Alle Jahre wieder : zu guter Letzt

Horsche: Zu viele Platten, um sie hier aufzuzählen. Alle werden durchgehört, manche verlassen das Archiv.
Lesen: Aus Zeitgründen wenig.
Essen & Trinken: Nach fünf Tagen täglichem „Anfüttern“ steht die Masse im Topf und treibt kleine träge Bläschen. Der erste eigene Sauerteig. Und das Brot schmeckt fantastisch und sättigt enorm. Heute zu einer köstlichen Kartoffelsuppe. Mit leckeren Halberstädtern.
Schaffe: Die Ausgleichsmasse ist entfernt!!! Jetzt wird die Fahrradwerkstatt auf Vordermann gebracht.
Gugge: Slumdog Millionär. Ich habe während meiner Zeit in Südamerika einige Slums gesehen. Ich mag solche Filme nicht mehr. Alle Fernsehsendungen von Loriot. Manchmal brechen die spontanen Lacher aus wie vor Jahrzehnten schon.

Die letzten Tage des Jahres vergehen in einer Stille, die mich an eine lang vergangene Zeit erinnert.

Was für ein Jahr!

Für mich persönlich war es ein gutes Jahr, für das ich von Herzen dankbar bin.

In meinen letztjährigen Text verwob ich meine eigenen Worte mit Zitaten von Arthur Schopenhauer. In dem nun vergehenden Jahr habe ich den letztjährigen Text angeschaut und nach den ersten Zeilen kurz die Luft angehalten. Der alte Text passt für den diesjährigen Jahresrückblick noch besser. Und weil sein Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist, wiederhole ich ihn hier. Die Zitate aus dem Werk Arthur Schopenhauers habe ich mit Anführungszeichen gekennzeichnet.

Wohin man auch schaut, es scheint „die Barbarei kommt wieder, trotz Eisenbahnen, elektrischen Drähten und Luftballons.“ Viele Menschen ahnen, dass einschneidende Veränderungen in vielen Lebensbereichen unumgänglich sind und sein werden.  Aber „ein Haupthindernis der Fortschritte des Menschengeschlechts ist, daß die Leute nicht auf die hören, welche am gescheitesten, sondern auf die, welche am lautesten reden.“
Dabei gibt es kreative Ansätze zuhauf. Aber „ein neuer Gedanke wird zuerst verlacht, dann bekämpft, bis er nach längerer Zeit als selbstverständlich gilt.“

Der beste Sand im Getriebe unseres wachstumsgläubigen und lebensverachtenden Wirtschaftssystems ist die persönliche Reduktion. Da kann jeder Mensch das seine dazu beitragen. Doch „wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“

Zudem befördert unsere Gesellschaftsordnung den ständigen Wettbewerb der Menschen gegeneinander. Der Brennstoff dafür sind Missgunst und Neid. „Der Neid der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie selbst fühlen; ihre beständige Aufmerksamkeit auf fremdes Tun und Lassen, wie sie sich langweilen.“ Gedankenlos konsumieren schafft kein Lebensglück.
„Auch wird man einsehen, daß Dummköpfen und Narren gegenüber es nur einen Weg gibt, seinen Verstand an den Tag zu legen, und der ist, daß man mit ihnen nicht redet.“ In diesem Sinne gilt auch, dass „vergeben und vergessen heißt, kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.“

„Die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei.“ „Gesundheit ist gewiß nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Und lachen ist noch immer die beste Medizin. „Je mehr der Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen. Menschen, deren Lachen stets affektiert ist und gezwungen, sind intellektuell und moralisch von leichtem Gehalte.“
„Wenn man auch noch so alt wird, so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man ein Kind war: dieses, was unverändert, stets ganz dasselbe bleibt und nicht mitaltert, ist eben der Kern unseres Wesens, der nicht in der Zeit liegt und eben deshalb unzerstörbar ist.“

Trotz der vielen Hiobsbotschaften, die tagtäglich auf uns einprasseln, ist es ein Trost für den Geist und die Seele zu erkennen, „jeder Tag ist ein neues Leben, jedes Aufwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen ist eine kleine Jugend und jedes Zubettgehen und Einschlafen ein kleiner Tod.“ Man ist nicht bloss seines Glückes Schmied, sondern „jeder ist der heimliche Theaterdirektor seiner Träume.“

 

 

Ich wiederhole es gerne: für mich persönlich war dieses Jahr ein gutes Jahr. Ich bin gesund und kann arbeiten. Ich habe Menschen um mich herum und ich fühle mich Ihnen in Liebe verbunden. Ich reduziere meine Bedürfnisse, bzw. schränke mich seit einigen Jahren in vielerlei Hinsicht bewusst ein. Und gewinne mehr als je zuvor. In der freiwilligen Beschränkung liegt für mich die Wurzel für eine zuvor nicht geahnte Lebensfreude., Insofern habe ich mit den derzeit notwendigen Einschränkungen keine Schwierigkeiten.

Die viel gescholtene Maske bietet mir Vorteile. Ein menschliches Gesicht kann viele Gemütszustände ausdrücken. Sie können das Gegenüber täuschen. Allein die Augen sprechen immer die Wahrheit. Sie täuschen nicht und sie lügen nicht. Noch nie sah ich so viel Trauer, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit in den Augen vieler Menschen. Dass ich die Gerüche von aufdringlichen Duschbädern und Parfums weniger wahrnehme ist ein guter Nebeneffekt, der meine Lebensqualität hebt.

Die Erlebnisse und Erkenntnisse in den letzten Jahren in und um meinen Blog führten mich zu dem Entschluss, diesen Blog zu beenden. Für die vielfältigen Erfahrungen beim Bloggen bin ich dankbar. Ich habe Menschen persönlich kennengelernt durch dieses Medium. Das ist viel.
Ein Neues wird entstehen. Die Zeit verlangt nach dem konkreten menschlichen Miteinander. Auch durch die Blogs. Durch sie als verbindendes Medium könn(t)en sich Menschen im wirklichen Leben zusammenfinden. Für ernsthafte Gespräche sind die Kommentarspalten der Blogs ohnehin nicht gedacht. Und für oberflächliches oder unverbindliches hin und her ist unser aller Lebenszeit zu kostbar und vor allem zu knapp bemessen.
Die Inhalte meiner kommenden Seite stehen bereits fest; die äussere Form ist im Werden. Ich werde Menschen und Begebenheiten beschreiben, die auf diese oder jene Weise meinen Lebensweg gekreuzt und mich beeindruckt und geprägt haben. Sie alle haben ihre Spuren in meiner Biographie hinterlassen. Ich bin mir sicher, dass der eine oder andere Leser für sich und sein Leben Erkenntnisse aus den Berichten ziehen kann. Dann hätte ich viel gewonnen.

Auf ein Neues also – auf ein Anderes! – Der Herr Ärmel verabschiedet sich hiermit.

 

In diesem Sinne danke ich allen Besuchern, Lesern und Guggern, die hier auf diesem Blog längere oder kürzere Zeiten verbracht haben. Ich wünsche Ihnen allen ein lichtes 2021er Jahr mit erhellenden Einsichten und erfreulichen Aussichten. Lächeln Sie so oft es Ihnen nur möglich ist. Trauen Sie Ihrer inneren Stimme und vor allem : bleiben Sie gesund.

 

 

 

 

Advent und Endspurt

Horsche: Arno Schmidt liest aus seinen eigenen Werken. Was und wie er liest ist hörenswert. Daneben lösche ich weiterhin tüchtig aus dem Musikarchiv. Bei manchen Musikern bleibt allenfalls eine Zusammenstellung übrig. So viel verliert an Bedeutung.
Lesen: Alice Schmidt : Tagebuch aus dem Jahr 1955. Die Frau Arno Schmidts notierte das Alltagsleben des Paares sehr eindrücklich.
Essen & Trinken: Gestern wurden die aller(vor?)letzten neben der Heizung erröteten Tomaten zu einer köstlichen Tomatensauce gekocht. Dazu gabs feine Safrannüdelchen.
Schaffe: Und immer weiter gehts Zentimeter für Zentimeter mit der Entfernung der Ausgleichsmasse, um den 140 Jahre alten Dielenboden freizulegen.
Gugge: Unbewegte Bilder diesmal. Photographien aus einem sogenannten Auschwitz-Album. Keine Brutalität ist zu sehen. Scheinbar beiläufig aufgenommene Dokumente, die mich innerlich um so mehr bewegten.

Ein absolut aussergewöhnliches Jahr läuft auf sein Ende zu. Ein Jahr mit dreizehn Vollmonden. Wir haben die Verwirrungen im Garten erlebt. Die „frühen Karotten“ waren gegen Ende September bereit zur Ernte. Zucchini verfaulten im frühen Stadium der Reife. Die Schokoladencosmeen blühten wie noch nie: allerdings erst ab Oktober.

Viele Menschen erkannten es und sprachen es seit Jahren aus: So kann es mit dem Wohlstand und dem Zustand der Welt nicht mehr weitergehen. Es muss sich etwas ändern! Auch ich habe in dieser Art gesprochen.
Niemand ahnte jedoch, wie die Veränderungen stattfinden sollten. Niemand sprach das Wort Krieg laut aus. Vor allen Veränderungen stellen sich Unsicherheiten und Ängste ein. Es gibt eben nicht viel Veränderung oder nur ein bisschen Veränderung. Veränderung ist Veränderung. Und umso grösser, desto unverhoffter kommt die Veränderung. Und jeder hofft, dass kommende Veränderungen im eigenen Leben keine Nachteile oder gar Unbequemlichkeiten verursachen. Schon beginnt die Suche nach den Schlupflöchern.

Die Realitätsgestörten, die bereits jetzt von einer Diktatur bellen, bringen sie selbst herbei. Sie verhalten sich asozial und verantwortungslos mit ihren quer“gedachten“ Aufmärschen. Wo immer sie erscheinen in ihrer grenzenlosen Rücksichtslosigkeit, wird der Ort danach zu einem neuen Hotspot. Und sie kapieren nichts.
Eine Nachbarin radikalisiert sich. Spricht von der kommenden „Impfdiktatur“. Weiss nichts über Impfstoffe und deren Zulassung. Nichts vom kommenden Procedere. Nichts von den Zeitplänen. Nichts von den Kosten. Weiss nichts ausser, dass da eine Impfdiktatur kommen werde. Dass sie nur williges Werkzeug zur Errichtung einer möglichen Diktatur wird, ahnt sie in ihrer Verblendung nicht.
Die konstruktiv und klar denkenden Menschen mit ihrem Verantwortungsgefühl und ihrem sozialen Tun mögen uns vor dem Querdenkergesindel, den Ewiggestrigen, den Vergnügungssüchtigen, den Konsumabhängigen und den Faschisten von rechts und links bewahren.

 

Es wird sich noch viel mehr verändern in den kommenden Jahren, als sich viele Menschen derzeit vorstellen können oder wollen. Der Corona Virus ist ein Anfang in körperlicher Hinsicht. Die sich anschliessenden sozialen Auswirkungen erleben wir in ihren Anfängen. Die Bundesregierung unterstützt mit Geldern. Es wurde schnell klar, dass die Inhaber von Kleinbetrieben finanzielle Hilfe brauchen. Ebenso der gesamte Bereich der Kulturschaffenden. Wie lange das ausreichen wird bevor es zu einer Katastrophe kommt, hängt beträchtlich auch vom Verhalten der sogenannten quer“denkenden“ antisozialen Fraktion ab.

Ich hoffe, ich kann alle meine Familienmitglieder in der Weihnachtswoche hier empfangen. Der Reihe nach versteht sich. Wir haben Verabredungen getroffen, dass wir uns in diesem Jahr nicht alle gleichzeitig treffen werden können.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine wache Adventszeit und genügend Abwehrkräfte gegen den Blödsprech hier und dort. Soziales Miteinander ist ein uverzichtbares Lebensmittel.

 

(Irgendwo in diesem Lande : Querdenkers zukünftiges Traumhaus)

 

 

 

 

 

 

Auf Umzugsspuren

Horsche: Auf diesen Komponisten bin ich durch einige ProgRockmusiker (Peter Hammill, Gentle Giant, Robert Wyatt etc.) gestossen. Sie nennen den Mann als einen wichtigen Einfluss auf das eigene Schaffen. William Byrd (1543 – 1623) schuf vorwiegend sakrale Musik. Hier läuft: The Byrd Edition – Cantiones Sacrae 1591 / Laudibus in sanctis (The Byrd Edition, 13CDs). 
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Kalbsgulasch, Kohlrabigemüse und grobes weisses Brot zum Titschen. Dazu einen 2018er Bordeaux.
Schaffe: Planen, planen, planen. Letzte Gartenarbeiten. Ein Umzug steht an.
Gugge: „Das schweigende Klassenzimmer“. Sehr beeindruckend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass dem Film eine wahre Begebenheit zugrunde liegt…

„Nun habe ich es von jeher geliebt, unnütze Fragen zu tun; ich wandte mich deshalb zu meinem verehrten Lehrer – (ein Schüler Einsteins, man bedenke doch ! Er brachte uns zukunftweisende Ansichten bei : wie es läppisch sei, 1 Schlips zu tragen, als ob man sich beständig des Stranges bewußt sein müßte; wie lächerlich, sich die Nase abzuduellieren; auch, daß über Parlamentsgebäuden grundsätzlich die Inschrift ‹Nanu !?› stehen sollte) zu dem also wandte ich mich eifrig, und fragte : »Kann ich das hier mitnehmen?«
Er sah auf den Titel. Runzelte die Stirn (ich wußte damals noch nicht, warum). Beblickte mich Langen. Zog ein Gesicht wie Adenauer, wenn man von Anerkennung der DDR spricht. Und sagte säuerlich »Bong.«.“
(Arno Schmidt: Begegnung mit Fouqué. In: Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe III. Essays und Biografisches, Bd. 3. Zürich 1995: Haffmans. S. 423).

Erinnerungen. Zimmer in WGs. Die Umzüge in Kleinbussen. Jeder hilft jedem. So war das damals. Die Clevereren liessen umziehen und erschienen erst zur nächtlichen Feier („Sorry, musste noch für Mathe pauken…“).  In den letzten fünfundzwanzig Jahren bin ich elfmal umgezogen. Auf drei Kontinenten. Dabei habe ich unter völlig unterschiedlichen Dächern ein Zuhause gefunden. Stoff für manche Geschichte.
Ich stehe auf dem Balkon in der dritten Etage. Mein Blick schweift über die Dächer einer der für meinen Geschmack schönsten Städte in diesem Land.

(Da drüben! . – . Das könnte doch… – ? Und schon sehe ich den hochaufgeschossenen Fahrschüler aus dem Südausgang des Bahnhofs treten und festen Schrittes neben den Bahnanlagen gehen. Er kommt jeden Tag mit dem Zug aus dem schlesischen Lauban.
Nach hundert Metern überquert er die Sattigstrasse nach rechts hinüber in die Lessingstrasse. Er faltet auf seiner Stirn die senkrechte Furche recht kritisch. Er weiss, was er seinem Ruf schuldig ist. Ob er seinen besten Freund treffen wird, sehe ich nicht.)

Wir machen eine kleine Pause. Magst Du was essen oder trinken?
Nö, ich geh´ mal kurz ums Viertel. Mal sehen, wie es hier rundum aussieht. Von unten.

 

Ich überquere die schmale Brücke vor dem imposanten Neisse-Viadukt. Auf dieser Brücke kann man nach rechts blickend den Bahnhof sehen. Nach links über das Viadukt ziehen sich die beiden Gleise ins polnische Land hin. Ich gehe nach rechts in die Sattigstrasse. Auch aus dieser Richtung sind es schätzungsweise nur hundert Meter bis zur Lessingstrasse.
Der Fahrschüler kam erst 1928 mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester von Hamburg nach Lauban. Der Vater, ein Polizist, war verstorben und die Mutter entschloss sich, in ihren Geburtsort zurückzukehren. Die nächst erreichbare wünschbare Schule für den Vierzehnjährigen war die Oberrealschule diesseits der Neisse. Die besuchte er vom Dezember 1928 bis zu den erfolgreich bestandenen Prüfungen für das Abitur im März 1933. Danach nahm er von März bis September 1933 am Unterricht in der im gleichen Gebäude befindlichen Höheren Handelsschule teil.

Ich gehe in die Lessingstrasse und schaue mir die Fassade der Schule an. Geradezu trutzig steht sie da. Jugendstilelemente im Baukörper. Ich stehe vor einem Portal und frage mich, ob dies der Haupteingang sei.
Neben bremst ein Mann sein Klapprad ziemlich abrupt. Ich binde meinen Mundschutz vor und spreche den Mann an.
Darf ich Sie etwas fragen? Ich frage mich nämlich, ob dies vor etwa hundert Jahren ein Gymnasium gewesen sein könne.
Er wusste keine genauere Zahl (die Oberrealschule wurde 1913 eröffnet), meinte jedoch, es könne durchaus sein. Warum mich das interessiere…?
Wenn dem so sei, dann hätte einer meiner Lieblingsautoren… – er unterbrach mich in meiner Rede.
Arno Schmidt!?
Exakt.
Zur Zeit sind Ferien. Wenn Sie mögen können Sie mich begleiten. Ich unterrichte hier. Oben im ersten Stock hängen einige ältere Fotos. Wenn Sie möchten….
Ich nehme die Einladung dankend an.

Im ersten Stock schwingt er sich auf sein Rad und zischt durch einen langen Flur davon. Ich lichte einige alte Photographien ab. Gehe durch die langen Flure. Leider sind alle Türen zu der mächtigen Turnhalle verschlossen. Aber Arno Schmidt und Sport? Das passt nun garnicht. Die Aula finde ich in in der Kürze meiner Zeit auch nicht. Von Uwe Johnson weiss ich, dass er in der Aula seiner Schule bei entsprechenden Veranstaltungen als Conférencier aufgetreten ist.
Arno Schmidt hätte vielleicht aus Fouqué vorgelesen. Oder vom Anton Reiser. Vor einer Meute gähnender Schüler. Ich wills mir nicht vorstellen. Ebenso wenig wie den Schüler beim Hundertmeterlauf oder beim Fussballspiel draussen auf dem Hof. Dem Leser seiner Werke sind entsprechende Äusserungen wohlbekannt.

 

Umzüge. Eine neue Umgebung. Fremde Menschen. Manches wird man hinter sich lassen (müssen). Anderes und viel Neues kann man gewinnen. Das bestimmt die eigene Offenheit.

 

„25 Jahre lang hatte ich Grund zu einem absonderlichen Ärger : ich war zwar in Hamburg geboren; aber von stockschlesischen Eltern, denen das norddeutsche Wesen ein Greuel und Platt eine Barbarensprache deuchte, und die dafür gern von <schlesischen Bergen> faselten (ich erkläre diese, nur scheinbar harten, Ausdrücke noch); und mir war schon als Kind nichts lieber, als weite Ebenen, mit Haide bedeckt, Moor eingemischt, darin Kiefernwaldungen auf Sandboden; kurzum karge, menschenleere Öde.
Hier schien mir ein <Bruch> in meinem Wesen; und zwar von der Sorte, die ich garnicht schätze ! Denn wenn ich, ich mochte wollen oder nicht, <Schlesier> war, vom Oh=Thäler=weit=oh=Höhen=Typ, dann war meine instinktive übermächtige Neigung zu Flachland, Erica & Ludum Palastre <falsch>; dann war mir weiterhin (z.B. als Schriftsteller) die letzte entscheidende Identifizierung mit dieser=meiner Landschaft versagt. (Andere Dilemmen ertrug ich viel leichter, weil ich meiner Sache sicher war – etwa von meinem in Schule und Spiel geübtem Plattdeutsch wußte ich, daß es <stimmte>, verglichen mit dem, mir widerlichen, schlesischen Gemauschele, mit seinen Spielzeugdiminutiven, dem schaumig=weichlichen Gezischle kombiniert mit kindlich=werwölfigem Abergläuble; in diesem Fall hatten meine Eltern, in ihrer sinnlosen Versteifung gegen den prachtvollen Stadtstaat so offenkundig Unrecht, daß jedes Wort der <Widerlegung> verschwendete Atemluft bedeutet hätte. […]
Bis ich dann persönlich nach Schlesien kam – ich glaube, etwa 5 Mal von Hamburg aus; in den <Großen Ferien> von 1920, 22, 24, 26, 28 ? – und jenes <Riesengebirge> sah : es handelte sich um eine völlig unimpressiv=liebliche Mittelgebirgslandschaft, die ich mir den Jungenspaß machte, in der Hälfte der Zeit zu ersteigen, die meine Mutter & Schwester, weit hinten, brauchten. Der <Steinberg>? : ein nichtswürdiger klein=beleibter Hügel; Lieblingstreffpunkt von <Pärchen> und von jedem Alten am Stock mühelos innerhalb von 10 Minuten zu erreichen ! – Erleichterung überkam mich.
Und noch mehr, als ich erkannte, daß meine Eltern überhaupt gelogen hatten : sie stammten garnicht einmal aus diesen buckligen Gegenden ! Mütterlicherseits kam ich aus Tschirne (18 km südl. v. Sagan, uralter slawischer Name übrigens; von <Czerny>, schwarz : <Schwarzwasser> und >Weißwasser> heißen ja überall gern 2 Bäche); die Familie meines Vaters saß seit langem in Halbau (10 km südl. v. Sagan). Mit anderen Worten : von <schlesischen Bergen> war bei uns keine Rede; wir stammten vielmehr aus den <Lausitzen>, (und da wird Einem ja gleich wohler, wenn man so entfernt zu LESSING gehört und SCHEFER). Und das Land dort war flach ! Flach wie nur je zwischen Hamburg und Celle, zwischen Wittingen und Verden. (Es dauerte natürlich Jahre, ehe ich <dahinter-kam>; an Ort & Stelle selbst hatte ich viel zu viel mit dem Verarbeiten der Reiseeindrücke zu tun.)
Als ich dann 25 war, fiel mir endlich – als das I=Tüpfelchen, das mir noch abging, – der ältliche Band eines Meyer=Lexikons in die nachschlagenden Hände (6. Aufl., Bd.23,1912); da war, gegenüber der Seite 392 eine <Übersichtskarte der Norddeutschen Heidegebiete>; und dort, weit abgetrennt von dem gelbbraunen Haupt=Heide=Zuge von der Zuidersee bis Hela, erblickte ich tief im Binnenland eine große isolierte Haide=Insel, die Niederlausitz – und in ihr lagen sie alle, die Orte Tschirne und Halbau und Weißwasser !
:  Da war ich beruhigt.
(Reemstma, Jan Philipp u. Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): »Wu Hi ?« Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg. Haffmans Verlag, Zürich, S.17f., 1986)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern. einen ruhigen November, in dem Sie sicher wissen, wohin Sie wirklich gehören.

 

(Einige photographische Impressionen. Für die beiden abgelichteten Fotos liegt das Urheberrecht bei Herrn Robert Scholz)

 

 

 

 

 

 

Beruf, Berufung, Karma oder Heringssalat in Tomatensauce?

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Die interessante Bedienungsanleitung für einen Kettennieter. Nützliche Hinweise zu Torpedo Dreigang-Schaltungen.
Essen & Trinken: Kohlrabigemüse mit Kerbel und dazu Bamberger Hörnchen. (Die Gurke aus dem Blumenkasten ist aromatisch und geschmacklich ein Kracher).
Schaffe: Planungen für weitere Modernisierungsmassnahmen am Haus.
Gugge: „Kundschafter des Friedens“ Ein schöner Film. Grandiose Besetzung. In memoriam Michael Gwisdek. Auf arte.de…

 

Phimbo. Scheriff. Pongo. Knüppel. Vogta. Käsje. De Ohm. Clemens B.. Kröner.

Die alte Garde.

Ich muss vorsichtig sein. Schliesslich habe ich selbst einige Jahre… Zu meiner Entschuldigung bringe ich vor, dass es reiner Zufall war. Damals auf dem Flughafen Schipol in Amsterdam.
Wir warteten auf den Rückflug nach Südamerika. Da sprach mich der Direktor einer Deutschen Schule an. Sie sind doch… und haben…
Meine Litanei von Ausreden. Ich bin eigentlich in Südamerika weil… Nein, zur Zeit arbeite ich mit kolumbianischen Exilanten… Nein, ursprünglich kam ich hierher, um … Ich bin unsicher, ob ich der Richtige…

Natürlich habe ich zwei Tage später mein CV abgegeben. Es gibt Verführungen und Herausforderungen (im positiven Sinne), denen ich kaum widerstehen kann. Und bin so aufgrund meiner Ausbildung und Studien Lehrer geworden. Ich sass im Lehrerzimmer und in Konferenzen.
Jahrelang hatte mich die Schulbank gedrückt und nun sass ich auf der anderen Seite. Ein Fremder neben merkwürdigen Menschen.

Ein Verräter an der Sache?

Kommt drauf an, welchen und vor allem wie man Unterricht gibt.

Meine Nachteile: mir fehlte ein Referendariat. Ich wusste nicht, wie man einen vorgegebenen Lehrplan umsetzt. Ich hatte überhaupt wenig Ahnung von diesem Geschäft.

Meine Vorteile: ich hatte das wirkliche Leben kennengelernt. Also nicht diesen seltsamen Lebenslauf: Schule, Hochschule, Schule. Sondern das wirkliche Leben. Eigenverantwortlich handeln. Für Fehler sofort abgewatscht werden. Keine Beförderung, kein Beamtentum, sondern stetige Leistung macht meinen persönlichen Erfolg.
Vor allem aber: ich hatte nie vergessen, dass ich selbst einmal Schüler war. Und ein grottenschlechter dazu. Ein Schulversager. Durch familiäre Erziehung und das Sahnehäubchen fürs Leben obendrauf – etliche meiner Lehrerinnen und Lehrer.

Eingangs schrieb ich einige ihrer Namen. So wurden sie von uns Schülern genannt. Schon Jahre vor meiner Schülerkarriere waren ihnen diese Spitznamen zugeschrieben worden. Manche Namen berechtigten sie durch ihr Verhalten, andere waren rückblickend ungerecht. Pongo konnte nichts für seine auffällige Progenie.
Der Scheriff hingegen war kriegsbedingt seelisch schwerbeschädigt. Wenn wir Sextaner – er war Oberschullehrer und hatte keine Lehrbefähigung für die Mittel- und Oberstufe – wenn wir Sextaner nur unruhig waren im Klassensaal hob er seine Aktentasche mit zwei Händen in die Höhe und schrie: “ ich werde Euch alle vernichten, Ihr Affenbande“. Dabei knallte er mit voller Wucht seine flache Aktentasche auf seinen Tisch, dass wir Kinder zusammenzuckten. Klar, dass die helleren Köpfe von uns nach drei Wochen schon heraushatten, wie man den Scheriff zum schreien bringen konnte. „Ihr Verbecher, ich werde Euch vernichten“.
Ein einziges Mal habe ich erlebt, wie er in einem seiner Schreianfälle schlagartig still geworden ist. Das war als sich die Schülerin V. vor Schreck unter die Bank übergeben hatte.

Der Knüppel, Mathe und Physik. Promovierter Gymnasiallehrer. Der ging im weissen Kittel, darunter Hemd und Krawatte, immer vor der Klasse auf und ab, nachdem er dieser eine Aufgabe gegeben hatte. Er bewegte im Auf-und-Abgang seine Lippen und murmelte unhörbar. Lag etwas in seiner Gangbahn (Gangway?) so kickte er es mit seinem Fuss zur Seite. Was nimmt es Wunder, einem solchen etwa einen Radiergummi auf dem Holzfussboden festzunageln. Und der Knüppel geht murmelnd hin und her und kriegt das Dingens am Boden nicht weg.
„Also, gill, so geht das nicht.“
In Hessen sagt man gelt oder treffender gell aber nicht gill. Auch heute noch erinnert man sich gerne an den Knüppel. Betonfrisur exakt wie der Wehrmachtsoffizier und spätere Bundeskanzler Schmidt. Allerdings in graumeliert.

Die Vogta, katholische Religion und Geschichte, Fräulein Doktor und das Käsje, Biologie und ebenfalls Fräulein Doktor. Welche Lebensglücke hätten diesen früh verhärteten Mädels erblühen können. Ein heute noch gerne zitierter Witz bei Zusammenkünften war der Eintrag ins Klassenbuch vom Käsje: Ärmel misshandelt die Türklinke.
Für die Jugend unter uns Lesern: damals als mich die Schulbank drückte, hielt ein Schüler oder eine Schülerin die Tür auf, wenn sich die Lehrkraft näherte. Als eines Tages das Käsje den Klassensaal betrat, liess ich die gedrückte Türklinke hochschnappen. Das reichte für einen Tadel im Klassenbuch.

Besser war der Kröner. Ein stiller Sadist. Evangelische Religion und ? :ich vermute Musik. Der hatte es drauf, das Ohr eines Schülers oben zwischen seinem zwei Fingernägeln anzupacken und langsam nach oben zu drehen. Der Delinquent drehte sich dann unter dem Schmerz zu seiner Drehung langsam aus der Bank hoch. Harmloser, weil etwas weniger schmerzhaft, waren dagegen seine Kopfnüsse mit einem Kreidestück. Er schaffte es mit passenden reden, dass Mitschüler entweder laut auflachten oder zumindest lächelten.

Harmlos war dagegen die Frau Franke. Die sammelte in der Klasse nur regelmässig für die damals noch existente Bewegung „Freiheit für Südtirol“. Zehn Pfennige reichten zum Freispruch und einen positiven Vermerk in ihrem roten Notenbuch. Ich bekam von zuhause kein Geld für diesen „Quatsch“ und erhielt entsprechende Noten.

Für Heiterkeit sorgte dagegen Frau Schmidt. Kunstlehrerin. Mit einem für uns Schulbuben geradezu unglaublich mächtigen Hinterteil. Sie fuhr ein Goggomobil TS 250. Allein der Anblick, den sie bot, wenn sie sich in das Wägelchen hinein- oder herausschraubte. Schülerspott kann grausam sein.

Immer die gleiche Show bei der Rückgabe der korrigierten Lateinarbeiten. Studienrat B. erinnerte in seiner Erscheinung an den Kaplan Kindlein (Rudolf Rhomberg) in der 1965 erschienenen Filmkomödie „Tante Frieda – Neue Lausbubengeschichten“. Etwas dicklich, irgendwie schwammig. Und dazu diese unheimlich sanfte Stimme. Ein Raubtier im Klassenzimmer. B. ging durch die Bänke und überreichte jedem Schüler, der dabei aufstehen musste, seine Klassenarbeit ohne einen weiteren Kommentar.
Bei den Spezialkandidaten, zu denen auch ich gehörte, behielt er das Heft in der Hand und fragte:
„Ärmel, kennst Du meinen Vornamen?“
Bereits im Aufstehen musste man dann lateinisch korrekt antworten: „Ja.Clemens, clementis. G
ütig, barmherzig.“
„Und deshalb habe ich Dir noch eine Fünf gegeben, obwohl Du…“ Liess das Heft auf die Schulbank fallen und stand schon am nächsten Tisch.
Mir machte das nichts weiter aus. Aufgrund meiner häuslichen Erziehungserfahrungen (oder vielleicht eines besonderen Gens) erkenne ich, seit ich ein grösseres Kind gewesen bin, lediglich echte Autoritäten an. Wer sich selbst als Autorität darstellt und sich damit Anerkennung verschaffen will, ist allenfalls ein läppischer Machtspieler. Wirkliche Autoritäten haben es nicht nötig, andere Menschen mit ihren Fähigkeiten oder gar verliehenen Titeln beeindrucken zu wollen.
Eines Tages blieb der gütige und barmherzige Studienrat vor einem Mitschüler stehen. Dieser war kein Kandidat sondern ein fleissiger Schüler. Der klassische Einserschüler. Unauffällig im Unterricht und doch jederzeit ansprechbar.
„Kennst Du meinen Vornamen?“ Auf dem Nachhauseweg stellte der Schüler sein Rad am Stamm eines Pflaumenbaums ab. Wir erfuhren erst einige Tage später, dass der Schüler aus dem Leben gegangen sei.

Ich habe diesen Bericht in der vorigen Woche unterbrochen auf der Suche nach einer positiven Wendung. Heute nun stelle ich fest, dass der 5. Oktober der Weltlehrertag ist. Das ist für mich der willkommene Anlass, all den Lehrern zu danken, die mir dazu verholfen haben, meine Horizonte und mein Weltwissen zu erweitern. Lehrer und Lehrerinnen, die über diesen arg seltenen feinen Humor verfügten, dass man sie als Schüler einfach anerkannte und achtete. Ohne dabei so recht zu wissen, warum und wofür man sie ohne weiteren Widerspruch respektierte. Bei manchen dieser Persönlichkeiten ist mir das erst Jahre später klar geworden.
Zu danken habe ich auch jenen Pädagogen, die es drauf hatten, dass mir nach anfänglichem Widerstreben selbst ihre verordneten Strafarbeiten Freude machten, weil mir der Sinn der Aufgaben während der Arbeit offenbar geworden ist.
Dankbar erinnere ich mich – wer von all meinen Lehrern in all den Klassen und verschiedenen Schulen mag wohl noch am Leben sein? – dankbar erinnere ich mich auch an die Pädagogen, die mit ihrem Unterricht gleich Hochseilartisten die Balance halten konnten zwischen Forderung und Förderung ihrer Schüler.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mir die Lehrkräfte, denen ich noch heute die Hand schütteln und ihnen herzlich danken möchte, geradezu willentlich aus meiner Erinnerung hervorrufen muss. Die anderen dagegen, die man gerne vergessen möchte, und in meinem Fall waren das merkwürdigerweise mehr Lererinnen als Lehrer, die drängen sich von Zeit zu Zeit bei entsprechenden Gelegenheiten noch immer ungebeten in den Vordergrund.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen goldenen Herbst mit herzerwärmenden menschlichen Begegnungen.

 

 

 

 

 

Ansichtssachen (XVII)

Das Gespräch im hesisschen Dialekt wird im folgenden transkribiert wiedergegeben.

Hallo?
Ich bins. Habt Ihr wieder Süsse?
Klar, wieviel braucht Ihr denn?
Wieviel habt Ihr denn?
Genug. Bring´ aber einen Kanister mit. Wegen den neuen Bestimmungen haben wir keine mehr. Ist viel zu teuer.
Alles klar, ich komme gleich vorbei.

 

 

Und, wie lange wird der halten?
Drei Tage. Dann hast Du Rauscher. Stell´ ihn halt kühl, dann hält er vier, vielleicht sogar fünf Tage.

 

Rauscher???

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von toten Hamstern und rostigen Bauern

Horsche: Dies und das von allem was – zwischendurch und im Vorübergehn.
Lesen: Schon etwas betagter; trotzdem sehr empfehlenswert: Ulrich Herzog – Fahrradheilkunde. Ein Reparaturhandbuch für Velocipedfahrer. Moby Dick Verlag, 1988.
Essen & Trinken: Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Frisches aus dem Garten. Es ist ein Wunder, was aus einem Samen entsteht und wie aromatisch das schmeckt. Wenn es überdies liebvoll zubereitet wird, entstehen Köstlichkeiten.
Schaffe: In der Werkstatt La Perle zerlegen. Gespräche darüber, wie es weitergehen soll mit den Teilen. Inzwischen ist bekannt, dass diese Schönheit siebzig Jahre alt ist. Teile gibt es, wenn überhaupt, allenfalls noch bei Verkäufern in La France.
Gugge: „Grenzenlos“ (2017) von Wim Wenders. Für einen Liebhaber seiner Filme ist dieses Werk ein schmerzlicher Fehlschlag. Bestimmt wird die ausstehende Dokumentation über seinen Werdegang „Desperado“ lohnender. Sendetermin 14.8. ARD…

 

Wenn man am Flurgraben entlang fährt, also an dem, was von dem ehemaligen Entwässerungsgraben noch erkennbar übrig geblieben ist, gelangt man an einen Rheindamm. Zuvor streift man noch den Grenzrand eines Industriegebietes. Dies gehört zur westlich gelegenen Nachbargemeinde.

Diesen Weg nimmt man als Wanderer oder Radfahrer, wenn man die nahegelegenen Rheinauen besuchen oder die alte Schiffsmühle besichtigen möchte. In der Nähe bietet zudem eine Gartenwirtschaft Speisen und Getränke an. Eine ebenso interessante wie abwechslungsreiche Flusslandschaft.

Seit Jahren ist mir dieser Weg bekannt. Immer wieder einmal schwappen mir Erinnerungen auf. Damals, als wir Jugendlichen mit unseren Mopeds noch über Feldwege hier unterwegs gewesen sind. Damals, als es die A671 noch nicht gab. Im Flurgraben und an seinen Ufern konnte man Frösche und Kröten finden.
Heini A. muss hier auf den Feldern seine Schlingen ausgelegt haben. Er war auf Hamster aus. Ich erinnere mich noch. Als ich Kind war, kam er wochenends auf seiner Kreidler Florett mit einem kleinen Sack aus grober Jute von seiner Jagd zurück. Ich weiss nicht, wo er den Hamstern ihre Felle abgezogen hat. Zum Trocknen aufgespannt hat er sie jedenfalls unter der Decke der überbauten Toreinfahrt unseres Hauses. Durch den Verkauf der Felle verdiente er sich ein Zubrot.

In jenen Zeiten gab es das wuchernde Industriegebiet noch nicht. An seinem Rand liegt ein Grundstück. Der Weg trennt es vom Flurgraben. Seit fast zehn Jahren fahre ich daran vorbei. Aufgefallen ist es mir, weil es auf dem etwa tausend Quadratmeter grossen Gelände mit der Halle aus Wellblech darauf offensichtlich keine Veränderungen gibt. Eine kleine Holzhütte, vielleicht als Büro genutzt und zwischen zehn und zwanzig Wohnwagen. Vermutlich vermietete Stellplätze. In einer Ecke eine kleinen Ansammlung von Metallschrott. Vor zwei Jahren fielen mir eher beiläufig in dem Schrotthaufen Fahrradfragmente auf. Im Unkraut verwachsen und vor sich hinrostend.

Im Zuge der neu erwachten Schrauberei an Fahrrädern wurde ich neugierig. Eines Abends hielten wir am Zaun, um genauer hinzuschauen. Drei Fahrräder. Rixe, Bauer und eine unbekannte Marke. Auf dem Grundstück nebenan war ein Autoschrauber zugange. Ich grüsste und fragte ihn nach seinem Nachbarn. Der sei selten da und ziemlich schwierig. Er gab mir immerhin seine Telefonnummer.

Erkläre mal einem „schwierigen Mann“, warum und wofür du seine drei verrosteten Radfragmente haben möchtest.

Ich schob den Anruf hinaus. Ich hatte keinen guten Text in petto. Kurze Zeit danach hatte ich in der Nähe zu tun. Der vereinbarte Termin musste jedoch verschoben werden. So entschied ich spontan, an dem Grundstück vorbeizufahren. Ein alter Mann schaffte auf dem Platz, das Gittertor stand offen. Als er mich sah, kam er mir mit misstrauischem Blick entgegen.
Ich stellte mich vor und fragte ihn nach den drei alten Fahrrädern, die ich seit Jahr und Tag da liegen sähe. Es entstand ein kurzes, nicht unfreundliches Gespräch. Am Ende durfte ich die drei Vehikel einladen und mitnehmen.

Als das Bauer Modell Sport, die Rahmennummer verweist auf das Produktionsjahr 1960, im Reparaturständer hing bot es einen traurigen Anblick. Was könnte man sinnvoll daraus machen? Ausschlachten? Bei den beiden anderen Rädern war die Antwort einfacher.
Wir entschieden uns dafür, das Bauerrad technisch einwandfrei wieder zum Laufen zu bringen. Die Optik sollte dabei die Leidensspuren der geschundenen Fahrmaschine nicht verleugnen. Unsichere, weil zu stark verrostete Teile wurden ausgetauscht. Noch Brauchbares wurde so konserviert, dass es dem Zahn der Zeit noch eine ganze lange Weile standhalten kann. So entstand eine sehr eigenwillige Ästhetik.
Das Rad wurde komplett zerlegt, alle Lager überholt, bzw. erneuert. Im Hinterrad dreht sich jetzt eine betagte Dreigangnabe für kühne Beschleunigungen und am Vorderrad sorgt die komplett aufgearbeitete Bremse des Schweizer Rades für kurze Bremswege. Die roten Lenkergriffe wurden falsch geliefert. Dennoch, der Fahrspass ist enorm und die ersten Ausfahrten bereiteten viel Freude.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern freudvolle Tage.

 

 

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