Hinsehen und lernen. Sich helfen lassen und dafür danken

Ich habs vorhin schon einmal geschrieben, aber es gilt noch immer. Endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte; die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet : Fischer-Z – Building Bridges (2017)..

Ich liebe sie. Und die Liebe wächst, ja mehr ich über sie erfahre und lerne.
Ich bin ihnen dankbar, denn sie fressen mir die verrottenden Abfälle auf den Beeten und halten mir so viele Bereiche im Garten sauber. Bodendecker erscheinen ansehnlicher. Und den Weinbergschnecken zuzusehen, beruhigt und macht Freude. Ich bewundere ihre enorme und doch so sanfte Kraft und ihre Geschicklichkeit.
Fünf neue Bewohner sind vorgestern hinzugekommen. Die orientieren sich nun in neuen Revieren. Untersuchen die unbekannten Futtergründe. Die schon länger hier ansässig sind, wollen beeindrucken und trumpfen auf mit Stabhochsprung und Stielklettern. Manche der Neuen scheinen noch ein wenig scheu und sitzen zuweilen unter Blättern. Senta Schneck hingegen präsentiert sich den Neuankömmlingen geschmückt mit blauen Blüten. Dabei ist sie garnicht blaublütig. Und über die beiden auf der letzten Photographie breiten wir schweigend das dichte Blätterdach.

(Photographien lassen der Phantasie freien Raum. Anklicken ist Voraussetzung)

 

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Keine Reduktion der Lebensfreude

Auf meiner Inselplattenliste seit über vierzig Jahren ganz weit oben : Frank Zappa – Over-nite Sensation (1973)…


„Aber sterben! Gehn, wer weiß wohin,

daliegen, kalt und regungslos, und faulen!
Dies lebenswarme fühlende Bewegen
verschrumpft zum Kloß! Und der entzückte Geist
getaucht in Feuerfluten oder schaudernd
umstarrt von Wüsten ewiger Eisesmassen!
Gekerkert sein in unsichtbare Stürme
und mit rastloser Wut gejagt rings um
die schwebende Erde! Oder Schlimmeres werden,
als selbst das Schlimmste,
was Fantasie wild schwärmend, zügellos,
heulend erfindet : Das ist zu entsetzlich!
Das schwerste, jammervollste irdische Leben,
das Alter, Armut, Schmerz, Gefangenschaft
dem Menschen auferlegt, ist ein Paradies
gegen das, was wir vom Tode fürchten!“

(William Shakespeare : Maass für Maass oder Wie einer misst so wird ihm wieder gemessen. III,1)

 

Ich bedanke mich herzlich für die Bekanntmachung mit dem abgelichteten Orte. Die besondere Atmosphäre dieser Stätte, die Kühle des Sonntagvormittags am Abhang eines Waldrandes. Der Gegensatz zwischen diesem verlassenen Platz der Trauer und dem aufbrechenden Frühling.
Manche Gebäude betritt man gelegentlich durch den Hintereingang, weil man eben aus dieser Richtung sich angenähert hat. Hier wurden in vergangenen Zeiten die Verstorbenen hereingetragen. Die schon vor vielen Jahren von den Leichnamen geleerten Gefache mahnen an die manchmal prall gefüllten Schubladen eigener Vorurteile und Erwartungen.
Im Verweilen beginnen
Räume ihren eigenen, auf ersten Blick meist verborgenen Charakter zu offenbaren. Wenn man sich ergreifen lässt, genügen einige rasche Wische und das schlichte Mosaik eines Fussbodens zeigt sich.
Wie viele Menschen mögen sich am Ende eines Tages gegenseitig anblicken und mit leuchten Augen freudvoll sagen können : „das war unser Tag!“ ?
Es war gut, das Mausoleum durch den Haupteingang zu verlassen angesichts des
Imperativs zu beiden Seiten des Portals.

(Diesmal präsentiere ich ausnahmsweise wieder acht Photographien. Interessant sind die statistischen Anzeigen bezüglich meiner Galerien. Die ersten Photos werden ganz oft angeklickt, die letzten einer Galerie auffallend wenig. Ich werde darüber nachdenken.)

 

 

Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

Unterhaltungsliteraturreduktion : Vollkornbrot statt Kaffeestückchen

Fast drei Stunden habe ich für den folgenden Beitrag gesessen. Und dabei ganz die Musik vergessen.
Aber dafür solls jetzt klingen : Doc Schoko – Stadt der Lieder (2018)…

Es gab Zeiten (gibt es die noch?), da gehörte es zum Bildungskanon gymnasialer Oberstufen, dem Candide zu begegnen.  François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, schrieb Candide, ou le optimisme (1759) als satirische Antwort auf den Essai de théodicée (1710) von Gottfried Wilhelm Leibnitz. In diesem Essay über die Gerechtigkeit Gottes, die folglich Anlass zum Optimismus sei, findet sich der berühmte Satz von der „besten aller möglichen Welten“, in der wir leben würden.
Voltaire nimmt  diesen Gedanken auf. Um ihn satirisch zu widerlegen, lässt er seinen Candide in die Welt ziehen. Dabei stossen dem Helden zahlreiche Unfälle zu, er muss Qualen erdulden und stolpert so von einem Unglück ins nächste. Ganz im Sinn der Aufklärung gelingt es Voltaire auf diese Weise, sich kritisch mit dem Gedankengebäude von Leibnitz auseinanderzusetzen. Am Ende zieht sich Candide mit einigen wenigen Menschen ins Private zurück, um „seinen Garten zu bestellen.“

Wenn ich mir den Zustand der Welt um mich herum ansehe, finde ich allenfalls noch den Schluss des Candide vor. Den Rückzug ins Private. Diesen letzten kleinen Schutzraum, in dem es sich noch einigermassen ruhig und sicher leben lässt.
Bei genauerem Hinsehen muss ich jedoch feststellen, dass auch dieses vermeintlich letzte Refugium inzwischen sehr instabil und bedenklich fragil geworden ist. Manche Prozesse des alltäglichen, öffentlichen Lebens möchte ich bald garnicht mehr auf ihr Ende hin denken. Ab einem gewissen Punkt stellt sich Schauder und Abscheu ein.
Die Zahl der Beispiele dafür steigt ständig, besondern in folgenden Bereichen: politisches Handeln an den lebenswichtigen Bedürfnissen der Menschen vorbei, unersättliche Geldgier der Konzerne, massive Umweltausbeutung und -zerstörung, unerhört grausame Tierquälereien durch die Industrien der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelherstellung und der pharmazeutischen „Forschung“, bedenklich zunehmende Bildungsferne – Stichwort: Halb- und Wiki“wissen“ – in weiten Bevökerungskreisen, verantwortungsfreie Spassgesellschaft, irrationaler Konsumwahn, propagandistisch verseuchte Fernseh- und Radioprogramme (und nicht bloss der Privaten), rasanter Anstieg von roher physischer Gewalt selbst bei kleinsten Meinungsverschiedenheiten. Weitere Beispiele kann jeder aus seinem eigenen Lebensumfeld ergänzen.

Ich könnte mir angesichts dieser Wahrnehmungen die Beschäftigung mit den beiden genannten Werken durchaus ersparen und sie abtun als belanglose literarische Altertümer. Mir stattdessen das aktuell zu vermarktende Werk eines zeitgenössischen Autors anzutun? In verschiedenen Medienhitlisten hochgejubelt und obendrein in einer niveaulosen Fernsehschau gepriesen, ein Buch, das in wenigen Monaten schon wieder irgendwo verramscht wird, ist dagegen keine Alternative für mich.

Was bleibt einem also als interessierter Leser?
Während sowohl die Theodizee von Leibnitz als auch Voltaires Candide noch einigen Lesern bekannt sein dürften, ist dritte Werk im Bunde weitgehend vergessen.
Sein Autor Johann Karl Wezel (1747 – 1819), Aufklärer und Zeitgenosse der deutschen Klassiker, schrieb den Roman „Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ (1776). In diesem Werk rechnet Wezel ab mit dem Leibnitzschen Optimismus und macht dabei nebenbei noch die Satire Voltaires lächerlich.
In seinem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ lobte Arno Schmidt das Werk als eines der drei Bücher „ehrwürdigsten Gott-, Welt- und Menschenhasses“, die das 18. Jahrhundert hervorgebracht habe. (Als drittes Buch neben dem Candide nannte Schmidt den Gulliver von Jonathan Swift).
Interessant auch, dass in der späten DDR die Kulturbestimmer begannen, Johann Karl Wezel als radikalen Aufklärer zu einem eigenen Klassiker aufzubauen, der aufgrund seiner Kritik an feudalen Verhältnissen und seines Atheismus durch die politischen Umstände seiner Epoche unterdrückt worden sei. Für literaturhistorische Identität der DDR eignete sich Wezel gut als eine Art Gegen-Goethe. Im Prinzip geschah es ähnlich, wie es mit Thomas Müntzer als wahrem Reformator (DDR) gegenüber dem Bauernverräter Martin Luther (BRD) in der Historiographie der 1960er geschehen war.

Wer satirische Stoffe mag, auch ältliche anmutende Formulierungen schätzt und vor beissender Ironie nicht zurückschreckt – kurz, wer gute und intelligente Unterhaltung liebt, ist mit Wezel allemal gut bedient. Im folgenden einige Anfangssätze seiner Romane, die zu seiner Zeit hohe Wellen schlugen.

Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne (1776) :
»Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger!« rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stößen mit dem rechten Fuße zur Thüre hinaus…“

Hermann und Ulrike. Ein komischer Roman (1780):
„Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige Topés, die Herren große Hüte und kleine Haarbeutel, und Niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es bezahlen zu können, wurde auf dem Schlosse des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen,…“

Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte (1784): (Es handelt sich um Prosa, die Eingangsrede des Kakerlak hingegen ist gereimt)
„Hinweg mit euch, ihr sogenannten Weisen!
Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation
Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Thron,
Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter reisen,
Mit euerm Maulwurfsblick das Rädchen auszuspähn,
Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn.
Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen,
Wo die Natur mit nie erschöpfter Kraft
Den Dingen Form, den Geistern Leiber schafft.
Ihr wollt mit schweren Gänseschwingen
Bis über Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit dringen,
Und fragt man euch: »Was habt ihr dort gesehn?«,
Dann wißt ihr ebendas zu sagen,
Als die der Dummheit Los ganz philosophisch tragen
Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehn….“

Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt: aus Familiennachrichten gesammelt (1774) :
„In einem der unbekanntesten Winkel Deutschlands, nicht weit vom Thüringer Walde, lebte ein Schulmeister, dessen vollständiger Name eigentlich Christian Knaut war und den wegen eines roten Kopfs, womit einer seiner Urgrossväter die Familie verunehrt hatte, das sämtliche Kirchspiel, selbst den vornehmern Teil desselben nicht ausgenommen, Rotkopfs Christel zu nennen pflegte. Er hatte soweit er denken konnte, von der Welt niemals mehr oder weniger kennengelernt als den kleinen Fleck, worauf er seine natürlichen Bedürfnisse abwartete…“

Einige seiner Werke sind im Gutenberg-Projekt digital verfügbar. Andere hingegen liegen nur in gedruckter Form vor. Als junger Leser und Wezel begeistert, erfuhr ich von einem Roman Wezels, der 1969 in der Edition Leipzig erschienen sein sollte. Das lag einige Jahre zurück und ich machte mich antiquarisch auf die Suche. Erfolglos. Jahrelang. Erst kürzlich wurde ich fündig. Und ich freue mich nun auf eine kurzweilige Lektüre.

Peter Marcks. Die wilde Betty. Eine Ehestandgeschichte (1779) :
„Die wilde Betty, das Gegenbild zur Ehestandgeschichte des Herrn Marcks sollte schon in der Michaelsmesse vorigen Jahrs erscheinen […] Als der wohlehrsame Philipp Peter Marcks auf den Einfall gerathen war, Ihnen, hochgeehrtester Herr, die Geschichte seines mühseligen Ehestandes anzuvertrauen, um durch Sie zu seiner Schande der Welt kund zu machen, dass er gutherzige Einfalt genug besessen hat, sich von fünf Weibern nach Herzenslust zum Narren haben zu lassen, so wurde…“


(Photographie eines Buches von mächtigen Ausmassen an einer stillgelegten Eisenbahnbrücke über die Nahe)

 

 

Auch in diesem Jahr – auf ein neues Jahr

Feiner deutscher Jazz-Rock aus längst vergangenen Tagen: Os Mundi – 43 Minuten (1973)…

„Na Herr Ärmel, sind Sie gut ins neue Jahr gekommen“, fragt die Nachbarin.
„Ja, ich habe gut geschlafen.“ Worauf die Frau fast tröstend entgegnet: „das kann passieren.“
„Holla Ärmel, bist Du gut reingerutscht?“
Das sind solche Fragen, bei denen in mir sofort Bilder aufsteigen. Und die wollen die Frager wahrscheinlich lieber nicht sehen oder gar beschrieben haben.
Dabei ist das neue Jahr mit böigen Windstössen und Regenstürmen lediglich in die Fussstapfen seines Vorgängers getreten. Zuvor sassen wir zusammen, haben gut gegessen und getrunken und anhand zahlreicher Fotografien das vergangene Jahr nochmals Revue passieren lassen. Bis wir müde wurden und uns zur Ruhe legten für anregendere Erlebnisse.

Die beiden ersten Januartage verbrachten wir folglich in Museen. Im Frankfurter Städel sind (derzeit noch) zwei Sonderausstellungen zu sehen. Die Pflanzenmalereien der Maria Sybilla Merian im historischen Kontext. Und die Künstlerfreundschaft zwischen Pierre Bonnard und Henri Matisse wird dokumentiert in zahlreichen Gemälden. Beide Ausstellungen sind schon aufgrund der gezeigten Werke einzigartig. Da vergeht ein Tag wie im Flug.
Am folgenden Tag dann eine Begehung der Mathildenhöhe in Darmstadt. Dem ehemaligen Zentrum des deutschen Jugendstils. Anschliessend im Landesmuseum den Block Beuys erkunden, die weltweit grösste Ansammlung seiner Werke. Um danach die vielfältigen Eindrücke abzurunden, abschliessend ein Gang durch die Abteilung Erd- und Lebensgeschichte. Was für ein grossartiger und erhebender Jahresbeginn.

Ein Satz von Alexander von Humboldt auf einer der Texttafeln machte mich nachdenklich:
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben.“

Berichten will ich in den kommenden Beiträgen von Schönheiten und Möglichkeiten. Scheinkritische Nörgelfreddys, die alles runterziehen und dabei keine positiven Aspekte aufzeigen und betroffensülzende Lappalienfriseusen, die auch die kleinste Unwichtigkeit noch ondulieren und auftoupieren gibt es ohnehin zu viele.
Was mir in diesem Jahr erneut ein Wegweiser zur Lebensfreude sein wird, ist die Erkenntnis der vergangenen Jahre: Je mehr man auf vernünftige Weise reduziert, desto grösser wird das Staunen über die Vielfalt des Daseins..

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Jahr mit wundervollen Begegnungen aller Art. Und ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen Lesern und Guggern für die Aufmerksamkeit für meinen Blog, auch wenn ich ihren Blogs aus zeitlichen Gründen nicht folgen kann.

(Wer mag: Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

Französische Bands waren und sind hierzulande leider weitgehend unbekannt. Während des Schreiben dieses Beitrages: Ange – Le Cimitière des Arlequins (1973). Danach, ebenfalls aus dem Jahr 1973: Magma – Mekanïk Destruktïw Kommandöh …

Dem Buch fehlt der Schutzumschlag. Das helle blaugrüne Leinen weist etliche Flecken auf, der Rücken ist nur minimal lichtrandig. Das Büchlein im Format Klein8° passt gerade recht in die Hände eines elfjährigen Jungen. Nach Hinweisen zum Autor suche ich vergeblich. Das Buch wandert seit Jahrzehnten in und mit meiner Bibliothek.
Eine spannende Pfadfindergeschichte. Ich war selbst lange Jahre bei den Pfadfindern. Das Buch mag ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten gewesen sein. Von wem es mir geschenkt worden sein mag, ich erinnere es nicht mehr. Erschienen ist es im Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris.
Lange vor der Schaffung der EWG, der Vorläuferin der EU, kam den führenden Politikern beider Länder der glorreiche Gedanke, dass zukünftige Kriege zu vermeiden seien, wenn die Jugend sich kennenlernen und miteinander im Austausch wäre. Im Rahmen des Elysèe Vertrages wurde auch die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) beschlossen. Schon bald danach begann ein gegenseitiger Jugendaustausch.

Meine erste lange Urlaubsfahrt mit Freunden verbrachte ich in Frankreich. Jahre waren seit der Gründung des DFJW vergangen. Wir entdeckten Frankreich auf eigene Faust. Im Elsass kam es durchaus noch vor, dass man als deutscher Jugendlicher, zudem mit längerem Haupthaar, als boche beschimpft worden ist.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, aber meine Freunde waren bereits etwas älter. Mit einer Citroen Dyane 6 und einem Opel Kadett A fuhren wir Richtung Süden. In der Nähe von Marseille zelteten wir auf dem steinigen Boden hoch über dem azurblauen Meer. Spontan sind mir an diese Reise nur wenige Tatsachen erinnerlich. Baguette, Käse, südfranzösische Pizza und die für unsere Verhältnisse chaotischen Verkehrsverhältnisse. Pastis, den man immer weiter wasserverdünnen konnte, bis uns der Wirt scheel anschaute. Rotwein und Gauloises. Damals noch zum Schülertraumpreis. Die bezaubernd fremde Lebensart. Und die nervigen Grenzkontrollen dort wie hier. Seitdem war ich viele Male in Frankreich und kenne fast alle Gegenden.

Im Jahr 1914 wurde in Saint-Denis für die CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits) mit der Fertigungsnummer 2419D einer von über zwanzig Speisewagen hergestellt. Während des bald darauf beginnenden Ersten Weltkriegs diente dieser Wagen im Befehlszug des Maréchal Ferdinand Foch nach einem Umbau als sein mobiles Büro.
In diesem rollenden Raum wurde am 11. November 1918 die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches ratifiziert.
Danach wurde der Wagen im Ehrenhof des Armeemuseums in Paris ausgestellt.

Wenn Du das Elsass und die Vogesen noch nicht kennst, so ist es mir eine Freude, Dir in dieser einmaligen Kulturlandschaft viel Sehenswertes zu zeigen und näherbringen. Die kleinen malerischen Dörfer und Städtchen. Flammkuchen und Edelzwicker. Den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar. Kugelhopff und Baeckeoffe. Das Kloster auf dem Odilienberg. Und das nicht weit davon entfernte ehemalige Konzentrationslager Natzweiler Struthof. Die kultivierte Lebensart liegt hier so nah bei der rohesten Barbarei, dass man es kaum fassen kann. Auf dem Lingenkopf lagen die beiden Schützengräben nur zwölf Meter von einander entfernt. Musste ein Soldat austreten, so rief er dies dem militärischen Gegner zu und erbat sich damit freies Geleit. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht. Kriegshandlungen sind nicht vorausschaubar.

Als die Deutsche Wehrmacht 1940 Frankreich einen Waffenstillstand aufzwang, wurde der Eisenbahnwagen auf Befehl Hitlers vaus dem Aremeemuseum geholt und an die gleiche Stelle im Wald von Compiègne gebracht, um darin den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen.
Danach wurde der Wagen per Eisenbahn nach Berlin spediert, da er nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde er kurzfristig ausgestellt und anschliessend in einem Magazin eingelagert. Im Jahr 1944 wurde er aus Sicherheitsgründen nach Thüringen verbracht. In den letzten Kriegstagen wurde der Wagen dort durch ein Feuer beschädigt. In der Geschichtswissenschaft gibt es noch immer verschiedene Meinungen über die Urheberschaft der Zerstörung.

Auf der Fahrt von Colmar in die Vogesen werden wir an einem kleinen Ort vorbeikommen. An der dortigen Kirche ist eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an einundfünfzig Mitbürger, die zu Reichsdeutschen erklärt worden sind und somit in die deutsche Wehrmacht oder die SS gezwungen worden sind.
Mir fällt da eine kleine Auberge in der Nähe ein, in der es bescheidene Zimmer und eine typisch elsässer Küche gibt. Jetzt ist die Zeit der feinen Wildgerichte. Heisse Maronen und Pilze. Morgen könnten wir dann eine kleine Rundfahrt in den Vogesen machen oder eine Kleinstadt besuchen. Oder beides.

Der Unterbau des Waggons überstand den Brandanschlag und wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, zu einem Werkstattwagen umgebaut und entspechend genutzt. Seine letzte Verwendung war als Werkswagen Nr.17 im Weichenwerk in Gotha. „Aufgrund seiner weichen Federung erhielt er dabei den Spitznamen Kanapee.“ Nach einer neuerlichen Beschädigung wurde der betagte Eisenbahnwaggon im Jahr 1986 verschrottet.

Was mir beim Rundgang durch eine Kleinstadt wie Obernai auffällt, ist diese wohltuende Nichtperfektion. Nichts ist überrestauriert. Man sieht den Gebäuden an, dass sie belebt sind. Das pulsierende Leben selbst in den ruhigen Nebenstrassen überträgt sich auf den Reisenden. Wie wärs mit einer Einkehr in einem Salon de Thé? Oh, da gibts frische Eclairs. Welche Creme magst Du lieber, Schokolade oder Vanille? Ich nehme bloss einen petit noir.
Hier lässt es sich leben. Die Böden sind ungemein fruchtbar. Selbst jüngere Menschen sprechen wieder den elsässischen Dialekt. Vielleicht finden wir später ein gemütliches Resaturant. Einen Baeckeoffe habe ich ewig nicht mehr gegessen.
Mit der Vergangenheit und den historischen Orten geht man in Frankreich nicht anders um als in anderen Ländern.
Das Konzentrationslager Le Struthof ist anschaulicher instandgesetzt, als ich das von deutschen Konzentrationslagern kenne. Aber hier soll nicht aufgerechnet werden, wie mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wird. Es ist unwürdig und unpassend.

Strassburg? Auf dem Weg dorthin werden wir Mutzig passieren. Auf einem Hügel neben der Stadt liegt die angeblich grösste Militärfestung Europas. Die Feste Wilhelm II. für siebentausend Soldaten. Nach heutigem Geld soll der Bau eine Viertelmilliarde Euro verschlungen haben.
Es kann sein, dass in Strassburg ziemlich viel los sein wird, nach der Ruhe hier am Rand der Vogesen. Vor dem Münster schieben und drängen sich die Menschenmengen. Himmelstrebende gotische Baukunst, die sich auf einen schnellen Blick nicht erfassen lässt.
Martialisch aussehende Männer der Antiterroreinheiten patroullieren und zeigen überall Präsenz. Beim Eintritt in jegliche öffentliche Gebäude muss man den Inhalt seiner Taschen und Rucksäcke präsentieren. Lass uns lieber in ein ruhigeres Viertel gehen. Jetzt ist die Jahreszeit für moules frites. Schau, das kleine Restaurant dort drüben sieht gut aus. Die Muscheln, zubereitet á la marinière, sind ebenso delikat wie schmackhaft.
Aber nun nichts wie weg aus diesem Getümmel. Die Feuerwehr stellt auf der berühmten place Kléber einen fündundzwanzig Meter hohen Weihnachtsbaum auf. Menschenmassen in der Herbstsonne. Eine kleine Tüte heisse Kastanien für auf den Weg. Die verschmitzt schauenden Augen des lächelnden Maronenmannes lindern den inneren Aufruhr der vielfältig verwirrenden Eindrücke.

Der Roman „Lichter am Grenzhof“ von Jürgen Rauser hielt mich seinerzeit in Atem. In den Sommerferien haben die Gruppenführer einer deutschen und einer französischen Pfadfindergruppe eine Begegnung zwischen ihren Buben vereinbart. Die Jungs wissen nichts voneinander und lernen sich in den Vogesen durch geheimnisvolle Begebenheiten und Zwischenfälle kennen und kommen sich im Verlauf der Ferien näher.
Am Ende entwickeln daraus sich Freundschaften. In dem Buch steht vor dem Text eine gedruckte Widmung:
„Der Jugend Deutschlands und Frankreichs, die eine Versöhnung aufgerichtet hat
über der blutdurchtränkten Erde des Grenzlandes, –
Eine Gemeinsamkeit, die so sehr erfahren ist,
dass sie nie wieder im Hass der Völker verbrennen darf.“

Es bleibt angesichts der Geschichte des vormals prominenten Eisenbahnwagens zu wünschen und zu hoffen, dass zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig nie mehr Kapitulationen zu unterzeichnen sein werden.
Und mit einer Reisebegleitung wie Dir würde ich jetzt sofort ins Elsass fahren. Zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr zur Blütezeit. Oder in der Hitze des Sommers zum Picknick an einen Wasserfall. Grenzüberschreitend.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein friedvolles herbstliches Wochenende.

(Eine Fotografie anklicken. Die Galerie öffnet selbsttätig)

 

 

 PS: Das im Beitrag erwähnte Buch: Rauser, Jürgen: Lichter am Grenzhof. Illustrationen Irene u. Rolf Scharwächter. Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris, 1965. 191 S.