Mit der Zeit . . .

Horsche: Eine Überraschung ist: Peter Kraus – Zeitensprung (2013). Eine eher matte Sache ist dagegen:  Die Ärzte – Hell (2020). Peter Kraus coverte Lieder, die durch seine Interpretation an Emotion gewonnen haben. Zwei, drei Ausnahmen ausgenommen. Musikalisch sind die Ärzte mitreissend, textlich hingegen hätte ich nach so vielen Jahren mehr erwartet.
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Eine köstliche Gemüsesuppe mit Karotten, Rettich, Rote Beete und Schnittsellerie aus dem Garten. Dazu schmeckte uns ein 2018er Château Cap L´Ousteau Haut-Medoc.
Schaffe: Planen, planen, planen. Renovierungs- und Umbaumassnahmen stehen an.
Gugge: „Tadellöser & Wolff“ (Mit einem schönen Dank an Herrn RYP für die Erinnerung).

 

Der Uhrmachermeister setzt alte Uhren instand. Er war mir schon öfter zu Diensten. Seine Art mag ich nicht, seine Arbeiten schätze ich. Und nur darauf kommt es ja an. Die silberne Taschenuhr Saxonia (System Glashütte) meines Urgrossvaters tat keinen Mucks mehr und war auch nicht aufzuziehen. Allein schon diese altehrwürdigen Bezeichungen. Saxonia (System Glashütte) verzücken mich.

Das wird länger dauern. Ich komme mit den Aufträgen nicht mehr nach.
Kein Problem. Ich habe Zeit. Sie können mich ja anrufen wenn die Uhr fertig ist.
Er kneift sich seine Uhrmacherlupe ins linke Auge. Öfnnet mit dem kleinen Taschenmesserchen die beiden Deckel auf der Rückseite der Uhr. Auf seiner Stirn wird eine senkrechte Steilfalte sichtbar.
Hundertfünfzig Euro müssen Sie rechnen.
(Mmh? das ist doppelt so viel wie vor sechs Jahren).
Gut, hier haben Sie meine Karte. Rufen Sie mich an wenn sie wieder richtig tickt.

Der Anruf kam nach fünf Wochen. Ich nahm die Uhr in Empfang und legte die Geldscheine auf die Theke. Auf der Fahrt nach Hause blieb die Uhr stehen. Ich schüttelte sachte und sie lief wieder. Und blieb wieder stehen. Am nächsten Tag stand ich wieder im Uhrenfachgeschäft.

Das kann nicht sein.
Ist aber so, wie ich Ihnen sage.
Ich kann jetzt nicht nachsehen. Sie müssen sie hierlassen. Nehmen Sie Ihren Zettel nochmals mit. Ich melde mich bei Ihnen.

Drei Wochen später kam der Anruf.
Ich habe nochmals alles kontrolliert. Ihre Uhr läuft einwandfrei.

Auf der Heimfahrt blieb sie wieder stehen.

Das gleiche Procedere wie soeben beschrieben fand noch zweimal statt.

Ich kann Ihnen jetzt auch nicht mehr weiterhelfen. Die Uhr ist ja auch schon über hundert Jahre alt. Ich habe jetzt sogar noch zwei neue Lagersteine kaufen und einbauen müssen. (Warum eigentlich erst jetzt und nicht gleich?) Ein mords Akt. Die gibts auch nicht mehr an jeder Ecke. Die haben mich fünfzig Euro gekostet. Nur Arbeit und ich habe nichts dran verdient.

Was voll ist und überlaufen will, das soll man erstmal laufen lassen.

Ja, aber ich habe hundertfünfzig Euro bezahlt für eine Reparatur. Und die Uhr läuft jetzt nicht.

Hier, ich gebe Ihnen hundert Euro zurück. Mehr geht nicht. Ich habe bei dieser Uhr ohnehin schon ordentlich draufgelegt.
Da kann man wohl nichts mehr machen.

Zuhause hängte ich die Uhr an den schönen Uhrenständer. Reiner Jugendstil. Mit dem Häkchen überm runden Samtkisschen. Damit die Uhr sich nachts nicht erkältet. Da hing sie dann weitere drei Wochen. Manchmal nahm ich sie in die Hand und schüttelte sanft. Dann lief sie. Zwei, drei Minuten. Und blieb wieder stehen.

Pech gehabt. Mit Zitronen gehandelt. Die Arschkarte gezogen. „Wir Zocker sagen immer: zahlen und fröhlich sein“ (Die toten Hosen). Vergiss es.

Die alte Taschenuhr hängt an ihrem Uhrenständer neben meinem Schreibplatz. Mir fehlte das morgendliche Ritual. Aufziehen. Ticken hören.

Monate später nahm ich sie eines Tages in die Hand. Das silberne Gehäuse war inzwischen wieder etwas angelaufen. Matt und stumpf sah sie aus. Ich nahm das Poliertuch zur Hand. Unterm Reiben leuchtete der noble kalte Glanz des reinen Silbers auf. Was sind schon hundert Jahre. Wahre Schönheit mag sich im Lauf der Zeit ändern. Aber sie vergeht nicht. Ich öffnete die beiden hinteren Deckel. Auf der Innenseite des oberen Deckels ist der Name meines Urgrossvaters eingraviert. Auf dem inneren Deckel hinterliessen Uhrmacher ihre Kritzelzeichen.
Ein Uhrwerk ist ein Wunder. Ein Instrument, das etwas anzeigt, was es eigentlich garnicht gibt. Zeit. Die kleine Nadel, mit der man die Ganggenauigkeit einstellen kann stand ziemlich weit nach links – retard. Vorsichtig schob ich mit dem Daumennagel das Zeigerchen nach rechts in Richtung avance.
Weisst Du, wenn Du schon hier herumhängst, nicht läufst und von mir nicht aufgezogen werden willst, dann lass Dich wenigstens in die Nullstellung bringen. Alles gut.
Ich verschloss die beiden hinteren Deckel und hängte dir Uhr zurück an den Ständer.

Ich wendete mich wieder einer Schreibarbeit zu. Kurze Zeit später in einer Pause sah ich zur Seite und zur Uhr hin. Ich traute meinen Augen nicht. Der Sekundenzeiger drehte sich ruhig. Die Uhr lief. Sie lief wieder wie ehedem. Und sie läuft seitdem. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen ziehe ich die Uhr auf. Alle zwei Wochen korrigiere ich die angezeigte Zeit. In diesem Zeitraum eilt die Uhr um eine Minute voraus. In zwei Wochen. Mir macht das nichts aus. Zeit gibt es ja garnicht. Ich glaube, dass die alte Uhr nur deshalb um eine Minute vorgeht, weil sie in die Hand genommen und ein bisschen beschmeichelt werden möchte.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein wundervolles Wochenende.

 


 

 

 

 

 

 

Mitte Oktober gegen Abend…

Horsche: Die Lichtung des Musikalarchivs schreitet voran. Erneute Anhörungen und Aussortierungen.
Lesen: Anmerkungen über Kuhkapellen in Rheinhessen..
Essen & Trinken: Zur Nacht das frisch gebackene Walnussbrot mit reifem, sehr würzigem Brie. Dazu passte die leckere Quittenkonfitüre (siehe darunter).
Schaffe: Quitten verarbeiten und Brot backen. Ausserdem Reifen wechseln am neuen Bauer Sprint (Bj.1967).
Gugge: „Grenzland – Vom Baltikum zur Akropolis“. Eine interessante Reise in Bildern. Leider zu knapp und obendrein scheinen die (ab)wertenden Kommentare gegen osteuropäische Lebensgewohnheiten unvermeidbar. Habt Ihr vergessen, dass die Russen uns vom Joch der deutschen Nazibarbaren befreit haben ?!

 

So beiläufig habe ich erfahren, dass eine gewisse Louise Glück den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Den Namen habe zuvor nie gehört. Bei meiner schnellen Recherche fiel mir auf, dass bei dieser sehr sonderbaren Stockholmer Jury in der Disziplin Schreiben die USofA offensichtlich „mal wieder dran waren“. Weiss der Geier, wen die aus dem Hut zaubern würden, um bloss dem Thomas Pynchon keinen Preis zuerkennen zu müssen. Und der hötte ihn aufgrund seiner literarischen Leistungen schon längst verdient. Er wird ja auch immer wieder vorgeschlagen.

Seis drum. Ich lese seit Jahren ohnehin fast ausschliesslich Fachliteratur..

In Frau Beyers lesenswertem Bericht über die Buchemesse erfahre ich: „Denis Schenk endete seine Buchvorstellung mit den Worten „Vertrauen Sie keiner Literaturkritik, vertrauen Sie keiner Literaturkritikerin, sondern vertrauen Sie Ihrer eigenen literarischen Intelligenz, die Bücher sind dazu da, dieselbe an ihr zu schärfen.“
Wohl wahr. Mit diesen Gedanken kann man sich die meiste Prosa und Lyrik  (er)sparen. Die eigene Lebenszeit ist zu kostbar. Das meiste, was man heute an „neuerer Literatur“ liest, verschwimmt nach einem halben Jahr und spätestens zwei, drei Jahre danach ists dann vergessen. Mit diesem Wissen kaufen die Verlage ihre jeweiligen Plätze auf den Bestsellerlisten der verschiedenen Medien. Was wunderts, dass selbst wirkliche literarische Bestverkäufer heutzutage recht flott im Ramsch vermarktet werden.

Trotzdem finde ich lesen immer noch sinnvoller als, sagen wir, Dauerseriengugger zu werden oder ein Wochenende in einem Vergnügungspark zu verbringen. Oder mit einem Motorrad spasseshalber in der Landschaft die Luft zu verpesten. Nö, wer liest, geht dabei seinen Mitmenschen wenigstens nicht direkt auf den Senkel. Und eine der besseren Fluchtmöglichkeiten vor den Unbilden des Alltags ist es allemal. Es stinkt zwar nicht wie Tabak, ist weniger gefährlich als der Strassenverkehr, dennoch wohnt auch dem Lesen eine gewisse Suchtgefahr inne.

Ich weiss, wovon ich hier schreibe. Den sogenannten bürgerlichen Bildungskanon habe ich mir angelesen. Und einige der heute üblichen Listen, zum Beispiel – „1000 Bücher, die man gelesen haben muss, bevor man ins Grab versenkt wird“ – habe ich auch abgearbeitet. Die ellenlange Namensliste tut hier nichts zur Sache. Was ist davon geblieben?

Nach dem Mann ohne Eigenschaften, dem einzigen Dickroman, den ich nicht zuende gelesen habe, änderte sich meine Einstellung zur Prosa. Daneben war die Beschäftigung mit der Literaturwissenschaft schliesslich der Tritt aufs Bremspedal. Zum Glück entdeckte ich die sogenannten (deutschen) Volksbücher. So ging ich der Unterhaltungsliteratur nicht ganz verloren.
Wer einmal „Die Historie von Tristan und Isalde [sic!], herausgegeben nach dem ältesten Druck bei Anton Sorg, Augsburg, 1484, gelesen hat, der kennt nach der Lektüre im Prinzip alle Beziehungsmöglichkeiten zwischen Männern und Frauen. Alles, was danach und bis heute zu diesem Thema literarisch verarbeitet wurde, ist bestenfalls die literarische Ausarbeitung von Teilaspekten. Und seit etwa fünfzig Jahren breiten die Autoren hauptsächlich ihre eigenen Befindlichkeiten vor dem Lesepublikum aus.
Das spricht natürlich nicht gegen den Genuss der literarisch ausgefeilten, schärfsten Kutschenfahrt des 19. Jahrhunderts. Aber das Schicksal der Passagierin in der Kutsche ist in Tristan und Isalde im Grundzug schon angelegt.

Wenn Sie also Zeit und Musse haben, dann schauen Sie sich um. Im alten Diederichs Verlag sind einige Volksbücher in ansprechender Aufmachung erschienen. Tristan und Isalde, Die sieben weisen Meister, die Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstlern oder die Historie von Fortunati Glückseckel und Wunschhütlein und andere. Die Reihe ist vom Verlag bedauerlicherweise nie komplettiert worden. Inzwischen sind sogar sogar wissenschaftlich kommentierte Ausgaben erhältlich.
Deren Lektüre kann Ihnen fürderhin manche Stunde ersparen, in der Sie sich mit Freunden oder Bekannten zu einem Gespräch treffen können. Zusammensitzen und miteinander sprechen. Die Lebenszeit ist kurz für lediglich vorübergehend gültige Literatur. Laut einer Berechnung Arno Schmidts schafft man zwischen seinem sechsten und seinem siebzigsten Lebensjahr ohnehin höchstens sechstausend Bücher, wenn man wöchentlich zwei Romane liest. Wer aber ist der Lage, diese Leseleistung zu erbringen?

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass die zweite Welle nicht über Ihren Köpfen zusammenschlagen möge. Wählen Sie inzwischen Ihre Lektüren sorgsam aus.

 

Ich hatte ursprünglich ein ganz anderes Thema auf dem Schirm. Aber auch das Geschäft mit der Literatur verdient, dass es gelegentlich beleuchtet wird.

 

(Manche haltens für Spass. anything goes lautet die Devise.
„…Abendland, wir sind aus dir geboren, wir fahren auf deinem Narrenschiff dem Abschied entgegen…“ [Andre Heller])

 

 

Für den Frieden ist jeder verantwortlich

Musik: .Klaus Schulze & Lisa Gerrard – Rheingold (2008).
Lektüre:
Essen & Trinken: Normannischer Apfelkuchen, Milchkaffee, Leitungswasser.
Arbeit: Einen Blogbericht schreiben.
Film: … –

Es gibt diese ganz besonderen Zeiten. Und gelegentlich die einmaligen Tage. In den ersten Monaten des Jahres 1990 war ich in Sachen deutscher Wiiedervereinigung noch euphorisch gestimmt. Im Oktober dieses Jahres wurde jedoch die Treuhandanstalt (THA) als Anstalt des öffentlichen Rechts gegründet. Sie sollte nach den Grundsätzen der sogenannten sozialen Marktwirtschaft arbeiten. Im Klartext bedeutete das, die Betriebe der DDR zu privatisieren. In der Realität wurden VEBs, LPGs, HOs und was sich irgendwie „vermarkten“ liess, kurzerhand verscherbelt oder abgewickelt. Für die untergehende DDR wurde die zukünftige Geschichtschreibung bereits verfasst. Reduziert auf Begriffe wie Diktatur, Stasi und Mangelwirtschaft wurde die unmenschliche Abwicklung rechtfertigt und ein Keil zwischen die beiden deutschen Bevölkerungen getrieben, der noch heute fest sitzt. Es soll Westdeutsche geben, die sich noch immer nicht vorstellen können, dass in DDR die Sonne geschienen und Menschen fröhlich und zufrieden gelebt haben sollen.

Die Grenzöffnung erlebte ich ebenso ergriffen wie freudig. Anfänglich erschien mir die Berichterstattung über die sich rasch entwickelnden Ereignisse unglaublich. Aufgewachsen mit den Impfstoffen der kalten Krieger, war mir die deutsche Teilung eine endgültige Angelegenheit.
Auch meine privaten Angelegenheiten gerieten in eine bedenkliche Schieflage.

Aber noch strahlte die Sonne hell in jenem Sommer 1990. In Ungarn sollte ein Festival für Kultur und Wirtschaft stattfinden. Begegnungen zwischen Ost und West. Das Programm war vielversprechend. Vorträge in Wort und Musik. Künstlerische Übungen, Diskussionsgruppen. Viele der angekündigten Redner und Künstler sagten mir nichts. Und die mir bekannten Namen versprachen eine grosse Bandbreite.
Wir fuhren zu fünft nach Budapest und checkten in einem Studentenwohnheim ein. Der Ort aller Veranstaltungen war die altehrwürdige Konzerthalle Vigadó nahe der Elisabethbrücke. Die Luft war leicht. Aufbruchstimmung. Der Kalte Krieg war vorüber.
Der slowenische Geiger enthüllt uns Takt für Takt die Geheimnisse einer Sonate von Béla Bartók. Erklärt ihre radikale Modernität, die gerade jetzt Motivation und Aufforderung sein kann. Ein würdiger alter Mann betritt die Bühne, altmodisch vornehm gekleidet, erhofft er sich vom Rednerpult aus, dass die Unterbrechung einiger Jahrzehnte beendet sei. Österreich und Ungarn mögen vielleicht doch bald wieder vereint sein. Da runzelten manche Zuhörer die Stirn.
Ich hörte mir die Vorträge eines Herrn an, von dem ich zwei seiner Werke kannte. Ein Wissenschaftler, der seine Professur in Budapest niedergelegt hatte und auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie arbeitete. Er konnte seine Bücher nur unter Pseudonym veröffentlichen. Jetzt wurde er bei seinem richtigen Namen genannt.
In einer Veranstaltung wurde aquarelliert. Es ging vordergründig darum, wie man Farbverläufe malt, und was man dabei erleben kann. Ein Verlauf von oben nach unten, ein anderer entgegengesetzt. Abschliessend ein Bild, bei dem sich beide Farbverläufe in der Mitte des Papiers begegnen. Egoismus, Altruismus und Auferstehung.

Ich genoss den Aufenthalt in Budapest. Besuche in Cafés. Man traf sich mit anderen Menschen. Austausch und Gespräche über dies und jenes. Ich hatte im Vorjahr meine berufsbegleitende Ausbildung zum Thema Märchen beendet. Durchstreifte die Antiquariate. In einem fand ich einen kleinen Band Grimms Märchen. Auffällig war die merkwürdige Auswahl der Märchen und der Illustrationen. Am hinteren Buchdeckel von einer Kinderhand geschrieben stand der Name György Székely.
„Na, bist Du wieder fündig geworden?“
„Ich habe nicht weiter gesucht, aber ein sonderbares Märchenbuch gefunden.“
Es geht von Hand zu Hand. Die Illustrationen fallen auf, einem auch die Zusammenstellung der Märchen.
„Das kannst Du dem Georg mal zeigen.“
„?“
„Der Kühlewind heisst doch György Székely.“
„Klar dieser Name ist in Ungarn genauso selten wie bei uns Hans Müller.“
Der Freund liess nicht locker. Als wir zurückkamen ins Vigadó begegnete uns Georg Kühlewind im Entrée. Ein leichter Rippenstoss traf mich von der Seite. Ich sprach ihn an und zeigte ihm das Buch. Er nahm es und blätterte direkt zum hinteren Umschlagdeckel. Schaute danach mich an und fragte, ob er sich das Buch bis morgen ausleihen dürfe. Ich erwiderte, wenn es sein Buch sei, dann gehöre es ihm doch auch.
Abends beim Wein freuten wir Freunde uns über diese Episode. Und redeten über das Buch „Vom Normalen zum Gesunden“ von Kühlewind, das damals bei uns die Runde machte und für Gesprächsstoff sorgte. Kühlewind wurde als junger Mann von deutschen Besatzern zum Arbeitsdienst gezwungen und überlebte kurz vor Kriegsende das Konzentrationslager Buchenwald.

Nach vier Tagen und zahlreichen eindrücklichen Erlebnissen fand die Schlussveranstaltung statt. Als letzter Redner sprach György Székely. Er bedankte sich beim Publikum und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass Ost und West nun wieder zusammenwachsen mögen. Zum Schuss hob er das wiedergefundene Märchenbuch in Höhe und erzählte, wie es ihm bei seiner Verhaftung abgenommen worden sei. Nun halte er es wieder in seinen Händen. Für ihn persönlich sei dies ein Zeichen, dass der Krieg nun zuende sei.

Unten im Keller liegt eine Flasche Pommery & Greno Jahrgang 1945. Die liegt da, für wenn endlich Frieden sein wird.

 

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern friedvolle Tage.

 

 

Wertverdrehungen da und dort

Für graue Februartage ebenso stimmig wie in einer lauen mexikanischen Nacht. Die Königin der Rancheras:
Chavela Vargas – ¡Por Mi Culpa! (2010)…

Durch jahrelanges Viellesen und -schreiben wird eine Korrektur meiner optischen Prothese erforderlich. In den Ländern, in denen ich für Jahre lebte, waren die Überprüfungen kein Problem. Ich war beim Optiker. Professionelles Equipment, Vermessung, Kontrollprüfungen. Alles wie erwartet. Dann das „empfohlene“ Brillenglas. Und der Preis dafür. Mein Blick liess die Frau ein anderes Glas zu einem niedrigeren Preis nennen. Das spielten wir einige Male durch, bis der Preis akzeptabel war.
„Jetzt brauchen wir nur noch das Rezept für den Zuschuss von der Krankenkasse“, sprach die Fachfrau, „das brauchen Sie nur bei einem Augenarzt abzuholen mit dem Hinweis auf die hier erfolgte Überprüfung.“
„Wieso sollte der Augenarzt das machen ohne Augenkontrolle?“
„Tja, die verdienen da heutzutage nichts mehr dran.“ – Gutgläubigkeit gehört bestraft. Und die Strafe folgt auf dem Fuss. Keiner der telefonisch kontaktierten Augenärzte ist bereit ein Rezept zu geben ohne zuvor erfolgte Kontrolle.
Die Mitarbeiterin des ortsansässigen Optikers hat mir fünfundvierzig Minuten meines Lebens gestohlen. Was sind die wert im Vergleich zu zwei neuen Brillengläsern?

Die ersten Schreibübungen für den Lebensweg eines deutschen Menschen. Der verflixte erste Satz. Die Materialfülle ist immens. Zur Verifizierung mancher Fakten und Daten stehen immer weniger Zeitzeugen zur Verfügung. Altersgemässer Schwund. Und die neuerlich unangenehme Erkenntnis, dass man bei nötigen Rückblenden ständig mit beiden Füssen im braunen deutschen Sumpf landet. Es ist mir mittlerweile unerträglich, von Opfern des „Nationalsozialismus“ oder des „Naziterrors“ zu lesen. Der „Nationalsozialismus“ und der „Naziterror“ wurde durch deutsche Menschen gelebt und realisiert. Und im Moment muss man diese Verharmlosungen wieder tagtäglich hören und lesen. Wann wird man endlich beginnen von den Tätern konkret zu sprechen und zu schreiben. Es waren deutsche Männer und Frauen nationalsozialistischer Gesinnung, die europaweit andere Menschen entwürdigt, beraubt, gedemütigt, terrorisiert und letztendlich ermordet haben.

Die grandiose Ausstellung im Frankfurter Städel. Making Van Gogh. Fünfzig Werke. Leihgaben von weltberühmten Museen. In dieser Zusamenstellung einmalig. Enormer Andrang. Eine mehr als hundert Meter lange Schlange vor dem Eingang. Wir haben eine Reservierung und dürfen direkt zum Eingang. Innen fast die Entmutigung angesichts des Gedränges. Aber gugge und lernen kann man überall. Meine famose Begleiterin hat die grandiose Idee, im Windschatten den geführten Gruppen zu folgen. Wenn diese ein Gemälde verlassen, haben wir die Möglichkeit dieses Werk aus nächster Nähe anzuschauen. Van Goghs Farbpalette berauscht die Pupillen. Es handelt sich entgegen der Werbung („aus allen Schaffensperioden“) fast ausschliesslich um Gemälde seiner letzten Lebensjahre. Und das „Making“ erklärt am Rande, wie ein Marketing zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts funktioniert hat. Van Gogh wurde von deutschen Kunsthändlern gehypt, wie man heute sagen würde. Van Gogh starb 1890 im Alter von 37 Jahren. Seine Bilder waren zu diesem Zeitpunkt fast unverkäuflich. Aber bereits um 1910 kostete ein Gemälde zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark.
Das interessiert nur wenige Besucher. Die meisten treibt anderes um. Man könnte es das Ich & Van Gogh Syndrom nennen. Mit dem Rücken zu einem Bild, um mit gezückter Handfessel ein Selbstportrait zu schiessen. Darüber kann man sich als Zuschauer lustig machen. Aber weitaus befremdlicher waren die vielen Kultursimulanten, die sich einem Gemälde näherten, das Kunstwerk mit der Handfessel anvisierten, abdrückten und beim Weiterziehen das Bild auf dem klitzekleinen Bildschirm betrachteten. Offensichtlich hat für diese Menschen das Abbild einen grösseren Wert als das Kunstwerk an sich. Ich denke an Walter Benjamins Essay von 1935 „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Die von ihm darin beklagte „Zertrümmerung der Aura“, hier findet sie in ungeheurem Ausmass statt. Ich finde es bedauerlich, wie wenig Wertschätzung diesen Kunstwerken entgegengebracht wird..

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen hellen Februar.

 

(Die Fotografien wurden freundlicherweise von meiner bonfortionösen Begleiterin zur Verfügung gestellt)

 

 

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Bei aller Reduktion – Fundstücke sammeln sich weiterhin an

Musikalische Fundstücke aus dem Archiv sind derzeit alte Labelsampler. In den lange vergangenen Schülerzeiten kamen diese Zusammenstellungen der notorischen Dürre  im Sparschwein gerade recht. Einen meiner ersten Sampler im 69er Jahr präsentierte vor einigen Tagen der famose Herr Riffmaster. Hier und jetzt laufen von Polydor: Supergroups Vol. 1 (1969), Pop-Sound ’70 (1970), Pot-End (1970)…

Etliche Rückfälle in meine eigene Vergangenheit. Auslöser dafür waren Lesereisen in die Biographien anderer Menschen. Ich verfolge mit allerwenigsten Ausnahmen nur noch Blogs, in denen Menschen von sich schreiben. Umso direkter desto lieber verweile ich. Wenn ich mich schon im virtuellen, also menschenleeren Raum aufhalte, dann möchte ich Menschen wenigstens auf ihren Lebenswegen begegnen. Alles andere erscheint mir inzwischen fast schon wie Zeitraub. Natürlich ohne Bezahlung versteht sich. Wie schrieb mir eine befreundete Bloggerin: Und im Internet, was ist da schon noch los? Recht hat sie.
Man findet durch eine vertrauenswürdige Empfehlung oder auch mit etwas Glück schon noch den einen oder anderen Blog, der die Aufmerksamkeit lohnt.

Fundstücke aller Orten.

Ich notiere seit einiger Zeit viele Details aus meiner Vergangenheit. Den Turbo angetreten hat der dreiteilige Roman von Erwin Strittmatter : Der Laden. Publiziert in der DDR in den 1980er Jahren. Eine schier unermessliche Menge an Mikrodetails erinnert der Mann und schreibt sie auf. Für mich werden beim Lesen zahlreiche eigene Erinnerungen wachgerufen. Und das Bedürfnis, die eigene Vergangenheit aufzuschreiben. Dafür könnte dieser Blog ein geeignetes Medium sein. Andererseits leben noch etliche Menschen, die ihre Begegnungen mit mir, bzw. das, was die bei mir auslösten, nicht gerne lesen möchten. Da bin ich ganz sicher um Unsicheren. Also weiterhin Details sammeln und aufschreiben. Und abwarten. Die Zeit läuft zu meinen Gunsten.
Der Laden wurde dreiteilig verfilmt. Atmosphärisch dicht. Prominente Besetzung. Dass von den vielen Details wenig übriggeblieben ist, muss in Kauf genomen werden. Und trotzdem ist die Verfilmung eine Empfehlung wert.

Vor einiger Zeit habe ich einen Blogger gefunden, dessen Blogroll eine Kopie meiner eigenen, längst nicht mehr aktuellen Blogroll war.
In einer regionalen Zeitung eines meiner Fotos gefunden. Der Urheberhinweis in Klammern lautete: Privat. Aha.
Zwei Wochen später unter einem Beitrag zum gleichen Thema in der gleichen Zeitung das gleiche Foto. Der Urheberhinweis in Klammern unter dem Foto verwies auf meinen Namen. Die erste Veröffentlichung fällt unter §2, Abs.5 des UrhG. Das Urheberrechtsgesetz. Teuer ist das Vergehen nicht. Unangenehm ist dafür die Kostennote des Anwalts. Ich habe jedoch eine Idee für einen Kompromiss, bei dem beide Seiten etwas gewinnen können.

Manche neueren Fundstücke sind ebenfalls nicht eingehender beschreibbar. Lehrstuhl für Medien und Informatik. Durch die Fotografie stehen mir die Medienleute naturgemäss näher. Im Kontext zur Informatik bilden sie jedoch rasch eine Art Gegenwelt. Die Rückseite des Mondes bewohnen offenbar die Informatiker. Programmierer lassen sie sich nur ungern nennen. Lieber ist ihnen die Zuschreibung Developer. Ach ja.
Der Lehr- und Forschungskörper beisst Nägel oder zappelt. Auf jeden Fall sprechen diese Menschen durchweg zu schnell. Und die Witzigkeiten. Ob es Ausdruck persönlicher Lebenstragik oder der verzweifelte Versuch ist, mit einem menschlichen Gegenüber in Kontakt zu treten – ich bin mir noch unsicher. Nicht jedes Körperteil verhält sich so, versteht sich.
Viel geht es ums Spielen. Das scheint dem Medium Computer innezuwohnen.
Schauen Sie sich mal den Algorithmus an und spielen Sie ein wenig damit.
Als Übungsaufgabe zu unserer letzten Vorlesung eignet sich ein Spielchen. Sie kennen Sudoku? Dann können Sie Ihre neuen Kenntnisse  dabei gleich anwenden.
Und dennoch lassen sich kleine Funde machen. Fachbegriffe beispielsweise. Streuspeicherung. Hätte ich diesen Begriff doch mit fünfzehn gekannt, als meine Eltern die Ordnung in meinem Zimmer anmahnten.
Das machen wir gerade in Mathe. Nennt sich Streuspeicherung. Das muss so sein…

Im persischen Golf sind zivile Schiffe beschädigt worden. Die Amerikaner wissen natürlich, wer das verursacht hat. Fotografische Beweise legen sie vor. Und schicken gleich ein Kriegsschiff in den Golf. Beweise wie damals. Wer erinnert sich noch an die „Beweise“ für Saddams Giftgasfabriken. Amerikaner lieben den Krieg. Sie suchen ihn und sie werden finden. Und bis dahin schreiben sie anderen Ländern vor, mit wem die Handel treiben dürfen. Traurige Funde sind das, bei denen man erst verstecken muss, was man hinterher finden will.

Lebensfreude. Sie entsteht, wenn Menschen zusammen aktiv sind. Wenn man arbeitet oder gemeinsam musiziert. Dieses Zusammenleben, auch wenn es nur für kurze Zeit existiert, schafft mehr Freude und Frieden, als man denken mag. Das mag mit der Spontanität zusammenhängen, die dann zwischen Menschen entsteht.
Ziemlich steif war die Veranstaltung zur Landung in der Bretagne. Kein Wunder. Wenn die zu ehrenden Veteranen 1945 achtzehn Jahre alt waren, sind sie heute dreiundneunzig.
Ich gedenke an diesem Tag den russischen Armeen. Die der braunen Hydra die Köpfe abgeschlagen und das Regime damit zu Fall gebracht hat.
Aber mir ist allemal die Lebensfreude und die Verständigung mit anderen Menschen näher. Deshalb hier einen
Fund von heute.

Die unten abgebildete Flasche Dujardin Triple Sec ist leer. Auch sie eine Trouvaille, das seit fast einem halben Jahrhundert in der hintersten Ecke eines Schrankes darauf wartete, gefunden zu werden. Letzthin war es soweit. Der Inhalt hat sich mit einem feinen Aroma und entsprechendem Wohlgeschmack bedankt.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Woche und natürlich ein feines Fundstück. Und Singen und tanzen Sie, solange es Ihnen noch vergönnt ist.

 

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Auch in diesem Jahr wieder : Zu guter Letzt

Es ist an der Zeit, das 2018er Jahr zu verabschieden. Von einigen Menschen musste ich mich traurigerweise in diesem Jahr verabschieden, von anderen habe ich mich erleichtert verabschiedet. Ebenfalls in diesem Jahr ist der legendäre Schlagzeuger Jon Hiseman verstorben. Sein letztes Album : JCM – Heroes (2018)…

In diesem Jahr habe ich begonnen, an meiner Lebensbuchführung zu arbeiten. Meine zahlreichen Begegnungen und Kollisionen mit Menschen und Orten. Eher eine Inventur als eine Bilanz wird irgendwann daraus werden.
Ein erstes Beispiel dafür war der vorherige Beitrag  über die Musikapparaturen, die mein Leben begleitet haben. Ich habe einen hölzernen Karteikasten angelegt, in welchem ich auf Kärtchen die entsprechenden Details notiere. Erinnerungen an Menschen, denen ich besondere Erfahrungen verdanke. Orte, die ich kennenlernen durfte, an welchen mehr oder weniger berühmte Menschen gelebt oder gewirkt hatten. Stoff genug für ernste und auch heitere Denkwürdigkeiten, über die hier zu berichten sein könnte.

Die Berichte im kommenden Jahr werden weniger, dafür jedoch persönlicher werden. Die Zeiten für ein ausdruckslos einsames Blendamed-Lächeln sind ebenso vorüber wie das insolvente Bloggeschäft mit der unverbindlichen Hingabe für Hergabe Mentalität.
Im Sinne der Reduktion scheint mir das nur folgerichtig. Mit meinen Photographien werde ich versuchen, die Texte noch treffender zu illustrieren. Ich verweigere mich der Massenware an nichtssagenden Fotos und belangleeren Berichte.

Vermehrte und intensivere Begegnungen mit körperlich oder seelisch-geistig beeinträchtigten Menschen erinnern mich täglich aufs Neue daran, wie gut es mir geht. Wie privilegiert ich bin. Über welche Autonomien ich verfügen kann. Wie frei ich eigentlich bin.

Auch in diesem Jahr konnte ich eines der mich seit vielen Jahren begleitenden Rätsel meines Lebens nicht lösen. Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe. Warum wollte ich als Kind und später als Jugendlicher nie irgendetwas werden, hatte keine Vorstellung von einem Traumberuf. Also kein Pilot, Feuerwehrmann oder gar Schauspieler. Nicht mal Bademeister. In diesem Jahr leuchtete mir erstmals der Gedanke auf, die Antwort darauf sei vermutlich belanglos.
Viel wichtiger ist dagegen, dass ich in diesem Jahr öfter gut geliebt als schlecht geschlafen habe. Und das am Horizont immer deutlicher erkennbare neue Projekt befeuert die Lebensfreude zunehmend.

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern, ein lichtes 2019er Jahr mit erhellenden Einsichten und erfreulichen Aussichten. Die Zeiten sollen angeblich rauer werden. Und so will das private Lebensglück sorgfältig und kraftvoll erarbeitet werden, denn keinem Menschen wird es geschenkt werden.

„Aber wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer : Parerga und Paralipomena, 1851. 1. Band, 5. Kap.: Paränesen und Maximen).

Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für ihre Aufmerksamkeit und das Interesse an meinem Blog.