Erstaunliche Beobachtungen auf zehn Quadratmetern

Wiederanhörungen. Was hat noch Gültigkeit? Reihenweise verlassen Scheiben das Musikalarchiv.
Bleiben wird: Billy Cobham – Crosswinds (1974)…

Die Schwalben haben ihre Nester verlassen. In diesem Jahr ist der Sommer schon vor dem Hochsommer vorüber. Ich hoffe auf einige weitere sonnige Tage. Immerhin konnte eine Schwimmrunde im Rhein stattfinden.
Im öffentlichen Bücherschrank die „Auto“biografie von Marilyn Manson gefunden. Das meiste hat wohl ein Redakteur des Rolling Stone zusammengeschrieben. Ich kenne keine Musik dieser Kreatur. Ein Klon zwischen Sylvesterrakete und Lumpensammler. Das typische, der beiden möglichen us-amerikanischen Schicksale. Ein kleiner, hässlicher Versager, der sich geschworen hat, es eines Tages allen zu zeigen. Was bringt einen Mensch dazu, sich nur um aufzufallen den Familiennamen eines gewissenlosen rechtsradikalen Massenmörders zuzulegen.
Der Zweite Weltkrieg kostete etwa 50 Millionen Menschenleben. Die aussenpolitischen Aktionen der US-Amerikas kosteten seit dem Zweiten Weltkrieg geschätzte 30-40 Millionen Menschenleben weltweit. Ich bin noch auf der Suche nach der genauen Quelle, bzw. exakteren Zahlen. Das geistferne Druckwerk liegt inzwischen in der Altpapiertonne.

Viel Balzac gelesen in letzter Zeit. Die menschliche Komödie. Das hält fein vom Bloggen ab. Erstaunlich aktuell erscheinen viele Beschreibungen Balzacs. Es scheint sich wenig geändert zu haben in den letzten zweihundert Jahren. Oder zweitausend.
Hauptsache das Bewusstsein schläft. Das nutzt Produzenten wie Konsumenten. Und den Politikern ists allemal recht.
Die alltägliche Einbildung vieler Menschen, informiert zu sein.
Ein balltretender Gladiator wechselt die Arena für eine Viertel Milliarde Euro.
Die Condottieri, die Söldnerführer des ausgehenden Mittelalters heissen heute Topmanager. Niemandem verpflichtet ausser dem Eigennutz. Vor allem dem eigenen. Verantwortungslos wird die Welt belogen und betrogen. Die Zeche zahlen die anonyme Menschenmasse. Arbeitsplatzvernichtung, Zerstörung des privaten Lebens; die Kollateralschäden des Wachstums. Früher segnete die Kirche die Auswüchse der Herrschenden. Heutzutage haben die Unternehmensberatungen dieses profitable Geschäft an sich gerissen. Schlimm nur, dass der Kleinbürger glaubt, in diesem Spiel eine reelle Gewinnchance zu haben. Auch mal gewinnen zu können. Naja, so einer, wie Marilyn Manson vielleicht.
Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es auch nicht wahr.
Und alle halbe Jahre gibt es ein neues Konsumprodukt für die Müllhalde, das niemand wirklich braucht. Dann ziehen die gekauften Werbesöldner durch die Lande und irrlichtern mit Kaufgründen. Und was hatten wir seit unserer Kindheit schon alles an Fantastischem gehabt, was seit Jahren nicht verrotten kann. Hot Wheels, Silly Putty, Pez-Boxen, Hüpfbälle, Flummis oder Knuffls um nur ein paar frühe Artikel zu nennen.
Und schon daddelts auf dem Einsamkeitsverwischfon. Die Werbung ist in den Einfachhirnen verankert und beginnt zu wuchern. Das nennt man heute Kommunikation. Ein menschliches Gegenüber aus Fleisch und Blut kann man sich mit keiner Handfessel herbeiwischen.

Der konsequente Verzicht auf die Nachrichtenmedien tut gut. Es kehrt Ruhe ein in den Falten der Seele eines modernen Menschen. Zurück zum Gespräch. Von Angesicht zu Angesicht. Dahin, wo das must-have oder must-go-to keine Bedeutung hat. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen statt von Floskeln, Icons oder Gefällt-Mir-Klicks. Den Gefühlsausdruck des Mitmenschen erleben.
Ich merke es daran, dass ich in den letzten Monaten mindestens fünfzehn bis zwanzig Beiträge in diesem Blog nicht mehr geschrieben habe. Angefangen und spontan aufgehört.
Nur das Negative zu schreiben, das können viele Blogger besser als ich. Und die schönen Ereignisse, die wundervollen Entdeckungen und prächtigen Momente sind mir wieder dermassen kostbar geworden, dass ich sie nur mündlich teilen mag. In den Gesprächen, bei denen niemand unablässig aufs Daddelfon schielen muss. Oder im Garten zuschauen, wie sich die neuen Weinbergschnecken heimisch machen. Erstaunliche Beobachtungen sind möglich auf zehn Quadratmetern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern weiterhin noch ein paar feine sommerliche Tage.

(Fotografien zur Illustration. Klick öffnet die Galerie)

 

Freitagnachmittags einfach so

Aus Finnland an den Rhein gekommen: Wentus Blues Band feat. Phil Guy – The last of the big time spenders (2005)…

Das Internet soll ja angeblich nichts vergessen. Wenn dereinst jemand diesen Beitrag entdeckt, wird er sich fragen, von was denn da die Rede gewesen sei. Einzelhandel?
Den wirds in der gewohnten Form über kurz oder lang nicht mehr geben. Die heutigen Erstklässler werden schon bei ihrem Schulabschluss nicht mehr wissen, was ein Tante-Emma-Laden gewesen ist. Den haben die Konsumenten durch ihr Konsumverhalten bis dahin zum endgültigen Verschwinden gebracht. Mit ihren Ansprüchen. Dem was sie erwarten, haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Hohe Erwartungen, eine bandbreite Auswahl und das alles zum Minimalpreis. Unzufriedenheit ist ein fürchterlicher Treibstoff.
Ein europaweit sich vorfressendes Kettenunternehmen wirbt mit einem bestimmten Reizwort ausschliesslich in Deutschland. In deren Werbung in anderen europäischen Ländern findet man dieses Wort nicht. Dass dieses Alles-haben-wollen zum Kleinstpreis sich hierzulande mit sexuellen Begierden zusammenbringen lässt, wirft auf die deutschen Durchschnittskonsumenten ein merkwürdiges Licht.
Es gibt natürlich auch die Einzelhändler, denen ihr Kleinunternehmertum zu Kopf gestiegen ist. Die dadurch ihre Geschäfte selbst ruiniert haben. Zweifellos. Aber es ist das Verhalten der Masse der Konsumenten, die dafür sorgen, dass man über kurz oder lang nur noch bei Kettenläden kaufen können wird.
Es denkt sich doch längst kaum noch jemand etwas dabei, wenn die (meist) weibliche Aushilfe in der Bäckereifiliale also spricht: Ich werde später nochmal französisches Weissbrot backen. Wenn sie wenigstens aufbacken sagen würde zum dem Vorgang, wenn die Frosterware in den Heizofen geschoben wird.
Ein Jahr intensiver Beschäftigung mit Einzelhandelsfachgeschäften hat mein Bild von Konsumenten erheblich verändert. Deren unverschämtes Verhalten macht manchmal geradezu sprachlos.

Auf der vormals für kalte Büffets verwendeten grossen Platte fehlen verblühte gelbe Rosenblütenblätter. Rote, weisse, rosa und sogar violette Rosen blühen im Ärmelgarten. An gelben hingegen mangelt es.
Ich radle nach Mainz. Dort im Rosengarten gibt es Rosen in allen Farben und vielleicht habe ich Glück und gelbe Rosen sind am Verblühen.
In der Stadt genehmige ich mir ein Eis und schaue bei Oxfam vorbei. Draussen sehe ich das junge behinderte Paar. Der Mann kann nur mit grosser Mühe und mit Hilfe eines Gestells überhaupt gehen. Die Frau schafft es zwar ohne Hilfe, bewegt sich aber auch sehr wacklig. Ich verstehe aufgrund ihrer Artikulation nicht, über was sie sich unterhalten. Das ist aber nicht nötig. Denn etwa alle fünfzig Meter bleiben die beiden stehen. Ihre herzinniglichen Umarmungen sprechen dabei mehr als alle Worte. Ihr Anblick berührt mich.

Auf der Eisenbahnbrücke frage ich mich, wie oft wir darauf wohl schon gemeinsam den grossen Fluss mit dem Rad überquert haben. Das Wasser im Rhein ist weder golden noch ist es Wein (***). Der Rhein leuchtet heute in dunklem Türkis. Ich sehe dem Schifffahrtsverkehr zu und mir fällt dabei der Mann von vorgestern im Zug ein. Den mit dieser sonderbaren Zeitschrift. Es scheint mittlerweile für jede Überflüssigkeit und für jeden Konsumunsinn eine Zeitschrift zu erscheinen.
Drüben an der Mainspitze ist noch nichts los. Unter der Brücke gehen zwei Männer in schwarzen Badehosen flussaufwärts.
Zwanzig Minuten später sehe ich sie wieder flussabwärts in Richtung City schwimmend. Meine Badehose liegt zuhause im Schrank. Und mir fehlt eine Begleitung. Aber wer weiss, in den nächsten Tagen vielleicht. Im Rhein schwimmt man nicht alleine. Es braucht so wenig, damit die Lebensfreude aufblüht.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Sommerwochenende.

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Reduktion der Befehle – Die Meditation der Frösche

Als progressive Rockmusik noch progressiv war: Traffic – The Low Spark of High Heeled Boys (1971). Und nun zum Nachmittagstee: Julie Driscoll with Brian Auger & The Trinity – Streetnoise (1969)…

Wo die Natur scheinbar verschwendet, dient letztendlich alles der Erhaltung natürlicher Kreisläufe. Arterhaltung, Nahrungsketten und Prachtentfaltung. Wachsen, blühen und vergehen als Grundlagen des Seins.
Die dritte Amselbrut ist nun flügge geworden und hat das Nest und den Hinterhof verlassen. Dreimal drei kleine Amseln in den letzten Monaten. Vielleicht werden zwei von ihnen überleben. Die anderen werden dem Kreislauf der Natur einverleibt werden.

Wie anders dagegen arbeitet die menschliche Natur. Verschwendung bedeutet hier Ausbeutung und Zerstörung. Zur letztendlichen Gewinnmaximierung von einigen wenigen Nimmersatten und Gierhälsen. Geleistet aber wird die ganze Arbeit von den unüberschaubaren Herden der Konsumenten weltweit. Deren Verhalten wird herangezüchtet und dressiert durch immer zahlreicher auf uns einprasselnde Imperative.

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Grammatische Befehlsformen, die irgendwann das gesunde Bewusstsein eines Menschen infizieren. Dann hält man den eigenen Konsum für Bescheidenheit und zeigt mit dem Finger auf all die anderen Verschwender. Oder man beneidet sie um ihre  Konsumartikel und vergisst ganz rasch die eigene angebliche Bescheidenheit. Eine weitere Erscheinung ist die diffuse Ablehnung der Bataillone von fremden Menschen, die in ihren Heimatländern bereits auf ihren Koffern sitzen und von den Konsumparadiesen der uns umgebenden Länder träumen.
Denkbar jedoch auch, dass man sich das Vergnügen leistet, all´ die Orte und Produkte bewusst zu vermeiden, die einem per Befehl eine Leistung abverlangen. Das kostet nicht nur nichts, sondern man spart sich recht schnell ein erkleckliches Sümmchen. Und Freude macht ein solches Abenteuer  garantiert.
Das Hamsterrad, in dem man sitzt, dreht sich immer nur so schnell, wie man selbst darin läuft.
Man kann es sogar verlassen. Dazu muss man jedoch auf die eigenen Beine stellen. Und sich orientieren können im eigenen Leben.
Was die Frage aufwirft, warum sich Menschen überhaupt verirren können. Ich glaube manchmal, dass Umwege und Irrwege die Gelegenheiten schaffen, dass man seine Ortskenntnis erweitert.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sommerfeines Wochenende. Und wer weiss, vielleicht werden Sie irgendwo sogar meditierende Frösche entdecken.

(Foto anklicken und grosse Bilder sehen)

 

 

Rahmenabsteckung

Ich werde mich daran gewöhnen müssen, diese unerwünschten Nachrichten als naturgegeben hinzunehmen. Meine musikalischen Helden kommen in die Jahre. Family, King Crimson, Roxy Music, Phil Manzanera (801), U.K., Uriah Heep oder Wishbone Ash waren die vielleicht bekanntesten Gruppen, für die John Wetton (12.6.1949 – 31.1.2017) den Bass zupfte…

Meine gegenwärtige Lebensphase wird geprägt von einem Projekt unter dem Titel Fülle durch Reduktion. Wie kommt man zu dem Begriff oder der Metapher von der Fülle durch Reduktion? In meinem Fall stehen dafür individuelle Prägungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir auf meinem eigenen Lebensweg zuteil geworden sind. Insofern wird es in weiteren Beiträgen nicht um komplizierte theoretische Blasen gehen oder abstraktes Geschwurbel. Es wird um die Praxis meines Alltags gehen. Um die darin auffindbaren Möglichkeiten und die Grenzen des individuell Machbaren.
Insofern wird es hier in diesem Blog persönlicher werden. Dazu ermutigt haben mich neben zahlreichen persönlichen Gesprächen auch die Mehrzahl der letzten Kommentare. Wenn Menschen, die in der nächsten Zeit hier vorbeischauen, für sich eine brauchbare Anregung in den Themen finden sollten, dann wäre das ein erfreulicher Erfolg für alle Beteiligten.

Bei der Fülle durch Reduktion handelt es sich um einen grundlegenden Paradigmenwechsel von quantitativen hin (oder zurück) zu qualitativen Werten. Jeder, der das weltweite Geschehen aufmerksam beobachtet, kann bemerken, dass der Masse Mensch qualitatives Wertedenken durch ein Quantitatives weitgehend bereits ersetzt worden ist. Dieser Prozess ist gesteuert. Interessiert sind dabei nicht nur Konsumartikelproduzenten. Die herrschenden Eliten im allgemeinen haben daran ein Interesse. Ihr Werkzeug dabei ist der Wettbewerb um jeden Preis. Jeder gegen jeden. Und dabei die Marionettenspieler und Strippenzieher nicht erkennen.

Dreh- und Angelpunkt für die sich weltweit zuspitzende Notlage jedes einzelnen Menschen ist für mich das bürgerliche Gesellschaftssystem im demokratischen Gewand. Nicht umsonst wird in unserem Land bei jeder sich bietenden Gelegenheit den bürgerlichen Werten, dem Wettbewerb und der Demokratie das Wort geredet. Die böse Dreieinigkeit vor der kein Entkommen möglich scheint. Es fehlt die Möglichkeit einer Alternative. Das kommunistische System, das ebenfalls ein bürgerliches System gewesen ist, war zum Untergang bloss früher als das kapitalistische System verurteilt. Und die jetzigen Populisten denken ebenso wenig an die Menschen, es geht ihnen um Macht und Geld.

Jeder kann es wissen, kaum jemand will es wahrhaben und über allem schweben die Hoffnung, von allem Üblen verschont zu bleiben und der gleichzeitige Wunsch nach ein wenig „Mehr“ bitteschön. Etwas mehr Luxus, ein besseres Gehalt, Immobilieneigentum, das neue Kraftfahrzeug, Hobbies. Mehr mehr mehr.
Auch ich stelle schmerzlich fest, immer wieder von „Verbesserungswünschen“ heimgesucht zu werden. Einziger Trost dabei ist mir die Wahrnehmung, noch immer ein Teil meiner menschlichen Umgebungen zu sein.
Optimierung lautet ohnehin die Parole. Politik und Industrien machen es deutlich. Die entscheidenden Fragen beginnen nicht mit warum sondern mit wie. Wie machen wir das? Statt, warum wir machen das? Das ob wird dabei gleich mitabgeschafft. Beispiele dafür kann man in jedem Moment Dutzende finden. Kritische Einwände, ob dies oder jenes sinnvoll ist oder ob es überhaupt der Menschheit dient, werden handstreichartig weggewischt. Man wird verdächtigt, zurück ins Mittelalter zu wollen. Wird überschüttet mit Häme.
Ich hätte nichts gegen bestimmte Formen mittelalterliches Lebens. Der feudale Haushalt, Oikos (daher kommt das Wort Ökonomie), war vereinfacht gesagt eine primitive Art sozialstaatlichen Handelns. In etwa also das, was die bürgerlichen Parteien bei uns gerade restlos am vernichten sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist gewollt.
Ich empfinde mich aber gleichsam in der griechischen Antike lebend. In einer derartigen Demokratie. Damals hatte mitnichten das Volk ein Mitspracherecht an den politischen Prozessen. Es waren lediglich die Freien, d.h. diejeinigen Menschen, die nicht um ihre alltägliche Notdurft arbeiten mussten. Diese reiche Elite, und nur sie hatte ein wirkliches Mitspracherecht an politischen Entscheidungen. Der grosse Rest waren Unfreie und Halbfreie, denen grundlegende Rechte fehlten. Das wird heute gerne verschwiegen. In Deutschland gibt es noch immer nicht das Instrument des Volksentscheids.
Damit ist der grosse Rahmen abgesteckt, indem sich meine Motivation entfaltet hat, manches wenigstens versuchsweise zu verändern. Aussteigen kann ohnehin niemand mehr. Das beste Beispiel dafür liefern prominente Aussteiger selbst. Und wenn sich ein Exkommunarde und Schaulinker wie Rainer Langhans im Dschungelcamp für Geld produziert, dann pfeifens die Spatzen von den Dächern.

                    Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein mittelwinterlich herzfrostfreies Wochenende.

 

2017 – immer horsche immer gugge – egal wo und wann

Ich freue mich aus mir unerfindlichen Gründen auf die erste Scheibe mit dem Jahresaufdruck 2017. Dabei gibt es wahrlich genug Musik im Ärmelarchiv. Bis dahin: Magic Sam – West Side Soul 1967)…

Das neue Jahr beginnt. Ich misstraue den guten Vorsätzen in der Silvesternacht. Aus eigener Erfahrung und in der Erinnerung an die Vorsätze anderer Menschen. Die Halbwertzeit dieser Vornehmungen ist bedauerlich kurz.
Dagegen vertraue ich auf andauernde Metamorphosen. Verwandlungen, umso langfristiger desto besser.

Machsten du an Silvester?
S gibt verschiedene Einladungen. Lust hätte ich auf was ganz Ruhiges.
Zwei Silvester habe ich auf Intensivstationen verbracht. Nicht wegen eines Abusus gleich welchen Ursprungs. Davon ist etwas geblieben.
Und du?
Wie gewohnt. Mit Freunden, die das Haus auf der Insel haben.
Na, das wird sicher wieder stimmungsvoll. Viel Spass dabei. Wir werden telefonieren.

Klar, gerne. Fein, lass uns was zusammen machen. Auf schön ruhig freue ich mich.
Wir können uns was kochen. Prima Musik. Lecker Getränke.
Lass uns ein schlichtes Menu ausdenken.
Klasse Idee.

Was ist denn los? Ist dir nicht gut?

Silvester im Krankenhaus geht garnicht. In besagtem Krankenhaus sind ab einundzwanzig Uhr keine Besuche(r) mehr erlaubt. Auch nicht an Weihnachten oder Silvester. Schliesslich ist ein Krankenhaus heutzutage ein betriebswirtschaftlich organisiertes Unternehmen. Wirtschaftsgegenstand sind Menschen und deren Krankheiten. Damit wird Geld verdient. Und mit dem Geld werden Arbeitsplätze geschaffen und erhalten. Oder auch abgebaut.
Der kranke Mensch ist der eine Aspekt in diesem Wirtschaftskreislauf. Und die Zertifizierungen des Medizinalunternehmens der andere, der entscheidende Aspekt.

Die Beobachtungen der letzten Woche, das Horsche und Gugge in der Abteilung jenes Kranken Hauses reichten inzwischen fast für eine groteske Novelle. Wenn die Essenausgabe nach Zertifikat fast schon zu vielfältig – patientenorientiert versteht sich – ist, aber dafür völlig unsystematisch über den Flur und in die Zimmer verteilt wird; das wirft beim stillen Beobachter Fragen auf. Der Reihe nach von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett ginge schneller und ruhiger. Aber das ist eben nicht zertifiziert.
Der – nach eigener Aussage – wegen multiplem Krebs todgeweihte jüngere Mann im Zimmer quer gegenüber erhält Besuch.
Hallihallo, ich bin Melanie vom Wundmanagement, ich bin angerufen worden, um nach Ihrer Braunüle zu sehen. Warum sie nach ihrer Vorstellung wie ein Füllen wiehern muss – hühühühü – wird ihr zertifiziertes Geheimnis bleiben.
Wer beruflich noch unentschlossen ist, sollte sich vielleicht erkundigen, wo man sich zum zertifizierten Wundmanager ausbilden lassen kann. Wundmanager! In welchem Hirn wuchern solche Begriffe?
Mit der älterem Dame im Zimmer gegenüber habe ich mich gerne unterhalten. Sie ist offenbar verwirrt. Ständig gut gekleidet und zur Abreise bereit. Ihre Tasche steht bereits nach dem Frühstück perfekt gepackt auf ihrem ordentlich gemachten Bett. Ich kann mich ganz ernsthaft mit ihr bereden. Über ihre Sorge etwa, ob die Tischdecke jetzt zu gut ihrem Tisch passt. Da liegt zwar keine Tischdecke drauf, ich sehe sie trotzdem und gratuliere ihr zu ihrer guten Wahl.
Die Dame bringt mit ihrer Erscheinung eine angenehme Ruhe in die blau-weiss-kittelige Aufgeregtheit und Wichtigtuerei. Die Assistenzärztin kann nur in Fremdworten. Profilneurosen benötigen keine Zertifizierung. Ich habe das kleine Latinum und einen Internetzugang. Ich höre ihrem aufgeblasenen Gerede zu. Ob sie vom Blasen die geringste Ahnung hat – ich will es lieber nicht wissen, und unzertifiziert tuten braucht sie auch nicht.
Dr. Wichtig beispielsweise. Wahrscheinlich heisst der kaum fünfunddreissigjährige, einsneunzig grosse Mann mit dem Ziegenbart und der intelligent sein wollenden Brille ganz schlicht Müller-Wuppertal. Ständig schnellschrittig von hier nach dort. Ewig gehetzt. Zimmer rein, Zimmer raus. Wichtiger Aktentransporteur auch dem Karriereweg zur Zertifizierung.
Mit vierzig vermutlich selbst Patient in der Kardiologie. Es gibt Menschen, die mit Lichtenberg zu reden, meinen, alles was man mit einem ernsten Gesicht tut, wäre auch eine ernste Sache. Wie lange werden Wichtigtuer noch Konjunktur haben?

Wieso heisst es Krankenschwester aber Krankenpfleger und nicht Krankenbruder oder Krankenpflegerin? Die jungen Krankenbrüder waren durchweg freundlicher im Umgang mit den Patienten als die Krankenschwestern. Das ist mir positiv aufgefallen.

Ich habe viele weitere Beobachtungen sammeln dürfen. Oder müssen. Alles eine Frage des Standpunkts. Mir ist jedoch die grundsätzlich die Gesundheit näher. Gerne auch unzertifiziert.

Das neue Jahr hat begonnen. Es wird ein Gutes werden. Da bin ich mir sicher.
Und nächstes Silvester werden wir mit einem einfachen Menu feiern. Versprochen.
Eigentlich wollte ich das neue Jahr mit einem Beitrag zu einem Kochbuch beginnen. Der wird auch kommen. Zu seiner Zeit.

                                                              (Foto anklicken und gross gugge)

Dekonstruktions-Rekonstruktionen

Weihnachtsmärkte und Jahresrückblicke landauf landab. Da scheinen sich reale und virtuelle Welt nahe zu kommen. In den musikalisch vielgescholtenen 1980er Jahren gab es trotz allem Bands mit trefflichen Texten zur bedrohlichen (Welt)Lage und dennoch leichter lebensfroher Musik: Fischer-Z – Red Skies over Paradise (1981)…

Was du ererbt von deinen Vätern… Dieser Ausriss eines Zitates von Johann Wolfgang von Goethe hing mir lange Zeit nach. Es verführt einerseits zu materiellen Betrachtungsweisen, andererseits hat Sigmund Freud damit einer Berufsgruppe, aus der mittlerweile auch eine vielverzweigte Industrie geworden ist, zu dauerhaftem Einkommen verholfen.
Ich habe mich früher etwas schwer getan mit diesem Zitat. Seit Jahren aber betrachte ich es von ideellen Seite und damit hat sich der Horizont erheblich erweitert. Verarbeite das, was du von deinen Vorfahren ererbt hast, indem du daraus lernst und deinen Horizont erweiterst. Und nicht, indem du jammerst und dich beschwerst. Ich weiss, wovon ich rede, denn ich kenne meine eigenen Jammereien und Beschwernisse. Ohne die lebt sich es viel fröhlicher und vor allem leichter. Worte und Begriffe als Wegweiser..
Seit drei Jahren habe ich nun versucht, diesen drei Tonnen schweren Tresor über ganz unterschiedliche Kanäle zu verkaufen oder zu verschenken. Ich kann die Mailwechsel und Telefonate nicht mehr zählen. Und dann, am Ende hats eben doch geklappt. Wie im richtigen Leben. Oder, mit Hermann Hesse zu reden, von allem was der Mensch begehrt, ist er immer nur durch Zeit getrennt.

Schwer gefallen sind mir seit je die Gänge über Weihnachtsmärkte. Den Ärmelkindern blieben sie folglich erspart. Und bis heute wurde mir gegenüber kein Vermissen zum Ausdruck gebracht.
Die Geschäftemacherei passt nicht in mein Bild von Weihnachten. Einen vorläufigen traurigen Höhepunkt erreicht mein diesjähriger Gang über einen Weihnachtsmarkt. Nicht ein einziger Stand hat etwas mit Weihnachten zu tun. Keine Bude mit Räuchermännchen oder Lebkuchen. Döner wurden zwar in Deutschland erfunden, aber auch der frühlingsgerollte Mr. Wok ändert nichts an meinem Unwohlsein. Den erbärmlichen Höhepunkt bildet die Krippenschänke. Ein Kleinlabyrinth für Trinker. Überm Portal die üblich falsche Krippenszene. Nazareth und Bethlehem; Könige und Hirten beieinander. Ein König sowie ein Hirte fehlen bei der Darstellung. Ob die sich derweil in der Krippenschänke die Kante geben, will ich angesichts des Gegröhles schon um 18:00 Uhr nicht mehr herausfinden.
Die Essundtrinkbuden sollen auch auf anderen Weihnachtsmärkten die weihnachtlich anmutenden Stände mehr und mehr verdrängen. Städte und Kommunen vergeben das Weihnachtsmanagement an Veranstaltungsfirmen. Die wollen Reibach machen und fordern entsprechend hohe Standgebühren. Heisser, billiger Fusel und schlechtes Essen lassen dabei die Kassen am hellsten klingen. Private oder gemeinnützige Hersteller von Artikeln, die noch an Weihnachten erinnern, haben da nichts mehr verloren. Und überhaupt Weihnachtsstimmung, hier gehts um Spass und ums Geschäft.
Wie naiv ich noch immer sein kann, erlebte ich angesichts der Spreu auf dem Boden. Ich dachte, die sei da, um keine kalten Füsse zu bekommen während man an einem Stand steht. Aber weit gefehlt. Die wird ausgetreut, um die weggeworfenen Essensreste und die verschütteten Getränke aufzunehmen. Von dem abendlich vielfach Erbrochenen ganz zu schweigen.

Das eingangs erwähnte Zitat lautet im Zusammenhang:

Du alt Geräte, das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
[…]
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
[Goethe: Faust. Eine Tragödie. in: Goethe-HA Bd. 3, S. 28-29)

                                         (Fotografien zum Text – anklicken vergrössert nur das Bild, nicht den Schrecken)