Lehr- und Forschungskörper beisst Nägel oder zappelt. Auf jeden Fall sprechen diese Menschen durchweg zu schnell. Und die Witzigkeiten. Ob es Ausdruck persönlicher Lebenstragik oder der verzweifelte Versuch ist, mit einem menschlichen Gegenüber in Kontakt zu treten – ich bin mir noch unsicher. Nicht jedes Körperteil verhält sich so, versteht sich.
Viel geht es ums Spielen. Das scheint dem Medium Computer innezuwohnen.
Schauen Sie sich mal den Algorithmus an und spielen Sie ein wenig damit.
Als Übungsaufgabe zu unserer letzten Vorlesung eignet sich ein Spielchen. Sie kennen Sudoku? Dann können Sie Ihre neuen Kenntnisse  dabei gleich anwenden.
Und dennoch lassen sich kleine Funde machen. Fachbegriffe beispielsweise. Streuspeicherung. Hätte ich diesen Begriff doch mit fünfzehn gekannt, als meine Eltern die Ordnung in meinem Zimmer anmahnten.
Das machen wir gerade in Mathe. Nennt sich Streuspeicherung. Das muss so sein…

Im persischen Golf sind zivile Schiffe beschädigt worden. Die Amerikaner wissen natürlich, wer das verursacht hat. Fotografische Beweise legen sie vor. Und schicken gleich ein Kriegsschiff in den Golf. Beweise wie damals. Wer erinnert sich noch an die „Beweise“ für Saddams Giftgasfabriken. Amerikaner lieben den Krieg. Sie suchen ihn und sie werden finden. Und bis dahin schreiben sie anderen Ländern vor, mit wem die Handel treiben dürfen. Traurige Funde sind das, bei denen man erst verstecken muss, was man hinterher finden will.

Lebensfreude. Sie entsteht, wenn Menschen zusammen aktiv sind. Wenn man arbeitet oder gemeinsam musiziert. Dieses Zusammenleben, auch wenn es nur für kurze Zeit existiert, schafft mehr Freude und Frieden, als man denken mag. Das mag mit der Spontanität zusammenhängen, die dann zwischen Menschen entsteht.
Ziemlich steif war die Veranstaltung zur Landung in der Bretagne. Kein Wunder. Wenn die zu ehrenden Veteranen 1945 achtzehn Jahre alt waren, sind sie heute dreiundneunzig.
Ich gedenke an diesem Tag den russischen Armeen. Die der braunen Hydra die Köpfe abgeschlagen und das Regime damit zu Fall gebracht hat.
Aber mir ist allemal die Lebensfreude und die Verständigung mit anderen Menschen näher. Deshalb hier einen
Fund von heute.

Die unten abgebildete Flasche Dujardin Triple Sec ist leer. Auch sie eine Trouvaille, das seit fast einem halben Jahrhundert in der hintersten Ecke eines Schrankes darauf wartete, gefunden zu werden. Letzthin war es soweit. Der Inhalt hat sich mit einem feinen Aroma und entsprechendem Wohlgeschmack bedankt.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Woche und natürlich ein feines Fundstück. Und Singen und tanzen Sie, solange es Ihnen noch vergönnt ist.

 

.

Werbeanzeigen

Auch in diesem Jahr wieder : Zu guter Letzt

Es ist an der Zeit, das 2018er Jahr zu verabschieden. Von einigen Menschen musste ich mich traurigerweise in diesem Jahr verabschieden, von anderen habe ich mich erleichtert verabschiedet. Ebenfalls in diesem Jahr ist der legendäre Schlagzeuger Jon Hiseman verstorben. Sein letztes Album : JCM – Heroes (2018)…

In diesem Jahr habe ich begonnen, an meiner Lebensbuchführung zu arbeiten. Meine zahlreichen Begegnungen und Kollisionen mit Menschen und Orten. Eher eine Inventur als eine Bilanz wird irgendwann daraus werden.
Ein erstes Beispiel dafür war der vorherige Beitrag  über die Musikapparaturen, die mein Leben begleitet haben. Ich habe einen hölzernen Karteikasten angelegt, in welchem ich auf Kärtchen die entsprechenden Details notiere. Erinnerungen an Menschen, denen ich besondere Erfahrungen verdanke. Orte, die ich kennenlernen durfte, an welchen mehr oder weniger berühmte Menschen gelebt oder gewirkt hatten. Stoff genug für ernste und auch heitere Denkwürdigkeiten, über die hier zu berichten sein könnte.

Die Berichte im kommenden Jahr werden weniger, dafür jedoch persönlicher werden. Die Zeiten für ein ausdruckslos einsames Blendamed-Lächeln sind ebenso vorüber wie das insolvente Bloggeschäft mit der unverbindlichen Hingabe für Hergabe Mentalität.
Im Sinne der Reduktion scheint mir das nur folgerichtig. Mit meinen Photographien werde ich versuchen, die Texte noch treffender zu illustrieren. Ich verweigere mich der Massenware an nichtssagenden Fotos und belangleeren Berichte.

Vermehrte und intensivere Begegnungen mit körperlich oder seelisch-geistig beeinträchtigten Menschen erinnern mich täglich aufs Neue daran, wie gut es mir geht. Wie privilegiert ich bin. Über welche Autonomien ich verfügen kann. Wie frei ich eigentlich bin.

Auch in diesem Jahr konnte ich eines der mich seit vielen Jahren begleitenden Rätsel meines Lebens nicht lösen. Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe. Warum wollte ich als Kind und später als Jugendlicher nie irgendetwas werden, hatte keine Vorstellung von einem Traumberuf. Also kein Pilot, Feuerwehrmann oder gar Schauspieler. Nicht mal Bademeister. In diesem Jahr leuchtete mir erstmals der Gedanke auf, die Antwort darauf sei vermutlich belanglos.
Viel wichtiger ist dagegen, dass ich in diesem Jahr öfter gut geliebt als schlecht geschlafen habe. Und das am Horizont immer deutlicher erkennbare neue Projekt befeuert die Lebensfreude zunehmend.

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern, ein lichtes 2019er Jahr mit erhellenden Einsichten und erfreulichen Aussichten. Die Zeiten sollen angeblich rauer werden. Und so will das private Lebensglück sorgfältig und kraftvoll erarbeitet werden, denn keinem Menschen wird es geschenkt werden.

„Aber wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer : Parerga und Paralipomena, 1851. 1. Band, 5. Kap.: Paränesen und Maximen).

Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für ihre Aufmerksamkeit und das Interesse an meinem Blog.

 

 

 

Immer wieder dienstags : Fragen und Antworten

Knackige Musik und feine Texte : Broilers – [sic!] (2017)…

In meiner Blogverfolgerliste bemerke ich zunehmend Blogs, die gelöscht worden sind. Die mildere Variante sind offensichtlich die Blogs, die nur noch auf Einladung bzw. Freischaltung des Blogbetreibers besucht werden können. Ich frage mich, inwiefern das mit der aktualisierten Datzenschutzverordnung zusammenhängen könnte.
Vielleicht sollte ich gerade aus diesem Grund ein bisschen persönlicher werden. In dieser weitgehend unpersönlichen Blogwelt. Und die nachstehenden Fragen sind mir eine Reflektion wert.
Im Zeitmagazin, einer Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde regelmässig ein Fragebogen von einer Person des öffentlichen Lebens beantwortet. Dieser Fragebogen geht angeblich auf Marcel Proust zurück und ist im Laufe der Jahrzehnte schon von vielen Menschen – prominent oder nicht – beantwortet worden.
 
Was ist für Sie das größte Unglück? – Die Verbindung von bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Wirtschaftsweise.

Wo möchten Sie leben? – Wo man Natur und Menschen begegnen kann, ohne ständige Habachtstellung.
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? – Darüber dachte ich als junger Mensch nach. Heute lebe ich glücklich.
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten? – Das hängt von den Folgen des Fehlers ab.
Ihre liebsten Romanhelden? – Von denen ich etwas für mein Leben lernen konnte: Wolf Larsen beispielsweise.
Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte? – Francesco Datini.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit? – Realen Heldinnen und Helden haftet eine gewisse Tragik an.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? – Gesine Cresspahl, Clarissa Lichtblau, Emma Bovary.
Ihr Lieblingsmaler? – Die Lieblingsmaler wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihr Lieblingskomponist? – Die Lieblingskomponisten wechseln mit meinen Stimmungen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Ihre Lieblingstugend? – Lebensfreude.
Ihre Lieblingsbeschäftigung? – Leben und wahrnehmen.
Wer oder was hätten Sie sein mögen? – Niemand anders, als nur ich selbst, das reicht allemal.
Ihr Hauptcharakterzug? – Konsequenz.
Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten? – Dass ich ihr Freund sein darf.
Ihr größter Fehler? – Gutgläubigkeit.
Ihr Traum vom Glück? – Das Leben hat mich reich beschenkt. Ich lebe im Glück und träume nicht davon.
Was wäre für Sie das größte Unglück? – Wenn meinen herzensinnigsten Menschen ein Unglück widerfahren würde.
Was möchten Sie sein? – Klug und humorvoll.
Ihre Lieblingsfarbe? – Die wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihre Lieblingsblume? – Ich mag keiner den Vorzug geben.
Ihr Lieblingsvogel? – Ich habe keinen Lieblingsvogel.
Ihr Lieblingsschriftsteller? – Zur Zeit keinen.
Ihr Lieblingslyriker? – Changierend zwischen Brecht und Benn.
Ihre Helden in der Wirklichkeit? – Die Söhne alleinerziehender Mütter.
Ihre Heldinnen in der Geschichte? – Frauen, die dennoch ihre Wege gegangen sind.
Ihr Lieblingsnamen? – Diejenigen, die zu den Menschen passen, die sie tragen.
Was verabscheuen Sie am meisten? – Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen an Menschen und der Natur.
Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten? – Männer und Frauen, die Kriege auslös(t)en und ihre Helfer, die blinden Befehlsausführer.
Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten? – Keine.
Welche Reform bewundern Sie am meisten? – Ansätze der Reformpädagogik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? – Geistesgegenwart.
Wie möchten Sie sterben? – Überhaupt nicht.
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung? – Fröhlich und klar.
Ihr Motto? – Suave in modo fortiter in re.  – – – – – – – – – – – –  .

Nachdenklich gestimmt hat mich die folgende Erkenntnis von einem, der es wissen muss. „In Amerika kann man alt werden, ohne erwachsen werden zu müssen.“ (Thomas Gottschalk im SWR Nachtcafé am 15. Oktober 2004). Ich nehme an, dass er aus diesem Grund ebendort lebt.
 
(Einige neuere Photographien)
 

 

 

 

Reflexionen anhand einer Bewirtungsliste

Ich habe drei, vier Scheiben, die sind vor Jahrzehnten jeweils an sehr heissen Nachmittagen auf meinen Plattenteller gesegelt. Und sie passen nach all den Jahren noch immer zu diesem ganz speziellen nachmittäglich sommerlichen Wetter. Unbeschwert schwebende Klänge, Texte zum mitträllern. Man hängt träge ab, obwohl noch einige Punkte auf der Agenda zu erledigen sind. Eine dieser Platten mit ein paar ganz feinen Balladen ist : Cockney Rebel – Psychomodo (1974)…

Am Wochenende wird das Ärmelhaus wieder lebensfroh bevölkert sein. Ich schreibe dafür gerade die Einkaufsliste. Bewirtungsliste ist doch das treffendere Wort. Während ich die einzelnen Artikel überlege, kreuzt ein Gedanke die Bewirtungsliste und meine Planung.

Merkwürdig, aber anhand des Wortes Bewirtungsliste fällt mir auf, dass ich in überfliessendem Luxus lebe.

Schüssel auf dem Dach, DVD-Spieler, Fernsehgerät, Grossflachbildschirm, Weihnachtsbaumbeleuchtung, Tablet, Navigationsgerät, Aktenvernichter, Insektenvernichter, Deckenventilator, tragbares Bluetooth Soundsystem, Funkwetterstation, Luftbefeuchter, Polster- und Teppichgeruchsauffrischungsgerät, Mikrowelle, Alukapselkaffeemaschine, Teeautomat, Dunstabzugshaube, Toaster, Tischgrill, Milchaufschäumgerät, Friteuse, Ananasaushöhler, Körnermühle, Eismachine, (Dampf)Entsafter,  Waffeleisen, Jogurtmaschine, Racletteapparat, Tiefkühlgerät, Lafer-Zauberstab, Eierkocher, Popcornmaschine, Massagegerät, Fön, Elektrozahnbürste, Maniküreset, Lockendreher, Wäschetrockner, Laubbläser und Laubsauger, Motorsense, Rasenkantenschneider, programmierbare Gartenberieselung, Heckenschere, Mähroboter…

Nicht eines dieser elektrisch betriebenen Geräte nenne ich mein Eigentum. Nicht einmal einen Fassadenkletternikolaus mit lustiger Beleuchtung hänge ich in der Weihnachtszeit an die Giebelwand.

Die ersehnte Blume kannte ich lediglich von verschiedenen frühneuzeitlichen Gemälden. Zum erstenmal in natura sah ich sie in dem Garten des Zisterzienserklosters St. Marienthal nahe Ostritz. Erfuhr dabei auch den Namen. Danach suchte ich die Zwiebeln und fand sie erst im späten Herbst. Anfang Dezember 2017 war die letzte ideale Pflanzzeit des vergangenen Jahres, die ich trotz des Risikos eines möglichen Ziwebelverlustes nutzte.
In dieser Woche entfaltete sich die Blütenpracht von drei der sechs gepflanzten Zwiebeln. Der Duft unterscheidet sich sehr von dem der bekannten weissen Lilien. Er ist ebenfalls stark, dabei aber wesentlich fruchtiger und subtiler. Ich setzte mich an den Rand des Beetes und liess mich vom Duft der Madonnenlilien einhüllen. Mir schien als stünde ich vor dem Isenheimer Altar des Mathias Grünewald.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein beglückendes Wochenende.

Die Bewirtungsliste steht: Spargel, verschiedene feine Schinken, Nachtschattengewächse, Grüne Sosse mit allem, was dazu gehört, Apfelwein satt. Leckereien für gediegene Frühstücke. Zum Glück brauchts nicht viel und vor allem keinen Maschinenpark.

 

 

Unterhaltungsliteraturreduktion : Vollkornbrot statt Kaffeestückchen

Fast drei Stunden habe ich für den folgenden Beitrag gesessen. Und dabei ganz die Musik vergessen.
Aber dafür solls jetzt klingen : Doc Schoko – Stadt der Lieder (2018)…

Es gab Zeiten (gibt es die noch?), da gehörte es zum Bildungskanon gymnasialer Oberstufen, dem Candide zu begegnen.  François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, schrieb Candide, ou le optimisme (1759) als satirische Antwort auf den Essai de théodicée (1710) von Gottfried Wilhelm Leibnitz. In diesem Essay über die Gerechtigkeit Gottes, die folglich Anlass zum Optimismus sei, findet sich der berühmte Satz von der „besten aller möglichen Welten“, in der wir leben würden.
Voltaire nimmt  diesen Gedanken auf. Um ihn satirisch zu widerlegen, lässt er seinen Candide in die Welt ziehen. Dabei stossen dem Helden zahlreiche Unfälle zu, er muss Qualen erdulden und stolpert so von einem Unglück ins nächste. Ganz im Sinn der Aufklärung gelingt es Voltaire auf diese Weise, sich kritisch mit dem Gedankengebäude von Leibnitz auseinanderzusetzen. Am Ende zieht sich Candide mit einigen wenigen Menschen ins Private zurück, um „seinen Garten zu bestellen.“

Wenn ich mir den Zustand der Welt um mich herum ansehe, finde ich allenfalls noch den Schluss des Candide vor. Den Rückzug ins Private. Diesen letzten kleinen Schutzraum, in dem es sich noch einigermassen ruhig und sicher leben lässt.
Bei genauerem Hinsehen muss ich jedoch feststellen, dass auch dieses vermeintlich letzte Refugium inzwischen sehr instabil und bedenklich fragil geworden ist. Manche Prozesse des alltäglichen, öffentlichen Lebens möchte ich bald garnicht mehr auf ihr Ende hin denken. Ab einem gewissen Punkt stellt sich Schauder und Abscheu ein.
Die Zahl der Beispiele dafür steigt ständig, besondern in folgenden Bereichen: politisches Handeln an den lebenswichtigen Bedürfnissen der Menschen vorbei, unersättliche Geldgier der Konzerne, massive Umweltausbeutung und -zerstörung, unerhört grausame Tierquälereien durch die Industrien der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelherstellung und der pharmazeutischen „Forschung“, bedenklich zunehmende Bildungsferne – Stichwort: Halb- und Wiki“wissen“ – in weiten Bevökerungskreisen, verantwortungsfreie Spassgesellschaft, irrationaler Konsumwahn, propagandistisch verseuchte Fernseh- und Radioprogramme (und nicht bloss der Privaten), rasanter Anstieg von roher physischer Gewalt selbst bei kleinsten Meinungsverschiedenheiten. Weitere Beispiele kann jeder aus seinem eigenen Lebensumfeld ergänzen.

Ich könnte mir angesichts dieser Wahrnehmungen die Beschäftigung mit den beiden genannten Werken durchaus ersparen und sie abtun als belanglose literarische Altertümer. Mir stattdessen das aktuell zu vermarktende Werk eines zeitgenössischen Autors anzutun? In verschiedenen Medienhitlisten hochgejubelt und obendrein in einer niveaulosen Fernsehschau gepriesen, ein Buch, das in wenigen Monaten schon wieder irgendwo verramscht wird, ist dagegen keine Alternative für mich.

Was bleibt einem also als interessierter Leser?
Während sowohl die Theodizee von Leibnitz als auch Voltaires Candide noch einigen Lesern bekannt sein dürften, ist dritte Werk im Bunde weitgehend vergessen.
Sein Autor Johann Karl Wezel (1747 – 1819), Aufklärer und Zeitgenosse der deutschen Klassiker, schrieb den Roman „Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ (1776). In diesem Werk rechnet Wezel ab mit dem Leibnitzschen Optimismus und macht dabei nebenbei noch die Satire Voltaires lächerlich.
In seinem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ lobte Arno Schmidt das Werk als eines der drei Bücher „ehrwürdigsten Gott-, Welt- und Menschenhasses“, die das 18. Jahrhundert hervorgebracht habe. (Als drittes Buch neben dem Candide nannte Schmidt den Gulliver von Jonathan Swift).
Interessant auch, dass in der späten DDR die Kulturbestimmer begannen, Johann Karl Wezel als radikalen Aufklärer zu einem eigenen Klassiker aufzubauen, der aufgrund seiner Kritik an feudalen Verhältnissen und seines Atheismus durch die politischen Umstände seiner Epoche unterdrückt worden sei. Für literaturhistorische Identität der DDR eignete sich Wezel gut als eine Art Gegen-Goethe. Im Prinzip geschah es ähnlich, wie es mit Thomas Müntzer als wahrem Reformator (DDR) gegenüber dem Bauernverräter Martin Luther (BRD) in der Historiographie der 1960er geschehen war.

Wer satirische Stoffe mag, auch ältliche anmutende Formulierungen schätzt und vor beissender Ironie nicht zurückschreckt – kurz, wer gute und intelligente Unterhaltung liebt, ist mit Wezel allemal gut bedient. Im folgenden einige Anfangssätze seiner Romane, die zu seiner Zeit hohe Wellen schlugen.

Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne (1776) :
»Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger!« rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stößen mit dem rechten Fuße zur Thüre hinaus…“

Hermann und Ulrike. Ein komischer Roman (1780):
„Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige Topés, die Herren große Hüte und kleine Haarbeutel, und Niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es bezahlen zu können, wurde auf dem Schlosse des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen,…“

Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte (1784): (Es handelt sich um Prosa, die Eingangsrede des Kakerlak hingegen ist gereimt)
„Hinweg mit euch, ihr sogenannten Weisen!
Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation
Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Thron,
Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter reisen,
Mit euerm Maulwurfsblick das Rädchen auszuspähn,
Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn.
Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen,
Wo die Natur mit nie erschöpfter Kraft
Den Dingen Form, den Geistern Leiber schafft.
Ihr wollt mit schweren Gänseschwingen
Bis über Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit dringen,
Und fragt man euch: »Was habt ihr dort gesehn?«,
Dann wißt ihr ebendas zu sagen,
Als die der Dummheit Los ganz philosophisch tragen
Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehn….“

Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt: aus Familiennachrichten gesammelt (1774) :
„In einem der unbekanntesten Winkel Deutschlands, nicht weit vom Thüringer Walde, lebte ein Schulmeister, dessen vollständiger Name eigentlich Christian Knaut war und den wegen eines roten Kopfs, womit einer seiner Urgrossväter die Familie verunehrt hatte, das sämtliche Kirchspiel, selbst den vornehmern Teil desselben nicht ausgenommen, Rotkopfs Christel zu nennen pflegte. Er hatte soweit er denken konnte, von der Welt niemals mehr oder weniger kennengelernt als den kleinen Fleck, worauf er seine natürlichen Bedürfnisse abwartete…“

Einige seiner Werke sind im Gutenberg-Projekt digital verfügbar. Andere hingegen liegen nur in gedruckter Form vor. Als junger Leser und Wezel begeistert, erfuhr ich von einem Roman Wezels, der 1969 in der Edition Leipzig erschienen sein sollte. Das lag einige Jahre zurück und ich machte mich antiquarisch auf die Suche. Erfolglos. Jahrelang. Erst kürzlich wurde ich fündig. Und ich freue mich nun auf eine kurzweilige Lektüre.

Peter Marcks. Die wilde Betty. Eine Ehestandgeschichte (1779) :
„Die wilde Betty, das Gegenbild zur Ehestandgeschichte des Herrn Marcks sollte schon in der Michaelsmesse vorigen Jahrs erscheinen […] Als der wohlehrsame Philipp Peter Marcks auf den Einfall gerathen war, Ihnen, hochgeehrtester Herr, die Geschichte seines mühseligen Ehestandes anzuvertrauen, um durch Sie zu seiner Schande der Welt kund zu machen, dass er gutherzige Einfalt genug besessen hat, sich von fünf Weibern nach Herzenslust zum Narren haben zu lassen, so wurde…“


(Photographie eines Buches von mächtigen Ausmassen an einer stillgelegten Eisenbahnbrücke über die Nahe)

 

 

Bücherarnos leuchtende Erinnerungseruptionen

Aus den alten Archiven aufgetaucht. Eine der Bands des Schlagzeugers Jon Hiseman. Tempest – Tempest (1973), Live in London (1973) und Living in Fear (1974). Danach war aus wirtschaftlichen Gründen Schluss. Bis auf wenige Stücke meistenteils nachvollziehbar aus meiner heutigen Sicht, trotz der erstklassigen Musikanten…

„Booksellers are all rascals…“, sagte Charles Dickens. Und der hatte mit seiner umfangreichen literarischen Produktion reichlich Erfahrungen gesammelt mit seinen Verlegern. Die Beispiele, die mir von Autoren persönlich erzählt worden sind, stützen diese Aussage. Dennoch müssen nicht alle Menschen Schlitzohren sein, die Bücher herstellen oder mit gebrauchten Büchern handeln.
Die Preisvorschläge einiger Antiquare für Bücher aus der Ärmelbibliothek dienten wahrscheinlich der Prüfung meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit. Als ernstgemeinte Verhandlungsgrundlagen waren sie absurd und ich lehnte sie folglich rundweg ab.
Inzwischen verkaufe ich über eine Plattform für Literatur und es läuft. Nicht wie geschmiert, aber es läuft durchaus zufriedenstellend. Interessant sind bei den Verkäufen die persönlichen Begegnungen mit Käufern, die ihre Schnäppchen im Ärmelhaus abholen. Heutzutage werden mehr und mehr dieser privaten Geschäfte weitgehend anonym abgewickelt. Das eröffnet fraglos für beide Seiten erweiternde Möglichkeiten.
Aber die direkten menschlichen Kontakte ziehe ich dennoch vor. Die sich dabei unter Umständen ergebenden Gespräche erbringen meist interessante Aspekte.
Der Mann, der letzthin ein kleines Konvolut von Arno Schmidt gekauft hat. Das anregende Gespräch hat mich direkt zurückkatapultiert. Die Frage ist wieder aufgetaucht, warum sich in Arno Schmidts privater Bibliothek so viele Werke von Friedrich Spielhagen finden und wo sich überhaupt der Niederschlag dieser Lektüre in seinen eigenen Werken auffinden lässt. Dieser Frage bin ich schon einmal vor fast drei Jahrzehnten nachgegangen. Ohne Erfolg.

Ein früherer Schulkamerad rief letzthin an. Wir haben uns vor etlichen Jahren beiläufig auf einer Kirmes gesehen. Hatten nach der kurzen gemeinsamen Schulzeit reichlich Kontakt wegen des gemeinsamen Hobbies. Dann liefen die Lebenswege auseinander. Nun wechseln einige Mails. Photographien ehemaliger Klassenkameraden werden versendet. (Mannomann sehen da manche alt aus). Sofort fallen mir Namen von Schülern und Lehrern ein. Anekdoten auch. Und Bands und deren Musiken, die eine gewisse Rolle gespielt haben. Jon Hiseman beispielsweise. Colosseum, Colosseum II, Tempest, Barbara Thompson´s Paraphernalia. Jede Menge Musikernamen tauchen schagartig wieder auf. Und : die Qualität der Musik ist rein subjektiv und an entsprechende Kontexte gebunden.

Es geht nichts Erlebtes wirklich verloren in einem Menschenleben.

Und auch manche (seit langem ersehnten) lichtbringenden Gegenstände aus der Dingwelt sind wieder beschaffbar, selbst wenn Gesetze und Vorschriften im Interesse der Wachstumswirtschaft das gerne verhindern woll(t)en. Es werde Licht (wie früher). Und auch so lange brennbar. Für einige Cents.

Es muss ein karmisches Einwirken sein, dass ich in der Nähe einer der Narrenhochburgen mein Leben verbringe. Gut, als Kind auf dem Kindermaskenball zu den Rhythmen einer viertklassigen Dorfbeatband verlegen herumhüpfen oder später als Jugendlicher auf dem Rosenmontagszug mitfeiern, das gehörte damals dazu. Aber wenn dann das Schicksal ernst in die moralische Instanz spricht, macht man einen grossen Bogen um das ganze höchst überflüssige Geschehen.
Ich besuchte in diesem Jahr an Fastnacht ein Museum. Bis in die Ausstellungsräume wummerdonnerten die Teschnoklänge des Umzuges. Lärm und Mussestörung als Strafe für die Vernünftigen.
Ausruhend an einem Geländer, schaute ich in die Tiefe. Und wurde dabei des Tändelns eines Pärchens gewahr. Und oh Wunder, nicht ich alleine. Über eine komplizierte Spiegelkonstruktion bemerkte ich eine Person, die mir irgendwie bekannt vorkam, und die die ganze Szenerie ablichtete.
Geehrte Besucher, Leser und Gugger : Nehmen Sie sich vor Lichtbildnern in Acht. Deren Wahrnehmungen können unberechenbar überall sein. Auch ohne Helau Geschrei. Ganz im Gegenteil.

(Photographie anklicken. Es werden dann zwar keine Kamellen aus dem Bildschirm geworfen, dafür kann man gross gugge)