Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Auch das Schlechte lässt sich weiter steigern

Wer weiss woran es liegen mag. Vielleicht weil man als Sehmann den Anfang des 121. Psalms kennen kann („Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“). Mag sein, dass der Auslöser ein Musikstück gewesen ist. David Bowie singt „This is not America“: Zu hören ist das Lied auf: Pat Metheny – Falcon and the Snowman (1985) …

Sicher ist dagegen, dass seit der Privatisierung der ehemaligen Deutschen Bundesbahn ein Netzwerk von Privatbahnen entstanden ist. Überaus wichtige Arbeitsplätze sind dadurch geschaffen worden. Für Geschäftsführer mit Firmenwagen, Marketingspezialisten und Softwarespieler. Das alles verschlingt viel Geld. Eines der Ziele scheint dabei die Abschaffung des Service zu sein. Zuspätkommen und Ausfallen von Zügen als letztes Abenteuer auf Reisen für weitgehend entrechtete Kunden und Passagiere.
Ich benutzte eine bestimmte Zugverbindung in diesem Jahr bereits mehrmals. Die private Zulieferbahn für den Intercity kommt dabei regelmässig zu spät.
Der freundliche Mitarbeiter im Reisezentrum der Bahn schreibt mir mein Ticket um. Regulär gebucht, ist diese aktualisierte Verbindung sechsmal teurer als meine ursprünglich gekaufte Fahrkarte. Und eine Stunde weniger dauert die Fahrt obendrein. So viel Glück verdient ein Bahnkunde nicht. Dass ich entgegen der Fahrtrichtung sitzen muss ist da nur ein gerechter Ausgleich. Dabei traue ich der Vorsehung mehr als den Rückblicken. Da beim letzten Umstieg die regionale Bahn heute wieder eine Verspätung von einer halben Stunde hat… Alles, wie wir Reisende es inzwischen still grollend hinnehmen. Aber ganz ehrlich. Wir alle wollen es doch so: immer mehr reisen für immer weniger Geld.

Aber was nutzen all diese Betrachtungen? Reisen mit der Bahn ist zu einem Lotteriespiel mit der Zeit verkommen. Gerade, ungerade, rot oder schwarz. Billigpreise und Verspätungen. Schienenroulette und Black Jack auf zugigen Bahnsteigen.
Verbesserungen im Service werden grossmäulig vollmundig versprochen. Damit ist beispielsweise die überflüssige App gemeint für die süchtigen Handfesselstreichler. Die daddeln derweil die aktuellen Beeinträchtigungen.
Besonders hilfreich finde ich die Ansage, auf welcher Seite in Fahrtrichtung sich der Ausstieg am nächsten Bahnhof befindet. Wie oft würde ich mich sonst vielleicht zwischen den beiden zur Auswahl stehenden Türen verlaufen.

Dabei fahre ich gerne mit dem Zug. Ich komme aus einer Eisenbahnerfamilie. Unter meinen männlichen Vorfahren waren Lokführer und Oberlokführer. Das ist jedoch lange her. Noch länger als die Zeiten, da man noch an interessanten Gesprächen teilnehmen konnte. Heute dagegen bedeutet Schweigen fast schon Reiseglück. Die wichtigtuerischen Handfesselschwätzer zählen auf Publikum im Grossraumwagen. Und muten einem dabei zu, was man lieber nicht hören möchte. .

                                                                      (Foto anklicken zur Grosssichtverbesserung)

Sag´ mir, Liebster, in welche Richtung…

Sag´ mir, Liebster, in welche Richtung zieht es dein Herz?

Ach, Liebste, in alle Himmelsrichtungen gleichermassen zieht es mich.
Im Osten der Sonnenaufgang hinter der Silhouette der grossen Stadt. Den Hals entblösst, liegt der seidenfein gewebte, ausladende blaue Schal auf der taufeuchten Wiese ausgebreitet, bereit, neues Leben umhüllend in die Welt zu tragen.

In die gradlinige gedankenklare Kälte des Nordens will ich ziehen. Nebligschwadig steigen aus unermesslichen Wäldern die alten Geschichten auf. Eiswindigen Wegweisern folgend bis zu den letzten Menschenwohnungen. Frosterstarrte Herzen zu wärmen gilt es dorten.

Mutanfällige Sprünge in das lodernde Lebensfeuer des Südens. Herzen von Sonne warm erfüllt und Lebensfreude im pulsenden Strom des ewig bewegten Meeres. An den Gestaden sind im heissen Sand Wärmegerüste für menschenfreundliche Gedanken zu schmieden.

Der Friede ruht tief in der Erde des Westens. Blühen wird er durch das Handeln freier Menschen aus dem freien Willen zum Nutzen aller. Erst dann wird man seine Freiheit gewinnen, wenn man diesem Ziel sich annähert und tatkräftig an der grossen Aufgabe mitwirkt.

Pilger sind wir, jeder auf seinem Lebensweg hin zu der einen Destination. Hin zur Mitte. Dorthin ins Zentrum, wo Herzen und Gedanken sich treffen im golden schimmernden Kehlkopf. An diesem Ort wird die Verbindlichkeit der Sprache geschöpft.

Liebste, in all diese Himmelsrichtungen will ich ziehen und jede besingen, wie es ihr zusteht. Du kannst mich hören, sehen und fühlen, immer wenn Du mit mir unterwegs bist.

Aber sage mir, Liebster, an welchem dieser Orte vermag ich Dich denn zu finden?

An welchem Ort? Dieser Ort, Liebste, dieser Ort kann überall sein. Die zentrale Mitte, in der alle Himmelsrichtungen punktgenau zusammenstreben und wo das Sein achtsam umschlossen wird, entsteht überall dort, wo wir uns begegnen, fugenlos im Takt unserer Herzen.

Der Text wurde angeregt durch einen gebloggten Funkenregen und das Lied Refugees, zu hören auf: Van der Graaf Generator – The Least We Can Do Is Wave To Each Other (1970)….

Ein Chinese ohne Kontrapass und Garten

Ich bin mit flotten Dreiern gross geworden. Halt! Keine voreiligen Schlüsse. Als ich mein musikalisches Universum entdeckte, haben mich Dreimannbands sofort in ihren Bann gezogen. Cream, Jimi Hendrix, Blue Cheer, Taste, Gun, ELP, Police, ZZ Top. Die Liste liesse weiter fortsetzen. Relativ kurz erst bekannt ist mir eine Band, die knackigen Progrock spielt, mit der Betonung auf Rock: Radio Moscow – Live in California (2016)…

Wenn einer eine Reise tut… Heutzutage braucht es nicht viel für eine Reise in ferne Länder. Reisepass, Kreditkarte und eine gewisse Offenheit. Den ganzen Rest kann man sich unterwegs besorgen. Selbst die offensichtlich unverzichtbar gewordenen Ladegeräte. Erweiterte Sprachkenntnisse sind jedoch überaus hilfreich.
Ein Chinese reist nach Europa. Kommt dabei auch nach Deutschland. In Heidelberg kommt ihm sein Portemonnaie abhanden. Er sucht nach einer Polizeistation um eine Diebstahlsanzeige aufzugeben.
Der Mann spricht weder Deutsch noch Englisch. (Spricht man überall auf der Welt chinesisch?) Wahrscheinlich gerät er statt zur Polizei in das Rathaus. Hier unterschreibt er ein Formular. Denkt wohl, es sei eine Anzeige. Aber es ist ein Asylantrag. Seine Reisedokumente werden einbehalten.
Man bringt ihn in ein Erstaufnahmelager. In Dortmund. Es folgt das übliche Procedere. Schlafplatz, Essen, Trinken und Taschengeld. Eine Woche später fällt einem Mitarbeiter des DRK auf, dass der gut gekleidete Mann offensichtlich kein Flüchtling ist. Nun wird eine Sprach-App beschafft, über die eine erste Verständigung möglich wird. Da erscheinen auf dem Display Sätze wie „Ich will in Italien spazierengehen.“
Es dauert weitere zwölf Tage, bis alles ordentlich geregelt ist und die notwendigen Papiere vorliegen. Angeblich hat sich der 31-jährige Mann aus China ohne weiteren Groll mit der Bemerkung verabschiedet, dass er sich Europa anders vorgestellt hätte.  (Die Meldung entnahm ich der „Zeit online“, 8.8.2016, 14:24Uhr).
Ich ziehe für mich daraus den Schluss, bei künftigen Reisen, auch in benachbarte Bundesländer, ein Dialektwörterbuch in meinem Gepäck mitzuführen.

Die Kreise meiner Reisen werden ohnehin kleiner. Ich stelle dabei fest, dass es mich mehr erfüllt, im kleineren Umkeis viel und intensiver zu erleben, als in grossen Entfernungen das Meiste nur oberflächlich zu erfassen. Der Ärmelgarten beispielsweise. An einer Rose entferne ich seit Tagen die Spinnenfäden. Der Spinne tue ich dabei nichts. Gestern bemerkte ich ein kleines Heupferdchen, das offensichtlich genüsslich die Fäden verzehrte. Es übernahm auf seine Weise meine Arbeit. Du bist mir willkommen, mein kleiner Freund. Ich verstehe nichts von den Lebensformen im Garten. Da kann ich noch viel lernen und vielleicht erhalte ich den einen oder anderen hilfreichen Hinweis zu weiterer Erkenntnis

Zu den Fotografien: Die teilweise störenden Unschärfen sind den gestrigen Windböen geschuldet. Alle Bilder wurden ohne Stativ freihand aufgenommen. Die letzte Fotografie zeigt weder eine Rose noch ein Heupferd. Dies nur für Gugger, die sich im Garten genauso gut auskennen wie ich.

                                                    (Foto anklicken. Die Galerie öffnet sich und die Augen ebenso)

 

Manchmal ein Schmetterling

Weil ich gestern mit mir im Reinen und glücklich war, will ich auch heute etwas dafür tun, dass es so bleibt:
2Cellos – Discover (2016). Aber schön laut, bitte sehr! …

Es gibt diese ganz bestimmten Bücher in meinem Regal. Vorsichtshalber nehme ich nur manchmal in seltenen Augenblicken der Stimmigkeit eines von ihnen aus dem Regal. Erinnerungen sind damit verknüpft. Auch seltene Träume wie der vom Schmetterlingsflügel in einer Seifenblase. Uneinlösbare Fantasien massloser Wünsche.
Aber jetzt in der Mittagspause sitze ich für einige Momente im Garten. Die hochsommerliche Hitze lindert ein kühler Wind. Ein Goldammerpärchen schabernackt im Feigenbaum neben mir. Am Blauhimmel ziehen schwere Wolkengestalten träge dahin. In den höheren Luftschichten haben es die federleichten Fadengewebe sichtlich eiliger.
Joseph Roth fällt mir ein, an den ich heute Morgen erinnert worden bin. Frühe Leseerlebnisse. Ein kleiner Schmetterling umachtert aufgeregt meine Beine. Irgendwer hat die Geräusche rundum ausgeschaltet. Die farbige Pracht der Blüten. Der Schmetterling, der sich keinen achtlosen Achter erlaubt. Alles stimmt. Meine Koffer sind weit weg, wohlverwahrt. Ich bin sicher.

Das Buch liegt neben mir auf der Bank. Es handelt von Schriftstellern und Hotels. Schön eingebunden ist es. Noch attraktiver ist der Inhalt gestaltet. Etwa neunzig wohlklingende Namen. Viele Fotografien. Informationen zu den Hotels und Zitate aus den Werken der Autoren in Fülle. Ich blättere im Register, suche nach dem Eintrag Roth, Joseph. Nippe auf den entsprechenden Seiten ein wenig an den Texten. Eher flüchtige Blicke auf die historischen, schwarz-weissen Fotografien.

Herr Roth, was um alles in der Welt hat sie angetrieben, sich schneller in den Tod zu trinken als ich zur Erde niedersteigen konnte. Ich will nicht glauben, dass mein Traum zu anmassend gewesen sein mag. Einmal nur Ihnen gegenüber sitzen in der Nr.33, Rue de Tournon, in Paris. Hôtel Foyot.
Ich hätte Ihnen jederzeit gerne nachgeschenkt, hätte auch den Kellner um eine weitere Flasche geschickt, ach was, ich hätte die ganze Zeche auf meine Kappe genommen. Sie haben die Gitane (papier maïs versteht sich) im Ascher gelöscht und einen tiefen Schluck von dem leichten Roten genommen. Sie griffen langsam zu dem dünnen Bändchen, schlugen es sorgsam auf und begannen zu lesen. Das falsche Gewicht. Ich stelle mir den Eichmeister Anselm Eibenschütz in der Figur von Helmut Qualtinger vor. Sie lasen bedächtig und einprägsam, sodass ich immer tiefer in Ihre Erzählung gezogen wurde.

Nein, das konnte damals an diesem späten Nachmittag keiner ahnen, dass nur kurz darauf das Hôtel Foyot, in dem Sie immerhin zehn Jahre lang gewohnt haben, wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Ein schwerer Schlag für Sie. Zum Glück haben Sie dann gegenüber ein armseliges Zimmerchen gefunden für Ihre letzte Zeit. Aber das lag wenigstens genau über Ihrem geliebten Stammcafé Tournon.

Draussen sägt ein Moped vorbei. Die Amselfrau randaliert zwitscherschimpfend unter dem rosablühenden Rosenbusch. Mir reicht derzeit mein Schlafsack und die Autobahn. Der Schmetterling sitzt einen blitzlang auf meinem Knie. Ob hier oder sonstwo auf der Welt, das Glück findet uns überall, man muss es nur empfangen wollen.

Das Buch: Lis Künzli (Htrsg.): Hotels. Ein literarischer Reiseführer. Eichborn, Frankfurt. 2. erw. Auflage 1996, 190S.