Tagauf Tagab

Sommer und Herbst scheinen sich zu vermählen. Blauhimmel und sieben Sonnenschwestern im Verein mit vorsichtig sich färbenden Blättern. Es ist zu prächtig. Von Bear Family Records, der grandiosen Plattenfirma ist eine famose Box im Briefkasten gelandet. Fünfzehn Scheiben klingende Musikgeschichte, die einen eigenen Beitrag verdient hätte. Verschiedene Musikalartisten: Street Corner Symphonies. The Complete Story of Doo Wop 1939 – 1963…

Der frühmorgendliche Blick vom Winzballkönchen der Dunkelkammer. Nebelverhangen kündigt sich der Herbst an. Aber durch den Dunst kann man die Schönheit des erwachenden Tages bereits erahnen. Links hinter der schwarzgoldenen Silhouette der Bergkette steigt die Sonne über die albanischen Gipfel. Rechts verzieht sich die blasse Gelbglatze des vollen Mondes hinter dem Rumlja Gebirge in die Adria abwärts.
Die Stadt ist noch still um halb sieben Uhr morgens. Ich rette mir meine Gesundheit auf dem Zebrastreifen durch einen kühnen Sprung zur Seite. Der Fahrer hat wichtigeres zu erledigen mit seiner elektronischen Handfessel als auf Fussgänger zu achten. Zum Frühstück auf gut gebuttertem, knusprig frischem Brot besteht die frische gekochte Schwarzwälderkirschkonfitüre ihre Geschmacksprobe.
Ich kann die ewigen Plastiktüten auf dem Schwarzen Berg nur mehr schlecht ab. Selbst kleinste Einkäufe werden es in einer Plastiktüte über die Theke gereicht. Mein ständig wiederholter Satz, ich brauche keine Tüte, ruft regelmässig Unverständnis hervor.
Volker Pispers ist mein liebster Kabarettist. Sein 2014er Programm geht mir seit Tagen nicht aus dem Kopf. Ich kann von Jahr zu Jahr weniger über seine Darbietung lachen. Der Mann ist einfach zu gut. Der trifft den Nerv so exakt, dass mir zunehmend das Lachen im Hals stecken bleibt.
Auf dem Weg zum Markt zweimal gerade noch Fussgängern ausweichen. Manche Menschen scheinen aus schierer Dumpfheit auf ihrem Trampeltrott zu bestehen. Wem ist damit geholfen. Nein, vielen Dank, ich habe schon eine Tüte. Unverständnis wie gehabt. Die Frau mit den Kartoffeln will sich garnicht einkriegen vor Lachen, sie kanns nicht glauben. Ein neues Erlebnis. Im Obergeschoss des Marktes will ich noch rasch sehen, ob es passende Sportschuhe gibt. Es gibt Modelle in grellleuchtenden Farben, Markentreter, die aussehen wie Kopien.
Dabei gibt es inzwischen doch gar keine Markenkopien mehr. Klar, wer für die dazu erklärten Originale ein Vielfaches zahlen möchte, der darf das gerne tun. Für die Hersteller ist es wichtig an den Märkten präsent zu sein. Was zählt dabei Original oder Kopie. Hauptsache marktpräsent sein.
Regale mit UrbanCityCasualTretern, aber keine passenden Schuhe für den schnellen Lauf. Bequem muss die Bekleidung sein, dann spürt man die sozialen Fesseln weniger.
Und die Menschen bezahlen in den Boutiquen viel Geld für zerrissene Hosen. So weit sind wir bereits mit den Vorübungen zur neuen Armut. Die Kinder dieser Leute werden so schon auf den zukünftigen Anblick des zerlumpten Mittelschichtsproletariats trainiert. Konsumhamsterchen bleib´ in deinem Rädchen.
Die neuesten Massnahmen zur Belebung des Arbeitsmarktes werden positiv aufgenommen. Wahrscheinlich von den Arbeitsplatzbesitzern, die nun noch weniger für den Rohstoff Arbeitskraft bezahlen müssen. Und die Entsorgung verbrauchter Arbeitskräfte ist weiter erleichtert worden, die bezahlen sowieso die Anderen. Damit lästige Fragen dazu unterbleiben, schnell noch die Nachricht vom Ebolahund nachreichen. Weil das doch so wichtig ist. Hundeliebhaber starten umgehend eine Protestaktion im Internet. Wen interessiert da noch die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Dann doch lieber einmal die BILD-Dung: der Glücksatlas zeigt, wo Deutschlands glücklichste Menschen wohnen. Jetzt braucht mir bloss noch einer zu sagen, dass die Renten sicher seien.
Ich gehe noch eine Standreihe weiter dorthin, wo es die frischeste Petersilie gibt. Als ich die Markthalle verlasse ruft mir Kartoffelfrau winkend entgegen: Keine Tüte! Das herzhaft schallende Lachen aus dem zahnlosen Mund rettet mir den Tag.

(Foto anklicken – hilft beim Aufwachen)

Bergauf bergab

Das überlautstarke Grillengerezzel im Park nebenan überdämpft aufs lebhafteste: Kultur Shock – Ministry of Kultur (2011)…

Pünktlich am Treffpunkt. Ein italienischer Freund. Eine Kundin von Frau Waas. Frau Waas und der Chronist des denkwürdigen doch schönen Wochenendes. Wir fahren in den Durmitor Nationalpark. Dort wollen wir unseren Begleiter treffen und einige andere Bekannte, die am nächsten zu früher Stunde auf den Bobotov Kuk gehen wollen. Der Begleiter informiert darüber, dass wir alles ganz gelassen angehen werden. Auf gezielte Rückfragen Unerfahrener versichert er, dass auch Familien mit Kindern…
In mir schrillen schlagartig die Alarmglocken. Ich bin einmal im südamerikanischen Regenwald verloren gegangen und seitdem traue ich in schwierigem Gelände nur mir selbst. Familienwandertag in 2500 Metern Höhe. Das ist hochalpines Wandern bitte sehr.
Die belgische Pfadfindergruppe, wohlgemut singend&klampfend, wird auch mitgehen. Unser Begleiter hat sie am Nachmittag im nahen Städtchen Žabljak getroffen und kurzerhand eingeladen. Als im Spiel Deutschland gegen Frankreich in der 90. Minute und somit vor der Verlängerung der Fernseh den Geist aufgibt, nehme ich dies als Zeichen und beschliesse, besonders vorsichtig zu sein. Als die Sonne untergeht wird es sofort unangenehm kalt. Aber es ist sowieso Zeit sich bettwärts abzulegen.
Am nächsten Morgen treffen wir uns um halb Sieben, verteilen uns auf die Fahrzeuge und brechen auf. Am Ausgangspunkt der Tour bildet sich eine viel zu lange Schlange. Wir wollen zusammenbleiben. Der Begleiter ist guter Dinge und spricht von Tim Bilding. Na prima! Nach einer halben Stunde bereits haben sich viele unterschiedlichen Tims gebildet. Der Weg ist erdig und gut ausgetreten Aber es ist schwierig auf Kalkstein zu laufen. Und auf dem gehen wir bald stetig bergauf.
Die Gesteinsformationen werden zunehmend bizarrer. Und der Weg ist mittlerweile nurmehr als leichte braune Spur auf dem Geröll zu erkennen. Die Wegzeichen sind allerdings perfekt. Die Gefahr, sich zu verlaufen besteht kaum, aber ein ungünstiger Ausrutscher kann fatale Folgen haben. Die Steine haben teilweise messerscharfe Kanten. Schlecht zum Greifen. Die schönen Beine einiger belgischer Pfadfinderinnen haben sich nach zwei Stunden bedenklich verdunkelt. Immer steiler bergauf. Mein Hemd ist packnass am Rücken. Vom Begleiter ist nichts mehr zu sehen. Unsere Zehnergruppe hat sich in den steilen Hängen wundersam aufgelöst.
Ich kapiere, welche Schwachmaten das sein müssen, die an jedem Wochenende mit dem Hubschrauber irgendwo in den Alpen gerettet werden müssen. Amerikanische Leinenturnstiefelchen sehen nach einigen Kilometern auf dem scharfen Gestein erbärmlich aus  Und mit kurzen Höschen und knappem Unterhemd ist die Grenze der Dummheit überschritten.
Endlich nach knapp drei Stunden erreichen wir den Sattel etwa achtzig bis hundert Meter unter dem eigentlichen Gipfel. Wasser trinken, etwas essen. Die Aktivisten sind sofort durchgestartet. Eine dreiviertel Stunde noch bis auf den Gipfel. Und dann wieder zurück zu den Fahrzeugen.
In der Pause unsere Timbesprechung. Frau Waas, der italienische Freund A. und ich. Verstand und Team(!)geist behalten die Oberhand. „Die Abschied ist leicht doch der Rückweg ist dunkel und weit“ //(cit. frei nach Witthüser & Westrupp). Die letzten Meter zum Gipfel sind überaus schlüpfrig und gefährlich. Nirgends gesichert, weder Halteseil noch Steinschlagwarnung. Einer springt auf Zuschrei torwartparadenmässig seitwärts auf einen Schneeplacken. Glück gehabt, das Trumm von einem Stein hätte ihn glatt erwischt.
Der Rückweg wird zur Herausforderung für die Oberschenkelmuskulatur. Und der Weg nach unten zurück zieht und dehnt sich. Wir teilen unsere Kräfte ein und geniessen die Aussichten. Auch dies eine Erkenntnis: um die vielgerühmten Panoramen zu bewundern braucht es Zeit. Und die hat man beim Bergwandern kaum, da die Wege unablässig die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Überdies arbeitet der Körper auf hohen Touren, sodass man nicht rasch zur Ruhe kommt. Trotzdem haben wir unseren Spass und timbilden obendrein. Ärgerlich wie gehabt der Restmüll in der Natur. Es war nicht viel, dennoch fallen mir spontan die Vollpfosten am Himalaya ein, die mittlerweile alles zugemüllt haben, diese Obernaturliebhaber, denen alles egal ist wenn nur die Egogeschwulst kräftig wuchert.
Zurück in der Herberge erstmal einzweidrei Bierchen und eine erfrischende Dusche. Ein Anruf von anderen schwarzbergdeutschen Freunden. Die sind übers Wochenende in Žabljak und überlegen zu grillen, ein Feuerchen etwa und… Die Einladung kommt wie gerufen. Es wird spät. Leider gewinnt Holland gegen Costa Rica. Dennoch Tiefschlaf erster Qualität. Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen für die Rückfahrt. Am Strassenrand werden frische Steinpilze feilgeboten. Hausgebrannter Schnaps, Walderdbeeren und Fruchtsäfte. Drei Euro für ein Kilo Himbeeren. Wir müssen auf das Transportgewicht keine Rücksicht mehr nehmen. Ach so, eigentlich hätte ich die unsinnigste aller diesbezüglichen Standardfragen ja schon am Anfang beantworten müssen: Wir waren nicht auf dem Gipfel sondern haben uns bei der Rast auf dem Sattel entschlossen, uns die letzten Meter zu schenken.

                                                                         (Foto anklicken und gross gugge)

na gut, ich sag mal ich kanns nicht mehr hören wie ich immer zu sagen pflege

Diese Frau hat(te) mehr zu bieten als lediglich J´ taime (moi non plus): Jane Birkin – Ex Fan de Sixties (1978)…

Sollte sich hier in diesem Blog die reifere Jugend tummeln (was ich ja hoffe) erinnert sich das geneigte Publikum sicherlich noch an die Fussballweltmeisterschaft 1990. Lange bevor wir Papst wurden, gewann die deutsche Mannschaft den Coupe Jules Rimet, den Weltmeisterpokal. Der damalige Bundestrainer war der volkssprachlich sogenannte Kaiser Beckenbauer.
Da ich derlei Spektakel am Fernsehapparat verfolge, musste ich in diesem Fall auch die Interviews mitnehmen. Nichts ist umsonst. Auch im übertragenen Sinne. Nun wissen wir alle aus eigenerlebter Erfahrung, dass die aus der Masse Herausragenden im öffentlichen Leben ihre besonderen Fähigkeiten irgendwann und irgendwo erübt haben müssen. In aller Regel beginnen die so einseitig Überspezialisierten triebhaft intensiv ihre Leidenschaft bereits in zartem Alter zu vervollkommnen. Ausnahmen finden sich vielleicht bei Schlittschuhtänzerinnen oder Spindeldürrturnerinnen, die von ehrgeizzerfressenen Eltern getrieben werden.
Wenn normale Kinder oder Jugendliche fürs Leben lernen, treten Fussballspieler wahrscheinlich gegen alles was am Boden liegt oder auf sie zu geflogen kommt. Ich habe Darwin nicht konsultiert, nehme jedoch an, dass so im Lauf der Zeit wichtige Hirnfunktionen fusswärts absacken. Nichts ist perfekt und wie immer im Leben gibt es auch hier wieder Ausnahmen. Der Zahnarzt Dr. Peter Kunter beispielsweise, der legendäre Tormann der Diva aus dem Waldstadion. Nun, 1990 also der sogenannte Franz Beckenbauer.
Wurde er in Italien zwischen dem 8. Juni und 8. Juli 1990 (und danach auch noch eine ganze lange Weile) von Medienleuten befragt, leitete er seine kühl distanzierten Antworten neben einer gezieltverwirrend faserigen Körperbewegung stets mit der nebensätzlichen Floskel „Na gut, …“ ein. Im Verlauf der Weltmeisterschaft baute er diese Floskel kunstvoll elaboriert zum „Na gut, ich sag mal…“ aus. Ganz dumm isser ja nedd, der (Firle)Franz.
Einem Silbenwortsatzfreund wie mir fällt das auf. Das war in diesem Fall auch nicht schwer, da man spätestens mit dem Erreichen des Viertelfinales diesem überflüssigen Wortfüllsel nicht mehr entkommen konnte.
Das alles wäre bestenfalls ein Treppenwitz für Philologen und vergessen und vorbei. Aber so wie dieses Wortgewölle mir im Bewusstsein geblieben ist, so muss es sich bei der Mehrheit der deutschen Zeitzeugen anderswo angelagert haben. Und sich derart als Sprachvirus im Lauf des letzten Vierteljahrhunderts zu einer handfesten Volkssprachkrankheit ausgeweitet haben. Welchen Sinn hat dieses einleitende scheinbar abmildernde „Na gut,…“? Und wieso sagen Menschen, dass sie jetzt sagen werden was sie ohnehin direkt danach sagen?
Ich geniesse es seit Jahren bereits mit Fremdsprachlern deutsch zu sprechen. Die müssen gegen dieses Virus immun sein. Bewusster sprechen sie die deutsche Sprache ja auch nicht. Die sagen einfach nicht, was sie ohnehin anschliessend aussprechen. Sehr angenehm ist das.
Bei deutschen Muttersprachlern hingegen. Keine drei Sätze und schon kommts ihnen: Hallo, wie gehts? Och ganz gut, was gibts? Ich wollte dich einladen für Samstag, hast du Zeit und Lust? Oh danke – Samstag? ich sag mal, ja, da habe ich Zeit. Na gut, wenn jetzt was dazwischen kommt, ich sag mal, wir können ja nochmal telefonieren.
Ich stelle mir vor, ein Politiker zum Beispiel würde eine Handbewegung und ein Wort oder einen Wortfetzen ständig vor grossem Publikum wiederholen und damit auch unausgesetzt in den Medien präsent sein. Wie lange würde es wohl dauern, bis er einen Grossteil der Bevölkerung infiziert hätte und alle es ihm gleich täten?
Grausam das alles.
Wer von den geschätzten Besuchern, Lesern und Guggern mich nun noch aufklären kann, welche Person das noch unsäglich sinnfreiere „wie ich (immer) zu sagen pflege“ unbedacht ins Volkshirn implantiert hat, dem spendiere ich bei nächster Gelegenheit in Bembeltown einen prima Äppler im original 0,3er Gerippte.
(Schnellschuss mit der elektronischen Fingerwischhandfessel)

Flanieren in Frankfurt

Passt zum Wetter und zum Ruhigbleiben beim Posten gleichermassen: Bo Hansson – Lord of the Rings (1972)…
 
 
Der 8. März ist bekannt als Weltfrauentag. Die Diva feiert ihren 115. Geburtstag und bringt aus der Hamburger Vorstadt keine Torte mit.
Frankfurt, du kleinste Weltstadt mit dem grössten Herzen. Viel kommt zusammen hier wenn man einen Tag und die Muse hat zum Flanieren auf deinen Strassen und Plätzen. Du bist Wohnung für mehr Nationalitäten als in jeder anderen deutschen Stadt. In die Wahrnehmung mischen sich Erinnerungen zu einem farbenprächtigen Potpuree. Schillerndes Mosaik und Gefühlsgezeiten. In der Leipziger Strasse in Bockenheim erwacht das Leben. Internationales Flair in kleinstädtischem Ambiente. Die Einkaufliste vom Schwarzen Berg abzuarbeiten fällt leicht in den vielen kleinen Geschäften mit dem abwechslungsreichen Angebot. Nebenan die UniBibliothek zur Horizonterweiterung.
Von dort rüber ins Ostend. Das alte bürgerlich-jüdische Quartier südlich vom Zoo. An der Silhouette der himmelsteilwärts drohende Geldzahn der neuen EZB. Dafür haben sie dir die grandiose Grossmarkthalle weggerissen. Dort, wo man früher im Morgengrauen für kleines Geld eine Stereoanlage aus dem Kofferraum kaufen konnte. Die nachts geknackten Container im Osthafen störte das nicht. Hier wurde die koschere Rindswurst erfunden.
Die sieben frischen Kräuter für die begehrtgesunde „Grie Soss“ gibts in deiner Kleinmarkthalle in der City. Vor der Rückreise feinstgewiegt und tiefgefroren helfen sie mir auf dem Schwarzen Berg gegen meine Sehnsucht nach dir du Hosenträgerstadt. Je weiter ich mich von dir entferne umso stärker ziehst du mich an. Über deine Zeil schiebt sich schon um Mittag die Herdenmasse. Einkaufstüten baumeln zackig. Balkanmusikbelästigung vor jedem zweiten Überflüssigladen. An der Konsti verkündet der Ammiprediger die Erlösung durch die Bibel. Der fussamputierte Penner im Elektrorolli krakeelt. Die erste Stufe schräg angefahren schafft das Gefährt noch, die nächsten drei gehts im Sturzflug. Besinnungslos. Die Sanitäter helfen rasch und routiniert. Er kommt zu sich, reisst die lebensrettende Kanüle raus und geifert den Helfern seine bösen Flüche vor die Füsse. Hier steht das Publikum und guggt, unbeeindruckt vom Gebabbel des Sabbelpredigers daneben. Zwanzig Minuten später bleibt nur ein Blutfleck zurück.
Du schnelle Stadt. Schnelles Leben schnelles Geld. Von fast jeder Stelle aus kann ich deine faszinierende Skyline sehen, die einzige in diesem Land, die den Namen verdient. Banken und Versicherungen. Jetzt haben ihre Insassen Mittagsfreigang in der City. Fastfoodfresser mit lässigarroganten Sprüchen fetzenweise im Vorbeigehn aufgeschnappt. Zum Kotzen wie der Frass in ihren dürren Klammerfingern. Leid tut mir nicht der Penner, leid tun mir nicht die Schicksen im Hosenanzug. An der Farbe der Stoffe erkennt man die Institutszugehörigkeit. Uniformiertes Wachstumsdenken. Ohne Arsch in der Hose und mit vierzig ausgelaugt und  ausgesondert. Abgelegt. Flachgelegt zwischendurch. Ärzte raten den Eltern, kleine Kinder auf den Rücken zu legen. Aufs Kreuz werden sie später ohnehin gelegt. Spitze Ellenbogen. Vor denen warnte mich meine Urgrossmutter. „Wennde der mal e Mädsche suchst, gugg, dass se kaa spitze Ellebooche hat. Die tauge alle nix“. Die grundlegenden Weisheiten kommen oft sehr schlicht daher.
Pass bloss auf, du gute Stadt, dass dieses Aufblaspack nicht über dich kommt wie der 22. März 1944. Im grössten erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern Deutschlands brannten an einem einzigen Tag über tausend Fachwerkhäuser nieder, nur das Haus Wertheym überstand den Feuersturm. Aber ich weiss, dass du auch dies Gelichter überstehen wirst, du alte freie Kaiserstadt. Links in der Brönnerstrasse der ehemalige Sinkkasten. Dort bliess uns Rory Gallagher mit seiner abgescheuerten Stratocaster und dem kleinen Vox AC30 die Ohren weg vor Jahrzehnten und wir Vorstadtbuben versanken offenmundig in Bewunderung. Auch Peter Hammills Geburtstagsauftritt am 5.11.1982 dort bleibt unvergessen. Jetzt heisst der Laden wieder Zoom und weckt noch ganz andere Erinnerungen. Vorbei. Vorbei am Römerberg und rüber über den Eisernen Steg nach Sachsenhausen. Kaum ein Frankfurter Tatort kommt aus ohne den Eisernen Steg.
Auf „der falschen Seite“ des Mains gibts noch ein Antiquariat, das seinen Namen verdient. Die reinste Verführung zwischen zwei Buchdeckeln. Drüben in Bockenheim rund um die alte Universität sind fast alle Bouquinisten verschwunden. Es ist Nachmittag inzwischen, der innere Ruf nach einem Äppler lässt sich nicht mehr übermerken. Wegweiser gibt es hier im Strassenpflaster. Bedauerlicherweise wird bei „Zu den drei Steubern“ erst morgen „widder gezappt“. So verkündet es der Aufkleber am Rolladen.
Aber du bist eine freundliche Stadt, du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde und schenkest mir voll ein. So sprach zu mir schon mein Konfirmationspfarrer, den sie wegen seiner Auffassung von Religiosität strafversetzten aus Lummerland in die Nordweststadt. Mein GOtt das ist schon so lange her. 
Die elektronische Fingerwischhandfessel gibt Laut. König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte meldet sich spontan. Wir treffen uns an deinem Nabel und lassen  diesen überaus gelungenen Tag „Im blauen Bock“ in Bornheim ausklingen. Wäre ich Unruheständler würde ich als Gästeführer, du einmalige Stadt, mein Lied singen auf dich Bewundernswerte und gegen die landläufig irrigen Vorstellungen von dir.
 
    (Bildermix aus dem Herzen. Mit Kamera und Fingerwischhandfessel wies gerade kam)

 

Allen Besuchern, Guggern und Lesern wünsche ich ein gediegenes Wochenende. Dass die Links in verschiedenen Farben daherkommen liegt an Blogger, nicht am Blogger…

Puhhh Putengeschäfte auch Winterolympiade genannt

In Dauerrotation: Tinariwen –  Emmaar (2014) was sonst… und zur Abwechslung hin und wieder auch das John Butler Trio –  Flesh and Blood (2014)…

Ski ist der kleine Herr Ärmel schon gelaufen, da war der russische Puter noch nicht mal KGB-Chef von Dresden.


Gut, ich habs nie zum Diktator und Verfolger gegen Andersdenkende, Schwule, Lesben, Punker und normale Menschen gebracht und habe mir auch für 47 Milliarden keine Olympiade mit Sportstatisten aus aller Welt (afrikanische Länder sind wohl nicht vertreten?) leisten können. Ich könnte nicht mal das IOC so hinreichend schmieren, dass die Fettfunktionärssäcke mir in Lummerland oder auf dem Schwarzen Berg eine derartige Monsterdopeshow wohlwollend genehmigen. Wie auch, denn der aufgeblusterte Puter ist der Supersportler schlechthin, Meister aller Klassen und Kassen, wie ich heute von der „Zeit – online“ erfahren habe.
Aber ich will ihn nicht schlechtreden in Sachen Sport. Haben wir doch selbst schwarze Meistersportnasen genug. Spontan fallen mir da der bayerische Spekulationsdillettant und Steuerbetrüger Hoeness ein und natürlich der nach Kitzbühel ausgewanderte Steuersparkaiser Beckenbauer. Der will für die kommende WM 2022 in Abu Dhabi keine „Kettensklaven“ als mies unterbezahlte, rechtlose Arbeiter auf den zukünftigen Arenen dortselbst gesehen haben. Dabei weiss der doch garnicht was Sklaven sind. Wie auch, als andere Kinder in der Schule was gelernt und nachmittags ihre Schulaufgaben gemacht haben, hat er in einem Münchner Hinterhof gegen den Ball getreten. Immer wieder und sonst garnichts. Nun, bis elf wird er schon zählen können nach dem 11:1 Sieg gegen Borussia Dortmund am 27.11.1971. Vielleicht beherrscht er ja sogar die Grundlagen der Bruchrechnung im Gegensatz zu dem kölner Boxer Peter „dä Aap“ (Kölsch: der Affe) Müller. Dem bot man für einen Kampf als Provision ein Viertel der Einnahmen an, worauf der Affe schrie: „Ihr wollt mich wohl bescheissen, ich will ein Fünftel“. Sportler sein ist nicht einfach. Stellen die Ferrariträumer eigentlich noch immer Blumen und kleine Modellferraris vorm Krankenhaus von unserm Mischael auf, oder gibts den schon garnicht mehr? Scheint jedenfalls fast niemand mehr zu interessieren.
Jeder wie er kann, sagte die Urgrossmutter des kleinen Herrn Ärmel immer. Ich laufe seit Jahren nicht mehr Ski. Mir tun die missbrauchten Berge leid. Jeder wie er kann. Oder meint zu müssen. Wieso kreuzt ausgerechnet jetzt der Boris meine Gedanken – Jelzin oder Becker, irgendwas ist ja immer.

Ich wünsche allen Lesern und Besuchern ein fröhlichschönes Wochenende.

Ikonen langfristig

Wenn schon sentimental, dann auch aus einem alten Weihnachts-Vierteiler:
Vladimir Cosma – Die Abenteuer des David Balfour (Soundtrack 1978) …
 
Wenigstens auf Ikonen ist Verlass. Denke ich zumindest und schaue mir einen der legendären Weihnachtsvierteiler an. Lederstrumpf. Vom ZDF ausgestrahlt 1969. Mein lieber Herr Gesangsverein wie kommt das heute langatmig daher. Ich denke, dass man anno dunnemals noch mehr Zeit zum erzählen gehabt haben muss. Spannung durch die Stimme aus dem Off statt möglichst lauter oder blutrünstiger Szenen. Nach ungefähr 35 Minuten schaltete ich enttäuscht weg, das ist selbst mir Gugger zu lahm. Neuer Versuch: Die Schatzinsel. Erstsendung an Weihnachten 1971. Ich erinnere mich noch, wenn auch nebelhaft verschwommen an einzelne Akteure, besonders natürlich an John Silver den einbeinigen Koch und Bösewicht. Bereits in der zweiten der vier Folgen passiert es dann. Die Stimme aus dem Off verkündet: „Die Hispaniola lief am Montag, dem 2. Mai 1758 aus dem Hafen in Bristol aus.“ Diese Angabe ist falsch wie ich feststellen muss, denn mein Kalender weist für den 2. Mai 1758 einen Dienstag aus. Bei Literatur vertraue ich meinen Nachschlagewerken. Besser ist das bei Schriftstellern.
Auf der Suche nach was Zuverlässigem stosse ich auf ein Hollywood Remake des japanischen Klassikers von Akira Kurosawa „Yojimbo“. Last Man Standing mit Bruce Willis. Ich schaue eigentlich seit Jahren schon nichts mehr von den durchsichtigen Zeitdieben aus Hollywood an, die doch nur die verlängerten Bilderlieferanten für die Ziele und Zwecke der us-amerikanischen Innen- und Aussenpolitik sind. Nach 15 Minuten sehe ich bereits durch den Screen hindurch wie sich der von mir geschätzte Kurosawa-san wirbelwindig im Grabe umdreht. Da der Abend bildmässig eh verloren ist, beschliesse ich noch die Minuten bis zur Hälfte des Machwerks dranzuhängen, ohne Ton versteht sich. Es macht immer wieder Spass, mit der Uhr in der Hand us-amerikanische Filme anzusehen. Die sind nämlich zu annähernd 90% nach dem Freytag´schen Fünfaktschema (Exposition – erregender Moment – Peripethie – Retardation – Lösung)  gedreht. Als würde trotz der bewegten Bilder die Zeit stillstehen seit hunderten von Jahren, folgen die meisten Ammifilme dieser schlichten Regel. Nach ungefähr 45 Minuten, also in der Mitte ist dann mit schöner Regelmässigkeit der Höhepunkt der Handlung (Peripethie). In diesem Brutalostreifen stimmts sogar fast auf die Sekunde – Originalzitat: „Ich vertraue schon seit langer Zeit nur meinem Instinkt. Und jetzt hören Sie ganz genau zu, denn jetzt kommt der springende Punkt: In dieser Stadt ist alles ausser Kontrolle geraten. Zwei Banden sind einfach eine zuviel. Ich bin kein Idealist, ich weiss, dass viele Dinge, die Menschen tun, schrecklich gemein sind. Aber das ist eine Sache zwischen denen und Gott. Glauben Sie an Gott? Ich glaube an Gott, Junge, und deshalb geht es mir darum, das Übel in Schach zu halten.“
Im Prinzip ist dieser Satz ein kulturelles Glaubensbekenntnis der Menschen jenseits des grossen Wassers. Und eigentlich könnten selbst internationale Verträge, an denen sie beteiligt sind durchaus den gleichen Text haben. Die Auswirkungen erleiden Menschen weltweit tagtäglich. 
Wie gut, dass es noch Ikonen gibt, auf die Verlass ist.