Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)

 

Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

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Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

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Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

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Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

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Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

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Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

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Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

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Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Mrs. Turner piep´ einmal…

Frische, luftige Melodien und zum Fliegen schön: Rich Hopkins & Lisa Novak – Loveland (2008)…

Das zarte Stimmengewirr schien aus etwa drei Metern über uns zu kommen. Es gehört nicht zu meinen Angewohnheiten andere Gespräche zu belauschen. Bald wurde es auch wieder ruhiger. Kommunikationswogen. Stimmen wurden lauter, dann ebbten sie wieder ab. Mrs. Turner sollten wir erst später persönlich kennenlernen.

Ich habe mich von einem weiteren Blogmenschen verabschiedet. Über die Kommentare hinaus entspann sich ein privater, lockerer Mailwechsel. Ich kann den Zeitpunkt nicht genau benennen, aber irgendwann wurde es richtig unangenehm. Höflichkeit und Respekt sind auf das menschliche Gegenüber bezogen. Wenn die Selbstbezogenheit und Geschwätzigkeit überhand nimmt, beginnen Anzüglichkeiten und Übergriffe. Geben und Nehmen bilden Harmonien, Einseitigkeiten stören die Balance in den menschlichen Beziehungen.

Schon vor dem Frühstück war der lebhafte Austausch bereits wieder zu vernehmen. Wir schauten nach oben. Ja, von dort scheinen die Laute zu kommen. Waren sie verhaltener als gestern? Da sahen wir vor unseren Füssen die kleine Amsel liegen. Das Köpfchen unmässig nach hinten verdreht. Genickbruch als Folge des Sturzes aus dem Nest.

Aber da war noch ein Fiepen aus einer anderen Richtung zu hören.
Und richtig, es ertönte aus dem Korbgestell unten am Boden. Da sass zwischen Pflanzbehältern und der Keramikschnecke eine andere kleine Amsel. Ein kleine Flaumkugel. Wir nahmen uns gegenseitig wahr. Es war eher Offenheit und Verwunderung als Vertrauen. Jetzt nur vorsichtig sein. Annäherung lediglich aus sicherer Entfernung mit einem Teleobjektiv. Mrs. Turner soll sich keinesfalls erschrecken. Und die alten Amseln müssen hier im Hof in der Lage bleiben, ihren Nachwuchs zu füttern.

Es ist der Respekt und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Nur das zu nehmen, was der andere zu geben bereit ist. Es fällt natürlich schwer, auf einen anderen Standpunkt zu verzichten, der eine schönere Bildkomposition erlauben würde. Aber dadurch würde das kleine Lebewesen unnötig erschreckt werden. Im Verlauf von drei, vier Tagen wächst die Achtsamkeit für das junge Vögelchen. Wenn jemand mit einem Hund den Hof betritt, ist ein Hinweis notwendig; ebenso bei Menschen, die scheinbar blind und taub für ihre nächste Umgebung sind.

Den Geschwistervogel von Mrs. Turner sehen wir nicht. Da Amseln immer mehrere Nester bauen, haben ihn seine Eltern in ein anderes Nest im Hof des Nachbarn gelockt. Von dort sind seine Rufe nach Futter zu hören. Mrs. Turner wird schnell beweglicher. Hüpft auf dem Boden herum. Sitzt manchmal vor der Tür zum Ladenlokal. Dann heisst es aufpassen auf Menschen, die nichts sehen als das Konsumziel.

Die weitgehend reduzierte Wahrnehmung, in diesem Fall auf ein schützenswertes Lebewesen, öffnet andererseits die Sinne ungemein. Eine Woche mit einem kleinen Vogel ersetzt ein teures Meditationsseminar in romantischer Umgebung und mit allerlei Tamtam drumrum. Selbst das Geraffel beschränkt sich bloss auf die Kamera mit dem leichten Teleobjektiv. Da die Amselmutter sehr zutraulich ist, überträgt sich das offensichtlich auf Mrs. Turner.
Die ersten Flugversuche erscheinen den Menschen belustigend. Da die Schwanzfedern noch nicht ausgebildet sind, sind nur kurze Geradausflüge möglich. Aber dennoch gelingen schon erste, wacklige Landungen im raschelnden Efeu.

Iiiiieeeersch. Ein langer, durchdringend schriller Schrei. Im Hof stehen zwei Frauen. Könnten dem Aussehen nach Mutter und Tochter sein. Iiiiieeeersch. Noch länger und gellender diesmal. Die beiden Frauen schauen zu der Bank, auf deren Lehne Mrs. Turner gerne schläft. Ich fahre auf und sehe den kleinen Irrwisch, wie er im Schreien nun nach Mrs. Turner tritt und sie nur knapp verfehlt. Mutter und Grossmutter schauen stumm zu und erschrecken genauso wie der kleine Bankert als ich die Ladentür aufreisse und ihn anschreie, dass man nicht nach einm Tier tritt. Nun erwacht die Mutter endlich und sagt dem Sohn, dass der kleine Vogel vielleicht krank ist. In all den Wundern, die wir in den wenigen Tagen erleben dürfen, wohnen auch immer die schattigen Anteile des richtigen Lebens. Wo es hell leuchtet und Erkenntnis möglich ist, lebt um die Ecke der dumpfe Mief der Gleichgültigkeit.

Mrs. Turner beginnt ihren Flaum zu verlieren, indem sie sich putzt. Flügel oder Beine nach hinten zu strecken erfordert Gleichgewichtsgefühl, sonst fällt man um. Diese Entwicklungsschritte erledigen sich ungemein rasch. Reinlichkeit und Beweglichkeit greifen Hand in Hand. Uns fallen dazu die klaren Gedanken ein, die Voraussetzung sind für ein seelisches Gleichgewicht. Im blossen Wahrnehmen und Beobachten von Mrs. Turner fallen uns alle mögliche Metaphern zum menschlichen Verhalten ein. Mrs. Turners Verhalten und Entwicklung zu beobachten wird für uns zu einem bereichernden Lehrstück.

Bleiben am Morgen die gewohnten zarten Rufe aus, stellt sich ein sanftes Vermissen ein. Am Abend zuvor stellte Mrs. Turner ihre ersten Höhenflugversuche an. Die Schwanzfedern sind jetzt etwa zwei bis drei Zentimeter lang. Einem Menschen im Hof konnte sie nachmittags bereits in einem eleganten Bogen ausweichen.
Amseln sind Nestflüchter. Wenn der Amselvater aufhört mit dem Füttern, wird er beginnen, sein Revier zu markieren. Er zwitscherschimpft ohnehin zunehmend.

Zurück im Ärmelhaus rufe ich an, um mich nach Mrs. Turner zu erkundigen. Die Amselmutter lockte Mrs. Turner im höher. Auf eine Stromleitung. Von dort zu einer Dachrinne. Auf das zugehörige Vordach. Und höher auf den Giebel des Nachbarhauses. Es sei wieder ruhig geworden im Hof. Einzig die vielen kleinen Hinterlassenschaften erinnerten noch an Mrs. Turner.
Amseln brüten bis zu drei Mal im Jahr. Sollte es sich also fügen zu einem weiteren Besuch.
Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns dann nochmals den wunderbaren Film Mr. Turner ansehen. Der Gesichtsausdruck und Blick des Schauspielers Timothy Spall und seine häufig lediglich tonalen Äusserungen regten uns zur Amselbenamung an.

(Fotografie anklicken und grösser sehen. Die Fotografien sind alle freihand bei teilweise trüben Lichtverhältnissen aufgenommen. Insofern zählt hier nur der dokumentarische Charakter. Olympus OM-D E-5 Mk II, Zuiko 40-150, 1:4 – 5,6)

Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Reduktionsvöllerei

Mein frühes Rock’n’Roll Idol hat das Zeitliche gesegnet. Chuck Berry 18.10.1926 – 18.3.2017. Hier läuft in Erinnerung an die Brilliant Peach Pomade und eine Schachtel Camel ohne, eingedreht im Ärmel eines T-Shirts:
Chuck Berry – The Chess Box (3CDs / 1988)…

In der letzten Woche beim Zwiebelschneiden abgerutscht. Ein tiefer Schnitt im linken Zeigefinger. Ich halte meine Messer stets scharf. Die erzwungen veränderte Handhaltung führte gestern zu einem nicht minder tiefen Schnitt in die linke Daumenkuppe. Den frischen Schnittlauch trifft keine Schuld. Abends beim Essen mit der kross gebackenen Kante eines Baguette ein leichter Schnitt in die Oberlippe.

Reduktion bedeutet nicht Weglassen oder abschneiden um jeden Preis. Wem nutzt die Blutpfütze wenn ein Finger fehlt?
Das Thema Fülle durch Reduktion beginnt auszuufern. Durch interessante Gespräche, Fragen, Anregungen und die Erfahrungen anderer Menschen. Wer reduziert was und warum. Krankheit oder materielle Engpässe fallen spontan ein. Die Gründe sind vielfältiger. Wer durch Schicksalsschläge zur Reduktion gezwungen ist, hat es ungleich schwerer. Dennoch ist es schwierig zu entscheiden, ob es leichter wird, wenn man aus freien Stücken reduziert. Bezieht sich Reduktion nur auf das materielle, konsumistische Verhalten? Welche Veränderungen von Reduktion werden im ideellen Kontext wahrnehmbar? Viele Fragen und noch mehr Aspekte. Aber darum geht es eigentlich garnicht.

Dieser Blog wurde angeregt durch einen befreundeten Blogger. Für Berichte und Fotografien aus einem anderen Land und Lebensumfeld. Zur Information und Unterhaltung im Familien- und Freundeskreis.  Durch die Rückkehr nach Deutschland war der ursprüngliche Sinn dieses Blogs somit erfüllt. Das Thema Fülle durch Reduktion sollte eine Art Abschluss werden, um danach etwas Neuem Platz zu machen.
Um den Besuchern und Lesern und mir langatmig graue Theorien zu ersparen – auch das ist eine Reduktion – werde ich diesen Blog weiterführen und in folgenden Berichten konkrete Beispiele zur Fülle durch Reduktion beschreiben. Wenn diese Beispiele für andere Menschen anregend oder gar motivierend wirken, oder sogar ein konstruktiver Austausch entsteht, würde ich mich glücklich schätzen. Der erste Bericht dazu wird gleich in der nächsten Woche folgen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Frühlingswochenende.

(Fotografien illustrieren Gedanken, die ihrerseits wieder neue Gedanken erschaffen)