Puschei savoir vivre und Muschebubu dazu

Musikalisch brauchts manchmal wieder den Griff in die Raritätenkiste.. Vor Jahren zum letzten Mal erklang:
Kiev Stingl – Hart wie Mozart (1979)…

Wer bestimmt denn, welche Kunstwerke wertvoll, gut oder anspruchsvoll sind? Welche Kriterien spielen bei der Bewertung eine Rolle? Ist eine objektive Bewertung überhaupt möglich?
Ich entsinne mich noch der endlosen Diskussionen in frühen Zeiten. Nächtelang. Wader oder Wecker. Joan oder Buffy. Beatles oder Stones. . . Das ist lange her. Zum Glück, zumindest in dieser Hinsicht, werde ich älter. Heutzutage empfehlen wir uns gegenseitig Musiken, Literaturen oder Ausstellungen. Keine scheinbar objektiven Kriterien aus dem Hut zaubern. Stattdessen spielen und machen wir uns einfach nichts mehr vor. Wertvoll, gut oder anspruchsvoll ist nun endlich, was den Kopf anregt, das Herz berührt oder einfach gute Laune entfacht. Im besten Fall natürlich alles zusammen.

Der Mainstream gaukelt den Breitengeschmack vor. Dabei handelt es sich allenfalls um die Fahrbahn in einer Richtung. Keine Gegenspur. Ich ziehe die weiten Landschaften diesseits und jenseits dieser Einbahnstrasse vor. Dort entfaltet sich das Leben in all seiner bunten vielfältigen Schönheit.

Zwei Stunden im Garten sitzen und die fleissigen Weinbergschnecken beobachten. Bei all meinem naturkundlichen Unwissen gebe ich mich der Freude hin über Wachstum, Farben und Vielfalt. Die eine oder andere botanische Bezeichnung kann ich mir doch noch merken. Und eine sachkundig grossartige Hilfe steht mir zur Seite.
Die rudimentären Französischkenntnisse auffrischen und erweitern. Die Freude am Lernen bleibt. Mit Freunden und Herzensmenschen zusammensitzen und sprechen. Vielleicht liegt darin der tiefere Sinn pfingstlichen Geschehens weit über die konfessionellen Einengungen hinaus.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern feine Pfingsttage

(Photographien, selbstredend. Anklicken und die Galerie öffnet sich)

 

 

 

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Salzig die Kehle wenn die Welle an Land läuft

Es gab Bands damals, die hatten eigens einen Texter für ihre Lieder. Deren Texte waren für uns Schüler arge Herausforderungen. Wir nahmen damals wörtlich, was wir uns anders garnicht denken konnten. Eine dieser Bands war Procol Harum. Die lyrische Poesie von Keith Reid fasziniert mich. Das Lied gab der ganzen Langspielplatte ihren Titel: Procol Harum – A Salty Dog (1969)…

„Ey, machst mir noch einen?“
„Aber klar. Zum Wohl.“

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne die alten vertonten Gedichte. Übertrage auch manche gerne. Es geht eher um die Stimmung dabei, die Atmosphäre, die vom Text durch die Musik ausströmt. Weniger um den angeblichen tieferen Sinn. Was uns der Dichter damit sagen will? Kopfgesteuerte Interpretationen zerpflügen das Gefühl. Eine schöne Geschichte hat Udo Lindenberg vor Jahrzehnten bereits aus diesem Lied gemacht.

„Das Gleiche nochmal?“
„Yepp. Aber mach´ mirnen Doppelten.“

„Alle Mann an Deck – wir laufen auf Grund!“
Ich höre den Käpt´n schrei´n
„Durchsucht das Schiff, löst den Koch ab:
Lasst keinen am Leben.“
Durch alle Meerengen, rund um Kap Hoorn:
Wie weit können Matrosen fahren?
Vertrackte Strömung, qualvoller Kurs,
Lebend kommt keiner davon.

Wir segelten in Gegenden, die niemand vor uns sah, dahin,
Wo Schiffe heimkommen zum Sterben
Keine vornehme Piek, auch keine steile Klippe
kam dem Auge unsres Käpt´ns gleich
Nach sieben Tagen Seekrankheit liefen wir einen Hafen an
So weiss der Sand und die See so blau –
Kein guter Ort zum sterben

Wir haben Kanonen abgefeuert, Masten abgefackelt und
Pullten vom Schiff zum Strand
Der Käpt´n flennte, wir Seeleute weinten:
Unsere Tränen waren Freudentränen
Das ist viele Monde her und noch mehr Juninächte
Seit wir an Land festmachten
Ein salty Dog, des Seemanns Logbuch,
Euer Zeuge meine eigene Hand….

„Einen nehme ich noch. Der rollt so schön wie eine sanfte Welle die Dünung runter.“
„Gerne. Du weisst ja, was ich für deinen nehme: 4cl Wodka, 8cl Grapefruchtsaft und zerstossenes Eis ganz wie es in deine Strömung passt….“
„Leg doch nochmal den Tonarm in die Rille
„Na denn…“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen guten Wind in den Segeln.

 

 

 

Saugtulpen über Singvögeln seitwärts

Nun ist schon wieder ein Gutteil des Jahres vergangen und endlich hat mich eine aktuelle Scheibe ergriffen. Warum, das wird sich bestimmt noch herausstellen. Bis dahin dreht sich dauerrotierend: Me and That Man – Songs Of Love and Death (2017)…

Vor einigen Wochen erhielt ich den kleinen Zettel. Du könntest mal deinen Petter anrufen. Das letzte Mal begegneten wir uns bei der Beerdigung meiner Got. Auf dem Zettel stand seine Telefonnummer. Ich habe das geplante Telefonat mehrfach hinausgeschoben. Nun ist es zu spät. Der letzte Engel meiner Kindheit hat sich die Flügel umgeschnallt. Mögen sie ihn damit erkennen und gut aufnehmen im Anderland.

Blogs verfolgen, Beiträge zur Kenntnis nehmen, über Kommentare auf dem Laufenden sein – der elektronische Rechenknecht hatte zunehmend zu tun. Und mir wurde die Kontrolle immer lästiger. Dass es auch anders geht, und vor allem, wie man sich wieder Ruhe und feine Freizeit verschafft, dafür danke ich Ihnen weiterhin herzlichst, aber das wissen Sie ja ohnehin.
Der dadurch gewonnene Abstand zur Bloggerei sorgt für schönste Erhellungen. Und andere Lektüren. Jörg Schröder beispielsweise schrieb: „Schreiben Sie wie die Leute reden. Die Leser wollen etwas aus dem Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife bestanden haben“ (Schröder, Kriemhilds Lache).
Und genau dort liegt nach meiner Kenntnis in vielen Blogs der Hund begraben. Da auch ich mich mit meinem Blog in der Öffentlichkeit präsentiere, weiss ich schliesslich, wovon ich rede wenn es um Eitelkeiten geht. Ich bin kein Bewohner von Bloggerhausen. Und die Mentalität der Hingabe für Hergabe ödet mich an. Weniger schreiben und wieder mehr lesen. In Büchern. Und in den Kladden eigener Aufzeichnungen spazierengehen. Tintenhandschriftlich mit Menschen aus Fleisch und Blut verkehren. Der Bildschirm als Gegenüber ist kein Ersatz für das wirkliche Leben.

Im Zug sass mir gegenüber einer dieser typischen Nerds. Notenbuch auf dem Schoss und zwei Handfesseln vor sich. Ein mit beiden Händen dauerbeschäftigter Mensch über Stunden. Normalerweise fällt mir zu solchen Anblicken sofort eine bissige Bemerkung ein. Aber ich habe mich letzthin wieder an das schöne Beispiel von Jesus und dem toten Schäferhund erinnert.
Ich nehme den Mann wahr und siehe, auf dem Deckel seines Kleinrechenknechts pappen einige Aufkleber. Auf einem steht ein Satz, ein Mantra geradezu, das zu den interessantesten Gedankenausflügen anregt: „Es gibt Leute, die glauben, es gäbe eine Cloud. Aber es gibt bloss die Computer anderer Leute.“

Ostern steht vor der Tür. Ich habe viele Gründe froh zu sein. Ich bringe es bloss noch nicht mit dem anstehenden Fest zusammen. Vielleichts wirds noch. Bis dahin meditiere ich den Spruch des Graffitis, den ich letzthin sah: „Leute in meinem Alter sollten sich überlegen, in welchem Zustand die Welt sein soll, die sie Keith Richards hinterlassen wollen.“

(Foto anklicken – die Galerie ist rund um die Uhr geöffnet)

 

 

Wegbegleitungen

Um von stillen Beschäftigungen auszuruhen passen lebhafte Rhythmen: The Real McKenzies – Two Devils will talk (2017) und anschliessend: Dropkick Murphys – 11 Short Stories of Pain and Glory (2017)…

Der vorherige Beitrag endete mit dem Hinweis auf meine menschlichen Lebenswegbegleiter. Umgangssprachlich gerne mit der Metapher Engel mehr verlegen um- als exakt beschrieben.
Ursprünglich wollte ich hier die für meinen Lebensweg bedeutsamen Menschen in ihrer Wirkung für mich kurz beschreiben. In der Reflektion wurde mir das Thema zunehmend komplexer und letztendlich zu ausufernd für einen Blogbeitrag.

Zudem wäre das Phänomen selbst damit nur unzureichend beschrieben. Denn im Lauf eines Menschenlebens verschieben sich Wertungen. Früher achtete ich die Menschen, die mir weitergeholfen haben in Dankbarkeit. Im Lauf der Zeit bemerkte ich jedoch, dass die gelegentlich mir unangenehmen Begegnungen mit diesen Menschen, manche ihrer verstörenden Sätze oder  ärgerlichen Zuschreibungen mich auf meinem Lebensweg weitergebracht hatten als die schmeichelhaften Komplimente.

Zudem war da das Wirken der sogenannten Schutzengel. Hilfen, die ebenso unverhofft wie unverdient in meinen Alltag eingegriffen haben und mich häufig vor Schlimmem bewahrt haben. Ein weiteres Kapitel, das zu vertiefen verdient hätte .

Mit Sartre zu reden, sind die Hölle ja immer die Anderen. Dabei tragen wir alle unsere eigenen, mehr oder weniger heissen Höllen in uns. Für mich sind andere Menschen mittlerweile Spiegel meiner eigenen Lebensweisen. Schwer fällt mir noch immer, zu begreifen und zu lernen, den Menschen am dankbarsten zu sein, die mir Stolpersteine zur Erkenntnis und Veränderung meiner Persönlichkeit sind. Deren, mir unangenehme oder störende Verhaltensweisen weisen lediglich auf mich selbst. So können sie mir zur kritischen Selbstbetrachtung dienen. Das setzt (m)einen entsprechenden Willen voraus.

Diese Menschen haben mir im Kontext meiner persönlichen Entwicklung hin zur Fülle durch Reduktion hilfreiche Dienste geleistet. Unabhängig davon, ob es einmalige, blitzlichtartige Begegnungen waren oder jahrelange Wegbegleitungen. Am Ende wurden mir dadurch auch neue Sichtweisen möglich auf wichtige Menschen meines Lebens, mit deren Wirken ich jahrelang gehadert hatte. Was ich als unselig und zerstörend interpretierte, stellte sich bei dieser Betrachtung als Quelle für die Kreativität zur individuellen Entwicklung heraus. Auf der Habenseite blieb unterm Strich Dankbarkeit und Lebensfreude zu verbuchen. Die Sollseite, das Leid und die Schmerzen sind dagegen zu vernachlässigen.

Demnächst werde ich den Kreis schliessen von diesen gedanklichen Beobachtungen hin zu der praktischen Seite der Fülle durch Reduktion.

Ich wünsche allen, die noch immer mit an Bord sind, ein vorfrühlingschönes Wochenende.

      (Einige Fotografien neueren Datums. Passend zum Thema. Anklicken und gross gugge funktioniert allemal)

 

 

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Multipelabsurdes Adventsallerlei

Bei den ersten Klängen erinnerte ich mich zurück an damals. Beim Kauf von Beggar´s Banquet und den Weg zurück zum Plattenspieler. Die grosse Spannung. Seit Monaten warte ich auf diese für die Stones sehr ungewöhnliche Platte. Eine Verneigung vor ihren Idolen aus den bluesigen Kaschemmen der USofA. Die Aufnahmen im Studio sollen bloss drei Tage gedauert haben. Das reicht für erdig ehrlichen Blues. Eine Bluesband waren sie nie. Dennoch haben sie ihn drauf:
The Rolling Stones –  Blue and lonesome (2016)…

Es ist richtig und es stimmt ja auch. Hier in diesem Blog wirds immer ruhiger. Mich trösten die Nachfragen per Mail. Das schafft das wohlige Gefühl, nicht vergessen zu sein. Einerseits.
Aber über was soll ich sinnvoll schreiben?
Wen interessiert, wie man ein drei Tonnen schweres Monstrum von einem Tresor in Zentimeterarbeit aus einer Garage schafft. Und dass die Ladefläche eines Zölftonner LKWs fast zusammenbricht beim Aufladen.
Von Mails und Blogbeiträgen, die man an Lebenshelfer weiterleiten möchte, die den Absendern die Köpfe mit einem Schuss Realität waschen.

Viel Arbeit gabs in den letzten Wochen und Monaten. Von den neuesten Erfahrungen mit professionellen Aufkäufern von Büchern, Porzellangeschirren, Metallmöbeln und anderen Überflüssigkeiten schreibe ich lieber nicht. Man möchte gelegentlich zweifeln am Verstand von Menschen, die immerhin einen Führerschein und das Wahlrecht besitzen.
Es ist nicht einfach in diesen Zeiten, wenn man das Leben liebt und freudvoll in die Zukunft sieht. Da muss man hin und wieder Gleichgesinnte suchen wie die sprichwörtliche Stecknadel. Ausserdem bin ich wieder viel unterwegs. Auch da sammelt sich manches an Erlebnissen und neuen Erfahrungen an.

Über Leonard Cohen, seine Musik und wie sehr ich ihm dankbar bin und sein werde für manche seiner Lieder habe ich nicht geschrieben. Mir war die Stimmung verdorben, als ich die vielen Hinweise auf seinen Tod in Blogs wahrgenommen hatte. Solche Plattitüden und Unwissenheit hatte er wahrlich nicht verdient.
Ebenso habe ich es vermieden, über die Präsidentschaftswahlen zu schreiben. Über die hier in Deutschland machen die Komiker im Fernsehen schon jetzt ihre Witze. Und über die in den USofA hat Deutschland gelacht und gespottet. Jedenfalls diejenigen, die etwas auf sich hielten und eine Meinung hatten. Was nichts darüber aussagt, dass sie wirklich durchschaut hätten, über wen oder was sie ihre flachen Witze gerissen haben.

Inzwischen ist wieder Advent. Mir geht schon seit geraumer Zeit mein Jahresendbeitrag für diesen Blog durch den Kopf. Vielleicht freue ich mich einfach, dass ich meine grosse Dunkelheit dieses Jahres erhellend durchdrungen habe. Das mag aber auch mit dem aufregenden neuen Projekt zusammenhängen. Im kommenden Jahr werden weitere Prozesse des Alltags vereinfacht werden. Darüber wird dann vielleicht etwas Berichtenswertes mitzuteilen sein. Hier oder im neuen Blog.
Bis dahin wird der Wechsel langsam und überlegt gesteuert und vollzogen werden. Und deshalb gönne ich mir in dieser herrlich leuchtenden Konsumterrorzeit auch vier Adventskränze. Für jeden Adventssonntag einen. Und weil sie so schön sind und ich mich gegen keinen entscheiden wollte. Und zur Erleuchtung des Ärmelhauses. Und überhaupt.

                                                                            (Foto anklicken bringt sie grösser ins Bild)

Oktober wars gestern noch

Ian Anderson ist in meinem musikalischen Kosmos eine feste Grösse. Ich bewundere seine enorme Musikalität und hervorragende Qualitäten als Songschreiber. Egal ob solo oder als Kapellmeister von Jethro Tull. Sein letztes Soloalbum ist ein Streifzug durch die englische Geschichte in fünzehn Liedern: Ian Anderson – Homo Erraticus (2014)…

Also, ich bin ja in dem Nest hier gross geworden. Was waren wir Jungs froh, wenns endlich Frühjahr wurde und auf den Bächen das Eis brach dort drunten im Wiesengrund. Dann konnten wir endlich die Angeln ausm Schuppen holen. Wir sind auf Schleien und kleine Barsche gegangen.
Und im Sommer kam jedes Jahr wieder der fahle Jim Youlden aus Halesworth mit seinem Traktor vorbei, der hatte hinten dran sonen Aufbau, weisst du, wo die heute ihren Überrollbügel haben. So nen Aufbau hatte der, das warne Bandsäge. Der hielt gerade hier gegenüber am Anger und sägte gegen kleinen Lohn den Bauern ihr Holz für den kommenden Winter.
Auch den paar Angestellten, die drüben in der kleinen Fabrik arbeiteten. Die hatten ja nix in den Muckis, verstehst du. Die Arbeiter, die hackten ihr Holz, akkurat in kleinen Scheiten, die sie in ihren Ställchen aufschichteten.
Sei doch mal ruhig, Jack!

Na und im August kochten die alten Weiber im kupfernen Waschkessel das Pflaumenmus, das musste drei Tage und Nächte ununterbrochen gerührt werden. Dass den alten Frauen die Arme dabei nicht einschliefen, dafür wechselten die sich ab. Aber so müde die manchmal auch waren, die schwätzten und schwabbelten tagelang.
Da sind wir einmal drüben in die Waschküche von dem Wilburn, der lebt ja nun auch seit Jahren nicht mehr. Dort hatten wir dummen Schlingel von unten den Kessel nachgeheizt und die Alten haben nichts mitgekriegt, so waren die am salbadern, nachdem sie sich über Kathys Geistermärchen entsetzlich erschrocken hatten. Und auf einmal gabs ein Mordsgeschrei weils plötzlich so sehr im Kessel dampfte und das Mus zu kochen anfing. Das ist uns der olle Wilburn vielleicht mit der Mistgabel nach.
Iss ja gut, alter Junge, die Pfeife ist eh gleich aus.

Naja und dann um diese Zeit im Oktober kam jahrein jahraus der Krautschneider. Der ging mit seinem Gehäcksel von Hof zu Hof und schnitt den Bauern hier das Kraut, das die Frauen dann in die Fässer einlegten. Das weiss ja heute keiner mehr. Klar gabs hier jede Menge Kraut zu essen. Das wird gerne vergessen. Nachher im ersten Krieg wurden die verdammten Deutschen zu den Krauts, die sie heute noch sind. Und da gabs tatsächlich Leute hier, die lieber Kohldampf schoben (woher kommt dieses Wort eigentlich?) als den verdammten Kohl zu essen.

So verging das Jahr und hatte seinen eigenen Rhythmus. Dauernd war was los, ununterbrochen musste man rackern um über die Runden zu kommen. Und die schweren Pferde waren der Stolz jedes Bauern. An Kirchweih wurden sie gestriegelt und geschmückt. Das schönste Kaltblut wurde gekürt und sein Besitzer durfte sich zwei Tage lang umsonst die Kanne geben.
Für euch jungen Leute wollten wir ja, dass das alles mal einfacher werden sollte. Das war nämlich manchmal ganz schön hart hier und am Ende hattest du nicht mal nen Schilling, um im „Postillion und Hufeisen“ nen Pint und nen Gin zu nehmen am Sonntag nach der Kirche.
Brr, steh doch mal ruhig, alter Junge.

Ich mag diese Jahreszeit im Oktober am liebsten, wenn morgens die Nebelschwaden so richtig nassfeucht aus den Feldern aufsteigen. Die letzten Äcker sind gepflügt. Die Geräte werden danach überholt. Der Winter mit seinen harten Winden fegt noch nicht übers Land. Es wird schon früher dunkel aber an einem sonnigen Tag leuchtet das bunte Laub und erhellt dir deine Seele für die langen Wintertage.

Der alte Jack hier, der mag den Winter auch nicht gerne, der geht lieber raus und arbeitet so wie ers schon sein ganzes langes Leben lang getan hat, nicht wahr, Jack. Er ist jetzt das letzte Kaltblut hier im Dorf. Er ist ein Shire, schau mal, er spürt, dass wir von ihm reden, der hat ein Stockmass von einem Meter sechsundneunzig. Hey, und ich bin ein Mann von aufrechten einsvierundachzig. Aber gegen Jack bin geradezu ein Männchen.
So, ich muss jetzt aber wirklich weiter. Ich will nachsehen, ob die Kühe noch einige Nächte draussen bleiben können. Jack braucht auch noch seinen kleinen Ausritt am Abend. Vielleicht treffen wir uns ja nachher noch mal im „Postillion und Hufeisen.“
Dann singen wir gemeinsam das Lied von den stolzen englischen Pferden – von den Kaltblütern – – –
Hüü Jack, komm alter Junge, iss ja gut . . . .

Kaltblüter – Jethro Tull (1978)

Eisenbeschlagen, leichtfüssig, trabstaubwirbelnd,
Ein Oktobertag, gegen Abend
Schweissig erhabene Adern stemmen sich stolz gegen den Pflug
Auf dem mächtigen Brustkorb trocknet Salz an der Luft
Letzter eines Schlages – nach ehrlicher Tagesmüh´
pflügst du die Scholle unter
Feuerstein an der Fessel, ackerst und schaffst
Fliegen fleddern an deinen Nüstern
Der Suffolk, der Clydesdale, der Percheron sie wetteifern

neben dem Shire mit seiner wehenden Mähne
Nadelholz in die Abenddämmerung schleppziehend
um dann auf einem warmen Lager aus Stroh zu ruhen

Kaltblüter, bewegt die Erde unter mir
Hinten rackert der Pflug rutschend und schiebend
Nur wenige sind jetzt noch übrig
Es gibt nichts mehr zu schaffen
Der Traktor ist auf dem Vormarsch

Lass mich dir ein Stutenfohlen finden für deinen würdigen Samen,
um den alten Schlag zu erhalten
Und wir werden Seite an Seite stehen tief im Wald,
hinten wo die jungen Bäume wachsen
Um dich
vor den Blicken zu verbergen, die sich über deine Grösse lustig machen
und dein Stockmass über einsneunzig
Und eines Tages wenn die Ölbarone auf dem Trockenen sitzen und

Die Nächte draussen kälter aufziehen
Dann werden sie um deine Stärke bitten und deine sanfte Kraft
deine edle Anmut und deine Haltung
Und du wirst dich noch einmal ins Zeug legen zum Gesang der Möwen
im Geschirr vor dem Tiefpflug, furchpflügend.

Wie Panzer auf der Kuppe des Hügels stehend
Aufrecht dem kalten Wind offen zugewandt
in steifem Zuggeschirr, erdverbunden
Gegen die niedrige Sonne weit ausgreifend
Bringt mir ein Rad aus eichenem Holz,
Zügel von poliertem Leder,
Ein Kaltblut und einen aufgewühlten Himmel,
der schweres Wetter zusammenbraut
Bringt ein Lied für den Abend,
Blank gewienertes Messing blitzt im Morgengrauen
über  glitzrige Äcker wie Dunst auf einem Wiesenteppich
In diesen dunklen Städtchen liegt das Volk im Schlaf
wenn die Kaltblüter vorbeidonnern,
um die niedergehende Kleinstadt wach zu rütteln
durch den herzbeseelten Schrei des Reiters

Die alten Hände beleben sich augenblicklich – – –
Bring´  Hufkratzer, Strohbündel und Striegel
Begeistere dich an all den Klängen,
Die Kaltblüter kommen nach Hause.

Originaltext: Ian Anderson
Das Lied ist erschienen auf: Jethro Tull – Heavy Horses (1978)

PS:  Wer sich für Pferde interessiert, kann im Netz nach Fotos vom Shire Horse, Clydesdale, Percheron oder Suffolk suchen. Das sind die klassischen englischen Kaltblutrassen. Das Shire Horse ist die grösste Pferdrasse mit einem Stockmass bis über 2,00 Meter. Ian Anderson setzt sich neben seinen anderen Umweltaktivitäten auch für den Erhalt der alten Kaltblüter ein.