Gedankenbrücken zu möglichen Blogreduktionen

Gilt noch immer, wie beim letzten Beitrag : endlich wieder einmal ein richtiger Kracher im Postkasten. Deshalb Dauerrotation. Feiner Gitarrenrock und zeitbezogen kritische Texte. Die Stimme von John Watts ist gereift und entsprechend geglättet :
Fischer-Z – Building Bridges (2017).
Abends beim Stadtrundgang der Dauerrotationsunterbrecher. Musik mit einem K? Musik for the kitchen ! Eine Viermannkapelle mit einer Bandbreite von Rage against the Machine bis Klezmer, vom Volkslied bis zur Filmmusik. Die akustisch dargebotene Musik (mit K !!) zieht das Publikum in ihren Bann. Extraklasse.

Seit gefühlt ewigen Zeiten endlich wieder eine frühmorgendliche Siebenbrückentour auf dem Rad gefahren. Aus Übermut die Kamera im Rucksack. Der winterträge Körper arbeitet schwer trotz des eher geruhsamen Tempos.
Die Siebenbrückentour hat hier eine Tradition. Die Alten nennen sie noch immer Fünfbrückentour. Weil man für die kleine Rundtour in früheren Zeiten nur fünf Brücken überqueren musste. Ich nannte sie selbst in älteren Beiträgen hier im Blog auch Fünfbrückentour. Bis ich die Brücken einmal gezählt habe. Manchmal kommt man weiter, wenn man scheinbar feste Tatsachen überprüft. Alles verändert sich und der Horizont kann sich dadurch weiten.

Viele Fragen kursieren derzeit hinsichtlich neuer europäischer Datenschutzbestimmungen. Einige Blogger sind bereits heftig am Programmieren. Und von denen mit den bescheideneren Kenntnissen, zu denen ich mich zähle, also das Heer der Umsonst- und Billigblogger, die warten erstmal ab. Manche hoffen gar, eine Firma wie WP würde viel ändern.
Dass ich nicht lache. Solche Firmen wurden gegründet, um Kohle zu machen. Verändert wird nur, was die Kasse schriller klingeln lässt. Knete, Asche : umso mehr desto besser. Da gehts nicht drum, Menschen Freude zu bereiten – das ist allenfalls ein Abfallprodukt, das noch nicht monetarisierbar ist.
Ich habe fast dreissig Jahre lang sehr eng mit einer Firma aus den Staaten gearbeitet. Wir hatten eindeutige Verträge. Die Ammis hatten das Recht und die anderen europäischen Geschäftspartner die Pflichten.
Nach dem Mauerfall fragte mich der Senior Export Sales Manager bei einem Lunch in Frankfurt: „Sag´ mal, liegt Frankfurt eigentlich in East Germany or in the West?“
„West-Germany.“
„Und East-Germany hat etwa ein Viertel der Bevölkerung von West-Germany?“
„Wonderful! Dann schaffst Du nächstes Jahr fünfundzwanzig Prozent mehr Umsatz!“
„Wir werden dieses Feld erst nach einem gründlichem research beackern.“
Und dieser Mann kannte für us-amerikanische Verhältnisse viel von der Welt. Sehr viel.
„Ich habe derzeit noch ein ganz anderes Problem : was habt Ihr denn eigentlich hinsichtlich der Verbesserung der Qualität erreicht?“
„Well, gut dass Du fragst. Wir arbeiten hart daran und sich ein Stück weiter gekommen.“
Dabei handelte es sich damals um den „grünen Punkt“, den sie aus Kostengründen nicht auf ihre Verpackungen drucken wollten. Als ich meine Frage stellte, waren bereits zwei Jahre seit der deutschen Neuregelung vergangen. Der böse Bube war ich, denn ich verkaufte weiterhin die Waren in Deutschland. Wäre ich aufgefallen und haftbar gemacht worden, hätten die Ammis sich mit keiner Deutschmark an der Strafe beteiligt. Am Ende haben wir das Problem selbst hier im Land geklärt und gelöst. Von wegen support – wenn ich dieses Wort aus einem Ammimund schon höre.
Daran kann man erkennen, aus welchem grobstofflichem Denktextil dieses Schacherpack gewebt ist. Und wenn ich mich hier kritisch zu dieser Bevölkerung und ihrer Mentalität äussere (und geäussert habe), dann beruht das auf langen eigenen Erfahrungen. Und nicht auf Plattitüden á la: die Ammis haben keine Kultur. Denn eine Kultur haben sie, wenn auch leider eine imperialistische mit dem Ziel, sich die Welt zu unterwerfen, um dann der Welt ihre qualitativ noch immer weitgehend miserablen Produkte zu verhökern.

Zurück zu dem, was meinen Blog betrifft. Wenn bis zum 25. Mai keine befriedigende Lösung in Aussicht steht, werde ich meine Bloggerei nach meinem derzeitigen Kenntnisstand wahrscheinlich einstellen. Bis dahin werde ich zumindest das Kontrollprogramm gravatar so weit als möglich deaktivieren. Denn solche Programme sind im Fokus der neuen europäischen Regelungen. Und die machen in der Tat Sinn.
Was ich dann machen werde?
Ich werde mir wieder mit Menschen Briefe oder Ansichtskarten schreiben. Abends intensive Telefonate führen. Mich mündlich austauschen bei einem Bier – oder zweidreivier.
Zusammensitzen und gemeinsam etwas tun. Sich gegenseitig helfen. Zusammen kochen, essen und trinken. Also dem wirklichen Leben wieder mehr Zeit geben als der virtuellen Scheinwelt.
Wenn ich dies so spontan hinschreibe, freue ich mich schon richtig drauf.
Am vergangenen Wochenende haben wir gemeinsam in einem Garten gearbeitet. Und in Kürze werden wir verreisen und interessanten Menschen begegnen und neue Orte und Wunder entdecken.
Ganz ohne die Wischtastatur einer elektronischen Handfessel, die einen von den eigentlich wichtigen Momenten ablenkt und in einem kleinen Bistrôt den Anblick eines rustikal eingedeckten Tisches versaut.

 

 

(Photographien anklicken : die Galerie öffnet sich selbsttätig)

 

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Keine Reduktion der Lebensfreude

Auf meiner Inselplattenliste seit über vierzig Jahren ganz weit oben : Frank Zappa – Over-nite Sensation (1973)…


„Aber sterben! Gehn, wer weiß wohin,

daliegen, kalt und regungslos, und faulen!
Dies lebenswarme fühlende Bewegen
verschrumpft zum Kloß! Und der entzückte Geist
getaucht in Feuerfluten oder schaudernd
umstarrt von Wüsten ewiger Eisesmassen!
Gekerkert sein in unsichtbare Stürme
und mit rastloser Wut gejagt rings um
die schwebende Erde! Oder Schlimmeres werden,
als selbst das Schlimmste,
was Fantasie wild schwärmend, zügellos,
heulend erfindet : Das ist zu entsetzlich!
Das schwerste, jammervollste irdische Leben,
das Alter, Armut, Schmerz, Gefangenschaft
dem Menschen auferlegt, ist ein Paradies
gegen das, was wir vom Tode fürchten!“

(William Shakespeare : Maass für Maass oder Wie einer misst so wird ihm wieder gemessen. III,1)

 

Ich bedanke mich herzlich für die Bekanntmachung mit dem abgelichteten Orte. Die besondere Atmosphäre dieser Stätte, die Kühle des Sonntagvormittags am Abhang eines Waldrandes. Der Gegensatz zwischen diesem verlassenen Platz der Trauer und dem aufbrechenden Frühling.
Manche Gebäude betritt man gelegentlich durch den Hintereingang, weil man eben aus dieser Richtung sich angenähert hat. Hier wurden in vergangenen Zeiten die Verstorbenen hereingetragen. Die schon vor vielen Jahren von den Leichnamen geleerten Gefache mahnen an die manchmal prall gefüllten Schubladen eigener Vorurteile und Erwartungen.
Im Verweilen beginnen
Räume ihren eigenen, auf ersten Blick meist verborgenen Charakter zu offenbaren. Wenn man sich ergreifen lässt, genügen einige rasche Wische und das schlichte Mosaik eines Fussbodens zeigt sich.
Wie viele Menschen mögen sich am Ende eines Tages gegenseitig anblicken und mit leuchten Augen freudvoll sagen können : „das war unser Tag!“ ?
Es war gut, das Mausoleum durch den Haupteingang zu verlassen angesichts des
Imperativs zu beiden Seiten des Portals.

(Diesmal präsentiere ich ausnahmsweise wieder acht Photographien. Interessant sind die statistischen Anzeigen bezüglich meiner Galerien. Die ersten Photos werden ganz oft angeklickt, die letzten einer Galerie auffallend wenig. Ich werde darüber nachdenken.)

 

 

Traumfliegende Bibliotheksreduktion

Musik? Lesen ist eine nicht minder feine Zeitnutzung. Muche Moder Kille Fiste!
Hier stünde doch sonst immer Musik, sagst Du?
– ? – – : ! – : Zullen Tagel Lumpenfarren Sprehnen Kunze Schleipen Flarre Tufen. Wenn Du das laut liest, in einem Tempo, dass Du die Worte schmecken kannst : klingt es dann nicht auch wie Musik in Deinen Ohren?  – – : Seggen Simsen Mocke Schwiedeln Plumpen Mummeln Brusen Dingel Tacken  – – –
Ist da vielleicht keine Musik drin? : Flannen Limmen Wunnen Wutten Bucken Strallen Klissen…

Lesen ist schrecklich !
A.: Seine Bibliothek umfaßte später sechzehntausend Bände : mehr als einmal drohten ihn die Regalreihen aus seiner Wohnung zu verdrängen. Einmal, in einem merkwürdigen Anfall, verkaufte er sie kurzerhand. . .
B.(hineinfragend): Wer war es doch, der  – sehr richtig – den Ausspruch tat : „Wer die Hölle schon auf Erden kennen lernen will, der verkaufe seine Bibliothek“?
A.: Der eben hundertjährig gefeierte Humboldt. Aber wir wollen es nicht so tragisch machen : natürlich fing er sogleich, noch schneller, erneut zu sammeln an. Und besaß binnen Kurzem wiederum elftausend Bände. . .

Lesen ist schrecklich !
Dennoch konnte das Verhalten von Anton kaum der Auslöser gewesen sein. Nach vielen Jahren bin ich Anton eher beiläufig wieder begegnet. Genauer, Anton L. Den Familiennamen habe ich nie erfahren. Auch damals, vor etwa fünfundzwanzig Jahren nicht, als wir mehr Kontakt hatten. Aber was heisst schon Kontakt? Herr L. wohnte in der Stadt in häufigen wechselnden Zimmern zur Untermiete. Ob der Grund für die häufigen Zimmerwechsel seine Kleidung war oder die spiessbürgerliche Langeweile, die ihn umgab – ich habe es nie erfahren.

Bei Herrn L. war es ein heller Blitz, der ihn in der Nacht aus dem Schlaf riss. Ich hingegen glitt auf einem Teppich aus Satin und Efeugeflecht  aus meinem ruhigen Schlaf hinüber in eine mondichte Traumlandschaft. Zwischen Wacholderbäumen standen eicherne Raufen, in denen Bücher kreuz und quer lagen. Schon wollte ich, Jungfrau, die mich regiert, damit beginnen, diese Bücher zu sichten und zu ordnen. Ich dachte mich ganz allein in der mich umgebenden Ödnis, als meine Aufmerksamkeit von seltsamen Lichterscheinungen angezogen wurde. Da fiel mir wieder ein, dass Anton L. doch derjenige war, der als letzter und einziger Mensch die Erde bewohnte. Indem ich dieser Erinnerung folgte, funkelten die Lichter stärker und blendeten mich. Einen Mensch in einem Kleid aus schwarzen Spiegeln konnte ich in all dem Glitzern und Flimmern gerade eben so erkennen, der eben mit den Füssen den sandigen Boden berührte. Die Landung war lediglich eine kurze Filmaufnahme.  „Ich muss Sie sehen, sonst fliessen meine Augen aus“, rief ich.
„Bleiben Sie ruhig, Sie kennen mich doch längst.“ Indem ich Deine Stimme erkannte, sah ich auch das kluggeflochtene Diadem von Tuberosen, das Deinen feinen Kopf umflorte. Aus deren betörendem Duft erblühten die beiden Bruchstücke einer Scheibe, die sich nun wundersam zusammenfügten.
„Glaubst Du, dass man durch eine Litfasssäule hindurch in die Unterwelt gelangen kann?“ Ich mag es, wenn Du Schnütchen ziehst. Und mit ein wenig Lippenrot wirst Du unwiderstehlich.
„Keinesfalls. Aber das sage ich Dir : der helle Blitz, der Herrn L. mittnachts weckte, war kein Blitz, sondern das Gebell der beiden Hunde aus der Nachbarschaft. Und ausserdem geschiehts ihm ganz Recht, dass nur noch ein Leguan an seiner Seite lebt.“
„Klar, er ist eine Zumutung für seine Umgebung. Andererseits ist eine Zumutung eine Handreichung für andere Menschen, um Mut zu zeigen. Wusstest Du übrigens, dass der Leguan Sonja heisst. Herr Hommer hat ihn so getauft. Aber hat ja auch dreimal am Tag Kakteen gepflanzt.“
„Wolltest Du Bücher in die Raufe einlegen oder suchst Du bestimmte Titel?“
„Ach, nur mal einen Blick auf das Angebot werfen. Aber andernorts würde ich gerne einige abgeben.“
„Dann komm´ doch mit in die Stadt, ich kenne da eine Riesenbaustelle mit einem Bücherregal.“
„Einverstanden. Zumindest werden dort nicht die Wölfe und Bären frei herumlaufen. Der Anton hat doch…“
„…Du scheinst da etwas zu verwechseln. Wahrnehmung ist Falschnehmung.“
„Ach, der Franz Brentano lässt grüssen. Übrigens ist der Husserl durch diesen Satz zu seiner Phänomenologie inspiriert worden.“
„Du willst mich wohl foppen, mit Deinen verwegenen Anspielungen? Heh, ich bin hier in dieser ehemaligen Herberge.“
„Ja ja foppen, von wegen. Ich sehe doch mit meinen eigenen Augen, dass Du in dem Schaufenster dort drüben auf einem Zahnarztstuhl sitzt.“
„Wenn Du meinst – – . Was ist jetzt mit den Büchern?“
——————–
„Du kannst wieder aus dem Schaufenster kommen. Ich bin soweit bereit für einen feinen kleinen Rundflug über die Stadt. Vielleicht sehen wir Anton auf der Suche nach dem Buch. Die goldene Kugel ist der ideale Startplatz.“
„- – ? – – – – – ?“
„Ein ungelesenes Buch sträubt sich mitunter gegen das Gelesenwerden. Man muß den Widerstand brechen (es gibt auch andere, sozusagen feile und geile Bücher, die den Leser ansaugen; ob das die besseren sind, ist noch die Frage), man muß eine Bresche schlagen, das Vertrauen der ersten Seiten gewinnen…“
„Mensch, hast Du gesehen? Da unten isser. Nein, weiter drüben. Der hat die Scheibe von dem Hutgeschäft eingeschlagen. Jetzt probiert er den Deerstalker an. Unglaublich.“
„Jetzt braucht er nur nochne Handtasche für den Hommer´schen Leguan. Oh, schau mal das Café dort. Hast Du Lust?“
„Sieht ziemlich altmodisch aus.“
„Auch altmodisch ist modisch. Da kriegst Du bestimmt einen Tschai Latte.“
„Und Du für Dich einen S
ideritis Clandestina?“
„Allemal.“
Lesen ist schrecklich !

Allen Besuchern und Guggern wünsche ich ein erfreuliches Wochenende. Und den Lesern? Natürlich auch und eine famose Lektüre dazu. Vielleicht ein interessanter Fund aus einem öffentlichen Bücherschrank. Auf jeden Fall keine Zeit verschwenden für Autoren und Titel, die schon bald wieder vergessen sein werden. Das Leben ist zu kurz für die Eintagsfliegen! Oder erinnern Sie sich noch an die Preisträger irgendwelcher Literaturolympiaden vor drei Jahren? Na also!

(Photographien, aufgenommen während des Reisetraums des Traumreisenden. Anklicken vergrössert. Allemal !)

 

 

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Zu guter Letzt die literarischen Hin-/Nachweise:
1. die wunderschön wohlklingenden und bildhaften Pflanzenbezeichnungen gehen zurück auf das originelle System von Loren Oken. Nachzulesen in:
Lorenz Oken : Allgemeine Naturkunde für alle Stände. Dritten Bandes erste Abtheilung oder Botanik zweiten Bandes erste Abtheilung. Hoffmann´sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart. 1841.

2. Das dialogische Zitat über den Bücherverschlinger Ludwig Tieck stammt aus:
Arno Schmidt : >Funfzehn< Vom Wunderkind der Sinnlosigkeit. Ein Radioessay über Ludwig Tieck, 1959. Überhaupt sind Arno Schmidts Radioessays über Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts ungemein lehrreich und unterhaltsam obendrein. In den 1950er Jahren sicherte er sich damit seinen Lebensunterhalt. Alle Radioessays sind auf CDs erhältlich.
Arno Schmidt : Nachrichten von Büchern und Menschen. Folge 1 (12CDs) und Folge 2 (9CDs).

3. Falls Sie sich fragen sollten, was es denn nun mit Herrn Anton L. und den (nicht kenntlich gemachten) eingestreuten Zitaten in meinem Text auf sich hat, so können Sie ihm begegnen bei:
Herbert Rosendorfer : Großes Solo für Anton. Diogenes, Zürich. 1976. Seitdem immer wieder in verschiedenen Ausgaben verlegt. Eine unbedingte Lesenempfehlung, weil ebenso kauzig wie kurzweilig.

4. Und schlussendlich nur so als Anregung: statt Franz (nicht Clemens!) Brentano und Edmund Husserl empfehle ich für zwischendurch die Gedanken(werke) von Johann Georg Hamann. Einige Zitate zum Genussdenken tuns anfänglich auch. Zum Beispiel dies: „Der Ekel ist das Merkmal eines verdorbenen Magens oder verwöhnter Einbildungskraft.“

 

Reduktionsgewinne

In der weitgehenden Auflösung der Bibliothek tönen zur Arbeit die Stimmen der Vorleser. Zwischendurch die leise aufsteigenden Zweifel. Sie gehören zum Training. Reduktion beschenkt reichlich, sie will jedoch eifrig umworben werden.
Max Volkert Martens liest ausdauernde 2350 Minuten lang das Opus Magnum Uwe Johnsons : Jahrestage. Langeweile kommt nicht auf…

Das Herz des Rechenknechtes gab den Geist auf. Schon nach der Abgabe in der sogenannten PC-Klinik stellte sich in mir eine auffällige Gelassenheit ein. Ich vergass zu fragen, wie lange eine Reparatur wohl dauern könne. Tageweise brachten die Telefonate missliebigere Neuigkeiten. Na und, es ist wie es ist. Generationen schauen mir über die Schulter aus Vergangenheiten, in denen der private Umgang und der mit einer weiteren Öffentlichkeit in ganz anderen, jedenfalls persönlicheren Formen stattgefunden hatte.

Und jetzt sitzt Du neben mir und wir fahren zurück von den Freunden weiter nördlich. Am Rand der Heide klagt man nicht über das Wetter. Man erwartet kein anderes. Wie so viele Künstler hat auch der Herr Hundertwasser nicht weggeschaut, wenn Geld knisterte. Der Bahnhof wäre eine Diskussion wert.
Die Bundesstrasse 4 pflügt durch nebeldumpfe Gegenden, vorwiegend waldicht. Neben Uwe Johnson schiebt sich Arno Schmidt in meine Gedanken. Wir fahren langsam. Ich erzähle einiges von meinem vormaligen Lieblingsautor. Seine ländlichen Erzählungen handeln hier in dieser Gegend. Als Kind war ich öfter hier. An Wochenenden mit Tante und Onkel. Ich habe eine Vorstellung von der Heidelandschaft. Und zahlreiche Erinnerungen. In all das mischen Bilder aus den ländlichen Erzählungen. Die teilweise ätzenden Sprüche gegen die hiesige Landbevölkerung. Ihre Verschwiegenheit und ihre Verschlagenheit.
Dir liegt weniger an Heidelandschaften. Bist in einer anderen Heide gross geworden in diesem Land, deren stille Abwechslungslosigkeit noch nachzuwirken scheint.
Mensch, da sind jede Menge Teiche auf der Karte. Sicher gibts da auch eine Fischräucherei. Ich hätte Lust auf ein feinfrisches Fischbrötchen. Wer mit Landkarten reist hat den besseren Überblick und erspart sich die nervendes Geplapper aus dem Maschinchen.
Da vorn rechts. In der Tat. Du hast Recht mit deiner Mutung. Zuverlässig wie gewohnt. Du vermutest dich nur selten. Die Auswahl in dem kleinen, altmodisch schlichten Ladenlokal lässt nur eine Wahl. Die Fischbrötchen sind aber auch sowas von lecker.
Gugg´ mal, die Räucheraale. Hier mit diesem Prachtexemplar würde das Abendmahl zu einem kleinen Fest.
Sag mal, ganz hier in der Nähe steht das Haus von Arno Schmidt. (Man stelle sich vor: auf der Generalkarte aus den 1990er Jahren ist an der Ecke B4 – B244 noch immer Großer Kain zu lesen. Auch dies der Titel eines Feinkleinwerkes von Arno Schmidt.)
Wir hatten zwar eine andere Route geplant. Aber die kleinen Abenteuer ergeben sich auf Umwegen.
Ich war ewig nicht mehr in Bargfeld. Verfahre mich auch prompt. Aber in einem Kaff mit vier Strassen ist das ein zu vernachlässigendes Problem.
Mensch, ist das Grundstück eingewachsen. Man sieht das Holzhaus fast garnicht mehr. Wart mal, ich dreh um, dann steigen wir mal aus für ein paar Fotos.
Du vermutest dich wirklich sehr selten. Es war diese vermaledeite kleine Kante zwischen Weg und Acker. Der Wagen sitzt fest. Mir fallen sofort einige Anekdoten ein. Wie Arno Schmidt sich auslassen konnte über Leute, die an seinem Zaun entlang waberten. Bissig konnte er sein, der Solipsist in der Heide.
Nach einigen Versuchen steht fest, dass wir alleine die Karre nicht freikriegen würden. Klinkenputzen und klingeln.
Ja, da fragen Sie am besten beim Nachbarn.
Oh, ich würde Sie gerne rausziehen. Ich mach das ja immer gerne. (Immer? Klingt da Schadenfreude mit?) Aber unser Trekker ist in der Werkstatt.
Wen würden Sie uns denn empfehlen?
Joh, versuchen Sie das mal bei …
Wo mag sich das Landvolk am frühen Nachmittag wohl aufhalten. Nichts rührt sich nach den verschiedenen Klingeln. Dort vielleicht? Unfreundliche Windböen und der fisselige Nieselregen. Da, plötzlich kommt ein Lärm näher. Ein Monstrum von einem Traktor holperbrüllt um die Ecke. Stampft eilends auf uns zu. Der Fahrer scheint unser Winken zu ignorieren. Nochmal vierhändig. Vollbremsung. Genau neben uns. Wir erklären. Fragen und bitten. Ohne Kommentar donnert er mit seinem Ungetüm auf den Hof. Holt den Wagen aus der Garage. So richtig verstanden haben wir beide nicht, was da jetzt abgeht. Verschwindet mit dem Wagen irgendwo hinten auf dem Hof. Stille. Siestazeit in einem Heidenest. Wieso kommt der nicht mit einem Traktor zum Rausziehen?
Zackig kommt er plötzlich im PKW vom Hof und rasant auf uns zugedüst. Wir steigen ein. Der Mann fährt wirklich schnittig. Redet nichts. Wozu auch. (Das sind die Ahnungslosen aus der Stadt, die zu diesem verrückten Schreiberling pilgern) Holt die schwere Kette aus dem Kofferraum. Ein Klacks für einen Profi.
Vielen Dank. Wir möchten uns gerne erkenntlich…
Er schneidet mir das Wort ab: Macht zehn Euro!! Ich zahle und bekomme verabschiedend noch den kostenlosen Hinweis: Und machenSe das nich wieder.
Leicht durchnässt aber froh setzen wir unsere Reise fort. Der Aal zum Abendessen war ein natürlich Gedicht.

Der Rechenknecht muss wieder neu eingerichtet werden. Mit dem, was nicht verloren gegangen ist. Manches lässt sich wieder rekonstruieren. Anderes nicht. Auf dem Bau habe ich schon als Schüler gelernt: ein bisschen Schwund ist immer. Schadet ja auch nichts. Wenn ich mir bei den langweiligen Arbeiten nicht Uwe Johnson vorlesen lasse, lese ich selbst. Arno Schmidt? – Allerdings! Die kleineren Stücke. Aus der Inselstrasse. Oder die Stürenburg Geschichten. Und natürlich die ländlichen Erzählungen.
Im Zug der Reduktion steht die teure Vorzugsausgabe zum Verkauf. Heute Morgen erst fand ein erfolgreiches Verkaufsgespräch statt in Sachen der dritten Werkgruppe der Bargfelder Ausgabe. Ich habe letzthin in einem öffentlichen Bücherschrank einige der alten, lieblos gemachten Taschenbücher des Fischer Verlages gefunden. Die zerfleddern zuverlässig beim umblättern der Seiten.
Das macht aber nichts, weisst du. Wenn wir wieder einmal zusammen auf eine Entdeckungsfahrt gehen, stecke ich mir eins oder zwei davon in den Rucksack. Und wenn ich den Wagen dann wieder in einer Feuchtwiese versenken sollte entgegen deiner Mutung und es obendrein draussen regnet, dann lese ich dir eine dieser kleinen Schmidtchen Paradestückchen vor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein aufs Wesentliche reduziertes Wochenende.

(Photographien OoC, da sich meine Bildbearbeitungsprogramme beim Festplattentod grusslos verabschiedet haben)

 

 

 

Salzig die Kehle wenn die Welle an Land läuft

Es gab Bands damals, die hatten eigens einen Texter für ihre Lieder. Deren Texte waren für uns Schüler arge Herausforderungen. Wir nahmen damals wörtlich, was wir uns anders garnicht denken konnten. Eine dieser Bands war Procol Harum. Die lyrische Poesie von Keith Reid fasziniert mich. Das Lied gab der ganzen Langspielplatte ihren Titel: Procol Harum – A Salty Dog (1969)…

„Ey, machst mir noch einen?“
„Aber klar. Zum Wohl.“

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne die alten vertonten Gedichte. Übertrage auch manche gerne. Es geht eher um die Stimmung dabei, die Atmosphäre, die vom Text durch die Musik ausströmt. Weniger um den angeblichen tieferen Sinn. Was uns der Dichter damit sagen will? Kopfgesteuerte Interpretationen zerpflügen das Gefühl. Eine schöne Geschichte hat Udo Lindenberg vor Jahrzehnten bereits aus diesem Lied gemacht.

„Das Gleiche nochmal?“
„Yepp. Aber mach´ mirnen Doppelten.“

„Alle Mann an Deck – wir laufen auf Grund!“
Ich höre den Käpt´n schrei´n
„Durchsucht das Schiff, löst den Koch ab:
Lasst keinen am Leben.“
Durch alle Meerengen, rund um Kap Hoorn:
Wie weit können Matrosen fahren?
Vertrackte Strömung, qualvoller Kurs,
Lebend kommt keiner davon.

Wir segelten in Gegenden, die niemand vor uns sah, dahin,
Wo Schiffe heimkommen zum Sterben
Keine vornehme Piek, auch keine steile Klippe
kam dem Auge unsres Käpt´ns gleich
Nach sieben Tagen Seekrankheit liefen wir einen Hafen an
So weiss der Sand und die See so blau –
Kein guter Ort zum sterben

Wir haben Kanonen abgefeuert, Masten abgefackelt und
Pullten vom Schiff zum Strand
Der Käpt´n flennte, wir Seeleute weinten:
Unsere Tränen waren Freudentränen
Das ist viele Monde her und noch mehr Juninächte
Seit wir an Land festmachten
Ein salty Dog, des Seemanns Logbuch,
Euer Zeuge meine eigene Hand….

„Einen nehme ich noch. Der rollt so schön wie eine sanfte Welle die Dünung runter.“
„Gerne. Du weisst ja, was ich für deinen nehme: 4cl Wodka, 8cl Grapefruchtsaft und zerstossenes Eis ganz wie es in deine Strömung passt….“
„Leg doch nochmal den Tonarm in die Rille
„Na denn…“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen guten Wind in den Segeln.

 

 

 

Manchmal ganz einfach

Das Archiv erneut um hunderte Scheiben erleichtert. Die Klänge sind stumpf geworden. Erleichterung. Leichte Begleitmusik:
Bad News Reunion – The easiest Way (1980)…

Die kleine Reisegruppe ist paritätisch besetzt. Neu und alt oder auch Ost und West. Die Interessen sind auf zwei Haltepunkte der kleinen Reise fixiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Mittelpunkt steht der Austausch über die jeweiligen Wahrnehmungen und Erkenntnisse. Mögliche neue Entdeckungen. Die gegenseitige Ergänzung des individuellen Wissens. Im guten Fall die solide Horizonterweiterung der Mitreisenden.

Zuerst eintauchen in die Welt der Geraden, der rechten Winkel und der damals neuen Materialien. Die Moderne, die wir heute die klassische Moderne zu nennen pflegen. Die planende und konstruierende Gedankenwelt. Kalt und zielgerichtet. Die Übernachtungen im ehemaligen Atelierhaus stilgerecht rekonstruiert. Die Räume sind auf den Zweck reduziert. Karg ohne Überflüssigkeiten. Schlicht und schön. Konzentrationsräume. Die Führungen sind sachlich, informativ und punktuell erfreulich humorvoll. Ich bin gerne offen für moderne Entwicklungen wenn dabei der Mensch mit seinen ursprünglichen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Das geschieht bedauerlicherweise immer seltener.
Beim Besuch der ehemaligen Meisterhäuser flackern zunächst unbestimmbare Emotionen In der Struktur unserer Gedanken auf. Meist bleiben unsere Gefühle im Spinnwust von Sympathie und Antipathie, Gefallen oder Nichtgefallen gefangen.
Vom Wohnzimmer Paul Klees hinaus in den Garten zu blicken. Die goldene Wandnische im Haus Wassily Kandinskys. Ist das Erhabenheit?  Interessant jedenfalls die Hinweise auf Mängel der Planung und Gestaltung. Noch deutlicher wahrzunehmen in der Siedlung Törten. Die Planer haben ihre ehrgeizigen Ziele häufig über die alltäglichen Lebensanforderungen der Arbeiter gestellt. Die Schattenseiten der l´art pour l´art. Nie zuvor stärker wahrnehmbar als in unserer Zeit.

Hunderte kilometerweite Fahrten durch die Dome alter Alleen. Die leichten Kurven der Landstrassen besänftigen die Gedankensphären der Reisenden. Quer durch den Fläming, die südöstliche Fortsetzung der Lüneburger Heide Richtung Nordosten. Die mässig hügelige, sanft gewellte Landschaft schafft die harmonisierende Gleichwertigkeit von Gedanken und Gefühlen. Wir sind auf dem Weg in die am dünnsten besiedelte Region Deutschlands. Wasserlandschaften. Endlos scheinende Wasserflächen, ewig in Bewegung. Fliessen, mäandern, unregelmässige Formen natürlicher Gestaltung. Logische Pläne, deren Wissen uns seit Jahrhunderten schon verloren gegangen ist. Gefühlswallungen statt lebendigem Wissen. Wie weit mögen wir die Fähigkeit, unsere Mitte zu bewahren, bereits verloren haben. Wir haben den Bogen weit gespannt. Zufriedenheit und Glück erfüllen das von alltäglichen Ablenkungen ermattete Gemüt.

Abends an einem Fluss sitzen. Eine Flasche Wein begleitet die Reflexionen, das nachwirkende Tagesgeschehen. Traumverwoben verschwimmt das Ufer in der Dämmerung. Fledermäuse stossen zackig in die Nacht.
Mit der aufgehenden Sonne am anderen Morgen wabern die Nebel über der Wasseroberfläche. Ein heisser Tee begleitet die Beobachtungen der sich stetig ändernden Lichter. Wie Wasser strömen wir dahin auf unseren Lebenswegen.
Ein anderes sind die Orte, die wir streiften und nicht besuchten. Sie sind aufbewahrt in Wünschen für kommende Reisen. Die vielen Begegnungen mit den Menschen wirken nach und werden sich vielleicht erzählen lassen zu ihrer Zeit.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende.

(Fotografie anklicken und alle Sinne öffnen…)