Manchmal ganz einfach

Das Archiv erneut um hunderte Scheiben erleichtert. Die Klänge sind stumpf geworden. Erleichterung. Leichte Begleitmusik:
Bad News Reunion – The easiest Way (1980)…

Die kleine Reisegruppe ist paritätisch besetzt. Neu und alt oder auch Ost und West. Die Interessen sind auf zwei Haltepunkte der kleinen Reise fixiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Mittelpunkt steht der Austausch über die jeweiligen Wahrnehmungen und Erkenntnisse. Mögliche neue Entdeckungen. Die gegenseitige Ergänzung des individuellen Wissens. Im guten Fall die solide Horizonterweiterung der Mitreisenden.

Zuerst eintauchen in die Welt der Geraden, der rechten Winkel und der damals neuen Materialien. Die Moderne, die wir heute die klassische Moderne zu nennen pflegen. Die planende und konstruierende Gedankenwelt. Kalt und zielgerichtet. Die Übernachtungen im ehemaligen Atelierhaus stilgerecht rekonstruiert. Die Räume sind auf den Zweck reduziert. Karg ohne Überflüssigkeiten. Schlicht und schön. Konzentrationsräume. Die Führungen sind sachlich, informativ und punktuell erfreulich humorvoll. Ich bin gerne offen für moderne Entwicklungen wenn dabei der Mensch mit seinen ursprünglichen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Das geschieht bedauerlicherweise immer seltener.
Beim Besuch der ehemaligen Meisterhäuser flackern zunächst unbestimmbare Emotionen In der Struktur unserer Gedanken auf. Meist bleiben unsere Gefühle im Spinnwust von Sympathie und Antipathie, Gefallen oder Nichtgefallen gefangen.
Vom Wohnzimmer Paul Klees hinaus in den Garten zu blicken. Die goldene Wandnische im Haus Wassily Kandinskys. Ist das Erhabenheit?  Interessant jedenfalls die Hinweise auf Mängel der Planung und Gestaltung. Noch deutlicher wahrzunehmen in der Siedlung Törten. Die Planer haben ihre ehrgeizigen Ziele häufig über die alltäglichen Lebensanforderungen der Arbeiter gestellt. Die Schattenseiten der l´art pour l´art. Nie zuvor stärker wahrnehmbar als in unserer Zeit.

Hunderte kilometerweite Fahrten durch die Dome alter Alleen. Die leichten Kurven der Landstrassen besänftigen die Gedankensphären der Reisenden. Quer durch den Fläming, die südöstliche Fortsetzung der Lüneburger Heide Richtung Nordosten. Die mässig hügelige, sanft gewellte Landschaft schafft die harmonisierende Gleichwertigkeit von Gedanken und Gefühlen. Wir sind auf dem Weg in die am dünnsten besiedelte Region Deutschlands. Wasserlandschaften. Endlos scheinende Wasserflächen, ewig in Bewegung. Fliessen, mäandern, unregelmässige Formen natürlicher Gestaltung. Logische Pläne, deren Wissen uns seit Jahrhunderten schon verloren gegangen ist. Gefühlswallungen statt lebendigem Wissen. Wie weit mögen wir die Fähigkeit, unsere Mitte zu bewahren, bereits verloren haben. Wir haben den Bogen weit gespannt. Zufriedenheit und Glück erfüllen das von alltäglichen Ablenkungen ermattete Gemüt.

Abends an einem Fluss sitzen. Eine Flasche Wein begleitet die Reflexionen, das nachwirkende Tagesgeschehen. Traumverwoben verschwimmt das Ufer in der Dämmerung. Fledermäuse stossen zackig in die Nacht.
Mit der aufgehenden Sonne am anderen Morgen wabern die Nebel über der Wasseroberfläche. Ein heisser Tee begleitet die Beobachtungen der sich stetig ändernden Lichter. Wie Wasser strömen wir dahin auf unseren Lebenswegen.
Ein anderes sind die Orte, die wir streiften und nicht besuchten. Sie sind aufbewahrt in Wünschen für kommende Reisen. Die vielen Begegnungen mit den Menschen wirken nach und werden sich vielleicht erzählen lassen zu ihrer Zeit.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende.

(Fotografie anklicken und alle Sinne öffnen…)

 

 

 

 

 

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Rock’n’Roll : Bundeskanzler und Bundesstrassen

Es war das erste Konzert, bei dem ich im Publikum echte Rock’n’Roller erlebte. Irgendwie aus der Zeit gefallen und scheinbar stehengeblieben, die alten Herren mit den pomadisierten Entenschwänzen und völlig unförmigen Lederklamotten aus den 50er Jahren. Am Ende des Konzerts lag das Sitzmobiliar auf einem grossen Haufen als Kleinholz mitten in der Halle. Wir Kleinstadtbuben waren mächtig beeindruckt. Es geschah bei einem Auftritt von Chuck Berry. Die Veröffentlichung seiner letzten Scheibe erlebte er leider nicht mehr. Nichts wirklich Neues, aber die Stimmung kommt bei den meisten Stücken noch immer rüber: Chuck Berry – Chuck (2017)…

Die Aufregung um seinen Tod ebbt offensichtlich schnell ab. Gut so. Was ich von ihm gelernt habe und ihm verdanke, ist das Recht auf Vergessen. Mehrere Prüfbegegnungen mit deutschen Behörden liefen für mich dadurch positiv, weil ich mich auf das Recht des Vergessens berief. In meinen Fällen ging es allerdings weder um Parteispenden noch um andere moralisch zweifelhafte Handlungen.
Es geschah zufällig während seiner Amtszeit als Bundeskanzler, dass den Besatzungsmächten die Bewachung und Bevormundung der beiden Deutschlands zu teuer geworden war. So ist der Lauf der Geschichte. Er war ebenso wenig der Macher der deutschen Wiedervereinigung wie Ludwig Erhard der Vater der DM gewesen ist oder irgendetwas zum sogenannten deutschen Wirtschaftswunder beigetragen hat. Aber das schlichte Gemüt des Alltagsmenschen in uns liebt eben historische Verklärungen statt der echten alten Volksmärchen. Die Historiker dagegen sprechen eine andere, eindeutige Sprache.
Was ich ihm noch immer verüble, ist das uneingelöste Versprechen blühender Landschaften im Osten Deutschlands. Denn auch ich im Westen verband Hoffnungen mit der Wiedervereinigung. Nämlich mindestens das Ende des politischen und kulturellen Tiefschlafs in Deutschland und damit das ersehnte Ende der Herrschaft Kohls.
Welch ein böses Erwachen, als die Menschen im Osten Deutschlands ausgerechnet seine Partei erneut zur stärksten Kraft machten und damit seinen Freunden, den windigen Wendegeschäftemachern und absahnenden Kahlschlägern Tür und Tor öffneten.
Aber das ist lange her. Jetzt beginnen die Legendenschmiede mit ihrem Gedengel. Das interessiert mich nicht. Mir ist wichtiger, dass ich endlich den Osten meines Landes bereisen und Menschen kennenlernen kann. In den Gesprächen dabei kann ich viel von den Menschen lernen und meinen indoktrinierten Blick auf die ehemalige DDR endlich korrigieren.

Zu Beginn der 1930er Jahre nummerierte man die Fernverkehrsstrassen in Deutschland. Diese folgten häufig alten, manchmal sogar jahrhundertealten Handelswegen. Vereinfacht kann man sagen, umso kleiner die Ziffer, desto länger die Strasse. Die Reichsstrasse 1 (R1) beispielsweise führte über fast 1400 Kilometer von Aachen bis nach Eydtkuhnen an der damaligen deutsch-lettischen Grenze. Daraus wurde im Lauf der Geschichte die heutige B 1, die jetzt von Aachen nach Küstrin-Kietz an der deutsch-polnischen Grenze verläuft.

Der Fernreisende ist gewohnt, das weithin gut ausgebaute deutsche Autobahnnetz zu nutzen. Hohe Geschwindigkeiten versprechen Zeitersparnis. An diese versprochene Wirklichkeit kann ich mich noch gut erinnern. In knapp vier Stunden Fahrzeit von Frankfurt nach Hamburg oder nach München waren fast immer möglich. Das ist lange her. Kilometerlange Baustellen und Karawanen von Lastkraftwagen bedingen erhebliche Geschwindigkeitsreduktionen bei enorm erhöhtem Zeitaufwand. Warum also nicht zur Überwindung einer längeren räumlichen Distanz wieder einmal eine der vielen Fernverkehrsstrassen benutzen. Beispielsweise die B 6, die alte R 6. Sie führte ursprünglich von Bremerhaven nach Görlitz. Und nach der Besetzung Polens ab 1939 gar bis Breslau. Nach dem zweiten Weltkrieg endete die B 6 an der deutsch-deutschen Grenze bei Goslar und wurde in der DDR als F 6 (Fernstrasse 6) vom Harz bis nach Görlitz weitergeführt. Derzeit verläuft die B 6 von Bremen nach Görlitz. Oder umgekehrt.
Wir entschieden uns gegen die übervolle, verstopfte Autobahn A4 und nahmen dafür die B 6 westwärts. So viele Attraktionen warten entlang der Strecke. In Löbau das von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke, das entsprechend der Vorgaben des Nudelfabrikanten Schminke an seine Vorliebe für Schiffe erinnern sollte. Orts- und Stadrdurchfahrten, bei denen es mehr zu sehen gibt, als man aufnehmen kann. In Dresden beispielsweise das ehemalige Fabrikgebäude der Zigarettenfabrik Yenidze.
Seinerzeit im alten Morgan fuhr ich viel öfter auf Fernstrassen. Eine Fahrt von zwei- bis dreihundert Kilometern auf den grossen Bundesstrassen dauert kaum länger als die gleiche Strecke auf der Autobahn. Obendrein fährt man entspannter und hat einen breiteren Raum, den man sehend erfassen kann. Einzig die Verführungen (nicht nur für Fotografen) entlang der Strecke, die Baudenkmale, verlockende Gasthäuser an alten Strassenkreuzungen und malerische Landschaften können die Reisezeit verzögern. Aber selbst dies wird man am Ende als Gewinn für sich verbuchen können.

(Bild anklicken und die Galerie öffnen)

 

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Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Auch das Schlechte lässt sich weiter steigern

Wer weiss woran es liegen mag. Vielleicht weil man als Sehmann den Anfang des 121. Psalms kennen kann („Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“). Mag sein, dass der Auslöser ein Musikstück gewesen ist. David Bowie singt „This is not America“: Zu hören ist das Lied auf: Pat Metheny – Falcon and the Snowman (1985) …

Sicher ist dagegen, dass seit der Privatisierung der ehemaligen Deutschen Bundesbahn ein Netzwerk von Privatbahnen entstanden ist. Überaus wichtige Arbeitsplätze sind dadurch geschaffen worden. Für Geschäftsführer mit Firmenwagen, Marketingspezialisten und Softwarespieler. Das alles verschlingt viel Geld. Eines der Ziele scheint dabei die Abschaffung des Service zu sein. Zuspätkommen und Ausfallen von Zügen als letztes Abenteuer auf Reisen für weitgehend entrechtete Kunden und Passagiere.
Ich benutzte eine bestimmte Zugverbindung in diesem Jahr bereits mehrmals. Die private Zulieferbahn für den Intercity kommt dabei regelmässig zu spät.
Der freundliche Mitarbeiter im Reisezentrum der Bahn schreibt mir mein Ticket um. Regulär gebucht, ist diese aktualisierte Verbindung sechsmal teurer als meine ursprünglich gekaufte Fahrkarte. Und eine Stunde weniger dauert die Fahrt obendrein. So viel Glück verdient ein Bahnkunde nicht. Dass ich entgegen der Fahrtrichtung sitzen muss ist da nur ein gerechter Ausgleich. Dabei traue ich der Vorsehung mehr als den Rückblicken. Da beim letzten Umstieg die regionale Bahn heute wieder eine Verspätung von einer halben Stunde hat… Alles, wie wir Reisende es inzwischen still grollend hinnehmen. Aber ganz ehrlich. Wir alle wollen es doch so: immer mehr reisen für immer weniger Geld.

Aber was nutzen all diese Betrachtungen? Reisen mit der Bahn ist zu einem Lotteriespiel mit der Zeit verkommen. Gerade, ungerade, rot oder schwarz. Billigpreise und Verspätungen. Schienenroulette und Black Jack auf zugigen Bahnsteigen.
Verbesserungen im Service werden grossmäulig vollmundig versprochen. Damit ist beispielsweise die überflüssige App gemeint für die süchtigen Handfesselstreichler. Die daddeln derweil die aktuellen Beeinträchtigungen.
Besonders hilfreich finde ich die Ansage, auf welcher Seite in Fahrtrichtung sich der Ausstieg am nächsten Bahnhof befindet. Wie oft würde ich mich sonst vielleicht zwischen den beiden zur Auswahl stehenden Türen verlaufen.

Dabei fahre ich gerne mit dem Zug. Ich komme aus einer Eisenbahnerfamilie. Unter meinen männlichen Vorfahren waren Lokführer und Oberlokführer. Das ist jedoch lange her. Noch länger als die Zeiten, da man noch an interessanten Gesprächen teilnehmen konnte. Heute dagegen bedeutet Schweigen fast schon Reiseglück. Die wichtigtuerischen Handfesselschwätzer zählen auf Publikum im Grossraumwagen. Und muten einem dabei zu, was man lieber nicht hören möchte. .

                                                                      (Foto anklicken zur Grosssichtverbesserung)

Sag´ mir, Liebster, in welche Richtung…

Sag´ mir, Liebster, in welche Richtung zieht es dein Herz?

Ach, Liebste, in alle Himmelsrichtungen gleichermassen zieht es mich.
Im Osten der Sonnenaufgang hinter der Silhouette der grossen Stadt. Den Hals entblösst, liegt der seidenfein gewebte, ausladende blaue Schal auf der taufeuchten Wiese ausgebreitet, bereit, neues Leben umhüllend in die Welt zu tragen.

In die gradlinige gedankenklare Kälte des Nordens will ich ziehen. Nebligschwadig steigen aus unermesslichen Wäldern die alten Geschichten auf. Eiswindigen Wegweisern folgend bis zu den letzten Menschenwohnungen. Frosterstarrte Herzen zu wärmen gilt es dorten.

Mutanfällige Sprünge in das lodernde Lebensfeuer des Südens. Herzen von Sonne warm erfüllt und Lebensfreude im pulsenden Strom des ewig bewegten Meeres. An den Gestaden sind im heissen Sand Wärmegerüste für menschenfreundliche Gedanken zu schmieden.

Der Friede ruht tief in der Erde des Westens. Blühen wird er durch das Handeln freier Menschen aus dem freien Willen zum Nutzen aller. Erst dann wird man seine Freiheit gewinnen, wenn man diesem Ziel sich annähert und tatkräftig an der grossen Aufgabe mitwirkt.

Pilger sind wir, jeder auf seinem Lebensweg hin zu der einen Destination. Hin zur Mitte. Dorthin ins Zentrum, wo Herzen und Gedanken sich treffen im golden schimmernden Kehlkopf. An diesem Ort wird die Verbindlichkeit der Sprache geschöpft.

Liebste, in all diese Himmelsrichtungen will ich ziehen und jede besingen, wie es ihr zusteht. Du kannst mich hören, sehen und fühlen, immer wenn Du mit mir unterwegs bist.

Aber sage mir, Liebster, an welchem dieser Orte vermag ich Dich denn zu finden?

An welchem Ort? Dieser Ort, Liebste, dieser Ort kann überall sein. Die zentrale Mitte, in der alle Himmelsrichtungen punktgenau zusammenstreben und wo das Sein achtsam umschlossen wird, entsteht überall dort, wo wir uns begegnen, fugenlos im Takt unserer Herzen.

Der Text wurde angeregt durch einen gebloggten Funkenregen und das Lied Refugees, zu hören auf: Van der Graaf Generator – The Least We Can Do Is Wave To Each Other (1970)….