Die schräge Messerschiene – Hirndesign und Menschenliebe

Die Vorgeschichte wäre einen eigenen Beitrag wert. Zu Weihnachten lag die einjährige Freundschaft zu einem Radiosender im Internet auf dem Gabentisch. Fast hundert Moderatoren. Alle mit Erfahrungen als Radiomacher, Musikjournalisten oder Musikern. Teilweise legendäre Namen. Leute, die wissen, von was sie reden. Alle Richtungen der populären Musik der letzten hundert Jahre. Und vor allem keine Werbung und nicht die Jammergesänge kindischer Jungfrauen und alleinerzogener weinerlicher Jüngelchen. Jeder kann die täglichen Sendungen hören. Nur Freunde haben allerdings Zutritt zum Archiv – byte.fm. Und das hats wahrlich in sich…

Die gepflegte Dame mittleren Alters sah sich suchend in der kleinen, sehr einfach eingerichteten Küche um.
„Und an dem Preis wollen Sie unbedingt festhalten?“
Der Grossteil des vormals teuren Geschirrs war bereits anderweitig verkauft. Die wenigen verbliebenen Stücke bot ich als sehr preisgünstiges Konvolut an. Fundstücke für Sammler oder Benutzer. Die Fabrikation des Geschirrs war vor Jahren schon eingestellt worden. Einzelne Stücke erzielen auf dem Markt mitunter anständige Preise. Da sie fast alle restlichen Teile kaufen wollte, machte ich ihr einen schönen runden Verkaufspreis. Ein gutes und schnelles Geschäft für beide Seiten.

Gleich beim ersten abschätzenden Ansehen und Betasten der Teller und Tassen erwähnte sie, dass sie im Kulturmanagement beschäftigt sei. Design läge ihr am Herzen und sei wichtig für Ihr ästhetisches Wohlbefinden. Nur seien leider die meisten Angebote preislich überhöht, wenn nicht unverschämt. Mir fiel beim Anblick ihres flachrosa Twinsets aus Angora im Design von Jil Sander der Text eines Songs von Achim Reichel ein. 

„Und nimm aus dem Schlafzimmerschrank deine Röcke und Twinsets und deine Goldjäckchen,
Nimm deine Spitzenblusen und deine Schuhe und Schühchen, mit den Pfennigsabsätzen
Und die mit den Gold und Silber Aufsätzen
Und nimm deine Büstenhalter und Slips mit
Und lass deine Nylonstrümpfe nicht liegen

wenn ich sie anfassen muss, bekomme ich ´ne Gänsehaut.“
(Achim Reichel – Am besten, Du gehst)

„Und mit dem Preis wollen Sie mir nicht noch etwas entgegenkommen?“ Als ich auf ihr Verlangen nicht weiter reagierte, sah sie sich wieder suchend um. Im Lauf der Zeit lernt man das Verhalten von Käufern kennen. Sie gehörte offensichtlich zur Kategorie Nachschlag. Wenn das Preisdrücken nicht hinhaut, soll wenigstens ein Naturalrabatt herausspringen. Im Lauf des Lebens lernt man Erwiderungsstrategien. Ihrer Sorte Käufer begegnet am besten mit der goldenen Regel erfolgreicher Schweizer Verkäufer: Schweigen. Sie betastete ein Stück hier und besah ein anderes dort. Zeitraub und zu viel Aufwand für kleines Geld.

„Es handelt sich nicht um eine Haushaltsauflösung“, merkte ich nebenbei an. Aber sie war offenbar fündig geworden.
„Was ist denn hier mit der Designerschiene?“ Aus dem Munde mancher Menschen lassen die Worte Design oder Designer Widerwillen in mir aufsteigen. Es passt nicht zusammen. Nicht zu den zu engen Ballerinas denn diese stehen im krassen Gegensatz zur Frisur. Geduld wurde zur Energieleistung.

„Von welcher Schiene sprechen Sie?“ Sie zeigte mit einer Handbewegung zwischen nonchalant und wegwerfend auf die magnetische Halterung für die Küchenmesser.
„Die gibts doch für Kleingeld beim Elchkaufhaus“. Sie lächelte süffisant. Vielleicht über meinen Wortwitz.
„Ja, das weiss ich schon. Aber dort gibts nur noch die waagrechte Ausführung.“

 

Als ich seinerzeit aus Berlin zurückkam, machte ich mich auf die Suche nach einer Arbeit. Dürre Zeiten. Ausgebrannt vom tagtäglichen stundenlangen Fotografieren und der nicht endenwollenden Arbeit in der Dunkelkammer. Ausserdem war ich ziemlich abgebrannt. Der Sommer ging zu Ende und ich brauchte ein Dach überm Kopf. Gesucht wurden allenfalls Filmverkäufer oder Passbildknipser. Keine Ducati in der Garage. Keine Freundin. Keine WG. Musikalisch reichlich desorientiert. Damals passte meine Habe in den geräumigen Kofferraum eines Mittelklassefahrzeugs. Klamotten, Schallplatten, Bücher und Bettzeug.

Eines Abends wich die Ratlosigkeit neuen Aussichten in meiner alten WG. Natürlich hatte jeder eine Idee parat. Und jeder meinte die für mich beste auf Lager zu haben. Der folgende und alle sich anschliessenden Dialoge wurden im Dialekt gesprochen. Schliesslich waren wir alle Dorfbuben aus dem alten Ortskern.

„Du kannst meinen alten Kadett haben. Schenk ich dir. Hat noch TÜV bis Februar.“ Für eine Überraschung war Horst immer gut. Wir lachten lauthals von tief unterm Herzen heraus. Und von ihm stammten Ausdrücke, die ich noch heute gerne verwende. Lutscher oder Fratzemacher zum Beispiel. Im Dialekt gebraucht für einen Schwätzer und einen aufgeblasenen Angeber.

„Geschenkt? Und was soll die Wohltat unterm Strich kosten?“
„Nix. Musst halt wegen der Beifahrertür ein bisschen aufpassen.“

Einige Bierchen später war auch das Wohnungsproblem geklärt. Wobei Wohnung nun wirklich übertrieben ist. Horst stammte von einem Bauernhof. Ich hatte das Gehöft im Vorbeifahren schon einige Male gesehen. In den 1970er Jahren gab es in der ganzen Gegend zahlreiche, etwas heruntergekommene bäuerliche Anwesen. Der letzte Schritt hin zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Nach der Flurbereinigung wurden viele landwirtschaftliche Betriebe nur noch als Nebenerwerbsquelle bewirtschaftet. Eine oder zwei Kühe zum Milchverkauf, Hühnerhaltung oder Spargelanbau erbrachten den monatlichen Grundbedarf. Die Bauern arbeiteten derweil als LKWfahrer oder Lagerarbeiter in den Firmen der näheren Umgebung. Wenige Landwirte, risikobereit oder bauernschlau sei dahingestellt, zogen als Aussiedler vor die Ortschaften und kauften oder pachteten Land von den Kleinbauern.
Manche Kleinbetriebe öffneten ihre Hoftore in den 1980er Jahren wieder. Die grüne Bewegung der Bildungsbürger sorgte für neue Einkommensmöglichkeiten. Im Morgengrauen kauften die vormaligen Bauern landwirtschaftliche Produkte auf dem nahen Grossmarkt. Beim Bauern, der längst Händler geworden war, einkaufen fürs umweltbewusste Gewissen und im Glauben an die eigene Unsterblichkeit.

„Musst halt mit meinem Vater klarkommen“, meinte Horst, „dann kannst du die frühere Knechtkammer überm ehemaligen Stall haben. Da steht vielleicht sogar noch ein Ofen drin.“ Was für ein Angebot. Ich brachte meine Habseligkeiten die schmale Treppe hoch in den kleinen Raum.
Die Anlage zur Beschallung war rasch aufgebaut. Eine Matratze. Ein Kasten Apfelwein. Und schon sassen die ersten Compañeros in der Kammer. Horsts Vater begegnete ich nicht. Im hinteren Teil sah das Anwesen etwas verwildert aus. Der Misthaufen schien seit Jahrzehnten zu liegen. Hin und wieder lief ein Huhn über das Pflaster des Hofes. Vielleicht auch zwei.

Ein schöner Spätsommermorgen. Ich schaute frühmorgens aus dem kleinen Fenster hinunter in den Hof. Ein altes Herrenrad lehnte da an der Mauer. Was mochte die zweite Stange unter dem Oberrohr bedeuten? Ich ging runter in den Hof. Ich musste für meine Morgentoilette sowieso zur Pumpe. Zwei kleine Kordeln hielten den Stiel einer Harke unterm Oberrohr. Es wird eine Erklärung dafür geben, dachte ich mir. Und ging zur Pumpe für eine erfrischende Waschung. Im Tran hatte ich mein Handtuch oben vergessen. Und so stand ich da vornüber gebeugt. Aus meinen damals langen Haaren liess ich das Wasser ablaufen. Durch diesen haarigen Vorhang vor meinen Augen sah ich auf zwei Beine. Ich wrang die Haare aus. Der ältere Mann neben mir hatte zwei Eier in der Hand.

„Guude. Bist Du dem Ärmel sein Bub? Der Horst hat mir da was gesagt.“
„Guten Morgen. Ja, das stimmt. Ich habe mir oben das Zimmer eingerichtet. Übergangsweise.“
„Zimmer. Dass ich nicht lache. Eine Knechtkammer iss das. Du kommst nachher mal zu mir in die Küche zum reden.“
„Klar. Ich brauche etwa zehn Minuten.“
„Von zehn Minuten habe ich nichts gesagt. Ich habe gesagt : nachher.“
„Also gut, nachher.“

Das alte Fachwerkhaus hatte schon den dreissigjährigen Krieg und manche spätere Katastrophe erlebt. War niemals niedergebrannt. Kleine Fenster und niedrige Decken. In der Küche war es finster. Meine Tritte wurden durch einen nicht näher erkennbaren Teppich gedämpft. Eine karge Einrichtung. Der alte Eisenofen mit dem mächtigen Ofenrohr und dem seitlichen Wasserschiff. Auf dem Tisch lag allerlei herum.

„Kannst Dich da hinsetzen.“ Ich rückte den Stuhl vor den freien Platz auf der Tischplatte. Horsts Vater nahm mir gegenüber Platz. Mit dem Unterarm fegte er den Platz vor sich frei. Meine Augen hatten sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Ich sah, dass er die Schalen von der Tischplatte auf den Boden gewischt hatte. Der Boden am Tisch war übersät von Schalen.
Zu meinem Erstaunen fiel mir auf, dass ein angenehmer Geruch die Küche durchzog.

„Ich muss jeden Morgen die Eier von den beiden Hühnern suchen. Die streunen im Hof und legen, wo es ihnen gefällt. Zum pissen kannst Du auf den Mist gehen. Dort legen sie nicht.“ Bei diesen Worten schenkte er mir eine trübe Flüssigkeit ins Glas.
„Apfelwein. Selbst gekeltert. Ich putze sogar meine Zähne damit.“
„Ich habe noch nicht gefrühstückt. Später vielleicht.“
„Ach was, red´ keinen Unsinn. Hier…,“ und damit liess er den Deckel von dem grossen Topf auf diese gusseiserne Herdplatte scheppern. Er griff in den Topf und reichte mir eine sauber geschälte goldgelbe Kartoffel.
„Ich leb´ von Kartoffeln und Äpfeln. Und ich trink´ Apfelwein. Mich bringt nix um.“
„Leider.“
Dieses nachgeschobene Leider verwirrte mich. Ich griff die Kartoffel und biss hinein. Spülte mit dem Selbstgekelterten nach. Es war eine unwirkliche Situation. Sowas kommt doch bloss in Romanen vor.
Die lauwarme Kartoffel schmeckte prima. Der Apfelwein hätte etwas kühler sein dürfen. Aber einen Kühlschrank habe ich in der Küche nicht gesehen.
Ich habe den alten Bauern nach diesem morgendlichen Gespräch nicht wieder gesprochen. Ich sah ihn manchmal, wie er den Hof mit seinem Rad und der angebundenen Harke verliess. Oder wie er es gegen Abend an die Wand lehnte und den alten, offenschtlich schweren Jägerrucksack vom Gepäckträger nahm.

„Und, klappts mit Euch beiden“, fragte Horst Monate später.
„Kann nicht klagen“, erwiderte ich, „ganz am Anfang hatte er mich mal in die Küche bestellt und mir einige Fragen gestellt. Aber sonst begegnen wir uns nicht.“
„Der macht seine Sache. Will seine Ruhe haben und lässt andere in Ruhe.“
„Sag´ mal, Dein Vater schwingt sich morgens aufs Rad und kommt nachmittags mit seinem Rucksack wieder heim. Was macht er denn den ganzen Tag über?“
„Och, der radelt rum und kümmert sich um sein Essen. Je nach Jahreszeit.“

Ich wollte mehr wissen, aber Horst wurde maulfaul. Er wurde geradezu einsilbig. So kannte ich ihn bis dahin nicht. Einige Tage später, ich machte gerade das Hoftor hinter mit zu, sprach mich ein Nachbar an.
„Du bist doch dem Ärmel aus L*** sein Sohn?“ Ich bejahte.
„Wohnst Du etwa hier beim Horst seinem Vater?“ Ich bejahte.

Der Nachbar wurde redselig. Er kannte meinen Vater vom Fussballspielen. Sofort spulte er einige abgestandene Schwänke aus deren gemeinsamen alten Zeiten ab. Mit manchen Menschen ist es wie mit Motoren. Man muss sie warmlaufen lassen, dann kann man Gas geben.
„Horsts Vater hat ziemlich merkwürdige Lebensgewohnheiten“, eröffnete ich.
„Hast Du Dir den Hof schon mal genauer angeschaut“, erwiderte er. Und er begann zu erzählen. Darauf hatte ich gewartet. Damals fing das an. Seit jenen Zeiten warte ich immer auf die Geschichten der Alten.

Die Frau des Bauern war unverhältnismässig jung bereits gestorben. Den Mann sprang die Trauer so ungestüm an über den jähen Verlust seiner geliebten Frau, dass ihm sein Lebensplan durcheinander geriet. Er stürzte in sich selbst und versank darin. Vernachlässigte seine Arbeit. Die verbliebenen Felder. Das Vieh. Als die beiden Kühe schrieen weil die prallen Euter schmerzten, halfen die Nachbarn ohne viele Fragen. Im Kaff kennt einer den anderen. Da muss man nicht viel fragen. Nach und nach wurde das Inventar verkauft. Die Tiere, der mächtige Lanz Bulldog. Kleinigkeiten, die noch brauchbar waren.
Zurück blieb ein gebrochener Mann. Aber er begann zu schwimmen, stellte sich gegen seine Trauer ohne dagegen anzukämpfen.
Ich denke ihn mir in seiner Trauer unverstanden von der Nachbarschaft. Aber man liess ihn gewähren. In einem kleinen Dorf kann einem das Leben schwer werden. Und dennoch kann man sicher aufgehoben sein. Wenn man ein wenig Glück hat.
Ich hätte es damals nicht beschreiben können, aber ich konnte den Mann irgendwie verstehen. Er imponierte mir.
Er fuhr mit seinem Rad über die Äcker und besorgte sich, was er zu seiner Notdurft brauchte. Im Herbst vor allem Kartoffeln und Äpfel. Er schien tatsächlich ausschliesslich davon zu leben. Man liess ihn machen. Die wenigen Kartoffeln, die er sich von fremden Äckern holte waren zu verschmerzen. Selbst der bei uns seit unserer Kindheit gefürchtete Feldschütz kratzte sich hinterm Ohr und winkte dann ab wenn Horsts Vater ihm in der Gemarkung zufällig vor sein Dienstmoped lief.

Im kommenden Frühjahr bezog ich die Mehlkammer und die Stuben der Bäckerburschen eines ehemaligen Backhauses. Was aus dem alten Bauern geworden ist, weiss ich nicht. Wir waren nichts als jung. Horst ging in eine andere Stadt zu seinem Studium. Ich hörte Jahre später, dass er irgendwo Karriere gemacht haben soll.
Im folgenden Frühjahr fuhr ich den Kadett zum TÜV. Die Beifahrertür war mit dem angeschweissten Riegel einer Stalltür gesichert. Das ging damals noch durch. Wir lebten schliesslich auf dem Land. Damals noch. In der Grube  klopfte der Prüfer von unten mit dem Hämmerchen gegen den Boden des Autos. Und klopfte nochmals.
„Ich kenne doch das Geräusch. Ich weiss nicht, was Sie da gemacht haben, aber der Boden ist dicht.“ Er hämmerte noch mehrmals. Man musste ihm schliesslich nicht offenbaren, dass der durchgerostete Unterboden weitgehend mit Fertigbeton zugeschmiert und abgedichtet
worden war.
Horsts Vater wurde in gewisser Weise ein Vorbild für mich. Er lebte absolut reduziert. Kümmerte sich mit seinem Rad und seiner Harke um seine Nahrung. Ich bin unsicher, ob er darüber nachgedacht haben mag, was Liebe sei. Gelebt hat er sie jedenfalls bedingungslos. Es muss ihn am Leben gehalten haben, dass im schmerzlichen Leiden und in tiefer Trauer doch ein verborgenes Glück liegen kann, das einem am Leben festhalten lässt. Auch wenn man es nicht erkennt oder versteht.

 

Und dann verstand ich, dass sie nichts verstanden hatte, (Nun gehts weiter in gepflegtem Hochdeutsch.)
„Es gibt keine verschiedenen Ausführungen – – “ Sie unterbrach mich kalt.
„Doch, es gab eine waagrechte und eine schräge Ausführung. Das weiss ich genau, ich habe es im Katalog gesehen.“ Es gibt Menschen, denen ist nur mit der Wahrheit zu helfen.
„Sie sehen es doch selbst. Ich habe wegen des Platzmangels an der Wand die Magnetschiene schräg angebracht.“ Ein Moment der Stille. Ein letzter schnippischer Widerspruch.
„Ich habe aber auch die schräge Magnetschiene gesehen. Und die ist jetzt nicht mehr im Programm. Vielleicht wollen Sie mir Ihre ja nur nicht verkaufen.“
„Beim Elch können Sie diese kaufen. Die Löcher schräg gebohrt. Machen Sie es so und Sie haben auch eine schräge Designerschiene.“
Sie zahlte den vereinbarten Betrag mit frostiger Miene. Ich öffnete ihr das Hoftor. Sie verstaute mit schmallippigem Gruss die Geschirrteile in ihrem Auto.

Design? Dass ich nicht lache. Die meisten Produkte, von namhaften Desigern entworfen, taugen nicht fürs wirkliche Leben und keineswegs für den alltäglichen Gebrauch. Das wirkliche Leben hängt nicht an einer schrägen Messerschiene.
Horsts Vater. Das Wort Design ist dem Mann zeitlebens nicht über die Lippen gekommen. Alles Schabbes, hätte er wahrscheinlich bemerkt. Den Verlust eines herzinnigst geliebten Menschen zu betrauern und dennoch weiter seinen Lebensweg zu gehen. Das ist das wirkliche Leben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges Wochenende.

 

 

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Auch in diesem Jahr wieder : Zu guter Letzt

Es ist an der Zeit, das 2018er Jahr zu verabschieden. Von einigen Menschen musste ich mich traurigerweise in diesem Jahr verabschieden, von anderen habe ich mich erleichtert verabschiedet. Ebenfalls in diesem Jahr ist der legendäre Schlagzeuger Jon Hiseman verstorben. Sein letztes Album : JCM – Heroes (2018)…

In diesem Jahr habe ich begonnen, an meiner Lebensbuchführung zu arbeiten. Meine zahlreichen Begegnungen und Kollisionen mit Menschen und Orten. Eher eine Inventur als eine Bilanz wird irgendwann daraus werden.
Ein erstes Beispiel dafür war der vorherige Beitrag  über die Musikapparaturen, die mein Leben begleitet haben. Ich habe einen hölzernen Karteikasten angelegt, in welchem ich auf Kärtchen die entsprechenden Details notiere. Erinnerungen an Menschen, denen ich besondere Erfahrungen verdanke. Orte, die ich kennenlernen durfte, an welchen mehr oder weniger berühmte Menschen gelebt oder gewirkt hatten. Stoff genug für ernste und auch heitere Denkwürdigkeiten, über die hier zu berichten sein könnte.

Die Berichte im kommenden Jahr werden weniger, dafür jedoch persönlicher werden. Die Zeiten für ein ausdruckslos einsames Blendamed-Lächeln sind ebenso vorüber wie das insolvente Bloggeschäft mit der unverbindlichen Hingabe für Hergabe Mentalität.
Im Sinne der Reduktion scheint mir das nur folgerichtig. Mit meinen Photographien werde ich versuchen, die Texte noch treffender zu illustrieren. Ich verweigere mich der Massenware an nichtssagenden Fotos und belangleeren Berichte.

Vermehrte und intensivere Begegnungen mit körperlich oder seelisch-geistig beeinträchtigten Menschen erinnern mich täglich aufs Neue daran, wie gut es mir geht. Wie privilegiert ich bin. Über welche Autonomien ich verfügen kann. Wie frei ich eigentlich bin.

Auch in diesem Jahr konnte ich eines der mich seit vielen Jahren begleitenden Rätsel meines Lebens nicht lösen. Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe. Warum wollte ich als Kind und später als Jugendlicher nie irgendetwas werden, hatte keine Vorstellung von einem Traumberuf. Also kein Pilot, Feuerwehrmann oder gar Schauspieler. Nicht mal Bademeister. In diesem Jahr leuchtete mir erstmals der Gedanke auf, die Antwort darauf sei vermutlich belanglos.
Viel wichtiger ist dagegen, dass ich in diesem Jahr öfter gut geliebt als schlecht geschlafen habe. Und das am Horizont immer deutlicher erkennbare neue Projekt befeuert die Lebensfreude zunehmend.

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern, ein lichtes 2019er Jahr mit erhellenden Einsichten und erfreulichen Aussichten. Die Zeiten sollen angeblich rauer werden. Und so will das private Lebensglück sorgfältig und kraftvoll erarbeitet werden, denn keinem Menschen wird es geschenkt werden.

„Aber wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer : Parerga und Paralipomena, 1851. 1. Band, 5. Kap.: Paränesen und Maximen).

Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für ihre Aufmerksamkeit und das Interesse an meinem Blog.

 

 

 

Zweiundvierzig Jahre später – im Jahr 29 nach der Grenzöffnung

„After all your soul will still surrender
After all don´t doubt your part
Be ready to be loved“ (Yes – To be over)

 

Vorspann zum 3. Oktober 2018 : Gundermann (2018) von Andreas Dresen
Anschliessend spielt die Musik: Alexander Scheer & Band : Gundermann – Die Musik zum Film (2018)
Hauptfilm : Im Lauf der Zeit (1976) von Wim Wenders
Und als Itinerar, das
Buch: Fritz Müller-Scherz, Wim Wenders [Hrsg.]: Im Lauf der Zeit. Bild für Bild, Dialogbuch, Materialien. Frankfurt, Zweitausendeins. 1976. 334S.

Die Idee besteht seit zweiundvierzig Jahren. Leuchtete hin und wieder auf. Lebte weitgehend im Verborgenen und entging so dem Vergessen. Diente manchmal auch zu einer imaginären Flucht aus schwer erträglichen Verhältnissen.
In meinem vorletzten Beitrag beschrieb ich bereits ein intensives Erlebnis meines Lebens im Zusammenhang mit dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Und jetzt bestand endlich die Möglichkeit auf den Wegen des Films nachzuvollziehen, wie sich Deutschland verändert hat in den vergangenen zweiundvierzig Jahren und im Jahr 29 nach der Grenzöffnung.

Die Reisegesellschaft ist paritätisch besetzt. Sozialisationen in der alten BRD und der ehemaligen DDR. Da ist für reichlich Austausch gesorgt. Fragen und Antworten. Und gegenseitiges Staunen. Keine Wettbewerbe oder schräge Vergleiche. Allenfalls die kritische Hinterfragung eigener Fehl- oder Vorurteile und deren mögliche Korrektur.
Die Reise soll dem Streckenverlauf des Films von Wenders folgen. Wie haben sich Dörfer, Städte und Landschaften verändert in den vergangenen Jahrzehnten.
Aber wir wollen uns auch die Freiheit nehmen zu Abstechern. Erstens ist der Eiserne Vorhang offen und zweitens scheint es zu simpel, lediglich eine Filmroute nachzufahren. Es bieten sich in diesem grossartigen Land viel mehr Möglichkeiten zum Entdecken und Kennenlernen.
Und weil es keine Zufälle gibt, begegneten uns nicht wenige auf dieser Reise zu unserer Verblüffung.

Im Film verlief die Reiseroute von der Elbe im Wendland bis nach Oberfranken entlang der damaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Jeweils ein Abstecher der beiden Hauptdarsteller führte nach Viechtach beziehungsweise auf eine Insel beim Rheinkilometer 544. Die gemeinsame Filmreise endete in Hof an der Saale.

Es handelt sich um ein klassisches Roadmovie. Zwei Männer begegnen sich, sind für eine Zeit zusammen unterwegs und dann trennen sich ihre Wege wieder. Der eine fährt und lebt in einem alten Möbellastwagen und klappert in Dörfern und Kleinstädten die verbliebenen Lichtspieltheater ab, um dort anfallende Reparaturen an den technischen Ausrüstungen der Kinos zu erledigen. Der andere kommt aus Genua zurück, wo er sich offenbar von seiner Frau getrennt hat. Sie treffen sich, als er mit seinem Auto über Feldwege rast und seinen VW Käfer neben dem LKW in der Elbe versenkt. Damit beginnt der eigentliche Film.

Aufgrund der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit, vom dreissigsten September bis zum dritten Oktober, war vereinbart, die Wegstrecke in zwei Etappen aufzuteilen. Unsere erste Etappe, von der hier berichtet werden wird, führt also vom Wendland bis in die hessische Rhön südlich von Bad Hersfeld. Die zweite Etappe soll dann im Frühjahr des kommenden Jahres in Angriff genommen werden.

Der dreissigste September.
Die Reise beginnt mit dem Auffinden des ersten Drehortes. Vor einigen Jahrzehnten noch ein fast unlösbares Unterfangen, ist es mit Hilfe heutiger technischer Möglichkeiten fast ein Leichtes. Die Freude ist dennoch gross, als wir etwas seitlich der zerschossenen Brücke über dem Elbeufer stehen. Die Eisenbahnbrücke beginnt irgendwo auf einem Deich und endet am Elbufer. Im Film war sie zwei Bögen länger und endete in der Mitte der Elbe. Dort verlief die ehemalige Grenze zwischen der BRD und der DDR. Davon sind, zumindest hier, heute keine Spuren mehr zu entdecken. .
Die alte Wiebke-Tankstelle mit dem Schild für den Deutz-Dienst gibt es nicht mehr. Bei näheren Hinsehen jedoch kann man Mauerreste des Gebäudes der ehemaligen Tankstelle sehen, die in dem jetzigen Einfamilienhaus verbaut worden sind.
Gorleben ist nur wenige Kilometer entfernt. Dort sitzen wir bei untergehender Sonne am Elbufer versammelt zu einem sommerlichen Picknick. Die geplanten Lager in Gorleben wurden erst 1977  von der niedersächsischen Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Ernst „Fury“ Albrecht, dem Vater der Ursula von der Leyen, beschlossen. Als wir auf der Rückfahrt nach Lüchow von der Hauptstrasse abbiegen und uns einem der massiv bewachten Einfahrtstore nähern, kommt umgehend ein schwerer Geländewagen auf das Tor zugefahren. Ein schneller Schnappschuss zur Erinnerung ist dennoch im Kasten.
Die erste Nacht unserer Reise verbringen wir sehr originell in einer ehemaligen Gastwirtschaft in Lüchow.

Der erste Oktober.
Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Suche nach den Lüchower Schauburg-Lichtspielen in der Kirchstrasse. Nichts an dem etwas vernachlässigten städtischen Fachwerkhaus lässt Spuren des ehemaligen Kinos erkennen. In der direkten Umgebung entdecken wir einige weitere Drehorte. Kaum verändert und mit ganz wenig Phantasie sind sie zu erkennen.
Während im Film Bruno, der King of the Road, in den Landkinos die technischen Apparaturen repariert und instandsetzt, liest Robert, der Kamikaze, die jeweiligen Lokalzeitungen, wo immer er sie findet (Die Erklärung dafür gibts im zweiten Teil der Reise). Die Elbe-Jeetzel-Zeitung können wir beim Frühstück in Lüchow noch kaufen. Vorweggenommen sei, dass zwar fast alle im Film gezeigten Kinos inzwischen zu anderen Zwecken umgewandelt oder geschlossen sind. Im Gegensatz dazu scheinen sich die lokalen Zeitungen besser erhalten zu haben.
Fans der englischen Musikgruppe The Rolling Stones sollten in Lüchow das grösste private Rolling Stones Museum besuchen. Schier unglaublich, was dieser beinharte Fan im Lauf der Zeit so alles zusammengetragen hat. An diesem Montagmorgen ist es leider geschlossen.

Da wir in der glücklichen Lage sind, die ehemalige Grenze in beiden Richtungen nach Belieben überqueren zu können, machen wir davon im Verlauf unserer Fahrt ausgiebig Gebrauch. Als wir das Dorf Waddekath verlassen, zweigt rechts ein gut erkennbarer ehemaliger Kolonnenweg ab. Wir folgen ihm und erreichen nach etwa einem Kilometer ein Stück ehemaliger Grenzmauer am Waldrand. Ein Wachthäuschen nebenbei. In dem Waldstück liegt wie vergessen eine Panzersperre und daneben steht der alte Grenzpfahl. Direkt angrenzend liegt ein bäuerliches Gut mit seinen Scheunen und Stallungen. Felder und Wiesen endeten früher an dieser Grenze. Der kleine Bach ist jetzt ausgetrocknet. Ob er in älteren Zeiten auch schon Grenzgraben hiess. Ganz gleich, wo die Reisenden sozialisiert sind, die Ergriffenheit wird durch die Stille in dieser sonnigen frühherbstlichen Landschaft noch verstärkt.
Bei der Fahrt durch die alte Hansestadt Salzwedel steht der Wunsch rasch fest, diese schöne Stadt bei einem zukünftigen Wochenendbesuch zu entdecken und näher kennenzulernen..

In Wittingen erhalten wir eine praktische Lehre in Sachen historischer Forschung und dem speziellen Fachgebiet der Oral History. Wir suchen die Viehwertung gegenüber einer Texaco Tankstelle. Im Bewusstsein, dass seit der Drehzeit des Films zweiundvierzig Jahre vergangen sind, sprechen wir ausschliesslich ältere Menschen an.
Ja, die Viehverwertung, sagt die ältere Dame, die gibts zwar nicht mehr, aber das Gebäude steht noch. Es folgt eine leicht nachvollziehbare Wegbeschreibung. Wir finden jedoch nichts und stimmen überein, eventuell der Wegbeschreibung nicht genau gefolgt zu sein. An einer Tankstelle fragen wir erneut. Der Tankwart kann sich erinnern, weist in die entgegengesetzte Richtung und sagt, die alte Viehverwertung sei abgerissen und dort befände sich jetzt ein Supermarkt. Vor der Tankstelle spricht inzwischen eine Reiseteilnehmerin einen andern älteren Herrn an, auch der weiss sofort Bescheid und fragt, welche der beiden Viehverwertungen sie denn meine.
Wir kurven über eine Stunde in der Kleinstadt herum und kennen bald alle Strassen. Zwar finden wir das Anwesen der früheren Viehverwertung mit der gegenüberliegenden Texaco Tankstelle nicht, aber dafür freuen wir uns über das Interesse an unseren Projekt und die hilfsbereiten Gespräche der von uns angesprochenen Menschen.

Die Strassen durch die Südheide zum Wolfsburger Bahnhof sind gut ausgeschildert. Dort wollten sich der King of the Road und Kamikze eigentlich trennen und jeder seines eigenen Weges weiterziehen. Das einst weitläufige Areal vor dem Bahnhof (jetzt Hauptbahnhof!) in Wolfsburg ist längst mit postmodern erscheinenwollender Architektur bebaut. Wie auch im Bahnhof tummeln sich auf dem Vorplatz Spielhöllen und Läden mit Schnellmahlzeiten und verstellen den Blick, wie wir ihn im Film sehen konnten.
Auf meinen persönlichen Wunsch hin machen wir einen Abstecher hin zum Salzteich, in dessen unmittelbarer Nähe ich vor vielen Jahren wunderschöne Wochen unbeschwerter Kindheit verleben durfte.

Da sich Kamikaze für keinen passenden Zug von Wolfsburg aus entscheiden kann, blieben die beiden Männer zusammen. Die nächste Station von Bruno, dem King of the Road, ist das Roxy Kino in Helmstedt. Die Eisenbahnlinie, die man auf der Fahrt dorthin im Film sieht, ist längst stillgelegt. Die deutsche Bahn ist inzwischen ein privatisiertes, auf Profit ausgerichtetes Unternehmen, das nach seiner Kalkulation unprofitable Linien stilllegt und den Gleiskörper abbaut. Der Bundesminister der Finanzen nimmt mit, was zu holen ist. Was bleibt, ist das Problem der Menschen in dieser Region. Das war schon so, als das Gebiet noch als  Zonenrandgebiet bezeichnet worden ist.
Das Roxy Kino gibts noch, obwohl wir es erst auf den zweiten Blick erkennen. Ein kleines Häuschen mit dem Schriftzug Roxy im Stil der Seventies im Giebel steht an der Durchfahrtsstrasse. Wir erkennen erst später, dass weiter hinten und etwas seitlich versetzt die alte erhaben geprägte Inschrift wie im Film auf dem hellen Putz des Giebels noch immer zu sehen ist. Und der alte Seitenaufgang zum Vorführraum ist noch immer da. Die nächste Station wird in Schöningen sein. Die Park Lichtspiele in der Bahnhofstrasse.

Ja, gleich hier neben, da war das Kino. Den Eingang können Sie auf der Rückseite noch sehen. Die leider sehr dunklen Fotos im Filmbuch zeigen den Eingang keinesfalls auf der Rückseite. Von hier hinten kann der Film, schon aus Platzgründen, unmöglich aufgenommen worden sein. Eine weitere Zeitzeugin erinnert ebenfalls einen rückwärtigen Eingang zum Kino. Er muss aber vorn zur Strasse hin gewesen sein. Eine genauere Untersuchung der vorderen Fassade lässt bauliche Veränderungen dort erkennen, wo ursprünglich tatsächlich ein breiterer Eingang gewesen ist. Über die Gründe, warum die angesprochenen Passanten, das ursprüngliche Portal auf der Rückseite erinnerten, lässt sich trefflich spekulieren. Am naheliegendsten erscheinen architektonische Umbaumassnahmen. Der ehemals grosse Kinosaal wurde der Länge nach geteilt. Zur Strassenseite hin befinden sich heute zwei Kegelbahnen. Den anderen, rückwärtigen Teil nimmt inzwischen der Gastraum eines Lokals ein. Dies könnte vormals ein den Umständen angepasster, kleinerer Kinosaal gewesen sein.

Der zweite Oktober.
Von Schöningen bewegte sich das Filmteam westlich des Harzes vorbei nach Nordhessen. Wir entscheiden uns für die östliche Route. Eine kleine Stadtrundfahrt unternehmen wir in Blankenburg. Quedlinburg und Wernigerode sind restauriert und aufgrund der ertragreichen Einkünfte aus dem Tourismus in den beiden Städten, wird entsprechend in Renovierungen und Erhaltungsmassnahmen investiert. Blankenburg hingegen erweckt nach umfangreichen Restaurierungsmassnahmen in der Zeit nach der Grenzöffnung mittlerweile  stellenweise wieder deutliche Spuren des Verfalls. Nach einer Zwischenstation zur Proviantauffüllung in einem bekannten Nordhausener Unternehmen passieren wir einige Dörfer im Gebiet der vormaligen Grenze. Es ist eine ruhige, fast behäbig wirkende Region, die nach wie vor landwirtschaftlich geprägt ist.
Einzig die Grösse der jeweiligen Ackerflächen lässt erkennen, wo ehemals die Grenze zwei Landesteile getrennt haben mag. Oder in der Giebelwand eines früheren Gehöfts das Schild „LPG Gute Zukunft“.

In Witzenhausen erleben wir eine feine Überraschung. Der Vorführer muss zwar nicht mehr über ein Flachdach in den Vorführraum einsteigen, aber dafür ist das Capitol noch wohlerhalten und in Betrieb. Der Vorraum mit der Theke atmet die traditonelle Atmosphäre längst vergangener Kinoarchitektur. Leider gelingt es uns nicht, mit der Kassiererin in ein Gespräch zu kommen. Dass gleich eine Sondervorstellung die Dokumentation „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders zeigt, nehmen wir als schönes Zeichen.

Wenige Kilometer südlich von Witzenhausen liegt abseits der Bundesstrasse das Dorf Wendershausen. Kamikaze wunderte sich beim Blick auf die Landkarte über Ortsnamen wie Machtlos oder Friedlos. Der King of the Road ergänzt, der Berg zwischen diesen Dörfern hiesse Toter Mann. In den östlich gelegenen Regionen Hessens gibt es neunzehn Ortsnamen, die auf los enden.

Was uns viel tiefer beeindruckt, ist ein historischer Gebietstausch. Nur wenige Kilometer entfernt grenzten die Besatzungszonen der Briten, Amerikaner und Sowjets aneinander. Besonders betroffen davon war die Bahnstrecke Bebra Göttingen. Dort mussten die westlichen Besatzer für einige Kilometer durch die sowjetische Zone fahren. Das war mit viel Bürokratie verbunden. Zur Vereinfachung einigte man sich auf einen Gebietstausch. Dabei fielen einige hessische Dörfer in den sowjetischen Verwaltungsbereich und einige thüringische kamen zu Hessen. Nach der Ratifizierung des Vertrages tauschten Russen und Amerikaner jeweils eine Flasche Wodka gegen eine Flasche Whisky. Die Bahnlinie wurde danach als Whisky-Wodka-Linie bekannt. Auch nach 1989 wurde dieser Gebietstausch nicht mehr rückgängig gemacht. Vielleicht erinnern sich auch nur noch ältere Menschen daran.

Nach 1945 wurden Dörfer nach den jeweiligen Interessen und Bedürfnissen der Besatzungsmächte ausgetauscht oder geteilt. Für mich ein besonders unmenschliches Beispiel ist die Hossfeldsche Druckerei in Philippstal ganz in der Nähe unserer Route. Im Zuge von Umbauten und Erweiterungen lag diese Druckerei ab 1924 zu je einem kleineren Teil in Thüringen und einem ´grösseren im preussischen Teil Nordhessens.
Durch die willkürliche neue Grenzziehung verlief der Zaun ab 1952 durch die Gebäude der Druckerei. Die Verbindungstür zum östlichen Teil des Gebäudes musste zugemauert werden. In Folge des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1972 wurde den Eigentümern ihr östlicher Gebäudeteil dann 1976 von der DDR wieder zurückgegeben. Die Grenze verlief seitdem im Abstand einiger Meter von der Hossfeldschen Druckerei.

Der dritte Oktober.
Nach einer Übernachtung in Bad Hersfeld finden wir bald ein im Film wichtiges Gebäude. Gegenüber davon befand sich ein, halb im Boden versenkter, weiss angestrichener LKW als Bratwurststand. Den Imbiss gibt es nicht mehr. Dafür steht dort heute ein Container, in dem Backwaren verkauft werden. So ändern sich die Speisestationen im Lauf der Zeit. Auffällig ist allerdings, dass die Umgebung um den weitgehend freien Platz nicht stimmt. Ideen, Anregungen und Überlegungen führen zu keinem Ergebnis. Die Lösung besteht in den Möglichkeiten des Filmschnitts, den wir nicht bedenken. Erst nach der Reise findet sich, dass die Szene am Bratwurststand an der B27 am Ortsausgang von Bad Hersfeld gedreht worden ist. Das scheinbar gegenüberliegende Eckhaus mit der Telefonzelle dagegen steht nur wenige Kilometer entfernt in einem kleinen Ort. Der erste Teil unserer Filmreise endet hier und unsere Reise zum Tag der deutschen Einheit beenden wir mit einem letzten Abstecher.

Der führt uns zum „Haus auf der Grenze“ zwischen den Dörfern Rasdorf (Hessen) und Geisa (Thüringen). Als eine von vielen Grenzgedenkstätten ist die dortige Ausstellung sehr informativ. Wobei mich persönlich die plötzlich in der Landschaft zu entdeckenden Artefakte viel mehr berühren.
Anschliessend überqueren wir auf dem Kolonnenweg einige hundert Meter bis zum Point Alpha im Fulda Gap. Die NATO erwartete während des vormaligen Kalten Krieges den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes an vier möglichen Lücken (Gaps). Eine davon befand sich nordöstlich von Fulda. Der sogenannte Point Alpha war eine usamerikanische Beobachtungsstation. Hier standen sich die jeweiligen Beobachtungsstationen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in unmittelbarer Nähe gegenüber. Mit unseren Eintrittskarten vom Haus auf der Grenze können wir auch diesen Erinnerungsort betreten. Seit 2008 verwaltet die Point Alpha Stiftung das Gelände.
Noch voll von Eindrücken aus dem Museum und dem schweigenden Gang auf dem Kolonnenweg, herrscht am Point Alpha Volksfeststimmung. Die bis 1991 von der amerikanischen Besatzungsmacht genutzten Einrichtungen sind zu besichtigen. Was uns etwas verwirrt, sind die Stände mit Rhöner Spezialitäten. Die Hüpfburg und die anderen Kinderbelustigungen. Als aus einem Festzelt der Chor und die Musikkapelle „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ anstimmen, verlassen wir das Gelände.

Als persönliches Resümee dieser kurzen und dennoch intensiven Reise bin ich dankbar für neue Erkenntnisse, Gedanken und Fragen. Diese werden mich sicherlich weiterhin beschäftigen.
Die Unmenschlichkeit, mit der eine Bevölkerung gehindert worden ist, sich individuell frei zu bewegen, wurde mir einmal mehr sehr deutlich vor Augen geführt.
Wie schwer das alltägliche Leben der Menschen in der Fünf-Kilometer-Zone gewesen sein muss, kann ich noch immer nicht greifbar nachvollziehen. Die Gespräche mit den Menschen unterwegs, ganz gleich in welchem Bundesland, waren angenehm und förderlich. Uns widerfuhr fast immer sehr  viel Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft, wenn wir unseren Spruch aufsagten von der Spurensuche nach mehr als vierzig Jahren und der Veränderung.
Nicht zu vergessen die Schönheit und historische Gewachsenheit vieler Dörfer und Städte, durch die ich gekommen bin. Und die wunderbaren Wechsel fantastischer Landstriche. 

Während der Gespräche wurde mir bewusst, dass es für mich an der Zeit ist, den sich landläufig einschleifenden Wortgebrauch zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Die Zuschreibungen Ossi oder Wessi will ich fürderhin in meinem Sprachgebrauch vermeiden. Sie sind nicht witzig sondern werden weitgehend abwertend gebraucht. Der Begriff der Wende wird dabei oftmals bilanzierend im Kontext mit den Wendeverlierern gebraucht. Damit werden meist Menschen in den neuen Bundesländern bezeichnet, die durch die Wende ihren Arbeitsplatz verloren haben. Dabei sollte man differenzieren zwischen den verschiedenen Bedingungen und Auswirkungen sogenannter Wendeverlierer. Und neben denen in den neuen Bundesländern auch diejenigen in den alten Bundesländern nicht vergessen.
Auch das strapazierte Wort Wiedervereinigung hat für mich inzwischen einen bitteren Geschmack. Man erinnere sich bloss an den schnellen Wechsel der Parolen seinerzeit.
Die Menschen, die zuerst auf die Strassen gingen und ihre Köpfe riskierten, taten das für einen politischen Wechsel in ihrem Land. Im Haus auf der Grenze ist ein frühes Flugblatt der Bewohner von Geisa ausgestellt. Die Menschen forderten einen demokratischen Sozialismus, Abbau der Partei-Bürokratie und der Sicherheitsdienste, mehr Geld für die Versorgung der Bevölkerung, Transparenz bei politischen Entscheidungen, freie Wahlen und Bewegungsfreiheit (Geisa lag in der Fünf-Kilometer-Zone). „Wir sind das Volk!“
An diese Rufe erinnere ich mich noch aus Nachrichtensendungen. Schnell ersetzte das Wörtchen ein das Vormalige das.
„Wir sind ein Volk!“ Da trauten sich die ersten Mitläufer mit ihren partikularen Privatinteressen mitzulaufen. Und noch schneller hörte man das „Deutschland, einige Vaterland!“ Das Ende vom Lied wurde angestimmt mit : „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann kommen wir zur D-Mark!“ Mit der D-Mark kam dann ziemlich rasch auch das Abwickelkommando der Treuhand. Und die bekannten Folgen.

Der Rest scheint bekannt. Und ist dennoch, wie ich immer wieder in Gesprächen feststelle, weitgehend unbekannt. Und das wird so bleiben, solange sich nicht Menschen mit den unterschiedlichen deutschen Sozialisationen zusammensetzen und miteinander sprechen. Ich will jedenfalls bereit sein und folge gerne dem Satz von Leslie Fiedler : „Cross the border, close the gap.“

 

(Auf Reisen tauchen mannigfaltig viele Bilder auf – hier ein für mich unerwarteter Anblick)

 

 

In reduzierter Form : Klartext

Auf die Vorgruppen haben wir gerne verzichtet. Und damit auch das Riesengedränge an den Einlassschleusen. Wir  gehen hin weil wir die beiden letzten Bands beim City Riot Festival erleben wollen. Und die Post ging wirklich mächtig ab bei Flogging Molly und den Broilers. Flogging Molly stammen nicht aus Schottland und die Broilers kommen aus Düsseldorf…

Einige neuere Notizen aus meiner Kladde.

Die immer raschere Beschleunigung der alltäglichen Lebensprozesse reisst uns alle mit. Und immer mehr Menschen fliegen dabei aus ihren Lebenskurven.

Die deutsche Machthaberin Merkel wurde bei der Ankunft in Ghana dem Protokoll entsprechend musikalisch mit der deutschen Nationalhymne empfangen! Danach erklang „Schöne Maid“ und anschliessend „Ja, mir san midm Radl da“. Fröhlich gehts zu in der Welt der von den Bevölkerungen weit entfernt lebenden Herrschern.

Früher war es ein Privileg, einen schlechten Geschmack zu haben. Heute hat ihn fast jeder. (Falls ein Leser die Quelle dieses bonmots kennt, möge er mir diese bitte nennen).

In den Medien waren wieder Stimmen der sogenannten Wirtschaftsweisen zu hören. Das sind die ebenso hochbezahlten wie überflüssigen Weisskragen, die am Anfang eines Jahres in ihre Prognosenposaune stossen, um am Ende des gleichen Jahres mit schöner Regelmässigkeit zu erklären, warum fast alles nun doch wieder anders gekommen ist.
Mein Fazit : solche und ähnliche unnützen und viel zu teuren Posten umgehend abschaffen und das eingesparte Geld in Bildungseinrichtungen investieren.

Die Grünen haben wieder mächtig Aufwind, sagt mein Nachbar. Ich bin mir nicht sicher, was er wählen wird demnächst. Die Grünen etwa? Ich beachte diese zum FDP-Ersatzverein verkommene Gruppierung allenfalls noch als Kriegstreiberpartei. Ohne deren Zustimmung damals in den Konflikten in Südosteuropa, hätte Gerd „Körriwurst“ Schröder keine Mehrheit für das kriegerische Mitstreiten in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo bekommen. Die Mehrheit beschaffte ihm seinerzeit Fischers tarngrüner Verein.
Und heutzutage wird über immer neue Kriegsbeteiligungen deutscher Militärs in aller Welt nachgedacht. Oder schon geplant? Mir fällt dazu unweigerlich das Grundgesetz ein. Warum?

Weil es da den Art.26, Abs.1 gibt : Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.

Mit zunehmendem Alter schauen wir immer öfter zurück. Ganz so, als könnten wir Vergangenes anders als in der Erinnerung behalten. Dabei verlieren wir leicht die Zukunft aus dem Blick. Denn „der Tod ist ein Pfeil aus der Zukunft, der auf Dich zufliegt“. (Der Tod in : Palermo Shooting /2008.)

Wenn Sauna, Schnaps und Teer nicht heilen, dann führt die Krankheit zum Tod. (Finnisches Sprichwort)

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

Reduktion – Alles verändert sich, wenn Du es veränderst!

Die DoppelLP wurde gespielt bis sie fast durchsichtig geworden war : Klaus Hoffmann – Ich will Gesang, will Spiel und Tanz (1977). Viele Texte sind für mich auch heute noch gültig…

Am Strassenrand gefunden und mitgenommen : Langenscheidts Kurzgrammatik Lateinisch. Langenscheidt, Berlin etc. 1996, 13. Auflage. Immer wieder mal nachschauen lohnt sich meist für mich. Auf merkwürdigen Wegen fand dieses Buch den Weg zu mir :
Max u. Gerda Mezger : Meine Frau die Gärtnerin. Verlag Hans Dulk, Hamburg 1955. …

Wollen wir ein paar Scheiben von dem Wacholderschinken nehmen?
Klar, gerne.
Darfs noch etwas sein?
Mh, hättest du auch Lust auf diese Wurst da?
Oh ja, die sieht lecker aus.
Legen Sie uns bitte das kleine Stück da noch dazu.
Gerne. Haben Sie noch andere Wünsche?
Nein, das reicht, vielen Dank…
Später beim Frühstück hältst du plötzlich inne und sagst mehr zu dir selbst als in die Runde : Wie privilegiert sind wir doch, dass wir in einem Geschäft mit vollem Angebot einfach auswählen können, was wir möchten. Dein Blick, als du das sagtest, durchfuhr mich wie ein leichter Stromschlag. Wenn wir über die Zustände in diesem Land sprechen wissen wir, es muss sich etwas verändern.

Der Film Im Lauf der Zeit von Wim Wenders wurde gedreht in elf Wochen zwischen dem 1. Juli und dem 31. Oktober 1975, zwischen Lüneburg und Hof, entlang der Grenze zur DDR. Die Premiere fand am 4. März 1976 im Kino Kurbel in Berlin statt. An einem der darauffolgenden Wochenenden warst du zu Besuch bei uns in Berlin. Wir haben den Film wahrscheinlich in der Filmkunst 66 in der Bleibtreustrasse gesehen, denn das war eines meiner Stammkinos in Berlin. Nach der Vorstellung verliessen wir das Kino schweigend. Unsere Blicke waren jedoch vielsagend. Aber das wurde mir erst zwölf Jahre später bewusst.

Das war auch so ein typisches Erlebnis am letzten Sonntag. Wir stoppelten auf dem abgeernteten Zwiebelfeld, was liegengeblieben war und von der Erntemaschine nicht aufgenommen wurde. Die kleinen Zwiebelchen mit dem feinen starken Aroma. Im Nu hatten wir drei, vier Kilo gesammelt. Am Feldrand radelte eine Gruppe Ausflügler vorbei. Einer schrie vom Sattel seines Elektrohobels aus zu uns herüber aufs Feld : Ein Kilo kostet sechzig Cent. Im nächsten Supermarkt wahrscheinlich.
Wir schauen uns an und verstehen uns wortlos. So vielen Menschen sind inzwischen die finanziellen Aspekte wesentlich wichtiger als das wahrnehmende Erleben. Sich miteinander vergnügen statt miteinander zu arbeiten. Vergnügen am liebsten als Dauerprozess. Und möglich bequem und preiswert. Und risikolos, versteht sich. Die Verantwortung tragen die anderen. Dabei wird der Konsum in der Freizeit mit Freiheit verwechselt. Statt wenigstens einmal auszuprobieren in einer gemeinsamen Arbeit Lebensfreude zu empfinden und anschliessend den Erfolg zu geniessen.

Das Internet erleichtert viele Recherchen. Wenn ich daran denke, wie viel Arbeit es bereitete und welche Wege man gehen musste, um seinerzeit die Fahrtstrecke in dem Film von Wenders zu rekonstruieren. Anfangs wollten wir sie noch auf unseren Motorrädern abfahren. Doch zuerst kam dies dazwischen und dann jenes. Aufgeschobene Zeiten. Macht ja nichts, es fehlen noch immer einzelne Teilstücke der Strecke. Und ausserdem haben wir ja noch ewig Zeit.
Sprachlosigkeiten in der WG trennten sich unsere Wege für zwei Jahre. Was jedoch stets gültig blieb, war dieser eine (zumindest für mich) bedeutende und entsprechend bei jeder Gelegenheit bis zur Floskel von uns allen, die den Film gesehen hatten, zitierte Satz : „es muss alles anders werden“. Eigentlich aber sprachen wir vorwiegend über irgendetwas statt von uns. Ändern müssen es die anderen, wir waren doch die grossen Durchblicker.

Ich freue mich auf dieses Wochenende. Wir haben fleissig Samen gesammelt von Malven, Mohn, Wicken und Nigella und werden ihn aussäen. Für die kommenden Tage hat gestern die Pflanzzeit begonnen. Leider ist keine gute Erntezeit für Früchte. Aber unser frisch gekochtes Birnenfeigenkompott wird uns vorzüglich schmecken.
Wenn wir zusammen essen, sagen wir uns oft lachend, dass Essen unsere Lieblingsspeise ist. Wir sind uns einig darin, dass wir die Zustände um uns herum nur dadurch verändern, dass wir uns selbst ändern. Der Satz „es muss alles anders werden“ verlagert lediglich die Verantwortung ins Irgendwo. Global denken und regional handeln als erste Richtschnur. Bei sich selbst anfangen.

Als ich dich aus der schweizer Klinik abholte war klar, dass der Sand jetzt schneller durch die Uhr rinnen wird. Wieso konnten wir jetzt so einfach miteinander sprechen? Ohne wenn und aber. In den folgenden zwei Wochen. Lang, persönlich und essentiell. Und auch, dass sich alles ändern müsse; dass man alles selbst ändern müsse. Ich hatte inzwischen die letzten fehlenden Wegstrecken so einigermassen herausfinden können. Als du sonntags überraschend ins Krankenhaus gefahren wurdest, sprachen wir nochmals über die Strecke. Am späteren Abend hast du dann das Bewusstsein verloren. In vier Wochen auf den Tag wird es dreissig Jahre her sein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die erkaltete wächserne Hand eines toten Menschen in meiner Hand hielt.
Als sich im Film die Wege der beiden Männer trennen, pinnt Robert aussen an der Tür einen Zettel an : es muss alles anders werden. Das solong ist mir bis heute geblieben.

Wir haben nicht den Schlüssel zum Paradies. Wir wissen aber, dass der Weg vor uns, vor unseren Augen liegt. Und dass er Arbeit ist. Nicht zurück in Anklagen schielen, um die Verantwortung für unsere Bequemlichkeit anderen als Schuld zuzuschieben. Den Eltern, Geschwistern, Schulkameraden, Lehrern oder anderen Menschen. Ich bin dankbar für die Menschen um mich herum, die versuchen, sich täglich ein wenig zu ändern. Die gelegentlich stolpern dabei und dennoch ihr Lächeln nicht verloren haben. Die mir Vorbild und Ansporn sind dafür; andere, noch unbekannte Wege zu gehen.
Entweder wir arbeiten aktiv mit an notwendigen Veränderungen oder wir werden von den Umständen zwangsweise verändert werden.

„Wieder eine Nacht, wieder eine Nacht,
die wir mit reden zugebracht,
wir haben festgestellt, haben festgestellt,
dass nur die Tat uns Beine macht,
und wir merken jeder Tag ist Arbeit und wir sehen ein,
jeder Schritt zurück muss neuer Anfang sein,
wir sind doch viel zu viele um allein zu sein….“ (Klaus Hoffmann – Ein neuer Anfang)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

 

(Das erste Bild ist ein Schnappschuss aus dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Das zweite Bild ist eine Photographie von heute Mittag, als ein schwacher Orkan hier durchgezogen ist.)

 

 

 

 

Duft in verlockenden Scheiben

In der Bretagne zwischen Brest und Saint-Malo. Die Luft schmeckt salzig und ist erfüllt vom Aroma des köstlich spritzigen Cidre. Das ganze Dorf tanzt durch die Nacht beim alljährlichen Fest-Noz : Ar Re Yaouank – Fest-Noz Still Alive (1992)..

In der BRD nahezu unbekannt; in der ehemaligen DDR dagegen war er ein Idol. Lindner, Bernd et al. : Die drei Leben des Zeichners Johannes Hegenbarth. Nürnberg, Tesloff, 2015……

Deine Schilderung der zerbrochenen Scheiben gefällt mir. Ich habe recherchiert; finde jedoch keinen Hinweis in der nordischen Mythologie auf das Bild der zersprungenen Scheiben. Die beiden Hälften der beschädigten Scheiben symbolisieren die beiden Menschen, die auf der Welt unterwegs sind, um sich zu finden und so eins zu werden. Unsere am Ausgang des Mittelalters gestalteten Märchen nehmen dieses Motiv als glückliches Ende im Bild der königlichen Hochzeit wieder auf.

Der Wecker singt sein Liedchen um vier Uhr morgens. Es ist ein kurzer Abschied. Draussen ist es noch still. Ab fünf werden die Flieger im Landeanflug über den Garten donnern. Hinter dem Flughafen wird bald die Sonne über den Horizont steigen.
Die intensive Wässerung am Vorabend macht die spanischen Wegschnecken munter und keck. Mir erleichtert es das Einsammeln. Ich lege sie im Schatten am Bahndamm ab.
Die ebenso steinalte wie handfeste Gusti aus der Nachbarschaft findet das alles Humbug. Treffsicher zerteilt sie die Nacktschnecken mit dem Spaten. Wie die Gusti mit ihrem Ernst selig, so rein scheibenmässig zusammengepasst hat, das würde mich jetzt doch interessieren. Wie kann das hingehen eine Zeitspanne lang wenn die Verzahnungen der jeweiligen Bruchstellen nicht kongruent ineinanderpassen. Was schleift sich ab, was wird kraftvoll weggebrochen, damit es zumindest scheinbar sich zusammenfügt? Früher hat wahrscheinlich die Tradition geholfen; heute mit der weitgehenden Ausflösung tarditioneller Strukturen treten vielleicht die Therapeuten an ihre Stelle. Lassen sich damit in vielen mir bekannten Beziehungen die Machtspiele und Heckenscharmützel erklären? Ich weiss es nicht. Ich wüsste gerne, welche Einflüsse das Zusammenfinden zweier passgenauer Scheibhälften bedingen. Vielleicht ist dies dann glückliches Erleben.

Der Garten braucht in diesem Sommer viel Wasser. Glücklich, wer eine eigene Wasserversorgung im Haus hat. Nach der Wässerung duften die Tuberosen bis zu zehn Meter weit in die Umgebung. Auffällig, dass sie mehr Menschen als Insekten anlocken.