Sprichwörter im Lauf des Lebens

Horsche: Kettcar – …und das geht so (2019).
Lesen: Johannes Roth : Gartenlust. Fünfzig Bumenstücke und Anleitungen zur gärtnerischen Kurzweil. München, Keysersche Verlagsbuchhandlung. 1989.
Essen & Trinken: Heute werden die letzten neben der Heizung erröteten Tomaten zu einer köstlichen Tomatensauce gekocht.
Schaffe: Fertigstellung der kompletten Zerlegung und Überarbeitung eines fast siebzig Jahre alten Damenrades.
Gugge: Beeindruckende Dokumentationen über das Oder-Delta und den letzten Rheinfischer. „Altes Land“ – ein Zweiteiler mit schlapper Handlung, dafür aber grossartige Schauspieler und imposante Bilder.

 

Auf auf jetzt! Alle LemmKonsumlinge in die Startlöcher. Und kräftig hecheln und sabbern nicht vergessen. Der schwarze Freitag naht. Im Autoradio schreit es immer lauter und auf/eindringlicher. Kaufen kaufen kaufen. Weh denen, die jetzt nicht zuschlagen und dafür zahlen. Die werden ihre Unzufriedenheiten und Aggressionen (wo)anders oder an anderen loswerden müssen. Zum Beispiel hier.

„Not macht erfinderisch.“ Ein altbekannte Spruchweisheit. Ihren Ursprung konnte ich noch nicht herausfinden. Was mir ergänzend dazu jedoch immer deutlicher vor Augen tritt ist dies: Wohlstand macht träge und verblödet.
Seit Jahren hören ich in unterschiedlichen Zusammenhängen und von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Bildung den fast immer gleichlautenden Satz: Das kann ja so nicht weitergehen. Gemeint ist die kommerzielle und gesellschaftliche Entwicklung unserer Gesellschaft und der Welt ganz allgemein.
Und jetzt bietet eine globale Ausnahmesituation eine Menge Gelegenheiten, manches zu ändern. Und zwar grundlegend. Stattdessen formieren sich Leute, die sich Querdenker nennen. Ein Sammelsurium von Interessen und Überzeugungen, die man niemandem zum Nachbarn wünscht. Faschisten von rechts und links, unbedarfte aber dennoch gefährliche Träumer, die sich in einer  Diktatur wähnen und angeblich seit Monaten im Widerstand leben. Wirrköpfe auf dem Partymarathon. Und diese krude Mischung geht Hand in Hand demonstrieren.
Mir sind Menschen, die aufgrund kritisch hinterfragter Informationen logisch und gradlinig denken lieber. Quer geht der Krebs. Und seine Scheren zwicken unerbärmlich schmerzhaft.

 

„Zusammengezählt wird am Schluss.“ Diese Lebensweisheit begleitet mich seit Jahrzehnten. Deren Herkunft ist mir bekannt. Damals fuhr ich noch Motorrad. Anfänglich alte zentnerschwere Eisenhaufen, die man sich auch als Schüler für kleines Geld aus Schuppen oder Scheunen ziehen konnte. Die Eigentümer hatten längst einen Kraftwagen in der Garage stehen. (Und ihre Frauen freuten sich, dass die stinkenden Knatterdinger endlich aus dem Haus kamen. Da fallen mir gleich einige famose Erlebnisse ein).
Aber es gab auch die älteren Männer, die unbeirrt weiterhin ihr Krad bewegten. Sei es, weil sie keine Fahrerlaubnis für Kraftwagen besassen, oder weil sie eben „schon immer“ Motorrad gefahren sind. Das bedeutete nicht selten, sie waren Kradmelder im letzten Krieg.
Einer ist mir noch gut erinnerlich. Der trieb ein Wehrmachtsgespann von BMW hinter der Front. Aufgepflanztes MG auf dem Seitenwagen. In meiner Jugendzeit fuhr der Mann eine BMW R69. Wenn er die angetreten hatte und auf dem Sattel sass, verwandelten sich für ihn die Strassen zwischen unseren Dörfern in schlammige russische Wege und die Felder ringsum in die Taiga. Ich bewunderte ihn für seine Gleichmässigkeit. Die immer gleiche vorsichtige Fahrweise, die gleichen Kleidungen im Sommer und im Winter, die immer gleiche Sitzhaltung auf dem Bock. Er kannte den Spruch auch. Wenn auch in einem anderen Kontext.

Wir fuhren mit unseren Motorrädern gelegentlich zu Veteranentreffen. Manche fanden auf bekannten Rennstrecken statt. Da konnte man ehedem bekannten Rennfahrern begegnen, die auf alten Rennmaschinen ihre Runden drehten. Und dann die „Benzingespräche“ zwischendurch. Wer weiss, wo man diesen Vergaser oder jene Zündspule für meine Zündapp noch finden kann? Wie löst man dieses oder jenes Problem mit der Schwinge einer 350er DKW? Es gab viel zu lernen.
Einmal sprach mich einer dieser alten Helden wegen meiner kleinen 450er Ducati Desmo an. Technik. Fragen und Antworten. Ob ich wohl einige Runden drehen würde. Ich verneinte. Ich wolle die Maschine (und mich) nicht schrotten. Es ging noch ein wenig hin und her. Im Verlauf unseres Gespräches – und ich erinnere den Zusammenhang nicht mehr – sagte er: „Zusammengezählt wird immer am Schluss“.

In scheinbar tiefster Vergangenheit, also vor etwa siebzig Jahren, waren selbst hubraumgewaltige Rennmotorräder behäbig und langsam im Vergleich zu einer durchschnittlichen Maschine heutzutage. Stürzte ein Fahrer im Rennen und verletzte sich dabei nicht folgenschwer, so konnte er häufig das Rennen fortsetzen. Und mit Können und etwas Glück sogar noch gewinnen. Deshalb wussten es die Rennfahrer damals. Zusammengezählt wird am Schluss.

Im Lauf meines Lebens hat sich dieser Satz so oft bewahrheitet, dass er für mich fast schon zu einem Lebensmotto geworden ist. Er scheint auch treffender als ein anderer Satz, der nur scheinbar das gleiche meint. „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“. In jungen Jahren zitierte ich diesen Satz bei manchen Gelegenheiten. Heute erkenne ich einen fundamentalen Unterschied. Im Zusammenzählen steckt Arbeit und abwarten können; geduldig sein und dranbleiben. Er bezieht sich auf mich.
Im Satz vom zuletzt Lachen steckt zwar auch das Abwarten. Aber wo immer man diesen Satz hört, schwingt doch etwas von Rache oder zumindest Häme mit. Es geht nicht nur um den eigenen Sieg sondern auch um die Niederlage des Gegners.

 

Die französische Fahrradindustrie experimentierte seit den 1930er Jahren mit verschiedenen Rahmenformen. Eine davon hatte ein doppeltes Oberrohr. Die nahe Hanau am Main ansässige Fahrradfabrik Bauer bewarb diese Form als „französisches Modell“. Zusätzlich wurden andere Attribute übernommen, die als französische Eigenschaften wahrgenommen wurden. Diese Fahrräder hatten ein sportliches Design, tief heruntergezogene Schutzbleche aus Aluminium, rutschsichere Pedale aus Metall, serienmässig keinen Ständer und andere Details. Sie waren als Tourensporträder ausgelegt. Seit den 1970er Jahren prägte man den Begriff Mixte für diese spezielle Rahmenform.
Die Fotografien zeigen ein Damenrad. Ein guter Freund war im vergangenen Sommer so freundlich, es beim Verkäufer abzuholen und bei sich zwischenzulagern bis zur Abholung. Nach der kompletten Zerlegung und Überarbeitung ist es wieder fahrbereit. Und es geht auch ohne Gangschaltung ab wie die Luzi. Die optischen Blessuren verschweigen ein langes Leben nicht. Und sie sollen es auch nicht. Anhand der Rahmennummer wurde das Fahrrad 1952 oder 53 produziert.
Sollte einer meiner geschätzten Besucher, Leser oder Gugger ein entsprechendes Herrenfahrrad sichten, so bitte ich um eine umgehende Benachrichtigung.

 

 

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern Gesundheit und eine erfreuliche Zeit. Mit klarem Blick versteht sich. Denn zusammengezählt wird am Schluss.

 

 

Septemberfülle und irgendwas ist ja immer

Im Oxfam Buchladen fiel mir ein Karton mit drei Schallplatten in die Hände. Zuhause den alten Plattenspieler aus dem Keller geholt und reaktiviert. Erstaunlich, wie das Leben so spielt. Meine Schallplattenversammlung hatte ich vor Jahrzehnten verkauft. Und jetzt dieses bekannte Gefühl: schwarze Scheiben aus ihren Hüllen ziehen. George Harrison und Kollegen: The Concert for Bangla Desh (1971)…

Im September 1986 wurde mir eines Morgens bewusst, dass ich diesen Monat sehr lieb habe. Seitdem habe ich mich des öfteren gefragt, woher diese Liebe kommen mag. Entscheidende Lebensveränderungen fielen in diesen Monat. Neue Wege öffneten sich. Manche frei gewählt, andere notgedrungen. Menschen kennengelernt, die zu Freunden wurden. Andere Freunde starben lange vor der Blüte ihres Lebens.
Ich glaube, es ist die Atmosphäre. Es beginnt schon beim Wetter. Morgenfrische und blauer Himmel lassen einen guten Tag erwarten. Eine Stunde später ist der Himmel grau und mahnt vor Übermut. Er verweist auf den vor der Tür stehenden Herbst. Ein Weilchen später hat die Sonne den Hochnebel aufgelöst. So durchwehen frohe Gedanken die Seele.
Eine schlüssige Antwort jedoch scheint nicht in Sicht.

Hin und wieder durften wir vor dem Abendessen fernsehen. Donnerstags lief von 17 bis 18 Uhr die Sendung Sport-Spiel-Spannung. Einmal monatlich. Und ohne Wiederholung. Im Werbefernsehen bewunderte ich Armin Dahl. Und Karoline, die karierte dänische Kuh gefiel mir viel besser als Frau Antje, die holländische Käsefee.
Werbebilder im Fernsehen erhalten sich lebenslang. Und wer meint, frei von der Macht der Bilder zu sein, der sollte sich bald kennenlernen.

Auf arte.tv läuft derzeit die Serie Slow Life. Zehn Filmchen zeigen, jeweils fünf bis sechs Minuten lang, wie man das Publikum weichkocht für die neue Weltordnung. Schöne Sätze werden da von Fachleuten gesprochen. Nachdenken darüber lohnt sich.
„Der Verbraucher ist das Produkt, aber das verstehen die meisten Menschen nicht“, so James Williams, der sich mit Aufmerksamkeitsökonomie und der Manipulationskraft von Apps beschäftigt. Ganz so neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht. Bereits in seinem Werk Walden schrieb Henry David Thoreau: „Siehe da! Die Menschen sind die Werkzeuge ihrer Werkzeuge geworden.“
Die Menschen im Silicon Valley schicken ihre Kinder angeblich überwiegend auf Steiner-Schulen, weil es im Unterricht keine Computer und TVs gibt. Das ändert nichts an den Arbeiten ihrer Eltern. Denn auch die sind längst Gefangene der von ihnen entwickelten Apps.

Aufenthalte in Städte strengen mich zunehmend an. Allein, wie sich viele Menschen im urbanen Getriebe bewegen, wie sie aussehen und handeln und was dabei gesprochen wird. Deshalb zitiere ich derzeit gerne meinen Lieblingssatz.
„Wer schön sein muss, der will auch leiden.“ Der stammt von Till Lindemann. Und ein aktuelles Musikvideo seiner Band gefällt mir gut.

In der Stadt unterhält Oxfam einen eigenen Buchladen. Die Damen waren ob meiner Einlieferung erfreut. Ihre Freude wurde zu meiner Freude. Der öffentliche Bücherschrank hier in der Gemeinde verkommt langsam zu einer Papiertonne. Ich komme mit dem Aufräumen und sortieren nicht mehr nach. Nicht wenige Menschen scheinen Bücher zu hassen.
Auf einer Anzeigenseite biete ich ein Plakat aus den siebziger Jahren an. Interessenten haben sich bereits gemeldet. Eine Anfrage kam von einer Frau, die für eine dieser Scheinschauen für Antiquitäten und angebliche Raritäten arbeitet und fragte, ob ich mir vorstellen könne, dieses Bild in ihrer Nachmittagsschau anzubieten. Die Verblendungsgindustrie macht offenbar vor nichts und Niemandem mehr halt.

Der September. Von einem mir persönlich bekannten und geschätzten Blogger hörte und las ich seit Längerem nichts mehr. Vor einigen Tagen schwirrte eine Nachricht in den elektronischen Postkasten. Der Mann erfreut sich eines grossen Glückes. Was zählen jetzt noch die Zeiten, die möglichen Irrtümer und gelegentlichen Zweifel auf dem Weg zu diesem Gipfel?

Der Hochnebel wehrt sich mit einem sanften Sprühregen. Dennoch löst die Sonne die grauen Wolkenschleier auf. Für heute jedenfalls. Es ist nicht wichtig, ob es auch Morgen so sein wird. Von Bedeutung sind die Menschen, denen wir in unseren Herzen Wohnung geben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen wunderschönen Spätsommertag.

 

(Photografische Impressionen aus Hessen vom vergangenen Wochenende)

 

 

Freitagnachmittags einfach so

Aus Finnland an den Rhein gekommen: Wentus Blues Band feat. Phil Guy – The last of the big time spenders (2005)…

Das Internet soll ja angeblich nichts vergessen. Wenn dereinst jemand diesen Beitrag entdeckt, wird er sich fragen, von was denn da die Rede gewesen sei. Einzelhandel?
Den wirds in der gewohnten Form über kurz oder lang nicht mehr geben. Die heutigen Erstklässler werden schon bei ihrem Schulabschluss nicht mehr wissen, was ein Tante-Emma-Laden gewesen ist. Den haben die Konsumenten durch ihr Konsumverhalten bis dahin zum endgültigen Verschwinden gebracht. Mit ihren Ansprüchen. Dem was sie erwarten, haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Hohe Erwartungen, eine bandbreite Auswahl und das alles zum Minimalpreis. Unzufriedenheit ist ein fürchterlicher Treibstoff.
Ein europaweit sich vorfressendes Kettenunternehmen wirbt mit einem bestimmten Reizwort ausschliesslich in Deutschland. In deren Werbung in anderen europäischen Ländern findet man dieses Wort nicht. Dass dieses Alles-haben-wollen zum Kleinstpreis sich hierzulande mit sexuellen Begierden zusammenbringen lässt, wirft auf die deutschen Durchschnittskonsumenten ein merkwürdiges Licht.
Es gibt natürlich auch die Einzelhändler, denen ihr Kleinunternehmertum zu Kopf gestiegen ist. Die dadurch ihre Geschäfte selbst ruiniert haben. Zweifellos. Aber es ist das Verhalten der Masse der Konsumenten, die dafür sorgen, dass man über kurz oder lang nur noch bei Kettenläden kaufen können wird.
Es denkt sich doch längst kaum noch jemand etwas dabei, wenn die (meist) weibliche Aushilfe in der Bäckereifiliale also spricht: Ich werde später nochmal französisches Weissbrot backen. Wenn sie wenigstens aufbacken sagen würde zum dem Vorgang, wenn die Frosterware in den Heizofen geschoben wird.
Ein Jahr intensiver Beschäftigung mit Einzelhandelsfachgeschäften hat mein Bild von Konsumenten erheblich verändert. Deren unverschämtes Verhalten macht manchmal geradezu sprachlos.

Auf der vormals für kalte Büffets verwendeten grossen Platte fehlen verblühte gelbe Rosenblütenblätter. Rote, weisse, rosa und sogar violette Rosen blühen im Ärmelgarten. An gelben hingegen mangelt es.
Ich radle nach Mainz. Dort im Rosengarten gibt es Rosen in allen Farben und vielleicht habe ich Glück und gelbe Rosen sind am Verblühen.
In der Stadt genehmige ich mir ein Eis und schaue bei Oxfam vorbei. Draussen sehe ich das junge behinderte Paar. Der Mann kann nur mit grosser Mühe und mit Hilfe eines Gestells überhaupt gehen. Die Frau schafft es zwar ohne Hilfe, bewegt sich aber auch sehr wacklig. Ich verstehe aufgrund ihrer Artikulation nicht, über was sie sich unterhalten. Das ist aber nicht nötig. Denn etwa alle fünfzig Meter bleiben die beiden stehen. Ihre herzinniglichen Umarmungen sprechen dabei mehr als alle Worte. Ihr Anblick berührt mich.

Auf der Eisenbahnbrücke frage ich mich, wie oft wir darauf wohl schon gemeinsam den grossen Fluss mit dem Rad überquert haben. Das Wasser im Rhein ist weder golden noch ist es Wein (***). Der Rhein leuchtet heute in dunklem Türkis. Ich sehe dem Schifffahrtsverkehr zu und mir fällt dabei der Mann von vorgestern im Zug ein. Den mit dieser sonderbaren Zeitschrift. Es scheint mittlerweile für jede Überflüssigkeit und für jeden Konsumunsinn eine Zeitschrift zu erscheinen.
Drüben an der Mainspitze ist noch nichts los. Unter der Brücke gehen zwei Männer in schwarzen Badehosen flussaufwärts.
Zwanzig Minuten später sehe ich sie wieder flussabwärts in Richtung City schwimmend. Meine Badehose liegt zuhause im Schrank. Und mir fehlt eine Begleitung. Aber wer weiss, in den nächsten Tagen vielleicht. Im Rhein schwimmt man nicht alleine. Es braucht so wenig, damit die Lebensfreude aufblüht.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Sommerwochenende.

(Fotografien anklicken. Die Galerie öffnet sich rund um die Uhr)

Strand Reklame Schranke Abseits

Allgemein bekannt ist der Mann als satirischer Zeichner des amerikanischen Lebensweges. Als Musikant ist er von vielen Menschen wahrscheinlich noch zu entdecken: Robert Crumb & The Cheap Suit Serenaders – Singing in the Bathtube (1993)…

Die Nacht endet zu früh. Der Griff zur Sehprothese. Es zwickt an der Augenbraue. Vorsichtige Fingerprüfung. Kling. Der Blick ins Leere. Ein Glas fällt heraus. Das neue Gestell ist gebrochen. An der offensichtlichen Sollbruchstelle ist nichts mehr zu machen. Der Tag beginnt mit einer Überraschung.

Ich frage mich, warum die Europameisterschaft so lange dauert. Zu viele Mannschaften, zu viele Spiele. Und überhaupt, wer kann wochentags schon am frühen Nachmittag Fussballspiele sehen. Die verbalen Fehlgriffe von Sportkommentatoren sind Legion. Immerhin habe ich als Zuschauer nach einigen Spielen gelernt, dass die isländische Mannschaft aus Wikingern besteht, die irische die Green-White-Army ist und das polnische Team ein Kollektiv. Die 2:0 Führung des nordirischen Teams soll ein Zwergenaufstand gewesen sein. Ich habe nirgends im Stadion Zwerge gesehen. Und die nordirischen Spieler sind von normaler Körpergrösse. Das habe ich genau gesehen, denn damals war die neue Brille noch in Ordnung.

Durch den für mich unüblich hohen Fernsehkonsum nehme ich an den Werbeeinblendungen teil. Fast jede zweite Reklame preist pharmazeutische Produkte an. Dazwischen die Verführungen der lebensmittelchemischen Industrie, der Automobil produzierenden Fabriken und schliesslich der Tierfutterhersteller. Mir fällt auf, dass in den Spots sehr subtil das schlechte Gewissen und die Leistungsfähigkeit der Zuseher attackiert wird. Ich bin heilfroh, dass ich von Tageszeitungen, Nachrichten und Reklamen normalerweise weitgehend verschont bin. Müsste ich das alles tagein tagaus ertragen, ich glaube, ich würde irgendwann durchdrehen. Oder mein Hoftor mit einer Bahnschranke verschliessen. 

Im Piper Verlag erschien zwischen 1927 und 1938 die Buchreihe „Was nicht im Baedecker steht„. Eine Serie von alternativen Reiseführern. Geschrieben von seinerzeit durchaus prominenten Autoren. Im Band IX Frankfurt, Mainz, Wiesbaden  lese ich den Satz von Hans Reimann, „wir sind hingerissen von Schönheiten und Absonderlichkeiten jener Länder, die wir als Fernreisende betreten! Stünde Oberursel [bei Frankfurt – Anm. von mir] in Kroatien oder Norwegen: jedes bisschen Gemäuder, jeder Winkel und jedes pittoreske Tor erschiene „romantisch“ und erregte unser Entzücken.“ (S.196).
Recht hat der Mann, auch hier in der Nähe kann man am Strand in der Sonne liegen. In Rheinhessen. Zugegeben, das Badevergnügen endete vor dreissig Millionen Jahren durch klimatische Veränderungen. Auf dem Meeresboden sind längst Dörfer entstanden. Aber Strand und Küste sind noch auffindbar. Daran erinnerte ich mich wieder durch einen Hinweis im Blog von Frau Wildgans.

In meinem Blog sind die Beiträge und die dazugehörigen Fotografien in der gleichen Reihenfolge nummeriert. Die Zahlen differieren mittlerweile. Seit meinem Umzug auf diese Plattform sind bis jetzt dreizehn Beiträge verschwunden. Fast hätte ich mich dazu hinreissen lassen, für die offene Frage Zeit zu verschwenden.
Stattdessen freue ich mich an den Inhalten im Briefkasten am Ärmelhaus. Handgeschriebene Briefe und Karten nehmen wieder zu. Auch die Zusendungen von Fundstücken und allerlei schöne Überraschungen. Das wärmt das Herz deutlich mehr als ein Gefällt-mir-Klick oder die künstlichen Aufregungen über die Ver(w)irrungen mancher Blogger.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende.

                                                                                (Foto anklicken – gross gugge)


Knieschoner und mehr für Fahrradfahrer

Bei vielen Neil Young Fans unbeliebt, bei mir nicht, im Gegenteil: Neil Young – Re-ac-tor (1981)…

Als Buben haben wir uns lustig gemacht über die älteren Männer, die mit den Fersen auf den Pedalen ihre Fahrräder vorwärts trieben. Die Fusspitzen dabei nach aussen gestellt versteht sich. Damals hatten wir noch keinen Physikunterricht in der Schule und wussten nicht um die bedeutende Tiefenwirkung dieser Pedaltechnik.
Überhaupt waren wir damals froh, alleine einen Platten beheben zu können. Einen geflickten Schlauch wieder zu montieren und das Rad einzubauen ohne einen neuerlichen Schaden zu verursachen. Wer mit Schraubenziehern den Deckmantel hebelt, muss wissen, was er tut. Die Höhe des Sattels, die Breite des Lenkers, der Vorteil einer gepflegten Kette. Keine Ahnung – ist das wichtig?
Als ich meine Motorräder verkauft hatte, um mich Fahrrädern zuzuwenden, las ich auch einige Bücher zum Thema. Eines davon kaufte ich eher aus Spass. Wegen des Titels vielleicht. Mag sein, denn die Schulzeit lag weit zurück und die Physik wurde nie meine intimere Freundin.
Formeln sind in dem Buch und einiges an Theorie. Der Autor ist von Hause aus Physiker und betrachtet das Zusammenwirken von Mensch und Fahrrad aus genau diesem Blickwinkel.

Ich habe dennoch einen enormen Gewinn aus dem Buch bezogen. Ich überwand meine Vorurteile, liess die Formeln und theoretischen Textteile beiseite und lass lediglich das, was mir sofort einleuchtend war, das Praktische.
Und nahm sogleich das Werkzeug zur Hand. Das Ergebnis war ein neues Fahrrad. Also nicht ein neu gekauftes Rad. Aber, als ich nach der Vermessung und der passgenauen Einstellung auf meine Körpergrösse mein Rad bestieg und zu einer Proberunde losfuhr, meinte ich wirklich, auf einem anderen Fahrrad zu sitzen.
Es gibt zwar noch die alten Männer auf Fahrrädern, aber die rasen mittlerweile elektromotorgetrieben durchs Gelände. Inzwischen weiss ich aber natürlich, dass die älteren Männer mit den Schrägfüssen auf den Pedalen etwa zehn Prozent ihrer Tretenergie dazu verwenden durch falsche Hebelwirkung ihre Kniegelenke zu ruinieren.
Halswirbelsäulen, Schultergelenke, Sehnen und anderes nehmen dem Radler kostbare Energie beim Radeln. Statt Fahrspass zu haben wird die Kraft verbraucht, um Schmerzen, Verspannungen und Gelenkabnutzungen zu erzeugen. Vielfahrer mit dauerhaften Beschwerden sind seit dem neueren Fahrradboom keine Seltenheit. Das kann man verhindern.

Das Buch ist ein Kracher auch ohne dass der interessierte Radfahrer ein Physiker sein muss. Ich empfehle hiermit:
Michael Gressmann – Fahrradphysik und Biomechanik. Technik, Formeln, Gesetze. (Verschiedene Ausgaben in verschiedenen Verlagen. Oder gebraucht, z.B. bei booklooker.de)

Novembertage im Bembelland

Die neue Scheibe von Colosseum – Time on our side (2014) verspricht schon vom Titel her mehr als sie halten kann. Ist halt Nostalgie und erinnert an alte Zeiten, jedoch ohne Erkenntnisgewinn. Deshalb zum Frühstück: Mama Rosin Together With Hipbone Slim & The Kneetremblers – Louisiana Sun (2011) …

Freitagmorgen, 4:30 Uhr. Das Wiedersehen mit einigen ehemaligen Klassenkameraden hat eine kurze Nacht nach sich gezogen. Gedankenrührteig. Der Traum im letzten Schlaf. Ich liege bäuchlings auf der rechten Fahrspur der Autobahn A60 kurz vor der Weisenauer Brücke. Ich fotografiere. Lastkraftwagen rollen über mich hinweg. Manche Fahrer haben das Entsetzen im Gesicht. Ich sollte das nicht tun. Ich frage Freunde, ob sie sich an der Standspur aufstellen und die LKW-Fahrer auf mich aufmerksam machen würden bitteschön. Keiner erklärt sich bereit.
Vor genau zwei Wochen habe ich auf dem Schwarzen Berg mein Reisegepäck zusammengestellt. Seit eineinhalb Wochen mache ich morgens meine Gymnastik hier. Vor sechs Uhr darf ich, nach sechs… Die ekelhafte Ablenkungsstimme im Inneren ist etwas zurückhaltender geworden morgens beim Aufstehen. Eine halbe Stunde Bewegungsübungen und anschliessend 25 Kilometer auf dem Fahrrad. Das Prangerschild hängt übrigens noch, Frau Knobloch (mit zwo o).
Die Baumfällaktion zieht allerdings noch immer Kreise. Die Christenpartei beklagt den Widerstand als undemokratisch. Ein Gutachten spricht von acht Bäumen, die tatsächlich wegen Pilzbefall gefällt werden mussten, alle restlichen fielen dem Verwaltungswahn zum Opfer.
Eine Besorgungsfahrt. Die nahegelgene Stadt mit der Automobilproduktion stirbt zusehends. Meine Leibbuchhandlung ist geschlossen, die Schaufenster starren ins Leere und ich mit weitoffenen Augen ins verwaiste Verkaufslokal. Ich recherchiere und finde weitere erstaunliche Neuigkeiten. Das alte grosse Schwimmbad ist für immer geschlossen, die Becken teilweise schon zugeschüttet. Dort sprang ich zum erstenmal vom Fünfmeterbrett.
Das später gebaute Hallenbad ist so marode, dass es nicht betrieben werden kann. In der Innenstadt wir ein Geschäft nach dem anderen geschlossen. Mir fällt bei einer allerkürzesten Schreckensrundfahrt die gute Frau Mahlzahn ein und eine ominöse sonntägliche Stadfahrt.
In Wien wurden Eltern festgenommen. Der Vater hatte an seiner Tochter eine Strafdusche durchgeführt. Die hat das zweijährige Mädchen nicht überlebt. Das hätten selbst meine Eltern, obwohl eine eiskalte Erziehungsdusche. Erinnerungen als Anregung zum besseren Verstehen statt Selbstmitleidssuhlerei oder Anklageklammer.
Den dürren hochaufgeschossenen Mann in Orange treffe ich in der Morgendämmerung fast an der gleichen Stelle auf der Eisenbahnbrücke wie gestern. Er scheint die Fünf-Brücken-Tour in umgekehrter Richtung zu joggen. Die frühen Hundebeweger am Rheinufer. Es ist erfeulich, dass die meisten Flohschleudern mittlerweile an der Kontrollkordel geführt werden und nicht mehr mit Spaziergängern und Radfahrern spielen können.
Gestern nachmittags zum ersten Mal draussen auf den Rheinwiesen zum lichtbildnern. Auch analog, also mit echtem Film wie früher. Dies verlangt fernmündlich ebenso freundlich wie nachdrücklich der geschätzte Herr Pappenheimer. Die belichteten Negativfilme sollen beim gemeinsamen Absingen von Weihnachtsliedern im Regenwald fachgerecht entwickelt werden. Es handelt sich selbstredend um Schwarzweissfilme. Wie früher halt.
Noch immer so gut wie früher schmecken auch die Lebkuchen. Verkauf im winters geschlossenen Eiscafé. Eine Sendung ist per fliegendem Kurier unterwegs auf den Schwarzen Berg. Die Orthodoxen dort feiern Weihnachten anders und obwohl die verehrte Frau Waas alle möglichen Waren in ihrem Kaufladen führt, Lebkuchen sind dort nicht auftreibbar.
Fast wäre es dem Bembel an den Hals gegangen. Die Zehn Gebote bestehen aus 279 Wörtern, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung aus 300 Wörten und die EU Verordnung für den Import von Karamelbonbons aus 25911 Wörtern (cit. nach Düringer). Dennoch bin ich überzeugter Europäer. Aber wenns um den Bembel geht, bin und bleibe ich Hesse. Aber dieser Behördenelch ist ja nochmal an uns vorübergegangen.

Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich ein schönbuntes Herbstwochenende und einen würzigen Lebkuchen obendrein.

(Wie immer: Foto anklicken – gross gugge)