Manchmal ganz einfach

Das Archiv erneut um hunderte Scheiben erleichtert. Die Klänge sind stumpf geworden. Erleichterung. Leichte Begleitmusik:
Bad News Reunion – The easiest Way (1980)…

Die kleine Reisegruppe ist paritätisch besetzt. Neu und alt oder auch Ost und West. Die Interessen sind auf zwei Haltepunkte der kleinen Reise fixiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Mittelpunkt steht der Austausch über die jeweiligen Wahrnehmungen und Erkenntnisse. Mögliche neue Entdeckungen. Die gegenseitige Ergänzung des individuellen Wissens. Im guten Fall die solide Horizonterweiterung der Mitreisenden.

Zuerst eintauchen in die Welt der Geraden, der rechten Winkel und der damals neuen Materialien. Die Moderne, die wir heute die klassische Moderne zu nennen pflegen. Die planende und konstruierende Gedankenwelt. Kalt und zielgerichtet. Die Übernachtungen im ehemaligen Atelierhaus stilgerecht rekonstruiert. Die Räume sind auf den Zweck reduziert. Karg ohne Überflüssigkeiten. Schlicht und schön. Konzentrationsräume. Die Führungen sind sachlich, informativ und punktuell erfreulich humorvoll. Ich bin gerne offen für moderne Entwicklungen wenn dabei der Mensch mit seinen ursprünglichen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Das geschieht bedauerlicherweise immer seltener.
Beim Besuch der ehemaligen Meisterhäuser flackern zunächst unbestimmbare Emotionen In der Struktur unserer Gedanken auf. Meist bleiben unsere Gefühle im Spinnwust von Sympathie und Antipathie, Gefallen oder Nichtgefallen gefangen.
Vom Wohnzimmer Paul Klees hinaus in den Garten zu blicken. Die goldene Wandnische im Haus Wassily Kandinskys. Ist das Erhabenheit?  Interessant jedenfalls die Hinweise auf Mängel der Planung und Gestaltung. Noch deutlicher wahrzunehmen in der Siedlung Törten. Die Planer haben ihre ehrgeizigen Ziele häufig über die alltäglichen Lebensanforderungen der Arbeiter gestellt. Die Schattenseiten der l´art pour l´art. Nie zuvor stärker wahrnehmbar als in unserer Zeit.

Hunderte kilometerweite Fahrten durch die Dome alter Alleen. Die leichten Kurven der Landstrassen besänftigen die Gedankensphären der Reisenden. Quer durch den Fläming, die südöstliche Fortsetzung der Lüneburger Heide Richtung Nordosten. Die mässig hügelige, sanft gewellte Landschaft schafft die harmonisierende Gleichwertigkeit von Gedanken und Gefühlen. Wir sind auf dem Weg in die am dünnsten besiedelte Region Deutschlands. Wasserlandschaften. Endlos scheinende Wasserflächen, ewig in Bewegung. Fliessen, mäandern, unregelmässige Formen natürlicher Gestaltung. Logische Pläne, deren Wissen uns seit Jahrhunderten schon verloren gegangen ist. Gefühlswallungen statt lebendigem Wissen. Wie weit mögen wir die Fähigkeit, unsere Mitte zu bewahren, bereits verloren haben. Wir haben den Bogen weit gespannt. Zufriedenheit und Glück erfüllen das von alltäglichen Ablenkungen ermattete Gemüt.

Abends an einem Fluss sitzen. Eine Flasche Wein begleitet die Reflexionen, das nachwirkende Tagesgeschehen. Traumverwoben verschwimmt das Ufer in der Dämmerung. Fledermäuse stossen zackig in die Nacht.
Mit der aufgehenden Sonne am anderen Morgen wabern die Nebel über der Wasseroberfläche. Ein heisser Tee begleitet die Beobachtungen der sich stetig ändernden Lichter. Wie Wasser strömen wir dahin auf unseren Lebenswegen.
Ein anderes sind die Orte, die wir streiften und nicht besuchten. Sie sind aufbewahrt in Wünschen für kommende Reisen. Die vielen Begegnungen mit den Menschen wirken nach und werden sich vielleicht erzählen lassen zu ihrer Zeit.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende.

(Fotografie anklicken und alle Sinne öffnen…)

 

 

 

 

 

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Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Sag´ mir, Liebster, in welche Richtung…

Sag´ mir, Liebster, in welche Richtung zieht es dein Herz?

Ach, Liebste, in alle Himmelsrichtungen gleichermassen zieht es mich.
Im Osten der Sonnenaufgang hinter der Silhouette der grossen Stadt. Den Hals entblösst, liegt der seidenfein gewebte, ausladende blaue Schal auf der taufeuchten Wiese ausgebreitet, bereit, neues Leben umhüllend in die Welt zu tragen.

In die gradlinige gedankenklare Kälte des Nordens will ich ziehen. Nebligschwadig steigen aus unermesslichen Wäldern die alten Geschichten auf. Eiswindigen Wegweisern folgend bis zu den letzten Menschenwohnungen. Frosterstarrte Herzen zu wärmen gilt es dorten.

Mutanfällige Sprünge in das lodernde Lebensfeuer des Südens. Herzen von Sonne warm erfüllt und Lebensfreude im pulsenden Strom des ewig bewegten Meeres. An den Gestaden sind im heissen Sand Wärmegerüste für menschenfreundliche Gedanken zu schmieden.

Der Friede ruht tief in der Erde des Westens. Blühen wird er durch das Handeln freier Menschen aus dem freien Willen zum Nutzen aller. Erst dann wird man seine Freiheit gewinnen, wenn man diesem Ziel sich annähert und tatkräftig an der grossen Aufgabe mitwirkt.

Pilger sind wir, jeder auf seinem Lebensweg hin zu der einen Destination. Hin zur Mitte. Dorthin ins Zentrum, wo Herzen und Gedanken sich treffen im golden schimmernden Kehlkopf. An diesem Ort wird die Verbindlichkeit der Sprache geschöpft.

Liebste, in all diese Himmelsrichtungen will ich ziehen und jede besingen, wie es ihr zusteht. Du kannst mich hören, sehen und fühlen, immer wenn Du mit mir unterwegs bist.

Aber sage mir, Liebster, an welchem dieser Orte vermag ich Dich denn zu finden?

An welchem Ort? Dieser Ort, Liebste, dieser Ort kann überall sein. Die zentrale Mitte, in der alle Himmelsrichtungen punktgenau zusammenstreben und wo das Sein achtsam umschlossen wird, entsteht überall dort, wo wir uns begegnen, fugenlos im Takt unserer Herzen.

Der Text wurde angeregt durch einen gebloggten Funkenregen und das Lied Refugees, zu hören auf: Van der Graaf Generator – The Least We Can Do Is Wave To Each Other (1970)….

Landschaften lesen

Mir gehts einfach gut heute: Genesis – Nursery Cryme (1971)…

Der Hohlwêg, des -es, plur. die -e, ein hohler, d.i. tief ausgefahrner oder von dem Wasser ausgehöhlter Weg; im gemeinen Leben ein Schluchter, eine Schlucht. (Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Leipzig 1793–1801, Bd. 2, S. 1259.) Der erste Versuch einer Katalogisierung der deutschen Sprache.
Die Brüder Grimm erlebten die Vollendung ihres berühmten Wörterbuchs und somit auch Lieferung 10,8 im Jahr 1874 nicht mehr. Der dortige Eintrag zu dem Wort Hohlweg bleibt dürftig.

Mit den Landschaften verhält es sich in aller Regel wie mit den Haaren. Wer mit natürlichen Locken gesegnet ist, wünscht sich glatte Haare und umgekehrt. Der eine zieht gebirgichte Erhebungen vor, die andere liebt das Flachland mit weiten Ebenen. Und wieder andere brauchen den Blick über schier endlose Wasserflächen.
Glücklich sind die Bembellandbewohner, sie sind mit allen Landschaftsformen gesegnet, wenn auch in bescheidener Ausprägung. Ich liebe alle Landschaften, in Maassen allerdings. Lawinenabgänge reizen mich ebenso wenig wie Sturmfluten. Alle vier Jahreszeiten in absehbaren Wechseln halten meine vier Temperamente in ausgeglichener Balance und mich mit der landschaftlichen Umgebung in Harmonie.

Flora und Fauna kann ich bewundern, meiner Lernfähigkeit geben sie schier unlösbare Aufgaben. Allein schon die vielen verschiedenen Namen. Der schwere Lapsus in meinem letzten Beitrag, in dem ich Klee mit Raps verwechselte, und der dann obendrein noch als Ackersenf indentifiziert worden ist (schönen Dank Frau Mahlzahn!) bereitete mir eine Nacht lang ungute Träume. – – – Landschaften.

In einem öffentlichen Bücherschrank stand das Buch. C.H.Beck ist ein Verlag meines Vertrauens. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart, so der Untertitel, versprach einen mir gemässen Überblick. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Einige Kapitel, in denen es um Getreidearten und anderes Pflanzliches ging, werde ich langsam lesen, ich gebe die Hoffnung nicht auf, noch nicht.
Die anderen Kapitel hingegen haben schon bei der ersten Lektüre meinen Blick in die Landschaft nachhaltig verändert. Wie entstanden die ersten Dörfer? Wieso entstanden sie dort, wo man noch heute ihre Spuren finden kann. Welche Pflanzen bevölkerten die Landschaft nach der Eiszeit als erste? Warum sind bestimmte Städte Industriestädte geworden und andere eben nicht?
Was hat all das mit den umgebenden Landschaft zu tun? Der Titel des Werkes hat mich eine Weile irritiert, denn der Inhalt bezieht sich weitgehend auf ein Territorium, das wir heute Deutschland nennen. Und das ist so erst seit relativ kurzer Zeit. Aber vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist er natürlich exakt. Der Autor ist Professor für Pflanzenökologie (und das mir) und am Institut für Geobotanik der Universität Hannover tätig.
Jedem interessierten Landschaftsgänger empfehle ich das Buch uneingeschränkt. Mein Blick auf das Bembelland und unsere ehemalige Kolonie Rheinhessen hat sich völlig verändert seit der Lektüre. Die Landschaft beginnt, mit mir zu sprechen.

Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München, 1999². 424S.

Was das jetzt mit Hohlwegen zu tun hat?
Ich habe eher beiläufig einen Wanderweg zwischen Worms und Mainz entdeckt. Er hat mich beeindruckt und bei einer genaueren Recherche fand ich heraus, dass von diesem Weg andere, kleinere Wege mit besonderen Eigenschaften abzweigen. Rund um ein Dorf beispielsweise gibt es Rundstrecken mit zahlreichen Hohlwegen. Hier in dieser an Lössböden reichen Gegend mit ihren geologischen Verwerfungen haben sich diese Hohlwege gebildet.

Um das erwähnte Dorf sind sechs verschiedene Routen ausgeschildert. Ich entschied mich blind für die längste, etwa zehn Kilometer lange Strecke. Zwei Stunden, so rechnete ich, nur mal gugge, ob das was taugt. Es kam anders. Die Hohlwege sind teilweise wirklich beeindruckend. Aber grosse Teile der Strecke Nummer 5 führen über offenes Gelände in den Weinbergen. Das fand ich enttäuschend. Die Sonne schien prall und duldete keine Wolken neben sich und so schritt ich munter weiter. Ein erstes Wiedererleben von Sommer.

„Haben Sie Hunde?“
„Nein, Sie?“
Dabei hatte ich die drei Flohschleudern schon längst gesehen. Die Frau blieb mit ihren Leinen unschlüssig stehen. Ich fotografierte einen Wegstein. Mal von hier, mal von da. Langsam kam sie dennoch näher und wir schnell in ein Gespräch. Sie kennt sich aus hier. Kennt die Hohlwege. Als Hundezüchertin von Hütehunden ist sie hier tagtäglich unterwegs. Die Tiere brauchen Auslauf, nicht unter fünf Kilometer am Tag. Wir gehen etwa zwei Kilometer nebeneinander. Sie gibt mir mehr wertvolle Hinweise als ich behalten kann.
An einer Weggabelung trennen sich unsere Wege. Sie hatte mir viel berichtet von einigen Besonderheiten, die es nur hier zu sehen gäbe. Ich danke Ihnen von hier aus, fremde Frau.
„Und vergessen Sie nicht die wilden Tulpen in dem Wingert in G** O***. Die einzigen, die es hier noch gibt.“
Als ich weitergehe zur Robinienhohl fällt mir das altgriechische Verb ein. Therapeutein, ein Stück des Weges begleiten oder auch das Nomen Therapeutos, der Weggefährte. So ist das wirkliche Leben…

Zurück im Dorf, betrete ich eine Metzgerei. Die feiste Metzgerfrau verspricht unausgeprochen erste Qualität. Die Zungenblutwurst springt mich fast aus der Theke an.
„Machen Sie bitte mir so ein schönes Brötchen mit dieser leckeren Zungenblutwurst?“
„Derrfs aach e bissi e dickeri Scheib soi?“
„Freilisch, awwer wieviel issn dicker?“ Ich spreche viele Sprachen, dennoch mag ich keinen Ziegel im Brötchen.„Ei, dreimol se dick wie e normali.“
Da in diesen Gegenden auch dünne Scheibchen eine schmale Brettstärke haben, passt das schon.

Hohlwege sind geheimnisvoll. Besonders in den dunkleren Jahreszeiten. Geheimnisvolle Geschichten können einem da einfallen. Eine, die gerade dazu gepostet hat, ist die Frau Graugans. Horsche und gugge lohnt sich.

Ich wünsche schon jetzt allen Besuchern,. Lesern und Guggern ein schönes Wochenende. Ich bin dann mal weg..

(Fotos gross anklicken und in Hohlwege eintreten. Bild in Originalgrösse anklicken und anschliessend noch F11 drücken zeigts noch schöner)

Flach weit oder von oben

Nach einer guten Doku der BBC zu der Produktion, schaue ich mir später den Film nochmals an, jetzt gleich aber das Album zur Wiedererinnerung: The Who – Quadrophenia (1973, 4CD Director´s Cut 2011)…

Die eine Seite sind individuelle Eigenheiten. Vom Kleinärmelkind wird zuverlässig berichtet, dass es ein ganzes Jahr lang sein Brot ausschliesslich mit Schweizer Käse belegt zu essen pflegte. Und unerklärlichweise von einem auf den anderen Tag Fleischwurst begehrte und Schweizer Käse als Brotbelag kategorisch ablehnte. Für ein solches Verhalten gab es kein nachahmbares Vorbild.

Ein anderes sind die Rhythmen eines Menschenlebens. Kreise, in denen sich eine Biografie entwickelt und fortschreitet. Da können äussere Faktoren durchaus bestimmende Faktoren liefern. Die erste, selbst initiierte Fussreise des zweijährigen Ärmelkindes fand mitten im Winter statt, ohne entsprechende Bekleidung versteht sich; lobend vermerkt seien dafür aber der Witterung angepasste Hausschuhe. Gelbbraun kariert, in Stiefelform mit einer dunkelbraun eloxierten Schnalle als Verschluss. Der Grund der Reise und auch das angesteuerte Ziel liegen verschüttet in einer Schlucht des Vergessens. Das Ziel der Wiederauffindung eines für einige Stunden abhanden gekommenen männlichen Kindes jedoch hat sich aufbewahrt in der Erinnerung. Es war eine Schulklasse der damaligen Lummerländer Grundschule. Zwei Strassen vom eigenen Kinderbettchen entfernt und somit im Radius des alten Ortskerns.
Bis heute unerklärlich ist mir der Humor der Lehrerin. Was mag sie bewogen haben, einem lange vor seiner offiziellen Einschulung befindlichen Kleinkind Gastrecht einzuräumen für einige Stunden in ihrem Schulsaal. Als Grund ist mir erfindlich, dass es damals noch kein Telefon gab in einer Dorfschule und der Pedell wahrscheinlich wieder beim Frühschoppen in einer Wirtschaft weilte.

Die individuelle Ernährungsweise ist mir eigen geblieben. Noch immer kommt es vor, dass ich über mehrere Monate mit einem Kanten Brot, einem Stück Käse und einem Apfel überaus zufrieden bin. Auch die besondere Art zu reisen hat sich erhalten und bewährt. Zugrunde liegt dem ein ausgeprägtes Interesse an der Welt und den Menschen. Wobei hier eine notwendige Einschränkung anzufügen ist. Im Lauf der Jahrzehnte ist es längst nicht mehr die ganze Welt und auch keineswegs alle Menschen. Vielleicht mag das im Zusammenhang stehen mit den frühen Speisungen des Schweizer Käses. Und das Motto des jungen Erwachsenen „Hoppla Welt, ich komme“ ist längst leuchtenderen Erkenntnissen gewichen.

In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich zwölfmal meine Wohnorte gewechselt. Ich hatte das Glück, viele Länder bereisen und Kulturen kennenlernen zu können und dabei ganz unterschiedlichen Menschen und deren Mentalitäten zu begegnen.
Ich stelle fest, dass der Reiz der Ferne oder durchaus auch der Exotik zunehmend an Attraktivität verloren hat. Die Kreise werden offensichtlich kleiner, ohne jedes Gefühl eines Verlustes. Im Gegenteil. Ich bemerke wie mich meine nähere Umgebung immer stärker anzieht. Es gibt natürlich noch immer die Traumstädte, kleine weisse Flecken auf der Landkarte meines Reiselebens. Aber selbst dort wird das Interesse befeuert nur noch von einzelnen Gebäuden oder Einrichtungen. Und genau so verhält es sich mit den Menschen an anderen Orten. Meine Reiseziele liegen dort, wo ein Gespräch alle Beteiligten weiter bringt, gleichsam ihren Horizont weitet und wo menschliche Wärme spürbar ist.

Die Fotografien sind neuesten Datums. Aufgenommen zu beiden Seiten des Rheins, ganz hier in der Nähe. Eine ganz besondere Kulturlandschaft seit einigen Jahrtausenden schon. Auf diesen Spuren unterwegs zu sein, bedeutet mir Lebensglück. Die Metropolregion Rhein-Main ist mit unsäglichen negativen Vorurteilen behaftet. Ich werde in der nächsten Zeit andere Bilder von dieser einzigartigen Landschaft vermitteln..

(Foto anklicken öffnet die Galerie und ermöglicht gross gugge. Zusätzlich „Bild in Originalgrösse“ anklicken dann F11 macht Bilder richtig gross)

Wenn das Meer vom Berg rauscht

Seit 1969 zuverlässig gut. Mir ist keine Phase der Band bekannt, in der sie sich dem Geschmack der Zeit angepasst hätte:
King Crimson – Live In Toronto, 20. November 2015, Queen Elizabeth Theatre (2016)…

Der Odenwald ist ein weithin verkanntes Mittelgebirge. In den alten Zeiten führten wichtige Handelsstrassen östlich vorbei. Westlich zieht der Rhein stromabwärts hin. Einzig an oder über der Bergstrasse, der Verbindung zwischen Darmstadt und Heidelberg, liessen sich Adlige ihre Eremitagen oder Jagdschlösser errichten.

Unter dem Einfluss der Gebrüder Grimm hat Johann Wilhelm Wolf in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Odenwälde Dörfern und in Gastwirtschaften entlang der Bergstrasse die regionalen Märchen gesammelt. Diese Sammlung liest sich heute wie eine Beschreibung  unvorstellbarer Armut. (Wolf, J.W.: Verschollene Märchen. Nördlingen, Greno. 1988)

In den 1970er Jahren wirkten viele entlegenere Dörfer noch immer sehr rückständig, manche schienen dem Verfall geradezu anheim gegeben. Ein öffentliches Nahverkehrswesen befindet sich derzeit noch immer im Aufbau. Im Vergleich zu anderen Mittelgebirgen ist der Odenwald touristisch auch heute vergleichsweise unerschlossen. Was aber auch gewisse Reize bietet, wenn man sie zu schätzen weiss.

Auf dem Felsberg wohnte einst ein Riese, der im Streit lag mit seinem Riesennachbarn auf dem Hohenberg. Sie begannen sich mit Felsen zu bewerfen und weil der Felsenberger über die grösseren Vorräte verfügte, gewann er den Kampf. Soweit die Sage. Sein übrig gebliebenes Arsenal bildet heute das Felsenmeer. Das ist eine etwa 1300 Meter lange, steile Schneise übervoll mit gewaltigen Steinen.
An ihrem Fuss befindet sich der Siegfriedbrunnen. Bekanntlich wurde Siegfried, der stolze Held, während eines Jagdausfluges im Odenwald von Hagen von Tronje bei einer Rast an einem Brunnen ermordet. Auf dem Vorrecht, den echten Siegfriedbrunnen vorweisen zu können, bestehen jedoch mehrere Gemeinden im Odenwald. Quellen, die den wahren Ort belegen, gibt es allerdings nicht.
Fest steht dagegen, dass die römischen Eroberer im Felsenmeer einen Steinbruch betrieben haben. Dort wurden unter anderem Säulen gehauen, die dann bis nach Trier transportiert worden sind. Etliche unvollendete Arbeiten sind noch heute zu sehen. So auch die Riesensäule, fast zehn Meter lang und über 25 Tonnen schwer. Mehrfach wurde versucht, das historisch interessante Artefakt abzutransportieren. Aufgrund des enormen Gewichtes und der Geländebeschaffenheit ist das aber nicht möglich gewesen.

                                                  (Foto anklicken und gross gugge. Keine Stolpergefahr!)