Dies und jenes wäre noch zu sagen

Frühe Morgenfrische, strahlender Sonnenschein, knusprige Croissants mit hausgemachter Konfitüre, der Blick auf die kleinen Gepäckstücke auf den ungehobelten hölzernen Bodenbrettern : Police – Message in a Box (1993)…

Die Tuberosen sind angegangen und gedeihen prächtig. Die Rosen treiben zahlreiche Blüten aus. Und die Madonnenlilien spriessen. Die Freude über die Gartenarbeit. Die Weinbergschnecken sind fleissig.
Wo wir in die Natur gehen, stören wir. Ahnungslose, denen die Feinsinne für die Wirkkräfte pflanzlicher und tierischer Systeme und Energien abgestorben sind. Wir haben uns die Zeit nehmen lassen, den lebensinteressanten Prozessen nachzuspüren. Dafür werden wir geschäftstüchtig mit punktgenauen Jubiläen im Schach gehalten. Wer Glück hat, muss sich nicht wie schon vor einem halben Jahrhundert von einer aufgeblasenen Lachfigur wie Langhans eine Klinke an die Backe labern lassen.

In diesem Jahr feiert man das 50-jährige der Achtundsechziger. Das nun auch dieses Ereignis mit viel Brimborium begangen wird hätte ich nicht für möglich gehalten.
Ich habs innerhalb von vier, fünf Minuten realisiert als ich an einem laufenden Fernsehgerät vorbeigelaufen bin. Durch
diese CSU-Politikerin, die da in einer Babbelschau zum Thema ´68 durch ihr dümmliches Gerede hinterher noch tagelang für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Diese Person hat offenbar noch immer nicht verstanden, dass sie erst durch die Folgen der Veränderungen ihre heutige berufliche Position innehat. Wenns nämlich nach der ewiggestrigen Partei, der sie angehört gegangen wäre, würde sie wahrscheinlich noch heute zweimal am Tag auf dem Melkschemel sitzen, ansonsten dem Ehemann die karierten Hemden bügeln und vor der Vesper dem Pater beichten.

Überhaupt lässt sich am Beispiel des 68er Jubiläums wieder einmal wunderbar sehen, wie Geschichtsklitterung betrieben wird. So ganz nach der soliden Grundregel : Vereinfache radikal, das vermeidet Denkschmerzen und zeige die immer gleichen Bilder. Dann wird das Gewohnheitshämmerchen das Bewusstsein schon schmieden.
Weil das Thema auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder gerne einmal aufgefrischt wird, möchte ich ihnen allen, ob nördlich oder südlich des Äquators, ob diesseits oder jenseits der Elbe, einige Stichpunkte aufzeigen zur Illusionsreduktion der sogenannten 68er.
Das Jahr 1968 war lediglich der Kulminationspunkt von bürgerlichen Emazipationsbewegungen davor und danach. Die Protestbewegungen in der BRD begannen bereits in 1950er Jahren. Gegen die Wiederbewaffnung (Bundeswehr), den Beitritt zur Nato und zur Anti-Atombewegung zogen mehr Menschen auf die Strassen als bei den grossen Demonstrationen im Jahr 1968.
Die Präsentation der immer gleichen Bilder schafft eine verzerrte Ikonographie. Dadurch entsteht eine ungerechtfertigte Männerlastigkeit – die damaligen Medien, und die heutigen sind es anscheinend noch immer, waren Ansicht, Revolutionäre müssten Männer sein. Ausnahmen waren gewaltbereite Frauen wie Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin.
Als photographischer Chronist der Zeit gilt Michael Ruetz. Sein Bildband „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht sehen“ – APO Berlin 1966 – 1969. (Zweitausendeins, Frankfurt/M., 1980) legt ein anderes Zeugnis ab. Schon auf dem Titelbild sind drei Frauen zu sehen, die von Polizisten abgeführt werden. Dass aber auch in dem Bildband von Ruetz insgesamt mehr Männer als Frauen zu sehen sind, hat zwei simple Ursachen.
Erstens studierten zu jener Zeit deutlich weniger Frauen und zweitens verblieben selbst studierende Frauen anfangs noch in der traditionellen Geschlechterrolle. Sie agierten eher im Hintergrund, indem sie beispielsweise Flugblätter tippten, die „müden Revolutionäre“ nach deren Demos ernährten etc.. Sehr schnell änderten sie jedoch das traditionelle Rollenverständnis. Männer kümmerten sich vermehrt um die Kinder oder halfen im Haushalt. Daraus entstanden in den folgenden Jahren veränderte Familienstrukturen, z.B. Kinderläden, familiäre Wohngemeinschaften.
Die positiven Folgen der immensen medialen Aufmerksamkeit, die (heute) mit dem Jahr 1968 verbunden werden, sind die schichtenübergreifenden Emanzipationsgewinne gegenüber der jeweils herrschenden Klasse in vielen sozialen Bereichen. Und ein nicht zu unterschätzender Demokratisierungsgewinn zeigt sich in der Entstehung und Entwicklung der Bürgeriniativen.

Die Legende von den studierenden Kindern, die ihre Eltern mit deren Nazivergangenheiten konfrontierten, wird weit überbewertet. Es gab einige wenige berühmte Ausnahmen. Stelvertretend sei Bernward Vesper genannt, der Sohn des obersten Naziliteraturkritikers und Dichters Will Vesper, machte den Vater-Sohn-Konflikt in seinem Romanessay „Die Reise“ (März bei Zweitausendeins, Frankfurt, 1977) öffentlich.  Beim grossen Rest herrschte vermutlich Schweigen zu diesem Thema, denn die Eltern finanzierten schliesslich das Studium und die Studentenbude ihrer Sprösslinge
Soviel zu diesem Thema. Ich muss mir selbst einzelne Punkte gelegentlich korrigierend bewusst machen. Zu stark ist die macht der plattmachenden Vereinfachung.

Der Himmel draussen ist stahlblau. An diesem sechsten Mai zweitausendachtzehn. Wozu die vergangenen Wege fremder Menschen nachgehen? Sich ansehen, was übrig geblieben ist von ihnen. Von ihren Werken.
Komm, nimm´ Deine Sense und pack´uns eine Futterlischke. Ich habe schon einiges Werkzeug verstaut. Wenn wir bald losfahren können wir schon Morgen beginnen. Im Garten von Forni Cerato.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Frühlingswoche.

(Zwei aktuelle Photographien, den obigen Beitrag illustrierend. Anklicken und gross gugge)

 

 

 

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Es ist soweit, dass es wieder soweit ist

Turbulente Winterendzeiten. Stürmisch genug wars ja in den letzten Tagen. Vielleicht deshalb wechseln sich hier zwei sehr unterschiedliche Musikalartisten ab in den Lautsprecherboxen: Erja Lyytinen – Stolen Hearts (2017) und Hannes Wader – Kleines Testament (1976)…

Es stimmt, ich schreibe weniger. Die Erklärungen sind ebenso einfach wie schlicht.
Die schönen Erlebnisse teile ich gerne mündlich mit und die alltäglichen sind hier kaum angemessen zu veröffentlichen. Weil ich gegen die politische Korrektheit verstossen würde mit dem, was ich verbreiten möchte. Und die darauf einsetzenden Reaktionen (die ich im kleinen Ausbrüchen bereits erleben durfte) möchte ich mir und den (politisch korrekt sich geben wollenden) Reaktoren und Reakteusen ersparen.
Diese sogenannte politische Korrektheit ist meiner Meinung nach ein ebenso brachiales wie primitives Machtinstrument. Ein Zensur- und Kommunikationstotschlaginstrument. Kommt scheinbar harmlos daher, verkleidet als Menschlichkeit und dient denen, die über die entsprechende Bezeichnungsmacht verfügen, lediglich zur persönlichen Vorteilsnahme.
Damals wurde der Begriff noch nicht verwendet. Aber der kleine (leicht hinkende) Mann im Ledermantel und den zurückgekämmten Haaren, der würde diesen Begriff heutzutage virtuos handhaben.
Meiner Beobachtung und Überzeugung nach ist die seit einigen Jahren propagierte politische Korrektheit lediglich die perfide schleichende Vorbereitung zu einem Faschimus durch die Hintertür. Auf diese Weise kann man inzwischen wieder Menschen kaltstellen, die ihre Meinung frei äussern.
Die „politisch Korrekten“, die ich in den letzten Jahren persönlich kennenlernen und zeitweise ertragen musste, waren im Grunde meist unglückliche Menschen. Kleinbürger der übleren Sorte. Hinterhältig auf der Suche nach Macht, Geld oder Liebe. Und dies je nach Mangel und Befinden in allen möglichen Kombinationen.
Dennoch erkennbar immer irgendwie auf dem Weg dorthin, wo das Unglück schon auf sie wartet. Aber wenn die entsprechenden Themen zur Sprache kommen, flackert es irre in ihren Augen. Und der ätzende Dunst ihrer kleinlichen Machtgelüste wabert durch den Raum.
Dass ich so falsch nicht liege mit meiner Einschätzung, zeigt sich an den Erfolgen einer Partei, die bis auf die geschäftstüchtigen Führer keiner mag, ausser ihren Wählern versteht sich. Dass es den Führern dieser Partei um ihre eigenen Geschäfte geht, ist den Wählern dabei egal. Sie kommen ihre eigene Schau.
Mir ist all das nicht gleichgültig. Denn ich sehe, dass die Wähler unter anderem dadurch angelockt werden, weil die Führer dieser Partei fast täglich gegen politische Korrektheiten verstossen. Das gefällt vielen Menschen. Denn es wird ihnen aus den Herzen gesprochen. So sehr leider, dass der Kopf einschläft dabei.
Ich würde auch öfter gerne gegen so manche politische Korrektheit verstossen. Aber ich möchte weder mit den Führern dieser Partei noch mit denen, die sie wählen verwechselt oder gar in einen Topf geworfen werden. Ich jammere nicht, den diesbezüglichen verbalen Maulkorb habe ich mir selbst angeschnallt.
Aber zu meinem ganz grossen Glück gehört eben auch, dass ich mehr Zeit mit persönlichen Gesprächen verbringe. Und da gibt es keine Maulkörbe. Die Themen werden sachlich und fundiert besprochen und diskutiert.

Gerade singt Hannes Wader wieder. Das war eine Freude seinerzeit, als der Tankerkönig auf dem Kleinen Testament eine Fortsetzung fand. Der Putsch (Tankerkönig Teil 2). Daraus stammt die folgende Pasage. Ein zweiundvierzigjähriger Zeitsprung – es ist wieder soweit.

„Der Mann war klein, mager, mit zurückgekämmten Haaren und trug einen dunklen Ledermantel. Wie er da so stand, schien er mir irgendwie unvollständig, wie verkrüppelt –
Bis ich darauf kam, dass der Typ Mensch niemals ohne Schäferhund bei Fuß und Hundepeitsche in der Hand vorkommt.
Und richtig! – Der Mann pfiff leise durch die Zähne, da kroch auch schon ein riesiger Schäferhund unter dem Sofa vor, mit einer Hundepeitsche zwischen den Zähnen.
Das Hinterteil eingeknickt wie bei einer Hyäne, rutsche er winselnd auf dem Boden entlang und legte seinem Herrchen die Peitsche  vor die Füße. Und schon begann die Vorstellung! […]
Indem er eine Schallplatte auflegte, erklärte er, der Hund würde uns nun etwas vorsingen. Schon nach den ersten Takten wurde die Melodie von allen erkannt – Es war die Internationale!
Es wurde scharf protestiert, so einen Dreck wolle man hier nicht hören und ähnliches.
Aber der Hundeführer beruhigte die Leute und sagte, sie möchten doch bitte auf den Hund achten.
Das arme Vieh hatte gleich als es den ersten Ton hörte, versucht sich zu verkriechen, klebte aber wie festgefroren am Boden, zitterte am ganzen Leibe, fletschte die Zähne und röchelte nur. Dabei tropfte ihm der Geifer von den Lefzen.
Mit blutunterlaufenen Augen starrte der Hund wie wahnsinnig vor Angst und Hass auf den Plattenspieler.
Dann – als ich dachte, er müsste gleich ersticken vor Entsetzen – hob er plötzlich den Kopf und fing an zu singen. . .
Das heißt, sein ersticktes Röcheln löste sich plötzlich in erbärmlichen Jaultönen. Die Wirkung auf die Zuschauer war gespenstisch!
Wie hypnotisiert glotzten alle auf den Hund. Ich sah, wie sich bei einigen die Nackenhaare sträubten, manche knurrten richtig, verdrehten die Augen, legten die Ohren an und jaulten dann mit gespitzten Mündern gemeinsam mit dem Hund gegen die verhasste Musik an, bis die Platte endlich abgespielt war.
Vollkommen  erschöpft und tief ergriffen soffen sie alle bis zum Morgengrauen weiter und verließen das Haus laut grölend wieder durch das Kellerfenster – obwohl inzwischen jemand die Haustür ausgehängt hatte!
Ich war nun wieder allein mit dem Chef.
Er war äußerst zufrieden mit allem und sagte zu mir: „Hast du die Nummer mit dem Hund gesehen, du Ratte? Sowas nenne ich angewandte Politik!“
Ich fragte, „wieso  angewandte Politik?“
„Na, ganz einfach“, meinte er, „Der Hundeführer quält den Hund mit Elektroschocks und lässt gleichzeitig die Platte laufen. Also richtet der Hund seine ganze Wut gegen die Musik.
Der Hundeführer tritt nur in Erscheinung, um den Hund wieder von seiner Folter zu erlösen, und der leckt ihm auch noch aus Dankbarkeit die Füße! Ich sage Dir, die Menschen sind genau so dämlich wie dieser Köter.
Denk an meine Worte, wenn wir erst an der Macht sind!“             (aus : Hannes Wader – Der Putsch [Tankerkönig II] 1976)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

(Fotografien passend zum Text. Und zum Anklicken zum Grossgugge)

 

 

 

Längst fällige historische Horizonterweiterung

Beim Schreiben lief: The Doors – In Concert (1970). Einige Stücke ziehen noch immer. Aber insgesamt ist die Band überbewertet, besonders Morrisons Texte. Jetzt, damit die Abendruhe einkehrt: Michael W.F. Hensel – Chartres. Mythos der Rose (1992)…

In Hessen werden laut einer Umfrage des Einzelhandelverbands in den nächsten zwei Wochen 8,4 Milliarden Euro für den Kauf von Weihnachtsgeschenken erwartet. An erster Stelle stehen Spielwaren, gefolgt von chemokosmetischen Artikeln. Für ihre Einkäufe geben die Kosumenten durchschnittlich fünfhundert Euros aus.
Letztes Jahr habe ich limitierte Kalender mit meinen Fotografien zum Verkauf angeboten. Im Sinn des Reduktionsprojektes soll es in diesem Jahr jedoch auch anders gehen.
Etliche Bücher, CDS und DVDs sind derzeit unterwegs im Land. Überraschungssendungen für Menschen, von denen ich einige persönlich kenne. Andere kenne ich lediglich wegen der Beiträge ihrer Blogs. Meine Intention ist dabei nicht der Tausch von Waren gegen Geld, sondern die Schaffung (hoffentlich) beiderseitiger Freude. Ich habe einige Informationen über die Empfänger und überlege mir, was ihnen eventuell Freude bereiten könnte. Und meine Freude erblüht von selbst durch die Reduktion meiner Bestände.*
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Eine der positiven Folgen meiner Erziehung zeigt sich darin, dass ich seit meiner Jugend einfachen Antworten auf komplexe Prozesse gegenüber kritisch bin. Komplexe Prozesse haben schliesslich immer mehrere Facetten. Insofern habe ich auf das im Folgenden vorzustellende Buch seit vielen Jahren schon gewartet.

Die Autorin ist Historikerin und lehrt an der Universität Konstanz Neue und Neueste Geschichte. Ihr Anliegen ist die Korrektur weitverbreiteter historischer Irrtümer. Weiterhin stellt sie an zahlreichen Beispielen dar, wie es den Opfern, also überwiegend Frauen im Lauf der Nachkriegsgeschichte bis teilweise in die 1980er Jahre mit den Folgen ihrer Erlebnisse ergangen ist.

In ihrer Untersuchung „Als die Soldaten kamen“ präsentiert die Autorin „das ganze Ausmaß einer menschlichen Tragödie […], die auch in Friedenszeiten noch lange nicht vorbei war.“ Das Buch ist nach einer Einführung in das Thema in fünf Kapitel aufgeteilt.
Im ersten Kapitel wird der zeitliche Rahmen der Geschehnisse umrissen. Die Opfergruppen werden beschrieben. Neu war mir dabei die sexuelle Gewalt gegen Männer (Vergewaltigung als Unterwerfungsritual). Das Kapitel beschliesst Miriam Gebhardt, indem sie ihre verwendeten Methoden vorstellt und dabei auf die Quellenlage verweist und die besondere Vorsicht, die im Umgang mit ihnen geboten ist. Was die Zeitzeuginnen betrifft, so sind die meisten Gesprächspartnerinnen inzwischen hoch betagte Frauen. Und in einigen Jahren wird es keine lebenden Opfer mehr geben. Auch dies einer der Gründe, diese grausamen Ereignisse neuerer Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Im zweiten Kapitel werden die einmarschierenden Armeen aus dem Osten und das Verhalten der Soldaten der Roten Armee dargestellt. Dies geschieht am Beispiel Berlins. Hier wird herausgearbeitet, wie die deutschen Frauen durch Goebbels Propaganda indoktriniert und auf die russischen Untermenschen „vorbereitet“ waren. Da im Verlauf des Krieges durch die immensen Verluste innerhalb der Roten Armee immer neue Soldaten gebraucht worden sind, kamen diese Soldaten immer weiter aus der östlichen UdSSR Osten. Es ist auffällig, dass in den Quellen die Soldaten dunklerer Hautfarbe und asiatisch erscheinendem Aussehen in der negativen Beschreibung der Frauen den schwarzen Soldaten der Alliierten Armeen sehr ähnlich sind.

Im dritten Kapitel werden die Vergewaltigungen der alliierten Armeen, also der Amerikaner, der Briten und der Franzosen am Beispiel Süddeutschlands dargestellt. Über Vergewaltigungen britischer Besatzungssoldaten existieren offensichtlich so gut wie keine Quellen. Das bedeutet leider nicht, dass diese Soldaten sich deutschen Frauen gegenüber menschlicher hätten als ihre alliierten Mitstreiter.
Es ist aufschlussreich, wie unterschiedlich die jeweiligen Armeevorschriften hinsichtlich der Problematik der Fraternisierung waren. Diese haben schon zu einem frühen Zeitpunkt den verschiedenen Entnazifizierungsvorstellungen der Besatzungsmächte entsprochen. Und beeinflussten auch das Verhalten der Soldaten gegenüber der deutschen Bevölkerung. Schon rasch nach der Landung in der Normandie begannen die Massenvergewaltigungen britischer und us-amerikanischer Soldaten an französischen Frauen. Man kann aus dem Text erkennen, dass auf dem Vormarsch der Armeen die Frauen als Gruppe insgesamt ständig grosser Gefahr ausgesetzt waren. Ob siebenjähriges Mädchen oder siebzigjährige Frau, alle waren potentiell gefährdet. Auf deutschem Boden einmarschiert, benahmen sich die französischen Soldaten dann genauso entmenscht wie die anderen Soldaten.

Im vierten Kapitel behandelt Frau Gebhardt die Frage, wie mit den Frauen umgegangen worden ist, die Opfer von Vergewaltigung(en) geworden sind. Es ist kaum verwunderlich, dass von seiten der Besatzungsarmeen kein Interesse bestand, jeden einzelnen Fall zu klären. Das war in vielen Fällen schon deshalb nicht möglich, da sich Soldaten gegenseitig Alibis gegeben haben. Anfangs hatten die deutschen Behörden, allen voran die deutsche Polizei oder Justiz auch garkeine Befugnisse gegen Besatzungssoldaten vorzugehen. Geradezu beschämend ist allerdings, wie nach 1954, also nach Aufhebung des Besatzungstatuts, die deutschen Behörden in ekelhafter Weise deutsche Frauen vielfach abgefertigt haben. Dies war besonders oft der Fall, wenn soziale Unterstützungen beantragt worden sind. Hervorzuheben sind in diesem Kontext auch die Kirchen und die Ärzte, die sich oft besonders widerwärtig verhalten haben, wenn es beispielsweise um den Abbruch unerwünschter Schwangerschaften infolge von Vergewaltigungen ging.

Im abschliessenden fünften Kapitel werden die langzeitigen Folgen dieser massiven Gewalttätigkeite für die betroffenen Frauen aufgezeigt. Kritisch wird auch die deutsche Frauenbewegung beleuchtet, die dem Thema der kollektiven Vergewaltigungen nie eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat.
Im Anhang finden sich Anmerkungen, Quellenhinweise und ein Orts- und Personenregister.

Ich bin der Autorin dankbar für die schwierige und mühselige Recherche nach Fakten und der diffizilen quelllenkritischen Arbeit. Sie räumt auf mit dem hartnäckigen Vorurteil, dass nur die Soldaten der Roten Armee deutschen Frauen Gewalt angetan und obendrei noch geplündert hätten. Wie hätte ein einfacher russsicher Soldat seine „Kriegsbeute“ denn bei dem Vormarsch auf Berlin transportieren sollen? Und in der DDR wurde von Anfang viel unternommen, um den Umgang der deutschen Bevölkerung mit der Besatzungsarmee zu verhindern.
Dass sich das Vorurteil gegen die russichen Soldaten so hartnäckig hält, hängt unter anderem damit zusammen, dass die Vertriebenenverbände damit schon früh eine ertragreiche Politik gemacht haben. Und die einzige frühe Untersuchung zum Thema der Vergewaltigung deutscher Frauen gab ein Vertriebenenverband in Auftrag. Überdies nutzte dieses, im Lauf der Zeit ins Absurde gesteigerte, Feindbild der regierenden CDU, die unter ihrem Kanzler Adenauer unbedingt ein westliches Bündnis, die Wiederbewaffnung und damit natürlich auch den eigenen Machterhalt anstrebte.
Dass us-amerikanische Soldaten ebenso wenig zimperlich waren (und sind) wie andere Militärpersonen auch, ist nicht verwunderlich. Erschreckt hat mich aber doch das Ausmass us-amerikanischer Gewalt an der gesamten deutschen Bevölkerung. Die Herrschenden in BRD und DDR waren sich gleich in ihren Lobgesängen auf ihre Befreier. Die tatsächlichen Befreier vom Joch des Naziregimes waren allerdings die Soldaten der Roten Armee, die Berlin zu Fall brachten. Mit geschätzen 20 Millionen Opfern trugen sie die Hauptlast der Toten insgesamt. Ein besonderer Fakt ist die Faszination, die us-amerikanische Soldaten auf Menschen in ihrer Besatzungszone ausübten. Schokolade, Kaugummi oder Zigaretten waren in jenen Zeiten materieller Kümmernis eine gewaltige Verführung. Und die oft beschriebene Lässigkeit der Boys tat ein Übriges. Nicht selten wurden einer deutschen Frau nach erfolgter Vergewaltigung einige Zigaretten auf den Tisch gelegt oder ein Täfelchen Schokolade. Als Entschädigung quasi. Aus diesem Umgang hatten es die Frauen besonders schwer, Klage zu erheben. Es muss den meisten von ihnen unterstellt worden sein, sich nicht genug gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr gesetzt zu haben.

„Als die Soldaten kamen“ von Miriam Gebhardt stand längere Zeit auf den Bestsellerlisten. Das liegt am Thema und eventuell auch daran, dass es gut lesbar geschrieben ist und nicht in trockenem Historikerdeutsch daherkommt. Die Besprechungen waren entsprechend durchweg  positiv, egal ob von Rezensenten oder Rezensentinnen.
Neben neuen Fakten ist mir vor allem eines wieder deutlich vor Augen geführt worden. Geschichtsschreibung ist die Deutungsmacht der Herrschenden. Die historische Vielfalt wird in diesem Sinn eingeengt für die Interessen einiger Weniger.
Weiterhin muss es immer wieder klar ausgesprochen werden, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland angefangen worden ist. Das Regime erhielt bei den beiden letzten freien Wahlen 1932 jeweils deutliche Mehrheiten durch die Stimmen der Wahlberechtigten. Schätzungsweise fünfundfünfzig Millionen Tote und zahllose Frauen, die massive Massenvergewaltigungen erleiden mussten (und teilweise nicht überlebten) als ein Teil unermesslichen Leids sind das Ergebnis dieser Wahlergebnisse.

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2015. 351S.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erkenntnisfreudiges Wochenende.

* Wenn Sie auch gerne einen Umschlag mit einer Trouvaille aus den Ärmelsammelsurien zugesendet haben möchten, dann schreiben Sie mir gerne einige Zeilen dahingehend. Meine Mailadresse findet sich oben auf der Seite unter copyright. Sie machen mir eine Freude.

 

 

Wir fahrn fahrn fahrn … (alles nur ein Traum!)

Eine meiner ewigen Lieblingsbands. Paul Thompson, Phil Mazanera, Andy Mackay und Bryan Ferry. Von den zusätzlichen Musikanten hat mich die einmalige Lucy Wilkins (syn, vio.) am meisten beeindruckt. Sie ersetzt Brian Eno erstaunlich gut. Das letzte Konzert einer Wiedervereinigungstour wurde als DVD veröffentlicht. Also horsche und gugge: Roxy Music – Live at the Apollo (2.10.2001)…

Jamaika liegt nun mal nicht in Deutschland. Deutschland spiegelt sich auf der Autobahn. Im Rahmen eines Projektes bewege ich mich derzeit täglich auf dem Asphalt. Höre dabei sporadisch den Verkehrsfunk. Die Verhältnisse ändern sich in Minutenschnelle. Eben noch freie Fahrt und jetzt steht der vielgliedrige Blechundplastikdrache kilometerlang. Und die Meldung, „Achtung Autofahrer: auf der A… bei Kilometer … liegt eine Palette auf der linken Fahrspur. Fahren Sie dort bitte besonders vorsichtig.“

In den Heckscheiben ist eine neue Erscheinung zu bewundern.Nach all den Aufklebern mit Kindernamen on board sitzt nun  Opa Ernst am Steuer. Oder Omi Renate am Lenkrad. Vielleicht ist das bloss eine gut gemeinte Warnung.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… liegt ein Wildschein auf der Fahrbahn.“
Ich bezweifle, dass Neuwahlen die Verhältnisse im Land erneuern werden.

Die Hoffnungslosigkeit der Autofahrer zeigt sich unter anderem auch darin, nicht dem Verkehrsfluss entsprechend so zügig zu fahren wie es möglich wäre. Sie lassen sich auf der mittleren Spur bei Tempo 80 rechts überholen von den LKWs, die mit Tempo neunzig unterwegs sind.
„Auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … kam ein LKW ins Schleudern und hat die Mittelleitplanke durchbrochen.“

Seit wann ist es zulässig, dass die Lastwagenfahrer auf dem Standstreifen ihre Ruhepausen verbringen?
Ich bezweifle, dass die Wahlberechtigten sich bei möglichen Neuwahlen anders verhalten würden als im alltäglichen Strassenverkehr. Im Radio die Nachricht, dass die Sparte Güterverkehr der Deutschen Bahn ordentliche Gewinne eingefahren hat. Man denke über die Erweiterung des Streckennetzes nach. (Obwohl es seit Jahren Zug um Zug abgebaut wird.)
„Achtung Autofahrer, auf der A… kommt Ihnen ein Fahrzeug entgegen. Fahren Sie äusserst rechts und überholen Sie nicht. Wir informieren Sie, sobald die Gefahr vorüber ist.“

Parkplätze überhaupt. Werden Gerüchten zufolge demnächst in LKW Stellplätze umbenannt. Ich verspüre ein dringendes Bedürfnis. Da vorn, ein Parkplatz mit Toilette. Rücksichtslose LKW Fahrer. Die Einfahrt kreuz und quer zugestellt. Dann halt der nächste Parkplatz. Der Druck steigt merklich. Die Einfahrt ist von einem LKW Fahrer blockiert. Der nächste Parkplatz muss es sein. Beckenbodenübungen. Auch dieser Parkplatz ist dicht. LKWs stehen zurück bis auf den Standstreifen. Ich nehme die nächste reguläre Abfahrt. Erlösung. Keine LKWs. Und ein Gebüsch.
„Guten Morgen, es ist 6:45. Die A… bleibt nach einem schweren LKW Unfall zwischen … und … bis auf weiteres in beiden Richtungen gesperrt. Bitte umfahren Sie diesen Bereich grossräumig. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“
Vier LKWs und zwei oder drei PKWs sind sich im Baustellenbereich zu nahe gekommen. Zwei LKW Fahrer haben die Kollision nicht überlebt. Die überaus wichtige Nord-Süd-Verbindung blieb bis zum Abend gesperrt.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung… liegt ein Küchenschrank auf der Fahrbahn.“ 

Im Anfahren und Abbremsen in der Lawine kann man bestimmte wiederkehrende Verhaltensweisen erkennen. Ich sitze erhöht im Fahrzeug und nehme staunend wahr, wieviele Verkehrsteilnehmer auf ihren Handfesseln rumwischen. Bei manchen trifft der Begriff Verkehrsteilnehmer eigentlich garnicht mehr zu. Die schwimmen längst in einem Parallelkosmos. „Achtung Autofahrer, auf der A… befindet sich ein Auspuff auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befindet sich radfahrendes Kind auf dem Seitenstreifen. Fahren Sie bitte äusserst vorsichtig.“
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Höhe der Anschlussstelle … sind mehrere Jogger unterwegs.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … schieben mehrere Personen ein Fahrzeug auf der Standspur.“ In den alten WG Zeiten haben wir öfter mal gemeinsam einen 2CV, einen Käfer oder einen R4 geschoben. Heute scheinen alle Autos allzeit und immer zu fahrbereit zu sein.
„Achtung Autofahrer, auf der A… in Richtung steht ein defekter LKW in der Baustelle. Zur Zeit fünf Kilometer Stau. Sie müssen derzeit etwa fünfundvierzig Minuten mehr einplanen.“ Wer errechnet auf welcher Grundlage die zusätzlich benötigten Zeiten? Wo immer ich selbst davon betroffen war und eine solche Meldung hörte, die Zeiten haben nie gestimmt. Ob sich hier in diesem Land in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Von der Politik wohl kaum.

Der Anfang des Jahres sogenannte Schulzeffekt war das kollektiv erlösende Aufatmen über den Rückzug des Herrn Gabriel. Nach der beeindruckenden Wahlschlappe hat der Kleinstadtbürgermeister Schulz in der Berliner Runde seine Grenzen deutlich erkennen lassen.
Und nun nach den geplatzten Gesprächen zu einer möglichen Regierungsbildung scharren die Emporwollenden in den zweiten Reihen mit den Füssen. Merkel weg, Schulz weg. Das ergäbe Möglichkeiten. Nein, nicht zum Politikwechsel. Für neue Karrieren. Aber die Nochkanzlerin hat bereits ihre neuerliche Kandidatur über die Medien bekanntgeben lassen.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … liegt eine Stossstange auf der Fahrbahn.“

„Achtung Autofahrer, auf der A… liegen zwei Wildschweine auf der Fahrbahn.“ Nein, das ist weder eine versehentliche Wiederholung noch sind die Durchsagen Erfindungen meinerseits. Alle Meldungen sind wörtliche Zitate. Aufgeschnappt und notiert während zwei Wochen unterwegs im Verkehrswahnsinn. Nicht gezählt habe ich die zahlreichen Reifenreste, die zur Zeit der Meldungen undefinierten Gegenstände und die Holz- oder Metallteile. Nicht zu vergessen die vielen defekten LKWs.
Soeben vernehme die letzte Meldung bevor ich das Fahrzeug verlasse.
„Achtung Autofahrer, auf der A… zwischen … und … befinden sich Steinewerfer am Fahrbahnrand. Fahren Sie äusserst vorsichtig. Wir informieren Sie selbstverständlich, sobald die Gefahr vorüber ist.“
Der Bundespräsident will sich heute mit den jamaikanischen Verhandlungsführern treffen. Und die nachmittäglichen zähflüssigen Verkehrsströme treffen so sicher ein wie das Amen in der Kirche. Vielleicht birgt der absehbare Verkehrsinfarkt die Erlösung in sich. Das wäre dann eine wirkliche Veränderung.

Pendler, die jeden Tag aus den umliegenden Mittelgebirgen bis zu zweihundert Kilometer zwischen ihrem Heim und der Arbeitsstelle zurücklegen. Mir hat einmal ein Bekannter erklärt, warum er das auf sich nimmt. Das erwünschte Haus hätte er sich in der Nähe seines Arbeitsplatzes nicht erlauben können. Fast wäre ich auf sein Argument reingefallen. Ich rechnete mal über den Daumen kurz hoch. Zehn Jahre Kredit für ein Haus abzahlen. Und was in dieser Zeit der erhöhte Fahrzeugverschleiss kostet, wie der verbrauchte Kraftstoff zu Buch schlägt. Und die Lebenszeit. Die masslose Verschwendung an Lebenszeit.
„Achtung Autofahrer: auf der A… in Richtung… befinden sich Pferde auf der Fahrbahn.“
Dass vor den Wahlen alle Parteien die Zukunft des Verbennungsmotors zusicherten war zumindest auffällig. In fünfundzwanzig Jahren wird es den privaten Autoverkehr, zumindest wie wir ihn kennen und gewohnt sind, ohnehin nicht mehr geben. Aber noch ist angeblich jeder dritte Arbeitsplatz in diesem Land direkt oder indirekt mit der Automobilindustrie verbunden. Und was die Politik nicht verändernd anpackt, das wird die Automobilindustrie für uns zu ihrem Gewinn richten.
„Guten Abend liebe Hörer, es ist 22:30 und die gute Nachricht zuerst: die Stauampel zeigt auf Grün.“

(Die Fotografien sind an der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt aufgenommen. Dort befindet sich das Mahnmal und der Gedenkstein für Bernd Rosemeyer. Der wurde 1938 bei einem Weltrekordversuch bei etwa 430 Kmh von einer Windbö erfasst und aus seinem Rennwagen geschleudert. Er war sofort tot.)

 

Dringende Ostwest Reduktion

Schlicht und dennoch ergreifend: Flogging Molly – Life Is Good (2017)…

Erst die Bundestagswahlen und nun auch noch der Tag der Einheit. Harte Kost in mageren Zeiten. Die Erklärungstheoretiker haben Hochkonjunktur. Rechtsradikale Partei und der Osten des Landes. Was da manchmal recherchiert und interpretiert und schlussendlich publiziert wird, kann einem den letzten Rest von Glauben an das Gemeinwesen Deutschland rauben.

„Ach, jetzt auch Sie, Herr Ärmel? Es hätte ja verwundert, wenn Sie dazu nicht auch noch etwas zu schreiben hätten.“
„Ich hätte es mir gut sparen können. Aber was in den verschiedenen Medien verbreitet wird, was in manchen Blogs geschrieben und kommentiert wird, es ist oft haarsträubend. Und geht noch häufiger an der Realität vorbei. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich motiviert. Ihr persönlicher Eigennutz, das politische Kalkül oder die pauschalisierende Schuldzuweisung sind in fast jedem Fall ebenso nachvollziehbar wie vordergründig durchsichtig.“

Die Pressekonferenz mit Herrn Schabowski, wie auch die später erfolgte Maueröffnung erlebte ich am Fernsehgerät. Die Tragweite der Rede Schabowskis erkannte ich im ersten Moment garnicht. Bei den Szenen der Maueröffnung trieb es mir Tränen in die Augen.
Ich beschäftigte mich zur Zeit der sogenannten Wiedervereinigung mit der Geschichte der deutschen Teilung. Die Worte des damaligen Bundeskanzlers hinsichtlich der Zukunft zeigten mir in diesem Kontext einen bis ins Mark verlogenen und verkommenen Politiker.

Drei Tage nach der Grenzöffnung besuchte ich das vormalige Haus von Johann Sebastian Bach in Eisenach. Ich nahm dort eine seltsame Stimmung wahr. Der Kommandoton der Aufsichtspersonen, den ich von früheren Grenzübertritten kannte, er passte so garnicht zum Verhalten der Museumsbesucher aus dem angrenzenden westlichen Ausland. Durch dieses Erlebnis wurde mein Interesse für das zukünftige Zusammenwachsen der beiden deutschen Teilstaaten geweckt. Und es hat sich seitdem noch weiter intensiviert.

Die folgenden Anmerkungen beruhen lediglich auf meinen eigenen Erfahrungen. Das sind meine Erlebnisse und Gespräche mit Menschen in Ost und West, mit mir bekannten oder bis dahin unbekannten Privatleuten und Zeitzeugen für verschiedene kulturwissenschaftliche Arbeiten. Also keine interessegestützten Statistiken, keine soziologischen Abstraktrusitäten oder Meinungen nur so vom Hörensagen.

Die Wiedervereinigung war ein ausschliesslich politischer Prozess, der von mächtigen, wirtschaftlich tätigen Akteuren sofort zu eigenützigen Profitinteressen genutzt worden ist. Die politischen Akteure griffen nicht regelnd im Sinn der Menschen ein. Soziale Komponenten waren sowohl für die Menschen drüben wie hüben nachrangig. Eine Rücksichtnahme auf die beiden Bevölkerungen fand nicht statt.
– Meine grösste Enttäuschung war das erste Wahlergebnis in den östlichen Bundesländern. Mehrheitlich die Partei zu wählen, die den Kahlschlag in der vormaligen DDR in Gang setzte; ich habe es bis heute nur ansatzweise begriffen.
– Bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen herrscht auch siebenundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung relativ wenig wirkliches Wissen über das Alltagsleben im jeweils anderen Teil des Landes. Im Westen ist es Desinteresse und gesteuerte Desinformation. Im Osten das Halbwissen des Nachbarn hinterm Gartenzaun. Wenn man sich aber zusammensetzt und sich mit Interesse austauscht, wird man zahlreiche Missverständnisse finden und aufklären. Das führt abwechselnd manchmal zu Lachen oder ungläubigem Staunen..
Die DDR gab es ebensowenig wie es die BRD gab. Es gibt Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Dies zeigt sich in der Infrastruktur, in der Versorgung und letztlich auch im kulturellen Habitus.
– Die meisten Menschen in den neuen Bundesländern sind Wendegewinner. Viele Rentner sind durchschnittlich besser gestellt. Ein Instrument wie die Witwenrente beispielsweise gab es in der DDR nie. Viele Handwerker sind zu nennen, die sich selbstständig gemacht haben und nicht gleich mehr Geld ausgaben als sie einnahmen. Sie sind Gewinner geblieben.
– Die vielgepriesene Reisefreiheit des Westens, wer konnte sie so uneingeschränkt nutzen, wie sie angepriesen worden ist? Und die vollen Regale allüberall. Klar, es gab fast alles. Aber wer konnte sich die vielen Dinge denn auf Dauer wirklich leisten? Kredite sind limitiert und die Schuldenberater hier wie dort sprechen eine eindeutige Sprache. Die Banken hielten und halten die Zügel fest in der Hand.
– Wer sich die Mühe macht, in drei, vier grossen Zeitungen, etwa die FAZ, Süddeutsche oder Die Zeit auf die Verwendung von wertenden Adjektiven in Meldungen und Berichten über die östlichen Landesteile hin zu untersuchen, dem können die Augen übergehen. Es ist die noch immer andauernde subtile Abwertung des Ostens.
– Die Bilanz ist jedenfalls besser, als sie tagein tagaus dargestellt wird. Die sogenannten „abgehängten“ Menschen gibt es im ganzen Bundesgebiet. Die gab es vorher in den beiden deutschen Staaten ebenso. Nur, dass sie in der ehemaligen DDR weniger auffielen. Und diejenigen Menschen, die versuchen auf dem einfachsten Weg durchzukommen, die hatten es durch die Arbeitsprozesse in der DDR tatsächlich einfacher. Verlierer sind natürlich auch die Menschen, deren Berufe in enger Berührung zum Staat ausgeführt worden sind. Militärs und Polizisten kommen in wechselnden Systemen immer wieder überraschend schnell unter, da wird nicht so genau hingeschaut. Anders bei den Berufen, die ebenfalls ihre Staatstreue bezeugen müssen.

Meine bisherigen Erkenntnisse zeigen mir, dass die Wiedervereinigung mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht hat. Auch beim vielberufenen Gejammer über die „Zustände im Land“ ist das deutsche Volk weitgehend zusammengewachsen. Dass die Bevölkerung im Osten andere Vergangenheiten betrauert als die Bevölkerung im Westen versteht sich. Aber was den Konsum privater Haushalte betrifft, so wird gesamtdeutsch gekauft, was noch irgendwohin passt und was die Banken an Krediten vergeben.

Dies sind nur einige Beispiele aus meinen privaten Erfahrungen. Sie sind somit subjektiv und willkürlich ausgewählt. Freudig nehme ich aber wahr, dass es nicht wenige andere Menschen mit viel Interesse und gutem Willen gibt, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen hinsichtlich der angeblich in vielen Bereichen noch immer andauernden Teilung in Ost und West. Die imaginäre Teilung ist politisch und wirtschaftlich motiviert. Wo Teilung herrscht entsteht keine Solidarität. Umso bedauerlicher, dass viele Menschen sich selbst und freiwillig vor den Karren dieser Interessen spannen, die vom Virus der Teilung gut herrschen können und noch bessere Geschäfte machen. Und der Besserossi ist keinen Deut besser als der Besserwessi und umgekehrt.

Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde. Und was man wahrscheinlich erst so richtig einschätzen kann, wenn man in einem der vielen anderen Länder irgendwo auf der Erde gelebt und gearbeitet hat, ist den meisten Deutschen, und vielleicht besonders denen im Osten, garnicht bewusst. Wir haben eine Verfassungsgerichtsbarkeit, die jeden einzelnen Menschen  vor der Willkür des Staates und seiner Organe, zumindest weitestgehend, schützt. Das, finde ich, ist neben den individuellen materiellen Möglichkeiten allemal das höhere Gut. Und das menschlich Verbindende ist grundsätzlich heilsamer als das Trennende.

(Ein Foto aus dem Archiv)

 

Die Reduktion der sogenannten bürgerlichen Mitte

Am vergangenen Wochenende wiederentdeckt: Frank Zappa – Hot Rats (1969)…

Das wahlberechtigte Volk hat gewählt. Ich auch. Und jetzt fragen sich viele, wer denn wohl der drittstärksten Partei seine Stimme gegeben haben mag. Ich nicht. Aber eigentlich, versteht sich, ist das doch fast jedem klar. Andererseits aber eben doch nicht, denn von den derzeit vorliegenden Statistiken wird fast jede dieser Spekulationen widerlegt.
Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich habe sowieso andere Fragen. Wer beispielsweise, der einigermassen sehenden Auges in die eigene Zukunft oder die seiner Kinder schaut, hat mit seiner Stimmmacht die Wiederauferstehung dieser allerüberflüssigsten gelben Partei ermöglicht? Denen Europa im hinteren unteren Süden vorbeigeht; die sich nichts sehnlicher wünscht als die Wiederkehr des wirtschaftsfeudalen Mittelalters. Denn dieses Ziel haben sie neben anderen in ihrem Wahlprogramm versprochen.

Von den Grünen kann man schweigen, denn deren Eliten arbeiten bekanntlich seit einigen Jahren bereits dafür, mit der Fähigkeit des Chamäleons endlich den eigenen Vorteilen zuliebe nach Belieben und Nutzen von grün zu gelb changieren zu können.
Bleibt die SPD mit ihrem Herrn Schulz. Ja dem, der mächtig retuschiert mit den eisblaukalten Augen von den Wahlplakaten stierte. Wer die Berliner Runde verfolgt und ihm zugehört hat, der weiss wie beleidigte Charaktere als Verlierer keifen und nachtreten können. Und vorgestern verkündete er im Seeheimer Kreis der SPD, dass man bei den nächsten Bundestagswahlen mindestens 40% holen werde. Dass manchen Sitzungsteilnehmern die Luft aus den schon vorher mächtig aufgeblasenen Backen entwichen ist, wen wunderts. In Sachsen, einst eine der Hochburgen der SPD gibt es Wahlkreise, da erreichte diese Partei nicht mal mehr 10%.
Ich fragte mich seinerzeit, warum der Mann, der als Präsident des Europäischen Parlamentes weit über eine Viertelmillion Euro im Jahr verdient (ohne Sonderzulagen versteht sich), warum der sich als Kanzler mit gerademal der Hälfte zufrieden geben will. Aber spätestens nach seinen beleidigten Reaktionen wurde es mir klarer. Der wollte ja ursprünglich Kommissionspräsident werden. Hat aber nicht hingehauen, den Posten hat sich Jean-Claude Duncker geschnappt. Manche Stimme lassen verlauten, dass er schon als Parlamentspräsident hoffnungslos überfordert gewesen sei. Aber Macht will mehr Macht. Vielleicht sollte der ehemalige Bürgermeister einer kleinen Stadt mit 38.962 Einwohnern (nach dem Stand vom 31.12.2015) wie der vielberufene Schuster bei seinem Leisten bleiben. Derzeit laufen schon Wetten, ob er im November überhaupt noch Chef der SPD bleiben wird.
Sodann ein Bundespräsident, der öffentlich allen Ernstes feststellte, dass „die Statik der Demokratie“ in diesem unseren Land nicht mehr stimmen würde. Und dass man erforschen müsse, was die Menschen so missmutig stimme. Hinter welchen Monden hat dieser Mensch in den letzten Jahren eigentlich gelebt? Seine Partei hat unter dem verhalten wohlgefallenen Nicken von CDU und FDP dem Sozialstaat endgültig den Garaus gemacht. Als Erstwähler damals vor Jahrzehnten bewunderten wir Willy Brandt und stimmten für seine SPD. Doch wie verkommen ist diese Partei inzwischen. Was ist geblieben vom Gothaer Programm oder gar vom Erfurter Programm? Ob diese Programme, ausser dem Namen nach, noch jemand kennt in der SPD?

Die Parteien an den Rändern legen zu, denn die Mitte unserer Gesellschaft ist weggebrochen. Gegen Ende der Weimarer Republik begann ein ähnlicher Prozess. Das Problem der Spaltung der Gesellschaft jedoch ist nicht das ewig bedauerte Wegbrechen der Mittelschicht, sondern die generelle Krise und der Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Angeheizt wird der beschleunigte Verfall durch den kranken Glauben an ein ewiges wirtschaftliches Wachstum. Fast jeder Mensch glaubt an das unausgesetzte Wachstum, weil es ihm vorgaukelt, er hätte die gleiche Chance wie die ewigen Gewinner. Hat er aber nicht. Und letztendlich fühlt es die Seele eines gesunden Menschen, dass wirtschaftliches Wachstum (oder mehr Wohlstand) nicht das Gleiche ist wie das Wachstum der eigenen Persönlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaftsform ist dabei das eigentliche Problem. Gerade mal zweihundert Jahre alt, hat sie, wie keine der früheren Gesellschaftsformen, unsere Erde und die Menschheit an den Abgrund gewirtschaftet.

Die Globalisierung ist reduziert auf rein wirtschaftliche Prozesse. Kolonisation mit anderen Mitteln als noch vor Jahrhunderten. Geschickter aber auch perfider. Rücksichtlose Ressourcenausbeutung. Privatisierung des Trinkwassers. Beispielsweise sind die Bodenschätze in Syrien längst verhökert – für prosperierende Geschäfte in der Zeit „danach“.
In unseren Breiten zum Beispiel ist das die knallharte und unmenschliche Ausbeutung der Arbeitskraft und Entrechtung der Arbeitnehmer. Und zwar in allen Etagen der Hierarchien. In allen? Nein, die Eliten sind davon selbstverständlich ausgenommen. Neben denen sind die Gewinner dieses sterbenden Systems seit Jahren nur die Eigentümer von Aktien und Schuldverschreibungen. Dem Rest der Menschen, im Grunde genommen die Milliarden Habenichtse rund um den Globus, wird nach Belieben mit Verarmung gedroht oder einfach das Geld entwertet. Und dies nicht bloss auf inflationären Wegen.
In Deutschland merkt man das erst jetzt ganz sanft. Einschnitte ins soziale Netz spüren die meisten Menschen hier noch garnicht am eigenen Leib. Das wird erst in den nächsten Jahren noch kommen. Stichwort Rentnerarmut. Aber das ist bloss der Anfang. Die Menschen werden jedoch medial schon dafür vorgeknetet. Damit man sie, wenn es dann soweit ist, leichter formen kann.
Und wie das mit den Menschen in unserem Land konkret veranstaltet wird, kann man am Programm und den Einschaltquoten der privaten Fernsehsender sehen und auf den meisten Radiosendern hören. Eine tagtäglich erbärmliche Wiederholung der stetigen Niveauabsenkung. Gezielte und gesteuerte Hirnerweichung und Seelenverbiegung.
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(Ich weiss zwar nicht, wer trommeln wird, gepfiffen jedoch wird bereits)