Ansichtssachen (X)

Ein geistreicher Mensch hat in gänzlicher Einsamkeit an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen die fortwährende Abwechslung von Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten die marternde Langeweile nicht abzuwehren vermag.

                                                                                                                                                                  Arthur Schopenhauer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reduktion ist manchmal nicht möglich

„Modern day structures are fantastic
But have you seen a butterfly’s wings?
Man has created symphonies
But have you heard a blackbird sing?“ (Eric Burdon and the Animals, No Self Pity)
Die einzigartigen Geräusche der Natur kann keine Musik ersetzen. Wellenschlag, Möwenschrei und Böen, die sich an Strassenecken festbeissen…

Das Leben eines Menschen aufzeichnen. Aus den vorhandenen Materialien einen Text schreiben. Wie man dem auf diese Weise gewürdigten Menschen gerecht werden kann. Den Facetten seiner vielgestaltigen Persönlichkeit. Ein Lebensweg, der zwar stets nach vorn, in die Zukunft gerichtet, verläuft oder verlaufen ist; dessen Verlauf jedoch gekennzeichnet ist von vielfältigen Verästelungen. Es stellt sich die Frage, ob die Fülle im Entwicklungsmosaik überhaupt angemessen darstellbar ist. Einen Sommermorgen exakt zu beschreiben, befand ein Herr von Kügelgen seinerzeit, brauche ein halbes Leben. Aber das ist eine andere Sache.

Einige Tage ausspannen und dennoch nicht einfach abhängen. Die Wahl fiel auf die einmalige Hansestadt Stralsund. Betonung auf der ersten Silbe. Besichtigungen und Spaziergänge. Steife Brisen und Sonnenschein satt. Fischgerichte in allen Variationen begleitet von hervorragenden Bieren einer lokalen Braumanufaktur.

Stralsund gegenüber auf der Insel Rügen liegt der kleine Ort Altefähr. Das stets zuverlässige Meyers Reisebuch (Deutsche Ostseeküste II. Rügen und die pommersche Küste, Bibliographisches Institut, 2. Auflage, 1924) weist auf den grossartigen Blick hin, den man von hier aus auf die Silhouette von Stralsund geniessen kann.

Auf der kleinen, erhöht gebauten Kirche fällt der Grabstein ins Auge, den man einer jungen Frau zur Erinnerung hier aufgestellt hat. Sie war Ober-Stewardess einer Luftfahrtgesellschaft der BRD und wurde auf dem Boden der DDR beerdigt. Im Jahr 1959. Das kann FRagen aufwerfen.
Am 11. Januar 1959 befand sich die viermotorige Propellermaschine vom Typ Lockheed L-1049 G Super Constellation (D-ALAK) auf dem Flug (LH-502) von Hamburg nach Buenos Aires. Zwischenstopps waren in Frankfurt, Paris, Lissabon, Dakar und Rio de Janeiro. Beim Landeanflug auf den Galeão International Airport in Rio de Janeiro verunglückte das Flugzeug durch extrem schlechte Sichtverhältnisse und aufgrund fehlender Leitstrahlsendern beziehungsweise Funkfeuern seitens des Flughafens. Vom Kontrollturm des Flughafens aus wurde der Flugkapitän angewiesen „auf Sicht“ zu fliegen. So nahm das Unglück seinen Lauf.
„Das Fahrgestell berührte das Wasser und wurde abgerissen; die Maschine taumelte aufwärts – als versuche der Pilot, sie noch einmal hochzureißen – und sackte dann aus geringer Höhe wie ein Stein in das schlammige Ufergelände der Bucht. Das ausströmende Benzin entzündete sich; 36 Menschen starben, nur drei Angehörige des Bordpersonals konnten von den Rettungsmannschaften in Sicherheit gebracht werden.“ (Der Spiegel, 4/1959, S.18).

In Stralsund habe ich gelernt, dass es nicht bloss Stolpersteine sondern auch Stolperschwellen gibt. Am Hauptbahnhof wird der 1160 Menschen gedacht, die infolge ihrer seelischen Erkrankungen von hier abtransportiert wurden und bei der Aktion T4 ermordet worden sind. Eine andere Stolperschwelle befindet sich auf dem Boden vor dem städtische Krankenhaus Dort wird an 652 Menschen erinnert, die zwischen 1934–1939 in der chirurgisch-gynäkologischen Abteilung zwangssterilisiert worden sind.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Zeit.

 

 

 

 

Reduzierte Einblicke in den alten Ortskern

Passend zu den Themen, die mich momentan umtreiben: Die Ärzte – They´ve given me Schrott (2019)…

Die Sommerferien dauerten länger als der Familienurlaub in Italien. Ein kleiner Junge im alten Ortskern. Sommerliche Hitze. Rundum die Bauernhöfe waren noch weitgehend intakt. So sah es jedenfalls für mich aus. Ein merkwürdiges Wort machte die Runde, für die meisten Kinder unverständlich: Flurbereinigung. Bei uns zuhause war es kein Thema, wenn die Urgrossmutter mit dem Bohner und Sigella Wachs aus der schrägen Plastiktube den Flur auf Hochglanz polierte.

Mit den Kindern von den Höfen rundum durfte man spielen. Leider mussten viele von ihnen in den Ferien auf den Feldern helfen. Aber auf den Höfen, in den Scheunen, da konnte man sich verstecken und seinen Fantasien spielerisch fast freien Lauf lassen. Die Grenzen waren jedoch klar gesteckt. Keines von den hiesigen Kindern ist geritten. (Ist ja auch richtig so – Pferde waren damals noch keine Spielzeuge für Mittelstandskinder). Zur Abschreckung hob fast jeder Landwirt einmal ein Kind auf den Rücken eines Pferdes oder einer Kuh. Das direkte Erlebnis dieses Schreckens wohnt bis heute bei mir in der tieferen Erinnerung.

Allein die Namen dieser Männer. De Eckspitz, die Datter, der Horniggel, de Schmittjahb. Jeder von denen eine Type für sich. Individualitäten und keine glattgebügelten Bürositzer mit weissem Kragen. Von den Frauen erinnere ich bloss noch die dick´ Berta. Eine wahrhaft mächtige Walküre. In einem Seitenstübchen ihrer Wirtschaft „Zur Krone“ gabs Eis in Papierwaffeln. Aber dafür in Muschelform. Das gab ein Sonntagseis, wenn nach dem Kindergottesdienst der Groschen (zehn Pfennigmünze-West) statt in den Opferstock in die breite Hand der dicken Berta verschwand. Waldmeister.
Gegenüber unseres Hauses befand sich die Kirche und daneben der Faselstall. Auf der anderen Strassenseite lag das Anwesen eines Altmetallhändlers. Und ein paar Häuser weiter war die Welt in dieser Richtung fast schon zu Ende. Am alten Ortsdamm. Im Winter diente er als Abfahrtstrecke mit dem Schlitten.
Auf einem Traktor mitfahren dürfen. Die Vibrationen des niedrigtourigen Dieselmotors im ganzen Körper spüren. Die Bauern sprachen nicht viel. Und ihre Ansprachen waren immer eindeutig. Da gabs keine Diskussionen. Und erklärt wurde auch nicht viel. Das kam später. Beim Flicken eines Fahrradschlauches etwa oder beim Beladen eines Wagens mit dem Mistgreifer. 

Hurra! Ein Bauer trieb sein Schwein zum Faselstall. Wir waren zur Stelle wenn der Ortseber dem Schwein zugeführt wurde.
Haut ab, Ihr Bangerte, Ihr habt hier nichts zu suchen.
Wie gesagt, die Ansagen der Erwachsenen waren unmissverständlich. In den Gebäuden des Faselstalls befanden sich auch die Feuerspitze und das erste Feuerwehrauto. Neben dem Eingang stand ein Turm. Darauf war ein Storchennest. In einem der Gebäude wohnte der „erste Ausländer“, mit dem wir KInder in Kontakt kamen. Georg, ein junger Grieche, der immer gut drauf war und uns mit seinen harmlosen Spässchen neckte. Für die Eltern war er einfach der Grieche.

Nach einem langen Tag, der viel zu früh endete, stand ich zuhause im Bad. Hemd und Hosen ausziehen. Nun kam der ungeliebte kalte Waschlappen zum Einsatz. Einmal liess meine Standfestigkeit bei dieser Prozedur zu wünschen übrig. Wie es meine Mutter entdeckte weiss ich nicht mehr. Wir waren nachmittags mit einer Bauernfamilie auf dem Feld. Nach der Rückkehr zum Hof waren wir Kinder durstig. Der gute Landmann gab uns in seiner Einfalt als Durstlöscher gespritzten Apfelwein. Einen bleibenden Schaden habe ich jedenfalls nicht davongetragen. Im Gegenteil, eine bessere Erfrischung als einen Sauergespritzten ist mir nicht bekannt.

Als Rennfahrer auf meinem blauen 20″ Tripad raste ich durch die verkehrsarmen Strassen. Ich war Fahrer und Kommentator in einem. Als Rennradfahrer hiess ich U Thant. Aber wieso legte ich mir ausgerechnet diesen Namen zu?
Ich war auf dem Weg vom Bäcker nachhause. Die Tasche mit dem Brot baumelte am Lenker. Und obwohl nach einem leichten Nieselregen das graue Katzenkopfpflaster etwas glitschig war, lag U-Thant nur wenige hundert Meter vorm Ziel um Haaresbreite vor dem gefährlicher Verfolger. Also noch fester in die Pedale treten. Leider kam dabei der Brotbeutel irgendwie ins Gehege mit den schnelldrehenden Speichen. Das Brot wurde durch den Abstieg mehr verformt als der verwegene kleine Rennradler.
Auch die tagelange Erwähnung des Namens Kennedy im 1963er Jahr. Weit weg. Bartsch, der Bubentotmacher. Namen, mit denen sich in der Vorstellungswelt sogleich Bilder verbinden. Wie kommen Kinder zu den daraus aufleuchtenden Phantasien, welche Namen prägen sich ein?

Gegen Ende der Sommerferien hielt gegenüber unseres Haus ein Traktor. Der hatte hinter dem Fahrersitz eine grosse Bandsäge montiert. Er schnitt den Bauern der Reihe nach den deren angeliefertes Holz. Das flog vom Wagen neben die Säge und wurde danach zerkleinert wieder aufgeladen. Im Hof wurden die Stücke dann mit dem Beil zu handgerechten Scheiten zerhackt und ordentlich aufgeschichtet.
Jeden Tag bei anderen Menschen. Und jeden Tag die vielen unterschiedlichen Arbeitsweisen gesehen und dennoch nicht bewusst wahrgenommen. Das wird erst einige Jahre später geschehen.

Ein Dorf in einer werdenden Metropolregion. Wir zogen vom alten Ortskern zwei Strassen weiter.  Dreiviertel der Bauern betrieben inzwischen Nebenerwerbslandwirtschaften. Die Männer mit den erlernten Berufen wurden zu Hilfsarbeitern oder Handlangern in den aufstrebenden regionalen Industriebetrieben. Zur Zeit meiner Geburt wurden im Dorf noch 243 Kühe gezählt. Das letzte Kälbchen wurde 1988 ans Licht gezogen und mit Stroh trocken gerieben. Drei Kühe standen damals noch in einem letzten Stall. Unseren täglichen Liter Milch bekamen wir bis im Sommer 1990.

Unzählige Erinnerungen. Nach dem Umzug verloren sich die alten Kontakte zwangsläufig. Eine fremde, neue Gegend. Wenn auch nur zwei Strassen entfernt. Andere Kinder. Andere Spiele. Das Gebiet am Güterbahnhof. Jeden Tag draussen. In allen vier Jahreszeiten. Der vitale Ausgleich für die dumpfe kleine Familienwelt. Scheuklappen wie Scheunentore.

Ärzte raten den jungen Eltern, ihre Kinder auf den Bauch zu legen. Aufs Kreuz werden sie noch früh genug gelegt. Um die Schäden der jeweiligen Erziehungsmassnahmen zu reparieren, braucht man gute Füsse für die Wege durchs Leben.
Da spielt es keine Rolle, ob man auf Feldwegen, Boulevards, Schotterpfaden oder unter Alleen wandelt. Und kein Kind kommt davon. Von Glück reden können diejenigen, die sich als junge Erwachsene mit der Frage auseinandersetzen, warum sie sich gerade die Eltern ausgesucht haben, denen sie in die Hände gelegt worden sind. Für mich sind diese Gedanken die Leitplanken meines Lebens geblieben. Insofern hat jeder Mensch eine Chance zur Entwicklung. Vorausgesetzt, er ergreift seine ihm innewohnenden Möglichkeiten. Dahingehend ist tatsächlich jeder Mensch der Künstler seiner eigenen Lebensskulptur.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein fantastisches Wochenende.

 

(Noch immer tauglich und nützlich im täglichen Allerlei)

 

 

 

Immer wieder dienstags : Fragen und Antworten

Knackige Musik und feine Texte : Broilers – [sic!] (2017)…

In meiner Blogverfolgerliste bemerke ich zunehmend Blogs, die gelöscht worden sind. Die mildere Variante sind offensichtlich die Blogs, die nur noch auf Einladung bzw. Freischaltung des Blogbetreibers besucht werden können. Ich frage mich, inwiefern das mit der aktualisierten Datzenschutzverordnung zusammenhängen könnte.
Vielleicht sollte ich gerade aus diesem Grund ein bisschen persönlicher werden. In dieser weitgehend unpersönlichen Blogwelt. Und die nachstehenden Fragen sind mir eine Reflektion wert.
Im Zeitmagazin, einer Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde regelmässig ein Fragebogen von einer Person des öffentlichen Lebens beantwortet. Dieser Fragebogen geht angeblich auf Marcel Proust zurück und ist im Laufe der Jahrzehnte schon von vielen Menschen – prominent oder nicht – beantwortet worden.
 
Was ist für Sie das größte Unglück? – Die Verbindung von bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Wirtschaftsweise.

Wo möchten Sie leben? – Wo man Natur und Menschen begegnen kann, ohne ständige Habachtstellung.
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? – Darüber dachte ich als junger Mensch nach. Heute lebe ich glücklich.
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten? – Das hängt von den Folgen des Fehlers ab.
Ihre liebsten Romanhelden? – Von denen ich etwas für mein Leben lernen konnte: Wolf Larsen beispielsweise.
Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte? – Francesco Datini.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit? – Realen Heldinnen und Helden haftet eine gewisse Tragik an.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? – Gesine Cresspahl, Clarissa Lichtblau, Emma Bovary.
Ihr Lieblingsmaler? – Die Lieblingsmaler wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihr Lieblingskomponist? – Die Lieblingskomponisten wechseln mit meinen Stimmungen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten? – Selbsterkenntnis und autonome Handhabe der Temperamente.
Ihre Lieblingstugend? – Lebensfreude.
Ihre Lieblingsbeschäftigung? – Leben und wahrnehmen.
Wer oder was hätten Sie sein mögen? – Niemand anders, als nur ich selbst, das reicht allemal.
Ihr Hauptcharakterzug? – Konsequenz.
Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten? – Dass ich ihr Freund sein darf.
Ihr größter Fehler? – Gutgläubigkeit.
Ihr Traum vom Glück? – Das Leben hat mich reich beschenkt. Ich lebe im Glück und träume nicht davon.
Was wäre für Sie das größte Unglück? – Wenn meinen herzensinnigsten Menschen ein Unglück widerfahren würde.
Was möchten Sie sein? – Klug und humorvoll.
Ihre Lieblingsfarbe? – Die wechseln mit meinen Stimmungen.
Ihre Lieblingsblume? – Ich mag keiner den Vorzug geben.
Ihr Lieblingsvogel? – Ich habe keinen Lieblingsvogel.
Ihr Lieblingsschriftsteller? – Zur Zeit keinen.
Ihr Lieblingslyriker? – Changierend zwischen Brecht und Benn.
Ihre Helden in der Wirklichkeit? – Die Söhne alleinerziehender Mütter.
Ihre Heldinnen in der Geschichte? – Frauen, die dennoch ihre Wege gegangen sind.
Ihr Lieblingsnamen? – Diejenigen, die zu den Menschen passen, die sie tragen.
Was verabscheuen Sie am meisten? – Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen an Menschen und der Natur.
Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten? – Männer und Frauen, die Kriege auslös(t)en und ihre Helfer, die blinden Befehlsausführer.
Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten? – Keine.
Welche Reform bewundern Sie am meisten? – Ansätze der Reformpädagogik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? – Geistesgegenwart.
Wie möchten Sie sterben? – Überhaupt nicht.
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung? – Fröhlich und klar.
Ihr Motto? – Suave in modo fortiter in re.  – – – – – – – – – – – –  .

Nachdenklich gestimmt hat mich die folgende Erkenntnis von einem, der es wissen muss. „In Amerika kann man alt werden, ohne erwachsen werden zu müssen.“ (Thomas Gottschalk im SWR Nachtcafé am 15. Oktober 2004). Ich nehme an, dass er aus diesem Grund ebendort lebt.
 
(Einige neuere Photographien)
 

 

 

 

Trotz aller Reduktion eine überaus lebendige Woche

In der Schublade mit der Aufschrift Krautrock gibts zunehmend grössere Lücken. Vieles scheint mir heute lediglich exaltiert und substanzlos. Was bleiben wird ist das Solowerk des Schlagzeugers der Gruppe Krokodil : Düde Dürst – Krokodil Solo (1971)…

Montags morgens hat man die Naherholungsgebiete der Metropolregionen fast für sich allein. Paradiesisch verlassen. Man ist unterwegs auf den Dämmen entlang eines Flusses oder auf stillen Waldwegen.
Wenn man am Mönchbruch den Wald verlässt, öffnet sich eine kilometerlang gerodete Fläche. Wir halten an und schauen auf die vierfach gesicherte Umzäunung. Stacheldraht oben, Natodraht am Boden. Zwischen den beiden vorderen Zaunreihen befinden sich abgedeckte Laufflächen. Hier hat selbst Unkraut nicht die kleinste Chance. Weiter hinten ein Asphaltband für Einsatzfahrzeuge. So eine Art Kolonnenweg. Nein, Selbstschussanlagen sind nicht installiert.
Ich mache die Kamera fertig, um einen startenden Flieger zu fotografieren. Wir sind an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Im unsäglichen Lärm der Düsentriebwerke bemerke ich das Polizeiauto garnicht, das kurz anhält neben mir. Offensichtlich fahren sie noch immer Streife an den Zäunen.
Erinnerungen an alte Zeiten werden wach. Die verzweifelte Kampf gegen die berechtigten Interessen der Bevölkerung. Polizeigewalt. Und ein vom Betonierer aufgestiegener SPD Landeschef, der kundtat, wie er mit den Demonstranten am liebsten umgehen würde: „Ich bedauere, daß es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins auf die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt.“ (Frankfurter Rundschau 22.5.1982).
Und heute schafft es grüner Verkehrsminister nicht, dass eine billige irische Luftfahrtfirma die Nachtflugregelung einhält.

Der Vorsommer legt eine Pause ein. Genüsslich erholsame Spaziergänge für den urbanen Flaneur. Bei der Hitze der vergangenen Wochen waren in den Innenstädten manche Menschen allzu dekoratief und geradezu enthemd unterwegs.
Immer mehr Einzelhandelsgeschäfte werden geschlossen. Mangelnde Rentabilität durch steigende Kosten und rückläufige Käufe. Fehlende Nachfolger. Ich bemerke, dass sogar Wischtelefonläden schliessen. Das ist jedoch kein Trost in dieser trostlosen Situation. Ob aber Geiz wirklich geil ist bezweifle ich zunehmend.

„TSA-Schlösser können von Beamten am Flughafen gewaltfrei geöffnet werden. Für alle anderen bleibt Ihr Koffer verschlossen. Das macht die Trolleys zum idealen Begleiter für USA-Reisen.“ So verkündet es das Angebot von Aldi Nord am 14.6.2018.
Im Jahr 2005 war ich letztmalig in den Junaititt S-tehts. Aus offiziellen Anlass, Ich habe das Land nie vermisst seitdem. Und doch wäre ich jetzt gerne dabei, wenn der Präsident vor einem Publikum auftritt. Im Gegensatz zu vielen Spöttern mag ich den Mann, der mit seiner Politik dafür sorgt, dass wir den wirtschaftlichen und politischen Blick endlich einmal intensiver nach Osten wenden. Denn dort liegt in den kommenden Jahren unsere wirtschaftliche Zukunft.

Seit einigen Tagen kann ich in anderen Blogs nicht mehr kommentieren. Vielleicht handelt es sich dabei lediglich um einen technischen Fehler. Auch anderen Bloggern soll das passiert sein und hin und wieder passieren.
Aktualisierter Nachsatz : dass manche Blogger auf anderen Blogs nicht kommentieren können, könnte mit dem Askimet Angeblichspamvermeider zusammenhängen. Gut möglich, dass Kommentare von mir von diesem Programm geschluckt werden.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein gediegen illustres Wochenende.

(Fotografieren kann jeder. Meinen viele jedenfalls)

 

Dümmer dumm Pocahontas nicht dabei zu haben

Nichts wird ganz vergessen. Aus den Tiefen der Archive wieder aufgetaucht : Phonoroid – Two many Frames (1998). Die folgende Scheibe findet seit 1969 immer wieder den Weg auf meinen Plattenteller. Dabei war zu dieser Zeit die Band schon fast Geschichte : The Jimi Hendrix Experience – Electric Ladyland (1968)…

Andeutungen ziehen wie Wolken auf. Freundliche Wolken am ahnungslos blauen Himmel. Die Einladung leuchtet blitzgrell. Herzbebende Freude. Und sogleich Fragen : warumwohinwann. Und überhaupt? Doch bis dahin war Geduld angesagt.
Fast sommerliches Wetter. Die Wärme macht den grossen Koffer entbehrlich. Handgepäck mit Wanderschuhen. Ja, ich habe meine Badehose dabei (im schicken Schnitt der sechziger Jahre). Fragen und verschmitzt vertrackte Andeutungen. Bis mir irgendwann dämmert : der Dümmer.
Aber da bin ich schon ausserhalb der Reichweite meines schmalen Bücherbrettchens und fern von Pocahontas. Und nichts hätte mir, als dem so grossherzig Eingeladenen besser angestanden als bei einem frugalen Picknick in dieser Seelandschaft mit Pocahontas die abendliche Stimmung zu schmücken. Ich danke allerherzlichst für diese besondere und nicht alltägliche Freude, die mir im Gedächtnis bleiben wird.
Vergessen waren für Stunden die bedrohten Paradiese unseres fragil gewordenen Daseins. Der Dümmer, zweitgrösster See Niedersachsens, wurde 1953 eingedeicht. Dieser radikale Eingriff in eine seit der Eiszeit natürliche gewachsene Landschaft hatte und hat tiefgreifende Folgen. Ablesbar an der Veränderung hinsichtlich der typischen Vegetation dieses besonderen Ökosystems mit allen negativen Auswirkungen auf die heimische Tierwelt. Oder sichtbar auch an den Blaualgenansammlungen bei zu warmen Temperaturen.

Einem Hinweis von Herrn Zeilentiger folgend sah ich mir den Film „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ an. Im Verlauf des Films nahm in mir eine merkwürdige Gefühlsachterbahn Fahrt auf. Deprimierend war am Anfang der Ist-Zustand unserer radikal ausgebeuteten Daseinsgrundlage – der Erde – zu sehen. Wie lange kann das überhaupt noch gut gehen? Vergiftete Böden. Mit Gewässern, die zunehmend multiresistent gegen Antibiotika sind. Tiere als gnadenlos ausgebeutetes Material zur Bedürfnisbefriedigung. Und Menschen, die weltweit zusehends verelenden, und dies nicht nur materiell.
Mit jedem neuen Tag, der mir geschenkt, ohne dass ich dafür konkret etwas tue, wird mir klarer, in welche fatale Lage wir uns manövriert haben.

Unsere bürgerliche Gesellschaftsform im Zusammenwirken mit einer kapitalistischen Wirtschaftsweise wird uns, bzw. die Menschen, die uns nachkommen dem Abgrund in immer rascheren Schritten näher bringen. Die bürgerliche Standardlüge, dass „jeder es schaffen kann“ im Kontext des Irrglaubens „ständig weiter wachsenden“ Volkswirtschaften, in welcher „der Wohlstand aller wachsen wird“ wuchert wie ein gefrässiges soziales Krebsgeschwulst.
Nur durch Spass und Konsum wird die träge Masse noch ruhig gehalten. Dauerndes Handfesselwischen, dummdaddeln und Netzwerke, die als sozial verklärt werden, in der Wirklichkeit jedoch stark desozialisierend wirken, verhindern ein konkretes soziales Miteinander und vernünftiges soziales Handeln. Und darauf wird es zunehmend ankommen. Zumindest für die Menschen, die sich die Wahrnehmung und das Bedürfnis für ein menschwürdiges Zusammenleben bewahrt haben.

„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen : Nein!“*

In mir schwingt ein Glücksgefühl nach bei der Erinnerung daran als wir morgens am Rheinufer lagen. Hingelagert auf der alten englischen Picknickdecke, umwoben vom Duft blühender Linden. Den Arbeiten auf dem grossen Strom zusehen. Vorbeiziehenden Menschen auf dem Uferweg. Und dabei die mitgebrachten Leckereien schnabulieren.
Unsere Gespräche dabei sind mir durch nichts zu ersetzen. Dieses Gefühl lässt sich nicht in eine Tastatur tippen. Die wiederholten und doch einmaligen Augen=Blicke.
Was uns näher bringt ist das Wissen, „es ist ein grosser Irrtum, zu glauben, dass die Menschheits-Probleme gelöst werden. Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen“.*
Ich werde jetzt nachsehen, ob die gesammelten Lindenblüten inzwischen soweit getrocknet sind, dass ich die Blätter flott abzupfen und die Blüten geschützt lagern kann.

*Die beiden Zitate im Text stammen von Kurt Tucholsky.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

(Photographien sind beim Besuch der Webseite in einer Galerie gross zu sehen.)