Sommergarten Schaubudensommer Sommernächte

Zur Zeit auf Abschiedstournee ist Eric Burdon. Er war und ist einer meiner musikalischen Hausgötter. Als ich aus meiner Kleinstadt nach Berlin gekommen bin zur Ausbildung fotografischer Fertigkeiten erschien gerade dieses Album mit einer genialen Neueinspielung eines meiner ewigen Lieblingslieder: „When I was young“. The Eric Burdon Band – Sun Secrets (1974)….

Im Garten blüht und wächst es. Kräuter, Salate und Gemüse. Schokoladencosmeen, Rosen und Clematis. Mädchenaugen in betörend leuchtendem Gelb. Violette Sonnenhüte, Farbige Vielfalt bei Löwenmäulchen und Kornblumen. Im Steinbecken der Schachtelhalm und dazwischen Rohrkolben. Libellen und Girlitze. Die kleinen Kröten bemerkt man erst, wenn sie aufgeregt davonhüpfen. Erdbienen laben sich am Borretsch, Holzbienen bohren fleissig Gänge für ihre Nester ins Altholz.
An den Tränken netzen sich die Wespen und die Libellen tanzen dazu. Und im täglich früher einsetzenden Nachtdunkel zickzacken Fledermäuse auf der Jagd nach Insekten. Der Amselmann besingt sein Revier vom höchsten First. Ich liebe den Sommer.

Dass derzeit einige heissere Tage den Schweiss treiben, besorgt mich weniger als die weltweit zunehmende Rodung von Wäldern. Die Bäume sind für die Erde, was die Haare auf dem Kopf eines Menschen sind. So sprach eine alte Frau vor Jahren. Denn Bäume beziehungsweise Wälder sind bewährte Windstopper. Wenn sie weniger werden, werden Brisen zu Winden und Winde zu Stürmen. Aus Waldbränden werden dann rasch Feuerstürme.

Es ist mir immer wieder erstaunlich, dass manche Bücher ihre Zeit brauchen. Nach über zwanzig Jahren las ich erneut „Der leidenschaftliche Gärtner“ von Rudolf Borchardt. Im Vorwort schreibt er, „man erwarte […] kein Buch, das, die Pfeife im Mund, die Gießkanne in der Hand und den Strohhut auf dem Kopf, entstanden ist, das nur eine stille, sanfte und freundliche Liebhaberei spiegelt.“
Es handelt sich um keine Anleitung zum säen, pflanzen oder anbauen. Borchardt trägt seine Kenntnisse und Erfahrungen in Form von essayistisch formulierten feinen Gedankengebäuden vor.

Borchardt verliess als Jude sicherheitshalber Deutschland bereits im 1933er Jahr. Er liess sich in Italien nieder und bewohnte alsdann vorwiegend Landhäuser mit entsprechenden Gärten, in denen er praktische Erfahrungen sammelte.
Aufschlussreich und für mich ungemein anregend finde ich seine folgende Überlegung. Die Geschichte der Menschheit beginnt in einem Garten. Gärten haben in verschiedenen Mythologien eine starke metaphorische Bedeutung. Die Menschheit ist jedoch durchweg nicht in der Lage, diese Gärten in angemessener Weise zu bewohnen. Daraufhin erfolgt ihre Vertreibung.
Nun versucht der Mensch, die Ordnung des verlorenen Gartens wieder herzustellen. Was natürlich nicht gelingen kann. Denn die Natur ist nicht ordentlich im menschlichen Sinne. Die Natur ist üppig und verbreitet sich chaotisch. Immer auf der Suche nach bestmöglicher Anpassung zur Erhaltung der eigenen Art. Davon zeugt auch die Vielfalt der Formen und Farben nur einer einzigen Art.
Wenn ich diese Gedanken weiterdenke und praktisch darauf anwende, wie wir heute mit der Natur – oder dem, was wir dafür halten, umgehen, dann schwindelt mir. Noch nie ist mir die Menschheit in diesem Treiben so überflüssig vorgekommen.

In der Hitze der Nacht. Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt. Wir warten lediglich noch auf die Mitternacht und die tägliche Überraschung. Gestern zogen wir einige Strassen weit hinter einer Musikkapelle her. An einer kleinen Kreuzung verharren die Musiker und zeigen auf die schräg gegenüber liegende Hausecke. Auf dem Geländer des Balkons im ersten Obergeschoss sitzen das Schwein Steffi und daneben das Wildschwein Torsten. Figuren des genialen Michael Hatzius. Es dauert keine Minute und das Pflaster dröhnt vom Gelächter der Zuschauer.

Aber heute geht kurz vor Mitternacht ein böses Wetter nieder. Viele Besucher verlassen schlagartig das originell dekorierte kleine Festivalgelände, das rund um die Kulturscheune aufgebaut ist.
Lass uns warten, bis das Unwetter aufhört, dann gehen wir bettwärts.
Geht noch ein Bier?
Ein Bier geht sicher noch!
Die Preise sind gemessen an anderen Festivals dieser Art durchweg günstig. Wir stehen und warten. Auf den Bierbringer. Und auf das Ende des Regengusses. In einer Ecke steht ein Akkordeon auf einem Stuhl. Die Bühne misst keine fünfzehn Quadratmeter. Eine Frau quietscht klarinett. Das Schlagwerk ist niedlich. Beeindruckend wie immer, der Kontrabass.
Wir trinken unser Bier und unterhalten uns. Kleine Gruppen und gute Gespräche brauche ich wie Wasser und Brot. Und wenn es dann noch so herzliebe Menschen sind. Ein kleine Frau ergreift die Violine. Ihre ersten Töne lassen aufhorchen. Das klingt irgendwo zwischen Jean-Luc Ponty und Jerry Goodman. Und schon legt das Quintett los. Die Beine wippen sofort mit.
Wer holt uns noch ein Bier?
Unsere Entdeckung in dieser musikalischen Nacht: Herje Mine.
Wir werden noch einige Biere zu uns nehmen in dieser Nacht.

W.G. Sebald schreibt in einem Essay, er habe in einer Studie Sigmund Freuds gelesen, „dass das innerste Geheimnis der Musik eine Geste sei zur Abwehr der Paranoia; dass wir Musik machen, um uns zur Wehr zu setzen gegen die Überflutung durch die Schrecken der Wirklichkeit.“ Wenn ich denke, wie mein Umgang mit Musik seit jeher ist. Und tanzen? Mähneschütteln vor Jahrzehnten und die unvermeidliche Luftgitarre. Aber geh mir weg mit einer Tanzstunde. Revanchistische bourgeoise Ablenkungen von den politischen Notwendigkeiten unseres Alltags. So sprachen wir Besserwisser und wusstens doch nicht besser.
Fernando, ein Exilkubaner, verdiente sich in Ecuador als Tanzlehrer sein Auskommen. Wir waren dort eine kleine international zusammengewürfelte Gruppe. Er wurde unser Salsalehrer. Europäer und Salsa. Eine merkwürdige Mischung. Ich sehe seine steilen Stirnfalten sofort vor mir. Und ich bin tanzunbegabt. Zumindest, was vorgeschriebene Schrittfolgen betrifft. Anarchie in Sachen Rhythmus.
Bei den Deutschen beispielsweise, meinte Fernando, kannst du an ihrer Art zu tanzen, erkennen, wie sie vögeln. Ich bin bei ihm beileibe kein Salsero geworden. Kapiert habe ich jedoch, dass beim Tanzen die Bewegungen zwischen dem Herz und Becken entstehen. Selbst bei stark normierten Tänzen. Daran dachte ich, als ich all die aufgeklärten Bühnenumsteher bei der vorwärts treibenden Musik von Herje Mine gesehen habe. Aber nur kurz. Denn wir tanzen zu der mitreissenden Musik und schwelgen in praller Lebensfreude. In unserem Nachtasyl können wir auch später noch einlaufen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein fantastisches Wochenende.

(Aufgenommen in der Dresdner Neustadt)

 

Lektüre:
Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner.
W.G. Sebald : Campo Santo.

Musik:
Herje Mine: Balkalagan (2018). Das ist ihre erste Scheibe. Und hoffentlich nicht ihre Letzte.

 

 

Werbeanzeigen

Gedanken Winter Wochenende

Am 26.1.2019 starb der legendäre Tastenspieler Ingo Bischof. Langjähriger Mitspieler bei Karthago und Kraan. Ingo Bischof hörte und sah ich erstmals mit Karthago live bei der Eröffnung des Roxy in Berlin. Das war im Januar 1976. Aus diesem Grund laut im Ärmelhaus: Karthago – Live at the Roxy. (endlich die komplette Aufnahme, 2011 )…

Langsam aber sicher sammeln sich die Entwürfe im Archiv. Anfänge oder Mittelteile oder Enden von noch zu vollendenden Beiträgen für meinen Blog. Für manche Erinnerungen ist es noch zu früh.
Das grosse Thema über jene, mich seit Jahren beschäftigende, Generation, der einmal der fatale Scheinfreispruch von der „Gnade der späten Geburt“ attestiert worden ist muss warten, so sehr er sich auch vordrängeln mag. Zu viele dieser Menschen mit ihren verkorksten Biografien und den daraus folgenden merkwürdigen Abirrungen leben noch in meinem Umfeld. Zudem sind nach dem Mauerfall noch einige Biografien aus dem Osten des Landes hinzugekommen.

Eine weitere auffälige Gruppe, über die in einem Beitrag zu berichten ist, sind Menschen meines Alters, die sich vor dem Mauerfall auf ehrerbietige Weise mit Institutionen der untergegangenen Deutschen Republik im Osten eingelassen haben. Dadurch haben sie sich ein Anrecht erworben auf bestimmte staatsnahe Berufe. Manche von denen, die sich zu dienstfertig erwiesen haben, müssen sich seit dreissig Jahren eingestehen, dass jene Institutionen sie sitzengelassen haben wie man schal gewordene Partner sitzen lässt. Die Lenker jener Institutionen hingegen weiden ihre Schäfchen auf den fruchtbaren Wiesen inmitten blühender Landschaften. Auch dafür gibt es Gründe, halbfertige Beiträge weiter zu fund(ament)ieren.

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher aus dem Bereich der Belletristik gelesen. Ich kann Texte jenseits der Fachliteratur  wieder leidlich geniessen. Nach Jahren der Stagnation. Die intensivere literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Erzähltheorien hat mich dem reinen Lesegenuss entfremdet. Potz Lotman und Kristeva. Und Genette als Fundament. Fokalisierungen, Diegesen, Metalepsen und auktoriale Erzähler – geh mir weg damit. Das hat mir die beim Lesen aufsteigenden Bilder vernebelt. Trotz aller Kritik aus der poststrukturalistischen Ecke haben diese Theorien jedoch einen gewissen Reiz. Man muss halt ein gerüttelt Mass an kritischer Distanz wahren.
Andererseits entlarvt das erworbene Wissen natürlich die Texte. Auch meine eigenen, versteht sich. In vielen Blogs lese ich aufgrund dieser Einsichten immer weniger. Und wenn dann beim Leser noch einige psychologische Grundweisheiten vorhanden sind, entblättern sich die Erzähler in ihren Beiträgen vor dem Leser. Und am Ende kann es sogar peinlich sein, die eigenen Texte unter bestimmten Aspekten zu beleuchten.
Auch dies ist für mich also ein Grund vorsichtiger oder eben in längeren Abständen zu posten. Und nebenbei diejenigen zu beneiden, die ihre Beiträge von woanders her kopieren. Keine eigene kreative Leistung zwar, aber auch diese Menschen vermitteln helle Selbstbilder – wenn man genauer hinschaut.

Gelesen habe ich in den letzten Tagen mit Genuss:
Eine Menge Reportagen von Gabriele Goettle (Davon sind fünf Bände in der Anderen Bibliothek erschienen).
Ben Witter – Müssiggang ist allen Glückes Anfang.
Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone.
Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind. Da freue ich mich von gleichen Autor auf das Nachfolgewerk „Alle sieben Wellen“, mit dem ich jetzt gleich beginnen werde.

An meinen begonnenen Texten werde ich dennoch weiterschreiben. Manchmal träume ich davon, ein Buch daraus zu machen. Machen zu lassen. Aber wie Mr. Wakeup beim träumenden Little Nemo ruft mir sofort eine Stimme zu: wieso?…und noch deutlicher in Versalien: WIESO.
Wieso sollte die Welt ausgerechnet solche Geschichten wie die Deinen brauchen? Mach´ besser was nützliches.
Was nützliches?
Koche ein unspektakuläres Gericht und lade liebe Menschen zu einem Mahl ein.
Lege Dir einen Nutzgarten an.
Geh´ hinaus an die Randgebiete und sammle Holz. Mit ein wenig Tapferkeit widerstehst Du Waldbesitzern und Feldschützen.
Restauriere einen alten gusseisernen Kanonenofen. Dazu brauchst Du nämlich viel Geduld.
Und bei allem: Sei eigensinnig und bleibe dennoch menschlich.
???

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe“ (Hermann Hesse).

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Winterwochenende.

(Das Bild des Ofens wird wahrscheinlich schon bald folgen)

 

 

 

 

Das Reduktionsprojekt läuft und läuft

Wer im Glashaus sitzt trifft garantiert mit jedem Wurf : Gentle Giant – In a Glasshouse (1973). Anschliessend und weil es zum Thema passt : Billy Bragg – Back to the Basics (1987)…

Das Reduktionsprojekt läuft. Ein immaterieller Aspekt, der an Gewicht gewonnen hat, ist die zunehmende Distanz. Der Alltag liefert ständig Beispiele, die diesen Abstand hinsichtlich der eigenen seelischen Gesundheit nötig machen.

Seit zwei Jahren beobachte ich nun den Kundenverkehr in einem ausgesuchten Einzelhandelsfachgeschäft. Die Wahrnehmungen sind ernüchternd. Fachgeschäfte mit entsprechenden Fachkräften gibt es immer weniger in Zeiten, in denen Aushilfen in Bäckereiketten statt vom aufbacken vom backen reden. Das ist Irreführung der Kunden.
Aushilfen in sogenannten Boutiquen, denen bei der Anprobe eines Kunden nichts besseres einfällt als: „Das gefällt mir gut.“ Als würde es die Kundin interessieren was der Teilzeiterin gefällt. Der Preis ist heiss.
Der Einzelhandel „stirbt“ natürlich nicht, wie vielfach geäussert wird. Es sind lediglich die Strukturen, die sich radikal verändern und schon verändert worden sind. Weg vom Fachgeschäft hin zur Einzelhandelskette, zum Discounter und ab in die ShoppingCenter. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Konventionelle Einzelhändler, Discounter und Kunden haben alle ihren individuellen Anteil daran.
Mir fällt auf, dass die Kunden beim Betreten eines Einzelhandelsfachgeschäftes ihre Konsumattitüden nicht im Griff haben. Mir scheint, dass Ketten oder OutletZentren den Konsumenten längst das Hirn weichgekocht haben. Und die perfide Dauerparole einer Elektrokette, mit der eine der sieben Todsünden in eine Siegermedaille umgemünzt worden ist, wird voraussichtlich nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Gewissenlose Werbeleute arbeiten längst an noch unmenschlicheren Parolen.
Besonders auffällig sind die sprachlichen Äusserungen im Einzelhandelsfachgeschäft. Es werden Dinge verlangt, die augenscheinlich nicht vorrätig sind. Erkundigungen werden eingeholt, um anschliessend irgendwo anders auf Schnäppchenjagd zu gehen. Artikel werden geknipst ohne zu fragen; zuhause beginnt die dann die Suche im Internet nach dem besseren Preis. Den Gipfel bilden unverschämte Preisvorschläge trotz der Auszeichnung von Waren. Auf die Frage, ob man das Geschacher auch im Supermarkt versuchen würde, kommt die Antwort spontan: „Nein. Aber man kanns ja mal versuchen.“

Die derzeitige Propagandamaschine der deutschen Staatsmedien von ARD & ZDF ist enorm gut geschmiert und läuft auf Hochtouren. Was die Journaille zusammenschreibt, ist mir unbekannt. Die gepanschte Einheitssuppe ist längst ungeniessbar und das Niveau längst ranzig geworden. Mittlerweile ist sogar der SPIEGEL, die vormalige „Bild-Zeitung für Abiturienten“ vollends zu einem Hetzblatt verkommen. Wer einmal die Probe aufs Exempel machen möchte, liest im Spiegel zum Thema WM einen Artikel von 1962 oder 1966 und einen jetzt aktuellen.
Kein Wunder sind die gravierenden Unterschiede, wenn Chefredakteure beliebig von einem Chefsessel in den nächsten pupen. Geld und Karriere regieren das Denken und Handeln. Persönliche Überzeugungen sind da allenfalls hinderlich. Sie sind ohnehin käuflich geworden. Rückgrat – das braucht doch niemand mehr im Wachstumsmarkt der Physiotherapeuten und Wellnessoasen.

Nach dem Halbfinalspiel zwischen England und Kroatien wird der kroatische Co-Trainer der siegreichen Mannschaft als erstes gefragt : „Das ist jetzt das dritte Spiel ihrer Mannschaft, das in erst in der Verlängerung entschieden wurde. Was ist los?“ – dem Mann hätte man auch einfach zu dem Sieg gratulieren können. Aber er hat den Makel des Südosteuropäers. Kommt halt irgendwoher vom Balkan.
Und was und vor allem wie im Kontext der Fussballweltmeisterschaft über Russland berichtet wird, geht nicht mehr auf die Häute einer ganzen Kuhherde. Ein erhellender Bericht zu findet sich HIER.
Und immer wieder der Herr Putin. Hat man eigentlich auf dem Schirm, dass es noch 146.877.088 (Stand 2018) andere russische Menschen gibt. Menschen mit Plänen, Hoffnungen, Träumen und auch Ängsten. Menschen, die in russischen Lebensverhältnissen so gut zurechtkommen wie deutsche Menschen in deuten Verhältnissen. Und viele russische Menschen leben gerne in der russischen Föderation. Aber das kann und darf nicht sein im Kosmos deutscher Vorstellungswelt. Und die wird wie seit Jahrzehnten auch weiterhin fleissig beeinflusst von einer vorurteilsvollen Berichterstattung. Was muss eigentlich passieren, dass sich an dieser feindseligen Haltung etwas ändert?

Stattdessen werden Freunde hofiert, die noch nie Freunde Europas oder gar Deutschlands im Speziellen gewesen sind. Liest eigentlich ein Mensch, was dieser neue USBotschafter in Berlin so daher redet; wes Geistes Kind dieser Mensch ist? Geschenkt. Hauptsache wir dürfen unsere Scheuklappen aufbehalten. Auf der Handfessel wischen, die Knöpfe im Ohr und von schönen neuen Produkten träumen, die wir demnächst kaufen werden. Jedenfalls solange die Banken die Kreditlinien noch genehmigen.

„Amerika hat keine dauerhaften Freunde oder Feinde, nur Interessen.“ (Henry Kissinger : Imperialism and Expansionism in American History: A Social, Political, and Cultural Encyclopedia and Document Collection. Hrg. von Chris J. Magoc & David Bernstein, ABC-CLIO, 2015. S. 1236). Na, wer sagts denn. Solche Freunde wünscht man niemandem, nichtmal dem bösen Nachbarn.
Henry Kissinger ist der Mann vom 11. September. Nein, nicht vom 11.9.2001. Er war der Stratege hinter den Aktionen vom 11.9.1973. Da wurde ein demokratisch gewählter Präsident in Chile weggeputscht weil er usamerikanischen Interessen im Weg gestanden hat. Ausgetauscht wurde er gegen einen gewissenlosen Diktator und seine Junta, auf deren Konto Tausende von Gefolterten, Verschwundenen und Toten gehen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern vertrauenswürdige Freunde und ein feines Sommerwochenende.

(Photographien, nebenbei aufgenommen)

 

 

 

Hinsehen und lernen. Sich helfen lassen und dafür danken

Ich habs vorhin schon einmal geschrieben, aber es gilt noch immer. Endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte; die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet : Fischer-Z – Building Bridges (2017)..

Ich liebe sie. Und die Liebe wächst, ja mehr ich über sie erfahre und lerne.
Ich bin ihnen dankbar, denn sie fressen mir die verrottenden Abfälle auf den Beeten und halten mir so viele Bereiche im Garten sauber. Bodendecker erscheinen ansehnlicher. Und den Weinbergschnecken zuzusehen, beruhigt und macht Freude. Ich bewundere ihre enorme und doch so sanfte Kraft und ihre Geschicklichkeit.
Fünf neue Bewohner sind vorgestern hinzugekommen. Die orientieren sich nun in neuen Revieren. Untersuchen die unbekannten Futtergründe. Die schon länger hier ansässig sind, wollen beeindrucken und trumpfen auf mit Stabhochsprung und Stielklettern. Manche der Neuen scheinen noch ein wenig scheu und sitzen zuweilen unter Blättern. Senta Schneck hingegen präsentiert sich den Neuankömmlingen geschmückt mit blauen Blüten. Dabei ist sie garnicht blaublütig. Und über die beiden auf der letzten Photographie breiten wir schweigend das dichte Blätterdach.

(Photographien lassen der Phantasie freien Raum. Anklicken ist Voraussetzung)

 

.

Keine Reduktion der Lebensfreude

Auf meiner Inselplattenliste seit über vierzig Jahren ganz weit oben : Frank Zappa – Over-nite Sensation (1973)…


„Aber sterben! Gehn, wer weiß wohin,

daliegen, kalt und regungslos, und faulen!
Dies lebenswarme fühlende Bewegen
verschrumpft zum Kloß! Und der entzückte Geist
getaucht in Feuerfluten oder schaudernd
umstarrt von Wüsten ewiger Eisesmassen!
Gekerkert sein in unsichtbare Stürme
und mit rastloser Wut gejagt rings um
die schwebende Erde! Oder Schlimmeres werden,
als selbst das Schlimmste,
was Fantasie wild schwärmend, zügellos,
heulend erfindet : Das ist zu entsetzlich!
Das schwerste, jammervollste irdische Leben,
das Alter, Armut, Schmerz, Gefangenschaft
dem Menschen auferlegt, ist ein Paradies
gegen das, was wir vom Tode fürchten!“

(William Shakespeare : Maass für Maass oder Wie einer misst so wird ihm wieder gemessen. III,1)

 

Ich bedanke mich herzlich für die Bekanntmachung mit dem abgelichteten Orte. Die besondere Atmosphäre dieser Stätte, die Kühle des Sonntagvormittags am Abhang eines Waldrandes. Der Gegensatz zwischen diesem verlassenen Platz der Trauer und dem aufbrechenden Frühling.
Manche Gebäude betritt man gelegentlich durch den Hintereingang, weil man eben aus dieser Richtung sich angenähert hat. Hier wurden in vergangenen Zeiten die Verstorbenen hereingetragen. Die schon vor vielen Jahren von den Leichnamen geleerten Gefache mahnen an die manchmal prall gefüllten Schubladen eigener Vorurteile und Erwartungen.
Im Verweilen beginnen
Räume ihren eigenen, auf ersten Blick meist verborgenen Charakter zu offenbaren. Wenn man sich ergreifen lässt, genügen einige rasche Wische und das schlichte Mosaik eines Fussbodens zeigt sich.
Wie viele Menschen mögen sich am Ende eines Tages gegenseitig anblicken und mit leuchten Augen freudvoll sagen können : „das war unser Tag!“ ?
Es war gut, das Mausoleum durch den Haupteingang zu verlassen angesichts des
Imperativs zu beiden Seiten des Portals.

(Diesmal präsentiere ich ausnahmsweise wieder acht Photographien. Interessant sind die statistischen Anzeigen bezüglich meiner Galerien. Die ersten Photos werden ganz oft angeklickt, die letzten einer Galerie auffallend wenig. Ich werde darüber nachdenken.)

 

 

Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…