Dringende Ostwest Reduktion

Schlicht und dennoch ergreifend: Flogging Molly – Life Is Good (2017)…

Erst die Bundestagswahlen und nun auch noch der Tag der Einheit. Harte Kost in mageren Zeiten. Die Erklärungstheoretiker haben Hochkonjunktur. Rechtsradikale Partei und der Osten des Landes. Was da manchmal recherchiert und interpretiert und schlussendlich publiziert wird, kann einem den letzten Rest von Glauben an das Gemeinwesen Deutschland rauben.

„Ach, jetzt auch Sie, Herr Ärmel? Es hätte ja verwundert, wenn Sie dazu nicht auch noch etwas zu schreiben hätten.“
„Ich hätte es mir gut sparen können. Aber was in den verschiedenen Medien verbreitet wird, was in manchen Blogs geschrieben und kommentiert wird, es ist oft haarsträubend. Und geht noch häufiger an der Realität vorbei. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich motiviert. Ihr persönlicher Eigennutz, das politische Kalkül oder die pauschalisierende Schuldzuweisung sind in fast jedem Fall ebenso nachvollziehbar wie vordergründig durchsichtig.“

Die Pressekonferenz mit Herrn Schabowski, wie auch die später erfolgte Maueröffnung erlebte ich am Fernsehgerät. Die Tragweite der Rede Schabowskis erkannte ich im ersten Moment garnicht. Bei den Szenen der Maueröffnung trieb es mir Tränen in die Augen.
Ich beschäftigte mich zur Zeit der sogenannten Wiedervereinigung mit der Geschichte der deutschen Teilung. Die Worte des damaligen Bundeskanzlers hinsichtlich der Zukunft zeigten mir in diesem Kontext einen bis ins Mark verlogenen und verkommenen Politiker.

Drei Tage nach der Grenzöffnung besuchte ich das vormalige Haus von Johann Sebastian Bach in Eisenach. Ich nahm dort eine seltsame Stimmung wahr. Der Kommandoton der Aufsichtspersonen, den ich von früheren Grenzübertritten kannte, er passte so garnicht zum Verhalten der Museumsbesucher aus dem angrenzenden westlichen Ausland. Durch dieses Erlebnis wurde mein Interesse für das zukünftige Zusammenwachsen der beiden deutschen Teilstaaten geweckt. Und es hat sich seitdem noch weiter intensiviert.

Die folgenden Anmerkungen beruhen lediglich auf meinen eigenen Erfahrungen. Das sind meine Erlebnisse und Gespräche mit Menschen in Ost und West, mit mir bekannten oder bis dahin unbekannten Privatleuten und Zeitzeugen für verschiedene kulturwissenschaftliche Arbeiten. Also keine interessegestützten Statistiken, keine soziologischen Abstraktrusitäten oder Meinungen nur so vom Hörensagen.

Die Wiedervereinigung war ein ausschliesslich politischer Prozess, der von mächtigen, wirtschaftlich tätigen Akteuren sofort zu eigenützigen Profitinteressen genutzt worden ist. Die politischen Akteure griffen nicht regelnd im Sinn der Menschen ein. Soziale Komponenten waren sowohl für die Menschen drüben wie hüben nachrangig. Eine Rücksichtnahme auf die beiden Bevölkerungen fand nicht statt.
– Meine grösste Enttäuschung war das erste Wahlergebnis in den östlichen Bundesländern. Mehrheitlich die Partei zu wählen, die den Kahlschlag in der vormaligen DDR in Gang setzte; ich habe es bis heute nur ansatzweise begriffen.
– Bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen herrscht auch siebenundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung relativ wenig wirkliches Wissen über das Alltagsleben im jeweils anderen Teil des Landes. Im Westen ist es Desinteresse und gesteuerte Desinformation. Im Osten das Halbwissen des Nachbarn hinterm Gartenzaun. Wenn man sich aber zusammensetzt und sich mit Interesse austauscht, wird man zahlreiche Missverständnisse finden und aufklären. Das führt abwechselnd manchmal zu Lachen oder ungläubigem Staunen..
Die DDR gab es ebensowenig wie es die BRD gab. Es gibt Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Dies zeigt sich in der Infrastruktur, in der Versorgung und letztlich auch im kulturellen Habitus.
– Die meisten Menschen in den neuen Bundesländern sind Wendegewinner. Viele Rentner sind durchschnittlich besser gestellt. Ein Instrument wie die Witwenrente beispielsweise gab es in der DDR nie. Viele Handwerker sind zu nennen, die sich selbstständig gemacht haben und nicht gleich mehr Geld ausgaben als sie einnahmen. Sie sind Gewinner geblieben.
– Die vielgepriesene Reisefreiheit des Westens, wer konnte sie so uneingeschränkt nutzen, wie sie angepriesen worden ist? Und die vollen Regale allüberall. Klar, es gab fast alles. Aber wer konnte sich die vielen Dinge denn auf Dauer wirklich leisten? Kredite sind limitiert und die Schuldenberater hier wie dort sprechen eine eindeutige Sprache. Die Banken hielten und halten die Zügel fest in der Hand.
– Wer sich die Mühe macht, in drei, vier grossen Zeitungen, etwa die FAZ, Süddeutsche oder Die Zeit auf die Verwendung von wertenden Adjektiven in Meldungen und Berichten über die östlichen Landesteile hin zu untersuchen, dem können die Augen übergehen. Es ist die noch immer andauernde subtile Abwertung des Ostens.
– Die Bilanz ist jedenfalls besser, als sie tagein tagaus dargestellt wird. Die sogenannten „abgehängten“ Menschen gibt es im ganzen Bundesgebiet. Die gab es vorher in den beiden deutschen Staaten ebenso. Nur, dass sie in der ehemaligen DDR weniger auffielen. Und diejenigen Menschen, die versuchen auf dem einfachsten Weg durchzukommen, die hatten es durch die Arbeitsprozesse in der DDR tatsächlich einfacher. Verlierer sind natürlich auch die Menschen, deren Berufe in enger Berührung zum Staat ausgeführt worden sind. Militärs und Polizisten kommen in wechselnden Systemen immer wieder überraschend schnell unter, da wird nicht so genau hingeschaut. Anders bei den Berufen, die ebenfalls ihre Staatstreue bezeugen müssen.

Meine bisherigen Erkenntnisse zeigen mir, dass die Wiedervereinigung mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht hat. Auch beim vielberufenen Gejammer über die „Zustände im Land“ ist das deutsche Volk weitgehend zusammengewachsen. Dass die Bevölkerung im Osten andere Vergangenheiten betrauert als die Bevölkerung im Westen versteht sich. Aber was den Konsum privater Haushalte betrifft, so wird gesamtdeutsch gekauft, was noch irgendwohin passt und was die Banken an Krediten vergeben.

Dies sind nur einige Beispiele aus meinen privaten Erfahrungen. Sie sind somit subjektiv und willkürlich ausgewählt. Freudig nehme ich aber wahr, dass es nicht wenige andere Menschen mit viel Interesse und gutem Willen gibt, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen hinsichtlich der angeblich in vielen Bereichen noch immer andauernden Teilung in Ost und West. Die imaginäre Teilung ist politisch und wirtschaftlich motiviert. Wo Teilung herrscht entsteht keine Solidarität. Umso bedauerlicher, dass viele Menschen sich selbst und freiwillig vor den Karren dieser Interessen spannen, die vom Virus der Teilung gut herrschen können und noch bessere Geschäfte machen. Und der Besserossi ist keinen Deut besser als der Besserwessi und umgekehrt.

Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde. Und was man wahrscheinlich erst so richtig einschätzen kann, wenn man in einem der vielen anderen Länder irgendwo auf der Erde gelebt und gearbeitet hat, ist den meisten Deutschen, und vielleicht besonders denen im Osten, garnicht bewusst. Wir haben eine Verfassungsgerichtsbarkeit, die jeden einzelnen Menschen  vor der Willkür des Staates und seiner Organe, zumindest weitestgehend, schützt. Das, finde ich, ist neben den individuellen materiellen Möglichkeiten allemal das höhere Gut. Und das menschlich Verbindende ist grundsätzlich heilsamer als das Trennende.

(Ein Foto aus dem Archiv)

 

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Die Reduktion der sogenannten bürgerlichen Mitte

Am vergangenen Wochenende wiederentdeckt: Frank Zappa – Hot Rats (1969)…

Das wahlberechtigte Volk hat gewählt. Ich auch. Und jetzt fragen sich viele, wer denn wohl der drittstärksten Partei seine Stimme gegeben haben mag. Ich nicht. Aber eigentlich, versteht sich, ist das doch fast jedem klar. Andererseits aber eben doch nicht, denn von den derzeit vorliegenden Statistiken wird fast jede dieser Spekulationen widerlegt.
Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich habe sowieso andere Fragen. Wer beispielsweise, der einigermassen sehenden Auges in die eigene Zukunft oder die seiner Kinder schaut, hat mit seiner Stimmmacht die Wiederauferstehung dieser allerüberflüssigsten gelben Partei ermöglicht? Denen Europa im hinteren unteren Süden vorbeigeht; die sich nichts sehnlicher wünscht als die Wiederkehr des wirtschaftsfeudalen Mittelalters. Denn dieses Ziel haben sie neben anderen in ihrem Wahlprogramm versprochen.

Von den Grünen kann man schweigen, denn deren Eliten arbeiten bekanntlich seit einigen Jahren bereits dafür, mit der Fähigkeit des Chamäleons endlich den eigenen Vorteilen zuliebe nach Belieben und Nutzen von grün zu gelb changieren zu können.
Bleibt die SPD mit ihrem Herrn Schulz. Ja dem, der mächtig retuschiert mit den eisblaukalten Augen von den Wahlplakaten stierte. Wer die Berliner Runde verfolgt und ihm zugehört hat, der weiss wie beleidigte Charaktere als Verlierer keifen und nachtreten können. Und vorgestern verkündete er im Seeheimer Kreis der SPD, dass man bei den nächsten Bundestagswahlen mindestens 40% holen werde. Dass manchen Sitzungsteilnehmern die Luft aus den schon vorher mächtig aufgeblasenen Backen entwichen ist, wen wunderts. In Sachsen, einst eine der Hochburgen der SPD gibt es Wahlkreise, da erreichte diese Partei nicht mal mehr 10%.
Ich fragte mich seinerzeit, warum der Mann, der als Präsident des Europäischen Parlamentes weit über eine Viertelmillion Euro im Jahr verdient (ohne Sonderzulagen versteht sich), warum der sich als Kanzler mit gerademal der Hälfte zufrieden geben will. Aber spätestens nach seinen beleidigten Reaktionen wurde es mir klarer. Der wollte ja ursprünglich Kommissionspräsident werden. Hat aber nicht hingehauen, den Posten hat sich Jean-Claude Duncker geschnappt. Manche Stimme lassen verlauten, dass er schon als Parlamentspräsident hoffnungslos überfordert gewesen sei. Aber Macht will mehr Macht. Vielleicht sollte der ehemalige Bürgermeister einer kleinen Stadt mit 38.962 Einwohnern (nach dem Stand vom 31.12.2015) wie der vielberufene Schuster bei seinem Leisten bleiben. Derzeit laufen schon Wetten, ob er im November überhaupt noch Chef der SPD bleiben wird.
Sodann ein Bundespräsident, der öffentlich allen Ernstes feststellte, dass „die Statik der Demokratie“ in diesem unseren Land nicht mehr stimmen würde. Und dass man erforschen müsse, was die Menschen so missmutig stimme. Hinter welchen Monden hat dieser Mensch in den letzten Jahren eigentlich gelebt? Seine Partei hat unter dem verhalten wohlgefallenen Nicken von CDU und FDP dem Sozialstaat endgültig den Garaus gemacht. Als Erstwähler damals vor Jahrzehnten bewunderten wir Willy Brandt und stimmten für seine SPD. Doch wie verkommen ist diese Partei inzwischen. Was ist geblieben vom Gothaer Programm oder gar vom Erfurter Programm? Ob diese Programme, ausser dem Namen nach, noch jemand kennt in der SPD?

Die Parteien an den Rändern legen zu, denn die Mitte unserer Gesellschaft ist weggebrochen. Gegen Ende der Weimarer Republik begann ein ähnlicher Prozess. Das Problem der Spaltung der Gesellschaft jedoch ist nicht das ewig bedauerte Wegbrechen der Mittelschicht, sondern die generelle Krise und der Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Angeheizt wird der beschleunigte Verfall durch den kranken Glauben an ein ewiges wirtschaftliches Wachstum. Fast jeder Mensch glaubt an das unausgesetzte Wachstum, weil es ihm vorgaukelt, er hätte die gleiche Chance wie die ewigen Gewinner. Hat er aber nicht. Und letztendlich fühlt es die Seele eines gesunden Menschen, dass wirtschaftliches Wachstum (oder mehr Wohlstand) nicht das Gleiche ist wie das Wachstum der eigenen Persönlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaftsform ist dabei das eigentliche Problem. Gerade mal zweihundert Jahre alt, hat sie, wie keine der früheren Gesellschaftsformen, unsere Erde und die Menschheit an den Abgrund gewirtschaftet.

Die Globalisierung ist reduziert auf rein wirtschaftliche Prozesse. Kolonisation mit anderen Mitteln als noch vor Jahrhunderten. Geschickter aber auch perfider. Rücksichtlose Ressourcenausbeutung. Privatisierung des Trinkwassers. Beispielsweise sind die Bodenschätze in Syrien längst verhökert – für prosperierende Geschäfte in der Zeit „danach“.
In unseren Breiten zum Beispiel ist das die knallharte und unmenschliche Ausbeutung der Arbeitskraft und Entrechtung der Arbeitnehmer. Und zwar in allen Etagen der Hierarchien. In allen? Nein, die Eliten sind davon selbstverständlich ausgenommen. Neben denen sind die Gewinner dieses sterbenden Systems seit Jahren nur die Eigentümer von Aktien und Schuldverschreibungen. Dem Rest der Menschen, im Grunde genommen die Milliarden Habenichtse rund um den Globus, wird nach Belieben mit Verarmung gedroht oder einfach das Geld entwertet. Und dies nicht bloss auf inflationären Wegen.
In Deutschland merkt man das erst jetzt ganz sanft. Einschnitte ins soziale Netz spüren die meisten Menschen hier noch garnicht am eigenen Leib. Das wird erst in den nächsten Jahren noch kommen. Stichwort Rentnerarmut. Aber das ist bloss der Anfang. Die Menschen werden jedoch medial schon dafür vorgeknetet. Damit man sie, wenn es dann soweit ist, leichter formen kann.
Und wie das mit den Menschen in unserem Land konkret veranstaltet wird, kann man am Programm und den Einschaltquoten der privaten Fernsehsender sehen und auf den meisten Radiosendern hören. Eine tagtäglich erbärmliche Wiederholung der stetigen Niveauabsenkung. Gezielte und gesteuerte Hirnerweichung und Seelenverbiegung.
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(Ich weiss zwar nicht, wer trommeln wird, gepfiffen jedoch wird bereits)

Das gute Leben zwischen Mark und Rinde

Seinerzeit, als ich Dir erstmals gegenüberstand, erklang von irgendwo aus dem Hintergrund diese zauberhaft verwunschene Musik. Und jedes Mal wenn die Musik ertönt, steigt dieses erste Bild erneut vor mir auf: Dead Can Dance – Spleen And Ideal (1986)…

Der historischen Rückblickspalte des wöchtlich erscheinenden lokalen Blättchens entnehme ich, dass im Jahr 1952 bei der örtlichen Schweinezählung 513 Stück festgestellt worden sind. Das waren 46 mehr als noch im Jahr zuvor.
Demnächst werden auch in diesem, unserem Lande wieder Scheine gezählt werden. Wahlscheine. Ich habe bereits vor Wochen im örtlichen Wahlbüro meine beiden Stimmen abgegeben. Einem Rest von demokratischer Kontrolle will ich mich auch weiterhin vergewissern.
Die noch existierenden Bauern leben und arbeiten heutzutage ausserorts. Die Vermietung von Pferdeboxen und die Unterhaltung einer Reithalle sind lukrativer. Solange man noch zum privaten Spass Tiere missbraucht und dafür mehr Geld auszugeben bereit ist, als für ordentlich produzierte Lebensmittel, hält unser Kulturschiff weiterhin den Kurs Richtung Untergang.

Ich trenne mich von Träumen. Der Spaziergang nach Syrakus auf den Spuren Johann Gottfried Seumes beschäftigt mich nun schon seit Jahrzehnten. Die grosse Kladde mit der umfänglichen Sammlung von zahlreichen Fakten, Details und Informationen zu dieser Fussreise ist obsolet geworden. Andere Reiseintentionen und -ziele sind reizvoller geworden.
Es ist die Reduktion auf die kleinen Sensationen, wie beispielsweise die kurze Reise im letzten Bericht. Es ist das Abendessen mit Freunden. Die Freude über eine wohlgelungene Fotografie.
Und vor allem die Begegnungen mit fremden Menschen. Die Annäherung an ein Leben und wenn alles gut geht, der gestattete Blick hinter die Rinde ins Innenleben. Die wirkliche Welt eben und nicht das Gegenteil davon; die virtuelle Scheinwelt, die von nicht wenigen Menschen ebenso hartnäckig wie falsch mit der Realität verwechselt wird.

(Fotografien verschiedener Baumrinden – anklicken öffnet die Galerie)

 

 

 

Erstaunliche Beobachtungen auf zehn Quadratmetern

Wiederanhörungen. Was hat noch Gültigkeit? Reihenweise verlassen Scheiben das Musikalarchiv.
Bleiben wird: Billy Cobham – Crosswinds (1974)…

Die Schwalben haben ihre Nester verlassen. In diesem Jahr ist der Sommer schon vor dem Hochsommer vorüber. Ich hoffe auf einige weitere sonnige Tage. Immerhin konnte eine Schwimmrunde im Rhein stattfinden.
Im öffentlichen Bücherschrank die „Auto“biografie von Marilyn Manson gefunden. Das meiste hat wohl ein Redakteur des Rolling Stone zusammengeschrieben. Ich kenne keine Musik dieser Kreatur. Ein Klon zwischen Sylvesterrakete und Lumpensammler. Das typische, der beiden möglichen us-amerikanischen Schicksale. Ein kleiner, hässlicher Versager, der sich geschworen hat, es eines Tages allen zu zeigen. Was bringt einen Mensch dazu, sich nur um aufzufallen den Familiennamen eines gewissenlosen rechtsradikalen Massenmörders zuzulegen.
Der Zweite Weltkrieg kostete etwa 50 Millionen Menschenleben. Die aussenpolitischen Aktionen der US-Amerikas kosteten seit dem Zweiten Weltkrieg geschätzte 30-40 Millionen Menschenleben weltweit. Ich bin noch auf der Suche nach der genauen Quelle, bzw. exakteren Zahlen. Das geistferne Druckwerk liegt inzwischen in der Altpapiertonne.

Viel Balzac gelesen in letzter Zeit. Die menschliche Komödie. Das hält fein vom Bloggen ab. Erstaunlich aktuell erscheinen viele Beschreibungen Balzacs. Es scheint sich wenig geändert zu haben in den letzten zweihundert Jahren. Oder zweitausend.
Hauptsache das Bewusstsein schläft. Das nutzt Produzenten wie Konsumenten. Und den Politikern ists allemal recht.
Die alltägliche Einbildung vieler Menschen, informiert zu sein.
Ein balltretender Gladiator wechselt die Arena für eine Viertel Milliarde Euro.
Die Condottieri, die Söldnerführer des ausgehenden Mittelalters heissen heute Topmanager. Niemandem verpflichtet ausser dem Eigennutz. Vor allem dem eigenen. Verantwortungslos wird die Welt belogen und betrogen. Die Zeche zahlen die anonyme Menschenmasse. Arbeitsplatzvernichtung, Zerstörung des privaten Lebens; die Kollateralschäden des Wachstums. Früher segnete die Kirche die Auswüchse der Herrschenden. Heutzutage haben die Unternehmensberatungen dieses profitable Geschäft an sich gerissen. Schlimm nur, dass der Kleinbürger glaubt, in diesem Spiel eine reelle Gewinnchance zu haben. Auch mal gewinnen zu können. Naja, so einer, wie Marilyn Manson vielleicht.
Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es auch nicht wahr.
Und alle halbe Jahre gibt es ein neues Konsumprodukt für die Müllhalde, das niemand wirklich braucht. Dann ziehen die gekauften Werbesöldner durch die Lande und irrlichtern mit Kaufgründen. Und was hatten wir seit unserer Kindheit schon alles an Fantastischem gehabt, was seit Jahren nicht verrotten kann. Hot Wheels, Silly Putty, Pez-Boxen, Hüpfbälle, Flummis oder Knuffls um nur ein paar frühe Artikel zu nennen.
Und schon daddelts auf dem Einsamkeitsverwischfon. Die Werbung ist in den Einfachhirnen verankert und beginnt zu wuchern. Das nennt man heute Kommunikation. Ein menschliches Gegenüber aus Fleisch und Blut kann man sich mit keiner Handfessel herbeiwischen.

Der konsequente Verzicht auf die Nachrichtenmedien tut gut. Es kehrt Ruhe ein in den Falten der Seele eines modernen Menschen. Zurück zum Gespräch. Von Angesicht zu Angesicht. Dahin, wo das must-have oder must-go-to keine Bedeutung hat. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen statt von Floskeln, Icons oder Gefällt-Mir-Klicks. Den Gefühlsausdruck des Mitmenschen erleben.
Ich merke es daran, dass ich in den letzten Monaten mindestens fünfzehn bis zwanzig Beiträge in diesem Blog nicht mehr geschrieben habe. Angefangen und spontan aufgehört.
Nur das Negative zu schreiben, das können viele Blogger besser als ich. Und die schönen Ereignisse, die wundervollen Entdeckungen und prächtigen Momente sind mir wieder dermassen kostbar geworden, dass ich sie nur mündlich teilen mag. In den Gesprächen, bei denen niemand unablässig aufs Daddelfon schielen muss. Oder im Garten zuschauen, wie sich die neuen Weinbergschnecken heimisch machen. Erstaunliche Beobachtungen sind möglich auf zehn Quadratmetern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern weiterhin noch ein paar feine sommerliche Tage.

(Fotografien zur Illustration. Klick öffnet die Galerie)

 

Ehrenreduktion zur Scheuklappenerweiterung

Was den Mittelalterfans in England Cornwall ist, ist den Progrockfreunden die sogenannte Canterbury Szene. Softmachine, Egg, Matching Mole, Khan, Wilde Flowers, Gilgamesh, Soporifics, Delivery, Gong, National Health, Centipede, Hatfield & The North und wie die Bands alle hiessen. Im Zug des Reduktionsprozesses wird sich zeigen, von welcher Musik ich mich weiterhin begleiten lassen möchte. In den letzten Tagen wurde bereits viel Egotripspreu vom Klangweizen getrennt. Bleiben wird auf jeden Fall schon wegen der illustren Besetzung mit Mick Taylor, Steve Winwood und Mike Oldfield: Gong – Downwind (1979)…

Unter meinem Bürofenster treibts einen Efeu sonnenwärts. Eben bleibt die Ilse aus der Nachbarschaft daneben stehen. Eines ihrer vierbeinigen Lebendspielzeuge kackt in den Efeu. Der edle Kot bleibt natürlich liegen. Als nachbarschaftliches Geschenk vermutlich. Die Frau ist heftig tätowiert. Nicht unbedingt ästhetisch, dafür aber von Kopf bis Fuss gestochen und genagelt. Auf ihrem ebenso breiten wie freizügigen Dekolleté lese ich „Ehre im Herzen – Hass in den Fäusten.“

Wie oft ich wohl schon über den Begriff Ehre nachgedacht habe in meinem Leben. Als Kriegsdienstverweigerer begann es in einer Verhandlung. Da kam der Begriff auf und ich verstand ihn nicht. Verstehe ihn heute noch nicht richtig, zumindest in den Kontexten, in denen er zumeist gebraucht wird. Mir fehlt wahrscheinlich ein bestimmtes Gen in religiöser, nationalistischer oder rassistischer Scheuklapprigkeit.

Ich bin früh wach. Pfingstwochenende. Die Ausschüttung des Heiligen Geistes. In tausend Zungen reden. Harry Haller wünschte sich im Steppenwolf „O, dass ich tausend Zungen hätte“. Diese allerdings zu anderen Zwecken.
Ich freue mich auf den Besuch und bin schon sehr früh auf dem Weg zum Mainzer Markt. Die besten Kräuter für die Grie´ Soss´ gibts bei der Marktfrau meines Vertrauens. Ich bin noch zu früh. Alles irgendwo in Kisten.
Ich fahre runter zum Rheinufer. Enten dösen auf den Steinstufen. Jogger erschrecken gurrende Tauben. Das Marinedenkmal. Hundertmal wahrgenommen jedoch nie genauer in Augenschein genommen. Ich lese die eingemeisselten Texte auf den vier Seiten des Sockels. Und ich habe die Kamera nicht dabei. Also später nochmals in die Stadt radeln.

Auch bei den Inschriften gehts um Ehre und ehrenvoll. Wie kann ein Schiff ehrenvoll sinken und was soll ich mir unter der Ehre deutschen Kreuzergeistes vorstellen? Die S.M.S. Mainz war ein leichter Kreuzer. In die Schlacht mit englischen Schiffen geriet er wegen strategischer Fehler auf deutscher Seite.
Betrauert werden 163 Seeleute, die den Heldentod starben. Nicht erwähnt auf den Inschriften werden die 348 Seeleute der Besatzung, die von den Engländern gerettet werden können, obwohl die Deutschen ihr Schiff in letzter Minute noch versenken, um es den Engländern nicht in die Hände fallen zu lassen. Unter den Geretteten befand sich auch Wolfgang von Tirpitz. Der Sohn jenes Grossadmirals, dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. den Floh ins Hirn setzte, dass man sich nur mit einer starken Flotte zur Weltmacht aufspielen könne. Und der glaubte das nur zu gerne. Hatte er doch seinem Volke schon bei seiner Thronbesteigung 1892 versprochen: „Ich werde Euch herrlichen Tagen entgegenführen.“
Entsetzt hat mich allerdings die vierte, die zum Rhein hin sich befindende Inschrift. Darauf wird den nachfolgenden Geschlechtern ein „Nacheifern“ empfohlen. Kriegsverherrlichung. Wieso wird derlei nicht entfernt?
Vorbilder gibt es ja. Das deutsche Weintor beispielsweise. Wenn man heim ins Reich kam – damals – erblickte man den Adler recht über dem Portal. In seiner rechten Klaue hält er einen Lorbeerkranz. Und darin war das unselige verhakte Kreuz gemeisselt. Das Kreuz hat man wieder herausgehauen nach dem Untergang. Es ist zwar so gemacht, dass man es wieder zum Vorschein bringen könnte, aber wer schaut schon so genau hin.
Und die rheinwärts angebrachte Inschrift liest wahrscheinlich auch niemand, der eines der Ausflugsschiffe ins Mittelrheintal besteigt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass sie an diesem langen Wochenende von Pfingstochsen verschont bleiben möchten.

(Fotografien lassen sich durch Anklicken vergrössern)

Radikalrengdeng-iiiiiihhhh-wemmdeng ~~~ dengdeng!

Beim heutigen Thema wäre ein ruhiger, getragener Trauermarsch angemessen. Stattdessen doch lieber frühlingslebhafter:
Beatsteaks – Muffensausen (2013)…

Es ist nicht mehr zu übersehen. Beim Anblick dieser eigenartigen Reduktion will sich bei mir keine bereichernde Fülle einstellen. Doch, halt – meine Fragen mehren sich. Man kann diese Form der Reduktion sehen als Minderung. Auf hundert Kilometer entlang der Autobahn. An anderen Strassenrändern auch. In Wäldern und an deren Säumen. Neben Gehwegen, öffentlichen Grünanlagen und in Parks. Selbst an Garagenauffahrten. Es geht ein Kahlschlag sondergleichen um im Land.

Einige werden sich an der Stirn kratzen. Kettensägenaktien. Das wärs gewesen. Denn Deutschland probt den Kahlschlag. Da wird gesägt, gehackt und gefällt auf Deibel komm raus.
Dass Kulturlandschaften der Pflege bedürfen ist nur natürlich. Die Frage stellt sich allerdings, wie die Pflegemassnahmen gestaltet werden. Hat man einen Spreissel im Finger, muss nicht gleich der Unterarm amputiert werden.
Genau diesen Eindruck aber vermitteln viele Bäume beim näheren Hinsehen. Denn die meisten Bäume, die ich selbst in Augenschein genommen habe, waren kerngesund. Im ursprünglichen Sinn des Wortes. Zudem fällt unangenehm auf, dass manche Bäume als meterhohe Stammleichen enden. Wer denkt sich diesen Irrsinn aus?
Merkwürdig finde ich überdies, dass man in verschiedenen Bundesländern die gleichen traurigen Resultate dieser Kettensägenmassaker sehen kann. Hinter dem infernalischen Radau könnte man eine konzertierte Aktion vermuten.

In den Momenten weichenden Entsetzens frage ich mich inzwischen, ob es irgendeinen Zusammenhang geben mag zwischen den Wahnsinnsrodungen und den Instandsetzungen beschädigter Brücken. Es scheint, in Deutschland sei derzeit jede zweite Brücke vom Einsturz bedroht. Die Kettensägenarmeen dienen dabei vielleicht zur Kompensation in Bau- und Grünämtern. Wenn schon alle Brücken beschädigt sind und folglich instandgesetzt werden müssen, da wollen wir doch mal der Natur und besonders den Bäumen zeigen, wer die Herren der Sägen sind. Nur der Erfolg wird bewundert. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.
Es mag metapyhsisch klingen, aber vielleicht handelt es sich auch um eine Geräterevolution der Kettensägen gegen die überhandnehmende Herrschaft von Laubbläsern und -saugern. Dabei werden die Sägenbediener durch das schrille Kreischen der Sägen zu nervösem Aktionismus verführt. Wer weiss schon gemau, was in den Seelen einer Motorsäge vor sich geht.

Am Rand eines Kurparks wurde eine ganze Reihe kerngesunder Eiben ohne Hirn und Verstand wirr zusammengesägt. Am tiefsten beeindruckt hat mich dort eine amputierte Eibe. Ein fühlender Mensch hat einen schlichten Blumenstrauss auf dem noch lebenden Stumpf abgelegt. Und die Eibe begann zu weinen.

Beim letzten Waldspaziergang in Begleitung eines Liebmenschen war es immerhin ein kleiner Trost,  recht merkwürdigen Gestalten zu begegnen. Knolliger Erdrauch, Zottelhose und Donnerfluch, so die Namen der Gesellen. Und die Schönheit des Frauenschüchleins konnte bei allem Liebreiz ihr giftiges Wesen nicht verbergen. So eine falsche Osterluzei aber auch.

(Die Trauergalerie öffnet sich beim Anklicken einer Fotografie)