Freitagnachmittags einfach so

Aus Finnland an den Rhein gekommen: Wentus Blues Band feat. Phil Guy – The last of the big time spenders (2005)…

Das Internet soll ja angeblich nichts vergessen. Wenn dereinst jemand diesen Beitrag entdeckt, wird er sich fragen, von was denn da die Rede gewesen sei. Einzelhandel?
Den wirds in der gewohnten Form über kurz oder lang nicht mehr geben. Die heutigen Erstklässler werden schon bei ihrem Schulabschluss nicht mehr wissen, was ein Tante-Emma-Laden gewesen ist. Den haben die Konsumenten durch ihr Konsumverhalten bis dahin zum endgültigen Verschwinden gebracht. Mit ihren Ansprüchen. Dem was sie erwarten, haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Hohe Erwartungen, eine bandbreite Auswahl und das alles zum Minimalpreis. Unzufriedenheit ist ein fürchterlicher Treibstoff.
Ein europaweit sich vorfressendes Kettenunternehmen wirbt mit einem bestimmten Reizwort ausschliesslich in Deutschland. In deren Werbung in anderen europäischen Ländern findet man dieses Wort nicht. Dass dieses Alles-haben-wollen zum Kleinstpreis sich hierzulande mit sexuellen Begierden zusammenbringen lässt, wirft auf die deutschen Durchschnittskonsumenten ein merkwürdiges Licht.
Es gibt natürlich auch die Einzelhändler, denen ihr Kleinunternehmertum zu Kopf gestiegen ist. Die dadurch ihre Geschäfte selbst ruiniert haben. Zweifellos. Aber es ist das Verhalten der Masse der Konsumenten, die dafür sorgen, dass man über kurz oder lang nur noch bei Kettenläden kaufen können wird.
Es denkt sich doch längst kaum noch jemand etwas dabei, wenn die (meist) weibliche Aushilfe in der Bäckereifiliale also spricht: Ich werde später nochmal französisches Weissbrot backen. Wenn sie wenigstens aufbacken sagen würde zum dem Vorgang, wenn die Frosterware in den Heizofen geschoben wird.
Ein Jahr intensiver Beschäftigung mit Einzelhandelsfachgeschäften hat mein Bild von Konsumenten erheblich verändert. Deren unverschämtes Verhalten macht manchmal geradezu sprachlos.

Auf der vormals für kalte Büffets verwendeten grossen Platte fehlen verblühte gelbe Rosenblütenblätter. Rote, weisse, rosa und sogar violette Rosen blühen im Ärmelgarten. An gelben hingegen mangelt es.
Ich radle nach Mainz. Dort im Rosengarten gibt es Rosen in allen Farben und vielleicht habe ich Glück und gelbe Rosen sind am Verblühen.
In der Stadt genehmige ich mir ein Eis und schaue bei Oxfam vorbei. Draussen sehe ich das junge behinderte Paar. Der Mann kann nur mit grosser Mühe und mit Hilfe eines Gestells überhaupt gehen. Die Frau schafft es zwar ohne Hilfe, bewegt sich aber auch sehr wacklig. Ich verstehe aufgrund ihrer Artikulation nicht, über was sie sich unterhalten. Das ist aber nicht nötig. Denn etwa alle fünfzig Meter bleiben die beiden stehen. Ihre herzinniglichen Umarmungen sprechen dabei mehr als alle Worte. Ihr Anblick berührt mich.

Auf der Eisenbahnbrücke frage ich mich, wie oft wir darauf wohl schon gemeinsam den grossen Fluss mit dem Rad überquert haben. Das Wasser im Rhein ist weder golden noch ist es Wein (***). Der Rhein leuchtet heute in dunklem Türkis. Ich sehe dem Schifffahrtsverkehr zu und mir fällt dabei der Mann von vorgestern im Zug ein. Den mit dieser sonderbaren Zeitschrift. Es scheint mittlerweile für jede Überflüssigkeit und für jeden Konsumunsinn eine Zeitschrift zu erscheinen.
Drüben an der Mainspitze ist noch nichts los. Unter der Brücke gehen zwei Männer in schwarzen Badehosen flussaufwärts.
Zwanzig Minuten später sehe ich sie wieder flussabwärts in Richtung City schwimmend. Meine Badehose liegt zuhause im Schrank. Und mir fehlt eine Begleitung. Aber wer weiss, in den nächsten Tagen vielleicht. Im Rhein schwimmt man nicht alleine. Es braucht so wenig, damit die Lebensfreude aufblüht.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Sommerwochenende.

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Strand Reklame Schranke Abseits

Allgemein bekannt ist der Mann als satirischer Zeichner des amerikanischen Lebensweges. Als Musikant ist er von vielen Menschen wahrscheinlich noch zu entdecken: Robert Crumb & The Cheap Suit Serenaders – Singing in the Bathtube (1993)…

Die Nacht endet zu früh. Der Griff zur Sehprothese. Es zwickt an der Augenbraue. Vorsichtige Fingerprüfung. Kling. Der Blick ins Leere. Ein Glas fällt heraus. Das neue Gestell ist gebrochen. An der offensichtlichen Sollbruchstelle ist nichts mehr zu machen. Der Tag beginnt mit einer Überraschung.

Ich frage mich, warum die Europameisterschaft so lange dauert. Zu viele Mannschaften, zu viele Spiele. Und überhaupt, wer kann wochentags schon am frühen Nachmittag Fussballspiele sehen. Die verbalen Fehlgriffe von Sportkommentatoren sind Legion. Immerhin habe ich als Zuschauer nach einigen Spielen gelernt, dass die isländische Mannschaft aus Wikingern besteht, die irische die Green-White-Army ist und das polnische Team ein Kollektiv. Die 2:0 Führung des nordirischen Teams soll ein Zwergenaufstand gewesen sein. Ich habe nirgends im Stadion Zwerge gesehen. Und die nordirischen Spieler sind von normaler Körpergrösse. Das habe ich genau gesehen, denn damals war die neue Brille noch in Ordnung.

Durch den für mich unüblich hohen Fernsehkonsum nehme ich an den Werbeeinblendungen teil. Fast jede zweite Reklame preist pharmazeutische Produkte an. Dazwischen die Verführungen der lebensmittelchemischen Industrie, der Automobil produzierenden Fabriken und schliesslich der Tierfutterhersteller. Mir fällt auf, dass in den Spots sehr subtil das schlechte Gewissen und die Leistungsfähigkeit der Zuseher attackiert wird. Ich bin heilfroh, dass ich von Tageszeitungen, Nachrichten und Reklamen normalerweise weitgehend verschont bin. Müsste ich das alles tagein tagaus ertragen, ich glaube, ich würde irgendwann durchdrehen. Oder mein Hoftor mit einer Bahnschranke verschliessen. 

Im Piper Verlag erschien zwischen 1927 und 1938 die Buchreihe „Was nicht im Baedecker steht„. Eine Serie von alternativen Reiseführern. Geschrieben von seinerzeit durchaus prominenten Autoren. Im Band IX Frankfurt, Mainz, Wiesbaden  lese ich den Satz von Hans Reimann, „wir sind hingerissen von Schönheiten und Absonderlichkeiten jener Länder, die wir als Fernreisende betreten! Stünde Oberursel [bei Frankfurt – Anm. von mir] in Kroatien oder Norwegen: jedes bisschen Gemäuder, jeder Winkel und jedes pittoreske Tor erschiene „romantisch“ und erregte unser Entzücken.“ (S.196).
Recht hat der Mann, auch hier in der Nähe kann man am Strand in der Sonne liegen. In Rheinhessen. Zugegeben, das Badevergnügen endete vor dreissig Millionen Jahren durch klimatische Veränderungen. Auf dem Meeresboden sind längst Dörfer entstanden. Aber Strand und Küste sind noch auffindbar. Daran erinnerte ich mich wieder durch einen Hinweis im Blog von Frau Wildgans.

In meinem Blog sind die Beiträge und die dazugehörigen Fotografien in der gleichen Reihenfolge nummeriert. Die Zahlen differieren mittlerweile. Seit meinem Umzug auf diese Plattform sind bis jetzt dreizehn Beiträge verschwunden. Fast hätte ich mich dazu hinreissen lassen, für die offene Frage Zeit zu verschwenden.
Stattdessen freue ich mich an den Inhalten im Briefkasten am Ärmelhaus. Handgeschriebene Briefe und Karten nehmen wieder zu. Auch die Zusendungen von Fundstücken und allerlei schöne Überraschungen. Das wärmt das Herz deutlich mehr als ein Gefällt-mir-Klick oder die künstlichen Aufregungen über die Ver(w)irrungen mancher Blogger.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende.

                                                                                (Foto anklicken – gross gugge)


Knieschoner und mehr für Fahrradfahrer

Bei vielen Neil Young Fans unbeliebt, bei mir nicht, im Gegenteil: Neil Young – Re-ac-tor (1981)…

Als Buben haben wir uns lustig gemacht über die älteren Männer, die mit den Fersen auf den Pedalen ihre Fahrräder vorwärts trieben. Die Fusspitzen dabei nach aussen gestellt versteht sich. Damals hatten wir noch keinen Physikunterricht in der Schule und wussten nicht um die bedeutende Tiefenwirkung dieser Pedaltechnik.
Überhaupt waren wir damals froh, alleine einen Platten beheben zu können. Einen geflickten Schlauch wieder zu montieren und das Rad einzubauen ohne einen neuerlichen Schaden zu verursachen. Wer mit Schraubenziehern den Deckmantel hebelt, muss wissen, was er tut. Die Höhe des Sattels, die Breite des Lenkers, der Vorteil einer gepflegten Kette. Keine Ahnung – ist das wichtig?
Als ich meine Motorräder verkauft hatte, um mich Fahrrädern zuzuwenden, las ich auch einige Bücher zum Thema. Eines davon kaufte ich eher aus Spass. Wegen des Titels vielleicht. Mag sein, denn die Schulzeit lag weit zurück und die Physik wurde nie meine intimere Freundin.
Formeln sind in dem Buch und einiges an Theorie. Der Autor ist von Hause aus Physiker und betrachtet das Zusammenwirken von Mensch und Fahrrad aus genau diesem Blickwinkel.

Ich habe dennoch einen enormen Gewinn aus dem Buch bezogen. Ich überwand meine Vorurteile, liess die Formeln und theoretischen Textteile beiseite und lass lediglich das, was mir sofort einleuchtend war, das Praktische.
Und nahm sogleich das Werkzeug zur Hand. Das Ergebnis war ein neues Fahrrad. Also nicht ein neu gekauftes Rad. Aber, als ich nach der Vermessung und der passgenauen Einstellung auf meine Körpergrösse mein Rad bestieg und zu einer Proberunde losfuhr, meinte ich wirklich, auf einem anderen Fahrrad zu sitzen.
Es gibt zwar noch die alten Männer auf Fahrrädern, aber die rasen mittlerweile elektromotorgetrieben durchs Gelände. Inzwischen weiss ich aber natürlich, dass die älteren Männer mit den Schrägfüssen auf den Pedalen etwa zehn Prozent ihrer Tretenergie dazu verwenden durch falsche Hebelwirkung ihre Kniegelenke zu ruinieren.
Halswirbelsäulen, Schultergelenke, Sehnen und anderes nehmen dem Radler kostbare Energie beim Radeln. Statt Fahrspass zu haben wird die Kraft verbraucht, um Schmerzen, Verspannungen und Gelenkabnutzungen zu erzeugen. Vielfahrer mit dauerhaften Beschwerden sind seit dem neueren Fahrradboom keine Seltenheit. Das kann man verhindern.

Das Buch ist ein Kracher auch ohne dass der interessierte Radfahrer ein Physiker sein muss. Ich empfehle hiermit:
Michael Gressmann – Fahrradphysik und Biomechanik. Technik, Formeln, Gesetze. (Verschiedene Ausgaben in verschiedenen Verlagen. Oder gebraucht, z.B. bei booklooker.de)

Novembertage im Bembelland

Die neue Scheibe von Colosseum – Time on our side (2014) verspricht schon vom Titel her mehr als sie halten kann. Ist halt Nostalgie und erinnert an alte Zeiten, jedoch ohne Erkenntnisgewinn. Deshalb zum Frühstück: Mama Rosin Together With Hipbone Slim & The Kneetremblers – Louisiana Sun (2011) …

Freitagmorgen, 4:30 Uhr. Das Wiedersehen mit einigen ehemaligen Klassenkameraden hat eine kurze Nacht nach sich gezogen. Gedankenrührteig. Der Traum im letzten Schlaf. Ich liege bäuchlings auf der rechten Fahrspur der Autobahn A60 kurz vor der Weisenauer Brücke. Ich fotografiere. Lastkraftwagen rollen über mich hinweg. Manche Fahrer haben das Entsetzen im Gesicht. Ich sollte das nicht tun. Ich frage Freunde, ob sie sich an der Standspur aufstellen und die LKW-Fahrer auf mich aufmerksam machen würden bitteschön. Keiner erklärt sich bereit.
Vor genau zwei Wochen habe ich auf dem Schwarzen Berg mein Reisegepäck zusammengestellt. Seit eineinhalb Wochen mache ich morgens meine Gymnastik hier. Vor sechs Uhr darf ich, nach sechs… Die ekelhafte Ablenkungsstimme im Inneren ist etwas zurückhaltender geworden morgens beim Aufstehen. Eine halbe Stunde Bewegungsübungen und anschliessend 25 Kilometer auf dem Fahrrad. Das Prangerschild hängt übrigens noch, Frau Knobloch (mit zwo o).
Die Baumfällaktion zieht allerdings noch immer Kreise. Die Christenpartei beklagt den Widerstand als undemokratisch. Ein Gutachten spricht von acht Bäumen, die tatsächlich wegen Pilzbefall gefällt werden mussten, alle restlichen fielen dem Verwaltungswahn zum Opfer.
Eine Besorgungsfahrt. Die nahegelgene Stadt mit der Automobilproduktion stirbt zusehends. Meine Leibbuchhandlung ist geschlossen, die Schaufenster starren ins Leere und ich mit weitoffenen Augen ins verwaiste Verkaufslokal. Ich recherchiere und finde weitere erstaunliche Neuigkeiten. Das alte grosse Schwimmbad ist für immer geschlossen, die Becken teilweise schon zugeschüttet. Dort sprang ich zum erstenmal vom Fünfmeterbrett.
Das später gebaute Hallenbad ist so marode, dass es nicht betrieben werden kann. In der Innenstadt wir ein Geschäft nach dem anderen geschlossen. Mir fällt bei einer allerkürzesten Schreckensrundfahrt die gute Frau Mahlzahn ein und eine ominöse sonntägliche Stadfahrt.
In Wien wurden Eltern festgenommen. Der Vater hatte an seiner Tochter eine Strafdusche durchgeführt. Die hat das zweijährige Mädchen nicht überlebt. Das hätten selbst meine Eltern, obwohl eine eiskalte Erziehungsdusche. Erinnerungen als Anregung zum besseren Verstehen statt Selbstmitleidssuhlerei oder Anklageklammer.
Den dürren hochaufgeschossenen Mann in Orange treffe ich in der Morgendämmerung fast an der gleichen Stelle auf der Eisenbahnbrücke wie gestern. Er scheint die Fünf-Brücken-Tour in umgekehrter Richtung zu joggen. Die frühen Hundebeweger am Rheinufer. Es ist erfeulich, dass die meisten Flohschleudern mittlerweile an der Kontrollkordel geführt werden und nicht mehr mit Spaziergängern und Radfahrern spielen können.
Gestern nachmittags zum ersten Mal draussen auf den Rheinwiesen zum lichtbildnern. Auch analog, also mit echtem Film wie früher. Dies verlangt fernmündlich ebenso freundlich wie nachdrücklich der geschätzte Herr Pappenheimer. Die belichteten Negativfilme sollen beim gemeinsamen Absingen von Weihnachtsliedern im Regenwald fachgerecht entwickelt werden. Es handelt sich selbstredend um Schwarzweissfilme. Wie früher halt.
Noch immer so gut wie früher schmecken auch die Lebkuchen. Verkauf im winters geschlossenen Eiscafé. Eine Sendung ist per fliegendem Kurier unterwegs auf den Schwarzen Berg. Die Orthodoxen dort feiern Weihnachten anders und obwohl die verehrte Frau Waas alle möglichen Waren in ihrem Kaufladen führt, Lebkuchen sind dort nicht auftreibbar.
Fast wäre es dem Bembel an den Hals gegangen. Die Zehn Gebote bestehen aus 279 Wörtern, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung aus 300 Wörten und die EU Verordnung für den Import von Karamelbonbons aus 25911 Wörtern (cit. nach Düringer). Dennoch bin ich überzeugter Europäer. Aber wenns um den Bembel geht, bin und bleibe ich Hesse. Aber dieser Behördenelch ist ja nochmal an uns vorübergegangen.

Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich ein schönbuntes Herbstwochenende und einen würzigen Lebkuchen obendrein.

(Wie immer: Foto anklicken – gross gugge)

Tagauf Tagab

Sommer und Herbst scheinen sich zu vermählen. Blauhimmel und sieben Sonnenschwestern im Verein mit vorsichtig sich färbenden Blättern. Es ist zu prächtig. Von Bear Family Records, der grandiosen Plattenfirma ist eine famose Box im Briefkasten gelandet. Fünfzehn Scheiben klingende Musikgeschichte, die einen eigenen Beitrag verdient hätte. Verschiedene Musikalartisten: Street Corner Symphonies. The Complete Story of Doo Wop 1939 – 1963…

Der frühmorgendliche Blick vom Winzballkönchen der Dunkelkammer. Nebelverhangen kündigt sich der Herbst an. Aber durch den Dunst kann man die Schönheit des erwachenden Tages bereits erahnen. Links hinter der schwarzgoldenen Silhouette der Bergkette steigt die Sonne über die albanischen Gipfel. Rechts verzieht sich die blasse Gelbglatze des vollen Mondes hinter dem Rumlja Gebirge in die Adria abwärts.
Die Stadt ist noch still um halb sieben Uhr morgens. Ich rette mir meine Gesundheit auf dem Zebrastreifen durch einen kühnen Sprung zur Seite. Der Fahrer hat wichtigeres zu erledigen mit seiner elektronischen Handfessel als auf Fussgänger zu achten. Zum Frühstück auf gut gebuttertem, knusprig frischem Brot besteht die frische gekochte Schwarzwälderkirschkonfitüre ihre Geschmacksprobe.
Ich kann die ewigen Plastiktüten auf dem Schwarzen Berg nur mehr schlecht ab. Selbst kleinste Einkäufe werden es in einer Plastiktüte über die Theke gereicht. Mein ständig wiederholter Satz, ich brauche keine Tüte, ruft regelmässig Unverständnis hervor.
Volker Pispers ist mein liebster Kabarettist. Sein 2014er Programm geht mir seit Tagen nicht aus dem Kopf. Ich kann von Jahr zu Jahr weniger über seine Darbietung lachen. Der Mann ist einfach zu gut. Der trifft den Nerv so exakt, dass mir zunehmend das Lachen im Hals stecken bleibt.
Auf dem Weg zum Markt zweimal gerade noch Fussgängern ausweichen. Manche Menschen scheinen aus schierer Dumpfheit auf ihrem Trampeltrott zu bestehen. Wem ist damit geholfen. Nein, vielen Dank, ich habe schon eine Tüte. Unverständnis wie gehabt. Die Frau mit den Kartoffeln will sich garnicht einkriegen vor Lachen, sie kanns nicht glauben. Ein neues Erlebnis. Im Obergeschoss des Marktes will ich noch rasch sehen, ob es passende Sportschuhe gibt. Es gibt Modelle in grellleuchtenden Farben, Markentreter, die aussehen wie Kopien.
Dabei gibt es inzwischen doch gar keine Markenkopien mehr. Klar, wer für die dazu erklärten Originale ein Vielfaches zahlen möchte, der darf das gerne tun. Für die Hersteller ist es wichtig an den Märkten präsent zu sein. Was zählt dabei Original oder Kopie. Hauptsache marktpräsent sein.
Regale mit UrbanCityCasualTretern, aber keine passenden Schuhe für den schnellen Lauf. Bequem muss die Bekleidung sein, dann spürt man die sozialen Fesseln weniger.
Und die Menschen bezahlen in den Boutiquen viel Geld für zerrissene Hosen. So weit sind wir bereits mit den Vorübungen zur neuen Armut. Die Kinder dieser Leute werden so schon auf den zukünftigen Anblick des zerlumpten Mittelschichtsproletariats trainiert. Konsumhamsterchen bleib´ in deinem Rädchen.
Die neuesten Massnahmen zur Belebung des Arbeitsmarktes werden positiv aufgenommen. Wahrscheinlich von den Arbeitsplatzbesitzern, die nun noch weniger für den Rohstoff Arbeitskraft bezahlen müssen. Und die Entsorgung verbrauchter Arbeitskräfte ist weiter erleichtert worden, die bezahlen sowieso die Anderen. Damit lästige Fragen dazu unterbleiben, schnell noch die Nachricht vom Ebolahund nachreichen. Weil das doch so wichtig ist. Hundeliebhaber starten umgehend eine Protestaktion im Internet. Wen interessiert da noch die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Dann doch lieber einmal die BILD-Dung: der Glücksatlas zeigt, wo Deutschlands glücklichste Menschen wohnen. Jetzt braucht mir bloss noch einer zu sagen, dass die Renten sicher seien.
Ich gehe noch eine Standreihe weiter dorthin, wo es die frischeste Petersilie gibt. Als ich die Markthalle verlasse ruft mir Kartoffelfrau winkend entgegen: Keine Tüte! Das herzhaft schallende Lachen aus dem zahnlosen Mund rettet mir den Tag.

(Foto anklicken – hilft beim Aufwachen)

Bergauf bergab

Das überlautstarke Grillengerezzel im Park nebenan überdämpft aufs lebhafteste: Kultur Shock – Ministry of Kultur (2011)…

Pünktlich am Treffpunkt. Ein italienischer Freund. Eine Kundin von Frau Waas. Frau Waas und der Chronist des denkwürdigen doch schönen Wochenendes. Wir fahren in den Durmitor Nationalpark. Dort wollen wir unseren Begleiter treffen und einige andere Bekannte, die am nächsten zu früher Stunde auf den Bobotov Kuk gehen wollen. Der Begleiter informiert darüber, dass wir alles ganz gelassen angehen werden. Auf gezielte Rückfragen Unerfahrener versichert er, dass auch Familien mit Kindern…
In mir schrillen schlagartig die Alarmglocken. Ich bin einmal im südamerikanischen Regenwald verloren gegangen und seitdem traue ich in schwierigem Gelände nur mir selbst. Familienwandertag in 2500 Metern Höhe. Das ist hochalpines Wandern bitte sehr.
Die belgische Pfadfindergruppe, wohlgemut singend&klampfend, wird auch mitgehen. Unser Begleiter hat sie am Nachmittag im nahen Städtchen Žabljak getroffen und kurzerhand eingeladen. Als im Spiel Deutschland gegen Frankreich in der 90. Minute und somit vor der Verlängerung der Fernseh den Geist aufgibt, nehme ich dies als Zeichen und beschliesse, besonders vorsichtig zu sein. Als die Sonne untergeht wird es sofort unangenehm kalt. Aber es ist sowieso Zeit sich bettwärts abzulegen.
Am nächsten Morgen treffen wir uns um halb Sieben, verteilen uns auf die Fahrzeuge und brechen auf. Am Ausgangspunkt der Tour bildet sich eine viel zu lange Schlange. Wir wollen zusammenbleiben. Der Begleiter ist guter Dinge und spricht von Tim Bilding. Na prima! Nach einer halben Stunde bereits haben sich viele unterschiedlichen Tims gebildet. Der Weg ist erdig und gut ausgetreten Aber es ist schwierig auf Kalkstein zu laufen. Und auf dem gehen wir bald stetig bergauf.
Die Gesteinsformationen werden zunehmend bizarrer. Und der Weg ist mittlerweile nurmehr als leichte braune Spur auf dem Geröll zu erkennen. Die Wegzeichen sind allerdings perfekt. Die Gefahr, sich zu verlaufen besteht kaum, aber ein ungünstiger Ausrutscher kann fatale Folgen haben. Die Steine haben teilweise messerscharfe Kanten. Schlecht zum Greifen. Die schönen Beine einiger belgischer Pfadfinderinnen haben sich nach zwei Stunden bedenklich verdunkelt. Immer steiler bergauf. Mein Hemd ist packnass am Rücken. Vom Begleiter ist nichts mehr zu sehen. Unsere Zehnergruppe hat sich in den steilen Hängen wundersam aufgelöst.
Ich kapiere, welche Schwachmaten das sein müssen, die an jedem Wochenende mit dem Hubschrauber irgendwo in den Alpen gerettet werden müssen. Amerikanische Leinenturnstiefelchen sehen nach einigen Kilometern auf dem scharfen Gestein erbärmlich aus  Und mit kurzen Höschen und knappem Unterhemd ist die Grenze der Dummheit überschritten.
Endlich nach knapp drei Stunden erreichen wir den Sattel etwa achtzig bis hundert Meter unter dem eigentlichen Gipfel. Wasser trinken, etwas essen. Die Aktivisten sind sofort durchgestartet. Eine dreiviertel Stunde noch bis auf den Gipfel. Und dann wieder zurück zu den Fahrzeugen.
In der Pause unsere Timbesprechung. Frau Waas, der italienische Freund A. und ich. Verstand und Team(!)geist behalten die Oberhand. „Die Abschied ist leicht doch der Rückweg ist dunkel und weit“ //(cit. frei nach Witthüser & Westrupp). Die letzten Meter zum Gipfel sind überaus schlüpfrig und gefährlich. Nirgends gesichert, weder Halteseil noch Steinschlagwarnung. Einer springt auf Zuschrei torwartparadenmässig seitwärts auf einen Schneeplacken. Glück gehabt, das Trumm von einem Stein hätte ihn glatt erwischt.
Der Rückweg wird zur Herausforderung für die Oberschenkelmuskulatur. Und der Weg nach unten zurück zieht und dehnt sich. Wir teilen unsere Kräfte ein und geniessen die Aussichten. Auch dies eine Erkenntnis: um die vielgerühmten Panoramen zu bewundern braucht es Zeit. Und die hat man beim Bergwandern kaum, da die Wege unablässig die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Überdies arbeitet der Körper auf hohen Touren, sodass man nicht rasch zur Ruhe kommt. Trotzdem haben wir unseren Spass und timbilden obendrein. Ärgerlich wie gehabt der Restmüll in der Natur. Es war nicht viel, dennoch fallen mir spontan die Vollpfosten am Himalaya ein, die mittlerweile alles zugemüllt haben, diese Obernaturliebhaber, denen alles egal ist wenn nur die Egogeschwulst kräftig wuchert.
Zurück in der Herberge erstmal einzweidrei Bierchen und eine erfrischende Dusche. Ein Anruf von anderen schwarzbergdeutschen Freunden. Die sind übers Wochenende in Žabljak und überlegen zu grillen, ein Feuerchen etwa und… Die Einladung kommt wie gerufen. Es wird spät. Leider gewinnt Holland gegen Costa Rica. Dennoch Tiefschlaf erster Qualität. Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen für die Rückfahrt. Am Strassenrand werden frische Steinpilze feilgeboten. Hausgebrannter Schnaps, Walderdbeeren und Fruchtsäfte. Drei Euro für ein Kilo Himbeeren. Wir müssen auf das Transportgewicht keine Rücksicht mehr nehmen. Ach so, eigentlich hätte ich die unsinnigste aller diesbezüglichen Standardfragen ja schon am Anfang beantworten müssen: Wir waren nicht auf dem Gipfel sondern haben uns bei der Rast auf dem Sattel entschlossen, uns die letzten Meter zu schenken.

                                                                         (Foto anklicken und gross gugge)