Zum ersten, zum zweiten und… zum vorletzten

Horsche: Van der Graaf Generator – Still Life (1976). Unverwüstliche Texte. Eine meiner Inselplatten.
Lesen: Weiter bei Alice Schmidt – Tagebuch 1955.
Essen & Trinken: Im Spätherbst und Winter ist Eintopf- und Suppenzeit. Eine kräftige Elsässer Zwiebelsuppe und dazu einen feinfruchtigen Riesling.
Schaffe: Man wirds zum letztmal hier lesen: weiter gehts Zentimeter für Zentimeter mit der Entfernung der alten Ausgleichsmasse, um den 140 Jahre alten Dielenboden freizulegen. In den Räumen soll man wieder atmen können. Und wir wollen darin Menschen begrüssen.
Gugge: Eine Doku auf arte.de. Bryan Ferry : Don´t stop the Music / 2019. Eine Art filmischer Biographie. Ich bin Roxy Music Fan der ersten Stunde. Seine Soloalben gefallen mir weniger. Dafür imponiert er mir als Mensch umso mehr. 

 

Der vorletzte Beitrag dieses Jahres. Statt einer vertieften Analyse eher eine Aufzählung von Wahrnehmungen. Was mit der  momentanen geistigen Situation korreliert. Hans Wollschlägers klugen Essay „In diesen geistfernen Zeiten“ könnte ich wieder einmal lesen.

Ganz klar beherrscht das Thema Nummer eins das gesellschaftliche Klima und nimmt einen breiten Raum ein in diesem Jahr.

Von einer Landeszentrale für politische Bildung erhalte ich per Mail eine Einladung zu einem Online-Vortrag „Geschlechtergerechte Klimapolitik“. Eine menschengerechte Klimapolitik wäre wahrscheinlich zu wenig.
Überhaupt besteht aus der Krise heraus die Chance, dass die Verantwortung tragenden Politiker beginnen, den politischen Willen am Bedarf der Umwelt und der Bevölkerung auszurichten und nicht an den Bedürfnissen einiger weniger Konzernherren und Spekulanten. Wachstum ist sowas von out. Denn es gibt keinen lebenden (Wirtschafts)Organismus, der stets nur wächst. Ausser der Krebskrankheit vielleicht. Alle natürlichen Organismen existieren im Werden und Vergehen.

Wer das noch immer nicht glauben will – und ein weiser Satz lautet: Irgendwann muss jeder mal dran glauben – der lese zur Ergötzung die „Grill-Bibel“ eines Herstellers von hochpreisigen Freizeitapparaturen zur erhitzten Speiseherstellung.

Wer das Pech hat, während einer Autofahrt die Werbungen nicht rechtzeitig wegzuschalten, wird angeschrieen. Da werden die möglichen Kunden nicht mehr angesprochen, sondern mit aggressiv erhobener Stimme regelrecht unter Druck gesetzt. Kaufenkaufenkaufen.
Ich korrigiere mich. Eine neuere Werbung ist mir in Erinnerung geblieben, wegen der ruhigen Stimme, mit der eine Frau den Werbetext vortrug. Und besonders wegen des letzten Satzes. Es ging um ein Schlafmittel. Im letzten Satz sagte die Frauenstimme: „Schlafmittel, ich danke Dir.“ (Der Name des Mittels tut hier nichts zur Sache). „Schlafmittel, ich danke Dir“.

Selbst aus dem von mir geschätzten Fernsehkanal arte ergiesst sich neuerdings eine wahre Flut von Serienfilmen. Und ich dachte bisher, dass dieser Fernsehsender eher für künstlerisch oder dokumentarisch anspruchsvollere Formate stünde.

Es nimmt nicht Wunder, dass sich sonderbare Phänomene auch in der virtuellen Welt der Blogs offenbaren. Ich vermisse die Beiträge einiger kluger Blogger. Vor ein paar Jahren bereits zogen sich manche zurück. Immerhin konnte der Interessierte die Gründe für das virtuelle Schweigen in Erfahrung bringen. Das änderte sich in diesem Jahr sehr. Über die Beweggründe kann man allenfalls spekulieren. Andererseits sitze ich in gewisser Weise mit in diesem Boot.
Seit mehreren Jahren schreibe ich immer weniger Beiträge. Lese in mehr Blogs als ich abonniert habe. Das hat in diesem Jahr nochmals kräftig abgenommen. Ich bewege mich selbst auf dem Weg hin zum Abschied.
Ich habe durch die vielen persönlichen Begegnungen immer weniger Zeit im virtuellen Raum zugebracht. Und wenn, dann aus anderen Gründen, als in Blogs zu lesen. Zumal auch dort das Thema Nummer eins sehr viele Virtuellkommunikatoren auf unterschiedliche Weise beschäftigt.

Was mich intensiver beschäftigt, sind die Vorteile und Chancen, die sich aus der Pandemie ergeben. In unseren zahlreichen Gesprächen mit Freunden, Bekannten und auch mit Arbeitskollegen oder Kunden konnten wir erfahren, dass sie alle zumindest einige persönliche Vorteile und konkrete Wünsche zukünftiger Veränderungen benannten. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich in den letzten Jahren überhaupt mit so vielen Menschen, darunter auch gänzlich fremden, über das tagesaktuelle Thema intensiver ausgetauscht habe.

Zurück zum ersten Absatz. Stichwort Wachstumsfanatiker. Heute hörte ich die ersten Wirtschaftsprognosen. Am frühen Morgen bereits die Zahl von vierhundert Milliarden (Vierzehn Nullen will ich nicht tippen) Euro, die in diesem Jahr zum BiP fehlen würden. Wer diese Zahl errechnet hat und auf welchen Grundlagen wurde nicht gesagt (Stattdessen lullt der Sender die Hörer mit dem wiederkehrenden Satz ein: „Mit uns sind Sie immer gut informiert“). Wenige Stunden später verkündete ein anderer Wissender, dass „die Verluste der Wirtschaftskraft dieses Jahres wahrscheinlich schon im ersten Quartal 2021 wieder ausgeglichen sein werden“. Woher der Mann das bereits weiss, wurde nicht gesagt. Sie ahnen es: „Mit uns sind Sie immer gut informiert“.

Die Situation ist neu. Aber es gibt doch erkennbare Strukturen, die einen versichern, dass sich noch vieles ändern muss.
Die fetten Geldsäcke haben selbst in (an?) dieser globalen Krise hervorragend verdient. Es steht nicht zu erwarten, dass diese Menschen freiwillig etwas abgeben werden, von dem, von dem sie ohnehin zu viel haben. Soweit die materiellen „Sorgen & Ängste“ dieser Leute.
Fast noch bedauerlicher finde ich, dass die Menschen, die reichlich versorgt sind mit Haus, Garten und vielen (Wohlstands)Bequemlichkeiten, die ihnen mannigfaltige (Bewegungs)Freiheiten ermöglichen, dass von dieser Gruppe ein lautes Klagegeschrei ertönt, weil sie nicht fähig oder Willens sind, sich auch nur vorübergehend ein wenig einzuschränken in ihren egoistischen Wünschen.
Deren Gezeter ist ein Faustschlag ins Gesicht all der Menschen, die mit dem Wenigen, was sie haben, irgendwie auskommen müssen. Die in einem Vielfamilienhaus wohnen und nicht über Gärten oder Wochenendimmobilien als Ausweichquartiere verfügen. In Hessen wurde heute ein verschärfter lock-down beschlossen. Wir haben das Glück, über ein Haus und einen Garten zu verfügen.

 

Ich persönlich habe in diesem Jahr so viel Glück erlebt. Ich bin gesund, kann arbeiten und geniesse mein Lieben mit meinen Herzensmenschen. Ich habe neue Bekanntschaften gemacht und uralte Verbindungen wurden wie zufällig neu geknüpft. Ich habe viel Neues gelernt und manch anderes Wissen vertieft.
Diesen Blog habe ich aufgrund des Wunsches eines Bekannten begonnen. Er inspirierte mich dazu, Berichte über mein Leben und Arbeiten in anderen Ländern, meine Reisen, illustriert mit meinen Photographien zu publizieren. Viele Menschen haben diesen Blog verfolgt. Sogar private Freundschaften sind aus diesem Medium heraus entstanden. Darüber freue ich mich und dafür bin ich sehr dankbar. Ich lebe wieder in Deutschland. Dieser Blog hat seinen ursprünglichen Zweck erfüllt.
Nach meinem traditionellen Jahresendbericht (folgt demnächst) werde ich diesen Blog schliessen. In einem neuen Webprojekt werde ich ausschliesslich über Menschen berichten. Allesamt bin ich ihnen persönlich begegnet. Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Herkunft, auf ganz unterschiedlichen Situationen und auf verschiedenen Kontinenten. Sie alle haben mich durch unser Zusammentreffen auf ihre ganz persönliche Art berührt und beeindruckt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliche Adventszeit. Passen Sie auf sich auf und lassen Sie sich weder viral noch geistig infizieren. Von einer der eben erwähnten Persönlichkeiten habe ich einen Satz erhalten, der für mein Leben gilt: „Geh´ Deinen eigenen Weg, alles andere ist Irrweg“.

 

 

 

 

 

Mit der Zeit . . .

Horsche: Eine Überraschung ist: Peter Kraus – Zeitensprung (2013). Eine eher matte Sache ist dagegen:  Die Ärzte – Hell (2020). Peter Kraus coverte Lieder, die durch seine Interpretation an Emotion gewonnen haben. Zwei, drei Ausnahmen ausgenommen. Musikalisch sind die Ärzte mitreissend, textlich hingegen hätte ich nach so vielen Jahren mehr erwartet.
Lesen: Diese und jene Recherchen im Internet.
Essen & Trinken: Eine köstliche Gemüsesuppe mit Karotten, Rettich, Rote Beete und Schnittsellerie aus dem Garten. Dazu schmeckte uns ein 2018er Château Cap L´Ousteau Haut-Medoc.
Schaffe: Planen, planen, planen. Renovierungs- und Umbaumassnahmen stehen an.
Gugge: „Tadellöser & Wolff“ (Mit einem schönen Dank an Herrn RYP für die Erinnerung).

 

Der Uhrmachermeister setzt alte Uhren instand. Er war mir schon öfter zu Diensten. Seine Art mag ich nicht, seine Arbeiten schätze ich. Und nur darauf kommt es ja an. Die silberne Taschenuhr Saxonia (System Glashütte) meines Urgrossvaters tat keinen Mucks mehr und war auch nicht aufzuziehen. Allein schon diese altehrwürdigen Bezeichungen. Saxonia (System Glashütte) verzücken mich.

Das wird länger dauern. Ich komme mit den Aufträgen nicht mehr nach.
Kein Problem. Ich habe Zeit. Sie können mich ja anrufen wenn die Uhr fertig ist.
Er kneift sich seine Uhrmacherlupe ins linke Auge. Öfnnet mit dem kleinen Taschenmesserchen die beiden Deckel auf der Rückseite der Uhr. Auf seiner Stirn wird eine senkrechte Steilfalte sichtbar.
Hundertfünfzig Euro müssen Sie rechnen.
(Mmh? das ist doppelt so viel wie vor sechs Jahren).
Gut, hier haben Sie meine Karte. Rufen Sie mich an wenn sie wieder richtig tickt.

Der Anruf kam nach fünf Wochen. Ich nahm die Uhr in Empfang und legte die Geldscheine auf die Theke. Auf der Fahrt nach Hause blieb die Uhr stehen. Ich schüttelte sachte und sie lief wieder. Und blieb wieder stehen. Am nächsten Tag stand ich wieder im Uhrenfachgeschäft.

Das kann nicht sein.
Ist aber so, wie ich Ihnen sage.
Ich kann jetzt nicht nachsehen. Sie müssen sie hierlassen. Nehmen Sie Ihren Zettel nochmals mit. Ich melde mich bei Ihnen.

Drei Wochen später kam der Anruf.
Ich habe nochmals alles kontrolliert. Ihre Uhr läuft einwandfrei.

Auf der Heimfahrt blieb sie wieder stehen.

Das gleiche Procedere wie soeben beschrieben fand noch zweimal statt.

Ich kann Ihnen jetzt auch nicht mehr weiterhelfen. Die Uhr ist ja auch schon über hundert Jahre alt. Ich habe jetzt sogar noch zwei neue Lagersteine kaufen und einbauen müssen. (Warum eigentlich erst jetzt und nicht gleich?) Ein mords Akt. Die gibts auch nicht mehr an jeder Ecke. Die haben mich fünfzig Euro gekostet. Nur Arbeit und ich habe nichts dran verdient.

Was voll ist und überlaufen will, das soll man erstmal laufen lassen.

Ja, aber ich habe hundertfünfzig Euro bezahlt für eine Reparatur. Und die Uhr läuft jetzt nicht.

Hier, ich gebe Ihnen hundert Euro zurück. Mehr geht nicht. Ich habe bei dieser Uhr ohnehin schon ordentlich draufgelegt.
Da kann man wohl nichts mehr machen.

Zuhause hängte ich die Uhr an den schönen Uhrenständer. Reiner Jugendstil. Mit dem Häkchen überm runden Samtkisschen. Damit die Uhr sich nachts nicht erkältet. Da hing sie dann weitere drei Wochen. Manchmal nahm ich sie in die Hand und schüttelte sanft. Dann lief sie. Zwei, drei Minuten. Und blieb wieder stehen.

Pech gehabt. Mit Zitronen gehandelt. Die Arschkarte gezogen. „Wir Zocker sagen immer: zahlen und fröhlich sein“ (Die toten Hosen). Vergiss es.

Die alte Taschenuhr hängt an ihrem Uhrenständer neben meinem Schreibplatz. Mir fehlte das morgendliche Ritual. Aufziehen. Ticken hören.

Monate später nahm ich sie eines Tages in die Hand. Das silberne Gehäuse war inzwischen wieder etwas angelaufen. Matt und stumpf sah sie aus. Ich nahm das Poliertuch zur Hand. Unterm Reiben leuchtete der noble kalte Glanz des reinen Silbers auf. Was sind schon hundert Jahre. Wahre Schönheit mag sich im Lauf der Zeit ändern. Aber sie vergeht nicht. Ich öffnete die beiden hinteren Deckel. Auf der Innenseite des oberen Deckels ist der Name meines Urgrossvaters eingraviert. Auf dem inneren Deckel hinterliessen Uhrmacher ihre Kritzelzeichen.
Ein Uhrwerk ist ein Wunder. Ein Instrument, das etwas anzeigt, was es eigentlich garnicht gibt. Zeit. Die kleine Nadel, mit der man die Ganggenauigkeit einstellen kann stand ziemlich weit nach links – retard. Vorsichtig schob ich mit dem Daumennagel das Zeigerchen nach rechts in Richtung avance.
Weisst Du, wenn Du schon hier herumhängst, nicht läufst und von mir nicht aufgezogen werden willst, dann lass Dich wenigstens in die Nullstellung bringen. Alles gut.
Ich verschloss die beiden hinteren Deckel und hängte dir Uhr zurück an den Ständer.

Ich wendete mich wieder einer Schreibarbeit zu. Kurze Zeit später in einer Pause sah ich zur Seite und zur Uhr hin. Ich traute meinen Augen nicht. Der Sekundenzeiger drehte sich ruhig. Die Uhr lief. Sie lief wieder wie ehedem. Und sie läuft seitdem. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen ziehe ich die Uhr auf. Alle zwei Wochen korrigiere ich die angezeigte Zeit. In diesem Zeitraum eilt die Uhr um eine Minute voraus. In zwei Wochen. Mir macht das nichts aus. Zeit gibt es ja garnicht. Ich glaube, dass die alte Uhr nur deshalb um eine Minute vorgeht, weil sie in die Hand genommen und ein bisschen beschmeichelt werden möchte.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein wundervolles Wochenende.

 


 

 

 

 

 

 

Mitte Oktober gegen Abend…

Horsche: Die Lichtung des Musikalarchivs schreitet voran. Erneute Anhörungen und Aussortierungen.
Lesen: Anmerkungen über Kuhkapellen in Rheinhessen..
Essen & Trinken: Zur Nacht das frisch gebackene Walnussbrot mit reifem, sehr würzigem Brie. Dazu passte die leckere Quittenkonfitüre (siehe darunter).
Schaffe: Quitten verarbeiten und Brot backen. Ausserdem Reifen wechseln am neuen Bauer Sprint (Bj.1967).
Gugge: „Grenzland – Vom Baltikum zur Akropolis“. Eine interessante Reise in Bildern. Leider zu knapp und obendrein scheinen die (ab)wertenden Kommentare gegen osteuropäische Lebensgewohnheiten unvermeidbar. Habt Ihr vergessen, dass die Russen uns vom Joch der deutschen Nazibarbaren befreit haben ?!

 

So beiläufig habe ich erfahren, dass eine gewisse Louise Glück den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Den Namen habe zuvor nie gehört. Bei meiner schnellen Recherche fiel mir auf, dass bei dieser sehr sonderbaren Stockholmer Jury in der Disziplin Schreiben die USofA offensichtlich „mal wieder dran waren“. Weiss der Geier, wen die aus dem Hut zaubern würden, um bloss dem Thomas Pynchon keinen Preis zuerkennen zu müssen. Und der hötte ihn aufgrund seiner literarischen Leistungen schon längst verdient. Er wird ja auch immer wieder vorgeschlagen.

Seis drum. Ich lese seit Jahren ohnehin fast ausschliesslich Fachliteratur..

In Frau Beyers lesenswertem Bericht über die Buchemesse erfahre ich: „Denis Schenk endete seine Buchvorstellung mit den Worten „Vertrauen Sie keiner Literaturkritik, vertrauen Sie keiner Literaturkritikerin, sondern vertrauen Sie Ihrer eigenen literarischen Intelligenz, die Bücher sind dazu da, dieselbe an ihr zu schärfen.“
Wohl wahr. Mit diesen Gedanken kann man sich die meiste Prosa und Lyrik  (er)sparen. Die eigene Lebenszeit ist zu kostbar. Das meiste, was man heute an „neuerer Literatur“ liest, verschwimmt nach einem halben Jahr und spätestens zwei, drei Jahre danach ists dann vergessen. Mit diesem Wissen kaufen die Verlage ihre jeweiligen Plätze auf den Bestsellerlisten der verschiedenen Medien. Was wunderts, dass selbst wirkliche literarische Bestverkäufer heutzutage recht flott im Ramsch vermarktet werden.

Trotzdem finde ich lesen immer noch sinnvoller als, sagen wir, Dauerseriengugger zu werden oder ein Wochenende in einem Vergnügungspark zu verbringen. Oder mit einem Motorrad spasseshalber in der Landschaft die Luft zu verpesten. Nö, wer liest, geht dabei seinen Mitmenschen wenigstens nicht direkt auf den Senkel. Und eine der besseren Fluchtmöglichkeiten vor den Unbilden des Alltags ist es allemal. Es stinkt zwar nicht wie Tabak, ist weniger gefährlich als der Strassenverkehr, dennoch wohnt auch dem Lesen eine gewisse Suchtgefahr inne.

Ich weiss, wovon ich hier schreibe. Den sogenannten bürgerlichen Bildungskanon habe ich mir angelesen. Und einige der heute üblichen Listen, zum Beispiel – „1000 Bücher, die man gelesen haben muss, bevor man ins Grab versenkt wird“ – habe ich auch abgearbeitet. Die ellenlange Namensliste tut hier nichts zur Sache. Was ist davon geblieben?

Nach dem Mann ohne Eigenschaften, dem einzigen Dickroman, den ich nicht zuende gelesen habe, änderte sich meine Einstellung zur Prosa. Daneben war die Beschäftigung mit der Literaturwissenschaft schliesslich der Tritt aufs Bremspedal. Zum Glück entdeckte ich die sogenannten (deutschen) Volksbücher. So ging ich der Unterhaltungsliteratur nicht ganz verloren.
Wer einmal „Die Historie von Tristan und Isalde [sic!], herausgegeben nach dem ältesten Druck bei Anton Sorg, Augsburg, 1484, gelesen hat, der kennt nach der Lektüre im Prinzip alle Beziehungsmöglichkeiten zwischen Männern und Frauen. Alles, was danach und bis heute zu diesem Thema literarisch verarbeitet wurde, ist bestenfalls die literarische Ausarbeitung von Teilaspekten. Und seit etwa fünfzig Jahren breiten die Autoren hauptsächlich ihre eigenen Befindlichkeiten vor dem Lesepublikum aus.
Das spricht natürlich nicht gegen den Genuss der literarisch ausgefeilten, schärfsten Kutschenfahrt des 19. Jahrhunderts. Aber das Schicksal der Passagierin in der Kutsche ist in Tristan und Isalde im Grundzug schon angelegt.

Wenn Sie also Zeit und Musse haben, dann schauen Sie sich um. Im alten Diederichs Verlag sind einige Volksbücher in ansprechender Aufmachung erschienen. Tristan und Isalde, Die sieben weisen Meister, die Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstlern oder die Historie von Fortunati Glückseckel und Wunschhütlein und andere. Die Reihe ist vom Verlag bedauerlicherweise nie komplettiert worden. Inzwischen sind sogar sogar wissenschaftlich kommentierte Ausgaben erhältlich.
Deren Lektüre kann Ihnen fürderhin manche Stunde ersparen, in der Sie sich mit Freunden oder Bekannten zu einem Gespräch treffen können. Zusammensitzen und miteinander sprechen. Die Lebenszeit ist kurz für lediglich vorübergehend gültige Literatur. Laut einer Berechnung Arno Schmidts schafft man zwischen seinem sechsten und seinem siebzigsten Lebensjahr ohnehin höchstens sechstausend Bücher, wenn man wöchentlich zwei Romane liest. Wer aber ist der Lage, diese Leseleistung zu erbringen?

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass die zweite Welle nicht über Ihren Köpfen zusammenschlagen möge. Wählen Sie inzwischen Ihre Lektüren sorgsam aus.

 

Ich hatte ursprünglich ein ganz anderes Thema auf dem Schirm. Aber auch das Geschäft mit der Literatur verdient, dass es gelegentlich beleuchtet wird.

 

(Manche haltens für Spass. anything goes lautet die Devise.
„…Abendland, wir sind aus dir geboren, wir fahren auf deinem Narrenschiff dem Abschied entgegen…“ [Andre Heller])

 

 

Lebensfreude trotz Elstern und Zeiträubern

Horsche: Alte Nummern von Procol Harum. Heute werden Traffic und die Groundhogs an der Reihe sein. Eine neuerliche Lichtung des Musikalarchivs steht an.
Lesen: Formulare Formulare Formulare.
Essen & Trinken: Die letzten Bohnen aus dem Garten. Viele köstliche Tomaten bräuchten etwas mehr Sonnenwärme.
Schaffe: Kraftzehrende Vermeidung jeglicher Aufregungen hinsichtlich unnötiger Veränderungen und Updates.
Gugge: „Vorwärts immer!“ Ein prima Komödie und nicht ohne Spannung.…

Die Abkürzung ist eindeutig falsch gewählt. Elster. Elstern wecken die Assoziation zu diebischem Verhalten. In diesem Fall handelt es sich um die ELektronische STeuerERklärung. Die Diebe sind im Fall von Steuererklärungen die notorischen Steuervermeider, Steuerhinterzieher und Steuerbetrüger.
Seis drum. Jeder von uns zahlt am Ende, was er sich im Leben genommen hat.

Die Aufforderung kam auf gedrucktem Papier. Das Finanzamt verlangte die Abgabe meiner Steuererklärung. Das tut sie jedes Jahr. Seit einigen Jahren in elektronischer Form via der Plattform Elster oder eines anderen kompatiblen Programms. Elster kostet nichts, die anderen Programme muss man kaufen. Zwang so oder so.
Ich hatte noch nie Ärger mit dem Finanzamt. Ich war pünktlich und zudem korrekt. Wenn ein Prüfer bezüglich meiner Angaben anderer Meinung war, hat er versucht, den Beweis anzutreten. In der Regel erfolglos.
Seit Elster muss ich telefonieren. Und rückfragen. Werde mit Fristsetzung gemahnt. Schöne neue Welt für Zeiträuber.

Schöne neue Welt. Tagtäglich werden wir vielfach belogen. Es scheint der digitalen Revolution immament.
„Alles wird besser, einfacher, schneller“ – Die Realität sieht allerdings anders aus. Der grosse Ablenker regiert die Menschheit. Und ein Grossteil der Menschheit unterwirft sich willig und macht, als würde die eigene Lebenszeit nimmer enden.

Bei Sätzen wie:
„Das neue Update bietet dir / ermöglicht dir… stellen sich mir die Nackenhaare auf. Es werden dann vermeintliche Vorteile aufgezählt, die allenfalls zur Rechtfertigung von Veränderungen dient, die man vielleicht garnicht brauchte. Besonders ärgerlich ist dies bei stabilen, gut funktionierenden Systemen.
Der neue wordpress Editor ist das typische Beispiel. Niemand braucht zig Veränderungen (i.e. Spielereien!!!). Niemand hat danach gefragt. Aber irgendein Macher in der Schaltzentrale hat seine programmierenden Spielbübchen von der Leine gelassen. Inzwischen kommt man nur noch über einen Umweg in den klassischen Editor. Schrittweise wird er durch den unerwünschten Textbastler ersetzt werden.
Es scheint sich niemand im breiten Publikum darüber aufzuregen. Wir sind wahrscheinlich schon weit konditioniert, dass man frisst, was einem vorgeworfen wird. Wie der Esel hinter der Karotte.

Die Realität sieht mittlerweile so aus, dass man Nachteile in Kauf nehmen muss, wenn man sich gegen die unnützen Spielereien wehrt. In Firefox fehlt seit einiger Zeit die Schaltfläche, mit der man sich gegen Updates wehren kann. Ständig belästigt einen nun ein Fensterchen mit dem Hinweis auf ein zu installierendes Update.

Da ich mir mein Frühstück nicht verderben will, denke ich nicht weiter darüber nach, was das bedeutet: „du musst dich ein bisschen mit dem Programm beschäftigen“. Was für ein Schwachsinn. Das ist Zeitdiebstahl. Raub von meiner Lebenszeit.

Der Dozent einer nahen Fachhochschule, ein Spezialist für K.I. (künstliche Intelligenz) nannte die derzeit relevanten Forschungsbereiche. Es war interessant, seinen Ausführungen zuzuhören. Die meisten Beispielen vereinten zwei Aspekte. Sie waren nicht lebensnotwendig und sie dienten am langen Ende allenfalls dem erhofften wirtschaftlichen Wachstum.
Lieber Herr Dozent, wie wärs denn beispielsweise mit intelligenten Ampelschaltungen. Den Verkehrsflüssen in Sekundenschnelle bedarfsgerecht angepasst?

Da bleibe ich lieber bei meinen alten Fahrrädern. Deren zeitweises Update besteht lediglich im Überprüfen des Luftdrucks auf den Reifen oder einigen Tropfen Öl hier und da. Von ständigen Inspektionen oder Revisionen bin ich verschont.
Obwohl.
Denn auch hier wird eine Reduktion nötig werden. Eine Fahrradsammlung soll auf Dauer nicht entstehen. Im kommenden Frühjahr werden einige der alten Bauerräder zum Verkauf stehen. Und statt K.I. wird eher ein K.Ä.-Team realisiert werden. Das Leben ist zu kurz, um es virtuellen Verwirrern und Ablenkern zu opfern.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern viel Lebensfreude. Spass muss am Ende immer zu teuer bezahlt werden. Und vor allem: Kommen Sie gut durch die zweite Welle.

 

(Ein schicker Tourer von 1962. Spiegel und Tachometer sind zwar nicht wirklich notwendig…)

 

Herbstanfängliche Gedanken

Horsche: City – Casablanca (1987).
Lesen: Das neue Werk von Patti Smith: Im Jahr des Affen. 2020, 204 S..
Essen & Trinken: Diese Blüte im Blumenkasten vor dem Fenster??? Wer hätte das gedacht: eine köstliche Gurke. Und dann noch eine und… Zu den Safrannudeln eine aromatische Tomatensauce. Tomaten und Kräuter frisch aus dem Garten.
Schaffe: Es gibt immer was zu tun. Derzeit sogar viel.
Gugge: Der Flussbaumeister – Wie Tulla den Rhein begradigte„. Ein interessante Dokumentation auf arte.de…

Mike Schloemer hatte sich 1995 auf den Weg gemacht. Er folgte der Route von Wim Wenders Film „Im Lauf der Zeit“. Das Ergebnis war ein Dokumentarfilm. Der Schwerpunkt lag im Gegensatz zu unserer Reise lediglich auf den Kinos, die auch in Wenders Film gezeigt worden waren. In der Doku sprachen viele Menschen. Kinobesitzer, eine Platzanweiserin, Nachbarn und andere Zeitzeugen. Wir hingegen waren an den Veränderungen an sich interessiert.
Da der Film nirgends zu erwerben war, kontaktierte ich Herrn Schloemer. Als er von unserer Reise erfuhr, bot er spontan an, eine Kopie seines Films zu schicken. Herzlichen Dank dafür Herr Schloemer.

Ich habe es hier schon mehrfach erwähnt. Es gab diese Untersuchung, wie sich Menschen auf neue Situationen einstellen und sie anschliessend in ihren Alltag integrieren. Maximal acht Monate braucht es, um sich auch in extrem unwirtliche Situationen einzufinden. Im Fall von Corona wabert das Virus demnächst im achten Monat. Und die Warenproduzenten haben ihre Produktpaletten dahingehend bereits erweitert. Das ist jedoch nichts Neues, sehen Sie sich die Photographien weiter unten an.
Jetzt kommt wieder die Zeit für andere Themen, mit denen wir auf Trab gehalten werden sollen.

Zum Beispiel Weissrussland. Während im Fall von Corona manche wegen der Maskenpflicht von „Diktatur“ reden, schwingen die wahren Diktatoren schon wieder ihre Gesinnungsschwerter. Weissrussland soll nach deren Machtgelüsten von sofort an Belarus heissen.
Was mag in deren Köpfen vorgehen? Bjela heisst weiss und die Silbe rus erklärt sich von selbst. Dass die weissrussische Bevölkerung von jeher russlandfreundlich war, soll vergessen gemacht werden. Selbsternannte Demokratiefreunde in den westlichen Ländern beziehen Stellung. Natürlich ohne vertiefte Kenntnis der tatsächlichen Sachverhalte.
Die ersetzt man durch Betroffenheitsszenarien.
Weissrussland verlor im Zweiten Weltkrieg 25% seiner Bevölkerung. Die deutschen Schlächter der SS haben dort mit fachkundiger Hilfe der Wehrmacht zugeschlagen. Ein Drittel aller Kommunen wurde abgefackelt. Inklusive der Menschen, die man vorher in Kirchen gesperrt hatte.
Im Westen sollte man endlich erkennen, dass unsere Zukunft im Osten liegt. Von dort wurden in der Geschichte keine Angriffskriege nach Westen begonnen. Die Menschen im Osten sind trotz aller Unmenschlichkeiten, die ihnen gerade auch von deutscher Seite zugefügt worden, noch immer aufgeschlossener und freundlicher, als unsere angeblichen Freunde jenseits des Atlantiks. Überdies liegen im Osten die Rohstoffe, die unsere europäische Zukunft sichern.

Ein anderes Beispiel, mit welchem wir in nächster Zukunft rund um die Uhr zugedröhnt werden, sind die Wahlen in den Vereinigten Staaten. Genau besehen, sind die für uns in der Tat wichtiger als die in Russland. Weil man nie wissen kann, welche Pläne die Kräfte, die den Präsidenten steuern, für die kommenden Jahre planen.
Also schiebt man den Präsidenten ins Rampenlicht. Als er seine erste Regentschaft antrat, wurde er weltweit verlacht oder zumindest lächerlich gemacht.
Ich wünsche ihm eine zweite Wahlperiode. Kein Präsident vor ihm hat sein Land so zielgerichtet auf den Abgrund zugesteuert. Die sozialen Standards in seinem Land sind so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. Er ist am Rest der Welt kaum interessiert. Keine neuen Kriege. Besatzungssoldaten wurden aus Deutschland abgezogen.

Die wirklich entscheidenden Fragen, die uns betreffen, liegen unter dem Deckmantel medialen Schweigens. Wieso hat die hiesige Autoindustrie mehr Macht als unsere Regierung? Wie umgeht die Lebensmittelindustrie die neuen Bestimmungen zum Arbeits- und Tierschutz? Wer wird den Bauern Einhalt gebieten mit ihrer Bodenvergifterei? Wieso dürfen die Rollrasenproduzenten mit ihrer massiven Wasserverschwendung den Grundwasserspiegel in den Ballungsräumen senken, ohne dafür zu zahlen? Preisabsprachen seien nicht nachzuweisen. So so. Wieso kommt es dann, dass die Benzinpreise deutschlandweit von morgens bis nachmittags systematisch billiger werden und der Unterschied zwischen Diesel und Normalbenzin seit Monaten konstant bei etwa 25 Cents liegt?

Ich höre ja schon auf. Die Antworten auf die wirklich dringlichen Fragen sind vielen Menschen ohnehin unwichtig. Fünf Minuten Betroffenheitsschreie, dann ist der Druck wieder weg.

Trotz alledem: ich freue mich, in einer grossen Zeit zu leben. In meinem persönlichen Umfeld bewegen sich Menschen, die mich berühren. Die mich erfreuen und auch zum Nachdenken anregen. Wir treffen uns, sitzen zusammen, essen und trinken, sprechen miteinander und tauschen uns aus. Und lassen uns sein in unseren jeweiligen Unterschiedlichkeiten.
Diese Lebensqualität wünsche ich auch allen Besuchern, Lesern und Guggern.

(In den Jahren 1957/58 wurde das heute sehr seltene Modell „Adria“ von der Firma Bauer produziert. Sportlich schnittig, selbst die Luftpumpe in rot und auch sonst optisch aufgeppt. Für alle die Menschen, die von einer Reise nach Italien nur träumen konnten. Oder für Jugendliche als Vorstufe zur eigenen Vespa… [Das Rad harrt noch der Restaurierung])