Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)

 

Mrs. Turner piep´ einmal…

Frische, luftige Melodien und zum Fliegen schön: Rich Hopkins & Lisa Novak – Loveland (2008)…

Das zarte Stimmengewirr schien aus etwa drei Metern über uns zu kommen. Es gehört nicht zu meinen Angewohnheiten andere Gespräche zu belauschen. Bald wurde es auch wieder ruhiger. Kommunikationswogen. Stimmen wurden lauter, dann ebbten sie wieder ab. Mrs. Turner sollten wir erst später persönlich kennenlernen.

Ich habe mich von einem weiteren Blogmenschen verabschiedet. Über die Kommentare hinaus entspann sich ein privater, lockerer Mailwechsel. Ich kann den Zeitpunkt nicht genau benennen, aber irgendwann wurde es richtig unangenehm. Höflichkeit und Respekt sind auf das menschliche Gegenüber bezogen. Wenn die Selbstbezogenheit und Geschwätzigkeit überhand nimmt, beginnen Anzüglichkeiten und Übergriffe. Geben und Nehmen bilden Harmonien, Einseitigkeiten stören die Balance in den menschlichen Beziehungen.

Schon vor dem Frühstück war der lebhafte Austausch bereits wieder zu vernehmen. Wir schauten nach oben. Ja, von dort scheinen die Laute zu kommen. Waren sie verhaltener als gestern? Da sahen wir vor unseren Füssen die kleine Amsel liegen. Das Köpfchen unmässig nach hinten verdreht. Genickbruch als Folge des Sturzes aus dem Nest.

Aber da war noch ein Fiepen aus einer anderen Richtung zu hören.
Und richtig, es ertönte aus dem Korbgestell unten am Boden. Da sass zwischen Pflanzbehältern und der Keramikschnecke eine andere kleine Amsel. Ein kleine Flaumkugel. Wir nahmen uns gegenseitig wahr. Es war eher Offenheit und Verwunderung als Vertrauen. Jetzt nur vorsichtig sein. Annäherung lediglich aus sicherer Entfernung mit einem Teleobjektiv. Mrs. Turner soll sich keinesfalls erschrecken. Und die alten Amseln müssen hier im Hof in der Lage bleiben, ihren Nachwuchs zu füttern.

Es ist der Respekt und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Nur das zu nehmen, was der andere zu geben bereit ist. Es fällt natürlich schwer, auf einen anderen Standpunkt zu verzichten, der eine schönere Bildkomposition erlauben würde. Aber dadurch würde das kleine Lebewesen unnötig erschreckt werden. Im Verlauf von drei, vier Tagen wächst die Achtsamkeit für das junge Vögelchen. Wenn jemand mit einem Hund den Hof betritt, ist ein Hinweis notwendig; ebenso bei Menschen, die scheinbar blind und taub für ihre nächste Umgebung sind.

Den Geschwistervogel von Mrs. Turner sehen wir nicht. Da Amseln immer mehrere Nester bauen, haben ihn seine Eltern in ein anderes Nest im Hof des Nachbarn gelockt. Von dort sind seine Rufe nach Futter zu hören. Mrs. Turner wird schnell beweglicher. Hüpft auf dem Boden herum. Sitzt manchmal vor der Tür zum Ladenlokal. Dann heisst es aufpassen auf Menschen, die nichts sehen als das Konsumziel.

Die weitgehend reduzierte Wahrnehmung, in diesem Fall auf ein schützenswertes Lebewesen, öffnet andererseits die Sinne ungemein. Eine Woche mit einem kleinen Vogel ersetzt ein teures Meditationsseminar in romantischer Umgebung und mit allerlei Tamtam drumrum. Selbst das Geraffel beschränkt sich bloss auf die Kamera mit dem leichten Teleobjektiv. Da die Amselmutter sehr zutraulich ist, überträgt sich das offensichtlich auf Mrs. Turner.
Die ersten Flugversuche erscheinen den Menschen belustigend. Da die Schwanzfedern noch nicht ausgebildet sind, sind nur kurze Geradausflüge möglich. Aber dennoch gelingen schon erste, wacklige Landungen im raschelnden Efeu.

Iiiiieeeersch. Ein langer, durchdringend schriller Schrei. Im Hof stehen zwei Frauen. Könnten dem Aussehen nach Mutter und Tochter sein. Iiiiieeeersch. Noch länger und gellender diesmal. Die beiden Frauen schauen zu der Bank, auf deren Lehne Mrs. Turner gerne schläft. Ich fahre auf und sehe den kleinen Irrwisch, wie er im Schreien nun nach Mrs. Turner tritt und sie nur knapp verfehlt. Mutter und Grossmutter schauen stumm zu und erschrecken genauso wie der kleine Bankert als ich die Ladentür aufreisse und ihn anschreie, dass man nicht nach einm Tier tritt. Nun erwacht die Mutter endlich und sagt dem Sohn, dass der kleine Vogel vielleicht krank ist. In all den Wundern, die wir in den wenigen Tagen erleben dürfen, wohnen auch immer die schattigen Anteile des richtigen Lebens. Wo es hell leuchtet und Erkenntnis möglich ist, lebt um die Ecke der dumpfe Mief der Gleichgültigkeit.

Mrs. Turner beginnt ihren Flaum zu verlieren, indem sie sich putzt. Flügel oder Beine nach hinten zu strecken erfordert Gleichgewichtsgefühl, sonst fällt man um. Diese Entwicklungsschritte erledigen sich ungemein rasch. Reinlichkeit und Beweglichkeit greifen Hand in Hand. Uns fallen dazu die klaren Gedanken ein, die Voraussetzung sind für ein seelisches Gleichgewicht. Im blossen Wahrnehmen und Beobachten von Mrs. Turner fallen uns alle mögliche Metaphern zum menschlichen Verhalten ein. Mrs. Turners Verhalten und Entwicklung zu beobachten wird für uns zu einem bereichernden Lehrstück.

Bleiben am Morgen die gewohnten zarten Rufe aus, stellt sich ein sanftes Vermissen ein. Am Abend zuvor stellte Mrs. Turner ihre ersten Höhenflugversuche an. Die Schwanzfedern sind jetzt etwa zwei bis drei Zentimeter lang. Einem Menschen im Hof konnte sie nachmittags bereits in einem eleganten Bogen ausweichen.
Amseln sind Nestflüchter. Wenn der Amselvater aufhört mit dem Füttern, wird er beginnen, sein Revier zu markieren. Er zwitscherschimpft ohnehin zunehmend.

Zurück im Ärmelhaus rufe ich an, um mich nach Mrs. Turner zu erkundigen. Die Amselmutter lockte Mrs. Turner im höher. Auf eine Stromleitung. Von dort zu einer Dachrinne. Auf das zugehörige Vordach. Und höher auf den Giebel des Nachbarhauses. Es sei wieder ruhig geworden im Hof. Einzig die vielen kleinen Hinterlassenschaften erinnerten noch an Mrs. Turner.
Amseln brüten bis zu drei Mal im Jahr. Sollte es sich also fügen zu einem weiteren Besuch.
Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns dann nochmals den wunderbaren Film Mr. Turner ansehen. Der Gesichtsausdruck und Blick des Schauspielers Timothy Spall und seine häufig lediglich tonalen Äusserungen regten uns zur Amselbenamung an.

(Fotografie anklicken und grösser sehen. Die Fotografien sind alle freihand bei teilweise trüben Lichtverhältnissen aufgenommen. Insofern zählt hier nur der dokumentarische Charakter. Olympus OM-D E-5 Mk II, Zuiko 40-150, 1:4 – 5,6)

Saugtulpen über Singvögeln seitwärts

Nun ist schon wieder ein Gutteil des Jahres vergangen und endlich hat mich eine aktuelle Scheibe ergriffen. Warum, das wird sich bestimmt noch herausstellen. Bis dahin dreht sich dauerrotierend: Me and That Man – Songs Of Love and Death (2017)…

Vor einigen Wochen erhielt ich den kleinen Zettel. Du könntest mal deinen Petter anrufen. Das letzte Mal begegneten wir uns bei der Beerdigung meiner Got. Auf dem Zettel stand seine Telefonnummer. Ich habe das geplante Telefonat mehrfach hinausgeschoben. Nun ist es zu spät. Der letzte Engel meiner Kindheit hat sich die Flügel umgeschnallt. Mögen sie ihn damit erkennen und gut aufnehmen im Anderland.

Blogs verfolgen, Beiträge zur Kenntnis nehmen, über Kommentare auf dem Laufenden sein – der elektronische Rechenknecht hatte zunehmend zu tun. Und mir wurde die Kontrolle immer lästiger. Dass es auch anders geht, und vor allem, wie man sich wieder Ruhe und feine Freizeit verschafft, dafür danke ich Ihnen weiterhin herzlichst, aber das wissen Sie ja ohnehin.
Der dadurch gewonnene Abstand zur Bloggerei sorgt für schönste Erhellungen. Und andere Lektüren. Jörg Schröder beispielsweise schrieb: „Schreiben Sie wie die Leute reden. Die Leser wollen etwas aus dem Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife bestanden haben“ (Schröder, Kriemhilds Lache).
Und genau dort liegt nach meiner Kenntnis in vielen Blogs der Hund begraben. Da auch ich mich mit meinem Blog in der Öffentlichkeit präsentiere, weiss ich schliesslich, wovon ich rede wenn es um Eitelkeiten geht. Ich bin kein Bewohner von Bloggerhausen. Und die Mentalität der Hingabe für Hergabe ödet mich an. Weniger schreiben und wieder mehr lesen. In Büchern. Und in den Kladden eigener Aufzeichnungen spazierengehen. Tintenhandschriftlich mit Menschen aus Fleisch und Blut verkehren. Der Bildschirm als Gegenüber ist kein Ersatz für das wirkliche Leben.

Im Zug sass mir gegenüber einer dieser typischen Nerds. Notenbuch auf dem Schoss und zwei Handfesseln vor sich. Ein mit beiden Händen dauerbeschäftigter Mensch über Stunden. Normalerweise fällt mir zu solchen Anblicken sofort eine bissige Bemerkung ein. Aber ich habe mich letzthin wieder an das schöne Beispiel von Jesus und dem toten Schäferhund erinnert.
Ich nehme den Mann wahr und siehe, auf dem Deckel seines Kleinrechenknechts pappen einige Aufkleber. Auf einem steht ein Satz, ein Mantra geradezu, das zu den interessantesten Gedankenausflügen anregt: „Es gibt Leute, die glauben, es gäbe eine Cloud. Aber es gibt bloss die Computer anderer Leute.“

Ostern steht vor der Tür. Ich habe viele Gründe froh zu sein. Ich bringe es bloss noch nicht mit dem anstehenden Fest zusammen. Vielleichts wirds noch. Bis dahin meditiere ich den Spruch des Graffitis, den ich letzthin sah: „Leute in meinem Alter sollten sich überlegen, in welchem Zustand die Welt sein soll, die sie Keith Richards hinterlassen wollen.“

(Foto anklicken – die Galerie ist rund um die Uhr geöffnet)

 

 

Reduktionsvöllerei

Mein frühes Rock’n’Roll Idol hat das Zeitliche gesegnet. Chuck Berry 18.10.1926 – 18.3.2017. Hier läuft in Erinnerung an die Brilliant Peach Pomade und eine Schachtel Camel ohne, eingedreht im Ärmel eines T-Shirts:
Chuck Berry – The Chess Box (3CDs / 1988)…

In der letzten Woche beim Zwiebelschneiden abgerutscht. Ein tiefer Schnitt im linken Zeigefinger. Ich halte meine Messer stets scharf. Die erzwungen veränderte Handhaltung führte gestern zu einem nicht minder tiefen Schnitt in die linke Daumenkuppe. Den frischen Schnittlauch trifft keine Schuld. Abends beim Essen mit der kross gebackenen Kante eines Baguette ein leichter Schnitt in die Oberlippe.

Reduktion bedeutet nicht Weglassen oder abschneiden um jeden Preis. Wem nutzt die Blutpfütze wenn ein Finger fehlt?
Das Thema Fülle durch Reduktion beginnt auszuufern. Durch interessante Gespräche, Fragen, Anregungen und die Erfahrungen anderer Menschen. Wer reduziert was und warum. Krankheit oder materielle Engpässe fallen spontan ein. Die Gründe sind vielfältiger. Wer durch Schicksalsschläge zur Reduktion gezwungen ist, hat es ungleich schwerer. Dennoch ist es schwierig zu entscheiden, ob es leichter wird, wenn man aus freien Stücken reduziert. Bezieht sich Reduktion nur auf das materielle, konsumistische Verhalten? Welche Veränderungen von Reduktion werden im ideellen Kontext wahrnehmbar? Viele Fragen und noch mehr Aspekte. Aber darum geht es eigentlich garnicht.

Dieser Blog wurde angeregt durch einen befreundeten Blogger. Für Berichte und Fotografien aus einem anderen Land und Lebensumfeld. Zur Information und Unterhaltung im Familien- und Freundeskreis.  Durch die Rückkehr nach Deutschland war der ursprüngliche Sinn dieses Blogs somit erfüllt. Das Thema Fülle durch Reduktion sollte eine Art Abschluss werden, um danach etwas Neuem Platz zu machen.
Um den Besuchern und Lesern und mir langatmig graue Theorien zu ersparen – auch das ist eine Reduktion – werde ich diesen Blog weiterführen und in folgenden Berichten konkrete Beispiele zur Fülle durch Reduktion beschreiben. Wenn diese Beispiele für andere Menschen anregend oder gar motivierend wirken, oder sogar ein konstruktiver Austausch entsteht, würde ich mich glücklich schätzen. Der erste Bericht dazu wird gleich in der nächsten Woche folgen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

(Fotografien illustrieren Gedanken, die ihrerseits wieder neue Gedanken erschaffen)

 

Wegbegleitungen

Um von stillen Beschäftigungen auszuruhen passen lebhafte Rhythmen: The Real McKenzies – Two Devils will talk (2017) und anschliessend: Dropkick Murphys – 11 Short Stories of Pain and Glory (2017)…

Der vorherige Beitrag endete mit dem Hinweis auf meine menschlichen Lebenswegbegleiter. Umgangssprachlich gerne mit der Metapher Engel mehr verlegen um- als exakt beschrieben.
Ursprünglich wollte ich hier die für meinen Lebensweg bedeutsamen Menschen in ihrer Wirkung für mich kurz beschreiben. In der Reflektion wurde mir das Thema zunehmend komplexer und letztendlich zu ausufernd für einen Blogbeitrag.

Zudem wäre das Phänomen selbst damit nur unzureichend beschrieben. Denn im Lauf eines Menschenlebens verschieben sich Wertungen. Früher achtete ich die Menschen, die mir weitergeholfen haben in Dankbarkeit. Im Lauf der Zeit bemerkte ich jedoch, dass die gelegentlich mir unangenehmen Begegnungen mit diesen Menschen, manche ihrer verstörenden Sätze oder  ärgerlichen Zuschreibungen mich auf meinem Lebensweg weitergebracht hatten als die schmeichelhaften Komplimente.

Zudem war da das Wirken der sogenannten Schutzengel. Hilfen, die ebenso unverhofft wie unverdient in meinen Alltag eingegriffen haben und mich häufig vor Schlimmem bewahrt haben. Ein weiteres Kapitel, das zu vertiefen verdient hätte .

Mit Sartre zu reden, sind die Hölle ja immer die Anderen. Dabei tragen wir alle unsere eigenen, mehr oder weniger heissen Höllen in uns. Für mich sind andere Menschen mittlerweile Spiegel meiner eigenen Lebensweisen. Schwer fällt mir noch immer, zu begreifen und zu lernen, den Menschen am dankbarsten zu sein, die mir Stolpersteine zur Erkenntnis und Veränderung meiner Persönlichkeit sind. Deren, mir unangenehme oder störende Verhaltensweisen weisen lediglich auf mich selbst. So können sie mir zur kritischen Selbstbetrachtung dienen. Das setzt (m)einen entsprechenden Willen voraus.

Diese Menschen haben mir im Kontext meiner persönlichen Entwicklung hin zur Fülle durch Reduktion hilfreiche Dienste geleistet. Unabhängig davon, ob es einmalige, blitzlichtartige Begegnungen waren oder jahrelange Wegbegleitungen. Am Ende wurden mir dadurch auch neue Sichtweisen möglich auf wichtige Menschen meines Lebens, mit deren Wirken ich jahrelang gehadert hatte. Was ich als unselig und zerstörend interpretierte, stellte sich bei dieser Betrachtung als Quelle für die Kreativität zur individuellen Entwicklung heraus. Auf der Habenseite blieb unterm Strich Dankbarkeit und Lebensfreude zu verbuchen. Die Sollseite, das Leid und die Schmerzen sind dagegen zu vernachlässigen.

Demnächst werde ich den Kreis schliessen von diesen gedanklichen Beobachtungen hin zu der praktischen Seite der Fülle durch Reduktion.

Ich wünsche allen, die noch immer mit an Bord sind, ein vorfrühlingschönes Wochenende.

      (Einige Fotografien neueren Datums. Passend zum Thema. Anklicken und gross gugge funktioniert allemal)

 

 

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Wie wärs mal wieder mit Wahrnehmen?

Ich liebe Prog-Rock. Aber hin&wieder muss wildes Gehopse einfach sein. Die aktuelle Scheibe der Band aus Bosnien-Herzegowina kann von der Homepage frei heruntergeladen werden: Dubioza Kolektiv – Happy Machine (2016)…

„Unter den Briefen, die meine Leser mir schreiben, gibt es eine bestimmte Kategorie, die immer mehr anwächst und die ich als Symptom für die zunehmende Intellektualisierung des Verhältnisses zwischen Leser und Dichtung beobachte. Die Briefe dieser Art, meist von Lesern jüngeren Alters kommend, zeigen ein leidenschaftliches Bemühen um Deutung und Erklärungen; ihre Verfasser stellen endlose Fragen.
Sie wollen wissen, warum der Autor hier dieses Bild, dort jene Vokabel gewählt, was er mit seinem Buch »gewollt« und »gemeint« habe, wie er auf den Einfall geraten sei, gerade dies Thema zu wählen. […] Erfreulich daran ist die Aktivierung der Leser; sie mögen nicht mehr passiv genießen, sie wollen ein Buch und ein Kunstwerk nicht mehr einfach schlucken, sie wollen es sich erobern und analysierend zu eigen machen.

                                                                         (Fotografie anklicken und wahrnehmen)

Die Sache hat aber auch ihre Kehrseite: das Klügeln und Gescheitreden über Kunst und Dichtung ist zum Sport und Selbstzweck geworden, und unter der Begierde, sie durch kritische Analyse zu bewältigen, hat die elementare Fähigkeit zur Hingabe, zum Schauen und Lauschen sehr gelitten. Wenn man damit zufrieden ist, einem Gedicht oder einer Erzählung den Gehalt an Gedanken, an Tendenz, an Erziehlichem oder Erbaulichem abzunötigen, dann ist man mit wenig zufrieden, und das Geheimnis der Kunst, das Wahre und Eigentliche geht einem verloren.“
(Hermann Hesse: Briefe an Freunde. Rundbriefe1946 – 1962 und späte Tagebücher. Hrsg. von Volker Michels. Frankfurt u. Leipzig, Insel Verlag, 2000.. S. 217f.

Hermann Hesse hat diese Gedanken im Januar 1956 geschrieben. Der Erstdruck war am 3.2.1956 in der Neuen Zürcher Zeitung zu lesen. Das Phänomen hat sich enorm verschärft und ich wüsste nur zu gerne, wie Hesse heute darüber schreiben würde. Und überhaupt, was sagen Fotografen zu dieser Entwicklung?