Reduktion brennender Gehirne

Edgar Froboese lieferte seinerzeit die klingenden Folien, auf denen sich unter bestimmten Umständen bei nächtlichen Parties die fantastischsten Farben und irrsten Muster und Strukturen vor den eigenen Augen entwickelten. Als ferne Erinnerung an jene garnicht so leuchtenden Zeiten: Tangerine Dream – Reise durch ein brennendes Gehirn (1970)…

Es braucht heutzutage keine elektronische Musik, um brennende Hirne zu erleben. Man sieht es den Menschen an, ob sie noch selbst denken. Kritische Distanz wahren können im Abwägen, ohne hohle Phrasendrescherei. Brennend aus Begeisterung. Lodernd in Freude.
Dafür scheinen erloschene Hirne auf dem Vormarsch. Im Gleichschritt denken. Uffda Uffda Rammdada. Die Manmachtdassosager. Die Dasnehmichmitsager. Die Mangönntsichjasonstnichtssager.
Deren täglicher Löschvorgang schallt aus den einschlägigen regionalen Lall- und Labersendern. Dort werden die unwichtigsten Nachrichten zu Sensationen aufgebaut. Den Zuhörern wird suggeriert, dass da was am Laufen ist.
„Wir werden Sie selbstverständlich weiterhin auf dem Laufenden halten.“ Damit sollen einzig die Hörer am Sender gehalten werden. Meist werden die entsprechenden Nachrichten während des Tages noch einige Male wiederholt um dann im Sabbelmüll zu verschwinden. Nach zwei Tagen alles vergessen und vorbei. Neue Scheinsensationen, neue Fesseln.

Die Nachricht des heutigen Morgens: „Ein Mann in langem schwarzen Mantel, angetan mit Schottenrock und einem gehörnten Wikingerhelm hielt gestern mehrere Stunden die Polizei in Atem. Der Mann drohte mit einer Bombe. Nachdem einige Geschäfte der Innenstadt und ein Parkhaus evakuiert waren, wurde der Held im Jobcenter gestellt. Der mitgeführte blaue Rucksack wurde von Spezialisten des LKA untersucht. Die gaben nach einer Stunde Entwarnung. Im blauen Rucksack befand sich lediglich Schmutzwäsche. Kein Wort darüber, ob der Nordmann mit einer Streitaxt bewaffnet war.
Die betreffende Kleinstadt wurde in Hessen verortet, liegt jedoch in Rheinland-Pfalz.
Mensch Ärmel, musst nicht gleich wieder Erbsen zählen. Merkt doch eh niemand. Und der Moderator soll nicht denken sondern plappern.

Jamaika war kaum gescheitert, schon schickte die deutsche Automobilindustrie ihre gekauften Lakaien an die Front. Die stiessen in die Fanfaren und verkündeten prompt, dass Gedanken oder gar Planungen hinsichtlich elektrisch betriebener Kraftfahrzeuge für die deutsche Automobilindustrie bedenklich wenn nicht schädlich sei. Die Rohstoffe für die benötigten Batterien würden nämlich vornehmlich in nicht sicheren Staaten, also Diktaturen, gefördert. Demzufolge sei ungewiss, ob die benötigten Rohstoffe überhaupt planungssicher zu beziehen seien. Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, falls… wurde dabei noch nicht gedroht.
Fragen danach, ob die fossilen Rohstoffe zum Betrieb unserer derzeitigen Verbrennungsmotoren nicht auch aus Diktaturen bezogen würden blieben unbeantwortet. Die zukunfstweisende Frage, ob sich nicht aus dem Hirnschlamm deutscher Automobilmanager Brennstoffe destillieren liessen, wurde verneint; es handle sich dabei allenfalls um gefährlich kontaminierten Sondermüll.

„Und hier noch ein Hinweis für die Autofahrer: „Die B… in Richtung… bleibt wegen Bergungsarbeiten weiterhin gesperrt. Dort geriet die Fahrerin eines Ferrari aus bislang noch ungeklärten Gründen auf die Absenkung einer Leitplanke. Ihr Flug wurde durch einen Baum abrupt beendet und er Ferrari in drei Teile zerissen. Die Frau wurde mit Verletzungen aus dem Auto befreit. Der im Auto befindliche Hund überlebte den Anprall nicht.“
Und die Hundefreunde? Die jetzt trauern möchten. Warum verrät man ihnen weder den Namen noch die Rasse des vierbeinigen Beifahrers? Ob Ferrari oder sonstein Gefährt, das spielt doch die geringste Rolle.

Die chemokosmetischen Industrien wirds freuen. Laut einer Umfrage wollen 60% der Befragten bei ihren Weihnachtsgeschenkeinkäufen zu chemokosmetischen Erzeugnissen greifen. Dabei werden Preise von über hundert Euro pro Artikel in Betracht gezogen. Vielleicht sollte man in den Stink- und Schmierläden die Flüssigchemikalien statt auf Parfümprobierpapierchen den Interessenten mit zwei Spritzern in die eigenen Augen verabreichen. Schaden kann das ja nicht, da die Inhaltsstoffe bereits vorher ausgiebig in den Augen oder künstlich beigebrachten Wunden von Tieren ausgetestet worden sind.

Mitfahrgelegenheit am vergangenen Sonntag. Treffunkt. Uhrzeit. Alles perfekt. Freundlicher Fahrer. Vor uns liegen dreihundertfünfzig Kilometer auf der Autobahn. Oder fünfzig Kilometer weniger, dafür hundert Kilometer zügig zu befahrende, gut ausgebaute Landstrasse.
Ich bin die Landstrassenstrecke bereits mehrfach gefahren und sonntags sind dort keine LKWs unterwegs. Und der Landmann gönnt seinem Traktor Ruhe. Der jugendliche Fahrer wiegt nur kurz den Kopf und bedenkt sich noch kürzer und entgegnet meinem Vorschlag: „Ach, verlass´ mich lieber auf die Maschine, die weiss es eh besser als ich.“
Hundertzwanzig Kilometer später zeigt das Navigationsgerät einen Stau. Der wird seit Wochen auch rund um die Uhr von den Lall- und Sabbelsendern verkündet.
Irgendwann schaue ich auf meine Uhr. Vor mir liegen aber noch zwei Stunden.
Ich könnte jetzt zuhause sein. Beim Blick aus dem Autofenster dämmert mir, dass die brennenden Gehirne aussterben. Brennend aus Begeisterung. Lodernd in Freude. Selbst denken, logisch, zielgerichtet. Dennoch warmherzig und mit leuchtenden Augen, das findet sich zunehmend seltener.
Erloschene Hirne sind auf dem Vormarsch.

(Advent Advent, sei froh wenn Dein Gehirn noch brennt)

 

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Verschiedenheitsreduktion hilft Gemeinsamkeitswachstum

Für mich der Schwanengesang, die Götterdämmerung einer Band schlechthin, die mich jahrelang erfreute und mit jedem neuen Album in ihren Bann zog. Hier erstmals ohne Peter Gabriel: Genesis – A Trick of the Tail (1976)…

Vielleicht ist diese Dauerdiskussion um die Unterschiede zwischen BRD und der ehemaligen DDR ja doch politisch sehr erwünscht. In hochkompetetiven Leistungsgesellschaften mit kapitalistischer Wirtschaftsordnung belebt der gegenseitige Kampf Jeder gegen Jeden das Geschäft. Alte Bundesländer, neue Bundesländer. Und ganze Kompanien von Denkvermeidern und Laberhelden macht brav mit. Zum Beispiel auch wenn es in Blogs um Ost und West geht.
Jeder Mensch hat seine eigene Biografie und seine eigenen Erfahrungen. Diese jedoch zum Standard und zur alleinigen Wahrheit erheben zu wollen, zeugt von eng geschnürten Scheuklappen. Wobei man andererseits so garkeine Scheu zeigt, wenn es drum geht, die Erfahrungen anderer Menschen herabzusetzen und zu verunglimpfen. So entstehen weder Verständnis füreinander noch die dringend benötigte Solidarität für anstehende gesellschaftliche Veränderungen.

Ich will mein Nord-Süd-Gefälle, mit dem ich gross geworden bin, wieder zurückhaben. Ich kanns mir leisten, denn das Bembelland gehört mit zwei anderen südlichen Bundesländern zu denen, die das Schiff BRD am Laufen halten. Aber Spass beiseite.

Ich bin für Wachstum. Allerdings nicht für eins, dass lediglich den monetären Interessen Weniger dient. Ich bin für ein Wachstum der Gemeinsamkeiten. Ich versuche, auch wenns manchmal schwer fällt,  meinen Blick auf die Gemeinsamkeiten zu richten. Das garantiert am Ende Win-Win-Situationen für alle Beteiligten.

Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auf die Reportagen von Gabriele Goettle. Versammelt in drei Büchern.
Deutsche Sitten – Erkundungen in Ost und West (1991).
Deutsche Bräuche – Ermittlungen in Ost und West (1994).
Deutsche Spuren – Erkenntnisse aus Ost und West (1997).
Frau Goettle sprach mit Menschen in ganz Deutschland. Sowohl ihr behutsamer Umgang mit den Menschen, mit denen sie Gespräche geführt hat als auch der besondere sprachliche Stil verleihen den Reportagen eine unaufgeregte atmosphärische Dichte, der man sich kaum entziehen kann. In den Gesprächen geht um die Veränderungen in Deutschland. Nicht der Katastrophen ferner Galaxien und die Hochglanzlügen sind Thema, sondern das Alltagsleben der Menschen, der Machtlosigkeit und dem Ausgeliefertsein an rapide gesellschaftliche Veränderungen. In einem Land, in dem Politiker längst keine Antworten mehr haben, von Lösungen ganz abgesehen. Die werden ihnen von Lobbyisten weitgehend eingeflüstert, wenn nicht vorgeschrieben im Auftrag ihrer Herren.
Ihre Gesprächspartner bilden einen Querschnitt durch die Bevölkerung. Einfache Menschen, die mühen und anstrengen, Menschen zu bleiben. Gut zu arbeiten, moralische Werte aufrecht zu erhalten; anständig durchzukommen.

Für ihre Arbeiten wurden Frau Goettle verschiedene ehrenvolle Preise verliehen. Was mir persönlich gefiel, dass sie die Annahme des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay ablehnte. Merck ist ein Unternehmen, das neben anderem Pharmazeutika herstellt. Das Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro leitete sie direkt an eine pharmakritische Stiftung weiter.

Ob die Bücher von Gabriele Goettle inzwischen auch in anderen Ausgaben als denen des Eichborn Verlages verlegt werden, habe ich nicht überprüft.
Ein anderes Buch hingegen wird seit 1920 immer wieder in verschiedenen Ausgaben vorgelegt. Es handelt sich um Hermann Hesses „Klingsors letzter Sommer“. Darin wird ein Papgeienhaus in Kareno erwähnt. Kareno ist die literarische Umschreibung für Carona. Und das Papageienhaus war seinerzeit das Sommerhaus der Eltern von Ruth Wenger, der späteren zweiten Frau Hesses. Carona liegt in unmittelbarer Nähe zu Montagnola, wo Hesse von 1919 bis 1962 lebte.
Einige Jahre verbrachten wir Ostern in Südfrankreich. Auf einer der Rückfahrten hielten wir eher beiläufig in Carona. Durchstreiften den Ort auf der Suche nach einem Grotto und einer Gelegenheit zum Ausruhen. Dabei traten wir durch eine Toreinfahrt in den Innenhof eines alten Gebäudekomplexes. Als ich mich umsah entdeckte ich den in der Geschichte beschriebenen Papageienkäfig. Er war schon damals vor fast dreissig Jahren ziemlich verwittert. Wer weiss, ob er heute überhaupt noch zu erkennen ist.

Wer trennt, trennt sich von der Welt. Und von der Welt getrennt, ist nichts zu erkunden und entdecken. Wer jedoch im Gemeinsamen die Unterschiede (und umgekehrt) sehen und dabei doch gelten lassen kann, der wird viel erkennen können.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Herbsttage.

(Fotografien anklicken. Vergrösserungen machen Laune)

 

 

Dringende Ostwest Reduktion

Schlicht und dennoch ergreifend: Flogging Molly – Life Is Good (2017)…

Erst die Bundestagswahlen und nun auch noch der Tag der Einheit. Harte Kost in mageren Zeiten. Die Erklärungstheoretiker haben Hochkonjunktur. Rechtsradikale Partei und der Osten des Landes. Was da manchmal recherchiert und interpretiert und schlussendlich publiziert wird, kann einem den letzten Rest von Glauben an das Gemeinwesen Deutschland rauben.

„Ach, jetzt auch Sie, Herr Ärmel? Es hätte ja verwundert, wenn Sie dazu nicht auch noch etwas zu schreiben hätten.“
„Ich hätte es mir gut sparen können. Aber was in den verschiedenen Medien verbreitet wird, was in manchen Blogs geschrieben und kommentiert wird, es ist oft haarsträubend. Und geht noch häufiger an der Realität vorbei. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich motiviert. Ihr persönlicher Eigennutz, das politische Kalkül oder die pauschalisierende Schuldzuweisung sind in fast jedem Fall ebenso nachvollziehbar wie vordergründig durchsichtig.“

Die Pressekonferenz mit Herrn Schabowski, wie auch die später erfolgte Maueröffnung erlebte ich am Fernsehgerät. Die Tragweite der Rede Schabowskis erkannte ich im ersten Moment garnicht. Bei den Szenen der Maueröffnung trieb es mir Tränen in die Augen.
Ich beschäftigte mich zur Zeit der sogenannten Wiedervereinigung mit der Geschichte der deutschen Teilung. Die Worte des damaligen Bundeskanzlers hinsichtlich der Zukunft zeigten mir in diesem Kontext einen bis ins Mark verlogenen und verkommenen Politiker.

Drei Tage nach der Grenzöffnung besuchte ich das vormalige Haus von Johann Sebastian Bach in Eisenach. Ich nahm dort eine seltsame Stimmung wahr. Der Kommandoton der Aufsichtspersonen, den ich von früheren Grenzübertritten kannte, er passte so garnicht zum Verhalten der Museumsbesucher aus dem angrenzenden westlichen Ausland. Durch dieses Erlebnis wurde mein Interesse für das zukünftige Zusammenwachsen der beiden deutschen Teilstaaten geweckt. Und es hat sich seitdem noch weiter intensiviert.

Die folgenden Anmerkungen beruhen lediglich auf meinen eigenen Erfahrungen. Das sind meine Erlebnisse und Gespräche mit Menschen in Ost und West, mit mir bekannten oder bis dahin unbekannten Privatleuten und Zeitzeugen für verschiedene kulturwissenschaftliche Arbeiten. Also keine interessegestützten Statistiken, keine soziologischen Abstraktrusitäten oder Meinungen nur so vom Hörensagen.

Die Wiedervereinigung war ein ausschliesslich politischer Prozess, der von mächtigen, wirtschaftlich tätigen Akteuren sofort zu eigenützigen Profitinteressen genutzt worden ist. Die politischen Akteure griffen nicht regelnd im Sinn der Menschen ein. Soziale Komponenten waren sowohl für die Menschen drüben wie hüben nachrangig. Eine Rücksichtnahme auf die beiden Bevölkerungen fand nicht statt.
– Meine grösste Enttäuschung war das erste Wahlergebnis in den östlichen Bundesländern. Mehrheitlich die Partei zu wählen, die den Kahlschlag in der vormaligen DDR in Gang setzte; ich habe es bis heute nur ansatzweise begriffen.
– Bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen herrscht auch siebenundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung relativ wenig wirkliches Wissen über das Alltagsleben im jeweils anderen Teil des Landes. Im Westen ist es Desinteresse und gesteuerte Desinformation. Im Osten das Halbwissen des Nachbarn hinterm Gartenzaun. Wenn man sich aber zusammensetzt und sich mit Interesse austauscht, wird man zahlreiche Missverständnisse finden und aufklären. Das führt abwechselnd manchmal zu Lachen oder ungläubigem Staunen..
Die DDR gab es ebensowenig wie es die BRD gab. Es gibt Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Dies zeigt sich in der Infrastruktur, in der Versorgung und letztlich auch im kulturellen Habitus.
– Die meisten Menschen in den neuen Bundesländern sind Wendegewinner. Viele Rentner sind durchschnittlich besser gestellt. Ein Instrument wie die Witwenrente beispielsweise gab es in der DDR nie. Viele Handwerker sind zu nennen, die sich selbstständig gemacht haben und nicht gleich mehr Geld ausgaben als sie einnahmen. Sie sind Gewinner geblieben.
– Die vielgepriesene Reisefreiheit des Westens, wer konnte sie so uneingeschränkt nutzen, wie sie angepriesen worden ist? Und die vollen Regale allüberall. Klar, es gab fast alles. Aber wer konnte sich die vielen Dinge denn auf Dauer wirklich leisten? Kredite sind limitiert und die Schuldenberater hier wie dort sprechen eine eindeutige Sprache. Die Banken hielten und halten die Zügel fest in der Hand.
– Wer sich die Mühe macht, in drei, vier grossen Zeitungen, etwa die FAZ, Süddeutsche oder Die Zeit auf die Verwendung von wertenden Adjektiven in Meldungen und Berichten über die östlichen Landesteile hin zu untersuchen, dem können die Augen übergehen. Es ist die noch immer andauernde subtile Abwertung des Ostens.
– Die Bilanz ist jedenfalls besser, als sie tagein tagaus dargestellt wird. Die sogenannten „abgehängten“ Menschen gibt es im ganzen Bundesgebiet. Die gab es vorher in den beiden deutschen Staaten ebenso. Nur, dass sie in der ehemaligen DDR weniger auffielen. Und diejenigen Menschen, die versuchen auf dem einfachsten Weg durchzukommen, die hatten es durch die Arbeitsprozesse in der DDR tatsächlich einfacher. Verlierer sind natürlich auch die Menschen, deren Berufe in enger Berührung zum Staat ausgeführt worden sind. Militärs und Polizisten kommen in wechselnden Systemen immer wieder überraschend schnell unter, da wird nicht so genau hingeschaut. Anders bei den Berufen, die ebenfalls ihre Staatstreue bezeugen müssen.

Meine bisherigen Erkenntnisse zeigen mir, dass die Wiedervereinigung mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht hat. Auch beim vielberufenen Gejammer über die „Zustände im Land“ ist das deutsche Volk weitgehend zusammengewachsen. Dass die Bevölkerung im Osten andere Vergangenheiten betrauert als die Bevölkerung im Westen versteht sich. Aber was den Konsum privater Haushalte betrifft, so wird gesamtdeutsch gekauft, was noch irgendwohin passt und was die Banken an Krediten vergeben.

Dies sind nur einige Beispiele aus meinen privaten Erfahrungen. Sie sind somit subjektiv und willkürlich ausgewählt. Freudig nehme ich aber wahr, dass es nicht wenige andere Menschen mit viel Interesse und gutem Willen gibt, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen hinsichtlich der angeblich in vielen Bereichen noch immer andauernden Teilung in Ost und West. Die imaginäre Teilung ist politisch und wirtschaftlich motiviert. Wo Teilung herrscht entsteht keine Solidarität. Umso bedauerlicher, dass viele Menschen sich selbst und freiwillig vor den Karren dieser Interessen spannen, die vom Virus der Teilung gut herrschen können und noch bessere Geschäfte machen. Und der Besserossi ist keinen Deut besser als der Besserwessi und umgekehrt.

Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde. Und was man wahrscheinlich erst so richtig einschätzen kann, wenn man in einem der vielen anderen Länder irgendwo auf der Erde gelebt und gearbeitet hat, ist den meisten Deutschen, und vielleicht besonders denen im Osten, garnicht bewusst. Wir haben eine Verfassungsgerichtsbarkeit, die jeden einzelnen Menschen  vor der Willkür des Staates und seiner Organe, zumindest weitestgehend, schützt. Das, finde ich, ist neben den individuellen materiellen Möglichkeiten allemal das höhere Gut. Und das menschlich Verbindende ist grundsätzlich heilsamer als das Trennende.

(Ein Foto aus dem Archiv)

 

Erstaunliche Beobachtungen auf zehn Quadratmetern

Wiederanhörungen. Was hat noch Gültigkeit? Reihenweise verlassen Scheiben das Musikalarchiv.
Bleiben wird: Billy Cobham – Crosswinds (1974)…

Die Schwalben haben ihre Nester verlassen. In diesem Jahr ist der Sommer schon vor dem Hochsommer vorüber. Ich hoffe auf einige weitere sonnige Tage. Immerhin konnte eine Schwimmrunde im Rhein stattfinden.
Im öffentlichen Bücherschrank die „Auto“biografie von Marilyn Manson gefunden. Das meiste hat wohl ein Redakteur des Rolling Stone zusammengeschrieben. Ich kenne keine Musik dieser Kreatur. Ein Klon zwischen Sylvesterrakete und Lumpensammler. Das typische, der beiden möglichen us-amerikanischen Schicksale. Ein kleiner, hässlicher Versager, der sich geschworen hat, es eines Tages allen zu zeigen. Was bringt einen Mensch dazu, sich nur um aufzufallen den Familiennamen eines gewissenlosen rechtsradikalen Massenmörders zuzulegen.
Der Zweite Weltkrieg kostete etwa 50 Millionen Menschenleben. Die aussenpolitischen Aktionen der US-Amerikas kosteten seit dem Zweiten Weltkrieg geschätzte 30-40 Millionen Menschenleben weltweit. Ich bin noch auf der Suche nach der genauen Quelle, bzw. exakteren Zahlen. Das geistferne Druckwerk liegt inzwischen in der Altpapiertonne.

Viel Balzac gelesen in letzter Zeit. Die menschliche Komödie. Das hält fein vom Bloggen ab. Erstaunlich aktuell erscheinen viele Beschreibungen Balzacs. Es scheint sich wenig geändert zu haben in den letzten zweihundert Jahren. Oder zweitausend.
Hauptsache das Bewusstsein schläft. Das nutzt Produzenten wie Konsumenten. Und den Politikern ists allemal recht.
Die alltägliche Einbildung vieler Menschen, informiert zu sein.
Ein balltretender Gladiator wechselt die Arena für eine Viertel Milliarde Euro.
Die Condottieri, die Söldnerführer des ausgehenden Mittelalters heissen heute Topmanager. Niemandem verpflichtet ausser dem Eigennutz. Vor allem dem eigenen. Verantwortungslos wird die Welt belogen und betrogen. Die Zeche zahlen die anonyme Menschenmasse. Arbeitsplatzvernichtung, Zerstörung des privaten Lebens; die Kollateralschäden des Wachstums. Früher segnete die Kirche die Auswüchse der Herrschenden. Heutzutage haben die Unternehmensberatungen dieses profitable Geschäft an sich gerissen. Schlimm nur, dass der Kleinbürger glaubt, in diesem Spiel eine reelle Gewinnchance zu haben. Auch mal gewinnen zu können. Naja, so einer, wie Marilyn Manson vielleicht.
Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es auch nicht wahr.
Und alle halbe Jahre gibt es ein neues Konsumprodukt für die Müllhalde, das niemand wirklich braucht. Dann ziehen die gekauften Werbesöldner durch die Lande und irrlichtern mit Kaufgründen. Und was hatten wir seit unserer Kindheit schon alles an Fantastischem gehabt, was seit Jahren nicht verrotten kann. Hot Wheels, Silly Putty, Pez-Boxen, Hüpfbälle, Flummis oder Knuffls um nur ein paar frühe Artikel zu nennen.
Und schon daddelts auf dem Einsamkeitsverwischfon. Die Werbung ist in den Einfachhirnen verankert und beginnt zu wuchern. Das nennt man heute Kommunikation. Ein menschliches Gegenüber aus Fleisch und Blut kann man sich mit keiner Handfessel herbeiwischen.

Der konsequente Verzicht auf die Nachrichtenmedien tut gut. Es kehrt Ruhe ein in den Falten der Seele eines modernen Menschen. Zurück zum Gespräch. Von Angesicht zu Angesicht. Dahin, wo das must-have oder must-go-to keine Bedeutung hat. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen statt von Floskeln, Icons oder Gefällt-Mir-Klicks. Den Gefühlsausdruck des Mitmenschen erleben.
Ich merke es daran, dass ich in den letzten Monaten mindestens fünfzehn bis zwanzig Beiträge in diesem Blog nicht mehr geschrieben habe. Angefangen und spontan aufgehört.
Nur das Negative zu schreiben, das können viele Blogger besser als ich. Und die schönen Ereignisse, die wundervollen Entdeckungen und prächtigen Momente sind mir wieder dermassen kostbar geworden, dass ich sie nur mündlich teilen mag. In den Gesprächen, bei denen niemand unablässig aufs Daddelfon schielen muss. Oder im Garten zuschauen, wie sich die neuen Weinbergschnecken heimisch machen. Erstaunliche Beobachtungen sind möglich auf zehn Quadratmetern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern weiterhin noch ein paar feine sommerliche Tage.

(Fotografien zur Illustration. Klick öffnet die Galerie)

 

Freitagnachmittags einfach so

Aus Finnland an den Rhein gekommen: Wentus Blues Band feat. Phil Guy – The last of the big time spenders (2005)…

Das Internet soll ja angeblich nichts vergessen. Wenn dereinst jemand diesen Beitrag entdeckt, wird er sich fragen, von was denn da die Rede gewesen sei. Einzelhandel?
Den wirds in der gewohnten Form über kurz oder lang nicht mehr geben. Die heutigen Erstklässler werden schon bei ihrem Schulabschluss nicht mehr wissen, was ein Tante-Emma-Laden gewesen ist. Den haben die Konsumenten durch ihr Konsumverhalten bis dahin zum endgültigen Verschwinden gebracht. Mit ihren Ansprüchen. Dem was sie erwarten, haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Hohe Erwartungen, eine bandbreite Auswahl und das alles zum Minimalpreis. Unzufriedenheit ist ein fürchterlicher Treibstoff.
Ein europaweit sich vorfressendes Kettenunternehmen wirbt mit einem bestimmten Reizwort ausschliesslich in Deutschland. In deren Werbung in anderen europäischen Ländern findet man dieses Wort nicht. Dass dieses Alles-haben-wollen zum Kleinstpreis sich hierzulande mit sexuellen Begierden zusammenbringen lässt, wirft auf die deutschen Durchschnittskonsumenten ein merkwürdiges Licht.
Es gibt natürlich auch die Einzelhändler, denen ihr Kleinunternehmertum zu Kopf gestiegen ist. Die dadurch ihre Geschäfte selbst ruiniert haben. Zweifellos. Aber es ist das Verhalten der Masse der Konsumenten, die dafür sorgen, dass man über kurz oder lang nur noch bei Kettenläden kaufen können wird.
Es denkt sich doch längst kaum noch jemand etwas dabei, wenn die (meist) weibliche Aushilfe in der Bäckereifiliale also spricht: Ich werde später nochmal französisches Weissbrot backen. Wenn sie wenigstens aufbacken sagen würde zum dem Vorgang, wenn die Frosterware in den Heizofen geschoben wird.
Ein Jahr intensiver Beschäftigung mit Einzelhandelsfachgeschäften hat mein Bild von Konsumenten erheblich verändert. Deren unverschämtes Verhalten macht manchmal geradezu sprachlos.

Auf der vormals für kalte Büffets verwendeten grossen Platte fehlen verblühte gelbe Rosenblütenblätter. Rote, weisse, rosa und sogar violette Rosen blühen im Ärmelgarten. An gelben hingegen mangelt es.
Ich radle nach Mainz. Dort im Rosengarten gibt es Rosen in allen Farben und vielleicht habe ich Glück und gelbe Rosen sind am Verblühen.
In der Stadt genehmige ich mir ein Eis und schaue bei Oxfam vorbei. Draussen sehe ich das junge behinderte Paar. Der Mann kann nur mit grosser Mühe und mit Hilfe eines Gestells überhaupt gehen. Die Frau schafft es zwar ohne Hilfe, bewegt sich aber auch sehr wacklig. Ich verstehe aufgrund ihrer Artikulation nicht, über was sie sich unterhalten. Das ist aber nicht nötig. Denn etwa alle fünfzig Meter bleiben die beiden stehen. Ihre herzinniglichen Umarmungen sprechen dabei mehr als alle Worte. Ihr Anblick berührt mich.

Auf der Eisenbahnbrücke frage ich mich, wie oft wir darauf wohl schon gemeinsam den grossen Fluss mit dem Rad überquert haben. Das Wasser im Rhein ist weder golden noch ist es Wein (***). Der Rhein leuchtet heute in dunklem Türkis. Ich sehe dem Schifffahrtsverkehr zu und mir fällt dabei der Mann von vorgestern im Zug ein. Den mit dieser sonderbaren Zeitschrift. Es scheint mittlerweile für jede Überflüssigkeit und für jeden Konsumunsinn eine Zeitschrift zu erscheinen.
Drüben an der Mainspitze ist noch nichts los. Unter der Brücke gehen zwei Männer in schwarzen Badehosen flussaufwärts.
Zwanzig Minuten später sehe ich sie wieder flussabwärts in Richtung City schwimmend. Meine Badehose liegt zuhause im Schrank. Und mir fehlt eine Begleitung. Aber wer weiss, in den nächsten Tagen vielleicht. Im Rhein schwimmt man nicht alleine. Es braucht so wenig, damit die Lebensfreude aufblüht.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Sommerwochenende.

(Fotografien anklicken. Die Galerie öffnet sich rund um die Uhr)

Reduktion der Befehle – Die Meditation der Frösche

Als progressive Rockmusik noch progressiv war: Traffic – The Low Spark of High Heeled Boys (1971). Und nun zum Nachmittagstee: Julie Driscoll with Brian Auger & The Trinity – Streetnoise (1969)…

Wo die Natur scheinbar verschwendet, dient letztendlich alles der Erhaltung natürlicher Kreisläufe. Arterhaltung, Nahrungsketten und Prachtentfaltung. Wachsen, blühen und vergehen als Grundlagen des Seins.
Die dritte Amselbrut ist nun flügge geworden und hat das Nest und den Hinterhof verlassen. Dreimal drei kleine Amseln in den letzten Monaten. Vielleicht werden zwei von ihnen überleben. Die anderen werden dem Kreislauf der Natur einverleibt werden.

Wie anders dagegen arbeitet die menschliche Natur. Verschwendung bedeutet hier Ausbeutung und Zerstörung. Zur letztendlichen Gewinnmaximierung von einigen wenigen Nimmersatten und Gierhälsen. Geleistet aber wird die ganze Arbeit von den unüberschaubaren Herden der Konsumenten weltweit. Deren Verhalten wird herangezüchtet und dressiert durch immer zahlreicher auf uns einprasselnde Imperative.

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Grammatische Befehlsformen, die irgendwann das gesunde Bewusstsein eines Menschen infizieren. Dann hält man den eigenen Konsum für Bescheidenheit und zeigt mit dem Finger auf all die anderen Verschwender. Oder man beneidet sie um ihre  Konsumartikel und vergisst ganz rasch die eigene angebliche Bescheidenheit. Eine weitere Erscheinung ist die diffuse Ablehnung der Bataillone von fremden Menschen, die in ihren Heimatländern bereits auf ihren Koffern sitzen und von den Konsumparadiesen der uns umgebenden Länder träumen.
Denkbar jedoch auch, dass man sich das Vergnügen leistet, all´ die Orte und Produkte bewusst zu vermeiden, die einem per Befehl eine Leistung abverlangen. Das kostet nicht nur nichts, sondern man spart sich recht schnell ein erkleckliches Sümmchen. Und Freude macht ein solches Abenteuer  garantiert.
Das Hamsterrad, in dem man sitzt, dreht sich immer nur so schnell, wie man selbst darin läuft.
Man kann es sogar verlassen. Dazu muss man jedoch auf die eigenen Beine stellen. Und sich orientieren können im eigenen Leben.
Was die Frage aufwirft, warum sich Menschen überhaupt verirren können. Ich glaube manchmal, dass Umwege und Irrwege die Gelegenheiten schaffen, dass man seine Ortskenntnis erweitert.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sommerfeines Wochenende. Und wer weiss, vielleicht werden Sie irgendwo sogar meditierende Frösche entdecken.

(Foto anklicken und grosse Bilder sehen)