Auch in diesem Jahr – auf ein neues Jahr

Feiner deutscher Jazz-Rock aus längst vergangenen Tagen: Os Mundi – 43 Minuten (1973)…

„Na Herr Ärmel, sind Sie gut ins neue Jahr gekommen“, fragt die Nachbarin.
„Ja, ich habe gut geschlafen.“ Worauf die Frau fast tröstend entgegnet: „das kann passieren.“
„Holla Ärmel, bist Du gut reingerutscht?“
Das sind solche Fragen, bei denen in mir sofort Bilder aufsteigen. Und die wollen die Frager wahrscheinlich lieber nicht sehen oder gar beschrieben haben.
Dabei ist das neue Jahr mit böigen Windstössen und Regenstürmen lediglich in die Fussstapfen seines Vorgängers getreten. Zuvor sassen wir zusammen, haben gut gegessen und getrunken und anhand zahlreicher Fotografien das vergangene Jahr nochmals Revue passieren lassen. Bis wir müde wurden und uns zur Ruhe legten für anregendere Erlebnisse.

Die beiden ersten Januartage verbrachten wir folglich in Museen. Im Frankfurter Städel sind (derzeit noch) zwei Sonderausstellungen zu sehen. Die Pflanzenmalereien der Maria Sybilla Merian im historischen Kontext. Und die Künstlerfreundschaft zwischen Pierre Bonnard und Henri Matisse wird dokumentiert in zahlreichen Gemälden. Beide Ausstellungen sind schon aufgrund der gezeigten Werke einzigartig. Da vergeht ein Tag wie im Flug.
Am folgenden Tag dann eine Begehung der Mathildenhöhe in Darmstadt. Dem ehemaligen Zentrum des deutschen Jugendstils. Anschliessend im Landesmuseum den Block Beuys erkunden, die weltweit grösste Ansammlung seiner Werke. Um danach die vielfältigen Eindrücke abzurunden, abschliessend ein Gang durch die Abteilung Erd- und Lebensgeschichte. Was für ein grossartiger und erhebender Jahresbeginn.

Ein Satz von Alexander von Humboldt auf einer der Texttafeln machte mich nachdenklich:
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben.“

Berichten will ich in den kommenden Beiträgen von Schönheiten und Möglichkeiten. Scheinkritische Nörgelfreddys, die alles runterziehen und dabei keine positiven Aspekte aufzeigen und betroffensülzende Lappalienfriseusen, die auch die kleinste Unwichtigkeit noch ondulieren und auftoupieren gibt es ohnehin zu viele.
Was mir in diesem Jahr erneut ein Wegweiser zur Lebensfreude sein wird, ist die Erkenntnis der vergangenen Jahre: Je mehr man auf vernünftige Weise reduziert, desto grösser wird das Staunen über die Vielfalt des Daseins..

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Jahr mit wundervollen Begegnungen aller Art. Und ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen Lesern und Guggern für die Aufmerksamkeit für meinen Blog, auch wenn ich ihren Blogs aus zeitlichen Gründen nicht folgen kann.

(Wer mag: Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

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Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

Französische Bands waren und sind hierzulande leider weitgehend unbekannt. Während des Schreiben dieses Beitrages: Ange – Le Cimitière des Arlequins (1973). Danach, ebenfalls aus dem Jahr 1973: Magma – Mekanïk Destruktïw Kommandöh …

Dem Buch fehlt der Schutzumschlag. Das helle blaugrüne Leinen weist etliche Flecken auf, der Rücken ist nur minimal lichtrandig. Das Büchlein im Format Klein8° passt gerade recht in die Hände eines elfjährigen Jungen. Nach Hinweisen zum Autor suche ich vergeblich. Das Buch wandert seit Jahrzehnten in und mit meiner Bibliothek.
Eine spannende Pfadfindergeschichte. Ich war selbst lange Jahre bei den Pfadfindern. Das Buch mag ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten gewesen sein. Von wem es mir geschenkt worden sein mag, ich erinnere es nicht mehr. Erschienen ist es im Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris.
Lange vor der Schaffung der EWG, der Vorläuferin der EU, kam den führenden Politikern beider Länder der glorreiche Gedanke, dass zukünftige Kriege zu vermeiden seien, wenn die Jugend sich kennenlernen und miteinander im Austausch wäre. Im Rahmen des Elysèe Vertrages wurde auch die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) beschlossen. Schon bald danach begann ein gegenseitiger Jugendaustausch.

Meine erste lange Urlaubsfahrt mit Freunden verbrachte ich in Frankreich. Jahre waren seit der Gründung des DFJW vergangen. Wir entdeckten Frankreich auf eigene Faust. Im Elsass kam es durchaus noch vor, dass man als deutscher Jugendlicher, zudem mit längerem Haupthaar, als boche beschimpft worden ist.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, aber meine Freunde waren bereits etwas älter. Mit einer Citroen Dyane 6 und einem Opel Kadett A fuhren wir Richtung Süden. In der Nähe von Marseille zelteten wir auf dem steinigen Boden hoch über dem azurblauen Meer. Spontan sind mir an diese Reise nur wenige Tatsachen erinnerlich. Baguette, Käse, südfranzösische Pizza und die für unsere Verhältnisse chaotischen Verkehrsverhältnisse. Pastis, den man immer weiter wasserverdünnen konnte, bis uns der Wirt scheel anschaute. Rotwein und Gauloises. Damals noch zum Schülertraumpreis. Die bezaubernd fremde Lebensart. Und die nervigen Grenzkontrollen dort wie hier. Seitdem war ich viele Male in Frankreich und kenne fast alle Gegenden.

Im Jahr 1914 wurde in Saint-Denis für die CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits) mit der Fertigungsnummer 2419D einer von über zwanzig Speisewagen hergestellt. Während des bald darauf beginnenden Ersten Weltkriegs diente dieser Wagen im Befehlszug des Maréchal Ferdinand Foch nach einem Umbau als sein mobiles Büro.
In diesem rollenden Raum wurde am 11. November 1918 die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches ratifiziert.
Danach wurde der Wagen im Ehrenhof des Armeemuseums in Paris ausgestellt.

Wenn Du das Elsass und die Vogesen noch nicht kennst, so ist es mir eine Freude, Dir in dieser einmaligen Kulturlandschaft viel Sehenswertes zu zeigen und näherbringen. Die kleinen malerischen Dörfer und Städtchen. Flammkuchen und Edelzwicker. Den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar. Kugelhopff und Flammkuchen. Das Kloster auf dem Odilienberg. Und das nicht weit davon entfernte ehemalige Konzentrationslager Natzweiler Struthof. Die kultivierte Lebensart liegt hier so nah bei der rohesten Barbarei, dass man es kaum fassen kann. Auf dem Lingenkopf lagen die beiden Schützengräben nur zwölf Meter von einander entfernt. Musste ein Soldat austreten, so rief er dies dem militärischen Gegner zu und erbat sich damit freies Geleit. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht. Kriegshandlungen sind nicht vorausschaubar.

Als die Deutsche Wehrmacht 1940 Frankreich einen Waffenstillstand aufzwang, wurde der Eisenbahnwagen auf Befehl Hitlers vaus dem Aremeemuseum geholt und an die gleiche Stelle im Wald von Compiègne gebracht, um darin den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen.
Danach wurde der Wagen per Eisenbahn nach Berlin spediert, da er nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde er kurzfristig ausgestellt und anschliessend in einem Magazin eingelagert. Im Jahr 1944 wurde er aus Sicherheitsgründen nach Thüringen verbracht. In den letzten Kriegstagen wurde der Wagen dort durch ein Feuer beschädigt. In der Geschichtswissenschaft gibt es noch immer verschiedene Meinungen über die Urheberschaft der Zerstörung.

Auf der Fahrt von Colmar in die Vogesen werden wir an einem kleinen Ort vorbeikommen. An der dortigen Kirche ist eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an einundfünfzig Mitbürger, die zu Reichsdeutschen erklärt worden sind und somit in die deutsche Wehrmacht oder die SS gezwungen worden sind.
Mir fällt da eine kleine Auberge in der Nähe ein, in der es bescheidene Zimmer und eine typisch elsässer Küche gibt. Jetzt ist die Zeit der feinen Wildgerichte. Heisse Maronen und Pilze. Morgen könnten wir dann eine kleine Rundfahrt in den Vogesen machen oder eine Kleinstadt besuchen. Oder beides.

Der Unterbau des Waggons überstand den Brandanschlag und wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, zu einem Werkstattwagen umgebaut und entspechend genutzt. Seine letzte Verwendung war als Werkswagen Nr.17 im Weichenwerk in Gotha. „Aufgrund seiner weichen Federung erhielt er dabei den Spitznamen Kanapee.“ Nach einer neuerlichen Beschädigung wurde der betagte Eisenbahnwaggon im Jahr 1986 verschrottet.

Was mir beim Rundgang durch eine Kleinstadt wie Obernai auffällt, ist diese wohltuende Nichtperfektion. Nichts ist überrestauriert. Man sieht den Gebäuden an, dass sie belebt sind. Das pulsierende Leben selbst in den ruhigen Nebenstrassen überträgt sich auf den Reisenden. Wie wärs mit einer Einkehr in einem Salon de Thé? Oh, da gibts frische Eclairs. Welche Creme magst Du lieber, Schokolade oder Vanille? Ich nehme bloss einen petit noir.
Hier lässt es sich leben. Die Böden sind ungemein fruchtbar. Selbst jüngere Menschen sprechen wieder den elsässischen Dialekt. Vielleicht finden wir später ein gemütliches Resaturant. Einen Baeckeoffe habe ich ewig nicht mehr gegessen.
Mit der Vergangenheit und den historischen Orten geht man in Frankreich nicht anders um als in anderen Ländern.
Das Konzentrationslager Le Struthof ist anschaulicher instandgesetzt, als ich das von deutschen Konzentrationslagern kenne. Aber hier soll nicht aufgerechnet werden, wie mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wird. Es ist unwürdig und unpassend.

Strassburg? Auf dem Weg dorthin werden wir Mutzig passieren. Auf einem Hügel neben der Stadt liegt die angeblich grösste Militärfestung Europas. Die Feste Wilhelm II. für siebentausend Soldaten. Nach heutigem Geld soll der Bau eine Viertelmilliarde Euro verschlungen haben.
Es kann sein, dass in Strassburg ziemlich viel los sein wird, nach der Ruhe hier am Rand der Vogesen. Vor dem Münster schieben und drängen sich die Menschenmengen. Himmelstrebende gotische Baukunst, die sich auf einen schnellen Blick nicht erfassen lässt.
Martialisch aussehende Männer der Antiterroreinheiten patroullieren und zeigen überall Präsenz. Beim Eintritt in jegliche öffentliche Gebäude muss man den Inhalt seiner Taschen und Rucksäcke präsentieren. Lass uns lieber in ein ruhigeres Viertel gehen. Jetzt ist die Jahreszeit für moules frites. Schau, das kleine Restaurant dort drüben sieht gut aus. Die Muscheln, zubereitet á la marinière, sind ebenso delikat wie schmackhaft.
Aber nun nichts wie weg aus diesem Getümmel. Die Feuerwehr stellt auf der berühmten place Kléber einen fündundzwanzig Meter hohen Weihnachtsbaum auf. Menschenmassen in der Herbstsonne. Eine kleine Tüte heisse Kastanien für auf den Weg. Die verschmitzt schauenden Augen des lächelnden Maronenmannes lindern den inneren Aufruhr der vielfältig verwirrenden Eindrücke.

Der Roman „Lichter am Grenzhof“ von Jürgen Rauser hielt mich seinerzeit in Atem. In den Sommerferien haben die Gruppenführer einer deutschen und einer französischen Pfadfindergruppe eine Begegnung zwischen ihren Buben vereinbart. Die Jungs wissen nichts voneinander und lernen sich in den Vogesen durch geheimnisvolle Begebenheiten und Zwischenfälle kennen und kommen sich im Verlauf der Ferien näher.
Am Ende entwickeln daraus sich Freundschaften. In dem Buch steht vor dem Text eine gedruckte Widmung:
„Der Jugend Deutschlands und Frankreichs, die eine Versöhnung aufgerichtet hat
über der blutdurchtränkten Erde des Grenzlandes, –
Eine Gemeinsamkeit, die so sehr erfahren ist,
dass sie nie wieder im Hass der Völker verbrennen darf.“

Es bleibt angesichts der Geschichte des vormals prominenten Eisenbahnwagens zu wünschen und zu hoffen, dass zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig nie mehr Kapitulationen zu unterzeichnen sein werden.
Und mit einer Reisebegleitung wie Dir würde ich jetzt sofort ins Elsass fahren. Zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr zur Blütezeit. Oder in der Hitze des Sommers zum Picknick an einen Wasserfall. Grenzüberschreitend.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein friedvolles herbstliches Wochenende.

(Eine Fotografie anklicken. Die Galerie öffnet selbsttätig)

 

 PS: Das im Beitrag erwähnte Buch: Rauser, Jürgen: Lichter am Grenzhof. Illustrationen Irene u. Rolf Scharwächter. Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris, 1965. 191 S.

Neulich frühmorgens in Nordhessen

Zum anwärmen des Feierabends spielt der Gitarrist der legendären Jethro Tull mit seiner Band auf: Martin Barre – Order to play (2014) und danach erklingt das Konzert von King Crimson – Live in Toronto 28.11.2015…

An die länger werdenden Nächte muss ich mich noch gewöhnen. Frühmorgens erwacht und bereit, erneut auf den eigenen Beinen den Lebensweg zu betreten. Fünf Uhr, stockdunkel; die Temperatur ist ungemütlich.
An solchen Morgenden liegen überall Stolpersteine herum. Kaffee statt Tee beispielsweise. An einer Tanke gegen Ende der Nacht komme ich garnicht auf die Idee, einen Tee zu ordern. Kaffee am Morgen mag ich eigentlich nicht. Die Plörre schmeckt bitterlich. Ein Kommen und Gehen trotz der frühen Stunde. Ein Frühstück auf die Hand, auf der Fahrt zur Arbeit beiläufig runtergeschlungen. Und der Blick auf die Uhr an der Wand nötigt zu einem Korrekturblick auf das eigene Handgelenk. Beide Uhren zeigen die gleiche Zeit. Demnächst wird es tatsächlich fünf Uhr sein. Stolpersteine. Der Fahrer des LKW nimmt zwei Büchsen Bier mit ins Führerhaus. Tankstellen sind mittlerweile kleine Tante-Emma-Läden, Zeitungs- und Rauchwarengeschäft in einem. Mit einer Abteilung für den Schabbes, den niemand wirklich braucht, den viele aber aus unerfindlichen Gründen kaufen. Nichts wie raus jetzt und hoch in den Wald.

Die Dämmerung beginnt gegen sieben. Sofern der Himmel klar ist. Und er ist klar über der Hochebene an diesem Morgen. Orion lässt sogar sein Schwert sehen. Es ist kalt. Die schmale Strasse bergauf ist bis an den Rand bewaldet. Zu dieser Uhrzeit nur von wenigen Autos befahren. Etwa zweihundert Meter voraus trottet, eins nach dem anderen, eine Rotte Wildschweine gemächlich über die Strasse.
Um halb acht ist in dem faszinierenden Urwald im Nordhessischen ausreichend Licht zum Fotografieren. Hier stehen jahrundertealte Eichen und Buchen, einige sollen annähernd tausend Jahre alt sein. In der Stille sind zahlreiche Geräusche zu hören. Unser Wahrnehmungsvermögen ist dermassen restringiert, dass wir viele Stimmen garnicht mehr zuordnen können.
Der Hirsch, der über eine Stunde lang ausdauernd brunftig ins Morgengrauen röhrt und der Esel, dessen Schreie vom Tal her die Waldruhe zerreissen, die sind noch zu erkennen. Den vielfältigen Vogelstimmen jedoch stehen wir ebenso ahnungslos gegenüber wie den zahlreichen Baumarten.
So viel Reichtum ist uns durch unsere Lebensweise verloren.
Zweieinhalb bis drei Stunden genügen für einige Aufnahmen. Zurück am Parkplatz stehen nun auch andere Fahrzeuge. Wir beschliessen, im nahen Hofgeismar ein Café zu finden. Schwarzen Tee wirds dort wohl auch geben.

Ich wünsche allen Besuchern, Guggern und Lesern ein gediegenes Herbstwochenende.

(Wer es schafft, ein Bild länger als elf Sekunden anzuschauen, kann erstaunliche Details entdecken. Foto anklicken und los gehts)

 

 

 

 

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Verschiedenheitsreduktion hilft Gemeinsamkeitswachstum

Für mich der Schwanengesang, die Götterdämmerung einer Band schlechthin, die mich jahrelang erfreute und mit jedem neuen Album in ihren Bann zog. Hier erstmals ohne Peter Gabriel: Genesis – A Trick of the Tail (1976)…

Vielleicht ist diese Dauerdiskussion um die Unterschiede zwischen BRD und der ehemaligen DDR ja doch politisch sehr erwünscht. In hochkompetetiven Leistungsgesellschaften mit kapitalistischer Wirtschaftsordnung belebt der gegenseitige Kampf Jeder gegen Jeden das Geschäft. Alte Bundesländer, neue Bundesländer. Und ganze Kompanien von Denkvermeidern und Laberhelden macht brav mit. Zum Beispiel auch wenn es in Blogs um Ost und West geht.
Jeder Mensch hat seine eigene Biografie und seine eigenen Erfahrungen. Diese jedoch zum Standard und zur alleinigen Wahrheit erheben zu wollen, zeugt von eng geschnürten Scheuklappen. Wobei man andererseits so garkeine Scheu zeigt, wenn es drum geht, die Erfahrungen anderer Menschen herabzusetzen und zu verunglimpfen. So entstehen weder Verständnis füreinander noch die dringend benötigte Solidarität für anstehende gesellschaftliche Veränderungen.

Ich will mein Nord-Süd-Gefälle, mit dem ich gross geworden bin, wieder zurückhaben. Ich kanns mir leisten, denn das Bembelland gehört mit zwei anderen südlichen Bundesländern zu denen, die das Schiff BRD am Laufen halten. Aber Spass beiseite.

Ich bin für Wachstum. Allerdings nicht für eins, dass lediglich den monetären Interessen Weniger dient. Ich bin für ein Wachstum der Gemeinsamkeiten. Ich versuche, auch wenns manchmal schwer fällt,  meinen Blick auf die Gemeinsamkeiten zu richten. Das garantiert am Ende Win-Win-Situationen für alle Beteiligten.

Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auf die Reportagen von Gabriele Goettle. Versammelt in drei Büchern.
Deutsche Sitten – Erkundungen in Ost und West (1991).
Deutsche Bräuche – Ermittlungen in Ost und West (1994).
Deutsche Spuren – Erkenntnisse aus Ost und West (1997).
Frau Goettle sprach mit Menschen in ganz Deutschland. Sowohl ihr behutsamer Umgang mit den Menschen, mit denen sie Gespräche geführt hat als auch der besondere sprachliche Stil verleihen den Reportagen eine unaufgeregte atmosphärische Dichte, der man sich kaum entziehen kann. In den Gesprächen geht um die Veränderungen in Deutschland. Nicht der Katastrophen ferner Galaxien und die Hochglanzlügen sind Thema, sondern das Alltagsleben der Menschen, der Machtlosigkeit und dem Ausgeliefertsein an rapide gesellschaftliche Veränderungen. In einem Land, in dem Politiker längst keine Antworten mehr haben, von Lösungen ganz abgesehen. Die werden ihnen von Lobbyisten weitgehend eingeflüstert, wenn nicht vorgeschrieben im Auftrag ihrer Herren.
Ihre Gesprächspartner bilden einen Querschnitt durch die Bevölkerung. Einfache Menschen, die mühen und anstrengen, Menschen zu bleiben. Gut zu arbeiten, moralische Werte aufrecht zu erhalten; anständig durchzukommen.

Für ihre Arbeiten wurden Frau Goettle verschiedene ehrenvolle Preise verliehen. Was mir persönlich gefiel, dass sie die Annahme des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay ablehnte. Merck ist ein Unternehmen, das neben anderem Pharmazeutika herstellt. Das Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro leitete sie direkt an eine pharmakritische Stiftung weiter.

Ob die Bücher von Gabriele Goettle inzwischen auch in anderen Ausgaben als denen des Eichborn Verlages verlegt werden, habe ich nicht überprüft.
Ein anderes Buch hingegen wird seit 1920 immer wieder in verschiedenen Ausgaben vorgelegt. Es handelt sich um Hermann Hesses „Klingsors letzter Sommer“. Darin wird ein Papgeienhaus in Kareno erwähnt. Kareno ist die literarische Umschreibung für Carona. Und das Papageienhaus war seinerzeit das Sommerhaus der Eltern von Ruth Wenger, der späteren zweiten Frau Hesses. Carona liegt in unmittelbarer Nähe zu Montagnola, wo Hesse von 1919 bis 1962 lebte.
Einige Jahre verbrachten wir Ostern in Südfrankreich. Auf einer der Rückfahrten hielten wir eher beiläufig in Carona. Durchstreiften den Ort auf der Suche nach einem Grotto und einer Gelegenheit zum Ausruhen. Dabei traten wir durch eine Toreinfahrt in den Innenhof eines alten Gebäudekomplexes. Als ich mich umsah entdeckte ich den in der Geschichte beschriebenen Papageienkäfig. Er war schon damals vor fast dreissig Jahren ziemlich verwittert. Wer weiss, ob er heute überhaupt noch zu erkennen ist.

Wer trennt, trennt sich von der Welt. Und von der Welt getrennt, ist nichts zu erkunden und entdecken. Wer jedoch im Gemeinsamen die Unterschiede (und umgekehrt) sehen und dabei doch gelten lassen kann, der wird viel erkennen können.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Herbsttage.

(Fotografien anklicken. Vergrösserungen machen Laune)

 

 

Auch mal denken zwischendurch kommt gut

Zwischen den Platten von Pankow laufen als Kontrastprogramm die Scheiben von Vanilla Fudge. Einige sind so sehr dem Zeitgeist verhaftet und klingen dementsprechend uralt, aber manche Werke haben es noch immer in sich. Zur Zeit: Vanilla Fudge – The Beat goes on (1968). Das war damals mein Einstieg in die sogenannte progressive Musik…

In der Tageszeitung die Überschrift: „Ohne Handy geht es nicht“. Die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zum Thema. Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen präsentieren ihre Erkenntnisse. Unterm Strich bleibt wenig Konkretes. Ich erinnere mich an die Diskussion vor Jahrzehnten, ob Fernsehkonsum bei Kindern und Jugendlichen Gewalt erzeugen könne. Oder noch früher in meiner späten Kindheit, ob Comics dumm machen würden. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen für Wissenschaftler. Welches Wissen schaffen diese Menschen eigentlich und wem nutzt es wirklich?

Immerhin erkenne ich durch diesen Artikel für mich, dass ich mit den Gebrauchsgewohnheiten hinsichtlich meines Mobiltelefons und meinem Reduktionsprojekt ganz generell inzwischen zu einer konsumistischen Minderheit gehöre. Ein volkswirtschaftlicher Schädling, um es fachlich korrekt zu benennen.
Dazu passt eine Frage,die ich immer wieder einmal bewege und auf die ich bis heute keine für mich befriedigende Antwort gefunden habe. Wie hat das denn funktioniert damals, als sich quasi über Nacht die gesellschaftliche Ordnung im Land änderte. Alle Menschen dabei scheinbar umgepolt worden sind. Wie das am Ende ausgegangen ist, besonders auch für die betroffenen Minderheiten, ist allgemein bekannt.
Meine unbeantwortete Frage kocht auch deshalb wieder hoch, weil ich aus verschiedenen Gründen derzeit viel Umgang mit Menschen habe, die in ihrer körperlichen Bewegungsfreiheit teilweise so stark beeinträchtigt sind, dass sie auf die Hilfe anderer Menschen zwingend angwiesen sind. Ich komme mir hingegen als dermassen beschenkt vor mit meinen weitgehend gut funktionierenden Körperfunktionen, dass ich mich fast schämen möchte. Über was jammere ich eigentlich? Und meine anfälligen Ungeduldseruptionen. Unzufriedenheiten überhaupt. In welchem Verhältnis das alles zu meinem Lebensglück steht, übersehe ich leider nur allzuoft. Ich werde mir meine Dankbarkeit wieder häufiger ins Bewusstsein rufen.

ich habe ein Dach überm Kopf, genug Kleidung und mehr als ausreichend zum Essen und Trinken. Zum Glück auch noch sehr starke Herzensbindungen zu einigen Menschen. Und wir alle sind mehr oder weniger gesund, haben solide Ausbildungen genossen und haben etwas Humor. Wir geben uns jedenfalls Mühe. Wie klein und nichtig sind im Vergleich dazu die tagtäglichen Aufwallungen. Wegen der Berichte in den Medien. Wegen eines nervenden Nachbarn. Wegen einer nörgelnden Kundin. Wegen eines dummen Geschwätzes irgendwo… 

Wenn ich ernsthaft darüber sinniere, wie dankbar ich für mein Leben sein sollte, dann fallen mir gerade eben auch die scheinbaren Störenfriede, die erwähnten Nerver und Nörgler ein, die Humorlosen und die Dummschwätzer. Diejenigen, die verdeckt und verborgen aus dem Hintergrund agieren. Im Grunde muss ich mich für die Begegnungen mit diesen Zeitgenossen bedanken. Sie sind Steine des Anstosses, gewiss, aber sie sind damit auf eine gewisse Art auch Wecker, die mich vor dem Tiefschlaf meines Bewusstseins bewahren. Ohne diese Menschen würde ich nichts verändern an meinem Denken und Handeln. Angenehme Zeitgenossen sind ein Geschenk, eine Erholung im Alltag; aber sie sind keine Veranlassung, sich verändernd weiterzuentwickeln. Daraus kann Lebensglück erwachsen. Das Glück ist meine Entscheidung.

 

(Fotografien, die vorab auf neueste Entwicklungen hinweisen. Unbedingt den Regenbogen anklicken, um die Galerie zu öffnen)

 

Bessere Bodenhaftung durch Traumreduktion

Die profilitierste Selbstcoverband aller Zeiten, zumindest bis jetzt: The Rolling Stones – Stadtpark Festwiese, Hamburg, 9.9.2017. Zweieinhalb Stunden bekannte Lieder. Manche Titel sind seit vielen Jahren jetzt zum ersten Mal wieder von der Bühne herab zu hören. Interessantere Wiederaufbereitungen bietet für Fans des austromusikalischen Spektrums die folgende Trouvaille. Es gibt noch originelle Ideen, die obendrein gut hörbar sind: Depeche Ambros – Musik für die Massen (2014)…

Letzte Woche erwähnte ich nebenbei, dass ich mich derzeit von einigen Langzeitträumen verabschiede. Treibstoff dafür ist die (Selbst)Erkenntnis, welche Funktion manche Träume in meinem Leben hatten und teilweise noch immer haben.
Da sind einerseits die Reisen. Ob zu Fuss, mit dem Rad oder einem anderen Fahrzeug. Da beispielsweise der seit meiner Jugend währende Traum, mit einem Hako mit speziell umgebautem Hänger die BRD zu bereisen. Bei selbstkritischer Betrachtung waren viele dieser Reisepläne nichts weiter als Fluchtbewegungen. Mögliche Auswege aus schmerzlichen Lebensbedingungen. Wege ins Aus. Gelöst habe ich entsprechende Situationen jedoch allemal ohne weite Reisen.
Dem entsprechen andererseits die Sammeleien. Wenn ich daran denke, was ich schon alles gesammelt habe. Dabei bin ich gar kein typischer Sammler. Dazu fehlt mir das wichtigste Attribut: der Hortungstrieb. Alle meine Sammlungen habe ich früher oder später wieder aufgelöst. Verkauft oder verschenkt. Entweder, weil ich Geld brauchte oder weil ich im Kontext der Sammlung fand, etwas gelernt zu haben und die Sammlung damit ihren Zweck erfüllt hatte. Nur ganz wenige Sammeleien habe ich vertauscht gegen eine andere Sammlung. Aber auch die…

Materialstudien für zukünftige Reisen und das Sammeln haben einiges gemeinsam. Für meine Person sind es die Ablenkungen von den wirklichen Herausforderungen des Alltags. Probleme lassen sich damit ebenso beiseite schieben wie unliebsame Entscheidungen zeitweilig vermeiden. Die scheinbaren Freuden hingegen beschränken sich auf Fantasien und das Anhäufen von Gegenständen.
Mit dem Älterwerden stelle ich jedoch zunehmend fest, dass solche Handlungen nur kurzfristig Freude erzeugen. Zu bedenken wäre, ob sie überhaupt über einen reinen Spassfaktor hinausführen. Lebensträume in eine mehr oder minder ferne Zukunft zu verlegen ist riskant. Ein Arztbesuch, eine ungünstige Diagnose und diese Pläne werden wie Seifenblasen zerplatzen. Und der Gedanke daran, dass unsere Sammlungen dereinst mit Freuden angenommen werden, ist trügerisch. Die meisten unserer Kinder werden kaum ein Interesse daran haben, sich an unseren hinterlassenen Sammelsurien abzuarbeiten.
Was meines Erachtens zählt, ist eine grundsätzliche Lebensfreude, die dem Alltag mit seinen zahlreichen Facetten ein solides Fundament gibt. Damit meine ich besonders die unangenehmen Momente, die jedem Menschen tagtäglich begegnen. Und wer sich heute bloss in seinem eigenen bescheidenen Lebenskreis umschaut und umhört, der braucht viel Kraft und Lebensfreude. Zu viel Negatives liegt in der Luft. Umso wichtiger ist es, wach zu sein, um die wenigen
Momente mit all dem, was sie gerade jetzt an möglicher Lebensfreude bieten, zu ergreifen. Dazu gehört eine solide Bodenhaftung.

( Die Fotografien wurden in solchen Momenten aufgenommen)