Merkwürdige Zeichen im November

Horsche: Merkwürdige Zeiten erfordern eine besondere Musik. Van der Graaf Generator: Godbluff (1975) Still Life (1976). 
Lesen: Ludvig Holberg : Nils Klims unterirdische Reise / worinnen eine ganz neue Erdbeschreibung / wie auch eine umständliche Nachricht von der fünften Monarchie / die uns bisher ganz und gar unbekannt gewesen, enthalten ist /// Aus dem Büchervorrat Herrn B. Abelins / anfänglich lateinisch herausgegeben / jetzt aber ins Deutsche übersetzt/// Verlegt von Christian Gottlob Mergel, Copenhagen und Leipzig 1748/ (diese Ausgabe: Verlegt beim Christian Wegener Verlag, Hamburg 1970).
Essen & Trinken: Merkwürdige Zeiten erfordern bodenständige Kost: Die weltbesten selbstgemachten Bratkartoffeln. Dazu Spiegeleier und Licher Landbier.
Schaffe: Aufräumungsarbeiten in der (Fahrrad)Werkstatt.
Gugge: Damals rief der Film einen grösseren Skandal hervor. Verzerrt die Realität / Ein Skandal / So weit wirds nie kommen /+++ . Inzwischen hat dank des Tabuverfalls durch anything goes die traurige Realität den damaligen Film längst überholt: „Das Millionenspiel“ von 1970. …

 

Der Terror zieht durch Europa. Noch handelt es sich um ein urbanes Phänomen. Auf dem Land hat man derzeit noch die besseren Chancen. Terroristen sind meiner Meinung schlimmer als alle machthungrigen Politiker. Die können garnicht so viele Rechte einschränken. Dafür liefern Terroristen – gleich in welcher Uniform und welchem Irrglauben unterwegs – stets willkommene Steilvorlagen. Wenn ich an meine ersten Reisen mit Flugzeugen zurückdenke. Heute undenkbar, welche Freiheiten einem vor wenigen Jahrzehnten noch offenstanden.

 

In den USofA sind die Wahllokale geschlossen. Jetzt werden Stimmen ausgezählt. Und im deutschen Radioeinerlei wird ständig eilgemeldet. Wer kennt sich eigentlich aus im usamerikanischen Wahlsystem? Alle gegen Trump. Warum? Was ändert sich für Sie persönlich, meine verehrten Besucher, Leser und Gugger in ihrem Alltagsleben durch die Wahl dieses oder jenes Präsidenten? Was hat sich für Sie persönlich nach vergangenen Präsidentenwahlen geändert?
Wahrscheinlich waren die Veränderungen ähnlich dramatisch wie in meinem Leben : es ist alles beim Alten geblieben.

Fast fünfzig Jahre Geschäftspartnerschaft meiner Familie mit einem mittelständischen Unternehmen im mittleren Westen haben am langen Ende bei allen beteiligten Personen diesseits des Atlantiks für Klarheit und offene Augen gesorgt.
Es geht am Ende immer nur ums Geld. Oder um Starruhm. Der soll sich aber bitteschön in Geldwerten ausdrücken.

Der noch amtierende Präsident hat meines Wissens keine neuen Schlachtfelder auf der Weltbühne eröffnet. Er wollte und will seine Land und seine Wirtschaft stark und stärker machen. Beides ist ihm bis jetzt misslungen. Die Produktivitätsrate sinkt und die Armut steigt. Man ist mit sich selbst beschäftigt. Das tut dem Rest der Welt sichtlich gut. Mein Mitgefühl ist mit den Menschen weltweit, die der selbsternannte Weltpolizist demokratisieren will.

Dass man in jenem weltfremden Land, dem die weite Welt eher fremd ist, von Demokratie allenfalls eine rudimentäre Ahnung hat, dürfte jetzt auch den Fans jenes Landes aufgehen. Da hat der noch amtierende Präsident rechtzeitig am obersten Gericht des Landes neue Richter bestimmt, die ihm zugetan sind. Schlau ist er vielleicht nicht, gerissen auf jeden Fall. Er wird gegen das Wahlergebnis klagen falls er nicht gewinnen sollte. Denn ein Widersacher könne jedenfalls nur durch Wahlbetrug mehr Stimmen auf sich vereinigen, so spricht er. So so.
Und die deutschen Jammerläppchen in den Chefetagen und der Regierung in Berlin haben sich auch gleich ungerufen zu Wort gemeldet. Sie befürchten einen Demokratieverlust in den USofA. Hosianna – wachet auf, Ihr Träumer möchte man ihnen zusingen. Die Begleitmusik müssten jedoch die Trompeten von Jericho geben.

Von wegen Demokratie.
Am Montagmorgen verkündete man im 3. Programm des SWR den Willen, die nächsten Wochen gemeinsam durchstehen zu wollen. Aus diesem Grund werde man ab jetzt die eingesendeten Musikwünsche der Hörer spielen. Bis um Mitternacht. Heisa, blies da frischer Wind aus den Lautsprechern. Er derart breites Spektrum an verschiedenen Stücken. Wann war das letztmals zu hören. Und die Kommentare der Leser überschlugen sich vor Begeisterung. Spätestens bei „Wreck“ von Gentle Giant könnten in heiligen Hallen des Senders der Einen oder dem Anderen ein Licht aufgegangen sein.
Die Freude auf den nächsten Morgen bei den Hörern war ebenso gross wie die dann folgende Enttäuschung. Formatradio in der gewohnt miesen Qualität. Entrüstete Reaktionen der Hörer in den verschiedenen Medienkanälen. Mit fast weinerlicher Stimme erklärte eine Ansagerin die Situation. Der musikalische Schleim (I´m the slime von Frank Zappa) geschehe aus Solidarität mit den Ereignissen in Wien. Die Entrüstung riss nicht ab. Was hat das mit dem zu tun?
Der Moderator der folgenden Sendung verwies auf die Verlautbarung seiner Kollegin. Er fügte jedoch hinzu, dass ab zwölf Uhr… bis Mitternacht.
Heute liefen die Hörerwünsche bis jetzt – um 15:34 Uhr.
Wir haben heute beim Frühstück darüber spekuliert, was wohl der wahre Grund gewesen sein dürfte für die beiden gestrigen Entscheidungen. Am Ende haben wir aufgegeben.

Am wichtigsten erschien uns, dass es noch Hörer gibt, die den Formatbrei nur zwangsweise ertragen. Die ihre Stimmen erheben. Und für ihren musikalischen Geschmack ein Votum abgeben.
Es ist noch nicht alles verloren.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen ruhigen und kraftvollen November.

 

 

(Ein Kilometerstein aus alten Zeiten irgendwo in der Nähe von Leppersdorf)

 

 

Reduktion? Alles prima soweit….

Musik: The Doors – Weird Scenes Inside The Gold Mine / 1972 und danach: Darken My Fire – A Gothic Tribute To The Doors / 2000
Lektüre: Recherchen hinsichtlich der Frage: wie beseitigen wir unsere Dickmaulrüssler?
Essen: Köstliche grobe italienische Bratwurst, Spezial-Kartoffelstampf und Rote-Beete-Salat, dazu Störtebecker Übersee-Pils.
Arbeit: Im Garten im Liegestuhl liegen, kleine Radfahrt zu Erinnerungsorten.
Film: Wasser – der Film / 1985 eine bitterschwarzhumorige englische Satire auf den Falklandkrieg. Produziert von George Harrison. Der tritt auch im Film auf mit Ringo Starr. Hauptrolle Michael Caine. Ärmelprädikat: witzig, kurzweilig – sehenswert …

Die Blätter des mächtigen Kirschlorbeer leiden. Grosse Löcher. Die Dickmaulrüssler sind hungrig. Die Larven haben den Winter an den Wurzeln überlebt. Kein Wunder, wenn andere Pflanzen ohne Unterbrechung blühen. Die Natur steht Kopf. Und wir erleben den Anfang einer Entwicklung des Klimawandels.

Wir grüssen andere Menschen, die uns bei der nachmittäglichen Radausfahrt entgegenkommen. Die meisten grüssen zurück. Dennoch fallen die hochgezogenen Schultern und die auf den Boden gerichteten Blicke auf. Wir unterhalten uns anschliessend darüber. Beim Bier im Garten. Angst. Die Menschen scheinen Angst zu haben.

Angst vor was eigentlich? Hinsichtlich des Virus gibt es klare Vorsichtsmassnahmen. Angst vor was also? Vor den Konsequenzen, die bereits jetzt in den Medien angedeutet werden. Die KRISE.
Dass der Glaube an den Ewigwachstumsgott der kapitalistischen Wirtschaftsweise in eine Sackgasse führen wird, war allen denkenden und voraausschauenden Menschen klar. Nur wann wird das sein? Na, die mauer am Ende dieser Gasse ist im Nebel sichtbar. Noch können ja alle auf deibel kumm raus konsumieren.

Noch im vergangenen Jahr wurde die KRISE als Chance begriffen. Und heute im Angesicht der Krise? Angst. Wir einigen uns im Gespräch darauf, dass die Mehrheit der Menschen Angst haben wird vor den eingeschränkten Konsummöglichkeiten nach der Krise. Nach der Krise – wann wird das sein?

Ich schreibe hier seit fast drei Jahren zu angewandter Reduktion. Mir fehlt derzeit allenfalls die unbeschränkte Bewegungsgfreiheit. Ansonsten ist es ruhig draussen. Prima. Viel weniger Verkehr. Prima. Heimarbeit funktioniert offensichtlich. Prima. Warum sollen auch tausende Autofahrer tagtäglich hunderte von Kilometern zu einem Computer fahren, der ohnehin auch zuhause steht? Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft.
Einwand: wenn jeder von zuhause arbeitet, dann entsteht keine Solidarität zwischen den Arbeitnehmern. Einspruch abgelehnt: Solidarität in Deutschland? Bei den Bergarbeitern der 1960er Jahre vielleicht. Aber heute gibts kaum noch Bergarbeiter.
Alle Lebensmittel verfügbar. Prima. Wasser und Strom, fliessen. Prima. Internet funzt. Prima.
Was sagst Du? Klopapier?
Wir haben noch einige Rollen. Und falls es wirklich keins mehr geben sollte, reissen wir die Zeitung der Nachbarn in kleine Stücke. Habe ich hier im alten Ortskern bei den Bauern noch gesehen. Wie die mit den handlich gerissenen Blättchen verschwunden sind hinter der Holztür mit dem ausgesägten Herzchen, draussen im Hof. Ohne Wasserspülung und Heizung.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass sie jetzt ihre Möglichenkeiten erkennen und ergreifen. Und bleiben Sie gesund.
Und besonders wichtig: denken Sie an die Zeitumstellung. Irgendwas ist nämlich immer. Wenn auch noch so unwichtig.

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Heute Morgen im Hof der Einrichtung

Angelegentlich einiger Gespräche mit Nachbarn und anderen Zeitgenossen. Mir schwillt langsam der Kamm. Die ersten Alben von Bob Dylan. The Freewheelin‘ Bob Dylan (1963), Another Side of Bob Dylan (1964), The Times They Are A-Changin‘  (1964). So viel hat sich, was viele seiner frühen Texte angeht, bedauerlicherweise nicht geändert…

Politische Korrektheit ist eine Machtfrage. Perfide Vorschriften und Gedankenkontrolle. Am Ende steht die Diktatur.
Ich kümmere mich nicht mehr drum. Eingedenk des Titels eines Album von Keith Richards: Talk is cheap. Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Auf das Handeln im menschlichen Miteinander kommt es an.

In meiner Erinnerung begann es in den 1980er Jahren. Damals war jedermann von irgendetwas betroffen. Der grosse Betroffenheitstsunami schwappte in die Sprache. Aus dem Sprachschatz wurde der Sprachsumpf. Ich staunte, über oder von was man alles betroffen sein konnte. Und vor allem, dass sich nichts änderte. Rückblickend stelle ich fest, dass die vielen Betroffenheiten offensichtlich nichts gebracht haben. Ausser für die Betroffenen vielleicht. Gesprächsstoff. Sich selbst runterziehen. Aufmerksamkeit erregen. Betroffenheit. Viel Gerede und wenig Handeln.

Gleichzeitig begann die Genderisierung. Jedermann/-frau zeigte sich betroffen. Man/frau hatte betroffen zu sein. In meinem damaligen Freundskreis bestand die Arznei zur geistigen Gesundheit in der bekannten Gebärde des Obelix tok-tok-tok: die spinnen, die Leute.
Für mich ist der Feminismus ohnehin realisiert, seit Frauen am Strassenverkehr mindestens genauso rücksichtslos teilnehmen wie ihre maskulinen Verkehrsgegner. Dass Führungskräftinnen ihre Geschlechtsgenossinnen brutaler wegbeissen als die MitGlieder des gleichen Unternehmes es mit ihresgleichen tun, ist hinlänglich bekannt.
Lustig fand ich den Aufkleber in der Toilette unserer WG. „Das ist ein emanzipiertes Klo – hier pinkeln Frauen im Stehen“. Den würde ich heute nicht mehr kleben. Ich habe oft genug Toiletten gereinigt in meinem Leben. Aber eine Erkenntnis ist mir dennoch geblieben. Machtverhältnisse einfach umzukehren schafft nicht mehr Menschlichkeit.

Ich bin nur froh, dass ich morgens nicht in irgendwelchen Staus stehen muss. Und abends auf dem Rückweg das gleiche Szenario. Mir reichen schon die Angriffe auf meinen Geruchssinn durch aufdringlich und geschmacklos besprühte Männer und Frauen. Glücklicherweise sinds die Augen von Äffchen und Kätzchen, an denen die Chemikalien getestet werden. Die Konsumenten sprühen im Supermarkt mit dem Tester nicht in die eigenen Augen. Sie wären von der Wirkung bestimmt betroffen.

Am Dienstag titelte das Regionalblatt: Öl – Preisschock! In der Tat war nach der Zerstörung einiger saudi-arabischer Ölförderanlagen der Ölpreis kurzzeitig deutlich gestiegen. Dieser Preis wird schliesslich von Spekulanten gemacht. Aber hallo.
Als die Zeitungsleser beim Frühstück dieser Titel noch erschreckte, war der Ölpreis längst wieder gefallen. Auf das Niveau vom Frühjahr diesen Jahres. Der us-amerikanische Präsident bot an, von seinen Ölvorräten… There´s no show but business.
Jetzt sitzt er aber in der Klemme. Würde dem Iran gerne mal kriegerisch zeigen, wo der us-amerikanische Hammer hängt. Andererseits will er aber auch wiedergewählt werden. Und die Scharfmacher wetzen derweil die Messer. Eieiei.

(Das Bild ist schon älter. Es ist auch nicht von mir. Aber es ist gültig.)

Hier ist der Song zum Bild zu hören. Aus der Zeit als Bob Dylan noch wegweisend gewesen ist. Und hier folgt der Text. Der ist noch immer so gültig wie nur was: Masters of War.

Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Was wir alle in die Welt senden kommt unweigerlich zu uns zurück. Hier spricht man noch von Armut. Vorzugsweise von Rentnern. Aber die richtige Armut ist bei uns noch garnicht angekommen. In Südamerika gilt als arm, wer barfuss geht, weil er sich keine Schuhe leisten kann.
Hier geben Leute tatsächlich Geld aus für zerrissene (neue) Hosen. Sie ahnen ja garnicht, dass alles nur Vorbereitung ist. Zehn Jahre abwarten. Wenns so weitergeht, werden dann die ersten Habenichtse die Gebrauchtkleidercontainer aufbrechen. Die werden dann nicht mehr vom Ballermann reden. In deren Stadtviertel wirds genug ballern. Wir werden die freilich nicht Favelas nennen. In zehn Jahren. Und die, denen es vermeindlich besser geht, die werden um ihre Hütten Mauern hochziehen. Ich habe in Ländern gelebt und gearbeitet, wo das, was hier jetzt langsam und schleichend beginnt, längst schon alltägliche Wirklichkeit war. Und dagegen, um es gleich zu sagen, hilft keine der heute bei uns konkurrierenden politischen Parteien. Auch auf diesem Feld werden noch ganz andere Schlachten geschlagen werden.

Die bürgerliche Gesellschaftsform und das kapitalistische Wirtschaftssystem gehen Hand in Hand. Das Resultat ist die soziale Pest. Sozialpest. Die Idee des Bürgertuns gaukelt den Menschen vor, jeder könne es schaffen. Ja, was denn schaffen? Ein Blick auf die jährlichen Bildungsstatistiken zeigt bereist die Unterschiede. Mein lieber Herr Gesangsverein.
Es gibt den geschlossenen Zirkel der Eliten. Da kommt man kaum rein. Und dann der Rest. Der macht auf gut bürgerlich und liefert sich dem mörderischen Wettbewerb aus. Dafür haben wir unser Wirtschaftssystem. Das liefert den Brennstoff. Geld, Karriere, Konsum.
Und da glaubt der leitende Angestellte, er sei besser oder mehr wert als der einfache Angestellte. Was solls, wenn die Abteilung wegrationalisiert wird. Da kann der Leitende, weil älter, sogar das schlechtere Blatt auf der Hand haben. Die Selbstständigen schauen auf alle runter. Alles, wie wir es gelernt haben.
Und den Banken ist in ihrer systemimmanenten Raffgier am Ende schnuppe, ob einer hunderttausend verliert oder nur hundert. Die Masse sitzt in einem Boot. Und jeder glaubt immer noch, er habe seine eigene Yacht am Pier liegen. Dabei ist jede zweite Schaluppe eh finanziert und gehört einem Kreditverleihinstitut. Wenn es dem Profitstreben der Eliten dient, werden wir alle dafür geopfert werden. Was zählt es da, wenn Du drei Tage später dran sein wirst. . .

 

Ich höre jetzt auf weiterzuschreiben. Weitere Beispiele anführen für die komplexe Situation, in der wir alle stecken. Die Liste würde mich jedoch nur wütend machen. Oder verzweifelt. Oder beides. Ich versuche konstruktiv zu bleiben. In die Zukunft schauen. Das Positive sehen. Die eigenen Fähigkeiten üben und erweitern. Arbeiten. Träumen. Sand im Getriebe der Eliten sein. Mit Menschen sprechen. Andere Sandkörner suchen und finden. Es gibt jeden Tag neue Möglichkeiten dafür. Es hängt vom eigenen Willen ab. 

Im Hof der Einrichtung. Morgens gegen acht Uhr rollen die Autos vor. Türen werden geöffnet. Es wird sofort lebhaft. Kinder und Jugendliche klettern heraus. Die wenigsten. Den meisten jungen Menschen muss geholfen werden. Ungefähr ein Viertel sitzt in Rollstühlen. Körperliche Beeinträchtigungen mindestens. Zumeist mehrfach beeinträchtigte junge Menschen. Details sind mir teilweise bekannt. Ich bin nicht betroffen von den Anblicken. Für mich ist auch dies eine mögliche Daseinsform.
Ich frage mich manchmal, was mir diese jungen Menschen sagen würden, teilte ich ihnen die Sorgen und Nöte mit, die mir „gesunde Menschen“ erzählen. Ihre Klagen, ihre Beschwerden. Ich stelle mir vor, wie diese jungen Menschen in ein schallendes Gelächter ausbrechen. Alles kumulierte in der Frage: wissen deine Leute überhaupt wie gut es ihnen geht? Die können doch hingehen, wo sie wollen. Die können sich frei bewegen. Die brauchen doch fast nie einen zu fragen oder um Hilfe bitten. Wenn sie Hunger haben, machen sie sich was zu essen. Wenns drückt, gehen sie aufs Klo. Die brauchen keine Begleitung auf die Toilette, müssen vor niemandem die Hosen runterlassen. Oder sich windeln lassen. Setzen sich auf ein Rad und fahren los.
Wissen die, dass ein hoher Bordstein eine unüberwindbare Grenze sein kann?
Scheiss auf das Geld, ich träume davon, irgendwann mal schwimmen zu können.
Ich würde für mein Leben gern mal auf einem Punkkonzert vor der Bühne abhotten.
Einfach mal ganz allein rausgehen. Loslaufen.

..
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Mir ist es jetzt wieder wohler. Diese jungen Menschen erden mich. Ich bin ihnen dankbar für ihr Dasein. Es zeigt mir, was wirklich zählt im Leben.
Manchmal zieht sich mir der Hals zu angesichts der Unbescheidenheit und des Genörgels in diesem Land. Das Geschwätz geht mir auf den Senkel. Und immer sind die anderen Schuld. Und die Ansprüche wachsen schneller als die Inflationsrate.
Klimakatastrophe. Ich zahl´ aber keine CO2 Steuer. Aber in zwei Wochen im schwimmenden Wohnblock fremde Meere bereisen. Eingepfercht mit vieltausend anderen Lemmingen. Essenfassen schichtweise.  Und wieder sehen und doch nichts verstehen. Schlechte Telefonfotos massenweise. Subventionierten Treibstoff tonnenweise in die Atmosphäre blasen und täglich Essensreste und Fäkalien von tausenden Kreuzfahrttouristen ins blaue Meer kippen. Die Branche hat ihre Umsätze in wenigen Jahren verdoppelt. Tendenz weiterhin steigend.
Ich höre jetzt wirklich auf. Für heute jedenfalls.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges und fröhliches Wochenende im Kreis geliebter Menschen.

 

 

Sommergarten Schaubudensommer Sommernächte

Zur Zeit auf Abschiedstournee ist Eric Burdon. Er war und ist einer meiner musikalischen Hausgötter. Als ich aus meiner Kleinstadt nach Berlin gekommen bin zur Ausbildung fotografischer Fertigkeiten erschien gerade dieses Album mit einer genialen Neueinspielung eines meiner ewigen Lieblingslieder: „When I was young“. The Eric Burdon Band – Sun Secrets (1974)….

Im Garten blüht und wächst es. Kräuter, Salate und Gemüse. Schokoladencosmeen, Rosen und Clematis. Mädchenaugen in betörend leuchtendem Gelb. Violette Sonnenhüte, Farbige Vielfalt bei Löwenmäulchen und Kornblumen. Im Steinbecken der Schachtelhalm und dazwischen Rohrkolben. Libellen und Girlitze. Die kleinen Kröten bemerkt man erst, wenn sie aufgeregt davonhüpfen. Erdbienen laben sich am Borretsch, Holzbienen bohren fleissig Gänge für ihre Nester ins Altholz.
An den Tränken netzen sich die Wespen und die Libellen tanzen dazu. Und im täglich früher einsetzenden Nachtdunkel zickzacken Fledermäuse auf der Jagd nach Insekten. Der Amselmann besingt sein Revier vom höchsten First. Ich liebe den Sommer.

Dass derzeit einige heissere Tage den Schweiss treiben, besorgt mich weniger als die weltweit zunehmende Rodung von Wäldern. Die Bäume sind für die Erde, was die Haare auf dem Kopf eines Menschen sind. So sprach eine alte Frau vor Jahren. Denn Bäume beziehungsweise Wälder sind bewährte Windstopper. Wenn sie weniger werden, werden Brisen zu Winden und Winde zu Stürmen. Aus Waldbränden werden dann rasch Feuerstürme.

Es ist mir immer wieder erstaunlich, dass manche Bücher ihre Zeit brauchen. Nach über zwanzig Jahren las ich erneut „Der leidenschaftliche Gärtner“ von Rudolf Borchardt. Im Vorwort schreibt er, „man erwarte […] kein Buch, das, die Pfeife im Mund, die Gießkanne in der Hand und den Strohhut auf dem Kopf, entstanden ist, das nur eine stille, sanfte und freundliche Liebhaberei spiegelt.“
Es handelt sich um keine Anleitung zum säen, pflanzen oder anbauen. Borchardt trägt seine Kenntnisse und Erfahrungen in Form von essayistisch formulierten feinen Gedankengebäuden vor.

Borchardt verliess als Jude sicherheitshalber Deutschland bereits im 1933er Jahr. Er liess sich in Italien nieder und bewohnte alsdann vorwiegend Landhäuser mit entsprechenden Gärten, in denen er praktische Erfahrungen sammelte.
Aufschlussreich und für mich ungemein anregend finde ich seine folgende Überlegung. Die Geschichte der Menschheit beginnt in einem Garten. Gärten haben in verschiedenen Mythologien eine starke metaphorische Bedeutung. Die Menschheit ist jedoch durchweg nicht in der Lage, diese Gärten in angemessener Weise zu bewohnen. Daraufhin erfolgt ihre Vertreibung.
Nun versucht der Mensch, die Ordnung des verlorenen Gartens wieder herzustellen. Was natürlich nicht gelingen kann. Denn die Natur ist nicht ordentlich im menschlichen Sinne. Die Natur ist üppig und verbreitet sich chaotisch. Immer auf der Suche nach bestmöglicher Anpassung zur Erhaltung der eigenen Art. Davon zeugt auch die Vielfalt der Formen und Farben nur einer einzigen Art.
Wenn ich diese Gedanken weiterdenke und praktisch darauf anwende, wie wir heute mit der Natur – oder dem, was wir dafür halten, umgehen, dann schwindelt mir. Noch nie ist mir die Menschheit in diesem Treiben so überflüssig vorgekommen.

In der Hitze der Nacht. Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt. Wir warten lediglich noch auf die Mitternacht und die tägliche Überraschung. Gestern zogen wir einige Strassen weit hinter einer Musikkapelle her. An einer kleinen Kreuzung verharren die Musiker und zeigen auf die schräg gegenüber liegende Hausecke. Auf dem Geländer des Balkons im ersten Obergeschoss sitzen das Schwein Steffi und daneben das Wildschwein Torsten. Figuren des genialen Michael Hatzius. Es dauert keine Minute und das Pflaster dröhnt vom Gelächter der Zuschauer.

Aber heute geht kurz vor Mitternacht ein böses Wetter nieder. Viele Besucher verlassen schlagartig das originell dekorierte kleine Festivalgelände, das rund um die Kulturscheune aufgebaut ist.
Lass uns warten, bis das Unwetter aufhört, dann gehen wir bettwärts.
Geht noch ein Bier?
Ein Bier geht sicher noch!
Die Preise sind gemessen an anderen Festivals dieser Art durchweg günstig. Wir stehen und warten. Auf den Bierbringer. Und auf das Ende des Regengusses. In einer Ecke steht ein Akkordeon auf einem Stuhl. Die Bühne misst keine fünfzehn Quadratmeter. Eine Frau quietscht klarinett. Das Schlagwerk ist niedlich. Beeindruckend wie immer, der Kontrabass.
Wir trinken unser Bier und unterhalten uns. Kleine Gruppen und gute Gespräche brauche ich wie Wasser und Brot. Und wenn es dann noch so herzliebe Menschen sind. Ein kleine Frau ergreift die Violine. Ihre ersten Töne lassen aufhorchen. Das klingt irgendwo zwischen Jean-Luc Ponty und Jerry Goodman. Und schon legt das Quintett los. Die Beine wippen sofort mit.
Wer holt uns noch ein Bier?
Unsere Entdeckung in dieser musikalischen Nacht: Herje Mine.
Wir werden noch einige Biere zu uns nehmen in dieser Nacht.

W.G. Sebald schreibt in einem Essay, er habe in einer Studie Sigmund Freuds gelesen, „dass das innerste Geheimnis der Musik eine Geste sei zur Abwehr der Paranoia; dass wir Musik machen, um uns zur Wehr zu setzen gegen die Überflutung durch die Schrecken der Wirklichkeit.“ Wenn ich denke, wie mein Umgang mit Musik seit jeher ist. Und tanzen? Mähneschütteln vor Jahrzehnten und die unvermeidliche Luftgitarre. Aber geh mir weg mit einer Tanzstunde. Revanchistische bourgeoise Ablenkungen von den politischen Notwendigkeiten unseres Alltags. So sprachen wir Besserwisser und wusstens doch nicht besser.
Fernando, ein Exilkubaner, verdiente sich in Ecuador als Tanzlehrer sein Auskommen. Wir waren dort eine kleine international zusammengewürfelte Gruppe. Er wurde unser Salsalehrer. Europäer und Salsa. Eine merkwürdige Mischung. Ich sehe seine steilen Stirnfalten sofort vor mir. Und ich bin tanzunbegabt. Zumindest, was vorgeschriebene Schrittfolgen betrifft. Anarchie in Sachen Rhythmus.
Bei den Deutschen beispielsweise, meinte Fernando, kannst du an ihrer Art zu tanzen, erkennen, wie sie vögeln. Ich bin bei ihm beileibe kein Salsero geworden. Kapiert habe ich jedoch, dass beim Tanzen die Bewegungen zwischen dem Herz und Becken entstehen. Selbst bei stark normierten Tänzen. Daran dachte ich, als ich all die aufgeklärten Bühnenumsteher bei der vorwärts treibenden Musik von Herje Mine gesehen habe. Aber nur kurz. Denn wir tanzen zu der mitreissenden Musik und schwelgen in praller Lebensfreude. In unserem Nachtasyl können wir auch später noch einlaufen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein fantastisches Wochenende.

(Aufgenommen in der Dresdner Neustadt)

 

Lektüre:
Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner.
W.G. Sebald : Campo Santo.

Musik:
Herje Mine: Balkalagan (2018). Das ist ihre erste Scheibe. Und hoffentlich nicht ihre Letzte.

 

 

Rekurs auf den Laden. (Von wegen Reduktion)

Schallplatten, die ich in der Mittagshitze nach der Schule gekauft habe, und deren Klänge mir bei ähnlichen Temperaturen noch heutzutage ähnlich angenehme Gefühle wachrufen wie damals: Pink Floyd – Umma Gumma (1. LP, 1969). Und wenn jetzt gleich die Fenster für einen Hauch Frischluft geöffnet werden: Roxy Music – For your Pleasure (1973). Und danach noch Cockney Rebel – The Psychomodo (1974)…

Ich habe heute den letzten Band von Erwin Strittmatters Trilogie „Der Laden“ beendet. Wer sich für das dörfliche Leben zwischen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, ist mit den vielfältigen und detailreichen Schilderungen gut bedient.
Die Trilogie wurde auch verfilmt. Die ersten beiden Teile sind nahe an den beiden Büchern. Sie lassen erahnen, dass die Lektüre dennoch lohnt. Die Verfilmung des dritten Bandes ging meiner Meinung nach in die Hose. Da wurden Inhalte derart umgearbeitet, dass manche Szenen wie aus dem Zusammenhang gerissen scheinen.

Mir hat die Fabel der poetisierten Selbstlebensbeschreibung von Erwin Strittmatter (1912 – 1994) insgesamt sehr gut gefallen. Ich werde weitere Werke von Strittmatter lesen. Seinerzeit war er einer der auflagenstärksten Autoren in der DDR. Ebenso hoch dekoriert wie umstritten. Allein das stärkt den Wunsch nach mehr Material.
Beim Lesen wurden die eigenen Schleusen der Erinnerung zunehmend geöffnet. Kindheits- und Jugenderlebnisse leuchteten plastisch vor dem inneren Auge auf. Freuden, Ängste. Erste Verliebtheiten und die Auffahrt zur Landstrasse der Erwachsenen.

Es mag durch die bereits hochsommerlichen Temoeraturen hervorgerufen worden sein. Die frühen Urlaubsfahrten nach Italien. Genauer nach Fano, seinerzeit das bevorzugte Seebad des Imperators Augustus (63 v.Chr. – 14 n.Chr.).
Schon die Autofahrten dorthin. Heute schafft man mit einigen grünen Ampeln die 1000 Kilometer lange Strecke in einem halben Tag. Damals. Morgens um drei Uhr aufstehen. Cholerik und Aufregungen. Endlich war die Karawane aus mehreren Familien am Treffpunkt versammelt. Routenbesprechungen und Zigarettenqualm.
Der Innendruck in unserem Wagen nahm während der Fahrt regelmässig zu. Meine erste Magenentleerung füllte mein Strohhütchen vom letzten Jahr. Anhalten unmöglich, das hätte auf den Reisegeschwindigkeitsdurchschnitt gedrückt und die Karawane bedenklich auseinandergebracht. Jährlich verschiedene Routen wählten die jungen Familien der Abwechslung zuliebe. Die Fahrer wahrscheinlich auch, um an den Hochalpenpassstrassenüberquerungen ihre Fahrkünste unter Beweis zu stellen. Einige Strassen waren vor Mitte der 1960er noch nicht asphaltiert. Staubwolken. Kraftwagen mit Bremsausfällen oder kochenden Kühlern waren häufig am Strassenrand zu sehen. Grenzkontrollen. Benzingutscheine. Obstverkäufer am heissen Asphaltrand.

Auf den Fahrten lernte ich Orte und Namen kennen, an die ich mich noch heute gut erinnern kann. In Salurn (Salorno) gibts den Schwarzen Adler (Aquila nera) noch immer. In der Bar habe ich in den 1980er Jahren mit meiner Ducati eine längere Rast eingelegt. Como Milano Bologna Pescara Rimini Ancona. Nummerschilder merken. Automarken. Fiat Alfa Romeo Lancia. Einen Maserati oder Ferrari habe ich nie gesehen. Vom Kauf eines Maserati Ghibli GT habe ich später aus Vernunftgründen Abstand genommen. Das ehemalige Ställchen mit meinen Ducatis beschert mir noch heute schöne Erinnerungen. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?.

Und dann Fano. Der Albergo Giardinetto. Der erste Besitzer, mit dem wir in Kontakt kamen, fuhr einen Fiat Topolino. Er bediente die Gäste bei den Mahlzeiten. Pasta Asciutta. Lasagne. Minestrone. Gelati Motta.
Pizza lernte ich erst einige Jahre später in Deutschland kennen. Meine Patentante war italienverzückt. Abends waren Gäste eingeladen. Zur Musik von Rocco Granada (buona notte) oder Robertino (Tintarella di Luna) gabs selbstgebackene Pizza. Die italienischen Gastarbeiter schufteten da noch auf dem Bau oder bei Opel. Die erste Pizzeria hier am Ort öffnete ungefähr 1966.
Agip Supercortemaggiore – alleine dieses Wort fehlerfrei auszusprechen verlieh die Kraft des fuerspeienden sechsbeinigen Hundes auf dem Logo. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?

Das Strandleben. Dauernde Einölereien gegen Sonnenverbrennungen waren lästig. Das Spiel mit anderen, vorwiegend einheimischen Kindern. Man machte einfach mit. Es gab diese Plastikugeln. Im Durchmesser etwas kleiner als Tischtennisbälle. Die untere Hälfte war farbig. Rot, grün, gelb oder blau. Die obere Hälfte war transparent. In der Mitte war ein Bildchen mit dem Portrait eines Radrennfahrers eingelegt. Ich wusste nichts davon. Anquetil? Als ich im Jahr darauf im Wuschellädchen eine Kugel mit dem Portrait von Rudi Altig erwischte, da dämmerte es mir. Jacques Anquetil.

Eine kleine Horde von fünf bis zehn Buben traf sich morgens am Strand. Dann wurde eine Rennbahn im Sand gebaut. Mit Ausdauer, Geschick und viel Gerede. Die zwei, drei Touristenbuben wurden als Mitspieler stillschweigend akzeptiert. Weniger als Bahnbauer. Aber beim Spielen gabs keine Querelen. Die Sandbahn mit Brücken und kleinen Tunneln ähnelte einer Bobbahn mit erhöhten Rändern. Wer an der Reihe war, legte schnippte seine Kugel vom erhöhten Rand in den Rundkurs. Eine immer wiederkehrende Freude in Jahren meiner Kindheit. Gewonnen habe ich niemals ein Rennen. Was löst sie aus, die Liebe zu einem Land?

Der Hotelier organisierte für die Gäste seines kleinen Albergo jedes Jahr einen Ausflug ins Landesinnere. Da ging es mit einem Bus im Tal des Metauro hoch in Richtung Urbino. Auf einem halbverlassenen Bauernhof (fattoria oder masseria?) wurde angehalten. Zwei lange Tischreihen im Freien. An Spiessen überm offen Feuer schmurgelten Hühner und Fleischstücke. Karaffen mit Rotwein. Wasserkrüge. Essen, Trinken, Lachen und mit einbrechender Dunkelheit spielten ein paar Musikanten zum Tanz auf. Aranciata für die Kinder. Die kleinen Kugelflaschen gibt es seit Ewigkeiten nicht mehr. Eltern konnten von ihrem Kind enorme Leistungen für ein Fläschchen fordern. Welche Bilder befördern die Liebe zu einem Land?

Die sehr vornehme römische Familie trafen wir auch mehrere Urlaube lang jedes Jahr. Die Tochter war sicherlich einige Jahre älter als ich. Das wurde mir aber erst anfang der 1970er Jahre bewusst, als ich eher durch Zufall noch einmal meine Ferien im Albergo Giardinetto verbrachte. Die Tochter war jedenfalls wunderschön. Noch heute denke ich unwillkürlich an diese feine Jugendliche wenn ich die „Iphigenie“ von Anselm Feuerbach sehe. Was befeuert die Zuneigung zu einem Land?

Eines morgens muss das Sandbahnspiel am Strand besonders spannend gewesen sein. Die Rufe meiner Mutter hatte ich nicht gehört. Wohl aber die beiden schallenden Ohrfeigen.
Die hatte ich wohl gespürt. Aber einige ältere Frauen hatten gesehen, was da einem kleinen Jungen geschieht. In schwarzen Kleidern mit nackten Füssen sprangen sie aus ihren Liegenstühlen und keiften meine Mutter an. Lautstark. So laustark, dass sich Publikum ansammelte. Mein Vater und seine Freunde nahmen vielleicht einen Campari am Morgen. Von denen war keiner da. Die älteren Frauen waren klasse.
In den folgenden Jahren hatte ich in der italienischen Öffentlichkeit keine weiteren Schwierigkeiten mit meinen Eltern. Selbst dann nicht, als ich zwei Jahre später beim Muschelsammeln versehentlich auch eine noch halblebende für die Rückfahrt mit einpackte. Es stank schon einige Zeit. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis man in Koffern und Taschen räumte und die Quelle des Übelgeruchs fand. Das Strohhütchen von der Herfahrt war nicht mehr zu retten. Im nächsten sollte es ein neues geben. Oder ein paar Schuhe. Echt italienische Herstellung.

Es gibt eine Liebe, die macht weder hungrig noch durstig. Mit der geht man auch ohne Schuhe durchs Leben.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Tage.

 

(So wenig wie in diesem Jahr habe ich schon lange nicht mehr fotografiert.)